»Wir müssen das abwarten. Vorläufig bin ich noch meiner Diagnose nicht

sicher. Jede Faser an ihr scheint in Aufregung. Ich habe Chloral

verschrieben. Peinlichste Ruhe im ganzen Schlosse ist Hauptbedingung!

Eins noch: Sorgen Sie doch dafür, daß dies Fräulein -- wie heißt sie

doch, Gertrud -- sofort abreist! Gräfin Adele macht diese Dame -- ob

nun mit Recht oder nicht, ist hier vollständig gleichgültig -- für das

Unglück verantwortlich, und ergeht sich in Drohungen ... O, Sie kennen

das eigentümliche Temperament der Gräfin nicht! Allen Respekt vor

dieser machtvollen Energie! Ich könnte Ihnen Geschichten erzählen ...

ja, ja, man sieht's ihr nicht an ... Und nun jetzt in diesem Zustand

maßloser Ueberreiztheit! Item, ich halte es für geboten, das Fräulein

auf irgend eine diskrete Art zu verständigen. Sie darf nicht im Haus

bleiben! Man soll nicht einmal von ihr reden!«

»Aber das Fräulein trägt ebensowenig Schuld an der Katastrophe als Miß

Harriet! Die Kleine ist ihrer Erzieherin einfach davongelaufen; je

ängstlicher Miß Harriet sie anrief, desto entschiedener folgte sie dem

Drang ihres Uebermuts. Fräulein Mettenius vollends hatte nicht die

geringste Autorität über das Kind.«

»So!« nickte der Arzt. »Nun, später kann man die Sache ja aufklären.

Vorläufig muß ich aber bei meiner Bitte verharren. Ich vertraue Ihrer

Geschicklichkeit, Herr von Somsdorff. Dieses Fräulein Mettenius scheint

mir überhaupt ein recht ungeeigneter Gast für ein Krankenheim ...«

Er drückte dem jungen Manne die Hand und empfahl sich.

Somsdorff nagte die Lippen.

Er sann und sann, wie er am schnellsten und klügsten der ihm

auferlegten peinlich-delikaten Mission sich entledigen könne.

Der Zufall überhob ihn aller gefürchteten Schwierigkeit.

Als er den großen Salon betrat, kam Fräulein Mettenius mit starken

Anzeichen der Verlegenheit auf ihn zu.

»Was hat der Doktor gesagt?« hub sie in lebhafter Unruhe an. »Steht es

schlimm? Glauben Sie, daß ich entbehrlich bin? Mein Bräutigam schreibt

mir nämlich, daß er zurück ist; daß er mich spätestens morgen erwartet

... Natürlich, wenn ich der armen Adele irgend wie nützen kann ...«

»Ich glaube,« versetzte Somsdorff, »Sie können der Pflicht gegen Ihren

Verlobten Genüge leisten. Miß Harriet ist eine tüchtige Pflegerin; auch

das Dienstpersonal hängt mit ungewöhnlicher Innigkeit an der Gräfin und

wird seine Schuldigkeit thun.«

»Wenn Sie meinen ...?«

»Ja, ich meine das.«

»Gut! Auf Ihre Verantwortung! Es ist jetzt gerade halb sieben. Wenn ich

um neun hier abfahre, erreiche ich in Hoyersbrück noch den Kurierzug.

Es ist ja eigentlich schrecklich, daß ich so Knall und Fall wegreise

und nicht einmal die Beerdigung abwarte ... aber nicht wahr, Sie sehen

doch ein ...«

»Vollkommen.«

Sie überlegte.

»Ob ich jetzt gleich von Adele Abschied nehme?«

»Das dürfen Sie überhaupt nicht. Die Kranke versucht zu schlafen. Der

Arzt hat streng untersagt ...«

»So werd' ich Miß Harriet bitten, ihr meine Grüße zu sagen! Die

arme Adele! Wer hätte das heute früh wohl geahnt! Es ist geradezu

fürchterlich! Wenn man bedenkt ... es wäre noch Zeit gewesen ...«

»Zeit? Wozu?«

»Ach, nichts! Es fuhr mir so durch den Kopf ...! Sie entschuldigen

mich, Herr von Somsdorff, ich muß meinen Koffer packen! Wenn Sie die

Güte hätten, dem Kutscher Befehl zu erteilen, daß er Punkt neun Uhr

vorfährt ...«

Somsdorff machte ihr eine Verbeugung.

»Danke sehr!« lispelte Gertrud.

Noch einmal warf sie ihm einen prüfenden Blick zu. Es war, als

forsche sie in dem bleichen Gesicht nach einem Zuge von Scham oder

Schuldbewußtsein. Jeder war sich ja selbst der Nächste, -- und

der geübteste Schwimmer konnte Malheur haben. Indes -- die starre

Unthätigkeit, die Somsdorff im entscheidenden Augenblick, trotz des

Schreiens der Gouvernante und trotz ihrer eigenen Angst- und Weherufe

an den Tag gelegt, schien doch gar zu empörend! Daran änderte selbst

die Entschlossenheit nichts, die er damals im Kampf mit dem rasenden

Sechzehnender bekundet hatte. Es war einfach unmännlich, erbärmlich

und herzlos. Nur der Leichtblütigkeit ihrer sprudelnden Jugend

verdankte er's, wenn sie noch überhaupt mit ihm sprach. Sie vergaß und

verschmerzte so leicht; die Eindrücke hafteten nicht, wenn nicht ihr

eigenes Ich unmittelbar daran interessiert war ...

Der Blick, mit dem sie das Antlitz des jungen Mannes durchmustert

hatte, blieb resultatlos. Nie glich Somsdorff dem überlieferten Ideal

eines Diplomaten so völlig wie jetzt. Alles war unergründlich an ihm

und leblos. Der Widerwille, den Gertruds naiv-kindischer Egoismus ihm

einflößte, lieh ihm die Kraft, ihr gegenüber noch mehr als in den

kurzen Gesprächen mit dem Arzte seine Gemütsbewegung zu meistern.

Als Gertrud ihr Zimmer betrat, weilten ihre Gedanken schon vollständig

bei Friedrich von Steinitz. Die Hoffnung, ihn ehestens wiederzusehen,

nahm ihr die Fähigkeit, über Leo von Somsdorff und sein Verhalten

irgendwie nachzugrübeln. Friedrich hatte ausführlich geschrieben

-- zehn Seiten lang -- und die Hälfte des Briefes handelte von

Groß-Nieder-Wartha. Es lagen hier so hochwichtige Fragen der künftigen

Einrichtung vor, daß Gertrud sich die kleine Kaltherzigkeit nicht

verübelte, mit der sie vom Krankenlager Adelens und von dem Totenbette

der kleinen Josefa den Uebergang zu japanischen Möbeln und echt

persischen Teppichen fand ...

Punkt neun stand der gräfliche Wagen am Schloßportal. Der Graf, den

Somsdorff über die Situation verständigt hatte, reichte der jungen Dame

die Hand und half ihr beim Einsteigen, während der Diener das letzte

Gepäckstück auflud. Sonst war niemand zugegen. Fräulein Mettenius

hielt es für schicklich, ihr Taschentuch an die Augen zu führen, dem

Grafen noch einmal ihr tiefstes Beileid zu stammeln und ihm viel

tausend zärtliche Grüße an ihre heißgeliebte Adele aufs Herz zu binden.

So fuhr sie hinaus in die dämmernde Sommernacht.

Achtes Kapitel.

Am neunundzwanzigsten Juni wurde Josefa auf dem nahegelegenen

Frohnheimer Kirchhof zur ewigen Ruhe bestattet. Der Pfarrer von

Hoyersbrück, als Freund der Familie, der auch die Kleine getauft

hatte, hielt eine warme und ehrlich empfundene Ansprache. Die Worte

des Geistlichen wirkten auf Somsdorff wie schreckvolle Anklagen, die

er nur mühsam entkräften konnte. Er hatte das Kind einfach ertrinken

lassen: dieser abscheuliche Vorwurf, an sich eine Unwahrheit, nahm doch

für ihn den Charakter der Wahrheit an, sobald er sich in die Stimmung

der letzten paar Tage zurückversetzte. Das fürchterliche »Hätt' ich's

geahnt!«, die verwerfliche Reue über die einzige That seines Lebens,

auf die er bis jetzt vielleicht Grund hatte, stolz zu sein -- kurz, die

ganze Gehässigkeit, die ihn erfüllt hatte, trat ihm noch täuschender

als zuvor im Gewand einer ursächlichen Verknüpfung mit dem Tode Josefas

entgegen und raubte ihm angesichts der geöffneten Gruft beinahe die

Fassung.

Gräfin Adele war am Tag der Beerdigung nicht bei klarem Bewußtsein.

Gegen Abend begann sie zu delirieren. Die Balustraden des Parkteichs

und die Geschichte vom Sturmvogel, die Miß Harriet erzählt hatte,

spielten im rastlos wirbelnden Chaos ihrer Phantasmen die Rolle von

Angelpunkten. Immer wieder sah sie das Kind über die Brüstung klettern,

hinabstürzen, vom Sturmvogel gespießt und zerhackt werden, bis dann

fremdartige Momente dazwischentraten. Der wirkliche Schauplatz des

Unheils, der Fluß mit seinen buschverhangenen, steil abfallenden Ufern,

schien aus ihrem Gedächtnis hinweggetilgt.

Am dreißigsten Juni kam ein prächtiger Kranz von Gertrud, begleitet

von einer Zuschrift, in der sie dem gräflichen Ehepaar nochmals ihr

tiefstes Mitgefühl und die Unwandelbarkeit ihrer Freundschaft beteuerte.

»Ein böses Vorzeichen, Gott behüte uns!« sagte das Kammermädchen,

als sie den Kranz über den Arm hing, um die verspätete Gabe nach dem

Frohnheimer Friedhof zu tragen.

»Wie so?« fragte Leo von Somsdorff.

»Bei uns daheim geht die Rede: wenn ein Kranz nach dem Begräbnis

eintrifft, so bedeutet das noch einen Todesfall in derselben Familie

und im nämlichen Jahr!«

»Thorheit!«

»Ja, man weiß nicht ... mir ist so bange ums Herz. Auch Karl meint, der

Doktor Michalsky mache ein sonderbares Gesicht ...«

»Sei'n Sie nicht abergläubisch! Ein sonst so verständiges Mädchen! Thun

Sie nur Ihre Schuldigkeit; dann wird alles schon gut werden. Was ich

noch sagen wollte ... bitte, warten Sie einen Moment! Ich bin gleich

wieder hier!«

Er ging in den Park, schnitt eine Handvoll köstlicher

Marschall-Niel-Rosen, band sie mit einigen Epheuranken zusammen und

gab sie dem Mädchen, das bereits anfing, mit staunender Ungeduld nach

ihm auszuschauen.

»So, Frida! Die Blumen hier legen Sie mit auf das Grab, -- nicht zu dem

kunstvollen Kranz da, sondern ein bißchen abseits ... Können Sie beten,

Frida?«

»Aber ich bitte Sie, gnädiger Herr! Man ist doch christlicher Leute

Kind! Ich noch dazu, als die Tochter eines lutherischen Küsters!«

»Ja, ja, ich zweifle ja nicht! Wenn Sie die Rosen dann hingelegt haben

und irgend ein Sprüchlein murmeln, so thun Sie's in meinem Namen! Ich

bin leider nicht fromm; aber dem Kinde möcht' ich ein freundliches Wort

nachrufen ...«

»Gott, ja!« schluchzte das Mädchen gerührt. »Sie war so herzig und süß,

die kleine Komteß! Die rechte Hand gäb' ich darum, könnt' ich den armen

Engel wieder lebendig machen!«

Somsdorff wandte sich ab. Er hörte den Grafen, der sich bei Karl eifrig

nach ihm erkundigte.

Graf Gerold hatte sich seit der Rückkehr von dem Grab seines

Töchterchens mit verdoppelter Wucht auf den jüngsthin vernachlässigten

Artikel für die »Minerva« gestürzt und ihn nach zweimal siebenstündiger

Arbeit glücklich vollendet. Nun sollte sich Herr von Somsdorff über

das schwer zu enträtselnde Manuskript hermachen und dem Verfasser ein

offenes Urteil sagen.

Somsdorff willfahrte ihm. Der Aufsatz war pedantisch in der Form und

inhaltlich überladen, aber vielleicht für ein gewisses Publikum,

das gerne mit archäologischen Kenntnissen prahlt, recht geeignet.

Somsdorff, zu ernster Kritik nicht aufgelegt, wohl auch gar nicht

befähigt, lobte die Arbeit mit einigen wenig charakteristischen

Schlagwörtern, die dem Herrn Grafen indes vollauf genügten.

Nunmehr begannen die Vorstudien für eine zweite, umfangreichere

Monographie, bei denen der Graf den Wunsch verspürte, mit

»Gleichgesinnten« über die Fragen, die ihn beschäftigten, ernste

Debatten zu spinnen. Mehrmals wurde der Pfarrer von Hoyersbrück zu

Gaste gebeten. Somsdorff mußte wohl oder übel den breiten Erörterungen

Gerolds mit dem geistlichen Münzkenner beiwohnen und sich mit ins

Gespräch mischen, obschon die Probleme, die hier aufs Tapet kamen, ihn

jetzt gerade am wenigsten interessierten.

Freilich, daß sich der Graf so geflissentlich einbohrte, das begriff

sich. Die Numismatik war jetzt für Gerold von Authenried die erlösende

Göttin: sie lenkte ihn wohlthätig von der Betrachtung seiner gestörten

Häuslichkeit ab. Er mochte das Kind in seiner Art doch wohl geliebt

haben. Seit dem Tag des Begräbnisses haftete ihm eine sonderbare

Gebärde des Suchens an. Er, der sonst sehr wenig nach der Kleinen

gefragt hatte, schritt jetzt häufig mit einer gewissen Unruhe

von Gemach zu Gemach, und kehrte dann mürrisch und dumpf in sein

Gelehrtenzimmer zurück, wo er mit Vorliebe auch den Abend verbrachte.

In den Salons vermißte er augenscheinlich das Walten Adelens. Er hatte

sich, wie er einmal zu dem Geistlichen sagte, gar zu sehr an die Frau

gewöhnt. Man sollte das nicht. Man wurde ja so ein Sklave der äußeren

Verhältnisse. Dabei aß und trank er jedoch mit gewohntem prächtigen

Appetit und fand, wie gesagt, die Probleme der Münzwissenschaft, in

der er doch nur dilettierte, mit jedem Tage erbaulicher und für das

Gesamtwohl der Menschheit bedeutungsvoller.

Nach Verlauf einer Woche war Leo von Somsdorff mit seiner Geduld

fertig. Er konnte die drückende Atmosphäre, die über Schloß Authenried

lastete, nicht mehr ertragen. Trotz der dringenden Bitte Gerolds, der

ihn »so nötig« hatte, bat er um Urlaub. Was sollte er noch in diesen

vereinsamten, lichtlosen Räumen? Seine Leidenschaft für die Gräfin

hatte, so glaubte er, eine seltsame Wandlung erfahren. Der Tod des

Kindes, der da, vom Standpunkt einer gefühlsarmen Logik betrachtet, nur

die Hinwegräumung eines Hindernisses bedeutet hätte, schien ihm den

letzten Schimmer der Hoffnung endgültig zu vernichten. Die Mutter, die

der Gram um den Verlust ihres Lieblings beinah getötet hatte, stand nun

auf einer Höhe, zu der ein profaner Wunsch nicht mehr heranreichte. Die

Erinnerung an die Verstorbene mußte bei einer Natur von der seelischen

Tiefe Adelens eine noch machtvollere Wirkung ausüben, als früher des

Kindes lebendige Gegenwart.

Er reiste also.

Zunächst in die Schweiz; im Frühherbst nach den italienischen Seen;

Anfang Oktober zurück in die Hauptstadt, wo er sein glänzendes

Junggesellenheim in der Boliviastraße bezog.

Von Graf Authenried hatte er ab und zu Nachricht erhalten. Schon im

September erfuhr er, daß Gräfin Adele soweit genesen sei, um die

letzten paar Wochen vor Eintritt der rauheren Jahreszeit möglichst

abgeschieden im Harz zu verbringen. Doktor Michalsky hatte dort, unweit

von Osterode, ein Dörfchen entdeckt, das, reizend gelegen, vom großen

Strom der Touristen und Badegäste kaum noch bespült worden war ...

Beim Empfang dieser Botschaft ward Leo von einer plötzlichen Unrast

bewegt. Fast stand er schon im Begriff, seinen Koffer zu packen;

aber ein machtvoller Instinkt hielt ihn trotzdem in zwölfter Stunde

zurück. Das dumpfe Dahinleben, dem er sich seit seiner Abreise von

Schloß Authenried-Poyritz willenlos überlassen hatte, war für ihn

Balsam gewesen im Vergleich mit den Stürmen, die ihn dort beinahe zu

Boden geschleudert. Er wollte die mühsam erkämpfte Ruhe nicht zwecklos

gefährden. Noch war er, nach seiner Meinung, nicht stark genug.

Nachdem er sich in der Hauptstadt kaum wieder eingebürgert, ward ihm

die überraschende Kunde, der Graf und die Gräfin würden im Laufe

des Monats November dort eintreffen, um sich für immer daselbst

niederzulassen. Gräfin Adele könne sich absolut nicht mit dem Gedanken

vertraut machen, daß sie im künftigen Sommer wieder das Schloß und den

Park beziehen solle, wo sie so Schweres erlebt habe. Das Anwesen sei

veräußert. Als Ersatz dafür gedenke Graf Gerold im Harz eine Villa zu

kaufen. Die Wald- und Bergluft thue seiner Gemahlin besonders gut, wie

ja der Augenschein lehre. Die Gräfin beginne jetzt wieder aufzublühen,

auch hier und da ein Interesse zu zeigen. Sie habe sich anfänglich

gegen die Hauptstadt gewehrt. Doktor Michalsky jedoch bestehe darauf.

Jetzt, nachdem sie sich soweit erholt habe, seien Zerstreuungen ihr

so nötig wie's liebe Brot. Wenn sie auch -- selbstredend -- der

eigentlichen Geselligkeit zunächst fremd bleibe, so müsse sie doch

alle verfügbaren Hebel ansetzen, um ihren Geist von der Vergangenheit

abzuziehen. Sie solle Theater und Vorlesungen besuchen -- Konzerte

weniger, da die Musik leicht im entgegengesetzten Sinn wirke. Ja, schon

ein Gang durch die menschenbelebten Straßen, ein Vorüberschlendern an

den Auslegefenstern der Magazine sei ihr von Nutzen. Die Gräfin habe

dem Grafen seltsamerweise den Vorschlag gemacht, dann doch lieber nach

Wien, Paris oder Neapel zu gehn. Er aber tauge nicht für die Fremde.

Er wurzle zu sehr im Deutsch-Nationalen, wobei, wie er nicht leugne,

der Umstand, daß er mit Leo so angenehme Beziehungen habe, mit in die

Wagschale falle.

Leo von Somsdorff spürte an seinem Herzklopfen, daß er sich schmählich

getäuscht hatte, wenn er die aussichtslose Neigung zu Gräfin Adele

verwunden glaubte.

Er las die enggeschriebne Epistel des Grafen zwei-, dreimal durch,

als müsse er irgendwo ein Symptom entdecken, das da zu gunsten seiner

jetzt neu erwachenden Sehnsucht sprach. Der flüchtige Schimmer von

Hoffnung, den er in dem Umstand gewahrte, daß Gräfin Adele sich gegen

die Uebersiedelung nach der Hauptstadt gesträubt hatte, brachte

ihn so von Sinnen, daß er den Brief des Mannes, den er so schnöde

zu täuschen trachtete, wie ein köstliches Billetdoux an die Lippen

drückte. Er besaß keine Empfindung mehr für die Widerlichkeit des

Kontrastes zwischen dem Sinn dieser unwillkürlichen Liebkosung und der

falschen Adresse, an die sie gelangte. So eingehend und scharmant,

wie diesmal, hatte der Graf kaum je an Somsdorff geschrieben. Er

mußte wirklich für Leo eine Art Faible, wenn nicht gar Freundschaft

fühlen. Desto unerbaulicher blieb die Thatsache, daß Leo nach so

monatelanger Depression, die nicht arm gewesen an Stunden sittlicher

Selbsterkenntnis, nun so plötzlich wieder im alten Strome schwamm.

Ende November hatte der Graf sich vollständig installiert, und nun

begann ein Verkehr, der sich von dem auf Schloß Authenried-Poyritz

nur durch eine gewisse Feierlichkeit des Tones, eine gemessene

Vorsichtigkeit des Auftretens unterschied, wenigstens was die

Gräfin und Leo von Somsdorff betraf. Es war, als liege noch immer

ein Kranker im Haus, den man durch allzu geräuschvolles Offenbaren

gewisser Gedanken und Regungen stören könne. Uebrigens wurde der

gräfliche Numismatiker äußerlich in diese Gedämpftheit des Tons mit

hineingezogen. Wenn er aus einer englischen oder französischen Revue

eine Notiz vorlas, eine Studie über das Vorkommen altrömischer Münzen

auf Ceylon oder ein kurzes Essay über die Prägeanstalten Venedigs,

that er dies weder so laut, noch so eindringlich als bisher; auch

heischte er nicht so despotisch die hingebungsvolle Aufmerksamkeit

Leos, der seinerseits fast noch zerstreuter war, als an dem Morgen des

Unglückstages bei der Vorlesung des Athenäumartikels.

Außer Leo von Somsdorff verkehrten nur wenige und dazu seltene Gäste

im Hause des Grafen. Adele verspürte noch durchaus keine Neigung zu

repräsentieren. Um so öfter besuchte sie die großen Theater, zumal wenn

Schauspiele und Konversationskomödien in Scene gingen, während sie

vor der Tragödie eine mit ihrem früheren Geschmack nicht vereinbare

Abneigung hegte.

Von Gertrud hatten die Authenrieds noch im Harz die Vermählungsanzeige

erhalten und dann nichts weiter gehört, als daß die neugebackene

Freifrau von Steinitz nach einer kurzen Hochzeitreise in

Groß-Nieder-Wartha gelandet war und nun das prächtig eingerichtete

Herrenhaus total auf den Kopf stellte. Es mußte nach dem, was dem

Grafen zufällig durch einen Vetter zu Ohren kam, eine ganz tolle

Wirtschaft sein, lustig und farbig, ein perpetuierlicher Karneval.

Die Nachbarn trieben es übrigens gerade so. Die Mehrzahl der dortigen

Grundbesitzer hauste auch während des Winters auf ihren Gütern; sie

gaben Fest über Fest, so daß die Landstraßen von den hin und her

fliegenden Karossen und Schlitten nicht leer wurden.

»Um so besser!« sagte der Graf zu Leo. »Es wäre fatal gewesen, hätte

das junge Paar sich etwa hier in die Hauptstadt verirrt. Meine Frau

spricht ja nicht weiter davon; aber ich weiß positiv: sie hat eine

förmliche Idiosynkrasie gegen die vormalige Pensionatsfreundin.«

Gräfin Adele »sprach nicht weiter davon«. Sie sprach überhaupt nicht

von der Vergangenheit. Ihre Beziehungen zu Leo von Somsdorff trugen

jetzt wirklich den Charakter einer stillen, sturmlosen Sympathie.

Er las ihr vor, wenn der Graf, wie dies nicht selten geschah,

»fachwissenschaftliche« Briefe schrieb oder im Klub ein paar Stunden

lang Poker und Baccarat spielte. Zum Abendthee -- Punkt neun Uhr -- war

er dann spätestens wieder zurück und bedankte sich mit überhöflichem

Eifer bei seinem »Freund«, der sich so »ehrlich bemühte«, die junge

Frau zu zerstreuen und aufzuheitern.

Somsdorff hatte bei diesen Redensarten die klare Empfindung, als ob der

Graf ihn verspotte. Das Blinzeln, das ihm gelegentlich über die Wimpern

flog, schien halb Mitleid, halb Ironie zu sein.

»Du armer, dummer, verliebter Kerl« -- so legte sich Somsdorff dies

Blinzeln zurecht -- »du bildest dir ein, durch solche Aufmerksamkeiten

und Ritterdienste ihr Herz zu erobern! Ja, wenn sie anders wäre! Siehst

du, ich bin so ruhig, so ruhig! Während du deine Zwecke zu fördern

glaubst, förderst du nur die meinen! Du hilfst, ihre Gedanken von dem

ewigen Weh der Erinnerung ablenken! Du trägst so mit dazu bei, daß sie

endlich wieder in jenen normalen Gemütszustand kommt, der leider Gottes

für mein Behagen so nötig ist!«

Ehedem hätte Somsdorff bei dieser Erkenntnis getobt. Jetzt war er mit

dem Gefühl peinvoller Demütigung, das ihn heimsuchte, schnell fertig.

Es hatte so kommen sollen. Vielleicht war das nur die gerechte Strafe

für seine Thorheit, die immer noch halb an der sündigen Hoffnung der

ersten Tage hing.

Allmählich keimte ihm so der Entschluß, im Ernste das durchzuführen,

was er damals auf der mondscheinbestrahlten Veranda nur als Komödie

geplant hatte: jeden Gedanken unerlaubter Natur niederzukämpfen und

dieser bewunderungswürdigen, herrlichen Frau das zu sein, was man

auf Erden so selten findet, wie Rosen im Hochgebirg: ein echter,

wahrhaftiger Freund.

Neuntes Kapitel.

Weihnachten kam so heran -- das Fest, vor welchem sich Gräfin Adele so

über die Maßen gefürchtet hatte.

Der Gegensatz zwischen dem Einst und dem Jetzt war zu grausenhaft ...

Im vorigen Jahr -- welch ein schallender Jubel in dem großen

Verandasalon! Welch ein heiß flutender Strom der Glückseligkeit unter

dem strahlenden Christbaum, wo eine Fülle bunter Geschenke für das

jauchzende Kind verschwenderisch ausgestreut lag! An jenem Festabend

hatte die Gräfin alles vergessen, was sie gegen das Schicksal

sonst auf dem Herzen hatte: die innere Oede, die der gefühlsarme,

selbstsuchterfüllte Gemahl ihr zurückließ; die Reue über die kurze

Verblendung, der ein so banges Erkennen gefolgt war; den heimlichen

Gram über ein Leben, das sie verfehlt hätte nennen müssen, wäre das

liebe, lachende, reizende Kind nicht gewesen ...

Und nun?

Sie hatte schon bei dem bloßen Gedanken an die demnächstige Wiederkehr

dieser Erinnerungen gefröstelt. Am liebsten hätte sie den Tag

übersprungen, verschlafen, im Erledigen aufreibender Arbeit aus ihrem

Bewußtsein gelöscht.

Aber wie war dies möglich?

Ihr Gemahl hatte so wenig Verständnis für dies nagende Leid, dessen

eigentlichster und erster Grund er ja selbst war. An der Seite eines

Mannes, den sie geliebt, der sie mit seiner warmfühlenden Seele

umfangen, gehegt und beschwichtigt hätte, wäre ja auch das bitterste

Weh zum Schweigen gekommen. Das treue Bestreben, sich gegenseitig über

die Qual dieser Stunden hinauszuhelfen, würde bei allem Schmerz ein

Glück in die Herzen gegossen haben, eine Empfindung tief innerlicher

Gemeinschaft, ach, eine unbeschreibliche Wonne, die ihr bis dahin

versagt geblieben!

Nein, Graf Gerold verstand sie nicht. Nur mühsam hatte sie ihn von

der fürchterlichen Idee abgebracht, einen Baum für sie schmücken zu

lassen. Einen Baum, dessen Nadeln ihr mit vergifteten Spitzen die

Brust zerfleischt, dessen leuchtende Kerzen ihr das wildpochende Hirn

versengt und verglüht hätten.

Wenn er das nicht einmal einsah -- wie sollte er mehr begreifen?

Rücksichtslos hätte er sie genannt, oder im besten Falle thöricht und

selbstquälerisch, wenn sie dabei verharrt wäre, den heiligen Abend für

sich in der Einsamkeit ihrer Klause zuzubringen, wo sie doch im Gebet

vielleicht eine Entlastung fand. Sie fügte sich also den Anordnungen

des Grafen in duldsamer Resignation und wiederholte sich heimlich das

Wort Shakespeares, das sie so oft seit dem Verluste des Kindes sich

vorgesprochen:

»Die Stunde rennt auch durch den trübsten Tag.«

Ruhiger, als sie dies selber sich zugetraut, sah sie die Frühdämmerung

des vierundzwanzigsten Dezember durch die Gardinen schimmern. Es war

ein bleigrauer Morgen, dumpfig, schwer und mit niedrigem Himmel.

Nachdem sie sich angekleidet hatte, stand sie wohl zwanzig Minuten am

Fenster und blickte hinaus auf die beschneiten Straßen und Dächer.

Schwarzästig ragten die Riesenbäume des nahen Volksgartens zum Gewölk

auf, und breite Flocken schwebten vereinzelt hernieder wie ein

zerstückeltes Leichentuch.

Ihre Gedanken schwebten hinüber nach dem Frohnheimer Kirchhof.

Schwermütige Starrheit umspann sie. Es war nicht zu ändern. Es gab so

vieles in dieser Welt, bei dem nichts übrig blieb, als einfach mit

blutendem Herzen stille zu halten.

Das Kind: Novelle · 第 6 / 11 段