seinen Blick auf Dinge, die erst in zweiter Linie für dieses Leben in
Betracht kommen. Er tut dieses, weil ihn seine Denkgewohnheit dazu bringt,
den sozialen Organismus als ein einheitliches Gebilde aufzufassen. Für ein
_solches_ Gebilde aber kann sich kein ihm entsprechender Wahlmodus finden.
Denn bei _jedem_ Wahlmodus müssen sich im Vertretungskörper die
wirtschaftlichen Interessen und die Impulse des Rechtslebens stören. Und
was aus der Störung für das soziale Leben fließt, _muß_ zu Erschütterungen
des Gesellschaftsorganismus führen. Obenan als notwendige Zielsetzung des
öffentlichen Lebens muß gegenwärtig das Hinarbeiten auf eine durchgreifende
Trennung des Wirtschaftslebens und der Rechtsorganisation stehen. Indem man
sich in diese Trennung hineinlebt, werden die sich trennenden
Organisationen aus ihren eigenen Grundlagen heraus die besten Arten für
die Wahlen ihrer Gesetzgeber und Verwalter finden. In dem, was gegenwärtig
zur Entscheidung drängt, kommen Fragen des Wahlmodus, wenn sie auch als
solche von fundamentaler Bedeutung sind, doch erst in zweiter Linie in
Betracht. Wo die alten Verhältnisse noch vorhanden sind, wäre aus diesen
heraus auf die angedeutete Gliederung hinzuarbeiten. Wo das Alte sich
bereits aufgelöst hat, oder in der Auflösung begriffen ist, müßten
Einzelpersonen und Bündnisse zwischen Personen die Initiative zu einer
Neugestaltung versuchen, die sich in der gekennzeichneten Richtung bewegt.
Von heute zu morgen eine Umwandlung des öffentlichen Lebens herbeiführen zu
wollen, das sehen auch vernünftige Sozialisten als Schwarmgeisterei an.
Solche erwarten die von ihnen gemeinte Gesundung durch eine allmähliche,
sachgemäße Umwandlung. Daß aber die geschichtlichen Entwicklungskräfte der
Menschheit gegenwärtig ein vernünftiges Wollen nach der Richtung einer
sozialen Neuordnung notwendig machen, das können jedem Unbefangenen
weithinleuchtende Tatsachen lehren.
Wer für »praktisch durchführbar« nur dasjenige hält, an das er sich aus
engem Lebensgesichtskreis heraus gewöhnt hat, der wird das hier Angedeutete
für »unpraktisch« halten. Kann er sich nicht bekehren, und behält er auf
irgend einem Lebensgebiete Einfluß, dann wird er nicht zur Gesundung,
sondern zur weiteren Erkrankung des sozialen Organismus wirken, wie Leute
seiner Gesinnung an der Herbeiführung der gegenwärtigen Zustände gewirkt
haben.
Die Bestrebung, mit der führende Kreise der Menschheit begonnen haben und
die zur Überleitung gewisser Wirtschaftszweige (Post, Eisenbahnen usw.) in
das Staatsleben geführt hat, muß der entgegengesetzten weichen: der
Herauslösung alles Wirtschaftens aus dem Gebiete des politischen
Staatswesens. Denker, welche mit ihrem Wollen glauben, sich in der Richtung
nach einem gesunden sozialen Organismus zu befinden, ziehen die äußerste
Folgerung der Verstaatlichungsbestrebungen dieser bisher leitenden Kreise.
Sie wollen die Vergesellschaftung aller Mittel des Wirtschaftslebens,
insofern diese Produktionsmittel sind. Eine gesunde Entwicklung wird dem
wirtschaftlichen Leben seine Selbständigkeit geben und dem politischen
Staate die Fähigkeit, durch die Rechtsordnung auf den Wirtschaftskörper so
zu wirken, daß der einzelne Mensch seine Eingliederung in den sozialen
Organismus nicht im Widerspruche mit seinem Rechtsbewußtsein empfindet.
Man kann durchschauen, wie die hier vorgebrachten Gedanken _im wirklichen
Leben_ der Menschheit begründet sind, wenn man den Blick auf die Arbeit
lenkt, welche der Mensch für den sozialen Organismus durch seine
körperliche Arbeitskraft verrichtet. Innerhalb der kapitalistischen
Wirtschaftsform hat sich diese Arbeit dem sozialen Organismus so
eingegliedert, daß sie durch den Arbeitgeber wie eine Ware dem Arbeitnehmer
abgekauft wird. Ein Tausch wird eingegangen zwischen Geld (als Repräsentant
der Waren) und Arbeit. Aber ein solcher Tausch kann sich in Wirklichkeit
gar nicht vollziehen. Er _scheint_ sich nur zu vollziehen[5]. In
Wirklichkeit nimmt der Arbeitgeber von dem Arbeiter Waren entgegen, die nur
entstehen können, wenn der Arbeiter seine Arbeitskraft für die Entstehung
hingibt. Aus dem Gegenwert dieser Waren erhält der Arbeiter einen Anteil,
der Arbeitgeber den andern. Die Produktion der Waren erfolgt durch das
Zusammenwirken des Arbeitgebers und Arbeitnehmers. Das Produkt des
gemeinsamen Wirkens geht erst in den Kreislauf des Wirtschaftslebens über.
Zur Herstellung des Produktes ist ein Rechtsverhältnis zwischen Arbeiter
und Unternehmer notwendig. Dieses kann aber durch die kapitalistische
Wirtschaftsart in ein solches verwandelt werden, welches durch die
wirtschaftliche Übermacht des Arbeitgebers über den Arbeiter bedingt ist.
Im gesunden sozialen Organismus muß zutage treten, daß die Arbeit nicht
bezahlt werden kann. Denn diese kann nicht im Vergleich mit einer Ware
einen wirtschaftlichen Wert erhalten. Einen solchen hat erst die durch
Arbeit hervorgebrachte Ware im Vergleich mit andern Waren. Die Art, wie,
und das Maß, in dem ein Mensch für den Bestand des sozialen Organismus zu
arbeiten hat, müssen aus seiner Fähigkeit heraus und aus den Bedingungen
eines menschenwürdigen Daseins geregelt werden. Das kann nur geschehen,
wenn diese Regelung von dem politischen Staate aus in Unabhängigkeit von
den Verwaltungen des Wirtschaftslebens geschieht.
[5] Es ist durchaus möglich, dass im Leben Vorgänge nicht nur in einem
falschen Sinne erklärt werden, sondern daß sie sich in einem falschen
Sinne vollziehen. Geld und Arbeit _sind_ keine austauschbaren Werte,
sondern nur Geld und Arbeitserzeugnis. Gebe ich daher Geld für Arbeit,
so _tue_ ich etwas falsches. Ich schaffe einen Scheinvorgang. Denn in
Wirklichkeit _kann_ ich nur Geld für Arbeitserzeugnis geben.
Durch eine solche Regelung wird der Ware eine Wertunterlage geschaffen, die
sich vergleichen läßt mit der andern, die in den Naturbedingungen besteht.
Wie der Wert einer Ware gegenüber einer andern dadurch wächst, daß die
Gewinnung der Rohprodukte für dieselbe schwieriger ist als für die andere,
so muß der Warenwert davon abhängig werden, welche Art und welches Maß von
Arbeit zum Hervorbringen der Ware nach der Rechtsordnung aufgebracht werden
dürfen[6].
[6] Ein solches Verhältnis der Arbeit zur Rechtsordnung wird die im
Wirtschaftsleben tätigen Assoziationen nötigen mit dem, was »rechtens
ist« als mit einer _Voraussetzung_ zu rechnen. Doch wird dadurch
erreicht, daß die Wirtschaftsorganisation vom Menschen, nicht der Mensch
von der Wirtschaftsordnung abhängig ist.
Das Wirtschaftsleben wird auf diese Weise von zwei Seiten her seinen
notwendigen Bedingungen unterworfen: von Seite der Naturgrundlage, welche
die Menschheit hinnehmen muß, wie sie ihr gegeben ist, und von Seite der
Rechtsgrundlage, die aus dem Rechtsbewußtsein heraus auf dem Boden des vom
Wirtschaftsleben unabhängigen politischen Staates geschaffen werden _soll_.
Es ist leicht einzusehen, daß durch eine solche Führung des sozialen
Organismus der wirtschaftliche Wohlstand sinken und steigen wird je nach
dem Maß von Arbeit, das aus dem Rechtsbewußtsein heraus aufgewendet wird.
Allein eine solche Abhängigkeit des volkswirtschaftlichen Wohlstandes ist
im gesunden sozialen Organismus notwendig. Sie allein kann verhindern, daß
der Mensch durch das Wirtschaftsleben so verbraucht werde, daß er sein
Dasein nicht mehr als menschenwürdig empfinden kann. Und auf dem
Vorhandensein der Empfindung eines menschenunwürdigen Daseins beruhen in
Wahrheit alle Erschütterungen im sozialen Organismus.
Eine Möglichkeit, den volkswirtschaftlichen Wohlstand von der Rechtsseite
her nicht allzu stark zu vermindern, besteht in einer ähnlichen Art, wie
eine solche zur Aufbesserung der Naturgrundlage. Man kann einen wenig
ertragreichen Boden durch technische Mittel ertragreicher machen; man kann,
veranlaßt durch die allzu starke Verminderung des Wohlstandes, die Art und
das Maß der Arbeit ändern. Aber diese Änderung soll nicht aus dem Kreislauf
des Wirtschaftslebens unmittelbar erfolgen, sondern aus der _Einsicht_, die
sich auf dem Boden des vom Wirtschaftsleben unabhängigen Rechtslebens
entwickelt.
In alles, was durch das Wirtschaftsleben und das Rechtsbewußtsein in der
Organisation des sozialen Lebens hervorgebracht wird, wirkt hinein, was aus
einer dritten Quelle stammt: aus den individuellen Fähigkeiten des
einzelnen Menschen. Dieses Gebiet umfaßt alles von den höchsten geistigen
Leistungen bis zu dem, was in Menschenwerke einfließt durch die bessere
oder weniger gute körperliche Eignung des Menschen für Leistungen, die dem
sozialen Organismus dienen. Was aus dieser Quelle stammt, muß in den
gesunden sozialen Organismus auf ganz andere Art einfließen, als dasjenige,
was im Warenaustausch lebt, und was aus dem Staatsleben fließen kann. Es
gibt keine andere Möglichkeit, diese Aufnahme in gesunder Art zu bewirken,
als sie von der freien Empfänglichkeit der Menschen und von den Impulsen,
die aus den individuellen Fähigkeiten selbst kommen, abhängig sein zu
lassen. Werden die durch solche Fähigkeiten erstehenden Menschenleistungen
vom Wirtschaftsleben oder von der Staatsorganisation künstlich beeinflußt,
so wird ihnen die wahre Grundlage ihres eigenen Lebens zum größten Teile
entzogen. Diese Grundlage kann nur in der Kraft bestehen, welche die
Menschenleistungen aus sich selbst entwickeln müssen. Wird die
Entgegennahme solcher Leistungen vom Wirtschaftsleben unmittelbar bedingt,
oder vom Staate organisiert, so wird die freie Empfänglichkeit für sie
gelähmt. Sie ist aber allein geeignet, sie in gesunder Form in den sozialen
Organismus einfließen zu lassen. Für das Geistesleben, mit dem auch die
Entwicklung der anderen individuellen Fähigkeiten im Menschenleben durch
unübersehbar viele Fäden zusammenhängt, ergibt sich nur eine gesunde
Entwicklungsmöglichkeit, wenn es in der Hervorbringung auf seine eigenen
Impulse gestellt ist, und wenn es in verständnisvollem Zusammenhange mit
den Menschen steht, die seine Leistungen empfangen.
Worauf hier als auf die gesunden Entwicklungsbedingungen des Geisteslebens
gedeutet wird, das wird gegenwärtig nicht durchschaut, weil der rechte
Blick dafür getrübt ist durch die Verschmelzung eines großen Teiles dieses
Lebens mit dem politischen Staatsleben. Diese Verschmelzung hat sich im
Laufe der letzten Jahrhunderte ergeben und man hat sich in sie
hineingewöhnt. Man spricht ja wohl von »Freiheit der Wissenschaft und des
Lehrens«. Aber man betrachtet es als selbstverständlich, daß der politische
Staat die »freie Wissenschaft« und das »freie Lehren« verwaltet. Man
entwickelt keine Empfindung dafür, wie dieser Staat dadurch das
Geistesleben von seinen staatlichen Bedürfnissen abhängig macht. Man denkt,
der Staat schafft die Stellen, an denen gelehrt wird; dann können
diejenigen, welche diese Stellen einnehmen, das Geistesleben »frei«
entfalten. Man beachtet, indem man sich an eine solche Meinung gewöhnt,
nicht, wie eng verbunden _der Inhalt_ des geistigen Lebens ist mit dem
innersten Wesen des Menschen, in dem er sich entfaltet. Wie diese
Entfaltung nur dann eine freie sein kann, wenn sie durch keine andern
Impulse in den sozialen Organismus hineingestellt ist als allein durch
solche, die aus dem Geistesleben selbst kommen. Durch die Verschmelzung mit
dem Staatsleben hat eben nicht nur die Verwaltung der Wissenschaft und des
Teiles des Geisteslebens, der mit ihr zusammenhängt, in den letzten
Jahrhunderten das Gepräge erhalten, sondern auch der Inhalt selbst. Gewiß,
was in Mathematik oder Physik produziert wird, kann nicht unmittelbar vom
Staate beeinflußt werden. Aber man denke an die Geschichte, an die andern
Kulturwissenschaften. Sind sie nicht ein Spiegelbild dessen geworden, was
sich aus dem Zusammenhang ihrer Träger mit dem Staatsleben ergeben hat, aus
den Bedürfnissen dieses Lebens heraus? Gerade durch diesen ihnen
aufgeprägten Charakter haben die gegenwärtigen wissenschaftlich
orientierten, das Geistesleben beherrschenden Vorstellungen auf das
Proletariat als Ideologie gewirkt. Dieses bemerkte, wie ein gewisser
Charakter den Menschengedanken aufgeprägt wird durch die Bedürfnisse des
Staatslebens, in welchem den Interessen der leitenden Klassen entsprochen
wird. Ein Spiegelbild der materiellen Interessen und Interessenkämpfe sah
der proletarisch Denkende. Das erzeugte in ihm die Empfindung, alles
Geistesleben sei Ideologie, sei Spiegelung der ökonomischen Organisation.
Eine solche, das geistige Leben des Menschen verödende Anschauung hört auf,
wenn die Empfindung entstehen kann: im geistigen Gebiet waltet eine über
das materielle Außenleben hinausgehende Wirklichkeit, die ihren Inhalt in
sich selber trägt. Es ist unmöglich, daß eine solche Empfindung ersteht,
wenn das Geistesleben nicht aus seinen eigenen Impulsen heraus sich
innerhalb des sozialen Organismus frei entfaltet und verwaltet. Nur solche
Träger des Geisteslebens, die innerhalb einer derartigen Entfaltung und
Verwaltung stehen, haben die Kraft, diesem Leben das ihm gebührende Gewicht
im sozialen Organismus zu verschaffen. Kunst, Wissenschaft, Weltanschauung
und alles, was damit zusammenhängt, bedarf einer solchen selbständigen
Stellung in der menschlichen Gesellschaft. Denn im geistigen Leben hängt
alles zusammen. Die Freiheit des Einen kann nicht ohne die Freiheit des
Andern gedeihen. Wenn auch Mathematik und Physik in ihrem Inhalt nicht von
den Bedürfnissen des Staates unmittelbar zu beeinflussen sind: was man von
ihnen entwickelt, wie die Menschen über ihren Wert denken, welche Wirkung
ihre Pflege auf das ganze übrige Geistesleben haben kann, und vieles andere
wird durch diese Bedürfnisse bedingt, wenn der Staat Zweige des
Geisteslebens verwaltet. Es ist ein anderes, wenn der die niederste
Schulstufe versorgende Lehrer den Impulsen des Staatslebens folgt; ein
anderes, wenn er diese Impulse erhält aus einem Geistesleben heraus, das
auf sich selbst gestellt ist. Die Sozialdemokratie hat auch auf diesem
Gebiete nur die Erbschaft aus den Denkgewohnheiten und Gepflogenheiten der
leitenden Kreise übernommen. Sie betrachtet es als ihr Ideal, das geistige
Leben in den auf das Wirtschaftsleben gebauten Gesellschaftskörper
einzubeziehen. Sie könnte, wenn sie dieses von ihr gesetzte Ziel erreichte,
damit den Weg nur fortsetzen, auf dem das Geistesleben seine Entwertung
gefunden hat. Sie hat eine richtige Empfindung einseitig entwickelt mit
ihrer Forderung: Religion müsse Privatsache sein. Denn im gesunden sozialen
Organismus muß alles Geistesleben dem Staate und der Wirtschaft gegenüber
in dem hier angedeuteten Sinn »Privatsache« sein. Aber die Sozialdemokratie
geht bei der Überweisung der Religion auf das Privatgebiet nicht von der
Meinung aus, daß einem geistigen Gute dadurch eine Stellung innerhalb des
sozialen Organismus geschaffen werde, durch die es zu einer
wünschenswerteren, höheren Entwicklung kommen werde als unter dem Einfluß
des Staates. Sie ist der Meinung, daß der soziale Organismus durch seine
Mittel nur pflegen dürfe, was _ihm_ Lebensbedürfnis ist. Und ein solches
sei das religiöse Geistesgut nicht. In dieser Art, einseitig aus dem
öffentlichen Leben herausgestellt, kann ein Zweig des Geisteslebens nicht
gedeihen, wenn das andere Geistesgut gefesselt ist. Das religiöse Leben der
neueren Menschheit wird in Verbindung mit allem befreiten Geistesleben
seine für diese Menschheit seelentragende Kraft entwickeln.
Nicht nur die Hervorbringung, sondern auch die Aufnahme dieses
Geisteslebens durch die Menschheit muß auf dem freien Seelenbedürfnis
beruhen. Lehrer, Künstler usw., die in ihrer sozialen Stellung nur im
unmittelbaren Zusammenhange sind mit einer Gesetzgebung und Verwaltung, die
aus dem Geistesleben selbst sich ergeben und die nur von dessen Impulsen
getragen sind, werden durch die Art ihres Wirkens die Empfänglichkeit für
ihre Leistungen entwickeln können bei Menschen, welche durch den _aus sich_
wirkenden politischen Staat davor behütet werden, nur dem Zwang zur Arbeit
zu unterliegen, sondern denen das Recht auch die Muße gibt, welche das
Verständnis für geistige Güter weckt. Den Menschen, die sich
»Lebenspraktiker« dünken, mag bei solchen Gedanken der Glaube aufsteigen:
die Menschen werden ihre Mußezeit vertrinken, und man werde in den
Analphabetismus zurückfallen, wenn der Staat für solche Muße sorgt, und
wenn der Besuch der Schule in das freie Verständnis der Menschen gestellt
ist. Möchten solche »Pessimisten« doch abwarten, was wird, wenn die Welt
nicht mehr unter ihrem Einfluß steht. Dieser ist nur allzu oft von einem
gewissen Gefühle bestimmt, das ihnen leise zuflüstert, wie sie ihre Muße
verwenden, und was sie nötig hatten, um sich ein wenig »Bildung«
anzueignen. Mit der zündenden Kraft, die ein wirklich auf sich selbst
gestelltes Geistesleben im sozialen Organismus hat, können sie ja nicht
rechnen, denn das gefesselte, das sie kennen, hat auf sie nie eine solch
zündende Kraft ausüben können.
Sowohl der politische Staat wie das Wirtschaftsleben werden den Zufluß aus
dem Geistesleben, den sie brauchen, von dem sich selbst verwaltenden
geistigen Organismus erhalten. Auch die praktische Bildung für das
Wirtschaftsleben wird durch das freie Zusammenwirken desselben mit dem
Geistesorganismus ihre volle Kraft erst entfalten können. Entsprechend
vorgebildete Menschen werden die Erfahrungen, die sie im Wirtschaftsgebiet
machen können durch die Kraft, die ihnen aus dem befreiten Geistesgut
kommt, beleben. Menschen mit einer aus dem Wirtschaftsleben gewonnenen
Erfahrung werden den Übergang finden in die Geistesorganisation und in
derselben befruchtend wirken auf dasjenige, was so befruchtet werden muß.
Auf dem Gebiete des politischen Staates werden sich die notwendigen
gesunden Ansichten durch eine solche freie Wirkung des Geistesgutes bilden.
Der handwerklich Arbeitende wird durch den Einfluß eines solchen
Geistesgutes eine ihn befriedigende Empfindung von der Stellung seiner
Arbeit im sozialen Organismus sich aneignen können. Er wird zu der Einsicht
kommen, wie ohne die Leitung, welche die handwerkliche Arbeit
zweckentsprechend organisiert, der soziale Organismus ihn nicht tragen
kann. Er wird das Gefühl von der Zusammengehörigkeit _seiner_ Arbeit mit
den organisierenden Kräften, die aus der Entwicklung individueller
menschlicher Fähigkeiten stammen, in sich aufnehmen können. Er wird auf dem
Boden des politischen Staates die Rechte ausbilden, welche ihm den Anteil
sichern an dem Ertrage der Waren, die er erzeugt; und er wird in freier
Weise dem ihm zukommenden Geistesgut denjenigen Anteil gönnen, der dessen
Entstehung ermöglicht. Auf dem Gebiet des Geisteslebens wird die
Möglichkeit entstehen, daß dessen Hervorbringer von den Erträgnissen ihrer
Leistungen auch leben. Was jemand für sich im Gebiete des Geisteslebens
treibt, wird seine engste Privatsache bleiben; was jemand für den sozialen
Organismus zu leisten vermag, wird mit der freien Entschädigung derer
rechnen können, denen das Geistesgut Bedürfnis ist. Wer durch solche
Entschädigung innerhalb der Geistesorganisation das nicht finden kann, was
er braucht, wird übergehen müssen zum Gebiet des politischen Staates oder
des Wirtschaftslebens.
In das Wirtschaftsleben fließen ein die aus dem geistigen Leben stammenden
technischen Ideen. Sie stammen aus dem geistigen Leben, auch wenn sie
unmittelbar von Angehörigen des Staats- oder Wirtschaftsgebietes kommen.
Daher kommen alle die organisatorischen Ideen und Kräfte, welche das
wirtschaftliche und staatliche Leben befruchten. Die Entschädigung für
diesen Zufluß in die beiden sozialen Gebiete wird entweder auch durch das
freie Verständnis derer zustande kommen, die auf diesen Zufluß angewiesen
sind, oder sie wird durch Rechte ihre Regelung finden, welche im Gebiete
des politischen Staates ausgebildet werden. Was dieser politische Staat
selber für seine Erhaltung fordert, das wird aufgebracht werden durch das
Steuerrecht. Dieses wird durch eine Harmonisierung der Forderungen des
Rechtsbewußtseins mit denen des Wirtschaftslebens sich ausbilden.
Neben dem politischen und dem Wirtschaftsgebiet muß im gesunden sozialen
Organismus das auf sich selbst gestellte Geistesgebiet wirken. Nach der
Dreigliederung dieses Organismus weist die Richtung der Entwicklungskräfte
der neueren Menschheit. Solange das gesellschaftliche Leben im wesentlichen
durch die Instinktkräfte eines großen Teiles der Menschheit sich führen
ließ, trat der Drang nach dieser entschiedenen Gliederung nicht auf. In
einer gewissen Dumpfheit des sozialen Lebens wirkte zusammen, was im
Grunde immer aus drei Quellen stammte. Die neuere Zeit fordert ein bewußtes
Sichhineinstellen des Menschen in den Gesellschaftsorganismus. Dieses
Bewußtsein kann dem Verhalten und dem ganzen Leben der Menschen nur dann
eine gesunde Gestaltung geben, wenn es von drei Seiten her orientiert ist.
Nach dieser Orientierung strebt in den unbewußten Tiefen des Seelischen die
moderne Menschheit; und was sich als soziale Bewegung auslebt, ist nur der
getrübte Abglanz dieses Strebens.
Aus andern Grundlagen heraus, als die sind, in denen wir heute leben,
tauchte aus tiefen Untergründen der menschlichen Natur heraus am Ende des
18. Jahrhunderts der Ruf nach einer Neugestaltung des sozialen menschlichen
Organismus. Da hörte man wie eine Devise dieser Neuorganisation die drei
Worte: Brüderlichkeit, Gleichheit, Freiheit. Nun wohl, derjenige, der sich
mit vorurteilslosem Sinn und mit einem gesunden Menschheitsempfinden
einläßt auf die Wirklichkeit der menschlichen Entwicklung, der kann
natürlich nicht anders, als Verständnis haben für alles, worauf diese Worte
deuten. Dennoch, es gab scharfsinnige Denker, welche im Laufe des
19. Jahrhunderts sich Mühe gegeben haben, zu zeigen, wie es unmöglich ist,
in einem einheitlichen sozialen Organismus diese Ideen von Brüderlichkeit,
Gleichheit, Freiheit zu verwirklichen. Solche glaubten zu erkennen, daß
sich diese drei Impulse, wenn sie sich verwirklichen sollen, im sozialen
Organismus widersprechen müssen. Scharfsinnig ist nachgewiesen worden
z. B., wie unmöglich es ist, wenn der Impuls der _Gleichheit_ sich
verwirklicht, daß dann auch die in jedem Menschenwesen notwendig begründete
Freiheit zur Geltung komme. Und man kann gar nicht anders als zustimmen
denen, die diesen Widerspruch finden; und doch muß man zugleich aus einem
allgemein menschlichen Empfinden heraus mit jedem dieser drei Ideale
Sympathie haben!