sprechen! Wie lebst du? Wie findet ihr euch zurecht?«
»Gar nicht!« versetzte Gertrud. »Die Antwort bezieht sich auf beide
Fragen, auf das Leben wie aufs Zurechtfinden. Ich vegetiere nur noch!
Die lustige Gertrud von ehedem ist so müde geworden, so halt- und
kraftlos ... Im übrigen ...«
Die Thränen traten ihr in die Augen.
»Armes Kind!« seufzte Adele und nahm die Hand Gertruds. »Wie lange seid
ihr verheiratet?«
»Noch kein Jahr. Aber du weißt ja selbst: diese Männer brauchen
höchstens drei Monate, um sich als das zu entpuppen, was sie in
Wirklichkeit sind: als elende, herzlose Egoisten.«
»Sprich leiser!« mahnte die Gräfin mit einem Blicke auf Karl, der
augenscheinlich herunterhorchte.
»Meinetwegen darf es die ganze Welt hören,« flüsterte Gertrud. »Wirst
du mir glauben, daß Friedrich schon auf der Hochzeitsreise mich
schmählich betrogen hat?«
»Kind, du bist eifersüchtig! Die Eifersucht aber hat schlechte Augen!«
Gertrud wiegte den Kopf.
»Die Sache ekelt mich an; ich erspare mir also die Einzelheiten. Du
würdest sonst rasch begreifen, daß hier die Möglichkeit eines Irrtums
ausgeschlossen erscheint. Dabei ist der Mensch ein Tyrann, ein Tyrann
-- ich verstehe mich manchmal selbst nicht! Mein einziger Trost beruht
darin, daß ich mir sage: die andern sind gerade so! Da gibt's keine
Ausnahme! Ich danke noch Gott, daß er nicht Urkunden fälscht und keinen
Giftmord begeht!«
»Gertrud!«
»Liebste Adele, ich sehe die Welt so, wie sie ist! Du freilich in
deinem rosenroten Idealismus, du glaubst noch an alles, an Tugend, an
Liebe, an Freundschaft, obgleich dein Leben doch auch nicht arm an
Erfahrungen ist!«
»Ja, Gertrud! Ich glaube, daß in der Seele der meisten Menschen der
Keim des Guten und Edlen schläft, und daß es oft nur die Schuld der
verständnislosen Umgebung ist, wenn dieser Keim nicht geweckt wird.«
»Das sind so Redensarten. Früher hab' ich mir's auch eingebildet ...
Genug davon! Der Aerger macht mich noch krank! Wenn ich nur erst mal
über dies Stadium hinaus wäre und anfinge, die ganze Geschichte mehr
auf die leichte Achsel zu nehmen! Dann hätt' ich gewonnenes Spiel!«
»Wie so?«
»Nun, ich fände dann Mut und Stimmung, ihm heimzuzahlen! Weißt du, ich
gehöre von Temperament nicht zu den frommen Dulderinnen, die lautlos
dahinschmachten, während ihr Peiniger schandbare Orgien feiert! Ich
bin nur eingeschüchtert, auch körperlich etwas heruntergekommen -- und
leider Gottes noch immer etwas verliebt ... Er hat eine Art, die mich
kettet, trotz alledem! Das muß ich erst mit Gewalt ausmerzen. Dann aber
-- wenn mir dann einmal so ein Freund kommt, wie dir damals der Leo von
Somsdorff, dann werd' ich den Teufel thun und ihm ausweichen!«
»Wie meinst du das?« fragte die Gräfin errötend.
»Ach, thu' nur nicht so!«
»Herr von Somsdorff war in der That mein Freund. Wenn du meinst ...«
»Ich vermute nur, was ich weiß. Uebrigens sprach ich mehrmals mit
Friedrich darüber -- kurz nach unsrer Verheiratung. Damals tauschten
wir unsre Gedanken noch aus. Nun, und Friedrich, wenn ich auch sonst
kein gutes Haar an ihm lasse, in Liebesgeschichten kennt er sich aus,
und sein Scharfblick im Wittern unerlaubter Verhältnisse ist geradezu
großartig. Um Gottes willen, versteh' nicht falsch! Er hat nicht im
Traume daran gedacht, dir etwas nachzusagen! Im Gegenteil, es war ja
auf hundert Schritte zu merken, daß du den Somsdorff abfahren ließest!
Ein glücklicher Liebhaber -- der gebärdet sich anders! Daß er aber in
dich vernarrt war bis zur Tollwut, und daß du von diesem Zustand genau
unterrichtet warst -- um das zu erkennen, brauchte man nur die Augen zu
öffnen.«
»Wär's möglich ...?«
»Es ist so, liebste Adele! Du fingst es nicht gerade sonderlich schlau
an, muß ich dir sagen! Man merkte sogar, wie Friedrich behauptet, daß
du stark mit dir kämpftest! In höchst auffälliger Weise nahmst du die
Zuflucht zu deinem Kinde ...«
Die Gräfin zuckte.
»Ach, vergib, daß ich hier eine Wunde berühre, die noch zu bluten
scheint,« raunte Gertrud erregt. »Aber da's mir denn doch einmal
beifällt, weshalb soll ich nicht frei von der Leber sprechen? Das
Kind war dir damals eine Art Talisman, der dein Herz vor Verirrungen
schützte. Vielleicht auch war es die pure Einbildung, wenn du meintest,
solchen Talisman nötig zu haben. Offen gestanden, ich selbst hatte
nicht sonderlich acht darauf. Friedrich aber, und noch mehr sein
Papa ... ach, das sind geriebene Patrone! Erst später hab' ich mir's
dann aus ihren Reden zusammengeklaubt. Der Somsdorff merkte, daß
ihm das Kind bei der Verfolgung seiner Don-Juanprojekte im Weg war,
und so erklärt sich's ... Pfui, pfui, was sind doch die Männer für
nichtswürdige, erbärmliche Kerle!«
»Gertrud! Ich sagte dir, Herr von Somsdorff sei mir ein Freund gewesen,
ein lieber, teurer Freund ...«
»Ja wohl! Ein Freund, der deine Josefa ruhig ertrinken ließ!« platzte
Gertrud heraus. »Ein Freund, der die Hände kaltherzig in den Schoß
legte, weil ihm dies Unglück just in den Kram paßte!«
»Bist du von Sinnen?« rief Adele so laut, daß der Bediente sich
umdrehte.
»Ich rede die Wahrheit! Ich würde sie ihm kurzer Hand ins Gesicht
schleudern und wäre denn doch begierig, ob er den Mut fände, mich
Lügen zu strafen! Weshalb soll ich's verschweigen! Vielleicht hat er
ja selber den Irrtum bei dir genährt, als sei ich schuld gewesen, ich,
die ich bei Gott ... Nein, du sollst wissen, daß sich dein Schmerz und
dein Groll damals in der Adresse vergriff! Herr von Somsdorff, der
ein ausgezeichneter Schwimmer ist, weißt du, ein Virtuose, nicht nur,
was man gewöhnlich so nennt -- Herr von Somsdorff saß in Lebensgröße
gemütlich am Ufer und sah mit zu, wie die Kleine hinabstürzte; aber
er rührte sich nicht! Damals hielt ich ihn nur für feige; jetzt aber
weiß ich, daß es gemeinste Berechnung war ... Aber was hast du denn?
Lieber Himmel, ich dachte, du seiest so weit gefaßt, um das hören zu
können ...! Hätt' ich geahnt ...«
»Sprichst du die Wahrheit?« fragte die Gräfin tonlos. »Oder willst
du bloß Rache nehmen für die erlittene Kränkung? Ich beschwöre dich,
Gertrud: sprichst du die Wahrheit?«
»Was sonst? Aber ich sehe, du regst dich ganz fürchterlich auf! Sei
doch verständig! Wir beide werden die Welt nicht ändern! Streng
genommen war Somsdorff ja nicht verpflichtet, sein Leben zu wagen ...
Und eine Gefahr lag ja immer noch vor ...«
»Ich kann's nicht glauben, ich kann nicht! Gertrud, verzeih, ich fühle
mich elend zum Sterben! Ich muß nach Hause! Nein, ohne dich! Thu mir
die Liebe an, nimm eine Droschke und fahr' allein ins Hotel! Du ahnst
ja nicht ...«
»Ich kann dich unmöglich in diesem Zustand allein lassen!« murmelte
Gertrud.
Trotzdem stieg sie, dem flehenden Blicke Adelens gehorchend, bei der
Viktoriaallee aus. Sie zuckte die Achseln, wie's ihre Gepflogenheit
war, wenn sie Gemütsbewegungen gegenüberstand, die sie nicht teilte,
drückte der Freundin die Hand und schritt ein wenig verstimmt zu der
nächsten Haltestation.
Adele fuhr inzwischen auf dem kürzesten Wege nach ihrer Wohnung.
Elftes Kapitel.
Leo von Somsdorff war schon im Ecksalon und blätterte in dem neuesten
Heft einer Monatsschrift, als Gräfin Adele marmorblaß über die Schwelle
trat. Fräulein von Rauch, die stets mit peinlichster Sorgsamkeit
Toilette machte, überdies auch den jungen Mann im Spiel seiner
rosenfarbnen Gedanken nicht stören wollte, war bis jetzt nicht zum
Vorschein gekommen. Heimgekehrt, hatte Adele ihr sagen lassen, sie
möge noch eine Zeit lang verziehen, da sie, die Gräfin, mit Herrn von
Somsdorff zu reden habe.
Als Gräfin Adele den Strahl zärtlicher Freude gewahrte, der sich
bei ihrem Erscheinen über das offene, liebenswürdige Antlitz ihres
Verlobten ergoß, war sie geneigt, Gertrud von Steinitz rund heraus
der Verleumdung zu zeihen. Jedenfalls, wenn sie nicht log, mußte ein
seltsamer Irrtum vorwalten, der sich ja aufklären würde. Aber weshalb
dann dieses zerhämmernde Herzklopfen, das ihr den Atem benahm und sie
zwang, sofort niederzusitzen? Wozu das mühsame Lächeln, da sie doch
klüger und einfacher ihre Erregung gar nicht verhehlt, sondern gleich
beim Eintritt ehrlich zu Somsdorff gesprochen hätte: Höre, mein Freund,
was Gertrud von Steinitz behauptet, und sage mir, was ich auf diese
unglaubliche Narrheit erwidern soll! ...
Leo, der schon im Begriff gewesen, ihr das Resultat seiner Audienz beim
Minister entgegenzurufen, unterbrach sich mitten im Satz. Er vergaß die
Umarmung, die er ihr zugedacht, und den Willkommkuß. Teilnehmend, wie
ein Vater, ergriff er jetzt ihre Hand.
»Du bist nicht wohl?« fragte er fürsorglich. »Der glühende Nachmittag!
Bestimmt, Liebling, du hast dir zu viel gethan!«
Nochmals versuchte sie ein gekünsteltes Lächeln, das ihr so fahl und so
traurig geriet, wie ein Abschiedsgruß.
»Ja,« hub sie mit einem Seufzer an und drückte den Kopf wider
die Lehne des Sofas -- desselben, wo sie an jenem furchtbaren
Weihnachtsabend auf Gerold gewartet -- »ja, ich bin sehr erschöpft ...
es liegt mir so dumpf über der Stirn! Ich traf Gertrud von Steinitz ...
doch hiervon später! ... Du aber, Leo! Erzähle, ich bitte dich!«
Da er nun gleich mit der Hauptsache kam und ihr, halb schon beruhigt,
mitteilte, man habe ihn für Madrid bestimmt, fiel sie ihm rasch
ins Wort. Sie konnte nichts hören; sie mußte erst vollständig klar
sehen, eh' sie sich dieser lebhaft gewünschten Entscheidung zu freuen
vermochte.
»Was hast du nur?« fragte er staunend.
»Nichts! Verzeih mir! Weißt du auch, was wir übermorgen für einen Tag
haben?«
Er wußte es wohl. Sein Staunen wuchs. Sie hatte fast niemals von dem
Kinde geredet, als fürchte sie durch ein Wort der Erinnerung das kaum
entschlummerte Leid wieder aufzuwecken.
»Wie sollte ich nicht?« sagte er stammelnd.
In diesem Moment türmte sich alles, was Gertrud erzählt hatte, mit
erneuter Bedrohlichkeit vor Adelen empor. Die seltsame Scheu, womit
Somsdorff die letzten Worte gleichsam nur zögernd über die Lippen
gebracht, überwältigte sie. War es denn möglich? Drückte den Mann da im
Ernste ein Schuldgefühl? Sie begriff nicht, daß nur die zärtliche Sorge
um sie ihn so unsicher machte, vielleicht auch ein wenig der Schmerz
darüber, daß sie in diesem Moment, der so völlig der Zukunft gehörte,
fast nur der Vergangenheit dachte.
Plötzlich entsann sich die Gräfin, vor Jahren einmal ein französisches
Drama gelesen zu haben, worin der Untersuchungsrichter den Urheber
eines Verbrechens dadurch entlarvt, daß er ihm, ganz ohne äußerliche
Veranlassung und mitten im freundschaftlichsten Gespräche die Worte
sagt: »Wozu noch die Umschweife? Ich verhafte Sie als den Mörder des
Duchâtel!« Es lag absolut nichts Greifbares gegen den Mörder vor.
Nur der Instinkt hatte den Richter geleitet, und die verblüffende
Schroffheit des Angriffs führte alsbald zum Sieg. Der Verbrecher
verriet sich. Aehnlich wollte es Gräfin Adele mit Leo von Somsdorff
machen. Sprach Gertrud wahr, so konnte auch hier die Wirkung nicht
ausbleiben.
»Leo,« begann sie dumpf, »ich hab' etwas Furchtbares auf dem Herzen ...«
Sie wollte hinzufügen: »Du hast Josefa mit Absicht ertrinken lassen,
obgleich du sie retten konntest!«
Aber das klang ihr denn doch zu grausenhaft.
So drückte sie ihren Gedanken etwas gemildert aus: »Ich weiß jetzt, daß
du den Tod meines Kindes gewünscht hast.«
Leo erbleichte.
»Wie kommst du darauf?«
»Ich weiß es! Und hätt' ich es nicht gewußt, ich würd' es in dieser
Minute dir ansehen!«
»Adele! Was redest du?«
»Willst du's abstreiten? Wohlan, so thu's! Hierauf den Knieen will ich
dir's abbitten, wenn du mich überführst! Gib mir dein Ehrenwort, daß
ich mich irre!«
»Aber wie kannst du nur glauben ...«
»Ich glaube dir, was du verlangst, sobald du dein Ehrenwort gibst!«
»Nimm doch Vernunft an! Ich begreife dich nicht! Jeder Mensch hat
krankhafte Stimmungen ... aufgeregte Momente, wo er nicht Herr seines
Willens ist ...«
»Allmächtiger Gott!« schrie Adele und drückte die Hand auf die Augen.
»Es ist also wahr?«
»Unglückselige, weshalb fragst du mich? Ja, es ist wahr ...! Ich habe
... ich wußte doch damals nicht, wie es kommen würde! Ich sah das Kind
als das ewige Hemmnis meiner Glückseligkeit an; ich war ja sinnlos vor
Leidenschaft ... Und so geschah es ...«
»Daß du ihr Mörder wurdest!« unterbrach ihn Adele, rasend vor Schmerz.
»Daß du in kaltem Triumphe mit zusahst, wie sie den Tod fand!«
»Wer sagt das?«
»Elende Frage! Reut dich schon dein Geständnis? Freilich, die Wirkung,
die du erwartet hast, bleibt nun aus! Deine Offenheit war zu wohlfeil.
Du meintest die Anklage Gertruds auf gute Manier abzuschwächen, da du
nicht leugnen konntest!«
Erschöpft sank sie zurück. Die zuckenden Lippen waren geöffnet, die
Wangen wie eingefallen. Müde Verzweiflung umspann ihre ganze Gestalt.
»Ich verstehe dich jetzt!« murmelte Somsdorff.
Nach einer langen Pause hob er dann wiederum an:
»Gertrud irrt! Siehst du, Adele, kein Wort der Aufklärung würde mir
über die Lippen kommen, wenn sich mein Herz nicht doch einer Schuld
bewußt wäre, die mir so manchmal die Röte der Scham ins Gesicht
getrieben! So aber nehm' ich den Wahnwitz, den du da vorbringst, wie
eine Strafe!«
Kurz und wahrheitsgetreu erzählte er nun, was in ihm vorgegangen, bis
zu dem Augenblick, da er, fast nicht mehr zurechnungsfähig, die Worte
geraunt: »Hätt' ich's geahnt, hätt' ich's geahnt!« Er schonte sich
nicht. Rücksichtslos mit der Frankheit des Büßers räumte er ein, daß er
die mutige That im Gehölz wirklich bereut hatte; ja, daß er, vom Taumel
seines Verlangens betäubt, Ingrimm und Haß empfunden ...
Dann aber fuhr er mit sehr veränderter Stimme fort:
»So, nun hab' ich gebeichtet! Alles übrige muß ich zurückweisen, klar
und energisch und ohne Verklausulierung. Ich wiederhole dir: Gertrud
irrt, -- oder sie lügt!«
Nachdem er der immer noch schweigenden jungen Frau mitgeteilt, was
ihn entlastete -- den Gang nach dem Uferplatz, die Schlaflosigkeit so
vieler trauriger Nächte, das Rauschen der einsamen Flut, das ihn mit
Allgewalt hypnotisierte, sein bängliches Träumen, sein jähes Erwachen
und die erschütternde Wahrnehmung, daß es zu spät sei -- fügte er im
Ton feierlichster Beteuerung hinzu:
»Glaub' mir, Adele, ich hätte dein Kind auch damals gerettet, trotz
jener gehässigen Stimmung, die ich jetzt kaum noch begreife! Daß es
nun starb, das empfand ich ja gleich in der ersten Sekunde wie einen
Vorwurf, obgleich ich so schuldlos war, als du selbst! Schau mich doch
an! Du _kannst_ ja nicht zweifeln, daß ich die Wahrheit rede!«
»So gibst du dein Ehrenwort?«
»Ja, mein Ehrenwort!«
Sie brach in ein wildes Schluchzen aus.
»Und du meinst,« stöhnte sie schmerzlich, »daß nun alles mit dieser
Erklärung gut sei? Daß sie dem Mutterherzen genügt ...? Sieh, das
wußte ich ja im voraus: irgend etwas in dem Exempel Gertruds war
ungenau! Männer wie du sind eher noch einer schändlichen That fähig,
als einer so nichtswürdigen Unterlassung. Aber was bleibt, ist gerade
noch furchtbar genug. Leo, ich kann mit dem Mann, der meinen Liebling
hinweggewünscht hat, nicht glücklich werden! Wie? Diese Hand, die vor
Wut und Feindseligkeit gegen das Licht meines Lebens gekrampft hat --
diese Hand, mit der du mein süßes Kind hättest erwürgen mögen -- ich
soll sie zum ewigen Bund in die meine schließen? Niemals! Lieber die
Einsamkeit bis ans Ende! Nein, ich beschwöre dich, rühr' mich nicht an,
Leo! Es gibt Dinge, gräßliche Dinge, die wider alle Natur sind! Laß
mich -- in dieser Minute noch! Alles, was ich versprochen, nehm' ich
zurück! Ich liebe dich nicht! Ich verzeihe dir nicht! Ich kann deinen
Anblick nicht länger ertragen! Geh!«
Sie hatte sich langsam erhoben. In den tiefschwarzen Augen glomm ein
verzehrendes Feuer. Sie stand ruhig und majestätisch vor ihm, völlig
verändert in ihrem Wesen, grausam gegen sich selbst, aber unerbittlich
in ihrem Entschluß.
»Adele! Du willst mich zurückstoßen, du, mein Glück und mein Alles!«
»Geh!« wiederholte sie gleichmütig.
Somsdorff zögerte noch.
»Ich kann's ja nicht glauben!« sagte er, blaß wie ein Toter. »Wenn
ich so Schauderhaftes gedacht und gefühlt habe, -- du weißt's doch,
Adele -- so war's nur im Irrsinn, im Wahn der Verzweiflung! Ich habe
mich dieser Gedanken geschämt; ich habe sie bitter bereut. Wie oft
mag Aehnliches schon gedacht worden sein, ohne daß es dann später
zur Aussprache kam! Liebste Adele! Besinne dich, um deinet- und
meinetwillen! Ich gehe, wenn mich ein gütiges Wort nicht zurückhält!
Noch einmal: Vergiß meine Schuld! Das alles ist ausgelöscht! Lebte dein
Kind, ich würde es hegen wie meinen Augapfel! Hörst du, Adele?«
»Du hast ihr den Tod gewünscht!« sagte die Gräfin. »Wer dieser
Schändlichkeit fähig war, der kennt auch die Liebe nicht! Dem Himmel
sei Dank, der mir im letzten Moment noch die Augen öffnet! Geh nur! Ich
wünsche dir alles Gute!«
Sie drehte ihm langsam den Rücken und schritt auf das halbgeöffnete
Fenster zu, wo ein flüchtiger Hauch die Gardinen bewegte.
»Es ist großartig!« murmelte Somsdorff bebend. »Die Mutter, für deren
Kind ich beinah gestorben wäre, jagt mich hinaus wie einen lästigen
Strolch! Nun, ich bin nicht gewohnt, mich aufzudrängen! Möchtest du
deine Engherzigkeit niemals bereuen!«
»Was geht hier vor?« stotterte Fräulein von Rauch, die in demselben
Moment auf die Schwelle trat, als Somsdorff die Klinke ergriff.
»Ich habe mich eben von der Frau Gräfin verabschiedet,« sagte er
spöttisch. »Heute noch reise ich ab nach Madrid, wo ich einstweilen
mich einleben will, bis ich von amtswegen dort zu thun habe. Nein,
ich bedaure unendlich! Keine Minute mehr! Ihnen, mein gnädiges
Fräulein, danke ich anläßlich dieser Wendung noch ganz besonders für
die unendliche Güte, mit der Sie meine geringe Person überschüttet
haben. Leben Sie wohl! Gräfin Authenried wird Ihnen alles Nötige schon
auseinandersetzen!«
»Herr von Somsdorff, ich bitte Sie ...«
»Laß ihn, laß ihn!« stöhnte Adele, durch die frostige Ironie im Tone
Leos plötzlich um ihre Fassung gebracht. »Ich will nicht, daß du auch
nur eine Silbe noch mit ihm redest!«
»Er ist dessen nicht würdig,« fügte Somsdorff hinzu. »Nun, er wird sich
zu trösten wissen!«
Zwölftes Kapitel.
Hals über Kopf trat Somsdorff die Reise an; wenn auch nicht an dem
nämlichen Tage, so doch am folgenden. Leuthold, sein Diener, hatte
ihm das Notwendigste packen müssen. Die alte Wirtschafterin, die seit
vergangenem Herbst engagiert war, blieb zunächst in der Wohnung. Sie
sollte vor ihrem Weggang, der Ende September erfolgen würde, die
Möbel bei einem Transportgeschäft unterstellen. Den Leuthold, einen
gewandten, tüchtigen Menschen, der ihn bereits nach Rußland begleitet
hatte, nahm er auf dieser plötzlichen Flucht mit.
Somsdorff kannte die Gräfin hinlänglich, um zu wissen, daß es sich
hier durchaus nicht um eine »Scene« handelte, die nach einigen Tagen
des Schmollens mit einer Versöhnung schließt. Der Aufschrei ihres
verletzten Gefühls war zu leidenschaftlich, zu elementar gewesen,
als daß sich ein Umschwung in absehbarer Zeit hätte erwarten lassen.
Uebrigens war Leo zu stolz, um diese Möglichkeit in Betracht zu
ziehen. -- »Er wird sich zu trösten wissen!« Dies letzte Wort beim
Ueberschreiten der Schwelle klang in ihm nach wie ein feierliches
Gelöbnis.
Zu Anfang meinte er auch, das mit dem Trösten ginge so leidlich.
Die Bitternis, die in ihm gärte, täuschte ihn über den Kern seines
Empfindens.
»Ich habe die Frauen zu hoch taxiert,« sagte er zu sich selbst,
und kokettierte dabei mit den Stimmungen einer längst überwundenen
Frivolität. »Noch in Sankt Petersburg war ich ein Weltweiser, der
sie nahm, wie sie sind! Mit dem Augenblick, da ich vom Pfade der
Philosophie abwich, hat im Verborgenen die Nemesis auf mich gelauert!
Ein ganz abnormer Charakter, diese Adele! Bezaubernd, hinreißend --
ja! Aber doch eben so wankelmütig, wie ihre Schwestern, wenn auch auf
andrem Gebiet! Es fehlt ihr im Blute! Wo die gewöhnlichen Weiber die
Liebe wechseln, da wechselt sie mit dem Haß! Erst ihr bedauernswerter
Gemahl, -- dann ich! Wer weiß, wodurch er sich die Verstimmungen
zugezogen, die ihr die Galle empörten! Vielleicht war die erste Ursache
eine ganz harmlose Bemerkung über das Kind! Ein Wort des Verdrusses,
der Ungeduld! Sie aber, mit ihrer nervösen Feinfühligkeit ...
Lächerlich!«
Und es war nicht zu ändern! Sollte er sich sein jungfrisches Leben
verkümmern um dieses flüchtigen Intermezzos willen? Er war ja nun auf
der Fahrt nach Paris, wo er sich acht Tage aufhalten wollte, vielleicht
auch vierzehn. Dort in dem Eldorado der Teufel hielt eine deutsche
Liebe, wenn sie daheim noch so viel Zeit gehabt, Wurzeln zu schlagen,
nicht lange vor. Auch Spanien galt für ein zweckentsprechendes
Heilterrain! Zunächst San Sebastian mit seinem funkelnden Badeleben;
denn in der Hauptstadt war es vor Mitte September zu heiß ... Fort
also mit den trüben Gedanken! Im Herbste kam dann die Arbeit ... es
würde schon gut werden!
Leider schwand diese Zuversicht rasch. In Paris fühlte sich Somsdorff,
trotz der mannigfachen Beziehungen, die er mit Leichtigkeit anknüpfen
konnte, öd und vereinsamt. Die Vergangenheit war nicht durch einen
bloßen Entschluß abzustreifen, und ebensowenig ließ sich die Neigung
und das Verständnis für die oberflächlichen Tändeleien der goldenen
Jugend künstlich heraufbeschwören. Wer einmal am Born einer echten
und wahrhaftigen Liebe getrunken, den mutet alles, was ihn sonst wohl
gelockt hat, schal und erbärmlich an, just wie der Sage zufolge an dem
geweihten Spiegel, den Ormas göttlicher Hauch streifte, kein Wasser
haftet.
Am vierten Abend bereits, da Somsdorff aus einer der großen
Konzerthallen der Champs Elysées, wo er mit einem jungen Rumänier den
brausenden Fanfaronaden einer bildhübschen Volkssängerin gelauscht
hatte, in sein Hotel zurückkam, war es mit seiner Selbstbeherrschung
zu Ende. Alles, was er sich vorgeredet, zerfloß wie Rauch. Nach einer
schlaflosen Nacht war sein Entschluß gefaßt. Er schrieb an Gräfin
Adele einen ausführlichen Brief, worin er noch einmal ruhig und klar
auseinandersetzte, was er ihr mündlich gesagt, und sie heilig beschwor,
nicht um der einen tausendfältig beklagten Thorheit willen ihn und
sich selbst für alle Zeit elend zu machen. Er könne das Leben fern von
ihr nicht ertragen. Was er bis jetzt gelitten, sei auch im schlimmsten
Fall Buße genug, zumal doch auch seine Eigenliebe unter der schroffen
Behandlung, die er erfahren, immer noch blute. Zum Schluß bat er sie
um sofortige Nachricht. Er werde nicht eher wieder frei aufatmen, bis
er Gewißheit habe, daß sie ihm endlich verzeihe.
Somsdorff ließ den Brief, den er als Einschreibesendung bezeichnete,
unverzüglich durch seinen Bedienten zur Post bringen. Er wollte die
halbe Stunde, die er noch zur Erledigung seiner Toilette brauchte,
nicht erst verstreichen lassen; sonst wäre er selbst gegangen.
Nun begann eine Zeit fiebernder Ungeduld.
Im ersten Taumel der sich neu belebenden Hoffnung rechnete Leo fest auf
ein Telegramm. Adele, wenn sie nun sah, wie er im Gram sich verzehrte,
würde ihn doch bestimmt nicht so lang auf die Folter spannen, bis
eine briefliche Antwort in seine Hände gelangt sein konnte! Er sah
sie im Geist, wie sie mit zitternder Hand die Empfangsbescheinigung
unterschrieb, das Couvert erbrach, die längst schon erwarteten Zeilen
im Sturm überflog und dann sofort anspannen ließ, um in eigner Person
nach dem Telegraphenbüreau zu fahren. O, diese Depesche! Ganze Stunden
verbrachte Somsdorff mit dem Erwägen des vermutlichen Inhalts. Keine
der Fassungen, die ihm vorschwebten, dünkte ihm herzlich genug, keine
entsprach der köstlichen Eigenart der Geliebten! Es würde ein langes,
ein umständliches Telegramm sein, glühend und doch versteckt im
Ausdruck, nur ihm verständlich, für die Beamten jedoch hieroglyphisch
und rätselhaft ...