Nachmittags gegen vier kam Leo von Somsdorff. Punkt fünf sollte

Bescherung sein. Der Graf hatte sich die Notwendigkeit einer solchen

durch keine Logik hinwegdemonstrieren lassen. Frauen mit heimlichen

Kümmernissen seien Patienten, die man, dem hundertfältig betonten

Grundsatz Michalskys zufolge, nicht fragen dürfe. Je rascher man wieder

ins altgewohnte Geleise zurückkehrte, um so zweckmäßiger. Es gab auch

eine Manier, den Schmerz zu verhätscheln, der unter keiner Bedingung

Vorschub zu leisten war.

Somsdorff saß mit Adele im Ecksalon -- sie auf dem türkischen Sofa,

er auf dem Schaukelstuhl. In der Mitte des Zimmers brannten zwei

Kerzen des Kronleuchters, nur mäßige Helle verbreitend. Abseits, von

einer gelben Damastdecke verhüllt, lagen die kleinen Geschenke, die

Gräfin Adele, auf den Wunsch ihres Gemahls eingehend, für ihn und für

Somsdorff bestimmt hatte. Den Aufbau dessen, was er schenkte, wollte

der Graf eigenhändig im Hauptsalon vornehmen.

Das Gespräch zwischen Adele und ihrem Gast war nicht sonderlich

lebhaft. Zuweilen stockte es gänzlich. Trotz der Schneemassen brach

da draußen mit unheimlicher Geschwindigkeit das Dunkel herein, kalt,

sternlos, wolkig, als ob sich der Qualm eines ungeheuren Rauchschlots

über die Stadt wälze. Der Ausblick durch das unverhangene Fenster neben

dem Schaukelstuhl war von beklemmender Unwirtlichkeit. Der Hauch dieser

Unwirtlichkeit schien bis herein in das Zimmer zu dringen, um die matt

flackernden Kerzen zu streifen und das glänzende Gelb der Damastdecke

mit einem Grau zu durchsetzen, das schwer auf die Nerven fiel.

Es schlug fünf. Graf Authenried kam nicht.

Im Gemüte der jungen Frau quoll eine unbeschreibliche Bitternis auf,

die ihr jetzt beinahe willkommen war; denn diese Regung erwies sich

als Schutzmittel gegen den wühlenden Schmerz, den sie schon kaum mehr

bewältigt hatte.

So einsam also stand sie in dieser Welt, so völlig verlassen!

An diesem Abend sogar, der für ein blutendes Mutterherz so

verhängnisvoll war, ließ Graf Gerold sich draußen durch eine

Geringfügigkeit festhalten -- vielleicht durch ein Gespräch über

sein Lieblingsthema -- und versäumte so die Vollendung seines

eigenen Arrangements! Sie hatte ja gar nicht verlangt, daß er ihr

Gaben auftürmte; nicht einmal, daß er des Festes, dem heute abend

in Millionen von Häusern und Hütten die Menschen glückselige Opfer

brachten, irgend Erwähnung that. Das eine aber hätte sie doch wohl

erwartet: daß er nicht völlig vergaß, wie es um sie bestellt war, wie

trostlos verarmt und verwaist sie sich fühlte, und wie grausenhaft

dieses Gefühl sich steigern mußte, wenn er ihr gerade an diesem Abend

so recht ins Bewußtsein rief, ein guter Bekannter, ein Zeitungsartikel

oder ein müßiges Debattieren über sogenannte Probleme der Numismatik

seien ihm wichtiger als seine trauernde Gattin!

Um so erbärmlicher fand sie diesen Verrat, als Gerold nicht wissen

konnte, wie völlig ihr Herz ihm entfremdet war. Sie hatte ihn stets mit

zartsinniger Aufmerksamkeit behandelt; sie hatte ihm eine Freundschaft

erheuchelt, die sie nicht fühlte, weil sie die fromme Täuschung für

ihre Pflicht hielt. Das alles war spurlos an ihm vorübergegangen.

Der erste beste nichtige Tand interessierte ihn mehr, als das Weib

seiner Wahl. Freilich, nur der Verstand, nur die Berechnung hatten ihm

ja diese Wahl diktiert: aber die Zeit hätte hier doch eine Wandlung

schaffen, hätte sein starres Gemüt nachträglich aufwecken, hätte

ihm zeigen können, daß ihm die Frau mehr in die Ehe gebracht als

die begehrten Millionen! War sie denn wirklich so ganz ohne jeden

weiblichen Zauber, daß sich der Graf nicht einmal zu jener Alltagsliebe

emporschwingen konnte, die zu einem Zwanzigstel Neigung, im übrigen

Macht der Gewohnheit und Mitleid ist?

Und da saß nun, wenige Schritte von ihr entfernt, ein junger,

gefühlsstarker Mann, für sie Zeus und Apollo in einer Person, ein

ehrlicher, treuer, mit aller Kraft männlicher Selbstüberwindung

begabter Mensch, der sie vergötterte! Diesem Manne gegenüber mußte sie

unausgesetzt die Rolle der Kühl-Verständigen spielen, mit so eiserner

Konsequenz, daß sie noch bis vor kurzem selber geglaubt hatte, er sei

ihr vollständig gleichgültig ...

Bis vor kurzem ... Nun aber war es mit dieser künstlichen

Selbsttäuschung ein für allemal aus.

Ihr Herz pochte. Eilig erhob sie sich. Für ein paar Augenblicke

mußte sie jetzt allein sein, wollte sie nicht Gefahr laufen, ihre

Empfindungen zu verraten. Und das hätte sie, aufgeregt wie sie war,

nicht überlebt ...

Sie nahm einen Vorwand und begab sich durch die noch unerleuchtete

Zimmerflucht in ihr Boudoir. Fünf Minuten saß sie dort unbeweglich im

Dunkeln. Dann machte sie Licht. Die Finsternis war ihr mit einemmal

unerträglich geworden. Sie glaubte aus den versteckten Winkeln des

kleinen Raumes ein gespenstisches Kichern zu hören. Krause Gestalten

quollen vor ihr empor, die bei dem gelblichen Strahl der Kerze in

Nichts zerflossen.

Es war die blumenbemalte Kerze auf ihrem Schreibtisch, die sie

entzündet hatte. Zu der silbernen Ampel reichte ihr Arm nicht hinauf;

den Diener wollte sie nicht herbeirufen.

Halb mechanisch nahm sie nun vor dem Schreibtisch Platz und that, was

sie seit Monaten nicht gethan hatte: sie kramte in ihren Papieren. Bald

hier, bald da zog sie ein Schubfach auf; Briefe, Zettel, Hefte und

Umschläge knisterten unter dem fiebrischen Griff ihrer Finger.

Eine Mappe, außerordentlich zierlich, gerade nur handgroß, lag da

zwischen den halb vergessenen Korrespondenzen. Sie schlug sie auf: lose

Blätter aus ihrer Mädchenzeit, -- eine Art Tagebuch ...

Da: »Am siebzehnten Januar ...« Das war der Tag ihrer Verlobung ...

Sie las.

Freilich, das war nicht der Ton, in welchem die Liebe redet. Sie wußte

jetzt besser, was Liebe war. Dennoch -- wie völlig anders hatte sich

alles gestaltet! Welch ein Bild entwarf sie sich hier von dem Manne,

dem ihr kindliches Herz sich zu eigen gab! Hier atmete doch der Geist

einer lebendigen Zuversicht, ein klares, ruhiges und freudiges Hoffen,

-- gleichsam der fromme Entschluß, glücklich zu sein und glücklich zu

machen.

Sie zerknickte das Blatt im Schmerz ihrer Enttäuschung wie einen

Schmähbrief.

Da auf der letzten Seite, am Tag vor der Hochzeit geschrieben, standen

die Worte:

»Er ist so gut und so zartfühlend! Mit jeder Sekunde vertrau' ich ihm

tiefer und ernsthafter! Ich glaube, er wird mich zeitlebens auf Händen

tragen!«

Das Blut schoß ihr heiß ins Gesicht. Sie nahm die Feder, tauchte

sie heftig ein und setzte in großen, zornbebenden Lettern die Worte

darunter:

»Ich fluche dem Irrwahn, der mich dies träumen ließ! Heute, am

Weihnachtsabend, bin ich allein! Er überantwortet mich in schurkischer

Kaltherzigkeit meiner Verzweiflung! Er hat mich elend gemacht! Ich

verabscheue ihn!«

Sie fügte die Jahreszahl bei. Die zollgroßen Ziffern waren verrenkt und

zersplittert wie die Schrift einer Wahnsinnigen.

Hiernach sank sie erschöpft in den Stuhl zurück und ließ die Feder

achtlos auf den kostbaren Teppich fallen.

In diesem Moment ward heftig die Klingel gerissen. Die Bronzeuhr über

dem Schreibtisch zeigte halb sechs. Wirre Stimmen ertönten im Korridor,

eigentümlich gedämpft und angstvoll.

Gleich danach kreischte es gell auf.

Das war Frida, die Zofe.

»Der gnädige Herr! Der gnädige Herr!« ächzte das Mädchen. »Allgütiger

Gott, meine Ahnung! Der Kranz, der unselige Kranz!«

Und dann brummten und flüsterten wieder die fremden Stimmen, bis

zuletzt über dem unverständlichen Chaos die bebenden Worte Somsdorffs

vernehmbar wurden:

»Laßt nur, ich gehe selbst!«

Gräfin Adele wußte alles im voraus, ehe noch Somsdorff an die Thüre des

Boudoirs pochte. Sie hatte ihren Gemahl nicht geliebt. In dieser Minute

noch war ihr der Groll des vereinsamten Herzens maßlos übergeschäumt.

Trotzdem hielt sie der Schreckensbotschaft, die sich fast buchstäblich

mit ihrem Vorgefühl deckte, kaum stand. Somsdorff hatte die größte

Mühe, ihr Fassung zu predigen. Sie wollte, nachdem er ihr das

Entsetzliche mitgeteilt, auf keine Ermahnung hören. Sie ließ ihn sogar

heftig an und gab ihm verstört zur Antwort, sie habe ein Recht, sich

hier aufzuregen; sie wolle nicht ewig als Marionette abgeschmackter

Gesundheitsrücksichten Ordre parieren.

Graf Gerold hatte sich allerdings verspätet -- im Kaffeehaus, wo

er den Pfarrer von Hoyersbrück traf, der im Begriffe stand, mit dem

Sechsuhrzuge nach einer kleinen Station der Nordbahn zu fahren. Dort

besaß er Verwandte, in deren Familie er das Christfest begehen wollte.

Die beiden Männer hatten sich, wie der Geistliche später erzählte,

auch in der That über ein interessante Novum auf dem Gebiete der

Münzwissenschaft unterhalten, so daß der Graf den richtigen Zeitpunkt

des Aufbruchs verplauderte. Um das Versäumte nun gut zu machen, war

er im letzten Moment noch unter dem niedergehenden Arm einer Barriere

hindurch geschlüpft und dann in der Eile so unglücklich auf die

Schienen gestürzt, daß der Kurierzug, der mit rasender Schnelligkeit

dahergebraust kam, über ihn wegging. Als man ihn aufhob, war er bereits

entseelt. Der furchtbare Anprall der Lokomotivschaufel hatte den Tod

fast augenblicklich herbeigeführt.

Gräfin Adele hatte, trotz allem, was in ihr vorgegangen, jetzt das

Gefühl einer gähnenden, unausfüllbaren Lücke. Erst das Kind, dann ihr

Gemahl: das überstieg ihre Kraft. Und am heiligen Christabend! Sie

hatte wohl Grund gehabt, vor diesem Abend zu zittern ... Der geistige

Druck dessen, was sie erleben sollte, war schon längst machtvoll am

Werke gewesen. Das Kind hatte seinen Papa nach sich gezogen, um in der

dumpfigen Erde nicht so allein zu sein ...

Der schleunigst herzugerufene Arzt, der bei dem Verunglückten nichts

mehr zu thun fand, hatte sich desto mehr mit der zitternden Frau zu

beschäftigen. Um die drohende Wiederholung einer ähnlichen Krise, wie

bei dem Tode Josefas, zu hintertreiben -- Somsdorff hatte ihm diese

Antecedenzien kurz auseinandergesetzt -- duldete er unter keiner

Bedingung, daß Gräfin Adele, wie sie dies wollte, während der Nacht bei

der Leiche die Wache hielt. Das übernahm Graf Gerolds getreuer Diener,

während die Zofe beauftragt wurde, die Gräfin thunlichst sofort in ihr

Schlafgemach zu begleiten und der Erregten einige Gläser Bromwasser zu

verabreichen.

Leo von Somsdorff, der, wie damals auf Schloß Authenried-Poyritz,

so auch jetzt über allem ein Auge hatte, trat nach Erledigung

mannigfaltiger Anordnungen auch in Adelens Boudoir, verteilte die Hefte

und Briefschaften je nach Gutdünken in die verschiedenen Gefächer und

schloß auch die Mappe mit den Tagebuchzetteln weg, nicht ohne zuvor das

seltsame Blatt mit der schauerlich exaltierten Nachschrift von heute

bemerkt zu haben.

Er war indes zu mächtig erschüttert, um lange darüber nachzugrübeln.

Die Schattenseiten im Charakter des Grafen, die Sonderbarkeiten

und Schwächen traten jetzt auch für Somsdorff ganz und gar in den

Hintergrund, während die Vorzüge eine erhöhte Beleuchtung gewannen.

Ihm war mit Gerold, so schien es, ein wirklicher Gönner, ein Freund

gestorben, der sich ihm stets nur von der liebenswürdigsten Seite,

nicht selbstsüchtig noch gemütsroh, sondern beinahe väterlich

wohlwollend und erfüllt von den herzlichsten Sympathieen gezeigt hatte.

Und so graß und gewaltsam hatte der frische, kräftige Mann enden

müssen! Ein schweres, unheilvolles, dämonisches Jahr!

Zehntes Kapitel.

Der Verlust ihres Gatten bedeutete für die Gräfin zunächst einen

Absturz aus den Höhen der Selbstbeherrschung, die sie während der

letzten zwei Monate mühsam erklommen hatte.

Nach einiger Zeit jedoch gab sie der scheuen Erwägung Raum, daß es für

ihr umdüstertes Herz doch vielleicht eine Zukunft gebe.

Somsdorffs Liebe hatte sich glänzend bewährt. Mit keiner Silbe sprach

er von dem, was er im stillen so heiß ersehnte. Die Gräfin jedoch, für

die er jetzt nur der beratende, tröstende, gütige Freund schien, fühlte

deutlich heraus, wie seine Neigung trotz dieser äußeren Zurückhaltung

täglich an Tiefe zunahm. Sie war ihm dankbar für sein taktvolles

Schweigen, das ihr Frist gab, sich an die Lage der Dinge erst zu

gewöhnen und so den Mut zu finden, einem Gefühle, das ihr bis jetzt wie

verbrecherisch vorgekommen und das nun plötzlich erlaubt war, allgemach

Raum zu geben. Sie erkannte wohl, daß die Leidenschaft, die er für sie

empfand, nichts mehr gemein hatte mit der banalen Verliebtheit des

Weltlings, der eine Frucht nur begehrt, weil sie verboten ist. Jeder

Zug seines Wesens sprach von der Wandlung, die er seit vorigem Jahr

durchgemacht hatte; jeder Blick, mit dem er der teuren Gestalt folgte,

wenn er sich unbeobachtet glaubte, ließ es erkennen, daß Leo sich gar

kein höheres Glück träumte, als ihren dauernden Vollbesitz.

So kam denn, was der Natur der Dinge nach kommen mußte. Eines Abends

im Mai warb er um ihre Hand, und Gräfin Adele sagte mit überquellender

Innigkeit »Ja«. Reichliche Thränen stürzten ihr heiß über die Wangen;

hundert Erinnerungen überwältigten sie; der Schmerz um Josefa schien

neu zu bluten: dann versank sie in wehmütigsüße Mattigkeit. Sie liebte

ihn ja! Sie hatte die Glut ihrer Neigung so lange zurückgedrängt! Und

sie brauchte um seinetwillen das fromme Gedächtnis ihres verklärten

blondlockigen Engels nicht aus dem Herzen zu reißen! So mußte sie

endlich, nach so erschütternden Stürmen, ruhig werden und ihres Glückes

froh: das Kind selber würde im Himmel für seine Mutter beten.

Man kam überein, keine Verlobungsanzeigen zu verschicken, sondern

nach Ablauf des Trauerjahres die Hochzeit in aller Stille auf einen

noch festzusetzenden Tag im Februar oder im März zu rüsten und die

Verwandten und Freunde durch die vollendete Thatsache zu überraschen.

Einen Moment lang hatte die Gräfin bei dem Gedanken an diese

demnächstige Ueberraschung das peinliche Vorgefühl, als möchte irgend

wer, dem die Beziehungen Somsdorffs zu dem gräflichen Hause vor dem

Hinscheiden Gerolds bekannt gewesen, eine Bemerkung wagen, deren

Fassung ihr sehr undeutlich vorschwebte, deren Sinn aber darauf

hinauslief: »Das war ja vorauszusehen!« -- Doch unterdrückte sie

diese Regung als überängstlich. Alle Welt wußte, daß ihr verstorbener

Gemahl und nicht etwa sie für Leo von Somsdorff so außergewöhnlich

geschwärmt hatte. Somsdorffs Verkehr aber mit ihr damals im Schlosse

war doch höchstens von Gertrud Mettenius und Friedrich von Steinitz

beobachtet worden, die beide vollauf mit sich selber zu thun hatten;

vielleicht auch von dem Major. Zudem -- was lag daran? Somsdorff hatte

sich nie das geringste erlaubt, was die Vermutung erwecken konnte, er

hege mehr Interesse für sie, als für den Grafen, -- abgesehen von den

wenigen tollkühnen Worten, die nur ihr zu den Ohren gedrungen. Und sie

hatte ihn dann ja sofort belehrt, daß er im Ton sich vergriffen -- und

doppelt eifrig war er nach diesen Vorkommnissen bemüht gewesen, ihr

keinerlei Anlaß zur Klage zu geben ... Die Leute schwatzten ja stets

... Mochten sie reden, wenn nur sie -- die Gräfin -- ein gutes Gewissen

hatte!

Obgleich der Sommer nun vor der Thüre stand, konnte Adele sich immer

noch nicht entschließen, die Stadt zu verlassen. Die alte Dame, die

seit dem Tode des Grafen ihr Heim teilte -- Fräulein von Rauch, eine

entfernte Verwandte von ihr -- hätte es zwar vollkommen ermöglicht, daß

sie auf Reisen gegangen wäre, wie dies der Arzt wünschte. Der Gedanke

jedoch, sich von Leo trennen zu sollen, war ihr zu schrecklich, und mit

ihm zusammen zu reisen, das ging doch trotz der Anwesenheit jener Dame

nicht wohl an.

So ward es Juni, ohne daß sich die Lebensführung Adelens geändert

hätte. Man hielt sich nach wie vor äußerst zurückgezogen, verbrachte

jedoch die unvergleichlichsten Nachmittage unter den Buchen, Eschen

und Ahornbäumen des Gartens, der, selbst zwar nicht umfangreich, mit

der Rückseite an den prinzlich hohenbrandischen Park stieß und so für

den Blick eine höchst imposante Erweiterung erfuhr. Das liebenswürdige

Fräulein von Rauch ging dabei nur so viel ab und zu, als sie für

schicklich hielt, störte übrigens auch durch ihre Gegenwart niemals den

warmen, ruhigen Goldton des Glückes, der jetzt bei Gräfin Adele mehr

und mehr die Anwandlungen der Trauer und Wehmut verdrängte.

In Leos Wesen lag etwas eigentümlich Verhaltenes; selbst seine Stimme

nahm teil an dieser beinah' gekünstelten Gleichmäßigkeit. Das alles

jedoch war nur der Ausdruck jener unendlichen Wonne, die -- aus Angst

vielleicht vor dem Neide der Götter -- nicht laut werden will. Die

schweren Ereignisse der Vergangenheit lagen dem jungen Manne noch in

den Gliedern wie der letzte nervöse Druck eines furchtbaren Schreckens.

Man sprach viel und eingehend von Leos Zukunft.

Er hatte die Absicht gehegt, die Laufbahn des Diplomaten endgültig

aufzugeben, um sich nun ganz und gar seinen historischen und

volkswirtschaftlichen Studien zu widmen.

Adele, die halb unbewußt hinter den »Studien« ein ähnliches, Herz und

Geist absorbierendes Steckenpferd witterte, wie es die Numismatik

für Graf Gerold gewesen, hatte ihn umgestimmt. Die Vorzüge einer

praktischen Thätigkeit waren so mannigfach, und just die Carriere

des Staatsmannes dünkte ihr außerordentlich reizvoll. Gelehrte und

Künstler stehen dem Weib gegenüber wesentlich anders da, als die

Männer der That. Sie finden oft schon nach kurzer Frist mehr Genüge in

ihrem Beruf, als der Gattin genehm ist, während der Mann, den die Welt

schüttelt und stößt, doppelt gern zu dem Herzen der Frau flüchtet.

Sie sagte das nicht, aber sie gab es ihm sehr geschickt ein. So

hatte er Schritte gethan, um die kaum erst gelösten Fäden aufs

neue zu schürzen, was ihm nicht schwer ward; denn seine Talente

waren unzweifelhaft, und bis hinauf an den Thron besaß er die

einflußreichsten Verbindungen.

Schon in kürzester Frist konnte er mitteilen, daß er entweder

für Madrid oder für Konstantinopel bestimmt sei, was eine Reihe

unerschöpflicher Diskussionen und Plaudereien eröffnete und die

eingehendste Beschäftigung mit Spanien und dem osmanischen Reich

veranlaßte.

Am fünfundzwanzigsten Juni hatte sich Leo nochmals beim Minister

vorzustellen, aller Voraussicht nach, um eine definitive Entscheidung

zu hören. Die junge Frau erwartete ihren Verlobten unmittelbar nach

dieser Audienz zu Tisch.

Kurz vor halb zwei -- man speiste um vier -- ließ sie anspannen, um in

die Stadt zu fahren. Sie hatte noch Einkäufe zu besorgen; vor allem

auch frische Blumen als Tafelschmuck, die sie persönlich aussuchen

wollte. Es war ja doch ein bedeutsamer Tag, der auf lange hinaus ihre

Zukunft bestimmte; man mußte ein übriges thun.

Wie Adele dies dachte und sich dabei wohlig in die Kissen des Wagens

zurücklegte, fiel ihr ein, was sie den ganzen Vormittag über vergessen

hatte, obgleich sie sonst mehr, als Leo dies wünschte, im Bann der

Erinnerungen stand: daß nämlich übermorgen sich jenes fürchterliche

Ereignis jährte, das ihr die süße, kleine Josefa entrissen. Ihr Auge

umwölkte sich. Sie machte sich einen Vorwurf daraus, daß ihr ein

Blumengeschenk für den Lebenden vorschwebte, eh' sie das längst schon

geplante Blumengeschenk für die Tote bestellt hatte. Sie schwankte

sogar, ob sie den Einfall, die Tafel zu schmücken, nicht aufgeben

sollte. Bald aber fand ihr bewegtes Gemüt einen Ausweg. Der Mann, den

sie so heiß und so innig liebte, der da allein auf der weiten Welt

im stande gewesen war, sie nach dem Verlust ihres Kleinods -- zuerst

als Freund und jetzt als zukünftiger Lebensgenosse -- aufrecht zu

halten, er durfte um keinen Preis hier verkürzt werden. Das wäre ihr

vorgekommen wie eine Beraubung. Ihm also die prächtigen Festblumen, die

von der Hand des Gärtners sorgsam genährt und gezüchtet waren. Am Abend

wollte sie dann im Hausgarten still einen Kranz winden, nicht reich

und nicht prunkvoll, sondern zusammengestellt aus den wenig gepflegten

Rosen des einzigen Beetes ...

Nun ward ihr freier ums Herz. Eine milde Versöhnlichkeit stieg in

ihr auf. Sie staunte nicht mehr wie vorhin, daß sie je wieder froh

geworden; sie glaubte, das sei der Wille Gottes, der ja für alles

Weh einen Balsam habe und nach so tiefen Erschütterungen ihr doppelt

freigebig seinen Trost spende.

Von dieser Stimmung beseelt, erblickte sie, als der Wagen jetzt

anhielt, das etwas hager gewordene Antlitz ihrer ehemaligen Freundin

Gertrud. Adele zuckte ein wenig zusammen. Gertrud von Steinitz war

flüchtig errötet und hatte sich abgewandt. Sie kam aus dem nämlichen

Magazin, das die Gräfin betreten wollte. Adele jedoch, die alles

Unausgeglichene ebnen, alles Verworrene schlichten zu müssen glaubte,

rief sie mit Namen und bot ihr freundlich die Hand.

»Wie geht's?« frug sie ein wenig unsicher. »Wir haben seit lange nichts

mehr voneinander gehört.«

»Lediglich deine Schuld!« erwiderte Gertrud und warf die Lippen auf.

»Mag sein! Verzeih mir! Ich war so leidend, so aufgeregt ...«

»O, ich weiß ja, was du mir höchst ungerechterweise vorwarfst! Es

hat mich bitter gekränkt! Aber ich war denn doch in all meiner

Nichtsnutzigkeit ein bißchen zu stolz, um dich aufzuklären!«

»Kranke sind immer ungerecht,« sagte die Gräfin erglühend. »Es war wie

eine fixe Idee ... Und dann, wie du so gar nichts mehr von dir hören

ließest, dachte ich natürlich erst recht ... Ich wundre mich nur, wie

dir's zu Ohren gekommen ...«

»Dafür sorgen die Dienstboten. Auch beim ehrlichsten Willen kann man

sich ihre Aufdringlichkeit nicht vom Leibe halten. Aber das macht die

Geschichte nur um so peinlicher. Es war geradezu unerhört von dir!«

»Nochmals: vergib mir!«

»Wenn dir was daran liegt, meinetwegen! Im Grunde ist ja alles so

gleichgültig! Jetzt entschuldige mich ...«

»Wo willst du hin?«

»Das weiß ich selber noch nicht.«

»Wohnt ihr jetzt hier?«

»Für ein paar Tage. Mein Mann hat geschäftliche Konferenzen. Er

behauptet das wenigstens, und so muß ich's wohl glauben.«

»Du scheinst nicht glücklich zu sein,« fuhr Adele heraus.

»Pah! Wer ist glücklich in dieser Welt?«

»Ich!« wollte die Gräfin sagen, dankerfüllt gegen die Vorsehung,

die ihr nach so unsäglichem Leid Ruhe und Rettung gewährt hatte.

Sie unterdrückte jedoch diesen warmquellenden Ausbruch. Es kam ihr

herausfordernd und nicht eben zartfühlend vor, so mit der Gnade des

Himmels Staat zu machen. Auch hätte sie ihre verblüffende Antwort

erläutern müssen, und dazu verspürte sie keine Lust.

»Hast du denn wirklich so große Eile?« fragte sie nach einer Pause, als

Gertrud ihr kühl zwei Finger entgegenstreckte, um Abschied zu nehmen.

»Weshalb?«

»Nun, ich wollte dich ... Du erklärtest vorhin, es sei lediglich meine

Schuld, wenn wir einander so fremd geworden! Ich bin zwar heute und für

die nächsten Tage so schwer in Anspruch genommen, daß ich dir nicht

einmal sagen darf: ›Komm und besuche mich‹. Aber ein ganz klein wenig

möchte ich diese Schuld doch gut machen. Weißt du was? Ich unterlasse

hier meine Einkäufe und was ich sonst an Besorgungen vorhatte, und

hole nur drüben etwas im Blumengeschäft. Dann fahren wir nach dem

Volksgarten. Du erzählst mir, wie's dir gegangen ist, sagst mir, daß du

mir wieder gut bist, und ich bring' dich in dein Hotel!«

Gertrud zögerte einen Moment. Dann sagte sie achselzuckend:

»Na, schön! Ich steige einstweilen hier ein und dirigiere den

Kutscher ...«

Nach fünf Minuten trat Gräfin Adele aus der spiegelnden Glasthür des

Blumengeschäfte und nahm an der Seite Gertruds Platz. Eine Verkäuferin,

die ihr gefolgt war, trug einen großen Korb mit wundervollen Azaleen,

den der Bediente vorsichtig auf die Polster stellte.

»Habt ihr Geburtstag heute?« frug Gertrud, während der Wagen

dahinsauste.

Sie dachte an den Geburtstag des Grafen. Bei ihrem ewigen Hin- und

Herreisen hatte sie nicht einmal Kunde von seinem Tode erhalten.

Vielleicht wußte ihr Mann davon. Aber der hatte so massenhafte

Bekannte, daß es auf einen mehr oder minder nicht ankam. Zudem

sprachen die beiden Ehegatten seit ihrer Heimkehr nach Deutschland nur

das Notwendigste. Die Trauerkleidung der Gräfin setzte Gertrud von

Steinitz ausschließlich auf Rechnung des Kindes.

Das Kind: Novelle · 第 7 / 11 段