»Sie irren, mein Freund! Nur um _Ihnen_ das zu erleichtern, was Sie mir

neulich versprochen haben ... Nein, Herr von Somsdorff: eine Mutter,

die einmal ernstlich mit sich zu Rate gegangen, hat die Gegenwart ihres

Kindes nicht nötig, um unausgesetzt ihrer Liebe zu diesem Kinde und der

Verpflichtungen, die ihr daraus erwachsen, bewußt zu bleiben! In diesem

Engel, dem Ihr Sarkasmus ein flammendes Schwert verleiht, atme und lebe

ich! Hundert Meilen dürften uns jahrelang scheiden: an der Allgewalt

dieses Gefühls könnte das kaum was mindern! Seh'n Sie doch endlich

ein, daß der Weg, den Sie jetzt wandeln, traurig ins Leere führt! Ich

habe auf Ihrer Abreise nicht bestanden, weil Ihre Nähe mich nicht mehr

erschreckte -- und weil Sie so heilig gelobt hatten ... Es scheint

aber, daß Sie der Freundschaft in Wahrheit nicht fähig sind ...«

Ein verlorener Sonnenstrahl zitterte auf dem goldgelben Band ihres

Hutes und glitt, da sie den Kopf jetzt zurücklehnte, wie kosend über

die schön gerundete Wange hinab auf die Brust, die so geruhig atmete

und so gleichmäßig, als wollte sie den fiebrischen Brand seiner

Sehnsucht verhöhnen.

Er sprang auf.

»Gehen wir?« fragte er tonlos.

Sein Gesicht war bleicher als je; die Lippen verdorrten ihm fast.

»Fehlt Ihnen was, Herr von Somsdorff?«

»Es scheint so. Ich bin zu Tode erschöpft. Ich fürchte, ich werde

krank.«

»Es gibt einen Spruch ...« sagte die Gräfin, als sie am Teiche entlang

schritten. »Mein Geschichtslehrer hat ihn häufig citiert ... Es war

Latein, und der Sinn war der: ›Wolle gesund sein, und du bist es!‹

Ihnen mangelt vielleicht der Wille. Uebrigens, kennen Sie nicht die

Schrift Kants -- das Einzige, was ich von Kant gelesen habe: ›Die

Kunst, seiner krankhaften Gefühle Meister zu werden‹? Natürlich,

Sie kennen das! Aber danach zu handeln, das fällt euch Herren der

Schöpfung, die ihr doch sonst so vornehm auf uns herabschaut, nicht

ein!«

»Ich glaube, Sie machen sich über mein Elend lustig?« versetzte Leo

stirnrunzelnd; denn sie hatte die letzten Worte im Tone der leichtesten

Plauderei gesprochen.

»Das sei ferne von mir!« sprach sie mit plötzlich veränderter Stimme.

Die Thränen traten ihr in die Augen.

Er aber sah das nicht. In seiner Seele hatte nur eins Raum: der

Gedanke, daß diese Frau ihn geliebt hatte -- und nicht mehr liebte!

Dies Bewußtsein war niederschmetternd -- die erste große Enttäuschung

seines verwöhnten Lebens!

Der Widerstand einer abstrakten Moral -- so philosophierte er -- ließ

sich durch eisenfeste Beharrlichkeit über den Haufen werfen. Eine

Siegerin aber, der es gelungen war, das Feuer der Leidenschaft -- das

er doch ihrem eignen Geständnis zufolge in ihrer Seele entzündet hatte

-- in so lächerlich kurzer Frist mit Gewalt auszulöschen: ein solches

Geschöpf stand außerhalb jeder Berechnung!

Ja, wäre ihr Herz vereinsamt gewesen! Hätte dies Kind nicht alle

Abgründe ihres Gemüts täglich neu mit Rosen und Lilien verschüttet!

Aber so wirkte Josefa schon durch die bloße Thatsache ihres

Vorhandenseins!

Und gerade er, Somsdorff, mußte dies wühlende Weh dulden -- er, vor

dem sich die angebetetsten Schönheiten seufzend im Staube gewunden! Er

mußte das gerade hier dulden, wo es zum erstenmale im Leben ihm ernst

war -- so ernst zum wenigsten, wie es für einen jahrelang kultivierten

Leichtsinn, der nichts für heilig erachtet, noch möglich war! Er

liebte sie wahnsinnig, mit der Glut eines Verschmachtenden; jeder Tag

dieser grauenhaften Entsagung hatte der Lohe, die ihn verzehrte, neuen

Brennstoff geliefert; er fühlte, wie sein Gehirn kochte und brodelte,

wie jeder Nerv in ihm krankte -- und sie gab ihm den Rat, Kants Schrift

zu lesen ›über die Kunst, seiner krankhaften Gefühle Meister zu werden‹!

Noch ein Schritt -- und seine Zurechnungsfähigkeit hörte auf. Was dann

kam -- er schauderte vor der Ausmalung dieser Möglichkeiten zurück,

die sich ihm hundertfach variiert und dennoch stets in der gleichen

Grundstimmung aufdrängten. Der Egoismus der Leidenschaft hatte den

Höhepunkt seiner Starrheit erreicht.

Als Leo am Nachmittag sein Zimmer aufsuchte, um für einige Stunden

allein zu sein, folterte ihn ein fürchterlicher Gedanke, den er nicht

bannen konnte. Ja, es fehlte ihm, so sehr er sich mühte, die sittliche

Kraft, sich dieses unerhörten Gedankens zu schämen. Dabei fühlte

er jetzt, gleichsam als Folie zu seiner Zwangsvorstellung, einen

stechenden Druck in der Seite, etwas oberhalb jener Stelle, wo ihm der

wütende Hirsch das mörderische Geweih eingebohrt hatte.

»Du Narr!« klang es in seinem Innern, während er grimmig die Faust

wider den schmerzenden Punkt stemmte. »Hättest du damals ein paar

Sekunden gezögert und dein Leben, das noch so lebenswert und so

rosig erschien, nicht in die Schanze geschlagen, so ... wäre jetzt

alles vorüber! Kein Hindernis türmte sich mehr zwischen dich und

dies wonnige Weib! Du könntest sie trösten ... Ein Tröster erfüllt

seine Sendung nur halb, wenn er nicht auch ersetzt ... du würdest

in ihrem Herzen die Lücke ausfüllen, die der Verlust des unseligen

Kindes ihr hinterlassen hätte! Sie wäre dein Eigen, wenn nicht schon

jetzt, so doch dereinst, nachdem sich der erste, verzweifelte Jammer

gelegt hätte! Die Undankbare! Wie hat sie dir's denn gelohnt, daß du

gespießt wurdest? Ein paar gütige Phrasen hat sie für dich gehabt, ein

sentimentales Geständnis, bei dem drei Viertel der zärtlichen Glut

auf Rechnung des Kindes kamen! Und nun, wie du in deiner Ungeduld

aufschreist, gibt sie dir lächelnd den unerhörtesten Fußtritt! Das hast

du von deinem selbstlosen Opfermut, du trauriger Don Quixote, du öder,

hirnverbrannter Hanswurst!«

In blinder Wut schlug er sich auf die schwer atmende Brust.

»Hätt' ich's geahnt,« fauchte er durch die Zähne, »hätt' ich's geahnt!«

Und die verbrecherische Empfindung der Reue über die Rettung, die er

damals vollbracht hatte, goß sich ihm heiß durch die Adern. Nein, er

würde im gleichen Falle nicht wieder so handeln. Jeder war sich doch

selbst der Nächste, wo es um Sein oder Nichtsein ging! Man half nicht

dem Todfeind, wenn er am Rande des Abgrundes zu straucheln begann. Das

war nicht Menschlichkeit, sondern Wahnsinn.

Er stöhnte bei diesen grauenhaften Erwägungen wie ein Sterbender.

Immer wieder knirschte er vor sich hin: »Hätt' ich's geahnt! Hätt'

ich's geahnt!«

Die Ritterlichkeit, die ihn sonst auszeichnete, die natürliche Wahrheit

seines Gemüts, sein Gerechtigkeitssinn -- alles schien untergegangen in

dem fürchterlichen Gewoge einer schamlosen Selbstsucht.

Siebentes Kapitel.

Gegen Ende der Woche traf Gertrud Mettenius wiederum ein -- ganz

erfüllt von ihrem süßen Geheimnis, das sie der Freundin sofort, und

den übrigen Hausbewohnern, soweit sie gesellschaftlich mitzählten,

am folgenden Morgen unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit

anvertraute.

Sie hatte sich also wirklich mit Herrn von Steinitz junior verlobt

und hielt's nun daheim bei ihrer etwas nervösen Mama nicht länger

mehr aus; denn Friedrich, der holde, reizende Mensch, hatte sofort

unverhofft wieder abreisen müssen. Der Neubau des Herrenhauses auf

Groß-Nieder-Wartha -- so hieß die Besitzung, wo Gertrud als Freifrau

von Steinitz demnächst ihren Herrscherstab handhaben würde --

erforderte unbedingt seine Anwesenheit.

Das laute, geräuschvolle Wesen der jungen Braut wirkte auf Leo von

Somsdorff wie der Lärm einer Mühle. Er hatte nie sonderlich für das

Mädchen geschwärmt. Jetzt fand er sie geradezu störend -- vielleicht

nur deshalb, weil die Unverfrorenheit ihres Jubels dem traurigen

Zustande seines eignen Gemüts so schroff widersprach. Ein rätselhaftes

Geschöpf, diese Gertrud! Ganz offenbar hatte sie doch die Grenzen

der weiblichen Scheu und Zurückhaltung stark überschritten. Trotzdem

lag etwas Kindliches in der Art ihrer Aufdringlichkeit, etwas

Kernhaft-Gesundes, das unter andern Verhältnissen bei Leo von Somsdorff

sehr wahrscheinlich gewisse humorvolle Sympathieen geweckt hätte, zumal

der Erfolg ihr durchaus recht gab. Friedrich von Steinitz verlangte das

so; er war ihr ganz augenscheinlich dankbar dafür: sonst hätte ihn das

Gebaren Gertruds doch abgestoßen, nicht aber zum Sklaven gemacht. Wie

Leo indessen gestimmt war, hatte er jetzt nur das Gefühl, als müsse er

diesem übersprudelnden Lachen und Schwatzen grundsätzlich aus dem Wege

gehen. Es machte ja fast schon den Eindruck, als ob Fräulein Gertrud um

seine trostlose Situation wisse und sich das schnöde Vergnügen bereite,

ihm die Glückseligkeit in recht unbarmherzigen Farben zu malen, damit

seine Qual ihr zur Folie diene.

Gertrud merkte, trotz ihrer Naivität, sehr wohl, daß er mit jeder

Begegnung kühler und förmlicher ward.

»Was will er nur?« fragte sie staunend. »Wahrhaftig, Adele, ich glaube,

er legt's darauf ab, mich hier fortzugraulen!«

»Ach, er denkt nicht daran! Etwas nervös ist er ...«

»Dann soll er doch seine Nervosität an den Dienstboten auslassen oder

wo sonst! Ich kehr' ihm jetzt einfach den Rücken, bis er von selbst

wieder Anstalten macht ... Dazu ist denn doch eine glückliche Braut

nicht da, um irgend einem beliebigen Griesgram als Blitzableiter zu

dienen ...«

Gräfin Adele küßte ihr tröstend die Wange und legte für Herrn von

Somsdorff ein freundliches Wort ein. Nun lachte Gertrud, flüsterte mit

eigentümlicher Schalkhaftigkeit, so gar schlimm habe sie ja die Anklage

nicht gemeint, und sprach dann wieder von Groß-Nieder-Wartha und dem

entzückenden Neubau.

Am folgenden Tag mußte Adele das Bett hüten. Die Kämpfe der letzten

Zeit, die doch heftiger in ihr tobten, als sie selbst sich gestehen

wollte, hatten ihr stark zugesetzt, so daß eine kleine Erkältung, deren

sie sonst nicht geachtet hätte, ihr alle Spannkraft benahm.

»Das hat noch gerade gefehlt!« knirschte Somsdorff in sich hinein, als

er beim Frühstückstisch den Grafen allein fand und die Meldung erhielt,

Gräfin Adele fiebere ein wenig.

Graf Gerold war heute langweiliger als je. Er hielt eine Nummer des

»Athenäums« zwischen den Fingern. Sofort begann er mit laut hallender

Stimme einen Bericht über die jüngsten pompejanischen Ausgrabungen

zu lesen, die ein hochwichtiges Ergebnis zu Tage gefördert hatten --

in Gestalt nämlich einer erzgetriebnen Kassette, die eine Anzahl von

Goldmünzen und Medaillen enthielt, darunter mehrere von altgriechischer

Prägung. Der Graf war der Meinung, Verschiednes aus diesem Bericht für

seine noch immer nicht ganz vollendete Abhandlung verwenden zu können,

obschon die Kürzung dadurch aufs neue erschwert wurde. Er wünschte die

Ansicht Somsdorffs namentlich über zwei Punkte zu hören ...

Leo empfand beim Vorlesen des umfangreichen Artikels einen heftigen

Widerwillen. Die ruhig-sachliche Untersuchung, die sich hier abspielte,

kontrastierte eben so schroff mit seiner eignen quälenden Unrast, als

die Brautseligkeit Gertruds.

Der Graf ließ ihm nicht einmal so viel Zeit, sich genauer nach dem

Befinden der jungen Frau zu erkundigen.

»Eine Art Grippe,« sagte er rasch und fuhr dann, als wolle er jeden

weitern Versuch der Unterbrechung im Keime ersticken, mit wachsender

Energie fort: »Die größte dieser Medaillen zeigt in künstlerisch

vollendeter Bildung eine Reiterstatue mit der etwas beschädigten

Umschrift ...«

Somsdorff hörte nichts mehr. Voll stummer Verbitterung rückte er seinen

Stuhl, klapperte rücksichtslos mit dem Löffel an seiner Theetasse,

hustete, seufzte sogar, als hätte er jede Regel der Höflichkeit

unter dem Schutt seiner Mißgefühle begraben -- und erreichte damit

ein fortwährendes Anschwellen der freudig erregten Stimme, die nur

ab und zu mit dem Vorlesen innehielt, um parenthetisch ein »Höchst

interessant!« oder ein »Hören Sie, Somsdorff?« dazwischen zu schleudern.

Leo, der schon mehrmals erwogen hatte, ob es nicht besser sei, die

hoffnungslose Belagerung Adelens aufzugeben und schleunigst die

Flucht zu ergreifen, war jetzt nahe daran, in dieser Richtung einen

definitiven Entschluß zu fassen. Kleinigkeiten geben ja oft bei solchen

lang in der Schwebe gebliebenen Fragen den Ausschlag.

Jedenfalls trug er, als nun der Graf sich entfernt hatte, kein

Verlangen danach, dies eigentümliche Frühstück in Gemeinschaft mit

Gertrud Mettenius fortzusetzen, zumal ihm die junge Dame gleich

beim Betreten des Zimmers einen merkwürdig herausfordernden Blick

zugeschleudert hatte.

Er stand vielmehr auf, machte ihr eine ceremoniöse Verbeugung und zog

sich in seine Gemächer zurück, wo er sich fruchtlos bemühte, beim

Rauchen einer pompösen Cigarre den Zwiespalt, der ihn zerklüftete,

aus dem Bewußtsein zu tilgen. Es lag ihm wie Blei in den Gliedern.

Freilich, die Nächte hier, und namentlich in den letzten, hatte er ganz

erbärmlich geschlafen -- oft stundenlang grell geöffneten Auges zur

Decke gestiert, um dann mitten aus einer quälenden Vorstellungsreihe

heraus in einen starrkrampfähnlichen Zustand zu fallen, der nichts

weniger als erquicklich war und mit dem Schlaf nur die Unwirksamkeit

des Willens gemein hatte. Das mußte ein Ende nehmen -- so oder so. Er

fühlte, daß er zu Grund gehen würde, wenn seine Leidenschaft für dies

wahnwitzig stolze Weib nicht endlich Genüge fand oder gewaltsam ertötet

wurde ...

Er nahm ein Buch. Schon bei den ersten Seiten befiel's ihn wieder mit

einer Art von Hypnose. Statt des bedruckten Blattes und der klaren

Antiquaschrift sah er die Bank auf dem Proserpinahügel -- und zwischen

den blütenbedeckten Jasminzweigen die herrlichen Augen Adelens, die

ihm entgegenstrahlten, wie zwei lockende Sterne aus dem Grund eines

verzauberten Brunnens.

Aufschreckend griff er sich nach der Stirne.

Welche Verrücktheit auch, bei diesem herrlichen Juniwetter im Zimmer

zu sitzen, dazu noch bei festgeschlossenen Fenstern! Das Stubenmädchen

mit ihrem ewigen Luftabsperren war die Borniertheit selbst -- wie alle

Frauenspersonen! Ja, wie alle! In diesem Moment glaubte er selbst

Gräfin Adele mit einschließen zu sollen. Ihre rabiate Schwärmerei für

das Kind war doch auch eine Art von Beschränktheit, eine fixe Idee, wie

sie nur im Gehirn eines Weibes reift.

Ingrimmig setzte er den erdfarbenen, gemsbartgeschmückten Hut auf, nahm

seinen Jagdstock und schritt hinaus.

Es war jetzt zehn Uhr. Ein tiefblauer Himmel spannte sich wolkenlos

über die blühende Erde. Der Tag versprach heiß zu werden. Um so

gescheiter, wenn man sich jetzt ein wenig die brennende Stirn kühlte.

Ueber den Fluß her wehte noch eine Ostluft von belebender Frische.

Rasch, wie ein Mensch, der sich selber entfliehen will, stieg er die

Seitentreppe hinab und durchquerte den Platz vor dem Teich. Hier im

Park, wo ihm jeder Strauch die Erinnerung an das schmähliche Scheitern

seiner strafbaren Hoffnung zurückrief, litt es ihn nicht. Auch der

Pfad nach dem Gehölz schien ihm von Grund aus verhaßt. Das Kind

schwebte hier wie ein Gespenst über der Moosdecke. Dieser Wald mit

den zahlreichen Schneisen und Lichtungen war ja der Schauplatz jener

unseligen Rettungsthat. Ja, nochmals schalt er in seinem krankhaft

erregten Gemüt jene That unselig. Er lachte vor selbstironischer Wut,

als ob er sich vorwürfe, sein Glück mutwillig zertreten zu haben.

Hiernach graute ihm doch ein wenig vor der empörenden Roheit dieser

Empfindungen. Er zuckte die Achseln, seufzte und schlug den Weg nach

dem Fluß ein.

Es war still hier draußen. Auf den hellschimmernden Wiesengründen lagen

die graugrünen Heuhaufen. Das Korn wogte in mannshohen Aehren. Hier und

da nur, jenseits des Stromes, gewahrte man an den Hängen vereinzelte

Landleute -- so weit entfernt, daß man sie kaum mit der Stimme

erreichen konnte.

Leo bog die Zweige des üppig wuchernden Erlengestrüpps zurück und trat

an das Ufer.

Auch der Fluß, noch zu schmal und zu ungleichmäßig in seiner Tiefe,

um schiffbar zu sein, bot mit der unbelebten, stark strömenden

Wasserfläche den Anblick einer weltfremden Einsamkeit.

Das Ufer senkte sich an der Stelle, wo Somsdorff herangetreten war,

schroff ab. Weiter nach rechts aber bildete seine Böschung eine

Art natürlicher Bank, die zu beschaulicher Rast lud. Sommerliche

Gewittergüsse hatten diese Einbuchtung wohl zusammengewühlt.

Leo ging die kleine Strecke stromaufwärts, umklammerte das Geäst einer

verdorrten Weide und stieg so die anderthalb Meter hohe Lehne dieser

Naturbank hinab. Unten setzte er sich behaglich zurecht. Als Schemel

diente ihm ein Granitblock, der wie ein erratischer Einsiedler aus der

lehmigen Wandung ragte.

Es war ein Ruheplatz von eigentümlichem Reiz. Droben das schattende,

schwergrüne Laub der Erlen, gegenüber das steil ragende Ufer,

gleichfalls mit Erlen besäumt -- und zwischen den beiden Baumreihen,

die hier die Welt abschlossen, das murmelnde Wasser.

Langsam und tief atmend sah Leo von Somsdorff in das immerzu

wechselnde und doch so gleichmäßig glitzernde Wellenspiel. Zu seinem

eignen Erstaunen wurde er von den elegischen Versen Nikolaus Lenaus

heimgesucht:

»Sahst du ein Glück vorübergeh'n,

Das nie sich wiederfindet,

Ist's gut, in einen Strom zu seh'n,

Wo alles wogt und schwindet.«

So weit also war es mit ihm gekommen!

Die Fluten blinkten und rauschten -- und spielten zuweilen wie neckende

Elfen an dem Granitblock empor. Die weiche, grasüberwachsene Wand

schmiegte sich polsterähnlich wider den Rücken des Träumers, und

sein rechter Arm fand so bequem einen Stützpunkt. Wenn er die Augen

schloß, hatte er fast die Empfindung, als liege er auf der Chaiselongue

zwischen den beiden Verandasäulen ...

Und er schloß die Augen jetzt wiederholt, und immer auf länger, bis er

zuletzt nicht mehr die Kraft besaß, der entzückenden Müdigkeit, die ihn

umströmte, Halt zu gebieten.

Aller Gram seines Herzens schien von dem gütigen Fluß, der ihn hier

einwiegte, fortgeschwemmt, alles Weh aufgelöst, aller Kampf selig

gestillt. Die plätschernden Wellen wurden dem Schläfer zu holden,

zauberhaften Sirenen, die ihm die süßesten Märchen vorschwatzten.

Und plötzlich war es die Stimme seiner verstorbenen Mutter, die zu

ihm sprach, und das Märchen, das sie erzählte, war die unheimlich

bange Geschichte »Gott überall«. Er kannte sie jetzt noch auswendig,

-- die kindlich-naive Historie von der gehorsamen Schwester und

dem ungehorsamen Bruder, der im Keller die Milch benascht, und den

Spalt am Fenster, durch den die himmlische Sonne blitzt, ärgerlich

zustopft, damit der allsehende Gott nicht hereinblicke. Das war seine

Lieblingsgeschichte ... Wenn die Mutter ihm das erzählte, gestand er

ihr jedesmal unter Thränen, was er an kleinen, harmlosen Unthaten auf

dem Gewissen hatte. Und die Mutter war gütig und lieb, -- und sie küßte

ihn, und alles war wieder gut. Diesmal aber quälte ihn das Gefühl,

als ob die sonst so freundlichen Augen trüb und vorwurfsvoll auf ihm

haften blieben. Das Märchen, das ihm der Traum erzählte, mischte sich

ihm phantastisch mit der geträumten Wirklichkeit. Er selber war nun der

Held der Fabel. Er hatte, um heimlich naschen zu können, nicht nur am

Fenster den Spalt verstopft, sondern sogar dem Schwesterchen, das ihn

warnte, voll Tücke den Tod gewünscht ...

»Nein, mein Sohn,« erklang die schmerzlich bewegte Stimme, »das

verzeih' ich dir nicht, sondern steige nun traurig ins Grab, weil du so

schlecht geworden!«

Er stieß einen bänglichen Schrei aus.

»Aber so hab' ich's ja nicht gemeint!« keuchte er händeringend ...

»Schweig!« sagte sie traurig. »Es mag wohl sein, daß es dich jetzt

gereut: aber gewünscht und gewollt hast du's! Wir Toten sind ja

allwissend! Wir lesen in euren Herzen! Vor uns gilt keine Lüge und

keine Beschönigung!«

Sie legte ihm die Hand auf den Arm, just an die Stelle, wo kaum erst

seine Wunde geheilt war.

»Siehst du,« raunte sie unter Thränen, »selbst das kauft dich von

deiner Sünde nicht frei! Selbst meine Liebe nicht!«

Einmal noch berührte sie wie ein Hauch seine Stirn. Dann zerfloß sie in

Schaum und Nebel ...

Somsdorff erwachte. Verstört blickte er unter den brennenden Lidern

hervor. Stromabwärts am Ufer hörte er jammern und wehklagen. Er griff

nach dem Weidengeäste und schwang sich hinan.

Fünfzig Schritte von ihm entfernt gewahrte er eine Gruppe ...

Zuvörderst Gertrud, die ihm den Rücken kehrte; dann die englische

Gouvernante, Miß Harriet, die sich -- ein schrecklicher Gegensatz

zu ihrer sonstigen maßvollen Ruhe -- am Boden wälzte und sich

laut wimmernd das Haar und die Kleider zerraufte; daneben einen

halbwüchsigen Bauernburschen, die kleine Josefa im Arm, beide von

Wasser triefend.

»Das Kind ist ertrunken!« rief Gertrud außer sich, als Leo von

Somsdorff näher kam. »Hätte jemand den Mut besessen, ihm rechtzeitig

nachzuspringen ...«

Sie warf ihm einen feindseligen Blick zu, den Somsdorff in seiner

fürchterlichen Erregtheit nicht weiter beachtete.

»Ertrunken!« wiederholte er tonlos.

Er bebte an allen Gliedern. Im ersten Anprall dieses Ereignisses hatte

er buchstäblich das Gefühl, als habe er selber die »abscheuliche

Kreatur«, wie er die Kleine in den Ausbrüchen seiner Verbitterung so

oft genannt hatte, ins Wasser geschleudert und so mit klarem Bewußtsein

ermordet.

Bald jedoch kehrte die angeborene Geistesgegenwart, die er trotz seiner

Jugend schon in so mancher schwierigen Lage bewährt hatte, ihm völlig

zurück. Er übernahm alles. Der Bauernbursche mußte das Kind sofort

nach dem Schloß tragen, wo Leo persönlich die Wiederbelebungsversuche

einleitete, während der Kutscher nach Hoyersbrück fuhr, um Doktor

Michalsky zu holen. Er tröstete die verzweifelte Gouvernante, die sich

ein Leids anthun wollte, obgleich sie vollkommen unschuldig war. Er

teilte dem Grafen, der lange nach Mittag erst von dem benachbarten

Frohnheim zurückkehrte, wo er den Gutsherrn mit dem Artikel des

»Athenäums« gequält hatte, zögernd das Entsetzliche mit, und staunte

über die stoische Fassung des Mannes. Er würde sogar in seinem

fanatischen Thätigkeitsdrange vor Gräfin Adele getreten sein, um ihr

die Unheilsbotschaft so schonend als möglich beizubringen, hätte die

Schicklichkeit dies gestattet.

So fiel die traurige Aufgabe denn ihrem Gemahl zu.

Am Nachmittag, in der sechsten Stunde, nachdem der Arzt ihm erklärt

hatte, daß alle Bemühungen fruchtlos seien, schlich der Graf --

schwerer beklommen als in dem Augenblick, da er selber das Unglück

erfahren hatte -- zu Gräfin Adele ans Krankenlager.

Somsdorff war ihm zitternd gefolgt, um vor der Thüre Posto zu fassen,

als könne er so dem angebeteten Weib da drinnen, das jetzt den

furchtbarsten Schmerz ihres Lebens erfahren sollte, Hilfe und Linderung

gewähren.

Eine Zeit lang war alles still. Dann tönte die Stimme des Grafen wie

dumpfes Gemurmel, abgerissen, beängstigend. Und mit einemmal scholl

ein markerschütternder Aufschrei durch das Gemach, ein greller,

schaudervoller Naturlaut, dem ein tödliches Schweigen folgte.

Nach zwei Minuten trat der Graf auf den Korridor.

»Somsdorff! Gut, daß Sie da sind! Den Arzt! Holen Sie schnell den Arzt!

Er kann noch nicht fort sein! Da, nun hör' ich den Wagen!«

Wie ein Pfeil sauste Leo die Treppe hinunter. Der Landauer war noch in

Hörweite.

Sofort machte der Kutscher Kehrt. Doktor Michalsky stieg wieder aus und

verfügte sich kopfschüttelnd zu der Ohnmächtigen.

Als er nach zwanzig Minuten aus dem Gemach trat, schien er bedenklich.

»Eine nervöse Krisis,« sprach er zu Somsdorff, der ihn erwartet hatte.

»Augenscheinlich kommt so mancherlei hier zusammen. Ich begreife

übrigens nicht, was den Herrn Grafen bestimmen konnte, mich beinahe

schon wegfahren zu lassen, ohne mir eine Silbe zu sagen! Etwas

Migräne, hieß es.«

»Die Frau Gräfin hat das so angeordnet ...«

»Man folgt nicht den Anordnungen eines Patienten. Schöne Migräne! Ein

Fieber von neununddreißig acht ...«

»Herr Doktor, die Gräfin liebte ihr Kind abgöttisch ...«

»Aber sie war eine kerngesunde Natur. Ich kenn' sie seit lange. Ihr

Zustand weist noch auf andre Ursachen ...«

Somsdorff nickte gedankenvoll.

»Ist ernste Gefahr vorhanden?« fragte er leise.

Doktor Michalsky zog seine Schultern hoch.

Das Kind: Novelle · 第 5 / 11 段