»Keineswegs! Ich stelle nur fest, daß nichts in Ihrem Leben,

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Engelhorns Allgemeine Romanbibliothek.

Eine Auswahl der besten modernen Romane aller Völker.

Neunter Jahrgang. Band 22.

Das Kind.

Novelle

von

Ernst Eckstein.

[Illustration]

Stuttgart.

Verlag von J. Engelhorn.

1893.

Alle Rechte, namentlich das Uebersetzungsrecht, vorbehalten.

Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart.

Erstes Kapitel.

Graf Authenried trat, zur Abfahrt gerüstet, ins Speisezimmer, wo sich

die übrigen Hausgenossen gerade vom Frühstück erhoben. Er selbst hatte

in großer Hast ein paar Tassen Thee hinunter gestürzt, einen Zwieback

zerbröckelt und Hals über Kopf Toilette gemacht, um noch rechtzeitig

den Personenzug in Hoyersbrück zu erreichen. Der Landauer mit den zwei

Edelrappen stand seit zehn Minuten schon vor der Einfahrt.

»Amüsiert euch gut!« sagte der Graf und stülpte den braunen Filz mit

den Spielhahnfedern über das volle, etwas ungebändigte Haar. »Gegen

halb neun bin ich, so Gott will, zurück! Somsdorff, ich bitte mir

aus, daß Sie nicht gar zu viel musizieren und Litteratur schwatzen,

wenigstens nicht vor den Bücherregalen! Führen Sie meine Frau hübsch

hinaus in den Park; meinetwegen nach Gehlberg oder den Fluß entlang!

Von dem ewigen Sitzen wird sie noch melancholisch. Hörst du, Adele? --

Adieu! Adieu, lieber Somsdorff! Adieu, Kleine! Adieu, Miß Harriet!«

Das alles ward eilig und wie im Bann einer gewissen Zerstreutheit

hervorgestoßen. Die letzten Worte galten der fünfjährigen Tochter des

Hauses und ihrer englischen Gouvernante, die sich jetzt ehrerbietig

verneigte, nachdem die Thüre längst schon hinter dem Grafen ins

Schloß gefallen. Das Kind hatte nur flüchtig genickt und »Gute Reise!«

gemurmelt; es mochte wissen, daß sein Papa kein Freund von Umarmungen

und ähnlichen Sentimentalitäten war, besonders nicht, wenn er sich so

mitten im Strudel seiner »fachmännischen« Interessen befand.

Und diese Interessen nahmen ihn jetzt wieder völlig in Anspruch. Mit

Leib und Seele ritt er sein Steckenpferd, über dem er fast alles

vernachlässigte, was sonst den Menschen wichtig und teuer ist: die

leidige Numismatik.

Gräfin Adele wenigstens hatte der sonst so harmlosen Wissenschaft

dieses Epitheton beigelegt: denn die Münzkunde verschlang bei Gerold

Graf Authenried mehr und mehr den Gatten, den Vater, den Menschen.

Es war eine Monomanie, gegen die sich mit ruhiger Vernunft ebensowenig

ankämpfen ließ, als mit Freundlichkeit oder vollends mit Trotz. Ab

und zu ebbte die Monomanie; dann kamen Tage der Ausspannung, die der

Geselligkeit und dem Sport, vornehmlich der Jagd, gewidmet, oft auch

mit Zechgelagen und sonstigem unerquicklichen Treiben ausgefüllt

wurden. Für die Familie aber hatte Graf Gerold nichts übrig; sobald er

sich mit Adele und seinem Töchterchen auch nur für Stunden allein sah,

ergriff ihn eine seltsame Unrast, ein Drang, diesen Kreis zu erweitern,

Elemente hereinzuziehen, die ihn besser und stärker beschäftigten, als

die sanfte, in seiner Gegenwart etwas schweigsame Frau und das blonde,

plappernde Püppchen. Uebrigens fing auch die kleine Josefa schon an,

ihr lebhaftes Plauderbedürfnis einzudämmen, sobald sich der Vater

zeigte, und ganz zu verstummen, sobald sie ihn unter dem Bann seiner

Numismatik wußte. Die fremde Vokabel war ihrem Ohre geläufig geworden,

noch eh' ihre Lippen sie aussprechen konnten.

Graf Authenried wollte über Hoyersbrück nach Groß-Zeschau, der

benachbarten Kreisstadt, wo vor kurzem der alte Rektor der berühmten

Lateinschule Alma Ruperta, Professor Doktor Justus Spelhagen, Verfasser

eines epochemachenden Werkes »~De aureo Caracallae~«, verstorben war

und eine zwar kleine, aber sehr wertvolle Münzsammlung hinterlassen

hatte, die heute zur öffentlichen Versteigerung gelangte. Der Pfarrer

von Hoyersbrück, der sich gleichfalls für Numismatik interessierte,

hatte den Grafen zuerst auf diese schöne Gelegenheit, sein Münzkabinett

zu vergrößern, aufmerksam gemacht und sich erboten, ihn nach dem

Schauplatze der Auktion zu begleiten, was Authenried mit großer

Lebhaftigkeit acceptierte, schon deshalb, weil er so während der

mehrstündigen Fahrt im Coupé einen Genossen hatte, mit dem er den

Katalog der Sammlung ausführlich besprechen und Ansicht um Ansicht

verständnisvoll austauschen konnte.

Auch Leo von Somsdorff, der jetzt mit Gräfin Adele, der kleinen Komteß

und der englischen Gouvernante im Speisezimmer zurückblieb, war nur auf

dem Wege über die Numismatik in die bevorzugte Stellung aufgerückt,

deren er sich bei Graf Authenried unleugbar erfreute. Somsdorff war

Diplomat und Historiker. Mehrere Jahre lang der deutschen Botschaft in

Sankt-Petersburg attachiert, hatte er dort die geschäftliche Praxis,

vor allem aber das flirrende, von schalster Genußsucht durchsetzte

Treiben der Petersburger Gesellschaft so gründlich kennen gelernt und

mit so großem Erfolg die Rolle des eleganten Eroberers gespielt, daß

ihm dies ganze zwar emotionsreiche, aber innerlich öde Leben plötzlich

zuwider ward. Er nahm seinen Abschied, fest entschlossen, so bald als

möglich zu heiraten und sich dann irgendwo als Privatdozent für neuere

und neueste Geschichte zu habilitieren. Carriere im gewöhnlichen Sinne

des Wortes brauchte er nicht zu machen; im Besitz eines ansehnlichen

Vermögens war er vollständig unabhängig.

Da vertrat ihm das Schicksal in Gestalt der Gräfin Adele unerwartet

den Weg, den er sich vorgezeichnet. Bei einem Diner in der Hauptstadt,

wo sich die Authenrieds während der hohen Saison aufhielten, hatte er

die kaum dreiundzwanzigjährige Frau kennen gelernt, und schon in der

ersten Minute all seine trefflichen Vorsätze über Bord geschleudert.

Das hübsche, hochblonde Mädchen, das ihm die Dame des Hauses nicht

ohne Absicht als Partnerin zugeteilt hatte, fand ihn an diesem Tag

von empörender Monotonie; die andere Seite, ein übermütiges junges

Geschöpf, das allenthalben Triumphe zu feiern gewohnt war, urteilte

noch vernichtender. Selbst der Hausfrau, die doch um zehn oder zwölf

Plätze von Somsdorff entfernt saß, entging es nicht, daß der sprühende

Kavalier, der sonst mit tändelnder Leichtigkeit ein ganzes Kollegium

von Damen zu unterhalten wußte, diesmal völlig verwandelt schien

und erst gegen Schluß der Tafel -- nachdem er sich insgeheim einen

Feldzugsplan zurechtgelegt hatte -- wieder ein wenig auftaute.

Dieser Feldzugsplan paßte weit mehr zu dem Geist und der Tonart seiner

Sankt-Petersburger Vergangenheit, als in den ernst-idyllischen Traum

des deutschen Privatdozenten. Ein dunkles Gefühl, daß sein Rückfall

etwas Beschämendes habe, drückte ihm zwar zu Anfang die Brust; als er

jedoch, während der Kaffee gereicht wurde, neben dem Sessel Adelens

wie zufällig Platz nahm und mit jeder Minute andachtsvoller dem Klang

ihrer Stimme lauschte, die so reich und so klar an sein Ohr schlug, und

dennoch wieder so mild verschleiert, wie ein süßes Geheimnis: da war es

aus mit den letzten Zuckungen seines Gewissens; der Don Juan von einst

lebte mit drohender Allgewalt wieder auf; die Leidenschaft schlug ihm

in rasender Lohe über dem Haupt zusammen.

Natürlich war er ja Menschenkenner genug, um sich zu sagen, daß

diese Frau nicht in eine Kategorie gestellt werden dürfe mit den

halbasiatischen Edeldamen, die sich ihm häufig genug an den Hals

geschleudert, noch eh' er mit einigem Ernste um sie geworben hatte.

Aber die wundersamen Erfahrungen in der russischen Metropole hatten

ihn doch zu gründlich verdorben, als daß er die Möglichkeit eines

Mißerfolges überhaupt erst in Frage gezogen hätte. Dort gab es nur

offene Städte, hier stand er einer wohl verteidigten Festung gegenüber;

er mußte die Taktik ändern: das war der Unterschied.

Je länger sein Zwiegespräch mit Gräfin Adele sich ausdehnte -- man

ließ die beiden geflissentlich ungestört -- desto entschiedener kam

er zur Ueberzeugung, daß hier die äußerste Vorsicht geboten sei. Jede

Leichtfertigkeit des Tons, jede sonst vielleicht zündende Keckheit

schien ausgeschlossen. Trotz der lebhaften Teilnahme, die sie

bekundete, wenn er ihr, fast wider Willen ernst werdend, seine Ideen

über Gesellschaft und Litteratur, über Leben und Kunst, über Menschen

und Dinge entwickelte, trotz der Wärme, die manchmal blitzartig ihren

herrlichen Augen entstrahlte, war doch die Gräfin ganz offenbar von

jener Unnahbarkeit eingehüllt, die sich nicht wehren zu müssen glaubt,

weil der Gedanke des Angriffs ihr vollständig fern liegt.

Somsdorff durchschaute das schließlich; doch die Erkenntnis heilte

nicht seine Leidenschaft. Im Gegenteil: je mehr er die Schwierigkeit

dieser Eroberung einsah, um so glühender sann er auf ihre

Verwirklichung. Die Eitelkeit des verwöhnten Frauenlieblings bäumte

sich auf; die halbe Stunde, die er mit Gräfin Adele verplaudert hatte,

war ausreichend gewesen, um den leidlich vernünftigen Freiersmann in

das klägliche Wirrsal einer längst überwundnen Epoche der Frivolität

und der Haltlosigkeit zurückzuschleudern.

Den Rest des Tages verbrachte er fast ausschließlich in der Nähe des

Grafen Authenried. Mit der Findigkeit des Verliebten hatte er sofort

ausgespürt, wo der Herr Graf am schnellsten zu packen sei, was ohnedies

nicht schwer hielt, da dieser widerspruchsvolle Sonderling, der sonst

so verschlossen war, just in dem einen Punkte das Herz auf der Zunge

trug. Somsdorff besaß schon als Historiker immerhin mehr numismatisches

Wissen, als die meisten Personen, die Gerold mit irgend einem

interessanten oder uninteressanten Problem festzunageln versuchte.

Kurz, beim Abschied in der Garderobe war die »Freundschaft« zwischen

den beiden Männern so gut wie besiegelt, und Somsdorff hatte dem

Grafen versprechen müssen, im Frühjahr nach Schloß Authenried-Poyritz

zu kommen, um die gräfliche Sammlung und die nicht minder merkwürdige

Bibliothek zu bewundern.

Das hatte sich in den letzten Tagen des März ereignet. Anfang April

war die Familie Authenried nach Paris und von da nach Brüssel gereist,

wo der Graf allerlei wissenschaftliche Zwecke verfolgte, während die

Gräfin mit großem Eifer nach einer französischen Gouvernante suchte,

einem Gegenstück zu der vortrefflichen, anspruchslosen und äußerst

zuverlässigen Engländerin Miß Harriet. Die Gräfin hegte nämlich die

Ansicht, es sei für ihre Josefa zweckmäßig, beide Sprachen frühzeitig

nebeneinander zu hören, und ihr Gemahl, obschon er diese Meinung

nicht teilte, ließ ihr in allen Erziehungsfragen vollständig freie

Hand. -- Adele fand nicht, was sie beanspruchte; bei der unendlichen

Zärtlichkeit ihres Mutterherzens legte sie an den Charakter und das

Wesen der Damen, die ihr in Vorschlag gebracht wurden, einen vielleicht

gar zu kritischen Maßstab. Um so befriedigter schien der Herr Graf.

Die Herren vom Institut de France, denen er seine Aufwartung machte,

waren die Liebenswürdigkeit selbst gewesen, sehr im Gegensatze zu einem

berühmten deutschen Professor, der ihn, bei aller äußern Höflichkeit,

nicht hinlänglich ernst genommen, sondern sogar das impertinente Wort

»Dilettant« gebraucht hatte. Auch in Brüssel war ihm das meiste nach

Wunsch gegangen, bis auf die gar zu kostspielige Erwerbung einiger

Prachtstücke, die jetzt allerdings zu den Perlen seiner famosen

Sammlung gehören und dem Somsdorff kolossal imponieren würden.

Kaum auf Schloß Authenried-Poyritz angelangt, schrieb er dem jungen

Historiker, -- und zwei Tage später, am zehnten Mai, langte der

ehemalige Attaché, alle Träume seiner Petersburger Vergangenheit in der

Seele, mit Sack und Pack an.

»Ein paar Wochen müssen Sie bleiben!« hatte der Graf geschrieben,

-- und »Nur zu gern!« dachte der fieberglühende Unhold, als bei dem

Namen »Graf Authenried« die schlanke, volle Gestalt Adelens mit

den tiefschwarzen Augen und dem bezaubernden Lächeln um den süßen,

küßlichen Mund lebenswahr vor ihm auftauchte.

Nun war er fast eine Woche schon hier, hatte die Sammlung des Grafen

Stück für Stück eifrig studiert und glossiert, einen Enthusiasmus

entwickelt, der selbst dem Grafen manchmal zu stark erschien, und sich

mit jedem Tag unauflöslicher in das Netz verstrickt, das die Schönheit

und mehr noch die undefinierbare weibliche Anmut Adelens über sein

thörichtes Herz warf.

Merkwürdigerweise hatte der Graf seinen Gast während der letzten

Zeit wenig in Anspruch genommen. Authenried schien sich in seinem

Mitteilungsdrange erschöpft zu haben. Vielleicht auch fürchtete

er, einen so schätzbaren und verständnisvollen Gesinnungsgenossen

durch Uebertreibung sich abspenstig zu machen. Somsdorff hatte doch

jedenfalls noch andere Interessen, die Pflege und Nahrung verlangten:

er selbst, Graf Authenried, empfand ja zuweilen eine Art Ueberdruß,

der ihn veranlaßte, das Bibliothekzimmer und die Sammlungsräume

grundsätzlich wochenlang zu meiden, sich Ferien zu gönnen, wie er sich

ausdrückte, und diese Ferien in derber Genußfreudigkeit auszunützen.

Mochte der junge Mann daher bummeln, während Graf Authenried jetzt

nach der Kreisstadt fuhr! Mochte er unter den großen Ulmen des Parks

seine türkische Cigarette rauchen, mit Josefa Ball spielen, mit Adele

über Händel und Bach schwatzen und sich ein wenig die Flügel bei ihr

verbrennen!

Graf Authenried mußte in der Betonung der Worte »Adieu, lieber

Somsdorff!« etwas von diesem letzten Gedanken, vielleicht

unwissentlich, ausgedrückt haben; denn Somsdorff fühlte sich, wie er

sie jetzt in sich nachklingen ließ, unbehaglich, nagte ein wenig die

Lippen und warf der Gräfin, die sich just mit Josefa beschäftigte,

einen forschenden Blick zu. Hielt ihn dieser unbegreifliche Mensch mit

der kalt berechnenden Stirn und dem gutmütig scheinenden Lächeln für so

ungefährlich, daß er ihn gleichsam einlud, einen Sturm zu versuchen?

Oder war er seiner Gemahlin so absolut sicher? Wie standen die zwei

überhaupt? Graf Gerold zählte kaum vierzig Jahre; Adele war im April

vierundzwanzig geworden. Bei dem stattlichen, frischen, eigentlich

auch ganz sympathischen Aeußern des Grafen konnte daher von einem

Mißverhältnis in dieser Beziehung durchaus nicht die Rede sein. Im

Verkehr mit Adele war er wohl nicht gerade herzlich, aber doch ebenso

wenig schroff oder unfreundlich. Daß Ehemänner nicht recht zu würdigen

scheinen, welch einen köstlichen Schatz sie in ihrer Gattin besitzen,

das gehörte zu den Alltäglichkeiten. Vielleicht spielte Graf Authenried

die Rolle des Gleichgültigen nur der Welt gegenüber? ...

Leo von Somsdorff beschloß, bei nächster Gelegenheit über diese

gewichtigen Fragen ins klare zu kommen. Adele hatte ihm während der

kurzen Zeit seiner Anwesenheit so viel Vertrauen entgegengebracht, daß

er eine diskrete Andeutung wohl riskieren konnte, um so mehr, als er

bis jetzt ja mit keiner Miene aus der für zweckentsprechend erkannten

Rolle ehrlicher, wunschloser Freundschaft herausgetreten war, ihr

nicht einmal bei der ersten Begrüßung die Hand geküßt oder sie sonst

mit auffälligen Galanterieen umgeben hatte. Vielleicht that es ihr

wohl, nach Jahren des Duldens und Schweigens einmal ihr bekümmertes

Herz auszuschütten. Daß dieses Herz heimlich bekümmert war, obschon

er die Ursache nicht mit Bestimmtheit enträtseln konnte, das ließ er

sich durch alles, was etwa dagegen sprach, nicht wegdemonstrieren. Für

die nötige Stimmung zur Beichte wollte er sorgen. Hatte die Stimmung

ihr Werk gethan, waren die Worte gefallen, die ihn zum Mitwisser

ihrer Geheimnisse machten, dann wurde aus dem selbstlosen Freund

im Handumdrehen der zärtliche Tröster, dem sich die Schluchzende

blindlings zu eigen gab.

»Miß Harriet,« klang jetzt die Stimme Adelens, »drücken Sie auf die

Klingel! Bitte, zweimal!«

In der Thüre erschien das Kammermädchen.

»Frida, den Gartenhut für die Kleine! Miß Harriet, ich überlasse Sie

heut Ihrem Schicksal! Sie werden nicht böse sein, den Vormittag mit

Ihrem Homer zu verbringen! Sie liest nämlich seit einigen Tagen die

Ilias ...«

»In der Ursprache?« fragte Leo von Somsdorff.

»~Oh, no!~« stammelte Harriet errötend. »In deutsch.«

»Sind Sie bereit?« wandte die Gräfin sich freundlich zu ihrem Gast.

»Das Wetter ist herrlich, -- ein Frühlingstag. ... Ich begreife uns

nicht, daß wir nicht gleich den Thee auf der Veranda genommen ...«

»Es waren nur dreizehn Grad,« sagte die Engländerin. »Unsre Josefa

möchte sich doch wohl erkältet haben. Augenblicklich bei fünfzehn ordne

ich an ...«

Gräfin Adele trat in die prächtige Vorhalle, die nach dem Park führte.

Sie warf einen Blick auf das Thermometer.

»Kaum glaublich, wie schnell die Temperatur jetzt steigt!« sprach sie

zu Herrn von Somsdorff. »Der Nachmittag wird sogar heiß werden. Kommen

Sie!«

Ihr Kind bei der Hand fassend, schritt sie die aristokratisch

breiten Marmorstufen der großen Freitreppe hinunter, langsam und

königlich, und dennoch in jeder Linie schwellende, hingebungsvolle

Weichheit, mädchenhaft liebliche Unbewußtheit. Es lag wirklich etwas

Madonnenhaftes in ihrer Art -- nur ohne das Ewig-Ueberirdische, das wir

sonst wohl mit diesem Begriff zu verbinden gewohnt sind. Das lichtblaue

Sergekleid, der große, bändergeschmückte Strohhut, das glatte,

schwer-goldene Armband über dem dänischen Handschuh, der hellrot

gefütterte Atlasschirm, den sie von Zeit zu Zeit hin und her drehte, --

das alles verlieh ihr einen bestrickenden Hauch von weltlicher Eleganz,

von Freude am Schönen, man hätte fast sagen mögen: von lockender,

frauenhafter Gefallsucht.

Leo von Somsdorff war vor Entzücken außer sich. Ach, und wie sie sich

jetzt zu dem plaudernden Kind neigte und ihm Antwort gab, während

die sammetschwarzen, oft so nachdenklich melancholischen Augen vor

Mutterglück leuchteten! Wie schön sie war und wie gut, wie hold und

begehrenswert!

Fünf Minuten lang ging er so neben ihr her, keines Wortes mächtig. Man

schritt an dem großen Teiche vorüber, in dessen Mitte ein armsdicker

Strahl haushoch emporsprang. Der Morgenwind trieb einen leisen

Sprühregen über die Wasserfläche; die Maisonne warf in die stiebenden

Tropfen ihr Licht; ein Regenbogen malte sich traumhaft gegen das Grün

der Platanen. Josefa jubelte. Sie zeigte nicht übel Lust, sich von

der schützenden Hand der Mama zu lösen und näher zur Balustrade zu

treten. Die Gräfin jedoch hielt sie fest, warnte sie vor der Nixe, die

allzudreiste Kinder hinabziehe, erinnerte sie an die Geschichte vom

Sturmvogel, die Miß Harriet jüngst mit so grausiger Anschaulichkeit

erzählt hatte, und erhielt das Versprechen, die Kleine werde sich nie

an die Brüstung heranwagen.

Leo von Somsdorff hörte das schweigend mit an, hatte auch keinen Blick

für das Blütenmeer, das sich jetzt von beiden Seiten aufthat, für die

Pracht der Syringen, die Knospenfülle des Rotdorns, die duftige Anmut

der kaum erschlossenen Akazien, sondern lauschte nur immerzu dem Klang

dieser wonnigen Frauenstimme, bis ihm die Gräfin, als man das Parkthor

erreicht hatte, durch einen scherzhaften Vorwurf seine Wortkargheit zum

Bewußtsein brachte.

»Verzeihen Sie,« bat er; »ich hörte eifrig mit zu. Was ist das für eine

Geschichte vom Sturmvogel?«

»Eine sehr ernsthafte,« sagte die Gräfin mit einem Seitenblick auf

Josefa. »Nicht wahr, Kleinchen? Erzähl' sie doch mal!«

»Ach, jetzt ...!« schmollte das Kind mit einem flehenden

Augenaufschlag. »Ich möchte jetzt Blumen pflücken ...«

»Nun, wie du willst! Aber such' nur die schönsten, und rauf' mir nicht

gleich so die halbe Wiese hinweg! Nein, weiter links! An dem Bach dort

holst du dir nasse Füße!«

Josefa sprang eilends davon.

»Es ist nichts mit dem Sturmvogel,« sagte die Gräfin, als nun das Kind

außer Hörweite war. »Eine Historie zum Abschrecken, so gut und so

schlecht, als hundert andre. Ich glaube, Miß Harriet, die treue Seele,

hat sich das Märchen aus eigner Kraft konstruiert, denn es paßt wie

angegossen auf unsre lokalen Verhältnisse, -- hier auf den Teich mit

den steinernen Balustraden, dort auf den Fluß. Merkwürdig, daß Josefa

so viel Sympathie fürs Wasser zeigt.«

»Vielleicht nur deshalb, weil man sie gar zu fern davon hält. Ich sah

auf dem Teiche, der doch groß genug dazu wäre, keinerlei Fahrzeug.

Weshalb läßt man die Kleine nicht gondeln?«

»Um Gottes willen!«

»Frau Gräfin scheinen über Gebühr ängstlich. Was soll passieren, wenn

der Bediente rudert, und Sie selbst oder die Gouvernante das Kind neben

sich halten?«

»Die Gouvernante schon gar nicht!«

»Mißtrauen Sie ihr?«

»Gewiß nicht. Aber der Zufall, das Schicksal kann wollen ... mir

schaudert, wenn ich nur daran denke!«

»Sie lieben das Kind sehr?« fragte Somsdorff nach einer Pause.

»Bin ich nicht seine Mutter?«

»Ich habe mich unrichtig ausgedrückt. Ich meine: Ihr Verhältnis zu

Ihrem Töchterchen ist ein außergewöhnlich inniges?«

»Das Kind ist mein Alles!« fuhr Adele heraus. »Warum fragen Sie mich?«

»Ich frage, weil ... weil es mich lebhaft interessiert. Sie müssen

gemerkt haben, daß ich ... an Ihrer Familie den regsten Anteil nehme.

Insbesondere fühl' ich für Sie, Frau Gräfin, eine ... wie soll ich mich

ausdrücken? ... eine heißbewundernde Sympathie, eine Freundschaft ...«

»Die Freundschaft nehme ich dankend an,« versetzte sie ruhig. »Seien

wir offen und klar, Herr von Somsdorff. Ich halte Sie für zu ehrlich

und zu gescheit, als daß ich Ihnen die Ungereimtheit zutrauen sollte,

mir von Freundschaft zu reden, während Sie thatsächlich nur von der

Absicht beseelt wären, sogenannte psychologische Studien zu machen,

Ihre Erfahrungen zu bereichern oder sich gar über die Gläubigkeit eines

schutzlosen Frauengemüts lustig zu machen. Soll ich in dieser Meinung

nicht wankend werden, so lassen Sie ein für allemal Artigkeiten, die

einer Mißdeutung fähig wären. Auf heißbewundernde Sympathie mach' ich

durchaus keinen Anspruch!«

»Verzeihung, Frau Gräfin!« stammelte Somsdorff, mehr noch durch den

Ausdruck ihrer ernststrafenden Züge verwirrt, als durch die Worte

selbst, die sie mit großer Eintönigkeit vorgebracht hatte. »Nichts lag

mir ferner, als Sie verletzen zu wollen. Auch die Freundschaft hat ihre

Stunden der Ueberschwenglichkeit ...«

»Für Ueberschwenglichkeiten bin ich zu alt.«

Er mußte lachen.

»Wirklich?« fragte er in dem Tone des Mannes, der einer harmlosen

Koketterie auf der Spur ist.

»Ja, wirklich! Das Alter hängt nicht lediglich von den Jahren ab.«

»Sondern? ...«

»Sondern von dem, was man erlebt.«

»Aber Sie haben mir vorgestern Ihre ganze Biographie erzählt ...«

»Habe ich das? Vielleicht war's eine Thorheit ... Was soll's damit?«

»Diese Biographie -- ich bitte sehr um Entschuldigung, wenn mein

Freimut Sie wieder verletzen sollte -- diese Biographie enthielt, offen

gestanden, so gar nichts Abnormes ...«

»Finden Sie?«

»Ja, Frau Gräfin! Selbst der launige Streich, den Sie im Reißnerschen

Pensionat Ihrem Präzeptor spielten, kann doch unmöglich die innre

Entwicklung Ihres Gemüts so beschleunigt haben ... Dann kamen die

musikalischen Schwärmereien, das Autographensammeln, die Begeisterung

für litterarische Tagesgrößen, die ersten Bälle -- und schließlich

die Huldigungen, die der Herr Graf Ihnen erwies. Die Herzen fanden

sich, Graf Authenried warb um Sie, Ihr Papa fühlte sich ein wenig

geschmeichelt -- selbst der reichste, unabhängigste Kaufherr, wenn er

bürgerlich ist, hat diese begreifliche Schwäche -- Sie aber dachten nur

an die edle, charaktervolle Persönlichkeit ...«

»Herr von Somsdorff, Sie persiflieren mich!«

»Keineswegs! Ich stelle nur fest, daß nichts in Ihrem Leben, so weit

Sie es mir enthüllt haben, zu der Meinung berechtigt ...«

Ein plötzlicher Aufschrei der kleinen Josefa unterbrach ihn mitten im

Satze. Das Kind war, Blumen suchend und Schmetterlinge verfolgend,

eine Strecke vorangeeilt und stand jetzt, das Köpfchen mit dem

breitkrämpigen Strohhut nach vorn gebeugt, die Händchen, deren linkes

den Strauß hielt, weit von sich abgestreckt, starr in der Furche des

Waldwegs. Nur wenige Schritte noch vor der Kleinen entfernt stutzte da

ein gewaltiger Hirsch, -- augenscheinlich eines der zahmen Fahrtiere,

die Serenissimus, dessen Gehege ganz in der Nähe lag, ab und zu vor

den kleinen Rokoko-Wagen spannte; denn trotz der schon vorgerückten

Jahreszeit prangte der Hirsch im vollen Schmuck seines Geweihes.

Die fürstlichen Hirsch-Wallache, vier an der Zahl, galten sonst für

durchaus ungefährlich. Dieser Flüchtling jedoch, der, Gott weiß von

welchem Einfall getrieben, die Umzäunung durchbrochen hatte, befand

sich offenbar im Zustand einer bedrohlichen Aufregung. Er blähte

die Nüstern und senkte das Haupt mit der furchtbaren Angriffswaffe

schnaubend zum Vorstoß.

Gräfin Adele taumelte. Fünf Sekunden noch, und das Kind war verloren.

In diesem flüchtigen Zeitraum lebte sie das Entsetzliche, zu einer

Ewigkeit ausgesponnen, Scene für Scene durch: von dem Augenblick, da

sich das tollgewordene Tier mordend über den wehrlosen Engel herwarf,

bis zu dem letzten Abschied an der gähnenden, sonnenlichtüberfluteten

Gruft. Trotzdem war die Verzweifelte nicht im stande, einen Finger zu

rühren. Die zuckende Schulter an den Stamm einer Buche gelehnt, stierte

sie mit der hilflosen Ohnmacht des Vogels, dem sich die Schlange

nähert, unter den Wimpern hervor, lautlos, kaum eines Seufzers fähig.

Leo von Somsdorff jedoch, bei aller Erregbarkeit seines Temperamentes

ein Mann, dem die Gefahr nie die Besonnenheit raubte, stürzte

alsbald vor. Er selbst wußte nicht, was ihn trieb. Vielleicht nur

der selbstlose, instinktive Drang, der uns alle beseelt, wo es die

Rettung eines bedrohten Lebens gilt; vielleicht auch der Wunsch,

Adelen durch die That zu beweisen, daß ihm für sie kein Opfer zu groß

sei; vielleicht sogar das weltlich schnöde Bedürfnis, da heroisch und

mannhaft zu scheinen, wo er bis jetzt nur in zaghafter Scheu gegirrt

und geschmeichelt hatte. Jedenfalls sprang er mit verblüffender Energie

auf das Tier los und versetzte ihm, just wie es vordrang, mit dem

knorrigen Griffe des Jagdstocks einen furchtbaren Hieb quer über die

Augen.

Die Folge war, daß der Hirsch zwar das Kind verfehlte, aber nun dem

verwegenen Angreifer, der nicht rasch genug ausweichen konnte, das

scharfe Geweih tief in den Arm und die Hüfte stieß. Gleich danach

krachte ein Schuß. Mitten aufs Blatt getroffen, brach das wütende

Untier zusammen, im Sturz noch die blutüberströmten Wunden Somsdorffs

grausam vergrößernd. Die Forstleute erst, die aus dem Gehölz traten,

befreiten den halb schon Bewußtlosen von der zerfleischenden Last, die

schwer über ihm lag.

Gräfin Adele hatte ihr Kind mit einem wildleidenschaftlichen Jauchzen

an sich gedrückt. Nun stand sie, bleich vor Entsetzen, neben dem

Retter, dem die beiden fürstlichen Waldhüter den Notverband anlegten.

Holzarbeiter, die in der Nähe beschäftigt waren, kamen hinzu. Die

Leiter eines noch unbeladenen Wagens wurde mit Hilfe einiger Säcke und

rasch aus der Erde gestochener Moosballen zur Tragbahre umgewandelt.

»Herr von Somsdorff, wie fühlen Sie sich?« raunte Adele, als sich der

traurige Zug in Bewegung gesetzt hatte.

Er sah matt lächelnd zu ihr empor, ohne etwas zu erwidern.

»O Gott, o Gott!« schluchzte die Gräfin. »Wie soll ich Ihnen das jemals

vergelten? Josefa, küsse dem guten, herrlichen Mann da die Hand! Bete

für ihn! Er ist dein Schutzgeist gewesen. Er hat sich für dich und

deine Mama geopfert!«

»Wenn Euer Gnaden die Freundlichkeit hätten, jede Aufregung zu

vermeiden,« sagte der ältere von den Waldhütern, der nämliche, der den

erlösenden Schuß gethan. »Ich meine nur so: das thut nicht gut bei dem

Blutverlust ...«

»Ich danke Ihnen! Gewiß, wir sprechen kein Wort mehr! Komm, Josefa!

Halte dich still! So! Herr von Somsdorff muß Ruhe haben.«

Und lautlos schritten die vier Männer mit ihrer seufzenden Last

durch den Park, an dem nämlichen Teich und der nämlichen Balustrade

vorüber, wo noch vor kurzem die Gräfin so harmlos mit ihrem Kinde

geplaudert hatte, die Treppe hinauf nach dem großen Verandasalon,

während der Kutscher, den man bereits durch den Gärtner benachrichtigt

hatte, den leichten Phaethon, Gräfin Adelens Lieblingswagen, mit zwei

Vollblutfüchsen bespannte, um drüben in Hoyersbrück den Landarzt zu

holen.

Zweites Kapitel.

Doktor Michalsky, ein stattlicher Mann in den Vierzigern, trat aus dem

Krankenzimmer und begab sich schräg über den Korridor in das kleine

Gemach, wo Gräfin Adele, ihr Kind fest an sich gepreßt, voll bangender

Ungeduld auf ihn wartete.

»Ich denke, er wird's überstehen,« sagte er ruhig, während er

neben der Gräfin Platz nahm. »Die Wunden sind schwer, aber nicht

lebensgefährlich. Der Hüftknochen ist scharf gestreift, die Knochenhaut

etwa zollbreit zerstört. Von Bruch oder Splitterung hab' ich nichts

wahrgenommen. Auch die Verletzung des Oberarms beschränkt sich auf eine

tüchtige Fleischwunde, während der Unterarm nur gequetscht ist. Wenn

nicht Komplikationen eintreten, hoff' ich in drei oder vier Wochen ...«

»Komplikationen?« fiel ihm Adele ins Wort. »Wie meinen Sie das? Welcher

Art könnten die sein?«

»Ja, mein Gott, bei solchen Verwundungen ist gar mancherlei denkbar.

Da kann Rose hinzutreten, Pyämie, Verjauchung, selbst Starrkrampf. Die

Hauptsache ist eine sorgsame Ueberwachung der Pflege, und ängstliche

Desinfektion. Was in letzterer Beziehung vorläufig geschehen konnte,

hab' ich gethan. Heute abend um neun Uhr komm' ich wieder. Frau Gräfin

haben wohl die Geneigtheit, mich holen zu lassen; der Weg ist weit,

und mein ehrlicher Schimmel braucht noch einmal so lang, als Ihre

Prachtfüchse.«

»Selbstverständlich!« sagte die Gräfin erregt. »Punkt acht Uhr hält

der Wagen vor Ihrem Hause. Uebrigens fällt mir da ein: sieben Uhr

fünfzig kommt ja der Zug von Zeschau, mit dem mein Mann zurückkehrt.

Ich schicke den Landauer an die Bahn und bitte den Grafen, Sie

mitzubringen. Sie setzen ihm dann wohl gleich auseinander, was sich

ereignet hat. So ersparen Sie mir die Notwendigkeit, all diese

Einzelheiten noch einmal durchzusprechen. Ich schaudere, wenn ich nur

daran denke.«

»Das begreift sich,« versetzte der Arzt. »Frau Gräfin sehen wirklich

erschöpft aus. Essen Sie was -- eine Kleinigkeit -- und trinken Sie ein

Glas Portwein! Man muß sich zwingen, Frau Gräfin! Na, und die kleine

Komteß? Wie geht's denn, Püppchen? Gib mal die Hand! Wir scheinen uns,

Gott sei Dank, rascher zu fassen, als die Mama. Das glückliche Vorrecht

der Kindheit!«

Er nahm seinen Hut vom Teppich.

»Also, es bleibt dabei,« sagte er aufstehend, »Ihr Herr Gemahl holt

mich ab. Morgen bin ich ohnedies in der Nähe; dann sehen wir weiter.

Apropos: wünschen Sie eine Pflegerin?«

»Für die Besorgung der Wunden?«

»Nein. Die Verbände rührt niemand an, als ich selbst. Aber fürs übrige.

Es ist sehr wahrscheinlich, daß sich in der Nacht Fieber einstellt.

Ich glaube, Herr von Somsdorff wird ein ungeduldiger, schwer zu

behandelnder Patient sein. Jedenfalls muß bis auf weiteres bei ihm

gewacht werden ...«

»O, dann ist die Pflegerin überflüssig,« sagte die Gräfin mit

herzentquellender Wärme. »Es versteht sich von selbst, daß ich dies Amt

übernehme ...«

»Wenn Sie glauben, daß Ihre Kraft ausreicht ...«

»Sie wird und sie muß ausreichen! Bitte, sagen Sie nur, was alles zu

thun ist! So kann ich doch einen Teil meiner Schuld an den Retter

meines geliebten Kindes abtragen!«

»Ich habe den Diener, der ja ein ganz verständiger Mensch ist,

gut instruiert, -- zum Ueberfluß ihm auch die wichtigsten Punkte

aufgeschrieben ...«

»Ich danke Ihnen. Karl ist in der That ein sehr anstelliger Kopf, der

mich im Notfall schon ablösen wird. Und Frida, mein Kammermädchen! Sie

sehen, wir haben hier Personal genug ...«

»Und Miß Harriet!« rief die kleine Josefa.

Die Gräfin lächelte.

»Auf die zählen wir nicht!«

»Vielleicht mit Unrecht,« meinte der Arzt.

»Nein, nein! Ich kenne sie besser. Nicht, daß meine vortreffliche

Harriet kein Mitgefühl hätte. Aber der Takt, der unerbittliche Takt ...

Sie verstehen mich!«

Doktor Michalsky zog die mächtige Stirn hoch und zuckte die Schultern.

»Dagegen ist nichts zu wollen,« sagte er spöttisch. »Gnädige Gräfin,

ich habe die Ehre! Adieu, Komteßchen! Ja keinen Lärm machen! Ich

glaube, er schläft!«

Der blinkende Hochradwagen mit den zwei goldroten Prachtrennern führte

den Arzt pfeilschnell dahin, während Adele, das Töchterchen zärtlich

umfangend, noch immer wie halb gelähmt in den Polstern des Sessels

lag, wo sie den kurzen Bericht Michalskys entgegengenommen hatte. So

verharrte sie wohl eine Stunde lang. In der That, Leo von Somsdorff

schlief; Karl, der Diener, saß bei ihm und hatte noch immer nicht auf

die Klingel gedrückt, zum größten Verdruß der Zofe, die nach Verwindung

des ersten Schrecks geradezu darauf brannte, sich an der Lagerstatt des

Verwundeten nützlich zu machen.

Als Leo sich regte, begab sich Adele, von Frida begleitet, ins

Krankenzimmer, während Miß Harriet die kleine Josefa nach der Veranda

führte. Das heiße Dankgefühl ihres Herzens nicht mehr in Worte

kleidend, fragte die Gräfin mit ruhiger Milde, ob der Patient einen

Wunsch habe.

Leo verneinte. Er hatte die Augen nur halb geöffnet. Die Lippen

bewegten sich kaum; er bot den Anblick traurigster Hinfälligkeit.

Gleich danach verlangte er Wasser.

Der Diener füllte aus der jetzt eben hereingebrachten taubeschlagnen

Flasche ein Glas, mischte ein Viertel Fruchtsaft darunter und überließ

es der Gräfin, den Dürstenden zu erquicken. Mit der einfachen

Sicherheit einer barmherzigen Schwester hob sie dem Todmüden das Haupt

und hielt ihm den Trank an die Lippen, den er begierig hinabsog. Dann

strich sie ihm sorglich die Kissen zurecht, ohne ihn zu erschüttern,

sanft und gewandt, als hätte sie jahrelang diese Obliegenheiten geübt,

gab der Zofe die Weisung, im Nebenzimmer ein Fenster zu öffnen, so

daß die warme, erquickende Mailuft in köstlichen Wellen durch die

portierenverhangene Thür strömte, und ließ sich dann von dem Diener das

Blatt mit den Notizen des Arztes zeigen.

»Sie können jetzt gehen, Karl,« sagte sie endlich. »Sehen Sie zu, daß

Sie ein paar Stunden vorweg schlafen. Diese Nacht müssen Sie Wache

halten. In der folgenden lös' ich Sie ab, ich und Frida. Für heute

abend bestellen Sie ein Gedeck mehr. Sie wissen, um neun kommt der

Arzt. Miß Harriet lasse ich bitten, weitab in den Garten zu gehen, und

dann später ins kleine Eckzimmer; die Veranda muß frei bleiben, man

hört hier sonst jedes Wort! Ueberhaupt: allen im Hause empfehlen Sie

Ruhe an, peinlichste Ruhe! Der Koch soll die Fenster schließen, der

Gärtner den Springbrunnen abstellen ...«

Der Diener verneigte sich.

»Gnädige Gräfin sprechen zu keinem Unverständigen. Als ich noch in

Stroßhaida bei den Dragonern stand, lag der Herr Rittmeister, mein

vortrefflicher Herr, volle sechs Wochen in Lebensgefahr -- ein Schuß

in die Lunge -- und ich allein hab' ihn gepflegt mit dem gnädigen

Fräulein, der Schwester nämlich, was aber nur so ganz nebenher war;

denn sehr lange hielt sie's nicht aus, und bekam schließlich Migräne

und Rückenschmerz. Ich kenn' die Geschichte, und wie's da förmlich an

einem Haar hängt. Will's den Leuten schon eintrichtern, besonders dem

Koch, der wirklich thut, als wär' er mit seinen Kasserollen und Löffeln

allein im Haus.«

»Ich verlass' mich auf Sie.«

»Aber was ich bemerken wollte: die gnädige Gräfin müssen doch auch

gewissermaßen an Ihre eigene werte Person denken. Wie Frida sagt,

haben Frau Gräfin noch nicht gespeist. Es ist ja wahr, bei solchen

Entsetzlichkeiten vergißt man Gott und die Welt, geschweige denn das

Diner. Der Koch ist natürlich wütend, der jungen Erbsen wegen, auf die

er so protzt, und weil er die Zunge selbst eingepökelt hat; von seinen

Hähnchen gar nicht zu reden. Mir kann's ja gleich sein, denn ich stehe

nicht sehr mit dem François. Aber wenn die Frau Gräfin befehlen, könnt'

ich denn doch eine Kleinigkeit ...«

Adele sah nach der Uhr.

»Wahrhaftig, schon beinahe vier! Ich ahnte das nicht. Sie haben recht,

Karl! Miß Harriet soll mit der Kleinen zu Tisch gehen. Mir bringen Sie

eine Tasse Bouillon. Nichts weiter! Höchstens dann später vielleicht

den Kaffee.«

»Und Frida?« murmelte Karl mit einem fürsorglichen Blick auf das

Kammermädchen.

»Frida kann ja gleich mit Ihnen gehen. Sobald sie gegessen hat, kommt

sie zurück.«

Die beiden entfernten sich. Adele trat leise an die Portiere und sah

nach der Bettstatt, wo Leo, die Augen geschlossen, wieder entschlummert

schien. Sie seufzte tief, schlich dann bedächtig zum Fenster und sah

eine Weile hinaus nach dem Teich, wo noch der armsdicke Wasserstrahl

rauschend gen Himmel stieg, bis er dann plötzlich in sich zusammenbrach

und verstummte. Die ganze lichtüberströmte Natur da draußen schien

dies Verstummen mit zu empfinden. Alles veränderte sich, alles

verlor gleichsam die Seele. So mußte es sein, wenn ein teures,

leidenschaftlich geliebtes Leben, dessen beglückende Gegenwart man bis

dahin als selbstverständlich betrachtet, dessen Verlust man nie für

möglich gehalten hat, plötzlich erlosch.

Adele zitterte. Ach, um ein Haar wäre das unermeßliche Weh, das sich

ihr jetzt hier nur symbolisch darstellte, ja in Wahrheit ihr Schicksal

gewesen! Die kleine, süße, blonde Josefa! Ihr Ein und Alles! Der

Angelpunkt ihres Daseins!

Noch nie hatte die Gräfin mit so erschöpfender Klarheit gefühlt, was

sie in diesem Kinde besaß.

Die Stirn wider den Fensterrahmen gepreßt, überließ sie sich einer

verzweifelten Selbstschau.

Mit dem üblichen Maßstabe einer weiblichen Existenz gemessen, war ihr

Dasein von Grund aus verfehlt.

Die Ehe mit Gerold von Authenried glich einer Wüstenei. Das

siebzehnjährige Mädchen, von den Verwandten gedrängt, selbst ein wenig

bestochen durch allerlei Aeußerlichkeiten und fest überzeugt, daß

Gerold sie anbete, hatte sich übereilt.

Zu spät mußte sie die Entdeckung machen, daß die liebenswürdige Art,

mit der Graf Authenried sich ihr angepaßt, ihre kleinen Phantastereien

genährt, ihren harmlosen Eitelkeiten geschmeichelt hatte, ebenso Maske

war, wie der Ausdruck von Bonhomie, der alle Menschen so lange über

den wahren Kern dieses Charakters täuschte, bis ein entscheidender

Augenblick die sympathische Hülle hinwegschob.

Gerold war überhaupt der Liebe nicht fähig. Kalte Berechnung,

herzloser, grausamer Egoismus, starre Gemütlosigkeit -- das waren

die Grundzüge seines Wesens. Der überschwengliche Bräutigam hatte

sich nach der Hochzeit fast ohne Uebergang in den frostigen Mann

verwandelt, der sich selber genug ist, der keines mitfühlenden Herzens

bedarf, um des Lebens froh zu werden. Durch gehäufte Beobachtung

war Adele zu dem gräßlichen Resultat gelangt, daß sie das Opfer

einer elenden Spekulation geworden. Der Graf war, zum Teil wohl

infolge der übermäßigen Summen, die er blindlings für seine Sammlung

vergeudete, seit Jahren verschuldet: die glänzende Mitgift der reichen

Patrizierstochter, die überdies als Universalerbin einer entfernten

Verwandten viele Millionen eignen Vermögens besaß, zog ihn mit einem

Schlag und für immer aus der Verlegenheit. Und gerade der Wahn, daß der

Graf, der ganz allgemein für einen der reichsten Aristokraten galt, nur

sie selber begehre und nicht ihre äußeren Glücksgüter, hatte bei dem

hundertfältig umworbenen Mädchen den Ausschlag gegeben! Er schien so

gut, so ehrlich, so vollständig frei von verletzenden Nebengedanken!

Im übrigen war ja an der Behandlung, die der Graf seiner jungen Frau

angedeihen ließ, nichts Ernstliches auszusetzen. Er verstieß nie gegen

die Form, wenn sein Gebaren auch reichlich den Eindruck machte, als sei

die Höflichkeit, ja der mitunter scherzhafte Ton, den er anschlug, nur

die Wirkung einer in Fleisch und Blut übergegangenen guten Erziehung,

etwas rein Mechanisches ohne Sinn und Gefühl. Niemand im ganzen Schloß

ahnte denn auch, wie schmerzlich Adele unter dem Druck dieser inneren

Beziehungslosigkeit litt, wie schwer sie mit ihrer eigenen Mißstimmung

kämpfte, wie oft sie einen gewaltsamen Anlauf nahm, sich der Lüge zu

zeihen, ihren Gemahl vor der Anklage, die doch so zweifellos war, zu

entschuldigen und durch Güte und Freundlichkeit das zu erobern, was ihr

mit jedem Jahr mehr zu entschwinden drohte: die menschliche Teilnahme

Gerolds an ihrem Geschick und an dem ihres Kindes. Alles umsonst. Ihre

Sanftmut, ihr stummes, geduldiges Werben glitt an ihm ab, wie das

Wasser am Pelze des Eisbären. Er merkte wohl gar nicht, wie sich die

Trauernde mühte; vielleicht auch ward ihr Bestreben wirkungslos durch

die geheime Verachtung, die immer und immer wieder in ihrem Herzen

emporquoll und manches Wort minder versöhnlich färbte, als sie es

wünschen mochte.

Den Blick auf die Fläche des Teiches geheftet, der jetzt glatt wie ein

Spiegel die ganze Vegetation und den tiefblauen Himmel zurückwarf,

forschte Adele gramerfüllt in dem Buch dieser zahlreichen mißglückten

Versuche, die sie ja freilich seit vielen Jahren schon eingestellt

hatte. Längst war sie an die Unabwendbarkeit ihres Schicksals gewöhnt.

Ja, es schien, als hätte sie sich halbwege damit zurechtgefunden. Ihr

Kind, ihr süßes, angebetetes Kind ersetzte ihr, was ihr das Leben sonst

an Herzensfreude und Glück versagt hatte. Josefa war ihr Gedanke bei

Tag und bei Nacht. Dies liebe Geschöpf gegen alle Rauheiten des Daseins

zu schirmen, seine Erziehung ängstlich zu überwachen, sein Herz mit

allen Banden der Zärtlichkeit an sich zu fesseln: das galt ihr für den

alleinigen Zweck ihres Lebens. Ernster und strenger, als dies sonst

wohl zu ihrer Jugend gepaßt hätte, arbeitete Gräfin Adele an ihrem

eignen Charakter, stets im Hinblick auf dieses geheiligte Ziel. Sie

wußte, daß der unmittelbare Eindruck des Beispiels kräftiger wirkt,

als die Schattenhaftigkeit noch so häufig gepredigter Lehren; sie

ahnte etwas von dem machtvollen Nachahmungstriebe der Kindheit auch im

Gebiete des Fühlens und Anschauens.

Und jetzt, wie sie so dastand im Bewußtsein der kaum überwundnen

Gefahr, wiederholte sie sich das Gelübde, ihrem Kind eine Mutter zu

sein, deren geheimste Gedanken in die schuldlose Seele des Lieblings

einströmen dürften, ohne sie zu entweihen. Kein Groll gegen das

Schicksal, keine Mißstimmung gegen den Mann, der sie so wenig begriff,

sollte in ihrer Brust mehr Raum finden. War sie nicht glücklich trotz

alledem? Füllte das Kind sie nicht vollständig aus? Und mußte nicht der

Gedanke, daß sie in Demut und Schweigsamkeit ihre Pflicht that, die

heitere Klarheit, die sie Josefas halber so manchmal erkünstelt hatte,

allgemach in Natur verwandeln? Ja, es gab einen Frieden, der höher und

herrlicher war denn alle Vernunft, eine Gleichmäßigkeit des Empfindens,

dem selbst die Bitternis langer, trüber Erfahrungen nichts mehr anhaben

konnte.

Sie schloß die Hände wie zum Gebet. Tiefträumerisch regten sich ihre

Lippen. So völlig war sie versunken, daß sie jählings zusammenschrak,

als der Verwundete jetzt leise zu stöhnen begann. Eilig huschte sie

über die Schwelle und beugte sich vor, um zu lauschen. Somsdorff

beruhigte sich wieder. Er schlief noch. Aber sein Antlitz, das bis

vor kurzem noch bleich und blutlos gewesen war, hatte sich merklich

gerötet. Ein Zucken ging um die Augen; die Hand des unbeschädigten

Armes, der auf der Decke lag, glitt von Zeit zu Zeit knisternd über die

schwarzblaue Halbseide.

»Das Wundfieber ist im Anzug!« seufzte Adele. »Gott schütze ihn!«

Sie kam sich vor wie eine Frevlerin, daß sie im Ueberschwang ihrer

Mutterliebe auch nur minutenlang mehr an sich selbst und Josefa, als

an den Mann gedacht, der sich so hochherzig für die Kleine geopfert

hatte. Im Geist bat sie ihn fußfällig um Verzeihung. Wie gern hätte sie

diese Hand, die den rettenden Schlag geführt, voll Inbrunst geküßt,

wie man die Hand eines Beichtvaters küßt, wenn er dem Beichtkind die

Last einer quälenden Schuld von der Seele genommen! Aber da stieg eine

Erinnerung vor ihr auf, die sich während der letzten Stunden gleichsam

versteckt hatte: das Bewußtsein, daß er von Sympathieen geredet,

deren Lebhaftigkeit sie in dieser Form nicht zu dulden gewillt war.

Das vertrat ihrem Eifer sofort den Weg. Und sie durfte ja auch seinen

Schlaf nicht stören, diese unheimlich dumpfe Rast, die ihr manchmal

nur wie die Regungslosigkeit eines tödlich Erschöpften vorkam. Jetzt

besonders war ihr zu Sinne, als ob der Verwundete sehe und höre, aber

zu schlaff sei, um seine Wimpern zu heben.

Ein lautes Aechzen riß sie aus dieser Betrachtung. Somsdorff hatte

den Kopf ein wenig zurückgeworfen; die Züge des sonst so regelmäßig

geschnittenen Angesichts waren schmerzlich verzerrt. Dann fiel der Kopf

wieder nach vorn. Der Atem des Kranken ging schwer und beklommen.

Adele flößte ihm, mit einer Bewegung der Abwehr gegen die

Hilfsbereitschaft der Zofe, ein paar kühlende Tropfen ein.

»Danke!« hauchte er fast unhörbar. Ein müder Blick streifte sie, fahl

und bleich wie der letzte Schimmer eines verlöschenden Herbsttages.

Dann schloß er die Lider, seufzte und ließ die Stimmung, die ihn

beseelen mochte, in einem fast unmerklichen Beben der Mundwinkel

ausklingen. Dies herzzerreißende Lächeln rührte die junge Frau fast zu

Thränen.

Adele genoß an diesem traurigen Nachmittage kaum einen Bissen. Das

Kammermädchen, das nach Verlauf einer Stunde heraufkam, setzte sich

mit ihrer Näharbeit in das Krankenzimmer, während die Gräfin im

Seitengemach unruhig das Sinken der Sonne und das Wachsen der Schatten

über dem Teich verfolgte, ab und zu von dem elfenbeingeschnitzten

Regal ein Buch herabnahm, ein paar Zeilen durchflog, ohne zu ahnen,

was sie gelesen hatte, und dann wieder auf den Standplatz am Fenster

zurückkehrte. Sie meinte, dies Harren und Warten mit dem Blick auf

den Park daure nun schon seit Wochen: so oft hatte sie die nämlichen

Gegenstände mit rein mechanischer Aufmerksamkeit durchmustert, sich

voll Ueberdruß abgewandt und dann von neuem begonnen.

Endlich brach so die Dämmerung herein. Josefa kam scheu an die Thür, um

ihrer Mama gute Nacht zu sagen.

Adele küßte sie leidenschaftlich.

»Ehe du einschläfst, bete für unsern Freund!« raunte sie ihr ins Ohr.

»Bitte den lieben Gott, daß er ihn bald gesund macht!«

Das Kind nickte.

»Miß Harriet will auch beten,« sprach es nach einer Weile und schmiegte

sich zärtlich an seine Mutter.

Man klopfte. Karl trug die Lampe herein und setzte sie auf den

Ebenholztisch neben dem Diwan. So fiel nur ein handbreiter

Lichtstreifen durch die Portiere, der für die längst feiernde Frida

ausreichte, den Verwundeten zu beobachten.

Nun rollte der Wagen vor. Adele erhob sich, um ihrem Gemahl und dem

Landarzt entgegenzugehen.

»Schöne Geschichten!« sagte der Graf, noch eh' er den Gruß Adeles

erwidert hatte. »Das ist ja mehr als infam! Ich werde beim Fürsten

Verwahrung einlegen! Solch eine Lotterwirtschaft! Aber ein ganzer Kerl

ist der Somsdorff, das muß ihm der Neid lassen. Gehn Sie nur, Doktor!

Hoffentlich macht sich die Sache! Es wäre doch zu fatal, wenn er bis

Ende Mai nicht wieder flott wäre. Sie wissen, unser Kongreß in Bonn ...«

»Daran wird leider wohl nicht zu denken sein,« brummte Michalsky.

»Verwünscht! So muß ich allein fahren! Und Somsdorff -- nein, es ist

wirklich wie ausgesucht!«

Der Arzt stieg die Treppe hinauf, während die Gräfin ihren Gemahl in

den kleinen Salon begleitete, wo er sich keuchend in einen Sessel warf.

Das Kind: Novelle · 第 1 / 11 段