Wie in dem freien Geistesleben nur die Kräfte wirksam sind,

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INTERNATIONALE BÜCHEREI FÜR SOZIAL- UND GEISTESWISSENSCHAFTEN

DIE KERNPUNKTE DER SOZIALEN FRAGE

IN DEN LEBENSNOTWENDIGKEITEN DER GEGENWART UND ZUKUNFT

VON

DR. RUDOLF STEINER

[Illustration: Signet]

1920

DER KOMMENDE TAG, A. G., VERLAG

STUTTGART

41.-80. Tausend

Alle Rechte vorbehalten

Copyright, 1920 by Der kommende Tag, A. G.,

Verlag, Stuttgart.

Druckfehlerberichtigung.

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statt: in dem Urteil

heißen: von dem Urteil.

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Greiner & Pfeiffer, Druckerei und Verlagsanstalt, Stuttgart.

Inhalt

Seite

Vorrede und Einleitung 5

Vorbemerkungen über die Absicht dieser Schrift 16

I. Die wahre Gestalt der sozialen Frage, erfaßt aus dem Leben

der modernen Menschheit 20

II. Die vom Leben geforderten wirklichkeitsgemäßen

Lösungsversuche für die sozialen Fragen und Notwendigkeiten 39

III. Kapitalismus und soziale Ideen 63

IV. Internationale Beziehungen der sozialen Organismen 98

Vorrede und Einleitung zum 41. bis 80. Tausend dieser Schrift

Die Aufgaben, welche das soziale Leben der Gegenwart stellt, muß derjenige

verkennen, der an sie mit dem Gedanken an irgendeine Utopie herantritt. Man

kann aus gewissen Anschauungen und Empfindungen den Glauben haben, diese

oder jene Einrichtung, die man sich in seinen Ideen zurechtgelegt hat,

müsse die Menschen beglücken; dieser Glaube kann überwältigende

Überzeugungskraft annehmen; an dem, was gegenwärtig die soziale »Frage«

bedeutet, kann man doch völlig vorbeireden, wenn man einen solchen Glauben

geltend machen will.

Man kann heute diese Behauptung in der folgenden Art bis in das scheinbar

Unsinnige treiben; und man wird doch das Richtige treffen. Man kann

annehmen, irgend jemand wäre im Besitze einer vollkommenen theoretischen

»Lösung« der sozialen Frage, und er könnte dennoch etwas ganz Unpraktisches

glauben, wenn er der Menschheit diese von ihm ausgedachte »Lösung« anbieten

wollte. Denn wir leben nicht mehr in der Zeit, in welcher man glauben soll,

auf diese Art im öffentlichen Leben wirken zu können. Die Seelenverfassung

der Menschen ist nicht so, daß sie für das öffentliche Leben etwa einmal

sagen könnten: da seht Einen, der versteht, welche sozialen Einrichtungen

nötig sind; wie er es meint, so wollen wir es machen.

In dieser Art wollen die Menschen Ideen über das soziale Leben gar nicht an

sich herankommen lassen. Diese Schrift, die nun doch schon eine ziemlich

weite Verbreitung gefunden hat, rechnet mit dieser Tatsache. Diejenigen

haben die ihr zugrunde liegenden Absichten ganz verkannt, die ihr einen

utopistischen Charakter beigelegt haben. Am stärksten haben dies diejenigen

getan, die selbst nur utopistisch denken wollen. Sie sehen bei dem Andern,

was der wesentlichste Zug ihrer eigenen Denkgewohnheiten ist.

Für den praktisch Denkenden gehört es heute schon zu den Erfahrungen des

öffentlichen Lebens, daß man mit einer noch so überzeugend erscheinenden

utopistischen Idee nichts anfangen kann. Dennoch haben viele die

Empfindung, daß sie zum Beispiele auf wirtschaftlichem Gebiete mit einer

solchen an ihre Mitmenschen herantreten sollen. Sie müssen sich davon

überzeugen, daß sie nur unnötig reden. Ihre Mitmenschen können nichts

anfangen mit dem, was sie vorbringen.

Man sollte dies als Erfahrung behandeln. Denn es weist auf eine wichtige

Tatsache des gegenwärtigen öffentlichen Lebens hin. Es ist die Tatsache der

Lebensfremdheit dessen, was man denkt gegenüber dem, was zum Beispiel die

wirtschaftliche Wirklichkeit fordert. Kann man denn hoffen, die verworrenen

Zustände des öffentlichen Lebens zu bewältigen, wenn man an sie mit einem

lebensfremden Denken herantritt?

Diese Frage kann nicht gerade beliebt sein. Denn sie veranlaßt das

Geständnis, daß man lebensfremd denkt. Und doch wird man ohne dieses

Geständnis der »sozialen Frage« auch fern bleiben. Denn nur, wenn man diese

Frage als eine ernste Angelegenheit der ganzen gegenwärtigen Zivilisation

behandelt, wird man Klarheit darüber erlangen, was dem sozialen Leben nötig

ist.

Auf die Gestaltung des gegenwärtigen Geisteslebens weist diese Frage hin.

Die neuere Menschheit hat ein Geistesleben entwickelt, das von staatlichen

Einrichtungen und von wirtschaftlichen Kräften in einem hohen Grade

abhängig ist. Der Mensch wird noch als Kind in die Erziehung und den

Unterricht des Staates aufgenommen. Er kann nur so erzogen werden, wie die

wirtschaftlichen Zustände der Umgebung es gestatten, aus denen er

herauswächst.

Man kann nun leicht glauben, dadurch müsse der Mensch gut an die

Lebensverhältnisse der Gegenwart angepaßt sein. Denn der Staat habe die

Möglichkeit, die Einrichtungen des Erziehungs- und Unterrichtswesens und

damit des wesentlichen Teiles des öffentlichen Geisteslebens so zu

gestalten, daß dadurch der Menschengemeinschaft am besten gedient werde.

Und auch das kann man leicht glauben, daß der Mensch dadurch das

bestmögliche Mitglied der menschlichen Gemeinschaft werde, wenn er im Sinne

der wirtschaftlichen Möglichkeiten erzogen wird, aus denen er herauswächst,

und wenn er durch diese Erziehung an denjenigen Platz gestellt wird, den

ihm diese wirtschaftlichen Möglichkeiten anweisen.

Diese Schrift muß die heute wenig beliebte Aufgabe übernehmen, zu zeigen,

daß die Verworrenheit unseres öffentlichen Lebens von der Abhängigkeit des

Geisteslebens vom Staate und der Wirtschaft herrührt. Und sie muß zeigen,

daß die Befreiung des Geisteslebens aus dieser Abhängigkeit den einen Teil

der so brennenden sozialen Frage bildet.

Damit wendet sich diese Schrift gegen weitverbreitete Irrtümer. In der

Übernahme des Erziehungswesens durch den Staat sieht man seit lange etwas

dem Fortschritt der Menschheit heilsames. Und sozialistisch Denkende können

sich kaum etwas anderes vorstellen, als daß die Gesellschaft den Einzelnen

zu ihrem Dienste nach ihren Maßnahmen erziehe.

Man will sich nicht leicht zu einer Einsicht bequemen, die auf diesem

Gebiete heute unbedingt notwendig ist. Es ist die, daß in der

geschichtlichen Entwickelung der Menschheit in einer späteren Zeit zum

Irrtum werden kann, was in einer früheren richtig ist. Es war für das

Heraufkommen der neuzeitlichen Menschheitsverhältnisse notwendig, daß das

Erziehungswesen und damit das öffentliche Geistesleben den Kreisen, die es

im Mittelalter innehatten, abgenommen und dem Staate überantwortet wurde.

Die weitere Beibehaltung dieses Zustandes ist aber ein schwerer sozialer

Irrtum.

Das will diese Schrift in ihrem ersten Teile zeigen. Innerhalb des

Staatsgefüges ist das Geistesleben zur Freiheit herangewachsen; es kann in

dieser Freiheit nicht richtig leben, wenn ihm nicht die volle

Selbstverwaltung gegeben wird. Das Geistesleben fordert durch das Wesen,

das es angenommen hat, daß es ein völlig selbständiges Glied des sozialen

Organismus bilde. Das Erziehungs- und Unterrichtswesen, aus dem ja doch

alles geistige Leben herauswächst, muß in die Verwaltung derer gestellt

werden, die erziehen und unterrichten. In diese Verwaltung soll nichts

hineinreden oder hineinregieren, was im Staate oder in der Wirtschaft tätig

ist. Jeder Unterrichtende hat für das Unterrichten nur so viel Zeit

aufzuwenden, daß er auch noch ein Verwaltender auf seinem Gebiete sein

kann. Er wird dadurch die Verwaltung so besorgen, wie er die Erziehung und

den Unterricht selbst besorgt. Niemand gibt Vorschriften, der nicht

gleichzeitig selbst im lebendigen Unterrichten und Erziehen drinnen steht.

Kein Parlament, keine Persönlichkeit, die vielleicht einmal unterrichtet

hat, aber dies nicht mehr selbst tut, sprechen mit. Was im Unterricht ganz

unmittelbar erfahren wird, das fließt auch in die Verwaltung ein. Es ist

naturgemäß, daß innerhalb einer solchen Einrichtung Sachlichkeit und

Fachtüchtigkeit in dem höchst möglichen Maße wirken.

Man kann natürlich einwenden, daß auch in einer solchen Selbstverwaltung

des Geisteslebens nicht alles vollkommen sein werde. Doch das wird im

wirklichen Leben auch gar nicht zu fordern sein. Daß das Best-Mögliche

zustande komme, das allein kann angestrebt werden. Die Fähigkeiten, die in

dem Menschenkinde heranwachsen, werden der Gemeinschaft wirklich

übermittelt werden, wenn über ihre Ausbildung nur zu sorgen hat, wer aus

geistigen Bestimmungsgründen heraus sein maßgebendes Urteil fällen kann.

Wie weit ein Kind nach der einen oder der andern Richtung zu bringen ist,

darüber wird ein Urteil nur in einer freien Geistgemeinschaft entstehen

können. Und was zu tun ist, um einem solchen Urteil zu seinem Recht zu

verhelfen, das kann nur aus einer solchen Gemeinschaft heraus bestimmt

werden. Aus ihr können das Staats- und das Wirtschaftsleben die Kräfte

empfangen, die sie sich nicht geben können, wenn sie von ihren

Gesichtspunkten aus das Geistesleben gestalten.

Es liegt in der Richtung des in dieser Schrift Dargestellten, daß auch die

Einrichtungen und der Unterrichtsinhalt derjenigen Anstalten, die dem

Staate oder dem Wirtschaftsleben dienen, von den Verwaltern des freien

Geisteslebens besorgt werden. Juristenschulen, Handelsschulen,

landwirtschaftliche und industrielle Unterrichtsanstalten werden ihre

Gestaltung aus dem freien Geistesleben heraus erhalten. Diese Schrift muß

notwendig viele Vorurteile gegen sich erwecken, wenn man diese --

richtige -- Folgerung aus ihren Darlegungen zieht. Allein woraus fließen

diese Vorurteile? Man wird ihren antisozialen Geist erkennen, wenn man

durchschaut, daß sie im Grunde aus dem unbewußten Glauben hervorgehen, die

Erziehenden müssen lebensfremde, unpraktische Menschen sein. Man könne

ihnen gar nicht zumuten, daß sie Einrichtungen von sich aus treffen, welche

den praktischen Gebieten des Lebens richtig dienen. Solche Einrichtungen

müssen von denjenigen gestaltet werden, die im praktischen Leben drinnen

stehen, und die Erziehenden müssen gemäß den Richtlinien wirken, die ihnen

gegeben werden.

Wer so denkt, der sieht nicht, daß Erziehende, die sich nicht bis ins

Kleinste hinein und bis zum Größten hinauf die Richtlinien selber geben

können, erst dadurch lebensfremd und unpraktisch werden. Ihnen können dann

Grundsätze gegeben werden, die von scheinbar noch so praktischen Menschen

herrühren; sie werden keine rechten Praktiker in das Leben hineinerziehen.

Die antisozialen Zustände sind dadurch herbeigeführt, daß in das soziale

Leben nicht Menschen hineingestellt werden, die von ihrer Erziehung her

sozial empfinden. Sozial empfindende Menschen können nur aus einer

Erziehungsart hervorgehen, die von sozial Empfindenden geleitet und

verwaltet wird. Man wird der sozialen Frage niemals beikommen, wenn man

nicht die Erziehungs- und Geistesfrage als einen ihrer wesentlichen Teile

behandelt. Man schafft Antisoziales nicht bloß durch wirtschaftliche

Einrichtungen, sondern auch dadurch, daß sich die Menschen in diesen

Einrichtungen antisozial verhalten. Und es ist antisozial, wenn man die

Jugend von Menschen erziehen und unterrichten läßt, die man dadurch

lebensfremd werden läßt, daß man ihnen von außen her Richtung und Inhalt

ihres Tuns vorschreibt.

Der Staat richtet juristische Lehranstalten ein. Er verlangt von ihnen, daß

derjenige Inhalt einer Jurisprudenz gelehrt werde, den er, nach seinen

Gesichtspunkten, in seiner Verfassung und Verwaltung niedergelegt hat.

Anstalten, die ganz aus einem freien Geistesleben hervorgegangen sind,

werden den Inhalt der Jurisprudenz aus diesem Geistesleben selbst schöpfen.

Der Staat wird zu warten haben auf dasjenige, was ihm von diesem freien

Geistesleben aus überantwortet wird. Er wird befruchtet werden von den

lebendigen Ideen, die nur aus einem solchen Geistesleben erstehen können.

Innerhalb dieses Geisteslebens selbst aber werden diejenigen Menschen sein,

die von ihren Gesichtspunkten aus in die Lebenspraxis hineinwachsen. Nicht

das kann Lebenspraxis werden, was aus Erziehungseinrichtungen stammt, die

von bloßen »Praktikern« gestaltet und in denen von lebensfremden Menschen

gelehrt wird, sondern allein das, was von Erziehern kommt, die von ihren

Gesichtspunkten aus das Leben und die Praxis verstehen. Wie im einzelnen

die Verwaltung eines freien Geisteslebens sich gestalten muß, das wird in

dieser Schrift wenigstens andeutungsweise dargestellt.

Utopistisch Gesinnte werden an die Schrift mit allerlei Fragen heranrücken.

Besorgte Künstler und andere Geistesarbeiter werden sagen: ja, wird denn

die Begabung in einem freien Geistesleben besser gedeihen als in dem

gegenwärtigen vom Staat und den Wirtschaftsmächten besorgten? Solche Frager

sollten bedenken, daß diese Schrift eben in keiner Beziehung utopistisch

gemeint wird. In ihr wird deshalb durchaus nicht theoretisch festgesetzt:

dies soll so oder so sein. Sondern es wird zu Menschengemeinschaften

angeregt, die aus ihrem Zusammenleben das sozial Wünschenswerte

herbeiführen können. Wer das Leben nicht nach theoretischen Vorurteilen,

sondern nach Erfahrungen beurteilt, der wird sich sagen: der aus seiner

freien Begabung heraus Schaffende wird Aussicht auf eine rechte Beurteilung

seiner Leistungen haben, wenn es eine freie Geistesgemeinschaft gibt, die

ganz aus ihren Gesichtspunkten heraus in das Leben eingreifen kann.

Die »soziale Frage« ist nicht etwas, was in dieser Zeit in das

Menschenleben heraufgestiegen ist, was jetzt durch ein paar Menschen, oder

durch Parlamente gelöst werden kann und dann gelöst sein wird. Sie ist ein

Bestandteil des ganzen neueren Zivilisationslebens, und wird es, da sie

einmal entstanden ist, bleiben. Sie wird für jeden Augenblick der

weltgeschichtlichen Entwickelung neu gelöst werden müssen. Denn das

Menschenleben ist mit der neuesten Zeit in einen Zustand eingetreten, der

aus dem sozial Eingerichteten immer wieder das Antisoziale hervorgehen

läßt. Dieses muß stets neu bewältigt werden. Wie ein Organismus einige Zeit

nach der Sättigung immer wieder in den Zustand des Hungers eintritt, so der

soziale Organismus aus einer Ordnung der Verhältnisse in die Unordnung.

Eine Universalarznei zur Ordnung der sozialen Verhältnisse gibt es so wenig

wie ein Nahrungsmittel, das für alle Zeiten sättigt. Aber die Menschen

können in solche Gemeinschaften eintreten, daß durch ihr lebendiges

Zusammenwirken dem Dasein immer wieder die Richtung zum Sozialen gegeben

wird. Eine solche Gemeinschaft ist das sich selbst verwaltende geistige

Glied des sozialen Organismus.

Wie sich für das Geistesleben aus den Erfahrungen der Gegenwart die freie

Selbstverwaltung als soziale Forderung ergibt, so für das Wirtschaftsleben

die assoziative Arbeit. Die Wirtschaft setzt sich im neueren Menschenleben

zusammen aus Warenproduktion, Warenzirkulation und Warenkonsum. Durch sie

werden die menschlichen Bedürfnisse befriedigt; innerhalb ihrer stehen die

Menschen mit ihrer Tätigkeit. Jeder hat innerhalb ihrer seine

Teilinteressen; jeder muß mit dem ihm möglichen Anteil von Tätigkeit in sie

eingreifen. Was einer wirklich braucht, kann nur er wissen und empfinden;

was er leisten soll, will er aus seiner Einsicht in die Lebensverhältnisse

des Ganzen beurteilen. Es ist nicht immer so gewesen, und ist heute noch

nicht überall so auf der Erde; innerhalb des gegenwärtig zivilisierten

Teiles der Erdbevölkerung ist es im wesentlichen so.

Die Wirtschaftskreise haben sich im Laufe der Menschheitsentwickelung

erweitert. Aus der geschlossenen Hauswirtschaft hat sich die

Stadtwirtschaft, aus dieser die Staatswirtschaft entwickelt. Heute steht

man vor der Weltwirtschaft. Es bleibt zwar von dem alten noch ein

erheblicher Teil im Neuen bestehen; es lebte in dem alten andeutungsweise

schon vieles von dem Neuen. Aber die Schicksale der Menschheit sind davon

abhängig, daß die obige Entwickelungsreihe innerhalb gewisser

Lebensverhältnisse vorherrschend wirksam geworden ist.

Es ist ein Ungedanke, die Wirtschaftskräfte in einer abstrakten

Weltgemeinschaft organisieren zu wollen. Die Einzelwirtschaften

sind im Laufe der Entwickelung in die Staatswirtschaften in weitem

Umfange eingelaufen. Doch die Staatsgemeinschaften sind aus anderen

als bloß wirtschaftlichen Kräften entsprungen. Daß man sie zu

Wirtschaftsgemeinschaften umwandeln wollte, bewirkte das soziale

Chaos der neuesten Zeit. Das Wirtschaftsleben strebt darnach, sich

aus seinen eigenen Kräften heraus unabhängig von Staatseinrichtungen,

aber auch von staatlicher Denkweise zu gestalten. Es wird dies nur können,

wenn sich, nach rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten, Assoziationen

bilden, die aus Kreisen von Konsumenten, von Handeltreibenden und

Produzenten sich zusammenschließen. Durch die Verhältnisse des Lebens wird

der Umfang solcher Assoziationen sich von selbst regeln. Zu kleine

Assoziationen würden zu kostspielig, zu große wirtschaftlich zu

unübersichtlich arbeiten. Jede Assoziation wird zu der andern aus

den Lebensbedürfnissen heraus den Weg zum geregelten Verkehr finden.

Man braucht nicht besorgt zu sein, daß derjenige, der sein Leben in

reger Ortsveränderung zuzubringen hat, durch solche Assoziationen

eingeengt sein werde. Er wird den Übergang von der einen in die andere

leicht finden, wenn nicht staatliche Organisation, sondern wirtschaftliche

Interessen den Übergang bewirken werden. Es sind Einrichtungen innerhalb

eines solchen assoziativen Wesens denkbar, die mit der Leichtigkeit des

Geldverkehrs wirken.

Innerhalb einer Assoziation kann aus Fachkenntnis und Sachlichkeit eine

weitgehende Harmonie der Interessen herrschen. Nicht Gesetze regeln die

Erzeugung, die Zirkulation und den Verbrauch der Güter, sondern die

Menschen aus ihrer unmittelbaren Einsicht und ihrem Interesse heraus. Durch

ihr Drinnenstehen im assoziativen Leben können die Menschen diese

notwendige Einsicht haben; dadurch, daß Interesse mit Interesse sich

vertragsmäßig ausgleichen muß, werden die Güter in ihren entsprechenden

Werten zirkulieren. Ein solches Zusammenschließen nach wirtschaftlichen

Gesichtspunkten ist etwas anderes als zum Beispiele das in den modernen

Gewerkschaften. Diese wirken sich im wirtschaftlichen Leben aus; aber sie

kommen nicht nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten zustande. Sie sind den

Grundsätzen nachgebildet, die sich in der neueren Zeit aus der Handhabung

der staatlichen, der politischen Gesichtspunkte heraus gestaltet haben. Man

parlamentarisiert in ihnen; man kommt nicht nach wirtschaftlichen

Gesichtspunkten überein, was der eine dem andern zu leisten hat. In den

Assoziationen werden nicht »Lohnarbeiter« sitzen, die durch ihre Macht von

einem Arbeit-Unternehmer möglichst hohen Lohn fordern, sondern es werden

Handarbeiter mit den geistigen Leitern der Produktion und mit den

konsumierenden Interessenten des Produzierten zusammenwirken, um durch

Preisregulierungen Leistungen entsprechend den Gegenleistungen zu

gestalten. Das kann nicht durch Parlamentieren in Versammlungen geschehen.

Vor solchen müßte man besorgt sein. Denn wer sollte arbeiten, wenn

unzählige Menschen ihre Zeit mit Verhandlungen über die Arbeit verbringen

müßten. In Abmachungen von Mensch zu Mensch, von Assoziation zu Assoziation

vollzieht sich alles neben der Arbeit. Dazu ist nur notwendig, daß der

Zusammenschluß den Einsichten der Arbeitenden und den Interessen der

Konsumierenden entspricht.

Damit wird nicht eine Utopie gezeichnet. Denn es wird gar nicht gesagt:

dies soll so oder so eingerichtet werden. Es wird nur darauf hingedeutet,

wie die Menschen sich selbst die Dinge einrichten werden, wenn sie in

Gemeinschaften wirken wollen, die ihren Einsichten und ihren Interessen

entsprechen.

Daß sie sich zu solchen Gemeinschaften zusammenschließen, dafür sorgt

einerseits die menschliche Natur, wenn sie durch staatliche Dazwischenkunft

nicht gehindert wird; denn die Natur erzeugt die Bedürfnisse. Andrerseits

kann dafür das freie Geistesleben sorgen, denn dieses bringt die Einsichten

zustande, die in der Gemeinschaft wirken sollen. Wer aus der Erfahrung

heraus denkt, muß zugeben, daß solche assoziative Gemeinschaften in jedem

Augenblick entstehen können, daß sie nichts von Utopie in sich schließen.

Ihrer Entstehung steht nichts anderes im Wege, als daß der Mensch der

Gegenwart das wirtschaftliche Leben von außen »organisieren« will in dem

Sinne, wie für ihn der Gedanke der »Organisation« zu einer Suggestion

geworden ist. Diesem Organisieren, das die Menschen zur Produktion von

außen zusammenschließen will, steht diejenige wirtschaftliche Organisation,

die auf dem freien Assoziieren beruht, als sein Gegenbild gegenüber. Durch

das Assoziieren verbindet sich der Mensch mit einem andern; und das

Planmäßige des Ganzen entsteht durch die Vernunft des Einzelnen. -- Man

kann ja sagen: was nützt es, wenn der Besitzlose mit dem Besitzenden sich

assoziiert? Man kann es besser finden, wenn alle Produktion und Konsumtion

von außen her »gerecht« geregelt wird. Aber diese organisatorische Regelung

unterbindet die freie Schaffenskraft des einzelnen, und sie bringt das

Wirtschaftsleben um die Zufuhr dessen, was nur aus dieser freien

Schaffenskraft entspringen kann. Und man versuche es nur einmal, trotz

aller Vorurteile, sogar mit der Assoziation des heute Besitzlosen mit dem

Besitzenden. Greifen nicht andere als wirtschaftliche Kräfte ein, dann wird

der Besitzende dem Besitzlosen die Leistung notwendig mit der Gegenleistung

ausgleichen müssen. Heute spricht man über solche Dinge nicht aus den

Lebensinstinkten heraus, die aus der Erfahrung stammen; sondern aus den

Stimmungen, die sich nicht aus wirtschaftlichen, sondern aus Klassen- und

anderen Interessen heraus entwickelt haben. Sie konnten sich entwickeln,

weil man in der neueren Zeit, in welcher gerade das wirtschaftliche Leben

immer komplizierter geworden ist, diesem nicht mit rein wirtschaftlichen

Ideen nachkommen konnte. Das unfreie Geistesleben hat dies verhindert. Die

wirtschaftenden Menschen stehen in der Lebensroutine drinnen; die in der

Wirtschaft wirkenden Gestaltungskräfte sind ihnen nicht durchsichtig. Sie

arbeiten ohne Einsicht in das Ganze des Menschenlebens. In den

Assoziationen wird der eine durch den andern erfahren, was er notwendig

wissen muß. Es wird eine wirtschaftliche Erfahrung über das Mögliche sich

bilden, weil die Menschen, von denen jeder auf seinem Teilgebiete Einsicht

und Erfahrung hat, zusammen-urteilen werden.

Wie in dem freien Geistesleben nur die Kräfte wirksam sind, die in ihm

selbst liegen, so im assoziativ gestalteten Wirtschaftssystem nur die

wirtschaftlichen Werte, die sich durch die Assoziationen herausbilden. Was

in dem Wirtschaftsleben der einzelne zu tun hat, das ergibt sich ihm aus

dem Zusammenleben mit denen, mit denen er wirtschaftlich assoziiert ist.

Dadurch wird er genau so viel Einfluß auf die allgemeine Wirtschaft haben,

als seiner Leistung entspricht. Wie Nicht-Leistungsfähige sich dem

Wirtschaftsleben eingliedern, das wird in dieser Schrift

auseinandergesetzt. Den Schwachen gegenüber dem Starken schützen, kann ein

Wirtschaftsleben, das nur aus seinen eigenen Kräften heraus gestaltet ist.

So kann der soziale Organismus in zwei selbständige Glieder zerfallen, die

sich gerade dadurch gegenseitig tragen, daß jeder seine eigenartige

Verwaltung hat, die aus seinen besonderen Kräften hervorgeht. Zwischen

beiden aber muß sich ein Drittes ausleben. Es ist das eigentliche

staatliche Glied des sozialen Organismus. In ihm macht sich alles das

geltend, was von dem Urteil und der Empfindung eines jeden mündig

gewordenen Menschen abhängig sein muß. In dem freien Geistesleben betätigt

sich jeder nach seinen besonderen Fähigkeiten; im Wirtschaftsleben füllt

jeder seinen Platz so aus, wie sich das aus seinem assoziativen

Zusammenhang ergibt. Im politisch-rechtlichen Staatsleben kommt er zu

seiner rein menschlichen Geltung, insoferne diese unabhängig ist von den

Fähigkeiten, durch die er im freien Geistesleben wirken kann, und

unabhängig davon, welchen Wert die von ihm erzeugten Güter durch das

assoziative Wirtschaftsleben erhalten.

In diesem Buche wird gezeigt, wie Arbeit nach Zeit und Art eine

Angelegenheit ist dieses politisch-rechtlichen Staatslebens. In diesem

steht jeder dem andern als ein gleicher gegenüber, weil in ihm nur

verhandelt und verwaltet wird auf den Gebieten, auf denen jeder Mensch

gleich urteilsfähig ist. Rechte und Pflichten der Menschen finden in diesem

Gliede des sozialen Organismus ihre Regelung.

Die Einheit des ganzen sozialen Organismus wird entstehen aus der

selbständigen Entfaltung seiner drei Glieder. Das Buch wird zeigen, wie die

Wirksamkeit des beweglichen Kapitales, der Produktionsmittel, die Nutzung

des Grundes und Bodens sich durch das Zusammenwirken der drei Glieder

gestalten kann. Wer die soziale Frage »lösen« will durch eine ausgedachte

oder sonstwie entstandene Wirtschaftsweise, der wird diese Schrift nicht

praktisch finden; wer aus den Erfahrungen des Lebens heraus die Menschen zu

solchen Arten des Zusammenschlusses anregen will, in denen sie die sozialen

Aufgaben am besten erkennen und sich ihnen widmen können, der wird dem

Verfasser des Buches das Streben nach wahrer Lebenspraxis vielleicht doch

nicht absprechen.

Das Buch ist im April 1919 zuerst veröffentlicht worden. Ergänzungen zu dem

damals Ausgesprochenen habe ich in den Beiträgen gegeben, die in der

Zeitschrift »Dreigliederung des sozialen Organismus« enthalten waren und

die soeben gesammelt als die Schrift »In Ausführung der Dreigliederung des

sozialen Organismus« erschienen sind[1].

[1] Der Einführung der Gedanken, die in diesen Schriften enthalten sind,

in das praktische Leben dient der im April 1919 begründete »Bund für

Dreigliederung des sozialen Organismus«. (Er hat seinen Hauptsitz in

Stuttgart, Champignystraße 17.)

Man wird finden können, daß in den beiden Schriften weniger von den

»Zielen« der sozialen Bewegung als vielmehr von den Wegen gesprochen wird,

die im sozialen Leben beschritten werden sollten. Wer aus der Lebenspraxis

heraus denkt, der weiß, daß namentlich einzelne Ziele in verschiedener

Gestalt auftreten können. Nur wer in abstrakten Gedanken lebt, dem

erscheint alles in eindeutigen Umrissen. Ein solcher tadelt das

Lebenspraktische oft, weil er es nicht bestimmt, nicht »klar« genug

dargestellt findet. Viele, die sich Praktiker dünken, sind gerade solche

Abstraktlinge. Sie bedenken nicht, daß das Leben die mannigfaltigsten

Gestaltungen annehmen kann. Es ist ein fließendes Element. Und wer mit ihm

gehen will, der muß sich auch in seinen Gedanken und Empfindungen diesem

fließenden Grundzug anpassen. Die sozialen Aufgaben werden nur mit einem

solchen Denken ergriffen werden können.

Aus der Beobachtung des Lebens heraus sind die Ideen dieser Schrift

erkämpft; aus dieser heraus möchten sie auch verstanden sein.

Vorbemerkungen über die Absicht dieser Schrift

Das soziale Leben der Gegenwart stellt ernste, umfassende Aufgaben.

Forderungen nach Neueinrichtungen in diesem Leben treten auf und zeigen,

daß zur Lösung dieser Aufgaben Wege gesucht werden müssen, an die bisher

nicht gedacht worden ist. Durch die Tatsachen der Gegenwart unterstützt,

findet vielleicht heute schon derjenige Gehör, der, aus den Erfahrungen des

Lebens heraus, sich zu der Meinung bekennen muß, daß dieses Nichtdenken an

notwendig gewordene Wege in die soziale Verwirrung hineingetrieben hat. Auf

der Grundlage einer solchen Meinung stehen die Ausführungen dieser Schrift.

Sie möchten von dem sprechen, was geschehen sollte, um die Forderungen, die

von einem großen Teile der Menschheit gegenwärtig gestellt werden, auf den

Weg eines zielbewußten sozialen Wollens zu bringen. -- Ob dem einen oder

dem andern diese Forderungen gefallen oder nicht gefallen, davon sollte bei

der Bildung eines solchen Wollens wenig abhängen. Sie sind da, und man muß

mit ihnen als mit Tatsachen des sozialen Lebens rechnen. Das mögen

diejenigen bedenken, die, aus ihrer persönlichen Lebenslage heraus, etwa

finden, daß der Verfasser dieser Schrift in seiner Darstellung von den

proletarischen Forderungen in einer Art spricht, die ihnen nicht gefällt,

weil sie, nach ihrer Ansicht, zu einseitig auf diese Forderungen als auf

etwas hinweist, mit dem das soziale Wollen rechnen muß. Der Verfasser aber

möchte aus der vollen Wirklichkeit des gegenwärtigen Lebens heraus

sprechen, soweit ihm dieses nach seiner Erkenntnis dieses Lebens möglich

ist. Ihm stehen die verhängnisvollen Folgen vor Augen, die entstehen

müssen, wenn man Tatsachen, die nun einmal aus dem Leben der neueren

Menschheit sich erhoben haben, nicht sehen will; wenn man von einem

sozialen Wollen nichts wissen will, das mit diesen Tatsachen rechnet.

Wenig befriedigt von den Ausführungen des Verfassers werden auch #zunächst#

Persönlichkeiten sein, die sich in der Weise als Lebenspraktiker ansehen,

wie man unter dem Einflusse mancher liebgewordener Gewohnheiten die

Vorstellung der Lebenspraxis heute nimmt. Sie werden finden, daß in dieser

Schrift kein Lebenspraktiker spricht. Von diesen Persönlichkeiten glaubt

der Verfasser, daß gerade #sie# werden gründlich umlernen müssen. Denn ihm

erscheint ihre »Lebenspraxis« als dasjenige, was durch die #Tatsachen#,

welche die Menschheit der Gegenwart hat erleben müssen, unbedingt als ein

Irrtum erwiesen ist. Als derjenige Irrtum, der in unbegrenztem Umfange zu

Verhängnissen geführt hat. Sie werden einsehen müssen, daß es notwendig

ist, manches als praktisch anzuerkennen, das #ihnen# als verbohrter

Idealismus erschienen ist. Mögen sie meinen, der Ausgangspunkt dieser

Schrift sei deshalb verfehlt, weil in deren ersten Teilen weniger von dem

Wirtschafts- und mehr von dem Geistesleben der neueren Menschheit

gesprochen ist. Der Verfasser #muß# aus seiner Lebenserkenntnis heraus

meinen, daß zu den begangenen Fehlern ungezählte weitere werden hinzu

gemacht werden, wenn man sich nicht entschließt, auf das Geistesleben der

neueren Menschheit die sachgemäße Aufmerksamkeit zu wenden. -- Auch

diejenigen, welche in den verschiedensten Formen nur immer die Phrasen

hervorbringen, die Menschheit müsse aus der Hingabe an rein materielle

Interessen herauskommen und sich »zum Geiste«, »zum Idealismus« wenden,

werden an dem, was der Verfasser in dieser Schrift sagt, kein rechtes

Gefallen finden. Denn er hält nicht viel von dem bloßen Hinweis auf »den

Geist«, von dem Reden über eine nebelhafte Geisteswelt. Er kann nur #die#

Geistigkeit anerkennen, die der eigene Lebensinhalt des Menschen wird.

Dieser erweist sich in der Bewältigung der praktischen Lebensaufgaben

ebenso wirksam wie in der Bildung einer Welt- und Lebensanschauung, welche

die seelischen Bedürfnisse befriedigt. Es kommt nicht darauf an, daß man

von einer Geistigkeit weiß, oder zu wissen glaubt, sondern darauf, daß dies

eine Geistigkeit ist, die auch beim Erfassen der praktischen

Lebenswirklichkeit zutage tritt. Eine solche begleitet diese

Lebenswirklichkeit nicht als eine bloß für das innere Seelenwesen

reservierte Nebenströmung. -- So werden die Ausführungen dieser Schrift den

»Geistigen« wohl zu ungeistig, den »Praktikern« zu lebensfremd erscheinen.

Der Verfasser hat die Ansicht, daß er #gerade deshalb# dem Leben der

Gegenwart werde in seiner Art dienen können, weil er der Lebensfremdheit

manches Menschen, der sich heute für einen »Praktiker« hält, nicht zuneigt,

und weil er auch demjenigen Reden vom »Geiste«, das aus Worten

Lebensillusionen schafft, keine Berechtigung zusprechen kann.

Als eine Wirtschafts-, Rechts- und Geistesfrage wird die »soziale Frage« in

den Ausführungen dieser Schrift besprochen. Der Verfasser glaubt zu

erkennen, wie aus den Forderungen des Wirtschafts-, Rechts- und

Geisteslebens die »wahre Gestalt« dieser Frage sich ergibt. Nur aus dieser

Erkenntnis heraus können aber die Impulse kommen für eine gesunde

Ausgestaltung dieser drei Lebensgebiete innerhalb der sozialen Ordnung. --

In ältern Zeiten der Menschheitsentwicklung sorgten die sozialen Instinkte

dafür, daß diese drei Gebiete in einer der Menschennatur damals

entsprechenden Art sich im sozialen Gesamtleben gliederten. In der

Gegenwart dieser Entwicklung steht man vor der Notwendigkeit, diese

Gliederung durch zielbewußtes soziales Wollen zu erstreben. Zwischen jenen

ältern Zeiten und der Gegenwart liegt für die Länder, die für ein solches

Wollen zunächst in Betracht kommen, ein Durcheinanderwirken der alten

Instinkte und der neueren Bewußtheit vor, das den Anforderungen der

gegenwärtigen Menschheit nicht mehr gewachsen ist. In manchem, das man

heute für zielbewußtes soziales Denken hält, leben aber noch die alten

Instinkte fort. Das macht dieses Denken schwach gegenüber den fordernden

Tatsachen. Gründlicher, als mancher sich vorstellt, muß der Mensch der

Gegenwart sich aus dem herausarbeiten, das nicht mehr lebensfähig ist. Wie

Wirtschafts-, Rechts- und Geistesleben im Sinne des von der neueren Zeit

selbst geforderten gesunden sozialen Lebens sich gestalten sollen, das --

so meint der Verfasser -- kann sich nur dem ergeben, der den guten Willen

entwickelt, das eben Ausgesprochene gelten zu lassen. Was der Verfasser

glaubt, über eine solche notwendige Gestaltung sagen zu müssen, das möchte

er dem Urteile der Gegenwart mit diesem Buche unterbreiten. Eine #Anregung#

zu einem Wege nach sozialen Zielen, die der gegenwärtigen

Lebenswirklichkeit und Lebensnotwendigkeit entsprechen, möchte der

Verfasser geben. Denn er meint, daß nur ein solches Streben über

Schwarmgeisterei und Utopismus auf dem Gebiete des sozialen Wollens

hinausführen kann.

Wer doch etwas Utopistisches in dieser Schrift findet, den möchte der

Verfasser bitten, zu bedenken, wie stark man sich gegenwärtig mit manchen

Vorstellungen, die man sich über eine mögliche Entwicklung der sozialen

Verhältnisse macht, von dem wirklichen Leben entfernt und in

Schwarmgeisterei verfällt. #Deshalb# sieht man das aus der wahren

Wirklichkeit und Lebenserfahrung Geholte von der Art, wie es in dieser

Schrift darzustellen versucht ist, als Utopie an. Mancher wird in dieser

Darstellung deshalb etwas »Abstraktes« sehen, weil ihm »konkret« nur ist,

was er zu denken gewohnt ist und »abstrakt« auch das Konkrete dann, wenn er

nicht gewöhnt ist, es zu denken[2].

[2] Der Verfasser hat bewußt vermieden, sich in seinen Ausführungen

unbedingt an die in der volkswirtschaftlichen Literatur gebräuchlichen

Ausdrücke zu halten. Er kennt genau die Stellen, von denen ein

»fachmännisches« Urteil sagen wird, das sei dilettantisch. Ihn bestimmte

zu seiner Ausdrucksweise aber nicht nur, daß er auch für Menschen

sprechen möchte, denen die volks- und sozialwissenschaftliche Literatur

ungeläufig ist, sondern vor allem die Ansicht, daß eine neue Zeit das

meiste von dem einseitig und unzulänglich sogar schon in der

Ausdrucksform wird erscheinen lassen, das in dieser Literatur als

»fachmännisch« sich findet. Wer etwa meint, der Verfasser hätte auch

hinweisen sollen auf die sozialen Ideen Anderer, die in dem Einen oder

Andern an das hier Dargestellte anzuklingen scheinen, den bitte ich zu

bedenken, daß die _Ausgangspunkte und die Wege_ der hier gekennzeichneten

Anschauung, welche der Verfasser einer jahrzehntelangen Lebenserfahrung

zu verdanken glaubt, das Wesentliche bei der praktischen Verwirklichung

der gegebenen Impulse sind und nicht etwa bloß so oder anders geartete

Gedanken. Auch hat der Verfasser, wie man aus dem Abschnitt IV ersehen

kann, für die praktische Verwirklichung sich schon einzusetzen versucht,

als ähnlich _scheinende_ Gedanken in bezug auf das Eine oder Andere noch

nicht bemerkt wurden.

Daß stramm in Parteiprogramme eingespannte Köpfe mit den Aufstellungen des

Verfassers zunächst unzufrieden sein werden, weiß er. Doch er glaubt, viele

Parteimenschen werden recht bald zu der Überzeugung gelangen, daß die

Tatsachen der Entwicklung schon weit über die Parteiprogramme

hinausgewachsen sind, und daß ein von solchen Programmen #unabhängiges#

Urteil über die nächsten Ziele des sozialen Wollens vor allem notwendig

ist.

Anfang April 1919.

#Rudolf Steiner.#

I. Die wahre Gestalt der sozialen Frage, erfaßt aus dem Leben der modernen

Menschheit

Offenbart sich nicht aus der Weltkriegskatastrophe heraus die moderne

soziale Bewegung durch Tatsachen, die beweisen, wie unzulänglich Gedanken

waren, durch die man jahrzehntelang das proletarische Wollen zu verstehen

glaubte?

Was gegenwärtig sich aus früher niedergehaltenen Forderungen des

Proletariats und im Zusammenhange damit an die Oberfläche des Lebens

drängt, nötigt dazu, diese Frage zu stellen. Die Mächte, welche das

Niederhalten bewirkt haben, sind zum Teil vernichtet. Das Verhältnis, in

das sich diese Mächte zu den sozialen Triebkräften eines großen Teiles der

Menschheit gesetzt haben, kann nur erhalten wollen, wer ganz ohne

Erkenntnis davon ist, wie unvernichtbar solche Impulse der Menschennatur

sind.

Manche Persönlichkeiten, deren Lebenslage es ihnen möglich machte, durch

ihr Wort oder ihren Rat hemmend oder fördernd einzuwirken auf die Kräfte im

europäischen Leben, die 1914 zur Kriegskatastrophe drängten, haben sich

über diese Triebkräfte den größten Illusionen hingegeben. Sie konnten

glauben, ein Waffensieg ihres Landes werde die sozialen Anstürme beruhigen.

Solche Persönlichkeiten mußten gewahr werden, daß durch die Folgen ihres

Verhaltens die sozialen Triebe erst völlig in die Erscheinung traten. Ja,

die gegenwärtige Menschheitskatastrophe erwies sich als dasjenige

geschichtliche Ereignis, durch das diese Triebe ihre volle Schlagkraft

erhielten. Die führenden Persönlichkeiten und Klassen mußten ihr Verhalten

in den letzten schicksalsschweren Jahren stets von dem abhängig machen, was

in den sozialistisch gestimmten Kreisen der Menschheit lebte. Sie hätten

oftmals gerne anders gehandelt, wenn sie die Stimmung dieser Kreise hätten

unbeachtet lassen können. In der Gestalt, die gegenwärtig die Ereignisse

angenommen haben, leben die Wirkungen dieser Stimmung fort.

Und jetzt, da in ein entscheidendes Stadium eingetreten ist, was

jahrzehntelang vorbereitend heraufgezogen ist in der Lebensentwicklung der

Menschheit: jetzt wird zum tragischen Schicksal, daß den gewordenen

Tatsachen sich die Gedanken nicht gewachsen zeigen, die im Werden dieser

Tatsachen entstanden sind. Viele Persönlichkeiten, die ihre Gedanken an

diesem Werden ausgebildet haben, um dem zu dienen, was in ihm als soziales

Ziel lebt, vermögen heute wenig oder nichts in bezug auf Schicksalsfragen,

die von den Tatsachen gestellt werden.

Noch glauben zwar manche dieser Persönlichkeiten, was sie seit langer Zeit

als zur Neugestaltung des menschlichen Lebens notwendig gedacht haben,

werde sich verwirklichen und dann als mächtig genug erweisen, um den

fordernden Tatsachen eine lebensmögliche Richtung zu geben. -- Man kann

absehen von der Meinung derer, die auch jetzt noch wähnen, das Alte müsse

sich gegen die neueren Forderungen eines großen Teiles der Menschheit

halten lassen. Man kann seinen Blick einstellen auf das Wollen derer, die

von der Notwendigkeit einer neuen Lebensgestaltung überzeugt sind. Man wird

doch nicht anders können, als sich gestehen: es wandeln unter uns

Parteimeinungen wie Urteilsmumien, die von der Entwicklung der Tatsachen

zurückgewiesen werden. Diese Tatsachen fordern Entscheidungen, für welche

die Urteile der alten Parteien nicht vorbereitet sind. Solche Parteien

haben sich zwar mit den Tatsachen entwickelt; aber sie sind mit ihren

Denkgewohnheiten hinter den Tatsachen zurückgeblieben. Man braucht

vielleicht nicht unbescheiden gegenüber heute noch als maßgeblich geltenden

Ansichten zu sein, wenn man glaubt, das eben Angedeutete aus dem Verlaufe

der Weltereignisse in der Gegenwart entnehmen zu können. Man darf daraus

die Folgerung ziehen, gerade diese Gegenwart müsse empfänglich sein für den

Versuch, dasjenige im sozialen Leben der neueren Menschheit zu

kennzeichnen, was in seiner Eigenart auch den Denkgewohnten der sozial

orientierten Persönlichkeiten und Parteirichtungen ferne liegt. Denn es

könnte wohl sein, daß die Tragik, die in den Lösungsversuchen der sozialen

Frage zutage tritt, gerade in einem Mißverstehen der wahren proletarischen

Bestrebungen wurzelt. In einem Mißverstehen selbst von seiten derjenigen,

welche mit ihren Anschauungen aus diesen Bestrebungen herausgewachsen sind.

Denn der Mensch bildet sich keineswegs immer über sein eigenes Wollen das

rechte Urteil.

Gerechtfertigt kann es deshalb erscheinen, einmal die Fragen zu stellen:

was #will# die moderne proletarische Bewegung in Wirklichkeit? Entspricht

dieses Wollen demjenigen, was gewöhnlich von proletarischer oder nicht

proletarischer Seite über dieses Wollen gedacht wird? Offenbart sich in

dem, was über die »soziale Frage« von vielen gedacht wird, die _wahre

Gestalt_ dieser »Frage«? Oder ist ein ganz anders gerichtetes Denken nötig?

An _diese_ Frage wird man nicht unbefangen herantreten können, wenn man

nicht durch die Lebensschicksale in die Lage versetzt war, in das

Seelenleben des modernen Proletariats sich einzuleben. Und zwar desjenigen

Teiles dieses Proletariats, der am meisten Anteil hat an der Gestaltung,

welche die soziale Bewegung der Gegenwart angenommen hat.

Man hat viel gesprochen über die Entwicklung der modernen Technik und des

modernen Kapitalismus. Man hat gefragt, wie innerhalb dieser Entwicklung

das gegenwärtige Proletariat entstanden ist, und wie es durch die

Entfaltung des neueren Wirtschaftslebens zu seinen Forderungen gekommen

ist. In all dem, was man in dieser Richtung vorgebracht hat, liegt viel

Treffendes. Daß damit aber ein Entscheidendes doch nicht berührt wird, kann

sich dem aufdrängen, der sich nicht hypnotisieren läßt von dem Urteil: die

äußern Verhältnisse geben dem Menschen das Gepräge seines Lebens. Es

offenbart sich dem, der sich einen unbefangenen Einblick bewahrt in die aus

inneren Tiefen heraus wirkenden seelischen Impulse. Gewiß ist, daß die

proletarischen Forderungen sich entwickelt haben während des Lebens der

modernen Technik und des modernen Kapitalismus; aber die Einsicht in diese

Tatsache gibt noch durchaus keinen Aufschluß darüber, was in diesen

Forderungen eigentlich als _rein menschliche_ Impulse lebt. Und solange man

in das Leben dieser Impulse nicht eindringt, kann man wohl auch der _wahren

Gestalt_ der »sozialen Frage« nicht beikommen.

Ein Wort, das oftmals in der Proletarierwelt ausgesprochen wird, kann einen

bedeutungsvollen Eindruck machen auf den, der in die tiefer liegenden

Triebkräfte des menschlichen Wollens zu dringen vermag. Es ist das: der

moderne Proletarier ist »_klassenbewußt_« geworden. Er folgt den Impulsen

der außer ihm bestehenden Klassen nicht mehr gewissermaßen instinktiv,

unbewußt; er weiß sich als Angehöriger einer besonderen Klasse und ist

gewillt, das Verhältnis dieser seiner Klasse zu den andern im öffentlichen

Leben in einer seinen Interessen entsprechenden Weise zur Geltung zu

bringen. Wer ein Auffassungsvermögen hat für seelische Unterströmungen, der

wird durch das Wort »klassenbewußt« in dem Zusammenhang, in dem es der

moderne Proletarier gebraucht, hingewiesen auf wichtigste Tatsachen in der

sozialen Lebensauffassung derjenigen arbeitenden Klassen, die im Leben der

modernen Technik und des modernen Kapitalismus stehen. Ein solcher muß vor

allem aufmerksam darauf werden, wie wissenschaftliche Lehren über das

Wirtschaftsleben und dessen Verhältnis zu den Menschenschicksalen zündend

in die Seele des Proletariers eingeschlagen haben. Hiermit wird eine

Tatsache berührt, über welche viele, die nur _über_ das Proletariat denken

können, nicht _mit_ demselben, nur ganz verschwommene, ja in Anbetracht der

ernsten Ereignisse der Gegenwart schädliche Urteile haben. Mit der Meinung,

dem »ungebildeten« Proletarier sei durch den Marxismus und seine

Fortsetzung durch die proletarischen Schriftsteller der Kopf verdreht

worden, und mit dem, was man sonst in dieser Richtung oft hören kann, kommt

man nicht zu einem auf diesem Gebiete in der Gegenwart notwendigen

Verständnis der geschichtlichen Weltlage. Denn man zeigt, wenn man eine

solche Meinung äußert, nur, daß man nicht den Willen hat, den Blick auf ein

Wesentliches in der gegenwärtigen sozialen Bewegung zu lenken. Und ein

solches Wesentliches ist die Erfüllung des proletarischen

Klassenbewußtseins mit Begriffen, die ihren Charakter aus der neueren

_wissenschaftlichen_ Entwicklung heraus genommen haben. In diesem

Bewußtsein wirkt als Stimmung fort, was in Lassalles Rede über die

»Wissenschaft und die Arbeiter« gelebt hat. Solche Dinge mögen manchem

unwesentlich erscheinen, der sich für einen »praktischen Menschen« hält.

Wer aber eine wirklich fruchtbare Einsicht in die moderne Arbeiterbewegung

gewinnen will, der _muß_ seine Aufmerksamkeit auf diese Dinge richten. In

dem, was gemäßigte und radikale Proletarier heute fordern, lebt nicht etwa

das in Menschen-Impulse umgewandelte Wirtschaftsleben so, wie es sich

manche Menschen vorstellen, sondern es lebt die Wirtschafts-_Wissenschaft_,

von welcher das proletarische Bewußtsein ergriffen worden ist. In der

wissenschaftlich gehaltenen und in der journalistisch popularisierten

Literatur der proletarischen Bewegung tritt dieses so klar zutage. Es zu

leugnen, bedeutet ein Augenverschließen vor den wirklichen Tatsachen. Und

eine fundamentale, die soziale Lage der Gegenwart bedingende Tatsache ist

die, daß der moderne Proletarier in wissenschaftlich gearteten Begriffen

sich den Inhalt seines Klassenbewußtseins bestimmen läßt. Mag der an der

Maschine arbeitende Mensch von »Wissenschaft« noch so weit entfernt sein;

er hört den Aufklärungen über seine Lage von seiten derjenigen zu, welche

die Mittel zu dieser Aufklärung von dieser »Wissenschaft« empfangen haben.

Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft · 第 1 / 11 段