Alle die Auseinandersetzungen über das neuere Wirtschaftsleben, das

Maschinenzeitalter, den Kapitalismus mögen noch so einleuchtend auf die

Tatsachengrundlage der modernen Proletarierbewegung hinweisen; was die

gegenwärtige soziale Lage entscheidend aufklärt, erfließt nicht unmittelbar

aus der Tatsache, daß der Arbeiter an die Maschine gestellt worden, daß er

in die kapitalistische Lebensordnung eingespannt worden ist. Es fließt aus

der andern Tatsache, daß ganz bestimmte _Gedanken_ sich innerhalb seines

Klassenbewußtseins an der Maschine und in der Abhängigkeit von der

kapitalistischen Wirtschaftsordnung ausgebildet haben. Es könnte sein, daß

die Denkgewohnheiten der Gegenwart manchen verhindern, die Tragweite dieses

Tatbestandes ganz zu erkennen und ihn veranlassen, in seiner Betonung nur

ein dialektisches Spiel mit Begriffen zu sehen. Dem gegenüber muß gesagt

werden: um so schlimmer für die Aussichten auf eine gedeihliche Einstellung

in das soziale Leben der Gegenwart bei denen, die nicht imstande sind, das

Wesentliche ins Auge zu fassen. Wer die proletarische Bewegung verstehen

will, der muß vor allem wissen, wie der Proletarier _denkt_. Denn die

proletarische Bewegung -- von ihren gemäßigten Reformbestrebungen an bis in

ihre verheerendsten Auswüchse hinein -- wird nicht von »außermenschlichen

Kräften«, von »Wirtschaftsimpulsen« gemacht, sondern von _Menschen_; von

deren Vorstellungen und Willensimpulsen.

Nicht in dem, was die Maschine und der Kapitalismus in das proletarische

Bewußtsein hineinverpflanzt haben, liegen die bestimmenden Ideen und

Willenskräfte der gegenwärtigen sozialen Bewegung. Diese Bewegung hat ihre

Gedanken-Quelle in der neueren Wissenschaftsrichtung gesucht, weil dem

Proletarier Maschine und Kapitalismus nichts geben konnten, was seine Seele

mit einem menschenwürdigen Inhalt erfüllen konnte. Ein solcher Inhalt ergab

sich dem mittelalterlichen Handwerker aus seinem Berufe. In der Art, wie

dieser Handwerker sich _menschlich_ mit dem Berufe verbunden fühlte, lag

etwas, das ihm das Leben innerhalb der ganzen menschlichen Gesellschaft vor

dem eigenen Bewußtsein in einem lebenswerten Lichte erscheinen ließ. Er

vermochte, was er tat, so anzusehen, daß er dadurch verwirklicht glauben

konnte, was er als »Mensch« sein wollte. An der Maschine und innerhalb der

kapitalistischen Lebensordnung war der Mensch auf sich selbst, auf sein

Inneres angewiesen, wenn er nach einer Grundlage suchte, auf der sich eine

das Bewußtsein tragende Ansicht von dem errichten läßt, was man als

»Mensch« ist. Von der Technik, von dem Kapitalismus strömte für eine solche

Ansicht nichts aus. So ist es gekommen, daß das proletarische Bewußtsein

die Richtung nach dem wissenschaftlich gearteten Gedanken einschlug. Es

hatte den menschlichen Zusammenhang mit dem unmittelbaren Leben verloren.

Das aber geschah in der Zeit, in der die führenden Klassen der Menschheit

einer wissenschaftlichen Denkungsart zustrebten, die selbst nicht mehr die

geistige Stoßkraft hatte, um das menschliche Bewußtsein nach dessen

Bedürfnissen allseitig zu einem befriedigenden Inhalte zu führen. Die alten

Weltanschauungen stellten den Menschen als Seele in einen geistigen

Daseinszusammenhang hinein. Vor der neueren Wissenschaft erscheint er als

Naturwesen innerhalb der bloßen Naturordnung. Diese Wissenschaft wird nicht

empfunden wie ein in die Menschenseele aus einer Geistwelt fließender

Strom, der den Menschen als Seele trägt. Wie man auch über das Verhältnis

der religiösen Impulse und dessen, was mit ihnen verwandt ist, zu der

wissenschaftlichen Denkungsart der neueren Zeit urteilen mag: man wird,

wenn man unbefangen die geschichtliche Entwicklung betrachtet, zugeben

müssen, daß sich das wissenschaftliche Vorstellen aus dem religiösen

entwickelt hat. Aber die alten, auf religiösen Untergründen ruhenden

Weltanschauungen haben nicht vermocht, ihren seelentragenden Impuls der

neueren wissenschaftlichen Vorstellungsart mitzuteilen. Sie stellten sich

außerhalb dieser Vorstellungsart und lebten weiter mit einem

Bewußtseinsinhalt, dem sich die Seelen des Proletariats nicht zuwenden

konnten. Den führenden Klassen konnte dieser Bewußtseinsinhalt noch etwas

Wertvolles sein. Er hing auf die eine oder die andere Art mit ihrer

Lebenslage zusammen. Diese Klassen suchten nicht nach einem neuen

Bewußtseinsinhalt, weil die Überlieferung durch das Leben selbst sie den

alten noch festhalten ließ. Der moderne Proletarier wurde aus allen alten

Lebenszusammenhängen herausgerissen. Er ist der Mensch, dessen Leben auf

eine völlig neue Grundlage gestellt worden ist. Für ihn war mit der

Entziehung der alten Lebensgrundlagen zugleich die Möglichkeit

geschwunden, aus den alten geistigen Quellen zu schöpfen. Die standen

inmitten der Gebiete, denen er entfremdet worden war. Mit der modernen

Technik und dem modernen Kapitalismus entwickelte sich gleichzeitig -- in

dem Sinne, wie man die großen weltgeschichtlichen Strömungen gleichzeitig

nennen kann -- die moderne Wissenschaftlichkeit. Ihr wandte sich das

Vertrauen, der Glaube des modernen Proletariats zu. Bei ihr suchte es den

ihm notwendigen neuen Bewußtseinsinhalt. Aber es war zu dieser

Wissenschaftlichkeit in ein anderes Verhältnis gesetzt als die führenden

Klassen. Diese fühlten sich nicht genötigt, die wissenschaftliche

Vorstellungsart zu ihrer seelentragenden Lebensauffassung zu machen.

Mochten sie noch so sehr mit der »wissenschaftlichen Vorstellungsart« sich

durchdringen, daß in der Naturordnung ein gerader Ursachenzusammenhang von

den niedersten Tieren bis zum Menschen führe: diese Vorstellungsart blieb

doch theoretische Überzeugung. Sie erzeugte nicht den Trieb, das Leben auch

empfindungsgemäß so zu nehmen, wie es dieser Überzeugung restlos angemessen

ist. Der Naturforscher Vogt, der naturwissenschaftliche Popularisator

Büchner: sie waren sicherlich von der wissenschaftlichen Vorstellungsart

durchdrungen. Aber neben dieser Vorstellungsart wirkte in ihrer Seele

etwas, das sie festhalten ließ an Lebenszusammenhängen, die sich nur

sinnvoll rechtfertigen aus dem Glauben an eine geistige Weltordnung. Man

stelle sich doch nur unbefangen vor, wie anders die Wissenschaftlichkeit

auf den wirkt, der in solchen Lebenszusammenhängen mit dem eigenen Dasein

verankert ist, als auf den modernen Proletarier, vor den sein Agitator

hintritt und in den wenigen Abendstunden, die von der Arbeit nicht

ausgefüllt sind, in der folgenden Art spricht: Die Wissenschaft hat in der

neueren Zeit den Menschen ausgetrieben, zu glauben, daß sie ihren Ursprung

in geistigen Welten haben. Sie sind darüber belehrt worden, daß sie in der

Urzeit unanständig als Baumkletterer lebten; belehrt, daß sie alle den

gleichen rein natürlichen Ursprung haben. Vor eine nach solchen Gedanken

hin orientierte Wissenschaftlichkeit sah sich der moderne Proletarier

gestellt, wenn er nach einem Seeleninhalt suchte, der ihn empfinden lassen

sollte, wie er als Mensch im Weltendasein drinnen steht. Er nahm diese

Wissenschaftlichkeit restlos ernst, und zog aus ihr _seine_ Folgerungen für

das Leben. Ihn traf das technische und kapitalistische Zeitalter anders als

den Angehörigen der führenden Klassen. Dieser stand in einer Lebensordnung

drinnen, welche noch von seelentragenden Impulsen gestaltet war. Er hatte

alles Interesse daran, die Errungenschaften der neuen Zeit in den Rahmen

dieser Lebensordnung einzuspannen. Der Proletarier war aus dieser

Lebensordnung seelisch herausgerissen. Ihm konnte diese Lebensordnung nicht

eine Empfindung geben, die sein Leben mit einem menschenwürdigen Inhalt

durchleuchtete. Empfinden lassen, was man als Mensch ist, das konnte den

Proletarier das einzige, was ausgestattet mit Glauben erweckender Kraft aus

der alten Lebensordnung hervorgegangen zu sein schien: die

wissenschaftliche Denkungsart.

Es könnte manchen Leser dieser Ausführungen wohl zu einem Lächeln drängen,

wenn auf die »Wissenschaftlichkeit« der proletarischen Vorstellungsart

verwiesen wird. Wer bei »Wissenschaftlichkeit« nur an dasjenige zu denken

vermag, was man durch vieljähriges Sitzen in »Bildungsanstalten« sich

erwirbt, und der dann diese »Wissenschaftlichkeit« in Gegensatz bringt zu

dem Bewußtseinsinhalt des Proletariers, der »nichts gelernt« hat, der mag

lächeln. Er lächelt über Schicksal entscheidende Tatsachen des

gegenwärtigen Lebens hinweg. Diese Tatsachen bezeugen aber, daß mancher

hochgelehrte Mensch unwissenschaftlich _lebt_, während der ungelehrte

Proletarier seine Lebensgesinnung nach der Wissenschaft hin orientiert, die

er vielleicht gar nicht besitzt. Der Gebildete hat die Wissenschaft

aufgenommen; sie ist in einem Schubfach seines Seelen-Innern. Er steht aber

in Lebenszusammenhängen und läßt sich von diesen seine Empfindungen

orientieren, die nicht von dieser Wissenschaft gelenkt werden. Der

Proletarier ist durch seine Lebensverhältnisse dazu gebracht, das Dasein so

aufzufassen, wie es _der Gesinnung_ dieser Wissenschaft entspricht. Was die

andern Klassen »Wissenschaftlichkeit« nennen, mag ihm ferne liegen; die

Vorstellungsrichtung dieser Wissenschaftlichkeit orientiert sein Leben. Für

die andern Klassen ist bestimmend eine religiöse, eine ästhetische, eine

allgemeingeistige Grundlage; für ihn wird die »Wissenschaft«, wenn auch oft

in ihren allerletzten Gedanken-Ausläufen, Lebensglaube. Mancher Angehörige

der »führenden« Klassen fühlt sich »aufgeklärt«, »freireligiös«. Gewiß, in

seinen Vorstellungen lebt die wissenschaftliche Überzeugung; in seinen

Empfindungen aber pulsieren die von ihm unbemerkten Reste eines

überlieferten Lebensglaubens.

Was die wissenschaftliche Denkungsart nicht aus der alten Lebensordnung

mitbekommen hat: das ist das Bewußtsein, daß sie als geistiger Art in

einer geistigen Welt wurzelt. Über diesen Charakter der modernen

Wissenschaftlichkeit konnte sich der Angehörige der führenden Klassen

hinwegsetzen. Denn ihm erfüllt sich das Leben mit alten Traditionen. Der

Proletarier konnte das nicht. Denn seine neue Lebenslage trieb die alten

Traditionen aus seiner Seele. Er übernahm die wissenschaftliche

Vorstellungsart von den herrschenden Klassen als Erbgut. Dieses Erbgut

wurde die Grundlage seines Bewußtseins vom Wesen des Menschen. Aber dieser

»Geistesinhalt« in seiner Seele wußte nichts von seinem Ursprung in einem

wirklichen Geistesleben. Was der Proletarier von den herrschenden Klassen

als geistiges Leben allein übernehmen konnte, verleugnete seinen Ursprung

aus dem Geiste.

Mir ist nicht unbekannt, wie diese Gedanken Nichtproletarier und auch

Proletarier berühren werden, die mit dem Leben »praktisch« vertraut zu sein

glauben, und die aus diesem Glauben heraus das hier Gesagte für eine

lebensfremde Anschauung halten. Die Tatsachen, welche aus der gegenwärtigen

Weltlage heraus sprechen, werden immer mehr diesen Glauben als einen Wahn

erweisen. Wer unbefangen diese Tatsachen sehen kann, dem muß sich

offenbaren, daß einer Lebensauffassung, welche sich nur an das Äußere

dieser Tatsachen hält, zuletzt nur noch Vorstellungen zugänglich sind, die

mit den Tatsachen nichts mehr zu tun haben. Herrschende Gedanken haben sich

so lange »praktisch« an die Tatsachen gehalten, bis diese Gedanken keine

Ähnlichkeit mehr mit diesen Tatsachen haben. In dieser Beziehung könnte die

gegenwärtige Weltkatastrophe ein Zuchtmeister für viele sein. Denn: was

haben sie gedacht, daß werden kann? Und was ist geworden? Soll es so auch

mit dem sozialen Denken gehen?

Auch höre ich im Geiste den Einwurf, den der Bekenner proletarischer

Lebensauffassung aus seiner Seelenstimmung heraus macht: Wieder einer, der

den eigentlichen Kern der sozialen Frage auf ein Geleise ablenken möchte,

das dem bürgerlich Gesinnten bequem zu befahren scheint. Dieser Bekenner

durchschaut nicht, wie ihm das Schicksal sein proletarisches Leben gebracht

hat, und wie er sich innerhalb dieses Lebens durch eine Denkungsart zu

bewegen sucht, die ihm von den »herrschenden« Klassen als Erbgut übermacht

ist. Er _lebt_ proletarisch; aber er _denkt_ bürgerlich. Die neue Zeit

macht nicht bloß notwendig, sich in ein neues Leben zu finden, sondern auch

in _neue Gedanken_. Die wissenschaftliche Vorstellungsart wird erst zum

lebentragenden Inhalt werden können, wenn sie auf ihre Art für die Bildung

eines vollmenschlichen Lebensinhaltes eine solche Stoßkraft entwickelt, wie

sie alte Lebensauffassungen in ihrer Weise entwickelt haben.

Damit ist der Weg bezeichnet, der zum Auffinden der _wahren Gestalt_ eines

der Glieder innerhalb der neueren proletarischen Bewegung führt. Am Ende

dieses Weges ertönt aus der proletarischen Seele die Überzeugung: ich

strebe nach dem geistigen Leben. Aber dieses geistige Leben ist

_Ideologie_, ist nur, was sich im Menschen von den äußeren Weltvorgängen

spiegelt, fließt nicht aus einer besonderen geistigen Welt her. Was im

Übergange zur neuen Zeit aus dem alten Geistesleben geworden ist, empfindet

die proletarische Lebensauffassung als Ideologie. Wer die Stimmung in der

proletarischen Seele begreifen will, die sich in den sozialen Forderungen

der Gegenwart auslebt, der muß imstande sein, zu erfassen, was die Ansicht

bewirken kann, daß das geistige Leben Ideologie sei. Man mag erwidern: was

weiß der Durchschnittsproletarier von dieser Ansicht, die in den Köpfen der

mehr oder weniger geschulten Führer verwirrend spukt. Der so spricht, redet

am Leben vorbei, und er handelt auch am wirklichen Leben vorbei. Ein

solcher weiß nicht, was im Proletarierleben der letzten Jahrzehnte

vorgegangen ist; er weiß nicht, welche Fäden sich spinnen von der Ansicht,

das geistige Leben sei Ideologie, zu den Forderungen und Taten des von ihm

nur für »unwissend« gehaltenen radikalen Sozialisten und auch zu den

Handlungen derer, die aus dumpfen Lebensimpulsen heraus »Revolution

machen«.

Darinnen liegt die Tragik, die über das Erfassen der sozialen Forderungen

der Gegenwart sich ausbreitet, daß man in vielen Kreisen keine Empfindung

für das hat, was aus der Seelenstimmung der breiten Massen sich an die

Oberfläche des Lebens heraufdrängt, daß man den Blick nicht auf das zu

richten vermag, was in den Menschengemütern _wirklich vorgeht_. Der

Nichtproletarier hört angsterfüllt nach den Forderungen des Proletariers

hin und vernimmt: nur durch Vergesellschaftung der Produktionsmittel kann

für mich ein menschenwürdiges Dasein erreicht werden. Aber er vermag sich

keine Vorstellung davon zu bilden, daß seine Klasse beim Übergang aus einer

alten in die neue Zeit nicht nur den Proletarier zur Arbeit an den ihm

nicht gehörenden Produktionsmitteln aufgerufen hat, sondern daß sie nicht

vermocht hat, ihm zu dieser Arbeit einen tragenden Seeleninhalt

hinzuzugeben. Menschen, welche in der oben angedeuteten Art am Leben

vorbeisehen und vorbeihandeln, mögen sagen: aber der Proletarier will doch

einfach in eine Lebenslage versetzt sein, die derjenigen der herrschenden

Klassen gleichkommt; wo spielt da die Frage nach dem Seeleninhalt eine

Rolle? Ja, der Proletarier mag selbst behaupten: ich verlange von den

andern Klassen nichts für meine Seele; ich will, daß sie mich nicht weiter

ausbeuten können. Ich will, daß die jetzt bestehenden Klassenunterschiede

aufhören. Solche Rede trifft doch das Wesen der sozialen Frage nicht. Sie

enthüllt nichts von der _wahren Gestalt_ dieser Frage. Denn ein solches

Bewußtsein in den Seelen der arbeitenden Bevölkerung, das von den

herrschenden Klassen einen wahren Geistesinhalt ererbt hätte, würde die

sozialen Forderungen in ganz anderer Art erheben, als es das moderne

Proletariat tut, das in dem empfangenen Geistesleben nur eine Ideologie

sehen kann. Dieses Proletariat ist von dem ideologischen Charakter des

Geisteslebens überzeugt; aber es wird durch diese Überzeugung immer

unglücklicher. Und die Wirkungen dieses seines Seelenunglückes, die es

nicht bewußt kennt, aber intensiv erleidet, überwiegen weit in ihrer

Bedeutung für die soziale Lage der Gegenwart alles, was nur die in ihrer

Art auch berechtigte Forderung nach Verbesserung der äußeren Lebenslage

ist.

Die herrschenden Klassen erkennen sich nicht als die Urheber derjenigen

Lebensgesinnung, die ihnen gegenwärtig im Proletariertum kampfbereit

entgegentritt. Und doch sind sie diese Urheber dadurch geworden, daß sie

von ihrem Geistesleben diesem Proletariertum nur etwas haben vererben

können, was von diesem als Ideologie empfunden werden muß.

Nicht das gibt der gegenwärtigen sozialen Bewegung ihr wesentliches

Gepräge, daß man nach einer Änderung der Lebenslage einer Menschenklasse

verlangt, obgleich es das natürlich Erscheinende ist, sondern die Art,

_wie_ die Forderung nach dieser Änderung aus den Gedanken-Impulsen dieser

Klasse in Wirklichkeit umgesetzt wird. Man sehe sich doch die Tatsachen von

diesem Gesichtspunkte aus nur einmal unbefangen an. Dann wird man sehen,

wie Persönlichkeiten, die ihr Denken in der Richtung der proletarischen

Impulse halten wollen, lächeln, wenn die Rede darauf kommt, durch diese

oder jene geistigen Bestrebungen wolle man etwas beitragen zur Lösung der

sozialen Frage. Sie belächeln das als _Ideologie_, als eine graue Theorie.

Aus dem Gedanken heraus, aus dem bloßen Geistesleben heraus, so meinen sie,

werde gewiß nichts beigetragen werden können zu den brennenden sozialen

Fragen der Gegenwart. Aber sieht man genauer zu, dann drängt es sich einem

auf, _wie_ der eigentliche Nerv, der eigentliche Grundimpuls der modernen,

gerade proletarischen Bewegung _nicht_ in dem liegt, wovon der heutige

Proletarier spricht, sondern liegt in _Gedanken_.

Die moderne proletarische Bewegung ist wie vielleicht noch keine ähnliche

Bewegung der Welt -- wenn man sie genauer anschaut, zeigt sich dies im

eminentesten Sinne -- eine Bewegung aus _Gedanken_ entsprungen. Dies sage

ich nicht bloß wie ein im Nachdenken über die soziale Bewegung gewonnenes

Aperçu. Wenn es mir gestattet ist, eine persönliche Bemerkung einzufügen,

so sei es diese: ich habe jahrelang innerhalb einer Arbeiterbildungsschule

in den verschiedensten Zweigen proletarischen Arbeitern Unterricht erteilt.

Ich glaube dabei kennen gelernt zu haben, was in der Seele des modernen

proletarischen Arbeiters lebt und strebt. Von da ausgehend, habe ich auch

zu verfolgen Gelegenheit gehabt, was in den Gewerkschaften der

verschiedenen Berufe und Berufsrichtungen wirkt. Ich meine, ich spreche

nicht bloß vom Gesichtspunkte theoretischer Erwägungen, sondern ich spreche

aus, was ich glaube, als Ergebnis wirklicher Lebenserfahrung mir errungen

zu haben.

Wer -- was bei den führenden Intellektuellen leider so wenig der Fall

ist -- wer die moderne Arbeiterbewegung da kennen gelernt hat, wo sie von

_Arbeitern_ getragen wird, der weiß, welch bedeutungsschwere Erscheinung

_dieses_ ist, daß eine gewisse Gedanken-_Richtung_ die Seelen einer großen

Zahl von Menschen in der intensivsten Weise ergriffen hat. Was gegenwärtig

schwierig macht, zu den sozialen Rätseln Stellung zu nehmen, ist, daß eine

so geringe Möglichkeit des gegenseitigen Verständnisses der Klassen da ist.

Die bürgerlichen Klassen können heute sich so schwer in die Seele des

Proletariers hineinversetzen, können so schwer verstehen, wie in der noch

unverbrauchten _Intelligenz_ des Proletariats Eingang finden konnte eine

solche -- mag man nun zum Inhalt stehen, wie man will --, eine solche an

menschliche Denkforderungen höchste Maßstäbe anlegende Vorstellungsart, wie

es diejenige Karl Marxens ist.

Gewiß, Karl Marxens Denksystem kann von dem einen angenommen, von dem

andern widerlegt werden, vielleicht das eine mit so gut erscheinenden

Gründen wie das andere; es konnte revidiert werden von denen, die das

soziale Leben nach Marxens und seines Freundes Engels Tode von anderem

Gesichtspunkte ansahen als diese Führer. Von dem Inhalte dieses Systems

will ich gar nicht sprechen. Der scheint mir nicht als das Bedeutungsvolle

in der modernen proletarischen Bewegung. Das Bedeutungsvollste erscheint

mir, daß die _Tatsache_ vorliegt: innerhalb der Arbeiterschaft wirkt als

mächtigster Impuls ein Gedanken-System. Man kann geradezu die Sache in der

folgenden Art aussprechen: eine praktische Bewegung, eine reine

Lebensbewegung mit alleralltäglichsten Menschheitsforderungen stand noch

niemals so fast ganz allein auf einer _rein_ gedanklichen Grundlage, wie

diese moderne Proletarierbewegung. Sie ist gewissermaßen sogar die erste

derartige Bewegung in der Welt, die sich rein auf eine wissenschaftliche

Grundlage gestellt hat. Diese Tatsache muß aber richtig angesehen werden.

Wenn man alles dasjenige ansieht, was der moderne Proletarier über sein

eigenes Meinen und Wollen und Empfinden bewußt zu sagen hat, so scheint

einem das programmäßig Ausgesprochene bei eindringlicher Lebensbeobachtung

durchaus nicht als das wichtige.

Als wirklich wichtig aber muß erscheinen, daß im Proletarierempfinden für

den _ganzen_ Menschen entscheidend geworden ist, was bei andern Klassen nur

in einem einzelnen Gliede ihres Seelenlebens verankert ist: die

_Gedanken-Grundlage_ der Lebensgesinnung. Was im Proletarier auf diese Art

innere Wirklichkeit ist, er kann es nicht bewußt zugestehen. Er ist von

diesem Zugeständnis abgehalten dadurch, daß ihm das Gedankenleben als

Ideologie überliefert worden ist. Er baut in Wirklichkeit sein Leben auf

die Gedanken; empfindet diese aber als unwirkliche Ideologie. Nicht anders

kann man die proletarische Lebensauffassung und ihre Verwirklichung durch

die Handlungen ihrer Träger verstehen, als indem man _diese_ Tatsache in

ihrer vollen Tragweite innerhalb der neueren Menschheitsentwicklung

durchschaut.

Aus der Art, wie in dem Vorangegangenen das geistige Leben des modernen

Proletariers geschildert worden ist, kann man erkennen, daß in der

Darstellung der wahren Gestalt der proletarisch-sozialen Bewegung die

Kennzeichnung dieses Geisteslebens an erster Stelle erscheinen muß. Denn es

ist wesentlich, daß der Proletarier die Ursachen der ihn nicht

befriedigenden sozialen Lebenslage so empfindet und nach ihrer Beseitigung

in einer solchen Art strebt, daß Empfindung und Streben von diesem

Geistesleben die Richtung empfängt. Und doch kann er gegenwärtig noch gar

nicht anders als die Meinung spottend oder zornig ablehnen, daß in diesen

geistigen Untergründen der sozialen Bewegung etwas liegt, was eine

bedeutungsvolle treibende Kraft darstellt. Wie sollte er einsehen, daß das

Geistesleben eine ihn treibende Macht hat, da er es doch als Ideologie

empfinden muß? Von einem Geistesleben, das so empfunden wird, kann man

nicht erwarten, daß es den Ausweg aus einer sozialen Lage findet, die man

nicht weiter ertragen will. Aus seiner wissenschaftlich orientierten

Denkungsart ist dem modernen Proletarier nicht nur die Wissenschaft selbst,

sondern es sind ihm Kunst, Religion, Sitte, Recht zu Bestandteilen der

menschlichen Ideologie geworden. Er sieht in dem, was in diesen Zweigen des

Geisteslebens waltet, nichts von einer in sein Dasein hereinbrechenden

Wirklichkeit, die zu dem materiellen Leben etwas hinzufügen kann. Ihm sind

sie nur Abglanz oder Spiegelbild dieses materiellen Lebens. Mögen sie

immerhin, wenn sie entstanden sind, auf dem Umwege durch das menschliche

Vorstellen oder durch ihre Aufnahme in die Willensimpulse auf das

materielle Leben wieder gestaltend zurückwirken: ursprünglich steigen sie

als ideologische Gebilde aus diesem Leben auf. Nicht _sie_ können von sich

aus etwas geben, das zur Behebung der sozialen Schwierigkeiten führt. Nur

_innerhalb_ der materiellen Tatsachen selbst kann etwas entstehen, was zum

Ziele geleitet.

Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft · 第 2 / 11 段