schätzbaren Eigenschaften vom Vater geerbt, nur daß er weit eleganter
und dem Ernste des Lebens vielleicht noch abholder war als der Papa.
Wenn er lachte oder nur lächelte, zeigte er unter dem blonden,
sorglich gepflegten Schnurrbart zwei Reihen tadellos schöner Zähne,
und rechts und links von den rotblühenden Lippen zwei reizende
Grübchen. Ein liebenswürdiger, aber gefährlicher Leichtsinn strahlte
in den lebendigen Augen, die so blau und so treuherzig dreinschauten
wie schuldlose Veilchen und beim Genuß alkoholreicher Getränke einen
feuchtwarmen Schimmer bekamen. Kurz, er gehörte zu jenen Erscheinungen,
die im Ballsaal Dutzende unbewachter weiblicher Herzen zu glühender
Sehnsucht aufstacheln, von der Mehrzahl schon bei der zweiten Begegnung
ruhiger verlassen werden, hier und da aber doch ein betrübsames
Unheil anstiften, da sie -- überglücklich in dem Gefühl der eignen
Vollkommenheit -- selbst der bezauberndsten Anmut und Schönheit
gegenüber vollständig kalt bleiben, bis schließlich trotz alledem
eine, die weder die Hübscheste noch die Klügste zu sein braucht, dem
lockeren Vogel gehörig die Schwingen stutzt.
Mit diesen zwei Kavalieren vergnügte sich Gerold so ausgiebig, daß
Gräfin Adele zunächst kaum eine Vermehrung ihrer Repräsentationslast
verspürte, zumal der Graf ihr im Beisein der Herren ausdrücklich gesagt
hatte: »Pfleg du nur den Jungen, den Somsdorff, daß er sich endlich
aus dieser traurigen Lethargie aufrafft! Ich glaube, Doktor Michalsky
nimmt ihn zu schwer. Das bißchen Blässe und Hinfälligkeit wird sich
schon geben, wenn er nur erst einmal wieder zu Pferde sitzt und einen
tüchtigen Trunk thut!«
Dann, zu dem pensionierten Major gewendet, hatte er fortgefahren:
»Er ist ein prächtiger Mensch, der Leo von Somsdorff. Jetzt freilich
scheint er wie auf den Mund geschlagen. Der Arzt muß ihm nächstens
wieder erlauben, mit uns zu Tisch zu gehen. Dies öde Herumliegen auf
der Veranda drückt ihm die Nerven.«
Steinitz der Vater nickte, während Steinitz der Sohn ein wenig den
blonden Schnurrbart zwirbelte und so ein kleines perfides Lächeln
verdeckte, das da besagte: »Herr von Somsdorff wird seine Gründe haben,
sich so in der Einsamkeit der Veranda verhätscheln zu lassen!«
Die Herren von Steinitz wohnten in Zeschau, wo Friedrich der Sohn
sich angeblich mit der Verwaltung des Zeschauer Grundhofs, eines ihm
testamentarisch vermachten Landguts, befaßte, das früher sich im Besitz
einer Seitenlinie befunden hatte. Kurz nach der Ankunft der Kavaliere
erhielt die Gräfin einen mit »Zeschau« gestempelten Brief, worin
eine ihr halb schon entschwundene Jugendfreundin, Gertrud Mettenius,
die früher geleisteten Schwüre unwandelbarer Geneigtheit stürmisch
erneuerte, brennende Sehnsucht nach einem Wiedersehen verriet und am
Schluß in die Worte ausbrach: »Wenn Du mir also nicht abtelegraphierst,
komme ich übermorgen!«
Schloß Authenried-Poyritz war auf Meilen in die Runde für mehr als
gastfrei bekannt. Gräfin Adele, obwohl sie den Ton dieses Briefes nicht
eben sympathisch fand, konnte also nicht Nein sagen. Sie telegraphierte
sofort, daß man sich herzlich auf den in Aussicht gestellten Besuch
freue, und bat um Antwort, mit welchem Zuge man Fräulein Mettenius
erwarten dürfe.
Die Auskunft lautete prompt: »Ich reise noch heute und bin um neun Uhr
fünfzehn in Hoyersbrück.«
Fräulein Gertrud Mettenius kam, sah und siegte. Nicht nur, daß sie sich
sofort eine sehr günstige Allgemeinposition schuf: auch im besondern
schien sie dem leicht zu durchschauenden Ziel, das sie verfolgte, rasch
näher zu kommen.
Gertrud Mettenius war bis über die kleinen rosigen Oehrchen verliebt
in Friedrich von Steinitz. Die Anwesenheit dieses Edelherrn auf Schloß
Authenried-Poyritz hatte auch sie hergelockt; und mit der ganzen
kernigen Resolutheit, die ihr zu eigen war, ging sie ans Werk, den
unbeständigen, farbenschillernden Schmetterling, der zunächst noch
ahnungslos flatterte, in ihr Netz zu bekommen, ohne bei diesem Fang die
Grenzen der Weiblichkeit allzusehr zu verletzen.
Im ersten Moment hatte sie meisterlich die Verblüffte gespielt.
»Sie hier? Ich ahnte nicht, daß Sie mit Authenrieds so befreundet sind!
Die Welt ist wirklich ein bißchen eng: man kommt von Zeschau und
trifft hier Zeschau! Aber ich lass' mir die Ueberraschung gefallen! Ihr
lieber Papa ist ein so reizender Herr, und Sie, wenn Sie wollen, haben
auch das Talent ...«
So ging's eine Weile fort, harmlos und äußerlich unbefangen, wie im
Verkehr mit guten Bekannten, die man im übrigen ebenso leichtblütig
verschmerzt als genießt. Und diesen glücklich gewählten Ton behielt
sie auch späterhin bei, so daß Friedrich von Steinitz, aller schweren
Indizien ungeachtet, wirklich im Zweifel darüber blieb, was Gertrud
im Schild führte. Manchmal hatte der sonst so zuversichtliche junge
Mann das Gefühl, als mache sich Fräulein Mettenius über ihn lustig,
oder als sei sie bestrebt, ihn bloß zu schnöden Dekorationszwecken an
ihren Triumphwagen zu schirren -- beides Vermutungen, die ihn heimlich
empörten, sein Interesse für das lustige, frische und eigenartige
Mädchen jedoch fortwährend steigerten.
An dem Nachmittage, der jetzt seine schräger und schräger fallenden
Strahlen durch den Fichtenbestand am Proserpinahügel goß, war Graf
Authenried mit Fräulein Gertrud Mettenius und den beiden Baronen im
offenen Jagdwagen über Land gefahren. Leo durfte der Vorsicht halber
an dieser Partie nicht teilnehmen, und Graf Authenried selbst hatte
seine Gemahlin ersucht, ihrem »Schützling« Gesellschaft zu leisten.
Gräfin Adele willfahrte diesem Wunsch um so lieber, als ihr die breite,
wortreiche Jovialität des Majors wenig erbaulich war, zumal dieser
Herr sich neuerdings vorzugsweise zu ihr kehrte, wenn er aus dem
unerschöpflichen Schatz seines Wissens eine windschiefe Anekdote zum
besten gab oder, plötzlich mit einiger Anstrengung ernst werdend, von
dem erhabnen Berufe der deutschen Frau sprach.
Uebrigens war Gräfin Adele ja fest überzeugt, das ungestörte Alleinsein
mit Leo, das sich ergab, sobald sie daheim blieb, sei jetzt vollkommen
gefahrlos.
Sie glaubte dies nicht nur deshalb, weil sie ihrerseits von der
Unerschütterlichkeit ihres Pflichtgefühls heilig durchdrungen war,
sondern ebensosehr im Hinblick auf das Verhalten Somsdorffs. Dieses
Verhalten nämlich machte durchaus den Eindruck, als sei die anfangs so
leidenschaftlich erregte Seele des jungen Mannes endgültig auf eine
ruhige, wunschlose Freundschaft gestimmt.
In Wahrheit jedoch hatte sich nichts an der tollen Verliebtheit
Somsdorffs geändert. Im Gegenteil: wenn ihn die ersten Stadien der
Rekonvalescenz in das Fluidum einer halb mit Dankbarkeit untermischten
sanfteren Schwärmerei getaucht hatten, so war in den letzten Tagen
wieder die alte dämonische Glut erwacht, die um jeden Preis vorwärts
drängt, die kein Hindernis kennt und noch jubelt, wenn sie auf
rauchenden Trümmern ihre Standarte aufpflanzt. Nur daß Leo von
Somsdorff jetzt gründlicher mit dem Terrain vertraut war, und demgemäß
die Kriegslist für zweckentsprechender hielt als den offenen Angriff.
Er wußte jetzt, daß Adele ihn liebte -- trotz der machtvollen Energie,
mit der sie gegen dies Schicksal angekämpft hatte. Sein Instinkt
empfahl ihm, diese Energie nicht durch verfrühte Erneuerung eines
Sturmes zu steigern, sondern sich vorläufig in die Rolle zu fügen,
die Adele ihm stillschweigend angewiesen hatte: in die des ehrlichen,
taktvollen Kameraden, mit dem sich alles besprechen läßt, bis auf den
einen verfänglichen Punkt.
Sie saßen jetzt auf der steinernen Bank zwischen den stark duftenden
blütenbesäten Jasminsträuchern und führten -- Gott mochte wissen, wer
das Thema in Fluß gebracht hatte -- einen schwermutsvollen Dialog über
zerstörte Hoffnungen, innere Vereinsamung und die Mittel, den Regungen
einer oft gegenstandslosen Melancholie den Stachel zu nehmen.
Leo betonte den Wert einer regelmäßigen, rein praktischen Arbeit und
kam so, die Bedeutung der Wissenschaft, der Kunst und der Geselligkeit
streifend, bei seinem Lieblingsproblem, der echten und opferwilligen
Freundschaft, an.
Adele, gedankenvoll zwischen den Birkenstämmen hinaus in die Ferne
starrend, warf, da er jetzt einen Augenblick schwieg, ein Wort ein, das
die kleine Josefa betraf. Auch zwischen Mutter und Kind herrsche ja
eine Art Freundschaft, die zur Grundlage die Natur, als Bedingung ihres
Gedeihens aber die stete Wechselbeziehung der Herzen, die Gemeinschaft
aller Interessen, die Selbstlosigkeit der gegenseitigen Hingebung habe,
namentlich wenn erst das Kind ein gewisses Alter erreiche. Glücklich
die Tochter, die als erwachsenes Mädchen, als Frau noch in ihrer Mutter
die beste Freundin erblicke, und glücklich die Mutter, der eine solche
Tochter beschert sei. Dieses Ziel zu erreichen, sei ihr, der Gräfin,
heiligstes und höchstes Bestreben.
Somsdorff, der auf die kleine Josefa längst schon eifersüchtig war,
wie auf einen begünstigten Nebenbuhler, verzog ein wenig die Brauen,
bezwang jedoch seinen Mißmut und fand einen Uebergang, der das Gespräch
sofort wieder von diesem Kind ablenkte, ohne daß Gräfin Adele die
Absicht herausgefühlt hätte.
Er ward beinahe sentimental. Mit vollen Herzenstönen pries er die
unbeschreibliche Wonne, die einem edel veranlagten Menschen daraus
erwächst, daß er bei Geistesverwandten echtes Verständnis für seine
Interessen findet, für die heimlichen Schwärmereien vielleicht, die von
der Masse verkannt oder bespöttelt werden.
Nachgerade trieb er im Fahrwasser einer Romantik, die auf Adele nicht
ohne Einfluß blieb.
Immer nur Freundschaft predigend, faßte er wie ein Prophet, der seiner
Verzückung nicht Herr ist, die schlaff im Schoße liegende Hand der
Gräfin, sanft, ohne Druck, beinahe traumhaft. Diese Hand, die sich ihm
nicht entzog, bebte ein wenig. Und jetzt glaubte er wahrzunehmen, wie
die standhafte junge Frau, von dem Klang seiner Stimme, dem Zauber
der krystallklaren Luft, dem süßbetäubenden Hauch der Jasminblüten
unwiderstehlich verlockt, schwach zu werden begann.
Da neigte er sein glühendes Antlitz zu ihrem Ohr und sagte tonlos:
»Adele, ich liebe dich!«
Die Gräfin, überwältigt von einem tödlich süßen Gefühl der
Glückseligkeit, ließ den Kopf schauernd zurücksinken. Somsdorff, heiß,
atemlos, warf einen hastigen Blick in die Runde. Nirgend ein Späher!
Das Kind war für Augenblicke hinter dem Kleinholz verschwunden. Noch
eine Sekunde -- und Somsdorff hätte die Willenlose an sich gerissen und
ihren halbgeöffneten Mund, rasend vor Leidenschaft, mit Küssen bedeckt.
Da fuhr sie empor. Mit beiden Händen tastend und abwehrend wie eine
Blinde, stand sie neben der Bank und rief aus angstgepreßtem Herzen
fast überlaut: »Josefa! Josefa!«
»Gleich, Mama!« tönte es glockenhell von der Böschung herauf.
Ehe noch Somsdorff begriff, wie ihm geschah, knirschte der nadelbesäte
Abhang, und die Kleine, hochrot vor Eifer, in jeder Hand einen
mächtigen Erdbeerstrauß, erklomm jubelnd den Rundplatz.
»Das hab' ich für dich gepflückt, süße Mama, und das für Sie!«
Leo von Somsdorff nahm die höchst unerwartete Gabe dem Kind aus der
Hand, stammelte ein beklommenes »Danke« und sah nicht sonderlich
geistreich aus, wie er nun mit erkünstelter Aufmerksamkeit die reifen
und halbreifen Beeren betrachtete, die sich vereinzelt von dem
zusammengerafften Grün abhoben.
Auch Gräfin Adele dankte, und zwar so herzlich, so übertrieben, daß
Josefa erstaunt zu ihr aufschaute.
»Aber Mama, das thu' ich doch gern!«
Adele nahm das Kind auf den Schoß und legte sein Köpfchen wie zur
Beschwichtigung auf ihr pochendes Herz.
»Darf ich nun wieder fort, Mama?« fragte Josefa nach einer Pause.
»Nein, bleib! Du bist furchtbar erhitzt! Du darfst nicht gar zu sehr
tollen!«
Sie strich der Kleinen, immer noch etwas bebend, über die Wangen.
»Wirklich, Du hast genug! Ueberhaupt -- es wird spät. Kommen Sie, Herr
von Somsdorff! Die Herrschaften können jeden Augenblick heimkehren!«
Ihr Kind an der Hand schritt sie voraus. Der junge Mann folgte, Scham,
Zorn und wilde Verbitterung im Antlitz, den Erdbeerstrauß mit dem
ungeordneten Rankenwerk immer noch zwischen Daumen und Zeigefinger, als
sei das Geschenk der unschuldigen kleinen Komteß ein widerwärtiges
Tier, ein Insekt, dessen Biß oder Stich er zu fürchten habe.
Er war jetzt geradezu außer sich. Der ruhig gefestete Blick, mit dem
sich die Gräfin zum Gehen gewandt, bürgte dafür, daß diese schwache
Minute sich nie wiederholen würde. Von ihm und seinen verstörten Zügen
war jener Blick, halb unbewußt, zu Josefa geglitten ... Ja, diese
Mutter würde in der unendlichen Liebe zu ihrem Kinde die Kraft finden,
auch in dem qualvollsten Kampf zwischen der Leidenschaft und den
Geboten der Pflicht obzusiegen!
Leo fühlte das mit der unmittelbaren Gewißheit der Intuition. »Entsage
ihr!« klang es durch sein Gemüt -- aber umsonst. Die Erkenntnis, daß er
hier ein Unmögliches anstrebe, steigerte nur den unermeßlichen Brand
seiner Sehnsucht.
Fünftes Kapitel.
Man erreichte erst eben die Freitreppe, als von der Landstraße her das
Rollen des Jagdwagens und das vergnügte Knallen der Peitsche ertönte.
Die kleine Gesellschaft hatte sich wundervoll amüsiert, obgleich
die Partie an und für sich keine sehr nennenswerte Ergötzlichkeit
bot. Ein Teil der Fahrt ging sogar über ziemlich reizlose Acker- und
Wiesenstriche, wo die glühende Prallsonne des Junitages kaum hier und
da durch ein paar Obstbäume abgedämpft wurde. Aber die Laune, die gute
Laune! Fräulein Gertrud und der alte Major hatten sich so köstlich
geneckt, und so urkomische kleine Geschichten waren erzählt worden,
daß man just auf diesem sonnüberströmten Plateau aus dem Gelächter gar
nicht herauskam.
Und dann die Bowle im Nehrauer Birkenwald. Natürlich hatte man alles
Notwendige mitgebracht. Den sauren Landwein des Nehrauer Sternwirts
konnte man selbst mit uraltem Cognac, Zucker und frischem Waldmeister
nicht zur Genießbarkeit aufkünsteln: aber der bauchige Vorratskasten
des Jagdwagens hatte ja Raum genug -- sogar für das unumgängliche Eis!
Neun Flaschen, sage, neun Flaschen edlen Gewächses waren unter dem
luftigen Blätterdach der Nehrauer Birken rite verzecht worden. Selbst
Fräulein Gertrud hatte sich eifrig daran beteiligt, wenn auch der
Schein ihrer Leistung größer war als die Wirklichkeit. Und sie sorgte
dafür, daß dem Herrn Grafen und dem Major, der ihr geflissentlich
zutrank, mehr dieser stark imponierende Schein, dem jungen Baron mehr
die maßvolle Wirklichkeit in die Augen stach.
Die heitere, fast übermütige Stimmung, die man von der Partie mit nach
Haus brachte, setzte sich während des anderthalbstündigen Schwelgens im
Speisegemach fort.
Somsdorff nahm heute zum erstenmal an dem Souper teil und mühte sich,
es den übrigen an Vergnügtheit und Frische des Tones gleichzuthun,
was von dem Grafen und ganz besonders von dem Major mit höchster
Genugthuung konstatiert wurde.
»Der Appetit kommt beim Essen,« sagte der Graf. »Das gilt auch von
der Geselligkeit. ›Wer sich der Einsamkeit ergibt, ach, der ist bald
allein‹ -- heißt es bei Goethe. Im Kreise fröhlicher Kameraden dagegen
erwacht vom Schlummer, was Nervosität und Krankheit in uns erstarren
ließ: der Urquell der Fidelität, und nun erst -- nicht wahr, lieber
Major? -- genest man ~ex fundamento~! Na, kommen Sie her, Somsdorff!
Dieser hochduftige Edelwein aus der Bourgogne heilt alle Gebresten! Ihr
Wohl!«
Somsdorff stieß mit ihm an; der alte Major und Gräfin Adele folgten dem
Beispiel des Grafen; Gertrud Mettenius und Friedrich von Steinitz waren
zu sehr ineinander vertieft, als daß man sie hätte stören dürfen.
Somsdorff leerte den großen geschliffenen Kelch auf einen Zug und
litt es lächelnd, daß der Major ihm sofort wieder einschenkte. Graf
Authenried erzählte bei diesem Anlaß ein komisches Intermezzo vom
Bonner Kongreß -- das erste Mal seit der Ankunft der beiden Barone, daß
er das Thema der Numismatik streifte -- und nun hielt es auch Gertrud
für zweckmäßig, ihren eifrigen Kavalier nicht durch ferneres Lauschen
auf sein bewegtes Geplauder zu verwöhnen. Sie mischte sich, eine
launige Frage an den Major richtend, flott in die Hauptkonversation,
so daß sich in kurzer Frist ein reizvolles Chaos ergab, das in den
Nebenräumen den Eindruck erzeugte, als tafele hier eine Gesellschaft
von zehn bis zwölf Personen.
Nur Gräfin Adele nahm wenig teil am Gespräch. Inhaltsvolle Gedanken
schienen sie stark zu beschäftigen, was sie indes durch häufige
Weisungen an den Bedienten und sonstige Aufmerksamkeiten fürs Wohl
ihrer Gäste sattsam bemäntelte. Somsdorff allein ahnte, was in ihr
vorging.
Nach Tisch begab man sich in den größern der beiden Verandasalons.
»Adele, nun singst du etwas!« bat Graf Gerold mit einer artigen
Kopfneigung.
»O, ich kann nichts!« wehrte die Gräfin.
Gertrud Mettenius trat an das Notengestell.
»Hier sind ja Lieder zu Hunderten ... deutsche, französische,
italienische ... Liebes Adelchen, ich glaube du zierst dich! Im
Pensionat sagte doch schon der Kantor, du solltest dich ausbilden
lassen! Aber was red' ich noch? Heut erst, unter den Nehrauer Birken
hat dein Gemahl uns erzählt, daß du zum Besten des Frauenvereins
öffentlich das famose ›~Vorrei morir~‹ geschmettert ...«
»Oeffentlich?«
»Nun ja, -- vor einem geladenen Publikum, aber doch so zu sagen ...«
»Mein Gott, wenn ihr absolut wollt,« sprach die Gräfin und trat an den
Flügel. »Aber ich bin so ganz aus der Uebung.«
»Wie kommt das?« frug der Major.
»Gerold ist kein Freund von Musik; sie stört ihn bei seinen Studien.
Ueberhaupt ... ich weiß selbst nicht ...«
Sie strich mit der Hand über die Stirne und fuhr dann in etwas
verändertem Tone fort:
»Was soll ich denn singen?«
»Nun, eben dies ›~Vorrei morir~‹, wenn uns die Bitte gestattet ist,«
sagte der junge Baron mit einem schwärmerisch leuchtenden Blick auf
Gertrud Mettenius.
»Verstehen Sie italienisch?« fragte die Gräfin.
»Gerade genug, um mir die beiden Wörter ›~Vorrei morir~‹ ins Deutsche
zu übersetzen. ›Ich möchte sterben!‹ Das andre überlaß ich dem
Komponisten und der Künstlerin, die mir sein Tonwerk interpretieren
soll.«
Der alte Major staunte. Was war das? Die Stimme des Sohnes hatte
bei dieser Bemerkung eine so schmelzende, man konnte fast sagen,
kokett wehleidige Klangfarbe, daß er den übermütigen Leichtfuß
nicht wiedererkannte! Diese verteufelte Gertrud schien auf
den kotillonordenüberschütteten König der Zeschauer Klub- und
Ressourcenbälle wirklich einen geradezu phänomenalen Eindruck
gemacht zu haben. Nun, ihm, dem Papa, sollte das recht sein! Eigne
Erfahrungen flößten ihm für die Zukunft des Sohnes manchmal recht
ernste Befürchtungen ein. Die Schwiegertöchter, wie sie dem Herrn Major
tauglich erschienen, waren nur spärlich gesät. Straff mußte die sein,
klug und energisch, die einen Menschen wie Friedrich aus den Gefahren
des Leichtsinns dauernd erretten wollte. Diese Gefahren ... du lieber
Himmel! Er selbst, der gute Major, wußte Historien davon zu erzählen
bis auf den heutigen Tag, trotz seiner vieljährigen Ehe mit Dorothea
Freiin von Pehrts, die allerdings fast zwei Jahre älter gewesen als er,
und viel zu geduldig und harmlos.
Gräfin Adele setzte sich, ließ ihre schlanken Hände präludierend über
die Tasten gleiten und sang das funkelnde Tostische Lied mit dem
sehnsuchtsvollen Refrain ›~Vorrei morir~‹. Die herrliche Altstimme war
von unsagbarem Wohllaut.
Somsdorff, der abseits in einem Fauteuil saß, fühlte, wie ihm das Herz
vor wildem Verlangen beinahe in Stücke brach. Zuletzt hielt er es
nicht mehr aus. Die Wände des schwülen Raumes schienen die eingesogene
Tagesglut unter dem Schwall dieser vulkanischen Töne mit verdoppelter
Heftigkeit wieder auszustrahlen ... Die Thüre nach der Veranda war halb
geöffnet. Beim Verrauschen der Schlußaccorde erhob er sich und trat
leise und langsam über die Schwelle.
Die Freitreppe, die Balustraden des Teiches, die Parkwege glänzten
im Scheine des Vollmonds, der groß und leuchtend über den Wipfeln
stand. Zwischen den Säulen hindurch strömte silbernes Licht auf das
Marmorgetäfel und floß um die teppichbelegte Chaiselongue, wo Somsdorff
während der letzten Wochen so manchmal selig geträumt hatte.
Ein warmblütiges Lachen scholl vom Salon heraus in die trostlose
Mondnachtstimmung. Es war Gertrud Mettenius, die sich jetzt ans Klavier
setzte und mit dem Sprudelton dieser herzentquellenden Lustigkeit eine
nicht ganz geschickte Bemerkung ihres Verehrers Friedrich von Steinitz
beantwortet hatte ...
Nun spielte sie ...
»Etwas Flottes!« hatte der Graf gesagt; »dieses ›~Vorrei morir~‹ war
doch gar zu sentimental!«
Und wie ein prasselndes Feuerwerk sprühten die Klänge des neuesten
Wiener Walzers unter den kecken, beweglichen Fingern hervor
und prallten in unversöhnlichem Gegensatz auf den bläulichen
Märchenschimmer des Parks und die verzweiflungsvolle Erregtheit
Somsdorffs.
Da rauschte etwas über die Fliesen. Gräfin Adele, in der Linken den
Fächer, trat bis zum Rande der Freitreppe, schien ein paar Augenblicke
zu zögern und wandelte dann, sich Kühlung wehend, die Stufen hinab.
Drinnen ertönte ein lautes Bravo des Herrn Majors, ein kurzes
Stimmengemurmel, und gleich danach, mit neckischer Virtuosität
vorgetragen, der Karneval von Venedig.
Somsdorff, unweit des Langsofas an die Säule gelehnt, stand noch
unschlüssig, ob er der Gräfin folgen sollte, als sie schon wieder
zurückkam.
Nun erst bemerkte sie ihn. Sie stutzte, machte eine Bewegung, als
wolle sie rasch über die Schwelle, und schritt dann geradeswegs auf ihn
zu.
»Es nimmt mir die Ruhe,« sagte sie halblaut. »Besser, ich frage Sie
gleich, als daß ich's noch über Nacht mit mir herumschleppe.«
Sie stand jetzt vor ihm.
»Frau Gräfin ...« stammelte Somsdorff.
Der Mond schien ihr voll ins Gesicht. Er sah, daß ihre Augen sich
feuchteten.
»Offen heraus,« fuhr sie fort, »ich schäme mich! Bleischwer liegt
es mir auf der Brust, kaum zu ertragen! Ich schäme mich, daß Sie
so Unerhörtes gesprochen -- und mehr, daß ich noch eine Silbe der
Höflichkeit für Sie fand, nachdem Sie's gewagt hatten ... Herr von
Somsdorff! Ich wünsche zu wissen, bei Ihrer Ehre: hab' ich etwas gethan
oder geduldet, was Sie zu dieser Kränkung berechtigte?«
Sie schaute ihn fest an, fast drohend. Ihr Mund zuckte; von ihren
Wimpern lösten sich zwei rollende Thränen.
Er suchte nach Worten. Einer plötzlichen Eingebung folgend, sagte er
kurz und rasch, ohne auf die gestellte Frage zu antworten:
»Adele, Sie lieben mich!«
»O Gott!« stöhnte sie, mit der Hand nach der Brüstung fassend.
»Sie lieben mich,« sagte er ruhig. »Wenn Sie den Mut haben, eine Lüge
zu sprechen, so sagen Sie Nein!«
»Ich darf Sie nicht lieben! Nein, ich liebe Sie nicht!«
Somsdorff machte eine Gebärde nach dem Salon hin.
»Etwa um _dieses_ Gemahls willen?«
»Allmächtiger Himmel!« raunte sie angstvoll. »Sie wissen nicht mehr,
was Sie reden! Sie häufen Beleidigung auf Beleidigung! Ich verzeihe
Ihnen als dem Erretter meines geliebten Kindes; aber Sie können nicht
länger bei uns zu Gast sein! Wenn Sie nicht wollen, daß ich verzweifle,
so reisen Sie schleunigst ab! Schleunigst! Ich würde sagen: heut'
abend, in dieser Minute ... Aber das geht nicht! Morgen jedoch ... Im
Laufe des Vormittags kommt Doktor Michalsky. Irgend was Glaubhaftes
wird sich schon finden lassen. Er muß Sie beurlauben ...«
»Ich abreisen?« flüsterte Somsdorff. »Das wäre mein Tod!«
»Sie müssen,« sprach sie, die Hände faltend. »Ach, versteh'n Sie nicht
falsch! Es soll keine Strafe sein ... Ich bin sogar überzeugt, Sie
haben im Grund Ihres Herzens Respekt vor mir -- aber ich sehe doch, wie
Sie ganz und gar außer stande sind, sich zu beherrschen! Und -- weshalb
soll ich es leugnen? -- Ihre Haltlosigkeit raubt mir die Ruhe ...«
»Sie lieben mich also!« war das Einzige, was sie zur Antwort bekam.
Frei erhob sie das Antlitz wie jemand, der sich entschlossen hat, einer
Gefahr trotzig und kampfbereit in das Auge zu sehen.
»Ja!« versetzte sie kurz. »Für meine Empfindungen kann ich nichts; wohl
aber für meine Handlungen. Jetzt, da's heraus ist, kommt es mir vor,
als hätt' ich mir eine Last von der Seele gewälzt! Sie wissen's nun, --
und deshalb müssen Sie fort!«
»Adele! Wie ist es möglich ...«