VII.

Kaspar Hausers Gesundheit hatte unter sorgfältiger Pflege der

würdigen Daumer'schen Familie, bei zweckmäßiger Leibesbewegung und

angemessener Beschäftigung bedeutend gewonnen. Er lernte fleißig,

nahm zu an allerlei Kenntnissen, machte Fortschritte im Rechnen und

Schreiben, und brachte es im letzten bald so weit, daß er, ungefähr im

Sommer 1829, es unternehmen konnte, dem Verlangen seiner Vorgesetzten

entsprechend, die Erinnerungen seines Lebens in einen schriftlichen

Aufsatz zu bringen. Diesen ersten Versuch eigner Darstellung seiner

Gedanken, so gewiß er nur als Urkunde seiner lange zurückgehaltenen

Bildung, und der Dürftigkeit und Ungelenkigkeit seines noch ganz

kinderhaften Geistes gelten konnte, betrachtete gleichwohl er selbst

mit den Augen eines jungen Autors, der sein erstes Feder-Product

aus der Presse hervorgehen sieht. In seinem Schriftstellerkitzel

wurde die sogenannte ~Lebensbeschreibung~ den ihn besuchenden

Einheimischen und Fremden vorgezeigt, und bald erzählte man sogar in

mehreren öffentlichen Blättern: -- Kaspar Hauser arbeite an seiner

Lebensbeschreibung. Sehr wahrscheinlich, daß gerade dieses Gerücht die

Katastrophe herbeiführte, die bald nachher, im October desselben Jahrs

(1829), seinem kurzen Leben ein tragisches Ende zu bereiten die Absicht

hatte.

Kaspar Hauser -- wenn es erlaubt ist, hier Vermuthungen einzuflechten

-- war dem- oder denjenigen, die ihn im Verborgenen verwahrten, endlich

zur gefährlichen Last geworden. Das Kind, das man lange gefüttert

hatte, war zum Knaben, endlich zum Jüngling herangewachsen. Er fing

an unruhig zu werden, es regten sich seine Kräfte, er machte schon

zuweilen Lärm und mußte durch empfindliche Schläge -- wovon er noch

die frischen Spuren nach Nürnberg mitbrachte -- zur Ruhe gebracht

werden. Warum man sich seiner nicht auf anderem Weg entledigte?

warum man ihn nicht tödtete? warum man ihn überhaupt nicht schon als

Kind aus der Welt geschafft? ob er nicht vielleicht seinem Wärter

in mörderischer Absicht übergeben worden, dieser aber, entweder aus

Mitleid oder um gewisse, dem auf die Seite geschafften Kind günstigere

Zeiten abzuwarten, oder aus andern, leicht denkbaren Beweggründen,

das Kind auf eigne Gefahr beim Leben erhalten und aufgefüttert habe?

bleibt der Vermuthung eines Jeden Preis gegeben. Indessen -- die Zeit

war gekommen, oder vielmehr sie war nicht gekommen; der Verheimlichte

konnte nicht länger verborgen gehalten werden, man mußte seiner

auf irgend eine Weise los zu werden suchen und -- schaffte ihn im

Bettlergewand nach Nürnberg, wo er, wie man hoffte, als Vagabund oder

Blödsinniger in irgend einer öffentlichen Anstalt, oder, wenn die

ihm mitgegebene Empfehlung zum Reiterstand berücksichtigt wurde, als

Soldat in einem Regiment verschwinden sollte. Gegen alle Erwartung

traf keine dieser Berechnungen ein; der unbekannte Findling gewann

sich menschliche Theilnahme, wurde Gegenstand öffentlicher allgemeiner

Aufmerksamkeit; die Tagblätter füllten sich mit Nachrichten und

Nachfragen über den räthselhaften jungen Mann; erst ein Adoptiv-Kind

Nürnbergs, wofür ihn der Magistrat dieser Stadt in seiner öffentlichen

Bekanntmachung erklärt hatte, wird er endlich sogar das Kind --

Europa's. Man spricht aller Orten von Kaspars geistiger Entwickelung,

man erzählt dem Publicum Wunder von seinen Fortschritten und -- nun

schreibt sogar dieser Halbmensch seine Lebensbeschreibung! Wer sein

Leben beschreibt, muß von seinem Leben etwas zu erzählen wissen; es

mußte daher denen, die alle Ursache hatten, in der Dunkelheit zu

bleiben, welche sie um sich selbst und die zu ihnen führenden Spuren

gezogen hatten, bei der Nachricht von einer Auto-Biographie Kaspars

etwas eng um die Brust werden. Der Plan, den armen Kaspar in den Wellen

der ihm fremden Welt lebendig zu begraben, war vereitelt; und nun erst

wurde, wie die geheimen Verbrecher glauben mochten, Kaspars Ermordung

für sie eine Art von Nothwehr.

Kaspar pflegte Vormittags von 11-12 Uhr ausser dem Haus eine

Rechnungsstunde zu besuchen. Aber am Sonnabend den 17. October blieb

derselbe, weil er sich unwohl fühlte, auf Geheiß seines Erziehers,

zu Haus. Prof. Daumer machte um diese Zeit einen Spaziergang, und,

ausser Kaspar, den man auf seinem Zimmer wußte, blieb Niemand in

der Daumer'schen Wohnung zurück, als Daumers Frau Mutter und dessen

Schwester, die um diese Zeit mit Reinigung des Hauses beschäftigt war.

Das Haus, in welchem Kaspar bei Daumer wohnte, liegt in einem

entfernten wenig besuchten Theil der Stadt, auf einem ausserordentlich

großen, kaum übersehbaren öden Platz. Das Haus, nach alter Nürnberger

Bauart, äusserst unregelmäßig gebaut, voll Ecken und Winkel, besteht

aus einem Vordergebäude, welches der Hausherr bewohnte, und einem

Hintergebäude, in welchem die Daumer'sche Familie ihre Wohnung hatte.

Eine eigne Hausthüre führt über einen, den Hofraum von zwei Seiten

einschließenden, Gang zur Treppe des Daumer'schen Quartiers und

auf jenem Gang ist, nebst einem Holzstall, Geflügelraum und andern

ähnlichen Behältnissen, dicht unter einer Wendel-Treppe, in einem

Winkel, ein sehr niedriger, schmaler, enger Abtritt. Der ohnehin kleine

Raum, in welchem sich der Abtritt befindet, war durch eine davor

stehende spanische Wand noch mehr verengt.

So oft Kaspar dieses heimliche Gemach besuchen wollte, legte er, nach

seiner Gewohnheit, aus Reinlichkeitsliebe, immer erst Rock und Weste

auf seinem Zimmer ab, und ging so, bis auf die Hosen entkleidet, im

bloßen Hemd mit nacktem Hals auf jenes Gemach. Noch ist zu bemerken,

daß wer, auf dem eben bezeichneten Gang zu ebener Erde, allenfalls in

der Nähe der Holzkammer sich befindet, sehr gut beobachten kann, wer

von der Treppe herab kommt und auf den Abtritt geht.

Als gegen 12 Uhr des oben bemerkten Tages die Schwester des Prof.

Daumer, Katharina, mit Fegen der Wohnung beschäftigt war, wurde sie auf

der Treppe, die von dem ersten Stockwerk nach dem Hof führt, mehrerer

Blutflecken und blutiger Fußspuren gewahr, die sie sogleich aufwischte,

ohne sich dabei etwas besonders Arges zu denken. Sie meinte, Kaspar

möge auf der Treppe aus der Nase geblutet haben, und ging auf dessen

Zimmer, um ihn darüber zur Rede zu stellen. Sie fand Kaspar nicht, wohl

aber bemerkte sie in dessen Stube, nahe an der Thüre, ebenfalls ein

Paar blutige Fußtritte. Nachdem sie wieder die Treppe herabgegangen

war, um auch den oben bezeichneten Gang im Hofe zu fegen, fielen ihr

abermals einzelne Blutspuren auf dem Steinpflaster dieses Ganges in

die Augen. Sie kam bis zum Abtritt und hier lag ein ganzer dicker

Haufen gestockten Bluts, das sie der eben herbeikommenden Tochter des

Hausherrn zeigte, welche meinte: es sei dieses Blut von einer Katze,

welche hier ihre Jungen geworfen habe. Daumers Schwester, welche dieses

Blut sogleich hinwegschwemmte, war nun um so mehr in der Meinung

bestärkt, Hauser habe die Unreinlichkeit auf der Treppe gemacht; er

müsse in diese Blutlache getreten sein, und beim Hinaufgehen seine Füße

nicht zuvor gereinigt haben.

Es war bereits 12 Uhr vorüber, der Tisch war gedeckt, und Kaspar, der

sonst immer um diese Stunde pünktlich zum Essen kam, blieb diesmal

aus. Die Mutter des Prof. Daumer ging daher aus ihrem Zimmer herab,

um Kaspar zu rufen, fand ihn aber auf seiner Stube eben so wenig,

als zuvor ihre Tochter. Frau Daumer sah an der Wand seinen Rock

hängen, und auf dem Klavier seine Chemisette, Halsbinde und Weste. Sie

schloß hieraus für gewiß, Kaspar müsse auf dem heimlichen Gemach sich

befinden, ging herab, ihn hier zu suchen, fand ihn auch hier nicht, und

wollte sich wieder hinauf in ihr Zimmer begeben, als ihr eine Nässe

auf der Kellerthür auffiel, die ihr wie Blut vorkam. Schlimmes ahnend

hob sie die Kellerthür auf, bemerkte auf allen Kellerstufen theils

Blutstropfen, theils größere Blutflecken, stieg nun bis zur untersten

Stufe hinab, und sah von hier aus in dem von Wasser angefüllten

Keller in einem Winkel etwas Weißes aus der Ferne schimmern. Frau

Daumer eilte zurück, und forderte die Magd des Hausherrn auf, mit

einem Licht in den Keller zu gehen, um nachzusehen, was darin Weißes

liege. Kaum hatte diese auf den bezeichneten Gegenstand hingeleuchtet,

so rief sie: »da liegt der Kaspar todt!« -- Die Magd und der Sohn

des Hausherrn, der indessen ebenfalls herbeigekommen war, hoben nun

Kaspar, der kein Lebenszeichen von sich gab, und dessen todtenbleiches

Gesicht mit Blut bedeckt war, vom Boden auf, und trugen ihn aus dem

Keller. Oben angekommen, gab er durch ein gewaltiges Stöhnen das erste

Lebenszeichen; dann rief er mit dumpfer Stimme: »Mann! Mann!« Er wurde

sogleich in das Bett gebracht, wo er mit geschlossenen Augen, von Zeit

zu Zeit folgende abgebrochene Worte und Sätze bald schrie, bald vor

sich hin murmelte:

»Mutter! -- Professor erzählen -- Abtritt -- Mann schlagen --

schwarzer Mann, wie Kuchen[34] -- Mutter sagen -- nit funden -- mein

Zimmer -- in den Keller verstecken.«

Es überfiel ihn hierauf ein gewaltiger Fieberfrost, der bald in

heftigere Paroxismen, endlich in völlige Tobsucht überging, in welcher

einige starke Männer Mühe hatten, ihn zu halten. In seinen Wuthkrämpfen

biß er von einer Porzellantasse, worin man ihm ein warmes Getränk

beizubringen suchte, ein ganzes Stück heraus, und schluckte es mit dem

Getränk in sich hinein. Beinahe 48 Stunden befand er sich im Zustand

vollkommener Geistesabwesenheit. In seinen Delirien, während der Nacht,

sprach er von Zeit zu Zeit folgende abgebrochene Sätze vor sich hin:

»Herrn Bürgermeister sagen. -- Nicht einsperren! -- Mann weg! -- Mann

kommt!

-- Glocke weg! -- Ich nach Fürth herunter reiten. -- Nicht nach

Erlangen in Wallfisch! -- Nicht umbringen, nicht Mund zuhalten, nicht

sterben! -- Meine Nothdurft verrichten; nicht umbringen! -- Hauser wo

gewesen; nicht nach Fürth heute; nicht mehr fort; schon Kopfweh. --

Nicht nach Erlangen in Wallfisch! -- der Mann mich umbringen! Weg!

nicht umbringen! Ich alle Menschen lieb; Niemand nichts than. -- Frau

Bürgermeisterin helfen! -- Mann dich auch lieb, nicht umbringen! --

Warum Mann mich umbringen? ich auch gerne lebe. -- Warum Du mich

umbringen? ich Dir niemals was than. -- Mich nicht umbringen! ich

doch bitten, daß Du nicht eingesperrt wirst. -- Hast mich niemals

herausgethan aus meinem Gefängniß, Du mich gar umbringen! -- Du mich

zuerst umgebracht, eh ich verstanden, was Leben ist. -- Du mußt

sagen, warum mich eingesperrt hast gehabt u. s. w.

Die meisten dieser Sätze wiederholte er sehr oft unordentlich

durcheinander.

Die von dem Untersuchungsgericht -- dem die Polizeibehörde endlich

jetzt die Behandlung der Hauserischen Angelegenheit überlassen hatte

-- unter Zuziehung des Stadtgerichts-Physikus =Dr.= Preu, am 20.

Oktober vorgenommene Besichtigung Hausers gewährte folgendes Ergebniß:

Man fand die Stirn des im Bette liegenden Hauser in der Mitte durch

eine scharfe Wunde verletzt, über deren Größe und Beschaffenheit der

Gerichtsarzt nachstehendes =Visum et repertum= zu Protokoll gab:

»Die Wunde befindet sich auf der Stirne, 10-1/2 Linien über der

Nasenwurzel quer auslaufend, in der Art, daß 2/3 derselben auf der

rechten Stirnhälfte sich befinden, das letzte Drittheil auf der

linken. Die ganze Länge der in gerader Linie hinlaufenden Wunde

beträgt 19-1/2 Linien. Gegenwärtig (20. October) sind beide

Wundränder mit einander vereinigt, und lassen kaum noch einen

Zwischenraum von 1/4 Linie bemerken. Doch ist dieser am linken Ende

etwas breiter, als im ganzen Verlauf der Wunde; daher angenommen

werden muß, daß sie hier am tiefsten eingedrungen.« -- »Was die

Entstehung der eben beschriebenen Wunde betrifft, so ist solche

unverkennbar mit einem sehr schneidenden Instrumente mittelst Hieb

oder Stoß (?) dem Hauser beigebracht worden. Die scharfen Ränder der

Wunde sprechen für die scharfe Schneide des Instruments; das gleiche

Auslaufen der Wunde bezeichnet deren Entstehung durch Hieb oder

Stoß (?), weil, wenn die Wunde rein geschnitten worden wäre, Anfang

und Ende seichter und schmäler, die Mitte aber tiefer und eben darum

klaffender erscheinen müßte. Am wahrscheinlichsten ist aber ihre

Entstehung mittelst Hiebs, weil beim Stoß mehr Quetschung der

zunächst anliegenden Theile bemerkt worden wäre u. s. w.«

Die Wunde war, wie der Arzt erklärte, an und für sich unbedeutend und

hätte an jeder andern Person leicht in sechs Tagen geheilt werden

können. Allein bei Kaspars höchst reizbarem Nervensystem war er erst

nach 22 Tagen von den Folgen der Verwundung genesen.

Kaspar erzählt das Ereigniß im Wesentlichen wie folgt:

»Am 17. hatte ich die Rechnungsstunde, die ich täglich bei Herrn E. von

11 bis 12 Uhr zu besuchen pflegte, aussetzen müssen. Ich hatte nämlich

eine Stunde zuvor, als ich Herrn =Dr.= Preu besucht hatte, von

diesem eine welsche Nuß erhalten, und fühlte mich darauf, obgleich

ich kaum den 4ten Theil davon genossen hatte, höchst unwohl. Herr

Professor Daumer, den ich hievon in Kenntniß gesetzt hatte, befahl mir,

diesmal meine gewöhnliche Stunde nicht zu besuchen, sondern zu Haus zu

bleiben. Herr Prof. Daumer ging aus; ich verfügte mich auf meine Stube.

Ich wollte mich mit Schreiben etwas beschäftigen; aber Leibschmerzen

verhinderten mich daran und ein natürliches Bedürfniß nöthigte mich

auf den Abtritt zu gehen. Wegen Leibreißens mußte ich mich länger als

eine halbe Viertelstunde auf dem Abtritt aufhalten, wo ich zuletzt von

der untern Holzkammer her ein Geräusch vernahm, demjenigen ähnlich,

welches mit der Eröffnung dieser Thür gewöhnlich verbunden und mir

wohl bekannt ist. Auch nahm ich vom Abtritt aus einen leisen Ton

der Hausthürglocke wahr, welcher mir jedoch nicht vom Anschellen,

sondern von unmittelbarer Berührung der Glocke selbst herzurühren

schien. Gleich nachher hörte ich leise Fußtritte vom untern Gang her

und zugleich sah ich durch den Raum zwischen der vor dem Abtritt

befindlichen Tapete (spanischen Wand) und der Stiege selbst, daß eine

Mannsperson aus dem Gang daher schlich. Ich bemerkte den ganz schwarzen

Kopf der Mannsperson und meinte es sei der Schlotfeger. Ich verweilte

noch einen Augenblick auf dem Abtritt, um vom Schlotfeger nicht gerade

im Aufstehen bemerkt zu werden. Als ich aber hierauf mich vom Sitze des

Abtritts aufrichtete (und meinen Kopf, während ich meine Beinkleider

wieder aufziehen wollte, aus dem engen Abtritt etwas hervorstreckte)

stand plötzlich der schwarze Mann vor mir und gab mir einen Schlag

auf den Kopf, in Folge dessen ich sogleich mit dem ganzen Körper auf

den Boden vor dem Abtritt niederfiel. (Nun folgt die Beschreibung des

Mannes, welche nicht wohl mittheilbar ist.) Vom Gesicht und von den

Haaren dieses Mannes konnte ich gar nichts wahrnehmen; denn er war

verschleiert und zwar, wie ich glaube, mit einem über den ganzen Kopf

gezogenen schwarzen seidenen Tuche.« --

»Nachdem ich geraume Zeit bewußtlos gelegen sein muß, kam ich endlich

wieder zu mir, spürte etwas warmes mir über das Gesicht laufen und

griff nach der Stirn mit beiden Händen, die hierauf blutig wurden.«

»Erschreckt hierüber wollte ich zur Mutter hinauf[35], kam aber in

der Verwirrung und Angst (denn ich fürchtete immer, der Mann, der

mich geschlagen, sei noch im Haus und werde zum zweitenmal über mich

kommen) statt zur Thür der Mutter, an den Kleiderschrank[36] vor

meiner Stube. Hier verging mir das Gesicht und ich suchte mich durch

Anhalten mit der Hand am Schranke aufrecht zu erhalten[37]. Als ich

mich erholt hatte, wollte ich abermals zur Mutter hinauf, kam aber,

in weiterer Verwirrung, statt die Treppe hinauf, die Treppe herab und

befand mich, zu meinem Entsetzen, wieder unten im Gang. Als ich die

Kellerthür erblickte, gab mir die Angst den Gedanken ein, mich im

Keller zu verstecken. Die Fallthür des Kellers war zu. Wie ich die

Kraft erlangt habe, die schwere Fallthür aufzuheben, ist mir bis zur

Stunde unbegreiflich. Gleichwohl that ich es und schlupfte in den

Keller hinein«[38].

»Durch das im Keller befindliche kalte Wasser, in das ich hinein mußte,

kam ich zu besserem Bewußtsein; ich bemerkte einen trockenen Fleck

auf dem Boden des Kellers und ließ mich daselbst nieder. Ich hatte

mich kaum niedergelassen, als ich 12 Uhr läuten hörte, da dachte ich

bei mir: nun bist du hier so ganz verlassen, es wird dich hier Niemand

finden und du wirst hier umkommen. -- Dieser Gedanke füllte meine

Augen mit Thränen, bis mich Erbrechen überfiel, und ich hierauf das

Bewußtsein verlor. Als ich mein Bewußtsein wieder erlangt hatte, fand

ich mich in meiner Stube auf dem Bette und die Mutter neben mir.«

Was die Art der Verwundung betrifft, so vermag ich (der Verf. dieses)

der Meinung des Gerichts-Arztes nicht beizupflichten. Ich habe mehre,

jedoch zu öffentlicher Mittheilung nicht wohl geeignete Gründe zu

glauben, daß die Wunde Hausers weder durch Hieb noch durch Stoß,

weder mit einem Säbel, noch mit einem Beil, noch mit einem Meissel,

noch mit einem gewöhnlichen zum Schneiden bestimmten Messer, sondern

mit einem andern scharf schneidenden, bekannten Werkzeuge zugefügt

worden, und daß es bei dieser Verwundung nicht auf die Stirne, sondern

auf den ~Hals~ abgesehen gewesen, welcher aber -- weil Kaspar

bei Erblickung des Mannes und der nach seinem Hals sich plötzlich

ausstreckenden bewehrten Faust, instinktmäßig mit dem Kopf sich bückte

-- vom Kinn bedeckt, den Streich von sich hinweg zur Stirn hinauf

leitete. Der Thäter konnte, da Kaspar sogleich blutend zusammenstürzte,

sein Werk für gelungen halten, und durfte auch, da er, vermöge der

Beschaffenheit des Orts, jeden Augenblick befürchten mußte, von irgend

Jemand betroffen zu werden, nicht länger bei seinem Opfer verweilen, um

nachzusehen ob alles recht gelungen sei, und, falls es nicht gelungen

wäre, das Unvollendete zu vollbringen. So kam Kaspar mit seiner

Stirnwunde davon.

Bald ergaben sich auch mehre, Spuren des Thäters nachweisende,

Anzeigungen. Dahin gehört z. B. daß an demselben Tag, in derselben

Stunde, wo die That geschehen, der von Kaspar beschriebene Mann

gesehen worden ist, wie er aus dem Daumer'schen Hause sich wieder

entfernte; daß um dieselbe Zeit dieselbe von Kaspar beschriebene,

wohlgekleidete Person gesehen worden ist, wie sie nicht sehr weit vom

Daumer'schen Hause in den auf der Straße stehenden Wasserkufen sich

die (wahrscheinlich blutigen) Hände gewaschen hat; daß ungefähr 4 Tage

nach der That, ein eleganter Herr, welcher Kleider trug, wie der von

Hauser beschriebene schwarze Mann, sich vor den Thoren der Stadt zu

einer gemeinen, eben nach der Stadt gehenden Frau gesellt, sich bei

dieser angelegentlich nach dem Leben oder Tod des verwundeten Hausers

erkundigt hat, dann mit dieser Frau bis unter das Thor gegangen ist,

wo ein die Verwundung Hausers betreffender magistratischer Anschlag zu

lesen war, und, nachdem er ihn gelesen, ohne die Stadt zu betreten,

sich auf höchstverdächtige Weise wieder entfernt hat u. s. w.

Wenn nun aber die Neu- oder Wißbegier des Lesers noch mehr von mir zu

vernehmen wünscht; wenn er mich nach den Ergebnissen der gepflogenen

gerichtlichen Untersuchung fragt; wenn er gern wissen möchte, nach

welchen Richtungen hin jene Spuren geführt haben, an welchen Orten die

Wünschelruthe wirklich angeschlagen hat, und was dann weiter geschehen

und erfolgt sei: so bin ich im Falle antworten zu müssen, daß, nach den

Gesetzen, wie nach der Natur der Sache, ich dem Schriftsteller nicht

erlauben darf, öffentlich von Dingen zu reden, welche vor der Hand

nur noch dem Staatsbeamten zu wissen oder zu vermuthen erlaubt sind.

Uebrigens darf ich die Versicherung aussprechen, daß die forschende

Justiz, unter Anwendung aller ihr zu Gebot stehenden Mittel, selbst der

aussergewöhnlichsten, ihre Pflichten eben so rastlos als rücksichtslos

zu erfüllen, nicht ohne allen Erfolg, bemüht gewesen ist.

Allein dem Arme der bürgerlichen Gerechtigkeit sind nicht alle Fernen,

noch alle Höhen und Tiefen erreichbar, und bezüglich mancher Orte,

hinter welchen sie den Riesen eines solchen Verbrechens zu suchen

Gründe hat, müßte sie, um bis zu ihm vorzudringen, über Josua's

Schlachthörner, oder wenigstens über Oberons Horn gebieten können, um

die mit Flegeln bewehrten hochgewaltigen Kolossen, die vor goldnen

Burgthoren Wache stehen und so hageldicht dreschen, daß zwischen Schlag

und Schlag sich unzerknickt kein Lichtstrahl drängen mag -- für einige

Zeit in ohnmächtige Ruhe zu bannen.

Doch was verübt' die schwarze Mitternacht

Wird endlich, wenn es tagt, an's Sonnenlicht gebracht.

Kaspar Hauser · 第 11 / 12 题