Bedeutung dieser drei Ideale erst zutage tritt durch das Durchschauen der
notwendigen Dreigliederung des sozialen Organismus. Die drei Glieder sollen
nicht in einer abstrakten, theoretischen Reichstags- oder sonstigen Einheit
zusammengefügt und zentralisiert sein. Sie sollen lebendige Wirklichkeit
sein. Ein jedes der drei sozialen Glieder soll in sich zentralisiert sein;
und durch ihr lebendiges Nebeneinander- und Zusammenwirken kann erst die
Einheit des sozialen Gesamtorganismus entstehen. Im wirklichen Leben wirkt
eben das scheinbar Widerspruchsvolle zu einer Einheit zusammen. Daher wird
man zu einer Erfassung des Lebens des sozialen Organismus kommen, wenn man
imstande ist, die wirklichkeitsgemäße Gestaltung dieses sozialen Organismus
mit Bezug auf Brüderlichkeit, Gleichheit und Freiheit zu durchschauen. Dann
wird man erkennen, daß das Zusammenwirken der Menschen im
_Wirtschaftsleben_ auf derjenigen Brüderlichkeit ruhen muß, die aus den
Assoziationen heraus ersteht. In dem zweiten Gliede, in dem System des
_öffentlichen Rechts_, wo man es zu tun hat mit dem rein menschlichen
Verhältnis von Person zu Person, hat man zu erstreben die Verwirklichung
der Idee der Gleichheit. Und auf dem _geistigen Gebiete_, das in relativer
Selbständigkeit im sozialen Organismus steht, hat man es zu tun mit der
Verwirklichung des Impulses der Freiheit. So angesehen, zeigen diese drei
Ideale ihren Wirklichkeitswert. Sie können sich nicht in einem chaotischen
sozialen Leben realisieren, sondern nur in dem gesunden dreigliedrigen
sozialen Organismus. Nicht ein abstrakt zentralisiertes Sozialgebilde kann
durcheinander die Ideale der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit
verwirklichen, sondern jedes der drei Glieder des sozialen Organismus kann
aus einem dieser Impulse seine Kraft schöpfen. Und es wird dann in
fruchtbarer Art mit den andern Gliedern zusammenwirken können.
Diejenigen Menschen, welche am Ende des 18. Jahrhunderts die Forderung nach
Verwirklichung der drei Ideen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit
erhoben haben, und auch diejenigen, welche sie später wiederholt haben, sie
konnten dunkel empfinden, wohin die Entwicklungskräfte der neueren
Menschheit weisen. Aber sie haben damit zugleich nicht den Glauben an den
Einheitsstaat überwunden. Für diesen bedeuten ihre Ideen etwas
Widerspruchsvolles. Sie bekannten sich zu dem Widersprechenden, weil in den
unterbewußten Tiefen ihres Seelenlebens der Drang nach der Dreigliederung
des sozialen Organismus wirkte, in dem die Dreiheit ihrer Ideen erst zu
einer höheren Einheit werden kann. Die Entwicklungskräfte, die in dem
Werden der neueren Menschheit nach dieser Dreigliederung hindrängen, zum
bewußten sozialen Wollen zu machen, das fordern die deutlich sprechenden
sozialen _Tatsachen_ der Gegenwart.
III. Kapitalismus und soziale Ideen
(Kapital, Menschenarbeit)
Man kann nicht zu einem Urteile darüber kommen, welche Handlungsweise auf
sozialem Gebiete gegenwärtig durch die laut sprechenden Tatsachen gefordert
wird, wenn man nicht den Willen hat, dieses Urteil bestimmen zu lassen von
einer Einsicht in die Grundkräfte des sozialen Organismus. Der Versuch,
eine solche Einsicht zu gewinnen, liegt der hier vorangehenden Darstellung
zugrunde. Mit Maßnahmen, die sich nur auf ein Urteil stützen, das aus einem
eng umgrenzten Beobachtungskreis gewonnen ist, kann man heute etwas
Fruchtbares nicht bewirken. Die Tatsachen, welche aus der sozialen Bewegung
herausgewachsen sind, offenbaren Störungen in den Grundlagen des sozialen
Organismus, und keineswegs solche, die nur an der Oberfläche vorhanden
sind. Ihnen gegenüber ist notwendig, auch zu Einsichten zu kommen, die bis
zu den Grundlagen vordringen.
Spricht man heute von Kapital und Kapitalismus, so weist man auf das hin,
worin die proletarische Menschheit die Ursachen ihrer Bedrückung sucht. Zu
einem fruchtbaren Urteil über die Art, wie das Kapital fördernd oder
hemmend in den Kreisläufen des sozialen Organismus wirkt, kann man aber nur
kommen, wenn man durchschaut, wie die individuellen Fähigkeiten der
Menschen, wie die Rechtsbildung und wie die Kräfte des Wirtschaftslebens
das Kapital erzeugen und verbrauchen. -- Spricht man von der
Menschenarbeit, so deutet man auf das, was mit der Naturgrundlage der
Wirtschaft und dem Kapital zusammen die wirtschaftlichen Werte schafft und
an dem der Arbeiter zum Bewußtsein seiner sozialen Lage kommt. Ein Urteil
darüber, wie diese Menschenarbeit in den sozialen Organismus hineingestellt
sein muß, um in dem Arbeitenden die Empfindung von seiner Menschenwürde
nicht zu stören, ergibt sich nur, wenn man das Verhältnis ins Auge fassen
will, welches Menschenarbeit zur Entfaltung der individuellen Fähigkeiten
einerseits und zum Rechtsbewußtsein anderseits hat.
Man fragt gegenwärtig mit Recht, was zu _allernächst_ zu tun ist, um den in
der sozialen Bewegung auftretenden Forderungen gerecht zu werden. Man wird
auch das _Allernächste_ nicht in fruchtbarer Art vollbringen können, wenn
man nicht _weiß_, welches Verhältnis das zu Vollbringende zu den Grundlagen
des gesunden sozialen Organismus haben soll. Und weiß man dieses, dann wird
man an dem Platze, an den man gestellt ist, oder an den man sich zu stellen
vermag, die Aufgaben finden können, die sich aus den Tatsachen heraus
ergeben. Der Gewinnung einer Einsicht, auf die hier gedeutet wird, stellt
sich, das unbefangene Urteil beirrend, gegenüber, was im Laufe langer Zeit
aus menschlichem Wollen in soziale Einrichtungen übergegangen ist. Man hat
sich in die Einrichtungen so eingelebt, daß man aus ihnen heraus sich
Ansichten gebildet hat über dasjenige, was von ihnen zu erhalten, was zu
verändern ist. Man richtet sich in Gedanken nach den Tatsachen, die doch
der Gedanke beherrschen soll. Notwendig ist aber heute, zu sehen, daß man
nicht anders ein den Tatsachen gewachsenes Urteil gewinnen kann als durch
Zurückgehen zu den _Urgedanken_, die allen sozialen Einrichtungen zugrunde
liegen.
Wenn nicht rechte Quellen vorhanden sind, aus denen die Kräfte, welche in
diesen Urgedanken liegen, immer von neuem dem sozialen Organismus
zufließen, dann nehmen die Einrichtungen Formen an, die nicht
lebenfördernd, sondern lebenhemmend sind. In den instinktiven Impulsen der
Menschen aber leben mehr oder weniger unbewußt die Urgedanken fort, auch
wenn die vollbewußten Gedanken in die Irre gehen und lebenhemmende
Tatsachen schaffen, oder schon geschaffen haben. Und diese Urgedanken, die
einer lebenhemmenden Tatsachenwelt gegenüber chaotisch sich äußern, sind
es, die offenbar oder verhüllt in den revolutionären Erschütterungen des
sozialen Organismus zutage treten. Diese Erschütterungen werden nur dann
nicht eintreten, wenn der soziale Organismus in der Art gestaltet ist, daß
in ihm jederzeit die Neigung vorhanden sein kann, zu beobachten, wo eine
Abweichung von den durch die Urgedanken vorgezeichneten Einrichtungen sich
bildet, und wo zugleich die Möglichkeit besteht, dieser Abweichung
entgegenzuarbeiten, ehe sie eine verhängnistragende Stärke gewonnen hat.
In unsern Tagen sind in weitem Umfange des Menschenlebens die Abweichungen
von den durch die Urgedanken geforderten Zuständen groß geworden. Und das
Leben der von diesen Gedanken getragenen Impulse in Menschenseelen steht
als eine durch Tatsachen laut sprechende Kritik da über das, was sich im
sozialen Organismus der letzten Jahrhunderte gestaltet hat. Daher bedarf es
des guten Willens, in energischer Weise zu den Urgedanken sich zu wenden
und nicht zu verkennen, wie schädlich es gerade heute ist, diese Urgedanken
als »unpraktische« Allgemeinheiten aus dem Gebiete des Lebens zu verbannen.
In dem Leben und in den Forderungen der proletarischen Bevölkerung lebt die
Tatsachen-Kritik über dasjenige, was die neuere Zeit aus dem sozialen
Organismus gemacht hat. Die Aufgabe unserer Zeit dem gegenüber ist, der
einseitigen Kritik dadurch entgegenzuarbeiten, daß man aus dem Urgedanken
heraus die Richtungen findet, in denen die Tatsachen _bewußt_ gelenkt
werden müssen. Denn die Zeit ist abgelaufen, in der der Menschheit genügen
kann, was bisher die instinktive Lenkung zustande gebracht hat.
Eine der Grundfragen, die aus der zeitgenössischen Kritik heraus auftreten,
ist die, in welcher Art die Bedrückung aufhören kann, welche die
proletarische Menschheit durch den privaten Kapitalismus erfahren hat. Der
Besitzer oder Verwalter des Kapitales ist in der Lage, die körperliche
Arbeit anderer Menschen in den Dienst dessen zu stellen, das er
herzustellen unternimmt. Man muß in dem sozialen Verhältnis, das in dem
Zusammenwirken von Kapital und menschlicher Arbeitskraft entsteht, drei
Glieder unterscheiden: die Unternehmertätigkeit, die auf der Grundlage der
individuellen Fähigkeiten einer Person oder einer Gruppe von Personen
beruhen muß; das Verhältnis des Unternehmers zum Arbeiter, das ein
Rechtverhältnis sein muß; das Hervorbringen einer Sache, die im Kreislauf
des Wirtschaftslebens einen Warenwert erhält. Die Unternehmertätigkeit kann
in gesunder Art nur dann in den sozialen Organismus eingreifen, wenn in
dessen Leben Kräfte wirken, welche die individuellen Fähigkeiten der
Menschen in der möglichst besten Art in die Erscheinung treten lassen. Das
kann nur geschehen, wenn ein Gebiet des sozialen Organismus vorhanden ist,
das dem Fähigen die freie Initiative gibt, von seinen Fähigkeiten Gebrauch
zu machen, und das die Beurteilung des Wertes dieser Fähigkeiten durch
freies Verständnis für dieselben bei andern Menschen ermöglicht. Man
sieht: die soziale Betätigung eines Menschen durch Kapital gehört in
dasjenige Gebiet des sozialen Organismus, in welchem das Geistesleben
Gesetzgebung und Verwaltung besorgt. Wirkt in diese Betätigung der
politische Staat hinein, so muß notwendigerweise die Verständnislosigkeit
gegenüber den individuellen Fähigkeiten bei deren Wirksamkeit mitbestimmend
sein. Denn der politische Staat muß auf dem beruhen, und er muß das in
Wirksamkeit versetzen, das in allen Menschen als gleiche Lebensforderung
vorhanden ist. Er muß in seinem Bereich alle Menschen zur Geltendmachung
ihres Urteils kommen lassen. Für dasjenige, was er zu vollbringen hat,
kommt Verständnis oder Nichtverständnis für individuelle Fähigkeiten nicht
in Betracht. Daher darf, was in ihm zur Verwirklichung kommt, auch keinen
Einfluß haben auf die Betätigung der individuellen menschlichen
Fähigkeiten. Ebensowenig sollte der Ausblick auf den wirtschaftlichen
Vorteil bestimmend sein können für die durch Kapital ermöglichte Auswirkung
der individuellen Fähigkeiten. Auf diesen Vorteil geben manche Beurteiler
des Kapitalismus sehr vieles. Sie vermeinen, daß nur durch diesen Anreiz
des Vorteils die individuellen Fähigkeiten zur Betätigung gebracht werden
können. Und sie berufen sich als »Praktiker« auf die »unvollkommene«
Menschennatur, die sie zu kennen vorgeben. Allerdings innerhalb derjenigen
Gesellschaftsordnung, welche die gegenwärtigen Zustände gezeitigt hat, hat
die Aussicht auf wirtschaftlichen Vorteil eine tiefgehende Bedeutung
erlangt. Aber diese Tatsache ist eben zum nicht geringen Teile die Ursache
der Zustände, die jetzt erlebt werden können. Und diese Zustände drängen
nach Entwicklung eines andern Antriebes für die Betätigung der
individuellen Fähigkeiten. Dieser Antrieb wird in dem aus einem gesunden
Geistesleben erfließenden _sozialen Verständnis_ liegen müssen. Die
Erziehung, die Schule werden aus der Kraft des freien Geisteslebens heraus
den Menschen mit Impulsen ausrüsten, die ihn dazu bringen, kraft dieses ihm
innewohnenden Verständnisses das zu verwirklichen, wozu seine individuellen
Fähigkeiten drängen.
Solch eine Meinung braucht nicht Schwarmgeisterei zu sein. Gewiß, die
Schwarmgeisterei hat unermeßlich großes Unheil auf dem Gebiete des sozialen
Wollens ebenso gebracht wie auf anderen. Aber die hier dargestellte
Anschauung beruht nicht, wie man aus dem Vorangehenden ersehen kann, auf
dem Wahnglauben, daß »der Geist« Wunder wirken werde, wenn diejenigen
möglichst viel von ihm sprechen, die ihn zu haben meinen; sondern sie geht
hervor aus der Beobachtung des freien Zusammenwirkens der Menschen auf
geistigem Gebiete. Dieses Zusammenwirken erhält durch seine eigene
Wesenheit ein soziales Gepräge, wenn es sich nur _wahrhaft frei_ entwickeln
kann.
Nur die unfreie Art des Geisteslebens hat bisher dieses soziale Gepräge
nicht aufkommen lassen. Innerhalb der leitenden Klassen haben sich die
geistigen Kräfte in einer Art ausgebildet, welche die Leistungen dieser
Kräfte in antisozialer Weise innerhalb gewisser Kreise der Menschheit
abgeschlossen haben. Was innerhalb dieser Kreise hervorgebracht worden ist,
konnte nur in künstlicher Weise an die proletarische Menschheit
herangebracht werden. Und diese Menschheit konnte keine seelentragende
Kraft aus diesem Geistesleben schöpfen, denn sie nahm nicht _wirklich_ an
dem Leben dieses Geistesgutes teil. Einrichtungen für »volkstümliche
Belehrung«, das »Heranziehen« des »Volkes« zum Kunstgenuß und Ähnliches
sind in Wahrheit keine Mittel zur Ausbreitung des Geistesgutes im Volke, so
lange dieses Geistesgut den Charakter beibehält, den es in der neueren Zeit
angenommen hat. Denn das »Volk« steht mit dem innersten Anteil seines
Menschenwesens nicht in dem Leben dieses Geistesgutes drinnen. Es wird ihm
nur ermöglicht, gewissermaßen von einem Gesichtspunkte aus, der außerhalb
desselben liegt, darauf hinzuschauen. Und was von dem Geistesleben im
engern Sinne gilt, das hat seine Bedeutung auch in denjenigen Verzweigungen
des geistigen Wirkens, die auf Grund des Kapitales in das wirtschaftliche
Leben einfließen. Im gesunden sozialen Organismus soll der proletarische
Arbeiter nicht an seiner Maschine stehen und nur von deren Getriebe berührt
werden, während der Kapitalist allein weiß, welches das Schicksal der
erzeugten Waren im Kreislauf des Wirtschaftslebens ist. Der Arbeiter soll
mit vollem Anteil an der Sache Vorstellungen entwickeln können über die
Art, wie er sich an dem sozialen Leben beteiligt, indem er an der Erzeugung
der Waren arbeitet. Besprechungen, die zum Arbeitsbetrieb gerechnet werden
müssen wie die Arbeit selbst, sollen regelmäßig von dem Unternehmer
veranstaltet werden mit dem Zweck der Entwicklung eines gemeinsamen
Vorstellungskreises, der Arbeitnehmer und Arbeitgeber umschließt. Ein
gesundes Wirken dieser Art wird bei dem Arbeiter Verständnis dafür
erzeugen, daß eine rechte Betätigung des Kapitalverwalters den sozialen
Organismus und damit den Arbeiter, der ein Glied desselben ist, selbst
fördert. Der Unternehmer wird bei solcher auf freies Verstehen zielenden
Öffentlichkeit seiner Geschäftsführung zu einem einwandfreien Gebaren
veranlaßt.
Nur, wer gar keinen Sinn hat für die soziale Wirkung des innerlichen
vereinten Erlebens einer in Gemeinschaft betriebenen Sache, der wird das
Gesagte für bedeutungslos halten. Wer einen solchen Sinn hat, der wird
durchschauen, wie die wirtschaftliche Produktivität gefördert wird, wenn
die auf Kapitalgrundlage ruhende Leitung des Wirtschaftslebens in dem
Gebiete des freien Geisteslebens seine Wurzeln hat. Das bloß wegen des
Profites vorhandene Interesse am Kapital und seiner Vermehrung kann nur
dann, wenn diese Voraussetzung erfüllt ist, dem sachlichen Interesse an der
Hervorbringung von Produkten und am Zustandekommen von Leistungen Platz
machen.
Die sozialistisch Denkenden der Gegenwart streben die Verwaltung der
Produktionsmittel durch die Gesellschaft an. Was in diesem ihrem Streben
berechtigt ist, das wird nur dadurch erreicht werden können, daß diese
Verwaltung von dem freien Geistesgebiet besorgt wird. Dadurch wird der
wirtschaftliche Zwang unmöglich gemacht, der vom Kapitalisten dann ausgeht
und als menschenunwürdig empfunden wird, wenn der Kapitalist seine
Tätigkeit aus den Kräften des Wirtschaftslebens heraus entfaltet. Und es
wird die Lähmung der individuellen menschlichen Fähigkeiten nicht eintreten
können, die als eine Folge sich ergeben muß, wenn diese Fähigkeiten vom
politischen Staate verwaltet werden.
Das Erträgnis einer Betätigung durch Kapital und individuelle menschliche
Fähigkeiten muß im gesunden sozialen Organismus wie jede geistige Leistung
aus der freien Initiative des Tätigen einerseits sich ergeben und
anderseits aus dem freien Verständnis anderer Menschen, die nach dem
Vorhandensein der Leistung des Tätigen verlangen. Mit der freien Einsicht
des Tätigen muß auf diesem Gebiete im Einklange stehen die Bemessung
dessen, was er als Erträgnis seiner Leistung -- nach den Vorbereitungen,
die er braucht, um sie zu vollbringen, nach den Aufwendungen, die er machen
muß, um sie zu ermöglichen usw. -- ansehen will. Er wird seine Ansprüche
nur dann befriedigt finden können, wenn ihm Verständnis für seine
Leistungen entgegengebracht wird.
Durch soziale Einrichtungen, die in der Richtung des hier Dargestellten
liegen, wird der Boden geschaffen für ein wirklich freies
Vertragsverhältnis zwischen Arbeitleiter und Arbeitleister. Und dieses
Verhältnis wird sich beziehen nicht auf einen Tausch von Ware (bzw. Geld)
für Arbeitskraft, sondern auf die Festsetzung des Anteiles, den eine jede
der beiden Personen hat, welche die Ware gemeinsam zustande bringen.
Was auf der Grundlage des Kapitals für den sozialen Organismus geleistet
wird, _beruht seinem Wesen nach_ auf der Art, wie die individuellen
menschlichen Fähigkeiten in diesen Organismus eingreifen. Die Entwicklung
dieser Fähigkeiten kann durch nichts anderes den ihr entsprechenden Impuls
erhalten als durch das freie Geistesleben. Auch in einem sozialen
Organismus, der diese Entwicklung in die Verwaltung des politischen Staates
oder in die Kräfte des Wirtschaftslebens einspannt, wird die wirkliche
Produktivität alles dessen, was Kapitalaufwendung notwendig macht, auf dem
beruhen, was sich an freien individuellen Kräften durch die lähmenden
Einrichtungen hindurchzwängt. Nur wird eine Entwicklung unter solchen
Voraussetzungen eine ungesunde sein. Nicht die freie Entfaltung der auf
Grundlage des Kapitals wirkenden individuellen Fähigkeiten hat Zustände
hervorgerufen, innerhalb welcher die menschliche Arbeitskraft Ware sein
muß, sondern die Fesselung dieser Kräfte durch das politische Staatsleben
oder durch den Kreislauf des Wirtschaftslebens. Dies unbefangen zu
durchschauen, ist in der Gegenwart eine Voraussetzung für alles, was auf
dem Gebiete der sozialen Organisation geschehen soll. Denn die neuere Zeit
hat den Aberglauben hervorgebracht, daß aus dem politischen Staate oder dem
Wirtschaftsleben die Maßnahmen hervorgehen sollen, welche den sozialen
Organismus gesund machen. Beschreitet man den Weg weiter, der aus diesem
Aberglauben seine Richtung empfangen hat, dann wird man Einrichtungen
schaffen, welche die Menschheit nicht zu dem führen, was sie erstrebt,
sondern zu einer unbegrenzten Vergrößerung des Bedrückenden, das sie
abgewendet sehen möchte.
Über den Kapitalismus hat man denken gelernt in einer Zeit, in welcher
dieser Kapitalismus dem sozialen Organismus einen Krankheitsprozeß
verursacht hat. Den Krankheitsprozeß erlebt man; man sieht, daß ihm
entgegengearbeitet werden muß. Man muß _mehr_ sehen. Man muß gewahr werden,
daß die Krankheit ihren Ursprung hat in dem Aufsaugen der im Kapital
wirksamen Kräfte durch den Kreislauf des Wirtschaftslebens. Derjenige nur
kann in der Richtung dessen wirken, was die Entwicklungskräfte der
Menschheit in der Gegenwart energisch zu fordern beginnen, der sich nicht
in Illusionen treiben läßt durch die Vorstellungsart, welche in der
Verwaltung der Kapitalbetätigung durch das befreite Geistesleben das
Ergebnis eines »unpraktischen Idealismus« sieht.
In der Gegenwart ist man allerdings wenig darauf vorbereitet, die soziale
Idee, die den Kapitalismus in gesunde Bahnen lenken soll, in einen
unmittelbaren Zusammenhang mit dem Geistesleben zu bringen. Man knüpft an
dasjenige an, was dem Kreis des Wirtschaftslebens angehört. Man sieht, wie
in der neueren Zeit die Warenproduktion zum Großbetrieb, und dieser zur
gegenwärtigen Form des Kapitalismus geführt hat. An die Stelle dieser
Wirtschaftsform solle die genossenschaftliche treten, die für den
Selbstbedarf der Produzenten arbeitet. Da man aber selbstverständlich die
Wirtschaft mit den modernen Produktionsmitteln beibehalten will, verlangt
man die Zusammenfassung der Betriebe in eine einzige große Genossenschaft.
In einer solchen, denkt man, produziere ein jeder im Auftrage der
Gemeinschaft, die nicht ausbeuterisch sein könne, weil sie sich selbst
ausbeutete. Und da man an Bestehendes anknüpfen will oder muß, blickt man
nach dem modernen Staat aus, den man in eine umfassende Genossenschaft
verwandeln will.
Man bemerkt dabei nicht, daß man von einer solchen Genossenschaft sich
Wirkungen verspricht, die um so weniger eintreten können, je größer die
Genossenschaft ist. Wenn nicht die Einstellung der individuellen
menschlichen Fähigkeiten in den Organismus der Genossenschaft so gestaltet
wird, wie es in diesen Ausführungen dargestellt worden ist, kann die
Gemeinsamkeit der Arbeitsverwaltung nicht zur Gesundung des sozialen
Organismus führen.
Daß für ein unbefangenes Urteil über das Eingreifen des Geisteslebens in
den sozialen Organismus gegenwärtig wenig Veranlagung vorhanden ist, rührt
davon her, daß man sich gewöhnt hat, das Geistige möglichst fern von allem
Materiellen und Praktischen vorzustellen. Es wird nicht wenige geben, die
etwas Groteskes in der hier dargestellten Ansicht finden, daß in der
Betätigung des Kapitals im Wirtschaftsleben die Auswirkung eines Teiles des
geistigen Lebens sich offenbaren soll. Man kann sich denken, daß in dieser
Charakterisierung des als grotesk Dargestellten Zugehörige der bisher
leitenden Menschenklassen mit sozialistischen Denkern übereinstimmen. Man
wird, um die Bedeutung dieses grotesk Befundenen für eine Gesundung des
sozialen Organismus einzusehen, den Blick richten müssen in gewisse
Gedankenströmungen der Gegenwart, die in ihrer Art redlichen
Seelenimpulsen entspringen, die aber des Entstehen eines wirklich sozialen
Denkens dort hemmen, wo sie Eingang finden.