»Ein Unglückstag!« stöhnte er, mit dem Taschentuch über die Stirn

fahrend. »Erst das Malheur in Zeschau -- der größte und beste Teil der

Sammlung verkauft -- nach England -- noch eh' die Auktion beginnt ...

ich glaube, man braucht sich die augenscheinliche Schwindelei nicht

gefallen zu lassen ... Dann auf der Rücktour ein Achsenbruch -- zwanzig

Minuten Verspätung -- und nun die Bescherung da mit dem Somsdorff!

... Es fehlte jetzt nur, daß dich der Schreck wieder acht Tage rabiat

machte, wie damals bei der Erkrankung deiner Mama. Weiß Gott, du siehst

aus ... fehlt dir etwas? Sprich nur! Ich mach' dir ja keinen Vorwurf!«

»Ich bin etwas angegriffen: aber das geht schon vorüber.«

»Gott sei Dank! An dem einen Patienten hab' ich ja mehr als genug.

Nichts regt mich so auf und stört mich so im Verfolg meiner Studien,

als der Gedanke: dein Haus ist ein Lazarett. Und für die nächste Zeit

hab' ich enorm zu thun. Auf dem Kongreß in Bonn -- ich weiß nicht, ob

Somsdorff dir schon gesagt hat -- na, du interessierst dich zwar nicht

dafür ...«

»Doch, Gerold. Aber was hast du nur? Du bist so erregt ...«

»Das macht der Verdruß über die schändliche Spitzbüberei in Zeschau.

Denke dir nur, eine Sammlung mit Prachtstücken ersten Rangs,

griechische, römische, altitalienische Seltenheiten vom höchsten Wert

-- und dieser elende Kniff, der mich einfach beraubt! Denn das alles

war mein; ich hätte die Mitbieter unbedingt aus dem Felde geschlagen!

Nun, es ist mal geschehen, und da hilft kein Lamento! Ja, du hast

recht; ich bin wohl zu ungestüm ...«

»Wenn's dich erleichtert, Gerold ...«

»Pah, man soll seinen Aerger nicht mit nach Haus schleppen ...«

»Was ist das mit dem Kongreß in Bonn?«

»Am sechsten und siebenten Juni tagt dort die Hauptversammlung der

Numismatiker, -- Deutsche, Franzosen, Engländer, Italiener, ~tutti

quanti~! Leipold in Breslau -- weißt du, der alte Herr mit den

Blatternarben, den wir im Schwarzwald kennen gelernt -- hat mir den

Zutritt vermittelt. Infolge eines sehr liebenswürdigen Briefes von

Beaulieu-Sarcenet kam mir nun plötzlich der Einfall, auf dem Kongreß

einen Vortrag zu halten. Das Material zu dem, was ich plane, liegt mir

seit lange vor; aber ich muß nun ergänzen, Belegstellen aufsuchen,

ordnen -- kurz, es ist eine riesige Arbeit für die beschränkte Zeit,

und da heißt's, den Kopf oben behalten! Ich hatte darauf gerechnet,

Somsdorff ein wenig heranzuziehen; er hat die unschätzbare Gabe des

Ueberblicks; er findet sich schnell zurecht; er hätte mir mancherlei

abnehmen können ... Das ist nun alles vorbei! Ein wahrer Jammer!

Leipold hat mir auch eine Karte für ihn geschickt ... ich wollte

Somsdorff damit überraschen ... Ja wohl! Der Mensch denkt, und Gott

lenkt! Wären die Sechzehnender Seiner Fürstlichen Durchlaucht nicht ...«

Adele sah ihn mit ihren großen, herrlichen Augen verständnislos an.

War's denn zu glauben? Das Kind dieses Mannes hatte vor wenigen

Stunden in Todesgefahr geschwebt; ein Freund des Hauses hatte dies Kind

unter Preisgebung seiner eignen gesunden Glieder gerettet und lag jetzt

droben vielleicht in den letzten Zügen -- und Gerold von Authenried

sprach mit wachsender Lebhaftigkeit von Beaulieu-Sarcenet, von Leipold

in Breslau, von der Idee eines numismatischen Vortrags auf dem Kongreß

zu Bonn! Mit keiner Silbe hatte er nach Josefa gefragt; kein Wort

des Dankes für die Gnade der Vorsehung war ihm noch über die Lippen

gekommen. Sein ganzer Kummer beschränkte sich, wie es schien, auf den

Verlust eines erwünschten Helfers und Reisebegleiters.

Die Gräfin verspürte ein eigentümliches Frösteln. Es war, als lege sich

ihr eine starre, eiskalte Hand aufs Herz und drücke es langsam und

stetig zusammen.

»Willst du dich umkleiden?« fragte sie endlich, da sie im Speisezimmer

das Klirren des Tafelgeschirrs hörte.

»Natürlich. Man ist ja verstaubt wie ein Müllerknecht. Das war ja ein

Qualm im Coupé ...«

»Doktor Michalsky bleibt doch zu Tisch?«

»Ich hab' ihm gesagt, er solle nur gleich übernachten. Morgen in aller

Frühe versorgt er dann unsern Patienten und was er hier sonst in der

Nähe hat ... So spart er zwei Touren. Er war damit einverstanden.«

»Gut. So will ich das Nötige anordnen.«

»Thu' das! Und nicht wahr, sobald die Geschichte da droben in Ordnung

ist ... Du verstehst mich? Kein langes Erörtern mehr mit dem Doktor!

Ich habe seit zwei nichts genossen, außer dem elenden Kaffee im

Görlitzer Hof. Ich verkomme vor Hunger!«

Drittes Kapitel.

Am fünften Juni reiste Graf Gerold nach Bonn, trostlos darüber, daß

Leo von Somsdorff ihn nicht begleiten konnte. Die Ausarbeitung des

Vortrags hatte den Grafen derart in Anspruch genommen, daß er sogar

die abendlichen Spazierritte ins Gehölz unterließ und sich kaum Zeit

gönnte, ein paar Worte mit Doktor Michalsky zu reden oder gelegentlich

bei dem Patienten selbst Nachfrage zu halten.

Um so treuer und eifriger lag die Gräfin der Pflege ob. Drei Tage

lang schwebte der Kranke in Lebensgefahr. Dann schritt die Genesung

langsam, aber mit Stetigkeit vorwärts. Just um die nämliche Zeit, da

Gerold -- wie er an Somsdorff telegraphierte -- in Bonn mit Leipold

und Beaulieu-Sarcenet eine hochwichtige Privatkonferenz hatte, die

ihn bestimmte, den Vortrag über altgriechische Fest- und Gedenkmünzen

bis auf weiteres zurückzuziehen (Leipold nämlich hatte das Manuskript

durchgesehen und mehrere Lücken entdeckt, die seiner Meinung zufolge

erst ausgefüllt werden mußten, wenn die sonst außerordentlich wirksame

Arbeit auf der Höhe der Wissenschaft stehn und bei den leider

impertinent kritischen Fachleuten widerspruchslos durchschlagen sollte)

-- just um die nämliche Zeit also gab der Arzt die Erlaubnis, Herrn von

Somsdorff nach der Veranda zu schaffen.

Das war kein leichtes Stück Arbeit. Vier Personen mußten zugleich

anfassen, um die Chaiselongue, auf die man den Dulder gebettet hatte,

wagerecht und möglichst ohne Erschütterung die Treppe hinab ins

Parterre zu tragen.

»Man hätte das früher bedenken sollen,« brummte der Arzt beim Anblick

des etwas halsbrecherischen Transportes. »Freilich, in so verteufelten

Situationen verliert man den Kopf; das ist menschlich. Selbstredend

müssen wir jetzt für die Nächte ein Zimmer im Erdgeschoß herrichten.«

»Das ist schon geschehen,« versetzte die Gräfin. »Ich dachte, den

kleinen Salon am Ostflügel ...«

»Ah, sehr gut! Bequemer kann er's nicht haben! Und nicht wahr, die

größte Vorsicht beim Umbetten! Die Wunden sind ja so ziemlich geheilt,

dank seiner phänomenalen Konstitution; aber ein einziger Stoß, eine

falsche Bewegung kann uns um Tage zurückwerfen.«

Gräfin Adele sorgte dafür, daß nichts geschah, was den glücklichen

Fortgang der Rekonvalescenz hätte hindern können. Mit der lächelnden

Unerbittlichkeit einer Mutter hielt sie auf strengste Erfüllung aller

ärztlichen Vorschriften, oft im Widerspruch mit den Wünschen des jungen

Mannes, den zuweilen die Ungeduld heimsuchte, namentlich wenn ihn die

Gräfin der Obhut der Dienerschaft überließ. Aber Karl sowohl als die

Zofe hatten strikten Befehl, ihm unter keiner Bedingung nachzugeben.

Zwanzigmal forderte er Papier und Bleistift, um Briefe oder Notizen

zu schreiben, was ihm, da sein linker Arm noch im Verband lag,

Schwierigkeiten verursachte, die ihm das Blut nach der Stirn trieben.

Einmal hatte er's durchgesetzt, und nicht wieder ... Die Schreiberei

schien der Gräfin um so vermeidbarer, als die sechs Zeilen, die er

mit großer leiblicher und geistiger Mühe niedergekritzelt, einen

»Dank an die gütige Fee« enthielten, und zwar in klangvollen, etwas

verworrenen Rhythmen, deren zwei letzte Reimworte »Adele« und »Seele«

waren. Auch das anhaltende Sprechen verwies sie ihm, und den Eifer,

mit dem er zu gestikulieren versuchte, als müsse er die vorübergehende

Außerdienststellung des kranken Armes durch verdreifachte Thätigkeit

des gesunden wettmachen.

Wenn er so, wohlig und warm zugedeckt, auf der Veranda lag und die

köstliche Luft schlürfte, die ihm selbst um die Mittagszeit nicht zu

heiß schien, saß Adele oft stundenlang, eine Stickarbeit in der Hand,

neben ihm, ohne daß zwischen den beiden ein Wort fiel. Dann wieder

that er aus tiefen Gedanken heraus eine plötzliche Frage, erzählte

ihr fast ohne Uebergang ein Erlebnis, eine Scene aus seiner Kindheit

oder veranlaßte sie zum Plaudern. Manchmal hatte sie auch ein Buch

und las ihm zehn Minuten lang vor, den Anfang einer Novelle, etwas

von Rosegger, ein paar schwermütig rauschende Klänge aus Geibels

»Spätherbstblättern«. Die Augen geschlossen, ein seliges Lächeln

auf den geöffneten Lippen, lauschte er, kaum noch atmend; es blieb

unentschieden, ob die Poeten mehr Anteil an dieser Verzückung hatten,

oder die Vorleserin.

Und dann sprach er wieder, als müßte ihm das Empfangne die Brust

zersprengen, wenn er noch stumm bliebe. Es war nicht viel, was er

sagte, wohl auch nichts sonderlich Interessantes. Aber die Gräfin

lauschte nun eben so andachtsvoll, wie er, wenn sie las, und stellte

ihre Betrachtung darüber an, wie seltsam die Stimme des jungen

Mannes sich während der Krankheit verändert hatte. Das war nicht

mehr die trotzige Fülle stürmischer Leidenschaft, die sie zu Anfang

-- jetzt ward es ihr klar -- beinah' aus jeder Silbe herausgehört

hatte. Nein, die Glut war in Milde -- sie hätte fast sagen mögen:

in kindliche Sanftmut -- umgewandelt. Der Klang seines Organs hatte

jetzt Modulationen, deren schmeichelnde Art sie fast an Josefa

erinnerte. Vielleicht sprach die Dankbarkeit überall in den gleichen

herzberauschenden Tönen?

Am neunten Juni wurde Graf Gerold zurückerwartet. Ein Telegramm an

Somsdorff, das den Verlauf des Kongresses knapp schilderte und die

befremdliche Nachricht enthielt, Gerold habe sich mit Beaulieu-Sarcenet

überworfen, bestellte den Wagen auf sieben Uhr fünfzig nach Hoyersbrück.

Somsdorff empfing die Depesche auf seinem gewöhnlichen Ruheplatz

zwischen den beiden Verandasäulen. Er hatte jetzt eben mit Hilfe

des Dieners gespeist und lag etwas erschöpft in den Kissen, als ihm

die Gräfin, bereit, wieder neben ihm Platz zu nehmen, das Telegramm

überreichte.

»Ich hab' es auch diesmal geöffnet, der ausdrücklichen Weisung des

Arztes gemäß. Sie werden mir Indemnität erteilen.«

»Bitte,« lächelte Somsdorff. »Der Inhalt geht ja eigentlich mehr die

Frau Gräfin als mich an.«

»Zum Teil ... gewiß. Ich habe auch alles Erforderliche schon

angeordnet.«

»Wie immer! Die Liebe, Güte und Fürsorge in Person!«

»Mein Gott,« lachte die Gräfin, »scheint Ihnen das in der That so gütig

und fürsorglich, wenn ich dem Kutscher eine Bestellung ausrichte und

für den Abend ein Gericht mehr ansetze?«

»Das nicht,« stammelte Somsdorff, die Augen schließend. »Ich weiß

nicht, es fiel mir so bei ... Wes das Herz voll ist ... mir schwebt

eben stündlich vor, was Sie an mir thun ...«

Die Gräfin errötete.

»Sie wollen mich böse machen oder beschämen,« sagte sie ernsthaft.

»Wären Sie mir ein wildfremder, unsympathischer Mensch, ich hätte das

gleiche an Ihnen gethan; wenn es denn überhaupt der Rede wert ist. So

aber ... ein Freund meines Mannes ...«

»Nicht Ihr Freund?«

»Auch das ... natürlich. Aber ich meine, zunächst ... Bitte, lassen

wir doch dies Thema, das mich peinvoll daran erinnert, wie sehr ich in

Ihrer Schuld bin!«

»Nicht so sehr, als Sie glauben. Was ich that, war völlig naturgemäß --

die Eingebung der Minute! Tausend andere hätten dasselbe gethan. Und

ferner: im entscheidenden Augenblick dachte ich nur an die Sache. Ich

wäre genau so dazwischen gesprungen, wenn es sich um das Kind einer

Unbekannten, meinetwegen der ersten besten Landstreicherin, gehandelt

hätte. Ich sage das nur, um der Wahrheit die Ehre zu geben; ich will

nicht besser, nicht opferwilliger scheinen, als ich es bin! Ach, und

ich dächte, Frau Gräfin, Sie wüßten das ohnedies! Nur der blanke

Instinkt macht uns Männer gegebenen Falls zum Beschirmer der Schwäche.

Die scheinbar mutige That folgt da unmittelbar auf die Wahrnehmung,

wie dem Blitze der Donner folgt, ohne daß Pflicht und Moral irgend ins

Spiel kämen. Sie aber, teure Freundin, haben mich wochenlang mit der

beglückenden Atmosphäre Ihrer Geduld, Ihrer Wachsamkeit, Ihrer Milde

umgeben, ohne je zu ermüden, ohne sich je zu sagen: ›Der Mensch da

konnte doch eben so gut im Spital genesen!‹«

»Herr von Somsdorff ...«

»Sie haben sich die entzückenden Frühlingstage zur Pein gemacht,« fuhr

er mit großer Lebhaftigkeit fort, ohne sich durch die Gebärde der

Abwehr beirren zu lassen. »Sie haben ausgeharrt wie ein Engel.«

»Ich verbiete Ihnen, kraft meines Amtes als Pflegerin, diesen

elegischen Ton mit aller Entschiedenheit,« sagte sie scherzhaft. »Da,«

(sie zog ein wenig den Vorhang zurück) »schau'n Sie hinaus ins Grüne!

Jetzt blendet's nicht mehr, und ein leiser Wind hat sich aufgemacht!

Nicht wahr, das erquickt? So, und nun warten Sie! Wenn Sie vernünftig

sind, gibt es auch heut eine Extrabelohnung, wie gestern!«

Sie trat in den kleinen Salon und kam mit einer goldgrauen Schale

zurück, auf der eine türkische Cigarette und eine Silberbüchse mit

Streichhölzern lag.

Er sah zu ihr auf, wie ein Beter zum Heiligenbild. Ein Leuchten ging

über sein Antlitz, so heiß und scheu, daß Gräfin Adele sich mit

augenfälligem Eifer der silbernen Büchse zuwandte, hastig ein Zündholz

herausnahm und es für Leo in Brand setzte.

Nun stiegen die bläulichen Tabakswolken sacht kräuselnd empor und

zerflatterten zwischen den Säulen wie heimliche Wünsche, die sich ins

Licht des Tages nicht hinauswagen dürfen.

Adele war seltsam bedrückt. Dieser Moment hatte ihr klar gemacht, was

sich im Lauf der letzten drei Wochen unbemerkt, aber stetig wachsend,

in ihrer Seele entwickelt hatte.

Sie setzte sich abseits und stickte, während Leo von Somsdorff ruhig

und wie in tiefe Gedanken verloren, weiterrauchte.

Er sprach nicht mehr; es war, als habe er mit dem einen flammenden

Blick alles gesagt, was er ihr sagen wollte; ja, als besorge er, durch

den Klang eines überflüssigen Wortes die Stimmung dieser Minute rauh zu

verwischen. Und da er nicht sprach, und Adele mit ihrer Nadel ein sanft

monotones Geräusch machte, das sich vom Rauschen der Baumwipfel abhob

wie ein milder Diskant von den Accorden des Basses, so überließ sich

Leo einem Gefühle wohliger Rast und hoffnungsfroher Geborgenheit, das

ihn schneller als sonst entschlummern ließ.

Nun legte die Gräfin, starr auf den Schlafenden hinblickend, die Rechte

mit der kaum angefangenen Stickerei in den Schoß, während sie mit der

Linken den Kopf stützte.

Sie wußte jetzt, daß sie für Leo etwas empfand, was sie zuvor niemals

empfunden hatte, selbst nicht in den Tagen der Illusion, da sie von

Gerolds uneigennütziger Liebe fest überzeugt war. Und sie gestand sich

blutenden Herzens, dieses Etwas müsse das Glück sein, das vollkommene,

göttliche, das sie bis jetzt nur im Traume gesehen! Leo von Somsdorff

hatte sich eigentümlich umgestaltet; sie meinte: veredelt. Die

Blässe, die noch immer nicht weichen wollte, verlieh seinen Zügen

etwas Rührendes, Herzbewegendes. Früher hatte zuweilen ein Hauch

von Schroffheit und Egoismus um seine Lippen gespielt. Als er ihr

damals mit so bedenklichem Ausdruck von der Glut seiner »bewundernden

Sympathie« gesprochen, blitzte in seinen Augen sogar etwas Teuflisches,

was sie tödlich erschreckt hatte. Jetzt aber schien das alles wie von

Schleiern umhüllt, im Glanz einer bläulichen Mondnacht dahinschmelzend,

ohne Härte und Starrheit. Adele bangte nicht mehr vor dem

eigentümlichen Dämon hinter der Stirne des jungen Mannes: sie bangte

jetzt nur vor sich selbst.

Das Verhalten ihres Gemahls seit der Verwundung Leos steigerte ihre

Furcht. Graf Gerold bot ihr so gar keine Handhabe, um sie von dem

gähnenden Abgrund, an dessen Rand sie sich fühlte, zurückzuziehen!

Daß Leo sie liebte, hatte sie nie so deutlich empfunden als jetzt. Die

Liebe trug nur einstweilen noch die Vermummung der Dankbarkeit. Aber

wie lange würde das dauern?

Ein paar Sekunden lang zuckten ihr schauerlich süße Gedanken durchs

Hirn, die sich durch keine Kraft der Selbstbeherrschung bannen und

bändigen ließen.

Wär' ich noch frei! Hätt' ich den andern niemals kennen gelernt! Zu

spät!

Sie malte sich dieses Glück, das sie verfehlt und versäumt hatte, mit

den brennendsten Farben und erstarrte dann plötzlich in dem Gefühl: Du

sündigst!

Ja, schon der Gedanke war Frevel! Je mehr ihr grauste in dem Bewußtsein

der Unwiderruflichkeit, je trostloser die Atmosphäre ihr dünkte, in der

sie bis dahin geatmet hatte, um so fester stand ihr Entschluß, auch

nicht um Fingersbreite vom Pfad ihrer Pflicht abzuweichen. Mochte Graf

Gerold der Unerschütterlichkeit ihrer Treue nicht wert sein: sie hielt

diese Treue sich selbst und dem Licht ihres Lebens, dem schuldlosen

Kinde, dem sie dereinst frei in das Auge schauen, vor dem sie nicht

heimlich erbeben wollte, wie Judas Ischariot unter dem trauernden

Blicke des Heilands.

Sie nahm sich vor, bei Herrn von Somsdorff auch nicht den leisesten

Schatten von dem zu dulden, was wie der Anfang einer unerlaubten

Huldigung aussah; ihn kühler und förmlicher zu behandeln, als sie

bisher es im stande gewesen; vor allem jedoch so selten als möglich mit

ihm allein zu sein.

Gar zu lang konnte die Zeit bis zu seiner völligen Wiederherstellung

nicht mehr dauern; vierzehn Tage vielleicht, höchstens drei oder vier

Wochen. War er dann abgereist, so würde sie im Verkehr mit Josefa und

im stillen Genuß ihrer Lieblingsautoren, die sie so manchmal getröstet

hatten, das Gleichgewicht ihrer Seele schon wiederfinden.

Also die Trennung! So weit war es mit ihr gekommen, daß sie nur in der

Trennung noch die Möglichkeit eines Heils erblickte!

Ihr Stolz rebellierte, und gleichzeitig fühlte sie ein unermeßliches

Weh ...

Gab es denn gar keinen Ausweg? Somsdorff war so klug und so gut ...

Konnte sie nicht in etwas dieses erhöhten und vergeistigten Lebens

teilhaftig werden, das von ihm ausstrahlte? Konnte sie nicht den Sturm

seiner Leidenschaft ein für allemal brechen, ihn durch die ruhige

Energie ihres Wollens gleichfalls zur Ruhe zwingen? Wie? Sollte im

Ernst eine Freundschaft zwischen Leo und ihr, eine echte, selbstlose

Herzensgemeinschaft, die nirgends die Pflicht verletzte und keine Sünde

bedeutete, ewig unmöglich sein?

In diesem Moment schlug Somsdorff die Augen auf. Adele fuhr heftig

zusammen, als ob ein Späher sie bei ihren tiefsten Geheimnissen

überrascht habe.

Drunten vom Park her vernahm sie die Stimme Josefas, die, von Miß

Harriet geführt, durch die breite Allee rechts von dem Teiche daher kam.

Die Gräfin erhob sich -- errötend, erbleichend und so verwirrt, daß

sie nicht einmal einen Vorwand suchte, um Herrn von Somsdorff so

plötzlich allein zu lassen. Barhäuptig, ohne Schirm, schritt sie die

Treppe hinab, durchquerte den freien Platz, auf dem noch in voller Glut

die Nachmittagssonne lag, und eilte dem Kind entgegen, das mit den

Worten: »Mama, liebe Mama!« auf sie zusprang und sie umhalste.

Leo von Somsdorff sah durch die Säulen hindurch, wie leidenschaftlich

die junge Frau ihr Töchterchen herzte und küßte, inbrünstig, als sei es

-- halb schon verloren geglaubt -- ihr eben erst wieder geschenkt.

»Aber Mamachen, du thust mir ja weh!« sagte das Kind verwundert.

Und wieder küßte sie ihm die Stirn und die Wangen und nahm es dann fest

und weich in den Arm, wie sie es früher so oft gethan, wenn sie das

Baby zur Dämmerzeit in den Schlaf wiegte.

Sie war jetzt schon eine tüchtige Last, die kleine Josefa, bei weitem

zu schwer, wie Miß Harriet meinte, um sich so nur zum Vergnügen die

Treppe nach der Veranda hinauftragen zu lassen. Aber die Gräfin schien

diese Last gar nicht zu fühlen, so flink und elastisch hob sich ihr Fuß

über den Marmorstufen. Und sie lachte dabei lustig und glockenhell;

denn sie hatte jetzt wieder die Herrschaft über sich selbst gefunden

und erkannte nun klar, daß sie die Sache durchaus ins Scherzhafte

kehren mußte, wenn Leo von Somsdorff ihr ganzes Gebaren nicht höchst

eigentümlich finden und seltsame Schlüsse auf die Verfassung ihres

Gemüts daran knüpfen sollte.

Somsdorff indes war hinlänglich Psycholog, um sich durch diese fein

improvisierte Wendung, die Gräfin Adele dem Auftritt gab, nicht

täuschen zu lassen. Er hatte verstanden, und sein Verständnis weckte

ihm all die strafbaren Hoffnungen wieder, denen er schon halb entsagt

hatte.

Viertes Kapitel.

Acht Tage später, am herrlichsten Juniabend, saß Leo mit Gräfin Adele

auf der Bank des Proserpinahügels, der so benannt war nach einer im

Stil des Bernini gehaltenen plastischen Darstellung der allbekannten

Entführungsgeschichte.

Die Bank unter dem breiten Geäst einer zweihundertjährigen Eiche,

im Halbkreis von blühenden Sträuchern umrahmt, mit dem Blick in

die bläulich verdämmernde Ferne, die sich in schmalem Ausschnitt

zwischen zwei säulenartig emporstrebenden Birken zeigte, war Adelens

ausgesprochener Lieblingspunkt. Während die vordere Hälfte des Parks

im Geschmack von Versailles angelegt war, herrschte hier, abgesehen

von der etwas schwülstigen Marmorgruppe, ein Hauch von ungekünstelter

Freiheit, man konnte fast sagen von Wildnis, der nach den regelrechten

Alleen und Balustraden außerordentlich wohlthat. Der Gärtner sogar

schien diese Wildnis zu respektieren; denn auf dem Boden rings um

den Sockel wucherte Gras, und die Jasminsträucher griffen mit ihren

saftstrotzenden Schößlingen hier und da über die Bank hinaus.

Es war kurz vor sieben. Die Sonne warf ihre Strahlen schräg in den

Fichtenbestand, der die südliche Böschung umkleidete, und flammte

goldhell auf dem lichten Gewand Josefas, die hundert Schritte von dem

»Raub der Proserpina« abseits Erdbeeren suchte.

Seit der Rückkehr des Grafen hatte sich manches im Schloß verändert.

Gerold mußte auf dem Kongreß zu Bonn allerlei Unannehmlichkeiten erlebt

haben, über die er sich selbst gegen Leo von Somsdorff nicht ausließ.

Den Vortrag über altgriechische Fest- und Gedenkmünzen hatte er nicht

mehr erwähnt. Ueberhaupt war er, im Gegensatz zu der Ausführlichkeit

seiner Depeschen, sehr karg mit den Einzelheiten. Den Gang der

Verhandlungen charakterisierte er als »recht interessant«, rühmte die

geistvolle Ansprache eines vlamländischen Forschers Namens Boemkneisje

und die Mitteilungen des Italiener Lunghi über gewisse Funde bei Rimini

und erklärte dann rasch, die Arbeit der letzten drei Wochen habe

ihn doch etwas angegriffen. Er bedürfe jetzt sehr der Zerstreuung;

Somsdorff möge sich ja beeilen, wieder ganz flott zu werden, um dann in

frischester Kraft und Empfänglichkeit mit von der Partie zu sein ...

Adele begriff, daß die Marotte der Numismatik nun für einige Zeit

Ferien hatte.

Der Graf ritt jetzt allmorgendlich stundenlang in den Forst,

konferierte eingehend mit dem Koch, entwarf selbst das Menü und begab

sich in Begleitung Karls nach dem Keller, wo er Musterung hielt und

Befehle erteilte, die sich der Diener mit großer Gewissenhaftigkeit ins

Notizbuch schrieb.

Der Champagner, den Graf Gerold sonst nur in Ausnahmefällen trank,

fehlte jetzt weder mittags noch abends; und zwar bevorzugte man die

allerkräftigsten Marken. Aehnliches galt vom Rheinwein, obschon hier

manchmal ein etwas leichterer Tropfen mit durchschlüpfte, sowie von

den reichhaltig vertretenen französischen Rotweinen.

Vier Tage nach der Rückkehr des Grafen hatte der Kutscher am Bahnhof

zu Hoyersbrück sehr fidelen Besuch abgeholt: die Freiherren von

Steinitz, Vater und Sohn, die allem Anschein nach trefflich in die

Zerstreuungsperiode Gerolds hineinpaßten.

Freiherr von Steinitz der Aeltere war ein pensionierter Major, einige

fünfzig Jahre alt, seit zwölf Jahren Witwer, Lebemann ohne höhere

Interessen, von etwas geräuschvoller Lustigkeit, als Gesellschafter

»unbezahlbar«.

Das Kind: Novelle · 第 2 / 11 段