Das neuere Geistesleben ist von den führenden Klassen der Menschheit an die

proletarische Bevölkerung in einer Form übergegangen, die seine Kraft für

das Bewußtsein dieser Bevölkerung ausschaltet. Wenn an die Kräfte gedacht

wird, welche der sozialen Frage die Lösung bringen können, so muß dies vor

allem andern verstanden werden. Bliebe diese Tatsache weiter wirksam, so

müßte sich das Geistesleben der Menschheit zur Ohnmacht verurteilt sehen

gegenüber den sozialen Forderungen der Gegenwart und Zukunft. Von dem

Glauben an diese Ohnmacht ist in der Tat ein großer Teil des modernen

Proletariats überzeugt; und diese Überzeugung wird aus marxistischen oder

ähnlichen Bekenntnissen heraus zum Ausdruck gebracht. Man sagt, das moderne

Wirtschaftsleben hat aus seinen ältern Formen heraus die kapitalistische

der Gegenwart entwickelt. Diese Entwicklung hat das Proletariat in eine ihm

unerträgliche Lage gegenüber dem Kapitale gebracht. Die Entwicklung werde

weiter gehen; sie werde den Kapitalismus durch die in ihm selbst wirkenden

Kräfte ertöten, und aus dem Tode des Kapitalismus werde die Befreiung des

Proletariates erstehen. Diese Überzeugung ist von neueren sozialistischen

Denkern des fatalistischen Charakters entkleidet worden, den sie für einen

gewissen Kreis von Marxisten angenommen hat. Aber das Wesentliche ist auch

da geblieben. Dies drückt sich darinnen aus, daß es dem, der gegenwärtig

echt sozialistisch denken will, _nicht_ beifallen wird, zu sagen: wenn

irgendwo ein aus den Impulsen der Zeit herausgeholtes, in einer geistigen

Wirklichkeit wurzelndes, die Menschen tragendes Seelenleben sich zeigt, so

wird von diesem die Kraft ausstrahlen können, die auch der sozialen

Bewegung den rechten Antrieb gibt.

Daß der zur proletarischen Lebensführung gezwungene Mensch der Gegenwart

gegenüber dem Geistesleben dieser Gegenwart eine solche Erwartung nicht

hegen kann, das gibt seiner Seele die Grundstimmung. Er bedarf eines

Geisteslebens, von dem die Kraft ausgeht, die seiner Seele die Empfindung

von seiner Menschenwürde verleiht. Denn als er in die kapitalistische

Wirtschaftsordnung der neueren Zeit hineingespannt worden ist, wurde er mit

den tiefsten Bedürfnissen seiner Seele auf ein solches Geistesleben

hingewiesen. Dasjenige Geistesleben aber, das ihm die führenden Klassen als

Ideologie überlieferten, höhlte seine Seele aus. Daß in den Forderungen des

modernen Proletariates die Sehnsucht nach einem andern Zusammenhang mit dem

Geistesleben wirkt, als ihm die gegenwärtige Gesellschaftsordnung geben

kann: dies gibt der gegenwärtigen sozialen Bewegung die richtende Kraft.

Aber diese Tatsache wird weder von dem nicht proletarischen Teile der

Menschheit richtig erfaßt, noch von dem proletarischen. Denn der nicht

proletarische leidet nicht unter dem ideologischen Gepräge des modernen

Geisteslebens, das er selbst herbeigeführt hat. Der proletarische Teil

leidet darunter. Aber dieses ideologische Gepräge des ihm vererbten

Geisteslebens hat ihm den Glauben an die tragende Kraft des Geistesgutes

als solchen geraubt. Von der rechten Einsicht in diese Tatsache hängt das

Auffinden eines Weges ab, der aus den Wirren der gegenwärtigen sozialen

Lage der Menschheit herausführen kann. Durch die gesellschaftliche Ordnung,

welche unter dem Einfluß der führenden Menschenklassen beim Heraufkommen

der neueren Wirtschaftsform entstanden ist, ist der Zugang zu einem solchen

Wege verschlossen worden. _Man wird die Kraft gewinnen müssen, ihn zu

öffnen._

Man wird auf diesem Gebiete zum Umdenken dessen kommen, was man gegenwärtig

denkt, wenn man das Gewicht der Tatsache wird richtig empfinden lernen, daß

ein gesellschaftliches Zusammenleben der Menschen, in dem das Geistesleben

als Ideologie wirkt, eine der Kräfte entbehrt, welche den sozialen

Organismus lebensfähig machen. Der gegenwärtige krankt an der Ohnmacht des

Geisteslebens. Und die Krankheit wird verschlimmert durch die Abneigung,

ihr Bestehen anzuerkennen. Durch die Anerkennung dieser Tatsache wird man

eine Grundlage gewinnen, auf der sich ein der sozialen Bewegung

entsprechendes Denken entwickeln kann.

Gegenwärtig vermeint der Proletarier eine Grundkraft seiner Seele zu

treffen, wenn er von seinem _Klassenbewußtsein_ redet. Doch die Wahrheit

ist, daß er seit seiner Einspannung in die kapitalistische

Wirtschaftsordnung nach einem Geistesleben sucht, das seine Seele tragen

kann, das ihm das _Bewußtsein seiner Menschenwürde gibt_; und daß ihm das

als ideologisch empfundene Geistesleben dieses Bewußtsein nicht entwickeln

kann. Er hat nach _diesem_ Bewußtsein gesucht, und er hat, was er nicht

finden konnte, durch das aus dem Wirtschaftsleben geborene

_Klassenbewußtsein_ ersetzt.

Sein Blick ist wie durch eine mächtige suggestive Kraft bloß hingelenkt

worden auf das Wirtschaftsleben. Und nun glaubt er nicht mehr, daß

anderswo, in einem Geistigen oder Seelischen ein Anstoß liegen könne zu

dem, was notwendig eintreten müßte auf dem Gebiete der sozialen Bewegung.

Er glaubt allein, daß durch die Entwicklung des ungeistigen, unseelischen

Wirtschaftslebens _der_ Zustand herbeigeführt werden könne, den _er_ als

den menschenwürdigen empfindet. So wurde er dazu gedrängt, sein Heil allein

in einer Umgestaltung des Wirtschaftslebens zu suchen. Zu der Meinung wurde

er gedrängt, daß durch bloße Umgestaltung des Wirtschaftslebens

verschwinden werde all der Schaden, der herrührt von der privaten

Unternehmung, von dem Egoismus des einzelnen Arbeitgebers und von der

Unmöglichkeit des einzelnen Arbeitgebers, gerecht zu werden den Ansprüchen

auf Menschenwürde, die im Arbeitnehmer leben. So kam der moderne

Proletarier dazu, das einzige Heil des sozialen Organismus zu sehen in der

Überführung allen Privatbesitzes an Produktionsmitteln in

_gemeinschaftlichen Betrieb_ oder gar gemeinschaftliches Eigentum. Eine

solche Meinung ist dadurch entstanden, daß man gewissermaßen den Blick

abgelenkt hat von allem Seelischen und Geistigen und ihn _nur_ hingerichtet

hat auf den rein ökonomischen Prozeß.

Dadurch stellte sich all das Widerspruchsvolle ein, das in der modernen

proletarischen Bewegung liegt. Der moderne Proletarier glaubt, daß aus der

Wirtschaft, aus dem Wirtschaftsleben selbst sich alles entwickeln müsse,

was ihm zuletzt sein volles Menschenrecht geben werde. Um dies volle

Menschenrecht kämpft er. Allein innerhalb seines Strebens tritt etwas auf,

was eben niemals aus dem wirtschaftlichen Leben allein als eine Folge

auftreten kann. Das ist eine bedeutende, eine eindringliche Sprache redende

Tatsache, daß geradezu im Mittelpunkte der verschiedenen Gestaltungen der

sozialen Frage aus den Lebensnotwendigkeiten der gegenwärtigen Menschheit

heraus Etwas liegt, von dem man glaubt, daß es aus dem Wirtschaftsleben

selbst hervorgehe, das aber niemals aus diesem _allein_ entspringen konnte,

das vielmehr in der geraden Fortentwicklungslinie liegt, die über das alte

Sklavenwesen durch das Leibeigenenwesen der Feudalzeit zu dem modernen

Arbeitsproletariat heraufführt. Wie auch für das moderne Leben die

Warenzirkulation, die Geldzirkulation, das Kapitalwesen, der Besitz, Wesen

von Grund und Boden usw. sich gestaltet haben, _innerhalb_ dieses modernen

Lebens hat sich etwas herausgebildet, das nicht deutlich ausgesprochen

wird, auch von dem modernen Proletarier nicht bewußt empfunden wird, das

aber der eigentliche Grundimpuls seines sozialen Wollens ist. Es ist

dieses: die moderne kapitalistische Wirtschaftsordnung kennt im Grunde

genommen nur Ware innerhalb ihres Gebietes. Sie kennt Wertbildung dieser

Waren innerhalb des wirtschaftlichen Organismus. Und es ist geworden

innerhalb des kapitalistischen Organismus der neueren Zeit etwas zu einer

_Ware_, von dem heute der Proletarier empfindet: es _darf_ nicht Ware sein.

Wenn man einmal einsehen wird, wie stark als einer der Grundimpulse der

ganzen modernen proletarischen sozialen Bewegung in den Instinkten, in den

unterbewußten Empfindungen des modernen Proletariers ein Abscheu davor

lebt, daß er seine Arbeitskraft dem Arbeitnehmer ebenso verkaufen muß, wie

man auf dem Markte Waren verkauft, der Abscheu davor, daß auf dem

Arbeitskräftemarkt nach Angebot und Nachfrage seine Arbeitskraft ihre Rolle

spielt, wie die Ware auf dem Markte unter Angebot und Nachfrage, wenn man

darauf kommen wird, welche Bedeutung dieser Abscheu vor der Ware

Arbeitskraft in der modernen sozialen Bewegung hat, wenn man ganz

unbefangen darauf blicken wird, daß, was da wirkt, auch nicht eindringlich

und radikal genug von den sozialistischen Theorien ausgesprochen wird,

_dann_ wird man zu dem ersten Impuls, dem ideologisch empfundenen

Geistesleben, den zweiten gefunden haben, von dem gesagt werden muß, daß er

heute die soziale Frage zu einer drängenden, ja brennenden macht.

Im Altertum gab es Sklaven. Der _ganze_ Mensch wurde wie eine Ware

verkauft. Etwas weniger vom Menschen, aber doch eben ein Teil des

Menschenwesens selber wurde in den Wirtschaftsprozeß eingegliedert durch

die Leibeigenschaft. Der Kapitalismus ist die Macht geworden, die noch

einem Rest des Menschenwesens den Charakter der Ware aufdrückt: der

Arbeitskraft. Ich will hier nicht sagen, daß diese Tatsache nicht bemerkt

worden sei. Im Gegenteil: sie wird im sozialen Leben der Gegenwart als eine

fundamentale Tatsache empfunden. Sie wird als etwas gefühlt, was gewichtig

in der modernen sozialen Bewegung wirkt. Aber man lenkt, indem man sie

betrachtet, den Blick lediglich auf das Wirtschaftsleben. Man macht die

Frage über den Warencharakter zu einer bloßen Wirtschaftsfrage. Man glaubt,

daß aus dem Wirtschaftsleben heraus selbst die Kräfte kommen müssen, welche

einen Zustand herbeiführen, durch den der Proletarier nicht mehr die

Eingliederung seiner Arbeitskraft in den sozialen Organismus als seiner

unwürdig empfindet. Man sieht, wie die moderne Wirtschaftsform in der

neueren geschichtlichen Entwicklung der Menschheit heraufgezogen ist. Man

sieht auch, daß diese Wirtschaftsform der menschlichen Arbeitskraft den

Charakter der Ware aufgeprägt hat. Aber man sieht nicht, wie es im

Wirtschaftsleben selbst liegt, daß alles ihm Eingegliederte zur Ware werden

_muß_. In der Erzeugung und in dem zweckmäßigen Verbrauch von Waren besteht

das Wirtschaftsleben. Man kann nicht die menschliche Arbeitskraft des

Warencharakters entkleiden, wenn man nicht die Möglichkeit findet, sie aus

dem Wirtschaftsprozeß herauszureißen. Nicht darauf kann das Bestreben

gerichtet sein, den Wirtschaftsprozeß so umzugestalten, daß _in_ ihm die

menschliche Arbeitskraft zu ihrem Rechte kommt, sondern darauf: wie bringt

man diese Arbeitskraft aus dem Wirtschaftsprozeß heraus, um sie von

sozialen Kräften bestimmen zu lassen, die ihr den Warencharakter nehmen?

Der Proletarier ersehnt einen Zustand des Wirtschaftslebens, in dem seine

Arbeitskraft ihre angemessene Stellung einnimmt. Er ersehnt ihn deshalb,

weil er nicht sieht, daß der Warencharakter seiner Arbeitskraft wesentlich

von seinem völligen Eingespanntsein in den Wirtschaftsprozeß herrührt.

Dadurch, daß er seine Arbeitskraft diesem Prozeß überliefern muß, geht er

mit seinem ganzen Menschen in demselben auf. Der Wirtschaftsprozeß strebt

so lange durch seinen eigenen Charakter danach, die Arbeitskraft in der

zweckmäßigsten Art zu verbrauchen, wie in ihm Waren verbraucht werden, so

lange man die Regelung der Arbeitskraft in ihm liegen läßt. Wie

hypnotisiert durch die Macht des modernen Wirtschaftslebens, richtet man

den Blick allein auf das, was in diesem wirken kann. Man wird durch diese

Blickrichtung nie finden, wie Arbeitskraft nicht mehr Ware zu sein braucht.

Denn eine andere Wirtschaftsform wird diese Arbeitskraft nur in einer

andern Art zur Ware machen. Die Arbeitsfrage kann man nicht in ihrer wahren

Gestalt zu einem Teile der sozialen Frage machen, solange man nicht sieht,

daß im Wirtschaftsleben Warenerzeugung, Warenaustausch und Warenkonsumtion

nach Gesetzen vor sich gehen, die durch Interessen bestimmt werden, deren

Machtbereich nicht über die menschliche Arbeitskraft ausgedehnt werden

soll.

Das neuzeitliche Denken hat nicht trennen gelernt die ganz verschiedenen

Arten, wie sich auf der einen Seite dasjenige in das Wirtschaftsleben

eingliedert, was als Arbeitskraft an den Menschen gebunden ist, und auf der

andern Seite dasjenige, was, seinem Ursprunge nach, unverbunden mit dem

Menschen auf den Wegen sich bewegt, welche die Ware nehmen muß von ihrer

Erzeugung bis zu ihrem Verbrauch. Wird sich durch eine in dieser Richtung

gehende gesunde Denkungsart die wahre Gestalt der Arbeitsfrage einerseits

zeigen, so wird anderseits sich durch diese Denkart auch erweisen, welche

Stellung das Wirtschaftsleben im gesunden sozialen Organismus einnehmen

soll.

Man sieht schon hieraus, daß die »soziale Frage« sich in drei besondere

Fragen gliedert. Durch die erste wird auf die gesunde Gestalt des

Geisteslebens im sozialen Organismus zu deuten sein; durch die zweite wird

das Arbeitsverhältnis in seiner rechten Eingliederung in das

Gemeinschaftsleben zu betrachten sein; und als drittes wird sich ergeben

können, wie das Wirtschaftsleben in diesem Leben wirken soll.

II. Die vom Leben geforderten wirklichkeitsgemäßen Lösungsversuche für die

sozialen Fragen und Notwendigkeiten

Man kann das Charakteristische, das gerade zu der besondern Gestalt

der sozialen Frage in der neueren Zeit geführt hat, wohl _so_

aussprechen, daß man sagt: Das Wirtschaftsleben, von der Technik

getragen, der moderne Kapitalismus, sie haben mit einer gewissen

naturhaften Selbstverständlichkeit gewirkt und die moderne

Gesellschaft in eine gewisse innere Ordnung gebracht. Neben der

Inanspruchnahme der menschlichen Aufmerksamkeit für dasjenige, was

Technik und Kapitalismus gebracht haben, ist die Aufmerksamkeit

abgelenkt worden für andere Zweige, andere Gebiete des sozialen

Organismus. Diesen muß ebenso notwendig vom menschlichen Bewußtsein

aus die rechte Wirksamkeit angewiesen werden, wenn der soziale

Organismus gesund sein soll.

Ich darf, um dasjenige, was hier gerade als treibende Impulse einer

_umfassenden_, _allseitigen_ Beobachtung über die soziale Frage

charakterisiert werden soll, deutlich zu sagen, vielleicht von einem

Vergleich ausgehen. Aber es wird zu beachten sein, daß mit diesem Vergleich

nichts anderes gemeint sein soll als eben ein Vergleich. Ein solcher kann

unterstützen das menschliche Verständnis, um es gerade in diejenige

Richtung zu bringen, welche notwendig ist, um sich Vorstellungen zu machen

über die Gesundung des sozialen Organismus. Wer von dem hier eingenommenen

Gesichtspunkt betrachten muß den kompliziertesten natürlichen Organismus,

den menschlichen Organismus, der muß seine Aufmerksamkeit darauf richten,

daß die ganze Wesenheit dieses menschlichen Organismus drei nebeneinander

wirksame Systeme aufzuweisen hat, von denen jedes mit einer gewissen

Selbständigkeit wirkt. Diese drei nebeneinander wirksamen Systeme kann man

etwa in folgender Weise kennzeichnen. Im menschlichen natürlichen

Organismus wirkt als ein Gebiet dasjenige System, welches in sich schließt

_Nervenleben und Sinnesleben_. Man könnte es auch nach dem wichtigsten

Gliede des Organismus, wo Nerven- und Sinnesleben gewissermaßen

zentralisiert sind, den _Kopforganismus_ nennen.

Als zweites Glied der menschlichen Organisation hat man anzuerkennen, wenn

man ein wirkliches Verständnis für sie erwerben will, das, was ich nennen

möchte das rhythmische System. Es besteht aus _Atmung_, _Blutzirkulation_,

aus all dem, was sich ausdrückt in _rhythmischen Vorgängen_ des

menschlichen Organismus.

Als drittes System hat man dann anzuerkennen alles, was als Organe und

Tätigkeiten zusammenhängt mit dem _eigentlichen Stoffwechsel_.

In diesen drei Systemen ist enthalten alles dasjenige, was in gesunder Art

unterhält, wenn es aufeinander organisiert ist, den Gesamtvorgang des

menschlichen Organismus[3].

[3] Die hier gemeinte Gliederung ist nicht eine solche nach räumlich

abgrenzbaren Leibesgliedern, sondern eine solche nach Tätigkeiten

(Funktionen) des Organismus. »Kopforganismus« ist nur zu gebrauchen,

wenn man sich bewußt ist, daß im Kopfe in erster Linie das

Nerven-Sinnesleben zentralisiert ist. Doch ist natürlich im Kopfe auch

die rhythmische und die Stoffwechseltätigkeit vorhanden, wie in den

andern Leibesgliedern die Nerven-Sinnestätigkeit vorhanden ist. Trotzdem

sind die drei Arten der Tätigkeit _ihrer Wesenheit nach_ streng

voneinander geschieden.

Ich habe versucht, in vollem Einklange mit all dem, was

naturwissenschaftliche Forschung schon heute sagen kann, diese

Dreigliederung des menschlichen natürlichen Organismus wenigstens zunächst

skizzenweise in meinem Buche »Von Seelenrätseln« zu charakterisieren. Ich

bin mir klar darüber, daß Biologie, Physiologie, die gesamte

Naturwissenschaft mit Bezug auf den Menschen in der allernächsten Zeit zu

einer solchen Betrachtung des menschlichen Organismus hindrängen werden,

welche durchschaut, wie diese drei Glieder -- Kopfsystem,

Zirkulationssystem oder Brustsystem und Stoffwechselsystem -- dadurch den

Gesamtvorgang im menschlichen Organismus aufrechterhalten, daß sie in einer

gewissen Selbständigkeit wirken, daß _nicht_ eine absolute Zentralisation

des menschlichen Organismus vorliegt, daß auch jedes dieser Systeme ein

besonderes, für sich bestehendes Verhältnis zur Außenwelt hat. Das

Kopfsystem durch die Sinne, das Zirkulationssystem oder rhythmische System

durch die Atmung, und das Stoffwechselsystem durch die Ernährungs- und

Bewegungsorgane.

Man ist mit Bezug auf naturwissenschaftliche Methoden noch nicht ganz so

weit, um dasjenige, was ich hier angedeutet habe, was aus

geisteswissenschaftlichen Untergründen heraus für die Naturwissenschaft von

mir zu verwerten gesucht worden ist, auch schon innerhalb der

naturwissenschaftlichen Kreise selbst zur allgemeinen Anerkennung in einem

solchen Grade zu bringen, wie das wünschenswert für den

Erkenntnisfortschritt erscheinen kann. Das bedeutet aber: unsere

Denkgewohnheiten, unsere ganze Art, die Welt vorzustellen, ist noch nicht

vollständig angemessen dem, was z. B. im menschlichen Organismus sich als

die innere Wesenheit des Naturwirkens darstellt. Man könnte nun wohl sagen:

Nun ja, die Naturwissenschaft kann warten, sie wird nach und nach ihren

Idealen zueilen, sie wird schon dahin kommen, solch eine Betrachtungsweise

als die ihrige anzuerkennen. Aber mit Bezug auf die Betrachtung und

namentlich das Wirken des sozialen Organismus kann man nicht warten. Da muß

nicht nur bei irgendwelchen Fachmännern, sondern da muß in jeder

Menschenseele -- denn jede Menschenseele nimmt teil an der Wirksamkeit für

den sozialen Organismus -- wenigstens eine instinktive Erkenntnis von dem

vorhanden sein, was diesem sozialen Organismus notwendig ist. Ein gesundes

Denken und Empfinden, ein gesundes Wollen und Begehren mit Bezug auf die

Gestaltung des sozialen Organismus kann sich nur entwickeln, wenn man, sei

es auch mehr oder weniger bloß instinktiv, sich klar darüber ist, daß

dieser soziale Organismus, soll er gesund sein, ebenso dreigliedrig sein

muß wie der natürliche Organismus.

Es ist nun, seit _Schäffle_ sein Buch geschrieben hat über den Bau des

sozialen Organismus, versucht worden, Analogien aufzusuchen zwischen der

Organisation eines Naturwesens -- sagen wir, der Organisation des

Menschen -- und der menschlichen Gesellschaft als solcher. Man hat

feststellen wollen, was im sozialen Organismus die Zelle ist, was

Zellengefüge sind, was Gewebe sind usw.! Noch vor kurzem ist ja ein Buch

erschienen von Merey, »Weltmutation«, in dem gewisse naturwissenschaftliche

Tatsachen und naturwissenschaftliche Gesetze einfach übertragen werden

auf -- wie man meint -- den menschlichen Gesellschaftsorganismus. Mit all

diesen Dingen, mit all diesen Analogie-Spielereien hat dasjenige, was hier

gemeint ist, absolut nichts zu tun. Und wer meint, auch in diesen

Betrachtungen werde ein solches Analogienspiel zwischen dem natürlichen

Organismus und dem gesellschaftlichen getrieben, der wird dadurch nur

beweisen, daß er nicht in den Geist des hier Gemeinten eingedrungen ist.

Denn nicht wird hier angestrebt: irgendeine für naturwissenschaftliche

Tatsachen passende Wahrheit herüber zu verpflanzen auf den sozialen

Organismus; sondern das völlig andere, daß das menschliche Denken, das

menschliche Empfinden lerne, das Lebensmögliche an der Betrachtung des

naturgemäßen Organismus zu empfinden und dann diese Empfindungsweise

anwenden könne auf den sozialen Organismus. Wenn man einfach das, was man

glaubt gelernt zu haben am natürlichen Organismus, überträgt auf den

sozialen Organismus, wie es oft geschieht, so zeigt man damit nur, daß man

sich nicht die Fähigkeiten aneignen will, den sozialen Organismus ebenso

selbständig, ebenso für sich zu betrachten, nach dessen eigenen Gesetzen zu

forschen, wie man dies nötig hat für das Verständnis des natürlichen

Organismus. In dem Augenblicke, wo man wirklich sich objektiv, wie sich der

Naturforscher gegenüberstellt dem natürlichen Organismus, dem sozialen

Organismus in seiner Selbständigkeit gegenüberstellt, um dessen eigene

Gesetze zu empfinden, in diesem Augenblicke hört gegenüber dem Ernst der

Betrachtung jedes Analogiespiel auf.

Man könnte auch denken, der hier gegebenen Darstellung liege der Glaube

zugrunde, der soziale Organismus solle von einer grauen, der

Naturwissenschaft nachgebildeten Theorie aus »aufgebaut« werden. Das aber

liegt dem, wovon hier gesprochen wird, so ferne wie nur möglich. Auf ganz

anderes soll hingedeutet werden. Die gegenwärtige geschichtliche

Menschheitskrisis fordert, daß gewisse _Empfindungen_ entstehen _in jedem

einzelnen Menschen_, daß die Anregung zu diesen Empfindungen von dem

Erziehungs- und Schulsystem so gegeben werde, wie diejenige zur Erlernung

der vier Rechnungsarten. Was bisher ohne die bewußte Aufnahme in das

menschliche Seelenleben die alten Formen des sozialen Organismus ergeben

hat, das wird in der Zukunft nicht mehr wirksam sein. Es gehört zu den

Entwicklungsimpulsen, die von der Gegenwart an neu in das Menschenleben

eintreten wollen, daß die angedeuteten Empfindungen von dem einzelnen

Menschen so gefordert werden, wie seit langem eine gewisse Schulbildung

gefordert wird. Daß man gesund empfinden lernen müsse, wie die Kräfte des

sozialen Organismus wirken sollen, damit dieser lebensfähig sich erweist,

das wird, von der Gegenwart an, von dem Menschen gefordert. Man wird sich

ein Gefühl davon aneignen müssen, daß es ungesund, antisozial ist, _nicht_

sich mit solchen Empfindungen in diesen Organismus hineinstellen zu wollen.

Man kann heute von »Sozialisierung« als von dem reden hören, was der Zeit

nötig ist. Diese Sozialisierung wird kein Heilungsprozeß, sondern ein

Kurpfuscherprozeß am sozialen Organismus sein, vielleicht sogar ein

Zerstörungsprozeß, wenn nicht in die menschlichen Herzen, in die

menschlichen Seelen einzieht wenigstens die _instinktive_ Erkenntnis von

der Notwendigkeit der _Dreigliederung des sozialen Organismus_. Dieser

soziale Organismus muß, wenn er gesund wirken soll, drei solche Glieder

gesetzmäßig ausbilden.

Eines dieser Glieder ist das Wirtschaftsleben. Hier soll mit seiner

Betrachtung begonnen werden, weil es sich ja ganz augenscheinlich, alles

übrige Leben beherrschend, durch die moderne Technik und den modernen

Kapitalismus in die menschliche Gesellschaft hereingebildet hat. Dieses

ökonomische Leben muß ein selbständiges Glied für sich innerhalb des

sozialen Organismus sein, so relativ selbständig, wie das

Nerven-Sinnes-System im menschlichen Organismus relativ selbständig ist. Zu

tun hat es dieses Wirtschaftsleben mit all dem, was Warenproduktion,

Warenzirkulation, Warenkonsum ist.

Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft · 第 3 / 11 段