Dies Widerspruchsvolle besteht aus dem Grunde, weil die wahre soziale

Bedeutung dieser drei Ideale erst zutage tritt durch das Durchschauen der

notwendigen Dreigliederung des sozialen Organismus. Die drei Glieder sollen

nicht in einer abstrakten, theoretischen Reichstags- oder sonstigen Einheit

zusammengefügt und zentralisiert sein. Sie sollen lebendige Wirklichkeit

sein. Ein jedes der drei sozialen Glieder soll in sich zentralisiert sein;

und durch ihr lebendiges Nebeneinander- und Zusammenwirken kann erst die

Einheit des sozialen Gesamtorganismus entstehen. Im wirklichen Leben wirkt

eben das scheinbar Widerspruchsvolle zu einer Einheit zusammen. Daher wird

man zu einer Erfassung des Lebens des sozialen Organismus kommen, wenn man

imstande ist, die wirklichkeitsgemäße Gestaltung dieses sozialen Organismus

mit Bezug auf Brüderlichkeit, Gleichheit und Freiheit zu durchschauen. Dann

wird man erkennen, daß das Zusammenwirken der Menschen im

_Wirtschaftsleben_ auf derjenigen Brüderlichkeit ruhen muß, die aus den

Assoziationen heraus ersteht. In dem zweiten Gliede, in dem System des

_öffentlichen Rechts_, wo man es zu tun hat mit dem rein menschlichen

Verhältnis von Person zu Person, hat man zu erstreben die Verwirklichung

der Idee der Gleichheit. Und auf dem _geistigen Gebiete_, das in relativer

Selbständigkeit im sozialen Organismus steht, hat man es zu tun mit der

Verwirklichung des Impulses der Freiheit. So angesehen, zeigen diese drei

Ideale ihren Wirklichkeitswert. Sie können sich nicht in einem chaotischen

sozialen Leben realisieren, sondern nur in dem gesunden dreigliedrigen

sozialen Organismus. Nicht ein abstrakt zentralisiertes Sozialgebilde kann

durcheinander die Ideale der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit

verwirklichen, sondern jedes der drei Glieder des sozialen Organismus kann

aus einem dieser Impulse seine Kraft schöpfen. Und es wird dann in

fruchtbarer Art mit den andern Gliedern zusammenwirken können.

Diejenigen Menschen, welche am Ende des 18. Jahrhunderts die Forderung nach

Verwirklichung der drei Ideen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit

erhoben haben, und auch diejenigen, welche sie später wiederholt haben, sie

konnten dunkel empfinden, wohin die Entwicklungskräfte der neueren

Menschheit weisen. Aber sie haben damit zugleich nicht den Glauben an den

Einheitsstaat überwunden. Für diesen bedeuten ihre Ideen etwas

Widerspruchsvolles. Sie bekannten sich zu dem Widersprechenden, weil in den

unterbewußten Tiefen ihres Seelenlebens der Drang nach der Dreigliederung

des sozialen Organismus wirkte, in dem die Dreiheit ihrer Ideen erst zu

einer höheren Einheit werden kann. Die Entwicklungskräfte, die in dem

Werden der neueren Menschheit nach dieser Dreigliederung hindrängen, zum

bewußten sozialen Wollen zu machen, das fordern die deutlich sprechenden

sozialen _Tatsachen_ der Gegenwart.

III. Kapitalismus und soziale Ideen

(Kapital, Menschenarbeit)

Man kann nicht zu einem Urteile darüber kommen, welche Handlungsweise auf

sozialem Gebiete gegenwärtig durch die laut sprechenden Tatsachen gefordert

wird, wenn man nicht den Willen hat, dieses Urteil bestimmen zu lassen von

einer Einsicht in die Grundkräfte des sozialen Organismus. Der Versuch,

eine solche Einsicht zu gewinnen, liegt der hier vorangehenden Darstellung

zugrunde. Mit Maßnahmen, die sich nur auf ein Urteil stützen, das aus einem

eng umgrenzten Beobachtungskreis gewonnen ist, kann man heute etwas

Fruchtbares nicht bewirken. Die Tatsachen, welche aus der sozialen Bewegung

herausgewachsen sind, offenbaren Störungen in den Grundlagen des sozialen

Organismus, und keineswegs solche, die nur an der Oberfläche vorhanden

sind. Ihnen gegenüber ist notwendig, auch zu Einsichten zu kommen, die bis

zu den Grundlagen vordringen.

Spricht man heute von Kapital und Kapitalismus, so weist man auf das hin,

worin die proletarische Menschheit die Ursachen ihrer Bedrückung sucht. Zu

einem fruchtbaren Urteil über die Art, wie das Kapital fördernd oder

hemmend in den Kreisläufen des sozialen Organismus wirkt, kann man aber nur

kommen, wenn man durchschaut, wie die individuellen Fähigkeiten der

Menschen, wie die Rechtsbildung und wie die Kräfte des Wirtschaftslebens

das Kapital erzeugen und verbrauchen. -- Spricht man von der

Menschenarbeit, so deutet man auf das, was mit der Naturgrundlage der

Wirtschaft und dem Kapital zusammen die wirtschaftlichen Werte schafft und

an dem der Arbeiter zum Bewußtsein seiner sozialen Lage kommt. Ein Urteil

darüber, wie diese Menschenarbeit in den sozialen Organismus hineingestellt

sein muß, um in dem Arbeitenden die Empfindung von seiner Menschenwürde

nicht zu stören, ergibt sich nur, wenn man das Verhältnis ins Auge fassen

will, welches Menschenarbeit zur Entfaltung der individuellen Fähigkeiten

einerseits und zum Rechtsbewußtsein anderseits hat.

Man fragt gegenwärtig mit Recht, was zu _allernächst_ zu tun ist, um den in

der sozialen Bewegung auftretenden Forderungen gerecht zu werden. Man wird

auch das _Allernächste_ nicht in fruchtbarer Art vollbringen können, wenn

man nicht _weiß_, welches Verhältnis das zu Vollbringende zu den Grundlagen

des gesunden sozialen Organismus haben soll. Und weiß man dieses, dann wird

man an dem Platze, an den man gestellt ist, oder an den man sich zu stellen

vermag, die Aufgaben finden können, die sich aus den Tatsachen heraus

ergeben. Der Gewinnung einer Einsicht, auf die hier gedeutet wird, stellt

sich, das unbefangene Urteil beirrend, gegenüber, was im Laufe langer Zeit

aus menschlichem Wollen in soziale Einrichtungen übergegangen ist. Man hat

sich in die Einrichtungen so eingelebt, daß man aus ihnen heraus sich

Ansichten gebildet hat über dasjenige, was von ihnen zu erhalten, was zu

verändern ist. Man richtet sich in Gedanken nach den Tatsachen, die doch

der Gedanke beherrschen soll. Notwendig ist aber heute, zu sehen, daß man

nicht anders ein den Tatsachen gewachsenes Urteil gewinnen kann als durch

Zurückgehen zu den _Urgedanken_, die allen sozialen Einrichtungen zugrunde

liegen.

Wenn nicht rechte Quellen vorhanden sind, aus denen die Kräfte, welche in

diesen Urgedanken liegen, immer von neuem dem sozialen Organismus

zufließen, dann nehmen die Einrichtungen Formen an, die nicht

lebenfördernd, sondern lebenhemmend sind. In den instinktiven Impulsen der

Menschen aber leben mehr oder weniger unbewußt die Urgedanken fort, auch

wenn die vollbewußten Gedanken in die Irre gehen und lebenhemmende

Tatsachen schaffen, oder schon geschaffen haben. Und diese Urgedanken, die

einer lebenhemmenden Tatsachenwelt gegenüber chaotisch sich äußern, sind

es, die offenbar oder verhüllt in den revolutionären Erschütterungen des

sozialen Organismus zutage treten. Diese Erschütterungen werden nur dann

nicht eintreten, wenn der soziale Organismus in der Art gestaltet ist, daß

in ihm jederzeit die Neigung vorhanden sein kann, zu beobachten, wo eine

Abweichung von den durch die Urgedanken vorgezeichneten Einrichtungen sich

bildet, und wo zugleich die Möglichkeit besteht, dieser Abweichung

entgegenzuarbeiten, ehe sie eine verhängnistragende Stärke gewonnen hat.

In unsern Tagen sind in weitem Umfange des Menschenlebens die Abweichungen

von den durch die Urgedanken geforderten Zuständen groß geworden. Und das

Leben der von diesen Gedanken getragenen Impulse in Menschenseelen steht

als eine durch Tatsachen laut sprechende Kritik da über das, was sich im

sozialen Organismus der letzten Jahrhunderte gestaltet hat. Daher bedarf es

des guten Willens, in energischer Weise zu den Urgedanken sich zu wenden

und nicht zu verkennen, wie schädlich es gerade heute ist, diese Urgedanken

als »unpraktische« Allgemeinheiten aus dem Gebiete des Lebens zu verbannen.

In dem Leben und in den Forderungen der proletarischen Bevölkerung lebt die

Tatsachen-Kritik über dasjenige, was die neuere Zeit aus dem sozialen

Organismus gemacht hat. Die Aufgabe unserer Zeit dem gegenüber ist, der

einseitigen Kritik dadurch entgegenzuarbeiten, daß man aus dem Urgedanken

heraus die Richtungen findet, in denen die Tatsachen _bewußt_ gelenkt

werden müssen. Denn die Zeit ist abgelaufen, in der der Menschheit genügen

kann, was bisher die instinktive Lenkung zustande gebracht hat.

Eine der Grundfragen, die aus der zeitgenössischen Kritik heraus auftreten,

ist die, in welcher Art die Bedrückung aufhören kann, welche die

proletarische Menschheit durch den privaten Kapitalismus erfahren hat. Der

Besitzer oder Verwalter des Kapitales ist in der Lage, die körperliche

Arbeit anderer Menschen in den Dienst dessen zu stellen, das er

herzustellen unternimmt. Man muß in dem sozialen Verhältnis, das in dem

Zusammenwirken von Kapital und menschlicher Arbeitskraft entsteht, drei

Glieder unterscheiden: die Unternehmertätigkeit, die auf der Grundlage der

individuellen Fähigkeiten einer Person oder einer Gruppe von Personen

beruhen muß; das Verhältnis des Unternehmers zum Arbeiter, das ein

Rechtverhältnis sein muß; das Hervorbringen einer Sache, die im Kreislauf

des Wirtschaftslebens einen Warenwert erhält. Die Unternehmertätigkeit kann

in gesunder Art nur dann in den sozialen Organismus eingreifen, wenn in

dessen Leben Kräfte wirken, welche die individuellen Fähigkeiten der

Menschen in der möglichst besten Art in die Erscheinung treten lassen. Das

kann nur geschehen, wenn ein Gebiet des sozialen Organismus vorhanden ist,

das dem Fähigen die freie Initiative gibt, von seinen Fähigkeiten Gebrauch

zu machen, und das die Beurteilung des Wertes dieser Fähigkeiten durch

freies Verständnis für dieselben bei andern Menschen ermöglicht. Man

sieht: die soziale Betätigung eines Menschen durch Kapital gehört in

dasjenige Gebiet des sozialen Organismus, in welchem das Geistesleben

Gesetzgebung und Verwaltung besorgt. Wirkt in diese Betätigung der

politische Staat hinein, so muß notwendigerweise die Verständnislosigkeit

gegenüber den individuellen Fähigkeiten bei deren Wirksamkeit mitbestimmend

sein. Denn der politische Staat muß auf dem beruhen, und er muß das in

Wirksamkeit versetzen, das in allen Menschen als gleiche Lebensforderung

vorhanden ist. Er muß in seinem Bereich alle Menschen zur Geltendmachung

ihres Urteils kommen lassen. Für dasjenige, was er zu vollbringen hat,

kommt Verständnis oder Nichtverständnis für individuelle Fähigkeiten nicht

in Betracht. Daher darf, was in ihm zur Verwirklichung kommt, auch keinen

Einfluß haben auf die Betätigung der individuellen menschlichen

Fähigkeiten. Ebensowenig sollte der Ausblick auf den wirtschaftlichen

Vorteil bestimmend sein können für die durch Kapital ermöglichte Auswirkung

der individuellen Fähigkeiten. Auf diesen Vorteil geben manche Beurteiler

des Kapitalismus sehr vieles. Sie vermeinen, daß nur durch diesen Anreiz

des Vorteils die individuellen Fähigkeiten zur Betätigung gebracht werden

können. Und sie berufen sich als »Praktiker« auf die »unvollkommene«

Menschennatur, die sie zu kennen vorgeben. Allerdings innerhalb derjenigen

Gesellschaftsordnung, welche die gegenwärtigen Zustände gezeitigt hat, hat

die Aussicht auf wirtschaftlichen Vorteil eine tiefgehende Bedeutung

erlangt. Aber diese Tatsache ist eben zum nicht geringen Teile die Ursache

der Zustände, die jetzt erlebt werden können. Und diese Zustände drängen

nach Entwicklung eines andern Antriebes für die Betätigung der

individuellen Fähigkeiten. Dieser Antrieb wird in dem aus einem gesunden

Geistesleben erfließenden _sozialen Verständnis_ liegen müssen. Die

Erziehung, die Schule werden aus der Kraft des freien Geisteslebens heraus

den Menschen mit Impulsen ausrüsten, die ihn dazu bringen, kraft dieses ihm

innewohnenden Verständnisses das zu verwirklichen, wozu seine individuellen

Fähigkeiten drängen.

Solch eine Meinung braucht nicht Schwarmgeisterei zu sein. Gewiß, die

Schwarmgeisterei hat unermeßlich großes Unheil auf dem Gebiete des sozialen

Wollens ebenso gebracht wie auf anderen. Aber die hier dargestellte

Anschauung beruht nicht, wie man aus dem Vorangehenden ersehen kann, auf

dem Wahnglauben, daß »der Geist« Wunder wirken werde, wenn diejenigen

möglichst viel von ihm sprechen, die ihn zu haben meinen; sondern sie geht

hervor aus der Beobachtung des freien Zusammenwirkens der Menschen auf

geistigem Gebiete. Dieses Zusammenwirken erhält durch seine eigene

Wesenheit ein soziales Gepräge, wenn es sich nur _wahrhaft frei_ entwickeln

kann.

Nur die unfreie Art des Geisteslebens hat bisher dieses soziale Gepräge

nicht aufkommen lassen. Innerhalb der leitenden Klassen haben sich die

geistigen Kräfte in einer Art ausgebildet, welche die Leistungen dieser

Kräfte in antisozialer Weise innerhalb gewisser Kreise der Menschheit

abgeschlossen haben. Was innerhalb dieser Kreise hervorgebracht worden ist,

konnte nur in künstlicher Weise an die proletarische Menschheit

herangebracht werden. Und diese Menschheit konnte keine seelentragende

Kraft aus diesem Geistesleben schöpfen, denn sie nahm nicht _wirklich_ an

dem Leben dieses Geistesgutes teil. Einrichtungen für »volkstümliche

Belehrung«, das »Heranziehen« des »Volkes« zum Kunstgenuß und Ähnliches

sind in Wahrheit keine Mittel zur Ausbreitung des Geistesgutes im Volke, so

lange dieses Geistesgut den Charakter beibehält, den es in der neueren Zeit

angenommen hat. Denn das »Volk« steht mit dem innersten Anteil seines

Menschenwesens nicht in dem Leben dieses Geistesgutes drinnen. Es wird ihm

nur ermöglicht, gewissermaßen von einem Gesichtspunkte aus, der außerhalb

desselben liegt, darauf hinzuschauen. Und was von dem Geistesleben im

engern Sinne gilt, das hat seine Bedeutung auch in denjenigen Verzweigungen

des geistigen Wirkens, die auf Grund des Kapitales in das wirtschaftliche

Leben einfließen. Im gesunden sozialen Organismus soll der proletarische

Arbeiter nicht an seiner Maschine stehen und nur von deren Getriebe berührt

werden, während der Kapitalist allein weiß, welches das Schicksal der

erzeugten Waren im Kreislauf des Wirtschaftslebens ist. Der Arbeiter soll

mit vollem Anteil an der Sache Vorstellungen entwickeln können über die

Art, wie er sich an dem sozialen Leben beteiligt, indem er an der Erzeugung

der Waren arbeitet. Besprechungen, die zum Arbeitsbetrieb gerechnet werden

müssen wie die Arbeit selbst, sollen regelmäßig von dem Unternehmer

veranstaltet werden mit dem Zweck der Entwicklung eines gemeinsamen

Vorstellungskreises, der Arbeitnehmer und Arbeitgeber umschließt. Ein

gesundes Wirken dieser Art wird bei dem Arbeiter Verständnis dafür

erzeugen, daß eine rechte Betätigung des Kapitalverwalters den sozialen

Organismus und damit den Arbeiter, der ein Glied desselben ist, selbst

fördert. Der Unternehmer wird bei solcher auf freies Verstehen zielenden

Öffentlichkeit seiner Geschäftsführung zu einem einwandfreien Gebaren

veranlaßt.

Nur, wer gar keinen Sinn hat für die soziale Wirkung des innerlichen

vereinten Erlebens einer in Gemeinschaft betriebenen Sache, der wird das

Gesagte für bedeutungslos halten. Wer einen solchen Sinn hat, der wird

durchschauen, wie die wirtschaftliche Produktivität gefördert wird, wenn

die auf Kapitalgrundlage ruhende Leitung des Wirtschaftslebens in dem

Gebiete des freien Geisteslebens seine Wurzeln hat. Das bloß wegen des

Profites vorhandene Interesse am Kapital und seiner Vermehrung kann nur

dann, wenn diese Voraussetzung erfüllt ist, dem sachlichen Interesse an der

Hervorbringung von Produkten und am Zustandekommen von Leistungen Platz

machen.

Die sozialistisch Denkenden der Gegenwart streben die Verwaltung der

Produktionsmittel durch die Gesellschaft an. Was in diesem ihrem Streben

berechtigt ist, das wird nur dadurch erreicht werden können, daß diese

Verwaltung von dem freien Geistesgebiet besorgt wird. Dadurch wird der

wirtschaftliche Zwang unmöglich gemacht, der vom Kapitalisten dann ausgeht

und als menschenunwürdig empfunden wird, wenn der Kapitalist seine

Tätigkeit aus den Kräften des Wirtschaftslebens heraus entfaltet. Und es

wird die Lähmung der individuellen menschlichen Fähigkeiten nicht eintreten

können, die als eine Folge sich ergeben muß, wenn diese Fähigkeiten vom

politischen Staate verwaltet werden.

Das Erträgnis einer Betätigung durch Kapital und individuelle menschliche

Fähigkeiten muß im gesunden sozialen Organismus wie jede geistige Leistung

aus der freien Initiative des Tätigen einerseits sich ergeben und

anderseits aus dem freien Verständnis anderer Menschen, die nach dem

Vorhandensein der Leistung des Tätigen verlangen. Mit der freien Einsicht

des Tätigen muß auf diesem Gebiete im Einklange stehen die Bemessung

dessen, was er als Erträgnis seiner Leistung -- nach den Vorbereitungen,

die er braucht, um sie zu vollbringen, nach den Aufwendungen, die er machen

muß, um sie zu ermöglichen usw. -- ansehen will. Er wird seine Ansprüche

nur dann befriedigt finden können, wenn ihm Verständnis für seine

Leistungen entgegengebracht wird.

Durch soziale Einrichtungen, die in der Richtung des hier Dargestellten

liegen, wird der Boden geschaffen für ein wirklich freies

Vertragsverhältnis zwischen Arbeitleiter und Arbeitleister. Und dieses

Verhältnis wird sich beziehen nicht auf einen Tausch von Ware (bzw. Geld)

für Arbeitskraft, sondern auf die Festsetzung des Anteiles, den eine jede

der beiden Personen hat, welche die Ware gemeinsam zustande bringen.

Was auf der Grundlage des Kapitals für den sozialen Organismus geleistet

wird, _beruht seinem Wesen nach_ auf der Art, wie die individuellen

menschlichen Fähigkeiten in diesen Organismus eingreifen. Die Entwicklung

dieser Fähigkeiten kann durch nichts anderes den ihr entsprechenden Impuls

erhalten als durch das freie Geistesleben. Auch in einem sozialen

Organismus, der diese Entwicklung in die Verwaltung des politischen Staates

oder in die Kräfte des Wirtschaftslebens einspannt, wird die wirkliche

Produktivität alles dessen, was Kapitalaufwendung notwendig macht, auf dem

beruhen, was sich an freien individuellen Kräften durch die lähmenden

Einrichtungen hindurchzwängt. Nur wird eine Entwicklung unter solchen

Voraussetzungen eine ungesunde sein. Nicht die freie Entfaltung der auf

Grundlage des Kapitals wirkenden individuellen Fähigkeiten hat Zustände

hervorgerufen, innerhalb welcher die menschliche Arbeitskraft Ware sein

muß, sondern die Fesselung dieser Kräfte durch das politische Staatsleben

oder durch den Kreislauf des Wirtschaftslebens. Dies unbefangen zu

durchschauen, ist in der Gegenwart eine Voraussetzung für alles, was auf

dem Gebiete der sozialen Organisation geschehen soll. Denn die neuere Zeit

hat den Aberglauben hervorgebracht, daß aus dem politischen Staate oder dem

Wirtschaftsleben die Maßnahmen hervorgehen sollen, welche den sozialen

Organismus gesund machen. Beschreitet man den Weg weiter, der aus diesem

Aberglauben seine Richtung empfangen hat, dann wird man Einrichtungen

schaffen, welche die Menschheit nicht zu dem führen, was sie erstrebt,

sondern zu einer unbegrenzten Vergrößerung des Bedrückenden, das sie

abgewendet sehen möchte.

Über den Kapitalismus hat man denken gelernt in einer Zeit, in welcher

dieser Kapitalismus dem sozialen Organismus einen Krankheitsprozeß

verursacht hat. Den Krankheitsprozeß erlebt man; man sieht, daß ihm

entgegengearbeitet werden muß. Man muß _mehr_ sehen. Man muß gewahr werden,

daß die Krankheit ihren Ursprung hat in dem Aufsaugen der im Kapital

wirksamen Kräfte durch den Kreislauf des Wirtschaftslebens. Derjenige nur

kann in der Richtung dessen wirken, was die Entwicklungskräfte der

Menschheit in der Gegenwart energisch zu fordern beginnen, der sich nicht

in Illusionen treiben läßt durch die Vorstellungsart, welche in der

Verwaltung der Kapitalbetätigung durch das befreite Geistesleben das

Ergebnis eines »unpraktischen Idealismus« sieht.

In der Gegenwart ist man allerdings wenig darauf vorbereitet, die soziale

Idee, die den Kapitalismus in gesunde Bahnen lenken soll, in einen

unmittelbaren Zusammenhang mit dem Geistesleben zu bringen. Man knüpft an

dasjenige an, was dem Kreis des Wirtschaftslebens angehört. Man sieht, wie

in der neueren Zeit die Warenproduktion zum Großbetrieb, und dieser zur

gegenwärtigen Form des Kapitalismus geführt hat. An die Stelle dieser

Wirtschaftsform solle die genossenschaftliche treten, die für den

Selbstbedarf der Produzenten arbeitet. Da man aber selbstverständlich die

Wirtschaft mit den modernen Produktionsmitteln beibehalten will, verlangt

man die Zusammenfassung der Betriebe in eine einzige große Genossenschaft.

In einer solchen, denkt man, produziere ein jeder im Auftrage der

Gemeinschaft, die nicht ausbeuterisch sein könne, weil sie sich selbst

ausbeutete. Und da man an Bestehendes anknüpfen will oder muß, blickt man

nach dem modernen Staat aus, den man in eine umfassende Genossenschaft

verwandeln will.

Man bemerkt dabei nicht, daß man von einer solchen Genossenschaft sich

Wirkungen verspricht, die um so weniger eintreten können, je größer die

Genossenschaft ist. Wenn nicht die Einstellung der individuellen

menschlichen Fähigkeiten in den Organismus der Genossenschaft so gestaltet

wird, wie es in diesen Ausführungen dargestellt worden ist, kann die

Gemeinsamkeit der Arbeitsverwaltung nicht zur Gesundung des sozialen

Organismus führen.

Daß für ein unbefangenes Urteil über das Eingreifen des Geisteslebens in

den sozialen Organismus gegenwärtig wenig Veranlagung vorhanden ist, rührt

davon her, daß man sich gewöhnt hat, das Geistige möglichst fern von allem

Materiellen und Praktischen vorzustellen. Es wird nicht wenige geben, die

etwas Groteskes in der hier dargestellten Ansicht finden, daß in der

Betätigung des Kapitals im Wirtschaftsleben die Auswirkung eines Teiles des

geistigen Lebens sich offenbaren soll. Man kann sich denken, daß in dieser

Charakterisierung des als grotesk Dargestellten Zugehörige der bisher

leitenden Menschenklassen mit sozialistischen Denkern übereinstimmen. Man

wird, um die Bedeutung dieses grotesk Befundenen für eine Gesundung des

sozialen Organismus einzusehen, den Blick richten müssen in gewisse

Gedankenströmungen der Gegenwart, die in ihrer Art redlichen

Seelenimpulsen entspringen, die aber des Entstehen eines wirklich sozialen

Denkens dort hemmen, wo sie Eingang finden.

Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft · 第 6 / 11 段