Der gegenwärtig am öffentlichen Leben interessierte Mensch lenkt gewöhnlich

seinen Blick auf Dinge, die erst in zweiter Linie für dieses Leben in

Betracht kommen. Er tut dieses, weil ihn seine Denkgewohnheit dazu bringt,

den sozialen Organismus als ein einheitliches Gebilde aufzufassen. Für ein

_solches_ Gebilde aber kann sich kein ihm entsprechender Wahlmodus finden.

Denn bei _jedem_ Wahlmodus müssen sich im Vertretungskörper die

wirtschaftlichen Interessen und die Impulse des Rechtslebens stören. Und

was aus der Störung für das soziale Leben fließt, _muß_ zu Erschütterungen

des Gesellschaftsorganismus führen. Obenan als notwendige Zielsetzung des

öffentlichen Lebens muß gegenwärtig das Hinarbeiten auf eine durchgreifende

Trennung des Wirtschaftslebens und der Rechtsorganisation stehen. Indem man

sich in diese Trennung hineinlebt, werden die sich trennenden

Organisationen aus ihren eigenen Grundlagen heraus die besten Arten für

die Wahlen ihrer Gesetzgeber und Verwalter finden. In dem, was gegenwärtig

zur Entscheidung drängt, kommen Fragen des Wahlmodus, wenn sie auch als

solche von fundamentaler Bedeutung sind, doch erst in zweiter Linie in

Betracht. Wo die alten Verhältnisse noch vorhanden sind, wäre aus diesen

heraus auf die angedeutete Gliederung hinzuarbeiten. Wo das Alte sich

bereits aufgelöst hat, oder in der Auflösung begriffen ist, müßten

Einzelpersonen und Bündnisse zwischen Personen die Initiative zu einer

Neugestaltung versuchen, die sich in der gekennzeichneten Richtung bewegt.

Von heute zu morgen eine Umwandlung des öffentlichen Lebens herbeiführen zu

wollen, das sehen auch vernünftige Sozialisten als Schwarmgeisterei an.

Solche erwarten die von ihnen gemeinte Gesundung durch eine allmähliche,

sachgemäße Umwandlung. Daß aber die geschichtlichen Entwicklungskräfte der

Menschheit gegenwärtig ein vernünftiges Wollen nach der Richtung einer

sozialen Neuordnung notwendig machen, das können jedem Unbefangenen

weithinleuchtende Tatsachen lehren.

Wer für »praktisch durchführbar« nur dasjenige hält, an das er sich aus

engem Lebensgesichtskreis heraus gewöhnt hat, der wird das hier Angedeutete

für »unpraktisch« halten. Kann er sich nicht bekehren, und behält er auf

irgend einem Lebensgebiete Einfluß, dann wird er nicht zur Gesundung,

sondern zur weiteren Erkrankung des sozialen Organismus wirken, wie Leute

seiner Gesinnung an der Herbeiführung der gegenwärtigen Zustände gewirkt

haben.

Die Bestrebung, mit der führende Kreise der Menschheit begonnen haben und

die zur Überleitung gewisser Wirtschaftszweige (Post, Eisenbahnen usw.) in

das Staatsleben geführt hat, muß der entgegengesetzten weichen: der

Herauslösung alles Wirtschaftens aus dem Gebiete des politischen

Staatswesens. Denker, welche mit ihrem Wollen glauben, sich in der Richtung

nach einem gesunden sozialen Organismus zu befinden, ziehen die äußerste

Folgerung der Verstaatlichungsbestrebungen dieser bisher leitenden Kreise.

Sie wollen die Vergesellschaftung aller Mittel des Wirtschaftslebens,

insofern diese Produktionsmittel sind. Eine gesunde Entwicklung wird dem

wirtschaftlichen Leben seine Selbständigkeit geben und dem politischen

Staate die Fähigkeit, durch die Rechtsordnung auf den Wirtschaftskörper so

zu wirken, daß der einzelne Mensch seine Eingliederung in den sozialen

Organismus nicht im Widerspruche mit seinem Rechtsbewußtsein empfindet.

Man kann durchschauen, wie die hier vorgebrachten Gedanken _im wirklichen

Leben_ der Menschheit begründet sind, wenn man den Blick auf die Arbeit

lenkt, welche der Mensch für den sozialen Organismus durch seine

körperliche Arbeitskraft verrichtet. Innerhalb der kapitalistischen

Wirtschaftsform hat sich diese Arbeit dem sozialen Organismus so

eingegliedert, daß sie durch den Arbeitgeber wie eine Ware dem Arbeitnehmer

abgekauft wird. Ein Tausch wird eingegangen zwischen Geld (als Repräsentant

der Waren) und Arbeit. Aber ein solcher Tausch kann sich in Wirklichkeit

gar nicht vollziehen. Er _scheint_ sich nur zu vollziehen[5]. In

Wirklichkeit nimmt der Arbeitgeber von dem Arbeiter Waren entgegen, die nur

entstehen können, wenn der Arbeiter seine Arbeitskraft für die Entstehung

hingibt. Aus dem Gegenwert dieser Waren erhält der Arbeiter einen Anteil,

der Arbeitgeber den andern. Die Produktion der Waren erfolgt durch das

Zusammenwirken des Arbeitgebers und Arbeitnehmers. Das Produkt des

gemeinsamen Wirkens geht erst in den Kreislauf des Wirtschaftslebens über.

Zur Herstellung des Produktes ist ein Rechtsverhältnis zwischen Arbeiter

und Unternehmer notwendig. Dieses kann aber durch die kapitalistische

Wirtschaftsart in ein solches verwandelt werden, welches durch die

wirtschaftliche Übermacht des Arbeitgebers über den Arbeiter bedingt ist.

Im gesunden sozialen Organismus muß zutage treten, daß die Arbeit nicht

bezahlt werden kann. Denn diese kann nicht im Vergleich mit einer Ware

einen wirtschaftlichen Wert erhalten. Einen solchen hat erst die durch

Arbeit hervorgebrachte Ware im Vergleich mit andern Waren. Die Art, wie,

und das Maß, in dem ein Mensch für den Bestand des sozialen Organismus zu

arbeiten hat, müssen aus seiner Fähigkeit heraus und aus den Bedingungen

eines menschenwürdigen Daseins geregelt werden. Das kann nur geschehen,

wenn diese Regelung von dem politischen Staate aus in Unabhängigkeit von

den Verwaltungen des Wirtschaftslebens geschieht.

[5] Es ist durchaus möglich, dass im Leben Vorgänge nicht nur in einem

falschen Sinne erklärt werden, sondern daß sie sich in einem falschen

Sinne vollziehen. Geld und Arbeit _sind_ keine austauschbaren Werte,

sondern nur Geld und Arbeitserzeugnis. Gebe ich daher Geld für Arbeit,

so _tue_ ich etwas falsches. Ich schaffe einen Scheinvorgang. Denn in

Wirklichkeit _kann_ ich nur Geld für Arbeitserzeugnis geben.

Durch eine solche Regelung wird der Ware eine Wertunterlage geschaffen, die

sich vergleichen läßt mit der andern, die in den Naturbedingungen besteht.

Wie der Wert einer Ware gegenüber einer andern dadurch wächst, daß die

Gewinnung der Rohprodukte für dieselbe schwieriger ist als für die andere,

so muß der Warenwert davon abhängig werden, welche Art und welches Maß von

Arbeit zum Hervorbringen der Ware nach der Rechtsordnung aufgebracht werden

dürfen[6].

[6] Ein solches Verhältnis der Arbeit zur Rechtsordnung wird die im

Wirtschaftsleben tätigen Assoziationen nötigen mit dem, was »rechtens

ist« als mit einer _Voraussetzung_ zu rechnen. Doch wird dadurch

erreicht, daß die Wirtschaftsorganisation vom Menschen, nicht der Mensch

von der Wirtschaftsordnung abhängig ist.

Das Wirtschaftsleben wird auf diese Weise von zwei Seiten her seinen

notwendigen Bedingungen unterworfen: von Seite der Naturgrundlage, welche

die Menschheit hinnehmen muß, wie sie ihr gegeben ist, und von Seite der

Rechtsgrundlage, die aus dem Rechtsbewußtsein heraus auf dem Boden des vom

Wirtschaftsleben unabhängigen politischen Staates geschaffen werden _soll_.

Es ist leicht einzusehen, daß durch eine solche Führung des sozialen

Organismus der wirtschaftliche Wohlstand sinken und steigen wird je nach

dem Maß von Arbeit, das aus dem Rechtsbewußtsein heraus aufgewendet wird.

Allein eine solche Abhängigkeit des volkswirtschaftlichen Wohlstandes ist

im gesunden sozialen Organismus notwendig. Sie allein kann verhindern, daß

der Mensch durch das Wirtschaftsleben so verbraucht werde, daß er sein

Dasein nicht mehr als menschenwürdig empfinden kann. Und auf dem

Vorhandensein der Empfindung eines menschenunwürdigen Daseins beruhen in

Wahrheit alle Erschütterungen im sozialen Organismus.

Eine Möglichkeit, den volkswirtschaftlichen Wohlstand von der Rechtsseite

her nicht allzu stark zu vermindern, besteht in einer ähnlichen Art, wie

eine solche zur Aufbesserung der Naturgrundlage. Man kann einen wenig

ertragreichen Boden durch technische Mittel ertragreicher machen; man kann,

veranlaßt durch die allzu starke Verminderung des Wohlstandes, die Art und

das Maß der Arbeit ändern. Aber diese Änderung soll nicht aus dem Kreislauf

des Wirtschaftslebens unmittelbar erfolgen, sondern aus der _Einsicht_, die

sich auf dem Boden des vom Wirtschaftsleben unabhängigen Rechtslebens

entwickelt.

In alles, was durch das Wirtschaftsleben und das Rechtsbewußtsein in der

Organisation des sozialen Lebens hervorgebracht wird, wirkt hinein, was aus

einer dritten Quelle stammt: aus den individuellen Fähigkeiten des

einzelnen Menschen. Dieses Gebiet umfaßt alles von den höchsten geistigen

Leistungen bis zu dem, was in Menschenwerke einfließt durch die bessere

oder weniger gute körperliche Eignung des Menschen für Leistungen, die dem

sozialen Organismus dienen. Was aus dieser Quelle stammt, muß in den

gesunden sozialen Organismus auf ganz andere Art einfließen, als dasjenige,

was im Warenaustausch lebt, und was aus dem Staatsleben fließen kann. Es

gibt keine andere Möglichkeit, diese Aufnahme in gesunder Art zu bewirken,

als sie von der freien Empfänglichkeit der Menschen und von den Impulsen,

die aus den individuellen Fähigkeiten selbst kommen, abhängig sein zu

lassen. Werden die durch solche Fähigkeiten erstehenden Menschenleistungen

vom Wirtschaftsleben oder von der Staatsorganisation künstlich beeinflußt,

so wird ihnen die wahre Grundlage ihres eigenen Lebens zum größten Teile

entzogen. Diese Grundlage kann nur in der Kraft bestehen, welche die

Menschenleistungen aus sich selbst entwickeln müssen. Wird die

Entgegennahme solcher Leistungen vom Wirtschaftsleben unmittelbar bedingt,

oder vom Staate organisiert, so wird die freie Empfänglichkeit für sie

gelähmt. Sie ist aber allein geeignet, sie in gesunder Form in den sozialen

Organismus einfließen zu lassen. Für das Geistesleben, mit dem auch die

Entwicklung der anderen individuellen Fähigkeiten im Menschenleben durch

unübersehbar viele Fäden zusammenhängt, ergibt sich nur eine gesunde

Entwicklungsmöglichkeit, wenn es in der Hervorbringung auf seine eigenen

Impulse gestellt ist, und wenn es in verständnisvollem Zusammenhange mit

den Menschen steht, die seine Leistungen empfangen.

Worauf hier als auf die gesunden Entwicklungsbedingungen des Geisteslebens

gedeutet wird, das wird gegenwärtig nicht durchschaut, weil der rechte

Blick dafür getrübt ist durch die Verschmelzung eines großen Teiles dieses

Lebens mit dem politischen Staatsleben. Diese Verschmelzung hat sich im

Laufe der letzten Jahrhunderte ergeben und man hat sich in sie

hineingewöhnt. Man spricht ja wohl von »Freiheit der Wissenschaft und des

Lehrens«. Aber man betrachtet es als selbstverständlich, daß der politische

Staat die »freie Wissenschaft« und das »freie Lehren« verwaltet. Man

entwickelt keine Empfindung dafür, wie dieser Staat dadurch das

Geistesleben von seinen staatlichen Bedürfnissen abhängig macht. Man denkt,

der Staat schafft die Stellen, an denen gelehrt wird; dann können

diejenigen, welche diese Stellen einnehmen, das Geistesleben »frei«

entfalten. Man beachtet, indem man sich an eine solche Meinung gewöhnt,

nicht, wie eng verbunden _der Inhalt_ des geistigen Lebens ist mit dem

innersten Wesen des Menschen, in dem er sich entfaltet. Wie diese

Entfaltung nur dann eine freie sein kann, wenn sie durch keine andern

Impulse in den sozialen Organismus hineingestellt ist als allein durch

solche, die aus dem Geistesleben selbst kommen. Durch die Verschmelzung mit

dem Staatsleben hat eben nicht nur die Verwaltung der Wissenschaft und des

Teiles des Geisteslebens, der mit ihr zusammenhängt, in den letzten

Jahrhunderten das Gepräge erhalten, sondern auch der Inhalt selbst. Gewiß,

was in Mathematik oder Physik produziert wird, kann nicht unmittelbar vom

Staate beeinflußt werden. Aber man denke an die Geschichte, an die andern

Kulturwissenschaften. Sind sie nicht ein Spiegelbild dessen geworden, was

sich aus dem Zusammenhang ihrer Träger mit dem Staatsleben ergeben hat, aus

den Bedürfnissen dieses Lebens heraus? Gerade durch diesen ihnen

aufgeprägten Charakter haben die gegenwärtigen wissenschaftlich

orientierten, das Geistesleben beherrschenden Vorstellungen auf das

Proletariat als Ideologie gewirkt. Dieses bemerkte, wie ein gewisser

Charakter den Menschengedanken aufgeprägt wird durch die Bedürfnisse des

Staatslebens, in welchem den Interessen der leitenden Klassen entsprochen

wird. Ein Spiegelbild der materiellen Interessen und Interessenkämpfe sah

der proletarisch Denkende. Das erzeugte in ihm die Empfindung, alles

Geistesleben sei Ideologie, sei Spiegelung der ökonomischen Organisation.

Eine solche, das geistige Leben des Menschen verödende Anschauung hört auf,

wenn die Empfindung entstehen kann: im geistigen Gebiet waltet eine über

das materielle Außenleben hinausgehende Wirklichkeit, die ihren Inhalt in

sich selber trägt. Es ist unmöglich, daß eine solche Empfindung ersteht,

wenn das Geistesleben nicht aus seinen eigenen Impulsen heraus sich

innerhalb des sozialen Organismus frei entfaltet und verwaltet. Nur solche

Träger des Geisteslebens, die innerhalb einer derartigen Entfaltung und

Verwaltung stehen, haben die Kraft, diesem Leben das ihm gebührende Gewicht

im sozialen Organismus zu verschaffen. Kunst, Wissenschaft, Weltanschauung

und alles, was damit zusammenhängt, bedarf einer solchen selbständigen

Stellung in der menschlichen Gesellschaft. Denn im geistigen Leben hängt

alles zusammen. Die Freiheit des Einen kann nicht ohne die Freiheit des

Andern gedeihen. Wenn auch Mathematik und Physik in ihrem Inhalt nicht von

den Bedürfnissen des Staates unmittelbar zu beeinflussen sind: was man von

ihnen entwickelt, wie die Menschen über ihren Wert denken, welche Wirkung

ihre Pflege auf das ganze übrige Geistesleben haben kann, und vieles andere

wird durch diese Bedürfnisse bedingt, wenn der Staat Zweige des

Geisteslebens verwaltet. Es ist ein anderes, wenn der die niederste

Schulstufe versorgende Lehrer den Impulsen des Staatslebens folgt; ein

anderes, wenn er diese Impulse erhält aus einem Geistesleben heraus, das

auf sich selbst gestellt ist. Die Sozialdemokratie hat auch auf diesem

Gebiete nur die Erbschaft aus den Denkgewohnheiten und Gepflogenheiten der

leitenden Kreise übernommen. Sie betrachtet es als ihr Ideal, das geistige

Leben in den auf das Wirtschaftsleben gebauten Gesellschaftskörper

einzubeziehen. Sie könnte, wenn sie dieses von ihr gesetzte Ziel erreichte,

damit den Weg nur fortsetzen, auf dem das Geistesleben seine Entwertung

gefunden hat. Sie hat eine richtige Empfindung einseitig entwickelt mit

ihrer Forderung: Religion müsse Privatsache sein. Denn im gesunden sozialen

Organismus muß alles Geistesleben dem Staate und der Wirtschaft gegenüber

in dem hier angedeuteten Sinn »Privatsache« sein. Aber die Sozialdemokratie

geht bei der Überweisung der Religion auf das Privatgebiet nicht von der

Meinung aus, daß einem geistigen Gute dadurch eine Stellung innerhalb des

sozialen Organismus geschaffen werde, durch die es zu einer

wünschenswerteren, höheren Entwicklung kommen werde als unter dem Einfluß

des Staates. Sie ist der Meinung, daß der soziale Organismus durch seine

Mittel nur pflegen dürfe, was _ihm_ Lebensbedürfnis ist. Und ein solches

sei das religiöse Geistesgut nicht. In dieser Art, einseitig aus dem

öffentlichen Leben herausgestellt, kann ein Zweig des Geisteslebens nicht

gedeihen, wenn das andere Geistesgut gefesselt ist. Das religiöse Leben der

neueren Menschheit wird in Verbindung mit allem befreiten Geistesleben

seine für diese Menschheit seelentragende Kraft entwickeln.

Nicht nur die Hervorbringung, sondern auch die Aufnahme dieses

Geisteslebens durch die Menschheit muß auf dem freien Seelenbedürfnis

beruhen. Lehrer, Künstler usw., die in ihrer sozialen Stellung nur im

unmittelbaren Zusammenhange sind mit einer Gesetzgebung und Verwaltung, die

aus dem Geistesleben selbst sich ergeben und die nur von dessen Impulsen

getragen sind, werden durch die Art ihres Wirkens die Empfänglichkeit für

ihre Leistungen entwickeln können bei Menschen, welche durch den _aus sich_

wirkenden politischen Staat davor behütet werden, nur dem Zwang zur Arbeit

zu unterliegen, sondern denen das Recht auch die Muße gibt, welche das

Verständnis für geistige Güter weckt. Den Menschen, die sich

»Lebenspraktiker« dünken, mag bei solchen Gedanken der Glaube aufsteigen:

die Menschen werden ihre Mußezeit vertrinken, und man werde in den

Analphabetismus zurückfallen, wenn der Staat für solche Muße sorgt, und

wenn der Besuch der Schule in das freie Verständnis der Menschen gestellt

ist. Möchten solche »Pessimisten« doch abwarten, was wird, wenn die Welt

nicht mehr unter ihrem Einfluß steht. Dieser ist nur allzu oft von einem

gewissen Gefühle bestimmt, das ihnen leise zuflüstert, wie sie ihre Muße

verwenden, und was sie nötig hatten, um sich ein wenig »Bildung«

anzueignen. Mit der zündenden Kraft, die ein wirklich auf sich selbst

gestelltes Geistesleben im sozialen Organismus hat, können sie ja nicht

rechnen, denn das gefesselte, das sie kennen, hat auf sie nie eine solch

zündende Kraft ausüben können.

Sowohl der politische Staat wie das Wirtschaftsleben werden den Zufluß aus

dem Geistesleben, den sie brauchen, von dem sich selbst verwaltenden

geistigen Organismus erhalten. Auch die praktische Bildung für das

Wirtschaftsleben wird durch das freie Zusammenwirken desselben mit dem

Geistesorganismus ihre volle Kraft erst entfalten können. Entsprechend

vorgebildete Menschen werden die Erfahrungen, die sie im Wirtschaftsgebiet

machen können durch die Kraft, die ihnen aus dem befreiten Geistesgut

kommt, beleben. Menschen mit einer aus dem Wirtschaftsleben gewonnenen

Erfahrung werden den Übergang finden in die Geistesorganisation und in

derselben befruchtend wirken auf dasjenige, was so befruchtet werden muß.

Auf dem Gebiete des politischen Staates werden sich die notwendigen

gesunden Ansichten durch eine solche freie Wirkung des Geistesgutes bilden.

Der handwerklich Arbeitende wird durch den Einfluß eines solchen

Geistesgutes eine ihn befriedigende Empfindung von der Stellung seiner

Arbeit im sozialen Organismus sich aneignen können. Er wird zu der Einsicht

kommen, wie ohne die Leitung, welche die handwerkliche Arbeit

zweckentsprechend organisiert, der soziale Organismus ihn nicht tragen

kann. Er wird das Gefühl von der Zusammengehörigkeit _seiner_ Arbeit mit

den organisierenden Kräften, die aus der Entwicklung individueller

menschlicher Fähigkeiten stammen, in sich aufnehmen können. Er wird auf dem

Boden des politischen Staates die Rechte ausbilden, welche ihm den Anteil

sichern an dem Ertrage der Waren, die er erzeugt; und er wird in freier

Weise dem ihm zukommenden Geistesgut denjenigen Anteil gönnen, der dessen

Entstehung ermöglicht. Auf dem Gebiet des Geisteslebens wird die

Möglichkeit entstehen, daß dessen Hervorbringer von den Erträgnissen ihrer

Leistungen auch leben. Was jemand für sich im Gebiete des Geisteslebens

treibt, wird seine engste Privatsache bleiben; was jemand für den sozialen

Organismus zu leisten vermag, wird mit der freien Entschädigung derer

rechnen können, denen das Geistesgut Bedürfnis ist. Wer durch solche

Entschädigung innerhalb der Geistesorganisation das nicht finden kann, was

er braucht, wird übergehen müssen zum Gebiet des politischen Staates oder

des Wirtschaftslebens.

In das Wirtschaftsleben fließen ein die aus dem geistigen Leben stammenden

technischen Ideen. Sie stammen aus dem geistigen Leben, auch wenn sie

unmittelbar von Angehörigen des Staats- oder Wirtschaftsgebietes kommen.

Daher kommen alle die organisatorischen Ideen und Kräfte, welche das

wirtschaftliche und staatliche Leben befruchten. Die Entschädigung für

diesen Zufluß in die beiden sozialen Gebiete wird entweder auch durch das

freie Verständnis derer zustande kommen, die auf diesen Zufluß angewiesen

sind, oder sie wird durch Rechte ihre Regelung finden, welche im Gebiete

des politischen Staates ausgebildet werden. Was dieser politische Staat

selber für seine Erhaltung fordert, das wird aufgebracht werden durch das

Steuerrecht. Dieses wird durch eine Harmonisierung der Forderungen des

Rechtsbewußtseins mit denen des Wirtschaftslebens sich ausbilden.

Neben dem politischen und dem Wirtschaftsgebiet muß im gesunden sozialen

Organismus das auf sich selbst gestellte Geistesgebiet wirken. Nach der

Dreigliederung dieses Organismus weist die Richtung der Entwicklungskräfte

der neueren Menschheit. Solange das gesellschaftliche Leben im wesentlichen

durch die Instinktkräfte eines großen Teiles der Menschheit sich führen

ließ, trat der Drang nach dieser entschiedenen Gliederung nicht auf. In

einer gewissen Dumpfheit des sozialen Lebens wirkte zusammen, was im

Grunde immer aus drei Quellen stammte. Die neuere Zeit fordert ein bewußtes

Sichhineinstellen des Menschen in den Gesellschaftsorganismus. Dieses

Bewußtsein kann dem Verhalten und dem ganzen Leben der Menschen nur dann

eine gesunde Gestaltung geben, wenn es von drei Seiten her orientiert ist.

Nach dieser Orientierung strebt in den unbewußten Tiefen des Seelischen die

moderne Menschheit; und was sich als soziale Bewegung auslebt, ist nur der

getrübte Abglanz dieses Strebens.

Aus andern Grundlagen heraus, als die sind, in denen wir heute leben,

tauchte aus tiefen Untergründen der menschlichen Natur heraus am Ende des

18. Jahrhunderts der Ruf nach einer Neugestaltung des sozialen menschlichen

Organismus. Da hörte man wie eine Devise dieser Neuorganisation die drei

Worte: Brüderlichkeit, Gleichheit, Freiheit. Nun wohl, derjenige, der sich

mit vorurteilslosem Sinn und mit einem gesunden Menschheitsempfinden

einläßt auf die Wirklichkeit der menschlichen Entwicklung, der kann

natürlich nicht anders, als Verständnis haben für alles, worauf diese Worte

deuten. Dennoch, es gab scharfsinnige Denker, welche im Laufe des

19. Jahrhunderts sich Mühe gegeben haben, zu zeigen, wie es unmöglich ist,

in einem einheitlichen sozialen Organismus diese Ideen von Brüderlichkeit,

Gleichheit, Freiheit zu verwirklichen. Solche glaubten zu erkennen, daß

sich diese drei Impulse, wenn sie sich verwirklichen sollen, im sozialen

Organismus widersprechen müssen. Scharfsinnig ist nachgewiesen worden

z. B., wie unmöglich es ist, wenn der Impuls der _Gleichheit_ sich

verwirklicht, daß dann auch die in jedem Menschenwesen notwendig begründete

Freiheit zur Geltung komme. Und man kann gar nicht anders als zustimmen

denen, die diesen Widerspruch finden; und doch muß man zugleich aus einem

allgemein menschlichen Empfinden heraus mit jedem dieser drei Ideale

Sympathie haben!

Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft · 第 5 / 11 段