Adelens gelangt sein mußte, verstrich, ohne daß der Portier des Hotels
auf die wohl zwanzigmal wiederholte Nachfrage Somsdorffs eine bessere
Antwort gehabt hätte, als ein lächelndes »~Rien, Monsieur~« oder ein
artig bedauerndes »~Pas encore~«. Bis gegen Mitternacht hielt sich
Somsdorff buchstäblich auf der Lauer. Er saß, die Abendnummer eines
Boulevardblattes zwischen den Fingern, in dem spärlich erleuchteten
kleinen Salon, der an sein Schlafzimmer stieß, und horchte auf jedes
Geräusch, das draußen im Gang sich rührte, auf jeden Schritt, der
abgedämpft über den Läufer huschte. Von Zeit zu Zeit stand er auf, um
die Thüre zu öffnen. Er glaubte Stimmen zu hören, die nach ihm fragten.
Einmal klang es wie »~Monsieur de Somsdorff~«, so scharf und bestimmt
-- er hätte die Wirklichkeit dieser Worte beeidigt ... Und doch war
alles ein Spiel seiner erregten Einbildungskraft.
Schwer niedergedrückt ging er nun endlich zu Bette. Da er infolge des
unausgesetzten Wartens nicht gleich einschlafen konnte, versuchte er,
sich die Trostlosigkeit der Enttäuschung zurechtzulegen, und kam --
wie dies immer geschieht, wenn man die Hoffnung auf ein glückliches
Resultat um keinen Preis aufgeben will -- zu der frohen Erkenntnis,
er selbst trage die Schuld an dieser Enttäuschung, da er etwas
vorausgesetzt habe, was er gar nicht voraussetzen durfte. Ganz mit der
nämlichen Logik, die ihm bis jetzt dargethan hatte, es sei unmöglich,
daß Gräfin Adele _nicht_ telegraphiere, bewies er sich jetzt das
Gegenteil. Wie hatte er annehmen können, sie, das feinfühlige, scheue
Gemüt, werde so peinlich intime Vorgänge einem Blatt anvertrauen, das
durch die Hände unbeteiligter Menschen wandern und Gott weiß von wie
vielen gleichgültigen oder gar spöttischen Blicken profaniert werden
mußte! Und ferner: das Beste, das Heiligste, was sie ihm sagen konnte,
ging doch naturgemäß seiner Wirkung verlustig, wenn es ihm nicht in
den eigenen Schriftzügen der Geliebten vors Auge trat! Ein Telegramm,
das Offenbarungen des Herzens enthielt, war eine Roheit, die mit den
Heiratsannoncen und ähnlichen Ausgeburten des Zeitgeistes auf der
nämlichen Stufe stand! Nein, solcher Mißgriffe war Adele nicht fähig,
-- und im Geiste bat er sie um Vergebung, daß er so thöricht gewesen,
das einfach Undenkbare für wahrscheinlich zu halten.
Nun ward er ruhig und fand so allmählich den Schlaf. Kurz nach sechs
jedoch fuhr er, wie jemand, der sich plötzlich erinnert, empor. Die
Julisonne schien grell durch die unvollständig geschlossenen Gardinen,
deren brennender Purpur über das ganze Gemach einen rosigen Schimmer
goß. Es war wie die Vorahnung eines Festtages. Leo von Somsdorff nahm
das zum guten Zeichen. Heute konnte ja nun ein Brief kommen!
Er zog sich an, bestellte sich Thee, warf einen Blick in die Zeitung,
die er während des gestrigen Abends mehr zerknickt als gelesen hatte,
und verließ dann mit Herzklopfen das Hotel.
Das eigentliche Paris war noch nicht aufgewacht. Arbeiter und kleine
Verkäuferinnen wanderten scharenweise nach ihren mannigfaltigen
Werkstätten, Magazinen und Läden, während ganze Kolonnen von
Straßenkehrern damit beschäftigt waren, den Fahrdamm zu reinigen.
Somsdorff beschaute dies fremdartige Bild mit jener vielgeschäftigen
Neugier, die alles willkommen heißt, was ihr Ablenkung von dem
Gegenstand ihrer Ungeduld bietet. Unter den Mädchen, die zum Teil in
geschmackvollen, wenn auch meist sparsamen Toiletten über den glatten
Asphalt huschten, befanden sich ganz allerliebste Gesichter, anmutig,
frisch und just wie geschaffen, um ein vergrämtes Gemüt zum Frohsinn
und zur Lebenslust zu bekehren. Somsdorff indes starrte sie an, ohne
das wahrzunehmen.
Nur ein einziges Mal ward er aus seiner Stumpfheit aufgerüttelt, als
er, nach seinem Hotel zurückschreitend, mit zwei solcher Püppchen,
die eben aus einem Thorweg heraustraten, heftig zusammenstieß, ein
verblüfftes »~Pardon!~« stammelte und höflich den Hut zog.
Die Mädchen lachten. Eine von ihnen, die hübscheste kleine Blondine,
die man sich denken konnte, sagte mit dem entzückendsten Stimmchen »~Il
n'y a pas de quoi~«, und warf ihm dabei einen Blick zu, den er trotz
aller Zerstreutheit nicht übersehen konnte. Dann schritten die beiden
quer über die Straße nach einem Putzmachergeschäft, dessen mächtige
Eisenvorlagen noch fest geschlossen im Glanz der Sonne blinkten, und
verschwanden dort in dem Nebeneingang unter dem Thürschilde, das in
silberner Rundschrift den melodischen Namen der Inhaberin »Félicie
Marchand« trug.
Nun endlich, da Somsdorff wieder vor seinem Hotel stand, kam der
»Facteur«, den hölzernen Kasten schwer mit Briefschaften aller Art
überladen. Leo war seiner Sache gewiß. Er fragte jetzt gar nicht:
»Haben Sie was für mich?« sondern streckte dem Mann, der einen ganzen
Stoß von Korrespondenzen nach der Portierloge trug, einfach die Karte
entgegen.
Aber der Briefträger zuckte ganz mit der gleichen Gebärde, wie gestern
der Concierge, die Achseln und sagte dann höflich: »Vielleicht mit dem
folgenden Umgang!«
Diesmal war Leo von Somsdorff sprachlos. Trostsprüche, wie er sie
gestern so leicht noch handhabte, verfingen nicht mehr. Sie hat
nicht geschrieben; sie wird überhaupt nicht schreiben: das war
der Sachverhalt, der ihm jetzt unwiderruflich schien. Es gibt
Obliegenheiten, die man entweder gar nicht, oder sofort erledigt. In
diese Kategorie zählte die Antwort auf seinen Brief, der doch wahrlich
ein übriges that in Demut und Selbstverleugnung! Also sie wollte nicht!
Trotzdem blieb er noch eine Weile im Zustand unausgesprochner
Erwartung. Fünf- oder sechsmal ging er und kam er ... Mit auffälliger
Langsamkeit schob er sich an der Loge vorüber ... vielleicht,
vielleicht trat der beleibte Concierge zu ihm heran ... Direkt
nachzufragen schämte er sich.
Es war ein qualvoller Tag. Das ewige Auf- und Niederwogen der Stimmung,
der unvermittelte Wechsel von Bangigkeit, Sehnsucht, Aerger und Zorn
drückte auf alle Nerven. Zuletzt hielt er's in dem Bereich des Hotels,
das er umkreist hatte, wie ein Detektiv die Verbrecherhöhle, nicht
länger aus. Er bestieg eine Droschke und fuhr auf dem kürzesten Weg ins
Boulogner Gehölz. Er kam sich so über die Maßen jämmerlich und verwaist
vor, daß er laut hätte aufschreien mögen. Da es die Zeit des Diners
war, nahm er dort irgendwo einen Imbiß, trank eine Flasche Léoville,
die ihm den Kummer nicht einwiegte, und machte sich gegen halb neun auf
den Heimweg.
Obgleich die Jahreszeit schon stark vorgerückt war und ein erheblicher
Teil der »Gesellschaft« sich in Villegiatur befand, herrschte doch auf
den glänzend erleuchteten Boulevards ein Gedränge, wie kaum in der
hohen Saison. Die endlosen Tischreihen vor den Kaffeehäusern waren über
und über mit Gästen besetzt. Ein flüchtiger Regenschauer hatte den
Staub niedergeschlagen; die Luft war köstlich; ein tiefblauer Himmel,
der noch im Westen ein leuchtendes Rot zeigte, spannte sich wolkenlos
über das bunte Gewühl.
Somsdorff fragte sich, ob er nicht trotz des herrlichen Wetters noch
ein Theater oder das gastfreie Haus einer vornehmen englischen Dame
besuchen solle, die heute Empfangstag hatte. Dies stumme Alleinsein
unter dem wogenden Menschenschwarm, der so angeregt und vergnügt
schien, so ganz und gar ohne Sorgen und Kümmernisse, spannte ihn ab. Es
war wie das nervenermüdende Branden des Meeres, ein ewiger Wellenschlag
-- ohne Einzelerlebnisse, die ihn wirklich zerstreut hätten.
Da, an der Ecke der Rue Vivienne, wo er einen Moment stehen blieb,
sah er plötzlich in zwei strahlende Mädchengesichter, die erstaunt
zu ihm aufschauten. Es gab ihm einen Stich ins Herz. Sofort hatte er
die beiden zierlichen Püppchen von heute morgen erkannt, mit denen er
so ungeschickt karamboliert hatte. Die ganze Stimmung jener Minute,
die freudige Zuversicht, die sich so bald in herbste Enttäuschung
verwandeln sollte, trat ihm grell ins Bewußtsein. All seine Trübsal
erneute sich.
Und der Abend war so bezaubernd, das Licht floß in so funkelnden
Strömen von rechts und links aus den Kaffeehäusern und Brasserieen, und
die zwei Mädchen, die ihn mit ihren schelmischen Augen so freundlich
anblitzten, waren so jung und so lebensfrisch! Besonders die eine --
die mit dem quellenden Blondhaar unter dem zierlichen braunen Strohhut!
Ihre Zähne schimmerten schneeglöckchenweiß durch das rosige Lippenpaar,
das sich ein bißchen stark öffnete, wenn sie lachte, aber so duftig
schien, so weich und so küßlich ...
Nun sah die Blonde sich um. Wahrhaftig, ein reizendes Ding, so zierlich
und schwalbengleich! Die echte Pariserin! Ganz ehrbar und anständig
schauten sie aus, die beiden übermütigen Kinder, aber doch so, daß
man es wagen durfte, sie anzureden. Natürlich! Sie flanierten ja so
allein -- just wie Somsdorff -- und wenn man den Tag über Federn und
Blumen zu arrangieren hat, und nicht die Mittel besitzt, am Abend
einen Salon zu besuchen, wo man Bekanntschaften macht nach allen
Regeln des guten Tons, dann nimmt man es grade nicht streng mit der
Etikette und amüsiert sich einmal auch ohne den Austausch der üblichen
Präliminarien ...
Somsdorff besann sich nicht lange. -- Er war ja nun frei. -- »Nun« war
nicht einmal das bezeichnende Wort, denn frei war er schon mit dem
Moment, als Gräfin Adele ihm grollend die Thür wies. Er konnte getrost
da wieder anknüpfen, wo er aufgehört, eh' ihn das Schicksal nach
Authenried-Poyritz geführt. Hätte er doch dies unheilvolle Besitztum
nie mit Augen gesehen!
Er machte jetzt Kehrt. Nach zwei Minuten hatte er die Mädchen
erreicht. Mit der Höflichkeit eines Weltmannes, der eine hochgefeierte
Aristokratin begrüßt, zog er den Hut und ließ eine Phrase vom Stapel,
die dem Selbstgefühle der beiden Putzmacherinnen ganz außerordentlich
schmeichelte. Er bat um Entschuldigung, daß er hier scheinbar den Takt
verletze: aber es dränge ihn, nach dem Rencontre von heute früh, dessen
Schuld ihn allein treffe, den Damen nochmals sein tiefstes Bedauern zu
äußern.
Er hielt diesen etwas gespreizten Ton eine Weile noch fest, obgleich
er alsbald merkte, daß er sich über die Anspruchslosigkeit dieser
kleinen Geschöpfe durchaus nicht getäuscht hatte. Die Blonde sah ihn
so dankbar an! Es war ihr augenscheinlich höchst angenehm, in Herrn von
Somsdorff, der sich sogar jetzt vorstellte, und zwar schlechthin als
»Monsieur Léon«, einen so wohlerzogenen, rücksichtsvollen, wenn auch
vielleicht etwas gar zu umständlichen Kavalier kennen zu lernen.
Nach Verlauf einer Viertelstunde saßen die drei vor dem Café Riche
und plauderten frisch darauf los, als sei die kaum erst geschlossene
Kameradschaft schon Wochen alt. Die Blonde hieß Blanche -- Blanche
Leterrier --; die Schwarze, weniger hübsche, Cécile Prévôt. Sie waren
Cousinen und jetzt schon über ein Jahr bei Mademoiselle Félicie
Marchand, wo sie ihr gutes Auskommen hatten. Das Geschäft dieser
Dame warf ein Stück Geld ab -- enorm! Und Mademoiselle Marchand,
die selber von klein auf angefangen, war eine wirkliche Mutter für
ihre Arbeiterinnen. Blanche excellierte im »Fertigstellen«; sie gab
den Hüten und Hütchen den letzten Chic und mußte sie sämtlich am
großen Spiegel des Rückzimmers aufprobieren, da sie, wie Mademoiselle
behauptete, ein so ausgezeichnetes Hutgesicht hatte. Cécile war
vorzugsweise »Fleuriste«. Sie arrangierte die Blumen- und Rankenwerke.
Mademoiselle beschäftigte vierzehn Arbeiterinnen und eine »Première«,
die nur die Aufsicht führte und Briefe und Rechnungen schrieb, dafür
aber mehr bezog, als Blanche und Cécile beide zusammengenommen.
»O, und sie ist so häßlich!« meinte die liebliche Blanche mit einem
Lächeln, das gar deutlich besagte: »Wir dagegen -- nicht wahr --
Monsieur? ...«
Nachdem sie die große Portion Gefrorenes hinabgelöffelt und sich
nunmehr für einen »~petit noir~« erklärt hatten, fingen die beiden
Mädchen an, ihren Herrn Ritter nach seinem Was und Woher zu fragen.
Somsdorff, dessen Beklemmung allmählich nachließ, machte sich das
Vergnügen, den stolzen Talar einer gewissen Romantik um die Schultern
zu nehmen und sich mit großer Treuherzigkeit für einen russischen
Flüchtling auszugeben, der seiner freiheitlichen Bestrebungen halber
von der moskowitischen Tyrannei verfolgt werde. Der Galgenhumor, der
ihn ergriff, trieb ihn zu immer grelleren Ausmalungen. Er lockte so in
die Augen der hübschen Blanche einen Schimmer der Rührung, der um so
lebhafter wurde, je öfter er seine Worte direkt an sie wandte. Als man
sich nach Verlauf einer Stunde erhob, konnte sie nicht mehr im Zweifel
darüber sein, daß sie die Bevorzugte war; daher sie denn auch das Wort
ergriff, um Leos Frage, ob und wo er die beiden Damen wiedersehen
dürfe, mit liebenswürdiger Deutlichkeit zu beantworten.
»Morgen,« sagte sie, »ganz um dieselbe Zeit -- hier auf dem Boulevard!
Nicht wahr, Cécile?«
»Ganz wie du willst! Freilich -- morgen hat Antoinette Geburtstag ...«
»O, das macht nichts! Wir gratulieren ihr schon beim Frühstück! Also --
auf Wiedersehen!«
Somsdorff wollte die Mädchen bis an die Wohnung bringen: aber sie
dankten mit großer Entschiedenheit. So ging er noch eine Weile im
dichtesten Volksgewühl auf und ab, lächelte innerlich über die
Albernheit seiner Erfindungen und begab sich dann ins Hotel, fest
entschlossen, die ganze Glut seiner Einbildungskraft nunmehr auf das
hübsche Gesichtchen der reizenden Blanche Letellier zu konzentrieren.
Das gelang ihm jedoch sehr mangelhaft. Als er das Zimmer betrat, wo
Leuthold soeben die Fenster schloß, überkam ihn der Gedanke, wie ganz
anders er den heutigen Abend verbracht haben würde, wäre am Nachmittag
der glühend ersehnte Brief eingetroffen ... Diese Vorstellung wich und
wankte nicht. Ja, es regte sich, aller Vernunft zum Trotz, etwas wie
Hoffnung in seiner bedrückten Seele, ein letzter Schimmer: »Es wäre ja
immer noch möglich!« Wütend über sich selbst ging er zu Bett, wälzte
sich stundenlang hin und her und sah dann im Halbschlaf die himmlischen
Züge Adelens, die ihm vertraulich zunickte, gütig und mild, wie einst
in den Tagen des ersten Glücks.
Eine Woche verstrich, ohne daß sich etwas in der Situation Leos
geändert hätte. Ab und zu verkehrte er mit dem jungen Rumänier. Ab
und zu machte er seine Fahrt ins Gehölz. Ab und zu traf er Blanche
und Cécile; einmal sogar Blanche allein, weil Cécile einen Schnupfen
hatte, oder weil Blanche das hübscher fand. Im großen und ganzen jedoch
wußte er nicht, was er eigentlich von Paris wollte. Er langweilte
sich; er fühlte sich geradezu unglücklich. Zum Ernsten wie zum
Vergnüglichen fehlte ihm Ruhe und Sammlung. Es war ein unaufhörliches
Kommen und Gehen, eine Flucht vor sich selbst. Jetzt betrat er, wie
stolz auf diesen erlösenden Einfall, das Louvre -- etwa die Säle der
Plastik --: und gleich darauf kam es ihm vor, als wandle er dort unter
Leichen. Dann lief er nach dem Quartier latin, mischte sich unter die
jungen Studenten, und sah nun erst recht, daß für den Verstoßenen
hier kein Bleibens sei. Kaum gab es ein Stadtviertel, das er nicht
heimgesucht hätte, zu Fuß, zu Wagen, frühmorgens, oder beim Schimmer
der Gaslaterne. Ueberall fand er die gleiche Oede und Farblosigkeit.
Selbst das sogenannte »Interesse« für Blanche ließ sich mit allem Eifer
nicht großziehen.
Es half hier zunächst kein Trotz und kein Philosophieren: er stand
noch sklavisch unter dem Bann seiner Leidenschaft. Nicht einmal sein
stark ausgeprägter Gerechtigkeitssinn half ihm darüber hinaus. Im
Gegenteil, sobald er sich anstrengte, ganz objektiv zu sein, mußte
er einräumen, daß Adelens Entschluß doch nicht so unbegreiflich sei,
wie er dies anfangs behauptet hatte. Sie kannte ja nicht die Genesis
jener Stimmung, in der sein Unmut dem Kinde den Tod gewünscht: sie
hielt sich vorab an die Thatsache. Das Schlimmste war, daß sie durch
ihre Schroffheit in Somsdorffs Augen nur noch gewonnen hatte. Diese
grenzenlose Pietät für die Tote, diese Treue über das Grab hinaus paßte
ja vollständig zu dem Bild hehrster und lieblichster Weiblichkeit, das
er von Gräfin Adele im Herzen trug! Sie handelte groß und heroisch! Es
grauste ihr vor dem Manne, der nicht mehr im stande war, gemeinsam mit
ihr die fromme Erinnerung an den verstorbenen Liebling zu hegen: so war
sie denn tapfer genug, ein Band zu zerreißen, von dem sie kein Heil
mehr hoffte!
In der zweiten Hälfte des Juli ward ihm die Oedigkeit seines Treibens,
dazu auch der Staub und die Hitze so unerträglich, daß er sich
plötzlich zur Abreise entschloß, wenn auch unter Veränderung seines
ursprünglichen Planes. Er gab die Küste von San Sebastian auf und fuhr
über die deutsche Grenze zurück nach dem Schwarzwald. Sein Nervensystem
war so überreizt, daß er jetzt vor der Seeluft, die ihn erfahrungsgemäß
aufregte, eine förmliche Angst empfand. Das dunkle Tannengrün dieser
Berge mußte ihm wohlthun. Einige Bücher hatte er mitgenommen. Der
ländliche Wirt, bei dem er sich eingemietet, war in seiner Art ein
verständiger Mann, kernig und urwüchsig, mit dem sich ein Wort reden
ließ, wenn man der sonst so willkommenen Einsamkeit müde war. Die
Tochter, ein gutes, braves, häßliches Mädchen, gab nicht zu denken,
wie die reizende Blanche, die doch bei all ihrer Hübschheit so wenig
im stande gewesen, das kranke Gemüt von seinen Zwangsvorstellungen
abzuleiten.
So vergingen dem jungen Mann zwei Monate in der schweigsamen
Thalschlucht, eine Epoche der Unlust für das bewegliche Temperament
seines vortrefflichen Leuthold, der sich aus barer Trostlosigkeit dazu
herabgab, der garstigen Wirtstochter gründlich den Hof zu machen,
heilsam jedoch, wie es schien, für den Herrn, der seine Tage mit
diätetischer Pünktlichkeit einteilte, regelmäßige Ausflüge ins Gebirg
unternahm, wieder ordentlich schlief, und einen freundlichen Ernst
annahm, der mit der früheren Ungeduld seines Wesens nichts mehr gemein
hatte.
In der letzten Septemberwoche trat Leo von Somsdorff die Fahrt nach
Madrid an.
Dreizehntes Kapitel.
Ein Jahr verging und ein zweites. Somsdorff hatte sich in Madrid rasch
eingelebt.
Die Geschäfte nahmen ihn mäßig in Anspruch; um so mehr Zeit verwandte
er auf seine wissenschaftlichen Studien.
Das Interesse, das er von je der wirtschaftlichen Situation der
Pyrenäenhalbinsel entgegengebracht, hatte mit Teil daran, wenn er sich
der Entscheidung, die ihn nicht nach Konstantinopel, sondern hierher
berief, so lebhaft gefreut hatte. Er konnte jetzt unmittelbar an der
Quelle schöpfen. Und so entstand in rastlosem Fleiß eine Reihe von
Untersuchungen, die er demnächst unter dem Titel »Spanien« im Verlag
einer altrenommierten Firma zu publizieren gedachte.
Das spanische Ministerium war ihm dabei mit großer Gefälligkeit an die
Hand gegangen. Es schien, als lege die Madrider Regierung -- vielleicht
im Hinblick auf zukünftige Handelsverträge, vielleicht auch nur aus
reinem Patriotismus -- Wert darauf, die einschlägigen Verhältnisse
einmal durch die Feder eines zwar objektiven, aber doch wohlwollenden
Autors in amtlicher Stellung geschildert zu sehen, nachdem so oft
schon Leute das Wort ergriffen hatten, denen Vorurteilslosigkeit
oder gar Sympathie für Spanien nicht nachgerühmt werden konnte. Die
Regentin sogar hatte sich über das Werk berichten lassen, nachdem der
Gobernacionsminister einen der Hauptabschnitte -- »Spaniens natürliche
Hilfsquellen« -- durch eignen Augenschein kennen gelernt.
Somsdorffs rastlose Thätigkeit vor dem Schreibtisch, in den
Bibliotheken und im Büreau seiner Botschaft ward durch mehrfache
Reisen in die verschiedensten Teile des Königreichs unterbrochen. Er
besuchte Galicien, Estremadura und Leon; ein andermal die Provinzen des
Südens, und von dort das betriebsame Katalonien; ein drittes Mal, um
auch die Schatten in seinem Bilde nicht fehlen zu lassen, die Provinz
Arragonien, wo er aus der Betrachtung der sogenannten »~despoblados~«,
der abgestorbenen oder im Aussterben begriffenen Ortschaften, die dort
in überraschender Anzahl zu finden sind, ein umfassendes Studium
machte.
Zu Anfang Oktober -- gerade zwei Jahre nach seiner Ankunft in Spanien
-- erbat er sich einen mehrmonatlichen Urlaub. Bis dahin hatte er
auch während der Ferien die Halbinsel nicht verlassen, sondern die
heiße Jahreszeit teils in Aranjuez, teils in der Sierra Guadarrama
verlebt. Insbesondere war er vor dem Gedanken zurückgeschreckt, seine
Erholungstage in Deutschland zuzubringen. Der Anblick der Heimat -- das
fühlte er -- hätte ihm tausend gefahrvolle Erinnerungen wachgerufen und
ihm den mühsam erkämpften Gleichmut in Frage gestellt. Jetzt aber hielt
er den Augenblick für gekommen, diesen Erinnerungen Trotz zu bieten.
Die Zeit hatte ihn ja von Grund aus verwandelt. Er, der früher ein Mann
des lebendigen Lebens, ein lichtfreundlicher Epikuräer gewesen, schien
jetzt untergetaucht im Ernst eines Schaffens, das ihn von allem, was
sonst Männer in seinen Jahren lockt, endgültig abzog. Er war nicht
glücklich, aber zufrieden -- von jener kühlen, starren Zufriedenheit,
die nicht weiter über sich nachgrübelt und vollständig aufgeht in den
Anforderungen des Tages. Von Gräfin Adele hatte er nichts mehr gehört.
Sie lag nun hinter ihm wie ein Traum. Wenn je einmal der Gedanke sich
regte, wie alles nun sein könnte, so wies er ihn spöttisch zurück.
Das war eine Schwäche, die übrigens mit der Zeit immer seltner sich
einstellte, bis er zuletzt die Wendung der Dinge, wie sie nun vorlag,
als etwas Selbstverständliches hinnahm, ohne Groll und Bedauern.
Am zwölften Oktober sah er zum erstenmal das Haus wieder, wo ihn die
Gräfin damals so grausam zurückgestoßen. Es war nur ein Zufall, daß
er vorbeikam: die Kutsche, die ihn nach dem Palais des Ministers
brachte, fuhr diesen Weg, ohne daß er zu Anfang darauf geachtet hätte.
Nun aber nahm er doch wahr, wie ihm das Herz lebhafter pochte. Dort
die zwei Fenster gehörten zum Ecksalon, wo sich die traurige Scene
abgespielt hatte ... Drüben die Baumwipfel, die sich schon gelb und
rot färbten, rauschten über dem Platz, wo sie so manches Mal während
der kurzen, vergänglichen Zeit ihres Glückes beisammen gesessen und
von der sonnigen Zukunft geplaudert hatten ... Das war nun mehr
als zwei Jahre her ... und damals hatten sie Pläne geschmiedet,
Pläne, deren Verwirklichung ihnen so zweifellos schien! ... Armes,
erbärmliches Schicksal des Staubgeborenen! Alles kommt anders! Selbst
das Zuverlässigste hängt in der Schwebe, und das Gewisse scheint ebenso
fraglich, wie das Ungewisse!
Ob Gräfin Adele noch jetzt hier wohnte? Leo stand ja so ganz außer
Zusammenhang ... Er mied die Beziehungen zu dem Einst und was ihn daran
erinnern konnte, geflissentlich. Auch blieb ihm bei der gewaltigen
Arbeitslast, die er sich aufgebürdet, absolut keine Zeit für müßige
Privatkorrespondenzen ...
Wie er dies eben erwog, fiel sein Blick auf das staunende Antlitz der
Dame, die seit dem Tode Gerolds der Gräfin Gesellschaft leistete.
Fräulein von Rauch kam zu Fuß aus der Richtung der Baustraße. Sie hatte
vielleicht in der Nachbarschaft einen Besuch gemacht. Ihr Ausdruck
verriet, daß sie ihn gleich erkannt hatte. Somsdorff ärgerte sich,
weil er zusammenfuhr, wie ein ertappter Dieb. Er grüßte höflich, aber
mit großer Gemessenheit, und trällerte dann die Anfangsstrophe eines
Gitanaliedes.
Der Besuch bei dem Minister und ein langes Gespräch mit einem der
vortragenden Räte riß ihn zunächst aus dieser unangenehmen Laune
heraus: dann jedoch nahm sie mit desto größerer Nachhaltigkeit wieder
Besitz von ihm. Den ganzen Tag blieb er noch unter dem Eindruck der
»höchst fatalen Begegnung«. Gräfin Adele wohnte also noch da ... und
sie wußte es jetzt, daß er zurück war; ja, daß er durch ihre Straße
gefahren! Fräulein von Rauch würde ihr's doch natürlich erzählen und
vielleicht eine recht sonderbare Glosse daran knüpfen. Wie peinlich,
wenn Gräfin Adele sein Vorbeikommen an der Wohnung für Absicht hielt!