»Solch ein Geständnis zu machen und gleichzeitig das Verbannungsurteil
zu sprechen?«
»Das ist möglich, weil ich fest an die Ehrenhaftigkeit Ihrer Gesinnung
glaube! Ich halte die Liebe für etwas Heiliges. Wer liebt -- und Sie
behaupten doch, daß Sie mich lieben -- der kann den Gegenstand seiner
Liebe unmöglich erniedrigen wollen. Dies würde aber geschehen, wenn
... Sie mich ferner mit so abscheulichen Blicken verfolgten, wie
vorhin, als ich zum Flügel schritt. Diese Blicke verletzen mich; sie
machen mich unglücklich! Wenn Sie denn kein Verständnis haben für
die Pflichten der Gattin, so erwägen Sie, daß ich ein süßes, holdes,
schuldloses Kind besitze!«
Somsdorff erschauerte. So herrlich und lockend war ihm die edle Gestalt
und das bezaubernde Antlitz mit dem blühenden Mund, der im fließenden
Mondlicht wie verträumt auf ihn einsprach, noch niemals erschienen. Er
hatte das bange Gefühl, als müsse er im nächsten Moment vor unsagbarer
Liebessehnsucht verrückt werden.
Aber just der Ueberschwang seiner Leidenschaft lieh ihm die Fähigkeit,
sich äußerlich zu bezwingen. Wenn er die Hoffnung nicht aufgeben
wollte, mußte er dieser Frau gegenüber eine Komödie spielen, deren
Entwurf ihm blitzartig durchs Gehirn schoß.
»Das Kind,« murmelte er wie geistesabwesend. »Ja, das Kind!«
Dann fuhr er, etwas lebhafter werdend, mit seltsam raunender Stimme
fort: »Adele! Mich überkommt's wie die frohe Gewißheit, daß in Josefa
uns beiden das Heil erblüht! Glauben Sie an himmlische Offenbarungen?
Ich glaube daran -- seit einer Minute! Das Kind ... Fürchten Sie
nichts! Dulden Sie mich noch vierzehn Tage lang hier! Sie können's
getrost -- und so war es ja ausgemacht! Eine frühere Abreise müßte
Verdacht erwecken; auch wäre sie zwecklos. Adele, Sie sollen nicht
wieder durch meine Thorheit zu leiden haben! Wie Schuppen fällt es mir
von den Augen: die Erinnerung an das eine entscheidende Wort, das Sie
jetzt eben gesprochen, wird mir die Kraft geben ... Lassen Sie uns
hier feierlich einen Bund schließen, der über allem Vergänglichen hoch
und erhaben steht! Lassen Sie uns die Sehnsucht, der wir nicht folgen
dürfen, mutig in einer Empfindung begraben, die heilig und selbstlos
ist: in der gemeinsamen Liebe zu Ihrer Josefa! Wollen Sie? Dann reichen
Sie mir die Hand ...«
Im Salon verstummte jetzt die Musik. Adele, von plötzlicher Angst
ergriffen, man möchte heraustreten, und ihr mondscheinumflutetes
~tête-à-tête~ mit Herrn von Somsdorff mißdeuten, schlug hastig ein und
verließ ihn, ohne auf seine pathetischen Phrasen etwas erwidert zu
haben.
Er starrte ihr nach, sah, wie ihr wallendes Kleid langsam über die
Schwelle glitt, und lehnte sich dann, schwer atmend, gegen die Säule.
Dunkel und schweigsam lagen die Wölbungen der gewaltigen Baumgänge.
Rechts vor der tiefen Allee glänzte im Mondlicht die Stelle, wo
neulich die kleine Josefa, ihre Miß Harriet verlassend, der Mutter
entgegengeeilt und so überaus leidenschaftlich geherzt und geküßt
worden war.
Dies Bild verfolgte ihn jetzt wie ein Gespenst.
War's denn zu glauben? Das herrlichste, wonnigste Weib liebte ihn
-- und versagte sich ihm bei all ihrer Glut, weil da ein kleines
fünfjähriges Wesen herumlief, das doch, bei Gott, nicht verkürzt wurde,
wenn er die Mutter, ach, nur ein einzigesmal selig umfing! Das Kind und
immer wieder das Kind! Dies thörichte kleine Geschöpf versperrte ihm
also unabwendbar die Straße zum Glück! Es drängte sich stets wie ein
Dämon zwischen ihn und den Labequell, sobald er sich niederbeugte, um
seinen Durst zu löschen!
Er suchte sich nun die Züge Josefas recht deutlich vorzustellen, mit
dem uneingestandenen Zweck, das hübsche Gesichtchen, das ihm zu Anfang
so hold erschienen, um jeden Preis antipathisch zu finden.
»Sie ist das Ebenbild ihrer Mutter,« dachte er stirnrunzelnd. »Gut! Um
die Brauen jedoch und im Blick hat sie etwas vom Vater -- etwas Kaltes,
Unangenehmes, Ordinär-Pfiffiges. Wahrhaftig, sie lächelt manchmal, sie
lächelt ... Wie sie mir heute den Strauß brachte! Infam! Die kleine
Canaille weiß, daß sie stört! Sie ahnt es mit dem alles witternden
frühreifen Instinkt einer spinösen Weiblichkeit.«
Und das Antlitz Josefas dünkte dem Aufgeregten immer entsetzlicher und
verabscheuungswerter. Zuletzt kam es ihm vor, als ringelten sich statt
der Locken gelbe, giftsprühende Schlänglein um die Stirne des Kindes
... ein kleines Gorgonenhaupt, das mit Adele nur die Augen gemein hatte!
Ach, und da drinnen im kerzenhellen Salon, auf den er jetzt mühsam
zuschritt, blühte, den Arm auf die Kante des Flügels geschmiegt,
der Gegenstand seines Verlangens, die Göttin, deren Altar er längst
schon mit leuchtenden Blumen geschmückt hätte, wäre der garstige,
natternumzüngelte Kopf nicht gewesen, das öde, alberne Püppchen,
das da im Herzen der Mutter eine so breite Stelle einnahm, das mit
dem Klang seiner süßlichen Schmeichelworte das Weib in Adele grausam
ertötet hatte!
Bis gegen elf Uhr musizierte man noch. Friedrich von Steinitz trug ein
Studentenlied vor. Sein Papa, der den Sekt ein wenig spürte, fiel beim
Refrain donnernd mit ein und schwang dabei die zierliche Mokkatasse
wie ein rebenumkränztes Hochglas. Hiernach erbat sich der Graf das
unverwüstliche ›Gaudeamus‹. Friedrich von Steinitz konnte das nicht
begleiten, wohl aber Gertrud Mettenius, die alles vom Blatt spielte.
Ihre Accorde brausten wie Orgelklänge. Von der zweiten Strophe ab
sangen die drei Kavaliere gemeinschaftlich, grundfalsch zum Teil, aber
mit sprühender Verve. Bei der dritten ging dem Major der Text aus,
was ihn nicht hinderte, auf die Silben ›~la-la~‹ volltönig weiter zu
schmettern. Bei der vierten folgte Gertrud Mettenius dem Beispiel der
Herren und ließ eine flotte, nicht unangenehme Diskantstimme los. Bei
der fünften zeigte sich Karl, der Bediente, schüchtern im Nebenzimmer
und reckte staunend das sonst so diskrete Haupt: die Herrschaften waren
ja ganz außerordentlich gut bei Laune!
Auch Leo von Somsdorff that zuletzt, als ob er sich dem ausgelassenen
Konzert anschließe, während Adele wieder für Augenblicke ins Freie
trat. Aber sein Herz wußte nichts von dem Uebermut dieser Stunde. Das
Kind, das Kind verfolgte ihn unablässig -- und als man gegen halb zwölf
nach einem kurzen Geplauder, woran auch Gräfin Adele teilgenommen, sich
trennte, da war er von diesem Gedanken wie festgepackt.
In trostloser Stimmung betrat er sein Schlafgemach. Rasch zog er sich
aus, zum erstenmal ohne die Hilfe des Dieners, obgleich die Hüfte ihn
wieder schmerzte. Sein Ingrimm steigerte sich mit jeder Minute. Er
löschte das Licht und schloß gewaltsam die Augen, da ein Reflex des
Mondes über dem Thürgesims ihn peinlich erregte. Die Fäuste geballt,
sah er den flirrenden Schein trotzdem durch die zusammengepreßten
Lider hindurch -- und das bleiche Oval spann sich ihm aus zu einer
bethörenden Sinnestäuschung. Es wuchs und wuchs, und schließlich war es
Gräfin Adele, die im duftigen, milchweißen Gewand, die Arme bis an die
Schultern entblößt, über die Schwelle glitt. Vor seinem Lager kniete
sie langsam nieder, legte ihm schmeichlerisch die Hand auf die Stirn,
küßte ihn heiß auf die Lippen und zog ihn mit ihren weichen, wonnigen
Armen fest an die Brust.
»Adele!« rief er, von Glück und Seligkeit überwältigt.
Da schrillte schon wieder aus nächster Nähe die unleidliche Stimme:
»Mama, Mama!«
Und das Kind kam herein durch die doppelt verriegelte Thür wie ein
Geist, der die Mauern zerteilt, und zerrte hohnlachend das süße,
himmlische Weib am Gewand und schlug dem liebeglühenden Mann die
kleinen, spitzigen Krallen ins Antlitz, daß ihm das Blut über die
Wangen troff.
Er fuhr stöhnend empor. Mit zuckender Hand strich er sich über die
Augen.
Ja, da rieselt es warm wie entquellendes Blut. Es sind Thränen,
-- Thränen des Zorns, der Sehnsucht, der ohnmächtig wilden
Verzweiflung. Er hat geträumt, -- und noch liegt der Nachklang des jäh
unterbrochenen Traumes auf seiner Brust wie ein Alp. Händeringend
stößt er einen beklommenen Schrei aus und drückt die Stirne keuchend in
seine Kissen.
Sechstes Kapitel.
»Ein Schreiben von Beaulieu-Sarcenet,« sagte der Graf beim Frühstück,
als er mit höflichst eingeholter Erlaubnis der Gäste seinen Kurier
durchmusterte. »Seltsam! Was kann er wollen? Nach jener unerquicklichen
Auseinandersetzung?«
Das blinkende Falzbein mit der kugelumspannenden Adlerkralle
durchschnitt das Couvert.
»Sie gestatten ...« fragte Graf Gerold nochmals. »Ich bin mehr als
gespannt ...«
Beaulieu-Sarcenet schien die fatale Erörterung, die ihn auf dem Kongreß
zu Bonn mit dem Grafen entzweit hatte, völlig vergessen zu haben --
oder so schwer zu bedauern, daß er für seinen Kummer nicht Worte fand
... Wenigstens ließ er die Sache ganz unerwähnt.
Hauptinhalt des Briefs war die Mitteilung, ein
populär-wissenschaftliches Wochenblatt, die »Minerva« in Stuttgart,
habe sich mit Vergnügen bereit erklärt, den Vortrag des Grafen
über altgriechische Fest- und Gedenkmünzen ehestens zum Abdruck
zu bringen, falls dieser Vortrag den Raum von drei Spalten ~à~
dreitausendfünfhundert Buchstaben nicht überschreite oder doch von dem
Verfasser auf diesen Umfang gekürzt werde.
Beaulieu-Sarcenet hatte den Chefredakteur der »Minerva« letzthin aus
rein persönlichen Gründen besucht und ihm beiläufig und gesprächsweise
das Thema genannt. Hieraus ergab sich das Weitere. Beaulieu-Sarcenet
riet dem Herrn Grafen aufs dringendste, die Gelegenheit zu benützen, um
so die Abhandlung wenigstens einem ~quasi~-gelehrten Publikum vor Augen
zu führen. Auch erbot er sich höflichst zur Lesung der Revisionsabzüge.
Er schloß mit der angenehmen Eröffnung, daß er im Frühherbst, wenn der
Herr Graf dies gestatte, auf Schloß Authenried-Poyritz vorsprechen
und die neuesten Errungenschaften des gräflichen Münzkabinetts einer
genauen Besichtigung unterwerfen wolle.
Diese Zuschrift des weltberühmten Archäologen führte im Leben und
Treiben der Schloßbewohner einen erheblichen Umschwung herbei. Die
Numismatik, seit Wochen entthront, gelangte nun wieder urplötzlich zur
Herrschaft.
Noch an dem selbigen Vormittag nahm Graf Gerold seinen rechtswidrig
unterdrückten Vortrag zur Hand, stellte zuvörderst die beklemmende
Thatsache fest, daß der Umfang der Rede -- selbst mit Weglassung
sämtlicher Vokative an die Adresse der »hochansehnlichen«,
»schätzbaren«, oder »gelehrten« Versammlung -- immer noch dreimal so
lang war, als das von dem Chefredakteur der »Minerva« bezeichnete
Maximum, und las dann die Arbeit vier- oder fünfmal durch, stets zu
dem unabweisbaren Resultat gelangend, daß er im Grunde nichts, aber
auch gar nichts weglassen könne, ohne dem köstlichen Aufsatz die
unheilbarsten Wunden zu schlagen.
So kam der Mittag heran. Sichtlich zerstreut schenkte der Graf
weder dem duftigen Pomard, der so tief purpurrot in den schweren,
altertümlichen Gläsern blinkte, noch den Schwänken des Herrn Majors
die gebührende Aufmerksamkeit, ließ den Champagner verperlen, wie ein
Kranker sein künstliches Selterswasser, und hatte nicht einmal Sinn
mehr für die bewegliche Heiterkeit Gertruds, die sich mit aller Kraft
ihres sprühenden Konversationstalents abmühte, das allgemach zögernde
Tischgespräch leidlich im Gang zu erhalten.
Beim Dessert legte der Graf plötzlich das Messer weg und sagte, den
Blick wie entgeistert auf die halb schon geschälte Birne richtend:
»Aber die Illustrationen! Illustrationen sind unumgänglich! Was meinen
Sie, Somsdorff?«
»Illustrationen?«
»Nun ja doch! Erläuternde Illustrationen zu meiner Studie!«
»Ah so! Allerdings ...«
»Nicht wahr? Ich muß mir sofort Gewißheit darüber verschaffen, ob die
›Minerva‹ auch Illustrationen bringt! Ich habe das Blatt nie in den
Händen gehabt. Sie entschuldigen, meine Herrschaften ... Karl! Hören
Sie nicht? Schnell Tinte und Feder!«
Er schrieb ein dringendes Telegramm -- Antwort bezahlt -- an
Beaulieu-Sarcenet:
»Bringt die ›Minerva‹ auch Illustrationen? Welchen Zeichner empfehlen
Sie?«
Hiernach ließ er den Reitknecht rufen und behändigte ihm den Zettel mit
dem Befehl, unverzüglich ins Dorf zu laufen und die Depesche dort gegen
Empfangsbestätigung aufzugeben.
»Nur gegen Quittung!« rief er ihm nochmals nach. Er lauschte mit
einer gewissen Aengstlichkeit, bis die schwer wuchtenden Schritte des
Burschen im Korridore verhallt waren. -- Dann erst schälte er seine
Forellenbirne schweigend zu Ende.
Drei Tage lang hielten es die Herren von Steinitz noch aus. Dann gab
ein Familienfest, das sie in Zeschau mitmachen sollten, dem Herrn
Major den erwünschten Vorwand, mit guter Manier aus den unheimlich
gewordenen Räumen des Schlosses zu flüchten und sich die Wiederkehr
für eine bessere Zeit vorzubehalten. Es lag jetzt in der That über den
Hallen von Authenried-Poyritz wie ein geistiger Druck; der Major meinte
sogar: wie das Vorgefühl eines Unglücks. Nicht nur der Graf mit seinen
erneuten numismatischen Anwandlungen war vollständig ungenießbar, auch
Gräfin Adele und Somsdorff strömten einen nicht recht definierbaren
Hauch von Schwermut und Monotonie aus.
Unmittelbar nachdem die Herren von Steinitz abgereist waren, erhielt
auch Gertrud Mettenius ein Briefchen ihrer Mama, das sie nach Hause
berief. Somsdorff war fest überzeugt, daß Gertrud sich dieses Briefchen
bestellt hatte, um nicht zwecklos noch ein paar Tage lang von ihrem
Liebsten getrennt zu sein; denn Friedrich von Steinitz und Gertrud --
wenn man aus hundert Symptomen einen berechtigten Schluß zog -- mußten
jetzt vollständig einig sein, und selbst den Papa hatte man kurz vor
der Abfahrt nach Hoyersbrück wohl ins Vertrauen gezogen.
Nachdem so das Schloß wieder in den normalen Zustand seiner vornehmen
Abgeschiedenheit und Ruhe zurückgetaucht war, nahmen auch die während
der letzten Tage etwas beeinträchtigten Garten- und Feldwanderungen der
Gräfin mit Leo von Somsdorff einen gesteigerten Aufschwung.
Der Graf wollte das so, und zwar aus zweierlei Gründen. Einmal konnte
er, wenn sich Adele viel mit Somsdorff befaßte, ungestört an der
Neugestaltung seines münzwissenschaftlichen Vortrags arbeiten, ohne
doch gar zu rücksichtslos zu erscheinen. Außerdem bedünkte es ihm eine
Ehrenpflicht, dem jungen Mann, der sich bei der Errettung Josefas so
fürchterlich zugerichtet, alles zu bieten, was da geeignet war, seine
Erholung zu fördern, seine Stimmung zu heben, kurz, den ~status quo
ante~ möglichst rasch wieder herzustellen.
Und einer seelischen Anregung und Erfrischung, wie sie sich aus dem
Naturgenuß in Gesellschaft einer ihm offenbar höchst sympathischen
jungen Frau ergab, schien der blasse, immer noch etwas hohläugige
Somsdorff stark zu bedürfen.
Er war mitunter seltsam verstimmt; merkwürdig abgeneigt, eines der
gräflichen Pferde zu reiten, obgleich Doktor Michalsky dies letzthin
erlaubt hatte; unlustig, ein Buch oder selbst nur ein Zeitungsblatt
in die Hand zu nehmen; apathisch gegen die Briefe und Telegramme
Beaulieu-Sarcenets; von höflicher Schweigsamkeit während der
Mahlzeiten; auf der Chaiselongue zwischen den beiden Verandasäulen
beinahe mürrisch.
Nur wenn die Gräfin sich anschickte, das große verwöhnte Kind
»auszuführen«, wie der Graf diese regelmäßigen diätetischen Gänge
bezeichnete, flog ein Leuchten über sein Antlitz. Man sah ihm
dann deutlich an, wie sehr er sich auf das planlose Wandern durch
die Alleen, auf das köstliche Hin- und Herschlendern zwischen den
Rotdornsträuchern und Haselnußbüschen, auf die langsamen Streifzüge ins
Gehölz freute ...
Und doch blieb dies Leuchten nur von sehr kurzer Dauer. Oft machte
es schon, bevor man die Freitreppe hinabschritt, einem Ausdruck der
Müdigkeit, ja der Verbitterung Platz, der sich erst nach und nach,
unter dem Einfluß der sommerlich schönen Natur und der mildfreundlichen
Worte Adelens wieder verlor.
Eines Morgens in aller Frühe -- der Graf schlief noch, denn er hatte
bis zwei Uhr nachts über der Arbeit gesessen -- traten die zwei in
besonders ungesprächiger Stimmung einen Gang durch den Park an -- auch
diesmal von der kleinen Josefa begleitet, die Gräfin Adele seit jenem
Abend auf der mondscheinbeglänzten Veranda kaum von der Hand ließ.
Höchstens durfte das Kind draußen im Feld ein paar Schritte vorlaufen,
um aus dem Aehrengewoge sich Raden und Kornblumen zu brechen. Sobald
man jedoch wieder den Park mit seinen phantastisch verschlungenen
Irrgängen erreichte, blieb Josefa, wie durch das Auge der Mutter
gebannt, stets in unmittelbarster Nähe; ja, sie setzte sich, wenn man
irgendwo Rast hielt, meist unaufgefordert zwischen Somsdorff und ihre
Mama, ein Warnungszeichen für den Bethörten und gleichsam die lebendige
Mauer, in deren Schutz die verzauberte Königin trotzig auf ihre
Unnahbarkeit pochte.
An jenem Morgen schritt man die Balustraden des Teiches entlang, bog
dann links ab, durchstreifte die Rosenbeete, die in verblüffender
Pracht standen, wechselte zwei, drei Worte über die Lieblingsarten der
Gräfin, die Marschall-Niel- und La-France-Rosen, die von dem Gärtner
mit überraschender Ausgiebigkeit gepflegt wurden, und erreichte auf
Umwegen den Proserpinahügel, wo Leo sich damals so nahe am Ziel
geglaubt.
Seitdem hatte er diesen Platz nicht wieder betreten.
Qualvolle Dumpfheit legte sich ihm aufs Herz, als er den
marmorgemeißelten Gott erblickte, der sich die Braut mit so trotzigem
Ungestüm -- und bei alledem so bequem und natürlich -- vom Boden rafft,
um sie hinab zu schleppen in die Verborgenheit seines Palastes. Ein
wehmütig beklommener Nachklang jener »heroischen Zeit, da Götter und
Göttinnen liebten«, zog in Goetheschen Melodieen durch sein vergrämtes
Gemüt.
Gräfin Adele hingegen schien klarer, frischer und ruhiger als je.
Mit vollkommenster Unbefangenheit blieb sie einen Moment vor der
leidenschaftlich bewegten Gruppe stehen, fand die zackige Krone
des Gottes, die hie und da zu zerbröckeln begann, komisch und
maskeradenhaft, meinte, das Ganze erinnere zu stark an den Raub der
Sabinerin, der zu Florenz die Loggia de' Lanzi schmückt, und wandte
sich dann, wie mechanisch, zur Bank hinüber, wo noch immer der
blütenbesäte Jasmin seinen berauschenden Duft streute.
Man setzte sich.
Auch diesmal ergab es der Zufall oder Adelens Geschicklichkeit, daß die
kleine Josefa den Platz in der Mitte bekam. Das Kind schmiegte sich
schalkhaft an seine Mama und neckte sie, hell auflachend, mit einem
schwankenden Zweig.
Der Fichtenbestand, der neulich im Goldglanz der sinkenden Sonne
gestrahlt hatte, war jetzt beschattet. Die ganze Beleuchtung hatte für
Somsdorff etwas Traurigverändertes. Es war ihm zu Mut, als ob er ein
teures Antlitz, das er bei voller Gesundheit verlassen, im Kampfe mit
einer schleichenden, todbringenden Krankheit wiedererblicke.
Und nun das ewige Lachen und Plappern des Kindes, das die
Schweigsamkeit der Erwachsenen mit geradezu ungebührlicher Konsequenz
ausnützte!
Es war natürlich nur Einbildung, wenn Somsdorff sich vorsprach, der
allgegenwärtige kleine Teufel sehe ihn manchmal so spöttisch, so gemein
triumphierend an ... Dennoch, trotz aller Vernunftgründe, ward der
erregte Mann diesen Eindruck nicht los.
»Josefa durchschaut dich,« klang es in seinem Herzen. »Sie kennt deine
Qual! Sie ergötzt sich an deiner verzweifelten Ohnmacht! Ihr Lachen ist
niederträchtiger Hohn!«
Gräfin Adele nickte ihm zu.
»Warum so ernst, lieber Freund?« frug sie mit schlichter Herzlichkeit.
Er zuckte ein wenig die Achseln.
»Man hat seine Stimmungen,« sagte er lächelnd. »Ich bin jetzt
neuerdings auf dem Standpunkt angelangt, daß ich im Lenz schon den
Herbst wittere, und wo sich das Leben entfaltet, Zerstörung und Tod.
Dieser azurblaue Sommertag schnürt mir die Brust zusammen. Dort in der
Tiefe zwischen den Fichtenstämmen erblick' ich Gespenster ...«
»Das sind einfach die Nachwehen Ihrer Leidenszeit,« sagte die Gräfin,
ohne den Doppelsinn ihrer Worte zu merken. »Sie dürfen sich nicht so
nachgeben.«
Fragend heftete er den Blick auf ihr Angesicht, das so gütig erschien
und so mild, wie das einer Mutter, die ihren Sohn tröstet.
Adele sah in dem einfachen, rosagestreiften Morgenkleid und dem beinahe
schmucklosen Strohhütchen auf dem herrlichen Haar unbeschreiblich
hold und verlockend aus. Ihre Absicht, durch Vermeidung jeglicher
Toilettenkunst den Eindruck, den sie auf Leo hervorgebracht, thunlichst
abzuschwächen, hatte sich nie so verfehlt erwiesen, als heute. Sie
ahnte nicht, wie gerade die blumenartige Schlichtheit ihrer Erscheinung
einen Charakter von der Eigenart Leos umstricken mußte. Diese
ungekünstelte Anmut bedeutete ja für Somsdorff äußerlich fast dasselbe,
was ihre weibliche Würde, ihre hoheitsvolle und doch nicht geschraubte
Strenge innerlich für ihn bedeutete: ein Fremdes, Neues und dennoch
Vertrautes, ein himmlisches Etwas, das auf sein ganzes Gemüt wirkte wie
die Seebrise auf die pochende Stirne des Fieberkranken.
Und nun sich sagen zu müssen: dies neue, unbeschreibliche Glück würde
dir in den Schoß fallen, wenn dies Kind nicht wäre, dessen bloße
Anwesenheit ihr unausgesetzt Moralpredigten hält und ihr Gehirn mit
Phantasmen erfüllt, die du mit aller Kraft deiner sieggewohnten
Verführungskunst nicht hinwegblasen kannst!
Daß Josefa wirklich das einzige Hindernis auf dem Weg zur Eroberung
sei, darüber hegte der junge Mann, der ja noch immer die Fesseln einer
leichtsinnigen Vergangenheit nachschleppte, kaum einen Zweifel.
»Denn --« sagte er sich -- »wäre die Tugend Adelens an und für sich
über jeden Ansturm erhaben, so brauchte sie nicht diese Schildwache
hinzupflanzen, die schleunigst Alarm schlägt, sobald sich mir nur das
leiseste Wort auf die Lippen wagt.«
Er seufzte schwer.
»Frau Gräfin,« frug er dann plötzlich in französischer Sprache, »wie
lange gedenken Sie diese Komödie fortzusetzen?«
»Welche Komödie?«
»Die mit der kleinen Ehrendame, die sich hier zwischen uns drängt.«
Sie errötete heftig.
»Wie so Ehrendame?«
»Teuerste Gräfin, Sie betrügen sich selbst -- und verraten sich!
Weil Sie sich schwach fühlen, weil Sie mich lieben -- heiß, über
jede Beschreibung -- deshalb gebrauchen Sie diesen Engel da mit dem
flammenden Schwert, der mich so feindlich von hinnen scheucht! Aber
ich schwöre es Ihnen: das frommt nicht! Sie werden an dieser Thorheit
zu Grunde gehen! Nein, lassen Sie mich jetzt ausreden! Wird Ihr Kind
darum besser und glücklicher, weil seine Mutter um eines Vorurteils
willen sich heimlich zerquält und einen ehrlichen Menschen, der sie
vergöttert, einfach ins Tollhaus bringt? Adele, Adele! Es kommt eine
Zeit, da niemand auf dieser Erde mehr weiß, wo unsre Gebeine ruhen!
Die Pflugschar geht einst über die Stätte, wo jetzt Ihr Schloß ragt
... Glauben Sie wirklich, daß Ihre Seele dann irgendwo im unendlichen
Weltraum Freude darüber fühlt, sich und mich damals zertrümmert zu
haben?«
»Das weiß ich nicht,« versetzte die Gräfin ruhig. »Auch wäre das eine
traurige Pflichterfüllung, die sich von der Erwägung abhängig machte,
ob eine That sich lohnt. So viel im allgemeinen. Jetzt aber muß ich
Ihnen doch scharf betonen, daß Sie mich vollständig mißversteh'n! Ich
bin fertig und klar mit allem und durch Gottes Hilfe so stark, daß
ich von keinem Kampf mehr zu reden habe. Ach, Herr von Somsdorff,
Sie glauben also im Ernste, ich hätte um meinetwillen das Kind hier
mitgenommen?«
»Ich dachte ...«