Die »Praktiker« aller Richtungen sahen zwar das Heraufkommen ganz neuer

Menschheitsforderungen seit langer Zeit. Aber sie wollten diesen

Forderungen innerhalb des Rahmens altüberlieferter Denkgewohnheiten und

Einrichtungen gerecht werden. Das Wirtschaftsleben der neueren Zeit hat die

Forderungen hervorgebracht. Ihre Befriedigung auf dem Wege privater

Initiative schien unmöglich. Überleitung des privaten Arbeitens in

gesellschaftliches drängte sich der einen Menschenklasse _auf einzelnen

Gebieten_ als notwendig auf; und sie wurde verwirklicht da, wo es dieser

Menschenklasse nach ihrer Lebensanschauung als ersprießlich erschien.

Radikale Überführung _aller_ Einzelarbeit in gesellschaftliche wurde das

Ziel einer anderen Klasse, die durch die Entwicklung des neuen

Wirtschaftslebens an der Erhaltung der überkommenen Privatziele kein

Interesse hat.

Allen Bestrebungen, die bisher in Anbetracht der neueren

Menschheitsforderungen hervorgetreten sind, liegt ein Gemeinsames

zugrunde. Sie drängen nach Vergesellschaftung des Privaten und rechnen

dabei auf die Übernahme des letzteren durch die Gemeinschaften (Staat,

Kommune), die aus Voraussetzungen stammen, welche nichts mit den neuen

Forderungen zu tun haben. Oder auch, man rechnet mit neueren Gemeinschaften

(z. B. Genossenschaften), die nicht voll im Sinne dieser neuen Forderungen

entstanden sind, sondern die aus überlieferten Denkgewohnheiten heraus den

alten Formen nachgebildet sind.

Die Wahrheit ist, daß keine im Sinne dieser alten Denkgewohnheiten

gebildete Gemeinschaft aufnehmen kann, was man von ihr aufgenommen wissen

will. Die Kräfte der Zeit drängen nach der Erkenntnis einer sozialen

Struktur der Menschheit, die ganz anderes ins Auge faßt, als was heute

gemeiniglich ins Auge gefaßt wird. Die sozialen Gemeinschaften haben sich

bisher zum größten Teil aus den sozialen Instinkten der Menschheit

gebildet. Ihre Kräfte mit vollem Bewußtsein zu durchdringen, wird Aufgabe

der Zeit.

Der soziale Organismus ist gegliedert wie der natürliche. Und wie der

natürliche Organismus das Denken durch den Kopf und nicht durch die Lunge

besorgen muß, so ist dem sozialen Organismus die Gliederung in Systeme

notwendig, von denen keines die Aufgabe des anderen übernehmen kann, jedes

aber unter Wahrung seiner Selbständigkeit mit den anderen zusammenwirken

muß.

Das wirtschaftliche Leben kann nur gedeihen, wenn es als selbständiges

Glied des sozialen Organismus nach seinen eigenen Kräften und Gesetzen sich

ausbildet, und wenn es nicht dadurch Verwirrung in sein Gefüge bringt, daß

es sich von einem anderen Gliede des sozialen Organismus, dem politisch

wirksamen, aufsaugen läßt. Dieses politisch wirksame Glied muß vielmehr in

voller Selbständigkeit neben dem wirtschaftlichen bestehen, wie im

natürlichen Organismus das Atmungssystem neben dem Kopfsystem. Ihr

heilsames Zusammenwirken kann nicht dadurch erreicht werden, daß beide

Glieder von einem einzigen Gesetzgebungs- und Verwaltungsorgan aus versorgt

werden, sondern daß jedes seine eigene Gesetzgebung und Verwaltung hat, die

lebendig zusammenwirken. Denn das politische System muß die Wirtschaft

vernichten, wenn es sie übernehmen will; und das wirtschaftliche System

verliert seine Lebenskräfte, wenn es politisch werden will.

Zu diesen beiden Gliedern des sozialen Organismus muß in voller

Selbständigkeit und aus seinen eigenen Lebensmöglichkeiten heraus gebildet

ein drittes treten: das der geistigen Produktion, zu dem auch der geistige

Anteil der beiden anderen Gebiete gehört, der ihnen von dem mit eigener

gesetzmäßiger Regelung und Verwaltung ausgestatteten dritten Gliede

überliefert werden muß, der aber nicht von ihnen verwaltet und anders

beeinflußt werden kann, als die nebeneinander bestehenden Gliedorganismen

eines natürlichen Gesamtorganismus sich gegenseitig beeinflussen.

Man kann schon heute das hier über die Notwendigkeiten des sozialen

Organismus Gesagte in allen Einzelheiten vollwissenschaftlich begründen und

ausbauen. In diesen Ausführungen können nur die Richtlinien hingestellt

werden, für alle diejenigen, welche diesen Notwendigkeiten nachgehen

wollen.

Die deutsche Reichsgründung fiel in eine Zeit, in der diese Notwendigkeiten

an die neuere Menschheit herantraten. Seine Verwaltung hat nicht

verstanden, dem Reich eine Aufgabe zu stellen durch den Blick auf diese

Notwendigkeiten. Dieser Blick hätte ihm nicht nur das rechte innere Gefüge

gegeben; er hätte seiner äußeren Politik auch eine berechtigte Richtung

verliehen. Mit einer solchen Politik hätte das deutsche Volk mit den

außerdeutschen Völkern zusammenleben können.

Nun müßte aus dem Unglück die Einsicht reifen. Man müßte den Willen zum

möglichen sozialen Organismus entwickeln. Nicht ein Deutschland, das nicht

mehr da ist, müßte der Außenwelt gegenübertreten, sondern ein _geistiges,

politisches und wirtschaftliches_ System in ihren Vertretern müßten als

selbständige Delegationen mit denen verhandeln wollen, von denen _das_

Deutschland niedergeworfen worden ist, das sich durch die Verwirrung der

drei Systeme zu einem unmöglichen sozialen Gebilde gemacht hat.

Man hört im Geiste die Praktiker, welche über die Kompliziertheit des hier

Gesagten sich ergehen, die unbequem finden, über das Zusammenwirken dreier

Körperschaften auch nur zu denken, weil sie nichts von den wirklichen

Forderungen des Lebens wissen mögen, sondern alles nach den bequemen

Forderungen _ihres_ Denkens gestalten wollen. Ihnen muß klar werden:

entweder man wird sich bequemen, mit seinem Denken den Anforderungen der

Wirklichkeit sich zu fügen, oder man wird vom Unglücke nichts gelernt

haben, sondern das herbeigeführte durch weiter entstehendes ins Unbegrenzte

vermehren.

#Dr. Rudolf Steiner.#

Anmerkungen zur Transkription

S. 5: "diese oder jene Einrichtungen" wurde geändert in

"diese oder jene Einrichtung"

S. 10: "mit dem ihm möglichen Antei "

wurde geändert in

"mit dem ihm möglichen Anteil"

S. 11: "und hrem Interesse heraus"

wurde geändert in

"und ihrem Interesse heraus"

S. 51: "die in dem vom Warenaustausch ganz abhängigen Verhältnis"

wurde geändert in

"die in dem vom Warenaustausch ganz unabhängigen Verhältnis"

S. 53: "Daß aber die geschicht ichen" wurde geändert in

"Daß aber die geschichtlichen"

S. 55, Fußnote 6: "von der Wirschaftsordnung" wurde geändert in

"von der Wirtschaftsordnung"

S. 88: "durch die aus freiem Verständnis für sie erfolgenden Vergütung"

wurde geändert in

"durch die aus freiem Verständnis für sie erfolgende Vergütung"

S. 88: "daß nach den allgemeinen W rtschaftsverhältnissen"

wurde geändert in

"daß nach den allgemeinen Wirtschaftsverhältnissen"

S. 97: "daß es der zugrunde liegenden Denkungsart" wurde geändert in

"daß es bei der zugrunde liegenden Denkungsart"

S. 99, Fußnote 9: "die Wirklichkeit des Lebens nach diesem"

wurde geändert in

"die Wirklichkeit des Lebens nach diesen"

S. 106: "Brest-Litowks" wurde geändert in "Brest-Litowsk"

Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft · 第 11 / 11 段