VIII.

Träte Kaspar, welcher jetzt zu den gesitteten Menschen von Lebensart

gerechnet werden darf, unerkannt in eine gemischte Gesellschaft, so

würde er bald Jedermann als eine befremdende Erscheinung auffallen.

Sein Gesicht, in welchem die weichen Züge eines Kindes mit den eckigen

Formen des Mannes und einigen, leicht gezogenen Furchen vorzeitigen

Alters, herzgewinnende Freundlichkeit mit bedächtlichem Ernst und einem

leichten Anflug von Melancholie sich vermischen[39]; seine Naivetät,

zutrauliche Offenheit und oft mehr als kindische Unerfahrenheit,

verbunden mit einer gewissen Art von Altklugheit und vornehmer, doch

ungezwungener Gravität im Reden und Benehmen; dann die Schwerfälligkeit

seiner, zuweilen nach Worten suchenden, oft fremdklingenden, harten

Sprache, bei der Steifheit seiner Haltung und der Ungelenkigkeit seiner

Bewegungen, -- lassen ihn jedem beobachtungsfähigen Auge als ein

Gemisch von Kind, Jüngling und Mann erscheinen, ohne daß man sobald

mit sich einig werden könnte, welcher Altersstufe dieser einnehmende

Mischling wirklich angehöre.

In seinem Geist regt sich nichts von Genialität, nicht einmal von

irgend einem ausgezeichneten Talent[40]; was er lernt verdankt er

beharrlichem, hartnäckigem Fleiß. Auch jener wildlodernde Feuereifer,

womit er Anfangs die Pforten alles Wissens sprengen zu wollen schien,

ist längst gedämpft, beinahe erloschen. In Allem was er unternimmt,

bleibt er entweder beim Anfang, oder bei der Mittelmäßigkeit stehen.

Ohne ein Fünkchen Phantasie, unfähig irgend einen Witz zu machen oder

nur eine bildliche Redensart zu verstehen, ist er von trocknem, aber

kerngesundem Menschenverstand, und, bezüglich aller Dinge, die zunächst

seine Person betreffen, oder innerhalb des engbegrenzten Kreises seiner

dürftigen Kenntnisse und Erfahrungen liegen, von so richtig treffendem

Urtheil und Scharfsinn, daß er damit manchen gelehrten Schulfuchs

beschämen oder in Verlegenheit bringen könnte.

An Verstand ein Mann, an Einsichten ein kleiner Knabe, in Manchem noch

weniger als ein Kind, zeigt sein Reden und Benehmen oft eine seltsam

contrastirende Mischung von Männlichkeit und kindischem Wesen. Mit

ernsthafter Miene und im Tone großer Wichtigkeit thut er nicht selten

Aeusserungen, die bei jedem Andern desselben Alters dumm oder läppisch

heißen würden, aus seinem Mund aber immer ein wehmüthig mitleidiges

Lächeln sich erzwingen. Ganz possirlich nimmt es sich besonders aus,

wenn er von seinen künftigen Lebensplanen spricht, von der Art, wie

er, wenn er einmal etwas Rechtes gelernt und Geld verdient habe, sich

einrichten und mit seiner Frau, die er als einen notwendigen Hausrath

betrachtet, es halten wolle. Unter einer Ehefrau weiß er sich nichts

anders zu denken, als eine Haushälterin oder Obermagd, die man so lange

behält als sie taugt, und wieder fortschickt, wenn sie öfters die Suppe

versalzen, die Hemden nicht ordentlich geflickt, die Kleider nicht

gehörig rein gebürstet hat u. s. w.

Mild, sanft, ohne lasterhafte Neigungen, ohne Leidenschaften und

Affekte, gleicht sein immer sich gleichbleibendes, stilles Gemüth einem

spiegelglatten See in der Ruhe einer Mondscheinnacht. Unfähig einem

Thier wehe zu thun, mitleidig gegen den Wurm, den er zu zertreten

fürchtet, dabei furchtsam bis zur Feigheit[41], wird er gleichwohl

rücksichtlos, sogar schonungslos nach seinem Sinne handeln, sobald es

gilt, einmal gefaßte, für Recht erkannte Vorsätze zu behaupten und

durchzusetzen. Fühlt er sich in seiner Lage bedrückt, so wird er lange

duldend schweigen, dem Beschwerlichen auszubeugen oder dieses durch

milde Vorstellungen zu ändern suchen, endlich aber, wenn nichts helfen

will, sobald dazu die Gelegenheit sich bietet, die hemmenden Bande

ganz gelassen abstreifen, ohne demjenigen, der ihm damit wehe gethan,

dafür nachzuzürnen. Er ist gehorsam, willig, nachgebend; aber wer ihm

mit Unrecht Etwas schuld gibt, oder als wahr behauptet, was er für

unwahr hält, erwarte nicht, daß er, aus bloßer Gefälligkeit oder andern

Rücksichten, in das Unrecht oder in die Unwahrheit sich bequeme; er

wird bescheiden, doch immer fest, bei seinem Recht stehen bleiben und

allenfalls, wenn der Andere hartnäckig gegen ihn das Feld behaupten

will, schweigend davon gehen.

Als reifer Jüngling, der seine Kindheit und Jugend verschlafen, zu alt,

um noch als Kind, zu kindisch unwissend, um als Jüngling zu gelten;

ohne Altersgenossen, ohne Vaterland, ohne Aeltern und Verwandte;

gleichsam das einzige Geschöpf seiner Gattung: erinnert ihn jeder

Augenblick an seine Einsamkeit mitten im Gewühl der ihn umdrängenden

Welt, an seine Ohnmacht, Schwäche und Unbehülflichkeit gegen die

Macht der über sein Schicksal gebietenden Umstände, vor allem an die

Abhängigkeit seiner Person von der Gunst oder Ungunst der Menschen.

Daher seine, ihm gleichsam zur Nothwehr abgedrungene Fertigkeit in

Beobachtung der Menschen, sein umsichtiger Scharfblick, womit er

schnell ihre Eigenthümlichkeiten und Schwächen auffaßt, die Klugheit

-- von Uebelwollenden Schlauheit oder Pfiffigkeit genannt -- womit er

sich in diejenigen, die ihm wohl oder wehe thun können, zu bequemen,

Anstößen auszubeugen, sich gefällig zu erweisen, seine Wünsche

geschickt anzubringen, den guten Willen seiner Gönner und Freunde sich

dienstbar zu machen weiß. Kinderstreiche, Muthwille, Possen sind eben

so wenig von ihm zu erzählen, als Beispiele von Bosheit und Tücke; für

die ersten ist er zu ernsthaft und kalt verständig, für die letzten zu

gutmüthig und bis zur Pedanterei rechtlich.

Einer der größten Mißgriffe in der Erziehung und Bildung

dieses Menschen war unstreitig, daß man, statt ihm eine seiner

Eigenthümlichkeit angemessene, gemein menschliche Bildung zu geben, ihn

seit einigen Jahren auf das Gymnasium schickte, und ihn noch obendrein

sogleich in einer höheren Klasse den Anfang machen ließ.[42] Dieser

arme verwahrloste Jüngling, der erst seit Kurzem den ersten Blick in

die Welt gethan und noch nachzuholen hatte, was unsere Kinder schon

an der Mutterbrust, im Schoos ihrer Wärterinnen lernen, mußte auf

einmal mit der lateinischen Grammatik, mit lateinischen Exercitien,

mit =Cornelius Nepos= und endlich gar mit =Caesar de bello

Gallico= seinen Kopf zermartern. In lateinische Schul-Schrauben

eingezwängt, erlitt nunmehr sein Geist gleichsam seine zweite

Gefangenschaft. Wie früher die Kerkermauern sperrten ihn jetzt die

bestaubten Wände der Schulstube von der Natur und dem Leben aus;

statt nützlicher Dinge gab man ihm Worte und Phrasen, deren Sinn und

Beziehung er nicht zu begreifen fähig war, und verlängerte so auf

das widernatürlichste von neuem seine Kindheit. Während er an dürrem

Schulkram seine Zeit und seine ohnehin geringen Kräfte vergeuden mußte,

darbte er fortwährend an der nothdürftigsten Kenntniß von Dingen,

die seine Seele nähren und erfreuen, seinem wunden Gemüth einigen

Ersatz für die verlorne Jugend gewähren, und ihm zur Grundlage für

irgend einen künftigen Beruf dienen konnten. »Ich weiß gar nicht --

sagte er öfters in Unmuth und halber Verzweiflung -- wozu ich alle

die lateinische Sachen brauchen soll, da ich doch kein Pfarrer werden

kann, und kein Pfarrer werden mag.« Als ihm einst hierauf ein Pedant

erwiederte: »das Erlernen der lateinischen Sprache sei ihm der

deutschen Sprache wegen unentbehrlich; um gründlich Deutsch zu lernen,

müsse man gründlich Latein gelernt haben,« erwiderte sein gesunder

Menschenverstand, »ob denn auch die Römer deutsch hätten lernen müssen,

um gründlich lateinisch sprechen und schreiben zu können?« Wie das

Latein zu Kaspar, Kaspar zum Latein paßte, mag man daraus abnehmen, daß

dieser bärtige Lateiner, als er im Frühjahr 1831 bei mir lebte, noch

nicht einmal die Erfahrung gemacht hatte, daß Gegenstände des Gesichts

in der Entfernung kleiner scheinen als sie wirklich sind; er war ganz

befremdet darüber, daß die Bäume einer Allee, in der ich mit ihm

spazieren ging, immer kleiner und niedriger seien, und der Weg in der

Ferne immer schmaler, so daß man am Ende gar nicht mehr hindurchgehen

könne. Er hatte so etwas zu Nürnberg noch nicht beobachtet, und

gerieth, wie über eine Zauberei, in Erstaunen, als er, mit mir die

Allee hinabgehend, endlich fand, daß jeder dieser Bäume gleich hoch und

der Weg überall gleich breit sei.

Das drückende Gefühl von seiner Unwissenheit, Unbehülflichkeit und

Abhängigkeit; die Ueberzeugung, daß er nie im Stande sein werde, die

verlorne Jugend wieder einzubringen, seinen Altersgenossen gleich zu

kommen und ein in der Welt brauchbarer Mensch zu werden; daß man mit

seiner Jugend ihm nicht blos den schönsten Theil des Menschenlebens

genommen, sondern auch sein ganzes übriges Leben ihm verkümmert und

verkrüppelt habe; endlich zu diesem allen noch der grausenhafte

Gedanke, daß dem kümmerlichen Rest seiner ihm gefristeten Tage jeden

Augenblick ein unsichtbares Mordbeil, ein geheimes Banditenmesser

drohe: -- dies ist der schwere Inhalt der seine Stirn umziehenden

Trauerwolken, die, wenn äußere Anlässe sie verdichten, nicht selten

in Thränen und wehmüthigen Klagen sich ergießen. Zur Zeit seines

Aufenthalts bei mir nahm ich ihn öfters mit mir auf meine Spaziergänge

und führte ihn einst an einem freundlichen Morgen auf einen unsrer

sogenannten Berge, von wo aus sich über die zu den Füßen liegende,

niedliche Stadt und das liebliche, von Anhöhen begränzte Thal, eine

schöne heitere Aussicht öffnet. Kaspar, Anfangs von diesem Anblick sehr

erfreut, wurde bald still und traurig. Meiner Frage um die Ursache

seiner veränderten Stimmung, antwortete er: »Ich denke mir eben, wie

es doch so viel Schönes auf der Welt gibt, und wie hart es für mich

ist, so lange schon gelebt und nichts davon gesehen zu haben, und wie

glücklich die Kinder sind, die alles dies von ihren ersten Jahren an

sehen konnten und noch immer sehen können. Ich bin schon so alt, und

muß noch immer lernen, was lange schon die Kinder wissen. Ich wollte,

ich wäre nie aus meinem Käfig gekommen; wer mich hineingethan, hätte

mich auch darin lassen sollen. Dann hätte ich von allen dem nichts

gewußt und hätte nichts vermißt und hätte keinen Jammer darüber gehabt,

daß ich kein Kind gewesen und so spät auf die Welt gekommen bin.« Ich

suchte ihn damit zu beruhigen, daß ich ihm sagte: »Was die Schönheiten

der Natur betreffe, so habe er nicht eben Ursache, sich in Vergleich

mit unsern Kindern und mit den Menschen, die seit ihrer Kindheit

auf der Welt seien, zu beklagen. Die meisten Menschen, unter diesen

Herrlichkeiten aufgewachsen, betrachteten sie, als etwas Gewöhnliches,

Alltägliches, mit gleichgültigen Augen, nähmen diese Stumpfheit durch

ihr ganzes Leben mit sich und empfänden in der Regel bei den Wundern

der Natur nicht mehr, als das Thier auf der Weide. Ihm aber (Kaspar),

der als Jüngling in die ihm neue Welt getreten, seien diese Genüsse, in

aller ihrer Frische und Reinheit vorbehalten geblieben, und hierin habe

er einen nicht geringen Ersatz für den Verlust der früheren Jahre und

einen bedeutenden Vorzug vor andern Menschen gewonnen.« Er erwiederte

mir nichts, und schien, wo nicht überzeugt, doch einigermaßen

getröstet. Doch wird er zu keiner Zeit jemals über sein Schicksal

ganz zu trösten sein. Er ist ein zartes Bäumchen, dem man seine Krone

genommen, dessen Herzwurzel ein Wurm zernagt.

Bei solchen Stimmungen, in solchem Gefühl von seiner Lage mußte wohl

die Religion, Glaube an Gott und gläubiges Hoffen auf die Vorsehung,

Eingang in seine des Trostes bedürftige Seele finden. Er ist jetzt im

ächten Sinne des Wortes ein frommer Mensch, spricht mit Andacht von

Gott und beschäftigt sich gerne mit vernünftigen Erbauungsschriften.

Aber freilich würde er auf keines der symbolischen Bücher schwören und

noch weniger in einer andächtigen Gesellschaft von Hengstenberg und

Compagnie sich behaglich fühlen[43].

Bei Zeiten den Ammenmährchen der Wärterinnen entrückt, als Kind

begraben, als reifer Jüngling zu frischem Leben auferstanden, brachte

er eine von Vorstellungen leere, aber auch von allen Vorurtheilen

reine, von jedem Aberglauben freie Seele mit auf die Welt des Lichts.

Er, dem es Anfangs so schwer war, seines eignen Geistes sich bewußt zu

werden, ist noch viel weniger fähig und geneigt, gespenstige Geister

sich zu denken. Ueber den Glauben an Gespenster spottet er als über

die unbegreiflichste aller menschlichen Albernheiten und fürchtet

nichts als den unsichtbaren geheimen Unheimlichen, dessen Mordwerkzeug

er empfunden hat. Gäbe man ihm Bürgschaft, daß er gegen diesen Mann

gesichert sei, so würde er zu jeder Stunde der Nacht auf einen Kirchhof

gehen und ohne Grauen über Gräbern schlafen.

Seine Lebensweise ist jetzt fast ganz die gewöhnliche anderer Menschen.

Er genießt, ausgenommen Schweinefleisch, alle Arten von Speisen, doch

ohne hitzige Gewürze. Sein liebstes Gewürz blieben Kümmel, Fenchel und

Koriander. Sein Getränk besteht noch immer in Wasser; nur Morgens wird

dieses von einer Tasse Gesundheits-Chocolade vertreten. Alle gegohrnen

Getränke, Bier, Wein, wie auch Thee und Kaffe, sind ihm fortwährend ein

Gräuel, und würden, wollte man ihm davon einen Tropfen aufnöthigen, ihn

unfehlbar krank machen.

Die ausserordentliche, fast übernatürliche Erhöhung seiner Sinne

hat ebenfalls gegenwärtig ganz nachgelassen und ist beinahe auf das

gewöhnliche Maaß herabgestimmt. Er sieht zwar noch immer im Dunkeln,

so daß es für ihn keine wahre Nacht, sondern nur Dämmerung gibt; doch

ist er nicht mehr im Stande im Finstern, wie sonst, zu lesen oder

in weiter Entfernung die kleinsten Gegenstände zu erkennen. Während

er ehemals bei dunkler Nacht weit besser und schärfer sah, als bei

Tag, ist es jetzt umgekehrt. Gleich andern Menschen verträgt und

liebt er nun das Sonnenlicht, das nicht mehr, wie sonst, seine Augen

verwundet. Von der Riesenhaftigkeit seines Gedächtnisses und andern

staunenswürdigen Eigenschaften ist keine Spur mehr zu finden. Nichts

Ausserordentliches ist mehr an ihm, als das Ausserordentliche seines

Schicksals und seine unbeschreibliche Güte und Liebenswürdigkeit.

[Illustration]

Fußnoten:

[1] Ueber die näheren Umstände, wie Kaspar mit dem erwähnten Bürger

vom Unschlittplatze bis zur Wache und von da bis zur Wohnung des

Rittmeisters von W. gekommen, sind die Acten theils so lückenhaft

und unbefriedigend, theils, bezüglich angegebener Umstände, so sehr

den Zweifeln historischer Kritik unterworfen, daß ich mich in obiger

Erzählung sehr kurz fassen zu dürfen glaubte. So gibt z. B. jener

Bürger an: nachdem er unterwegs mit K. ein Gespräch anzuknüpfen gesucht

und ihn über manches befragt, habe er endlich bemerkt, ~daß K. von

allem nichts wisse und gar keinen Begriff habe, weshalb er dann nichts

mehr zu ihm gesprochen~. Hiernach zeigte sich ihm also K. eben so, wie

noch denselben Abend bei dem Herrn Rittmeister von W. und später auf

der Wachtstube, dann an den folgenden Tagen und Wochen. Gleichwohl

erzählt zugleich jener Bürger: K. habe auf die Frage, woher er komme?

geantwortet: »von Regensburg.« Ferner: als er mit K. zum neuen Thor

gekommen, habe dieser gesagt: »Dös is gwiß erst baut worn, weil

mer's neu Thor heißt« u. s. w. -- Daß Zeuge dieses und dergleichen

gehört zu haben ~glaubt~, ist mir eben so wenig zweifelhaft, als

dies: daß es K. ~nicht gesagt~ hat. Alles Folgende gibt dafür den

unumstößlichsten Beweis. Aus der stehenden Redensart Kaspars: »Reutä

wähn, wie mein Vottä wähn is« konnte sein Führer, der diesem Simpel,

wofür er ihn hielt, gewiß nur halbe Ohren lieh, gar wohl jene Worte

herauszuhören glauben. -- Ueberhaupt aber sind die in dieser Sache

erwachsenen Polizei-Acten auf eine solche Weise geführt, enthalten so

viele Widersprüche, nehmen vieles gar so leicht, sind in einigen ihrer

wesentlichsten Bestandtheile ein so arger ~Anachronismus~, daß sie als

Geschichtsquelle nur mit großer Vorsicht benutzt werden können.

[2] Mit diesen Redensarten, namentlich dem: Reutä wähn &c. verband er,

wie sich späterhin ergab, keinen besonderen Sinn; es waren nichts als

papageienmäßig eingelernte Töne, die er als gemeinsame Ausdrücke für

alle seine Vorstellungen, Empfindungen und Begehrungen gebrauchte.

[3] Welches unbesonnener Weise, angeblich wegen seiner schlechten

Beschaffenheit, sammt den Stiefeln, gleich in der ersten Zeit

hinweggeworfen wurde! So verfuhr man mit Sachen, welche als ~Anzeigen~

äußerst wichtig werden konnten!

[4] Das folgende ~Signalement~ ist nicht etwa aus den Polizei-Akten

genommen, wo dergleichen nicht zu finden ist, sondern aus meinen

eigenen Beobachtungen und den schriftlich aufgezeichneten Bemerkungen

anderer glaubwürdiger Personen.

[5] Der Verf. dieses äußerte damals den Wunsch, es möge Kaspars Gesicht

von einem geschickten Porträtmaler gezeichnet werden, weil jenes

sich gewiß bald verändern werde. Jener Wunsch blieb unerfüllt, diese

Vermuthung aber wurde bald wahr.

[6] Es ist ein bedauernswerther Umstand, daß es in der ganzen

Stadt Nürnberg keinen einzigen Menschen gab, welcher so viel

wissenschaftliches Interesse in sich gefunden hätte, um diesen Menschen

zum Gegenstand physiologischer Untersuchungen zu machen. Schon allein

die chemische Untersuchung des Urins, des Speichels und anderer

Auswurfsstoffe dieses blos mit Brod und Wasser aufgefütterten jungen

Menschen, hätte manches wissenschaftlich nicht unwichtige Ergebniß

gehabt, so wie diese wissenschaftlichen Ergebnisse den juridisch

bedeutenden Umstand: daß Kaspar bisher wirklich nur mit Wasser und

Brod genährt worden, gleichsam zu anschaulicher Gewißheit würden

bewahrheitet haben. Als aber die Justiz sich mit der Hauser'schen

Angelegenheit zu befassen, endlich, nach vielen vergeblichen Bemühungen

von ihrer Seite, in den Stand gesetzt wurde, war die Gelegenheit,

solche Untersuchungen nachzuholen, längst vorüber.

[7] Man soll sogar einmal -- was ich jedoch nicht zu verbürgen wage --

ein Feuergewehr, zur belustigenden Probe, nach ihm abgeschossen haben.

--

[8] Er war noch lange nachher äusserst schwach in den Armen, wie

in den Füßen. Erst im September 1828, als er schon den Anfang mit

Fleischspeisen gemacht hatte, waren seine Kräfte durch wiederholte

Uebung so weit gediehen, daß er ein Gewicht von 25 Pfund mit beiden

Händen ein wenig vom Boden in die Höhe ziehen konnte.

[9] Nicht lange nachher erwachte jedoch das Gefühl der Schaam; und er

wurde nun so verschämt, wie das zartfühlendste, keuscheste Mädchen.

Eine Entblößung ist für ihn etwas Entsetzliches. Nachdem das wilde

Brasilianische Mädchen Isabella, welches die Hrn. ~Spix~ u. ~Martius~

mit sich nach München gebracht hatten, einige Zeit unter civilisirten

Menschen gelebt und Kleider getragen hatte, war sie nur mit der größten

Mühe durch Drohungen und Schläge dahin zu bringen, daß sie, um einem

Zeichner zu stehen, sich entkleidete.

[10] Man hätte aber auch ~späterhin~ nicht den bedenklichen Versuch

machen sollen, die bloßen Privatunterhaltungen in die ~scheinbare Form~

amtlicher Verhöre umzukleiden: was den in dieser Sache erwachsenen

Polizei-Acten ein seltsames Ansehen gibt.

[11] Diese Bekanntmachung ist es, welche bisher allen über Kaspar

erschienenen Broschüren und Blättleins-Nachrichten zur Grundlage

gedient hat.

[12] Ein ihm noch jetzt geläufiger Ausdruck, womit er seine Aussetzung

zu Nürnberg und sein Erwachen zum geistigen Leben zu bezeichnen pflegt.

[13] Nach Kaspars umständlicher Angabe, -- welche durch die an seinem

Körper zurückgebliebenen unverkennbaren Spuren, durch den ihm ganz

eigenen Bau des Knies und der Kniekehle, durch die, nur ihm mögliche,

ganz eigenthümliche Art auf dem Boden mit ausgestreckten Füßen zu

sitzen, vollkommen bestätigt wird -- hat er niemals, auch nicht im

Schlafe, mit dem ganzen Körper ausgestreckt gelegen, sondern immer,

wachend und schlafend, ~mit gerade angelehntem Rücken gesessen~.

Wahrscheinlich, daß die Beschaffenheit seines Lagers und eine besondere

Vorrichtung ihm diese Stellung nothwendig machten. Er selbst weiß

hierüber keine nähere Auskunft zu geben.

[14] Daß dieses Wasser mit Opium gemischt gewesen, ließ nicht nur schon

diese Erzählung vermuthen, sondern wurde auch späterhin bei folgender

Gelegenheit zu vollkommener Gewißheit. Als Kaspar schon längst bei

Prof. Daumer lebte, suchte ihm einmal sein Arzt einen Tropfen Opium

in einem Glas Wasser beizubringen. Kaum hatte Kaspar einen Schluck

von diesem Wasser gethan, so sagte er: Das Wasser da ist garstig, das

schmeckt ja gerade wie das Wasser, das ich manchmal in meinem Käfich

habe trinken müssen.

[15] Hieraus und aus andern Umständen ergibt sich, daß Kaspar, während

seiner Einkerkerung, immer mit einer gewissen Sorgfalt behandelt

worden. Daher erklärt sich denn auch seine lang bewahrte Anhänglichkeit

an den Mann »bei dem er immer gewesen«, welche erst in sehr späten

Zeiten nachgelassen hat, doch auch jetzt noch nicht bis zu dem Grade,

daß er eine Bestrafung dieses Mannes wünschte. Er möchte nur diejenigen

bestraft wissen, auf deren Geheiß er eingesperrt worden ist; der Mann

aber habe ihm nichts böses gethan.

[16] Daß Kaspar wirklich Unterricht im Schreiben, und zwar

~regelmäßigen Elementar-Unterricht~ gehabt habe, dafür lieferte

er, schon am ersten Morgen nach seinem Erscheinen zu Nürnberg,

augenscheinlichen Beweis. Als der Gefangenwärter Hiltel an gedachtem

Morgen zu ihm in sein Gefängniß kam, gab er ihm, um ihn zu beschäftigen

oder ihm eine Freude damit zu machen, einen Bogen Papier nebst einem

Bleistift. Kaspar fiel hastig über beides her, legte das Papier auf

die Bank, setzte sich davor hin auf den Boden und fing zu schreiben

an und schrieb, ohne aufzublicken oder sich durch irgend etwas darin

stören zu lassen, unablässig fort, bis der ganze Folio-Bogen auf allen

seinen vier Seiten voll geschrieben war. Dieser, bei den Polizei-Acten

befindliche Bogen sieht nun nicht viel anders aus, als wenn Kaspar,

der gleichwohl nur aus dem Gedächtnisse schrieb, eine Vorschrift, nach

welcher Kinder beim ersten Schreibunterricht sich zu üben pflegen, eben

jetzt vor sich liegen gehabt hätte. Dieser Bogen besteht nämlich aus

Reihen von Buchstaben und Silben, von denen jede Zeile fast immer nur

denselben Buchstaben, dieselbe Silbe wiederholt; am Ende der Seiten

sind sogar, wie bei Kindervorschriften üblich ist, alle Buchstaben

des Alphabets, wie sie auf einander folgen, wieder in Einer Zeile

zusammengestellt und gegenüber stehen, in einer andern Zeile, die

arabischen Ziffern, von 1 bis 0, ebenfalls in vollkommener Ordnung.

Eine Seite des Bogens wiederholt immer den Namen »Kaspar Hauser.« Auch

kommt darauf das Wort: reider (Reuter) mehrmals vor. Daß jedoch Kaspar

über die ersten Elemente des Schreibens nicht hinausgekommen, geht aus

jenem Probebogen ebenfalls klar hervor.

[17] Es ist an sich klar, und wird durch andere Umstände erweislich,

daß Kaspar die aufsteigende Bewegung von der absteigenden, Höhe und

Tiefe damals, selbst im Gefühl, noch nicht unterscheiden, wie viel

weniger diesen Unterschied durch Worte gehörig bezeichnen konnte. Was

Kaspar »Berg« nennt, war wohl, wie nach andern Aeußerungen desselben

nicht unwahrscheinlich ist, eine ~Treppe~. Kaspar will sich erinnern,

daß er beim Tragen neben angestreift sei.

[18] In dessen ~Reisen durch Deutschland~. (S. Gött. gel. Anz. Juli

1831. S. 1097)

[19] In ~Calderons Leben ein Traum.~

[20] S. oben.

[21] Siehe ~Abegg Unters.~ aus dem Gebiete der Strafrechtswissenschaft,

Abthl. =III.=

[22] ~Handbuch der Strafrechtswissenschaft~, Thl. =I.= §. 179 ff.

[23] Der Speichel war so sehr leimartig, daß beim Wegnehmen der

Blätter, entweder Stückchen von diesen an der Wand, oder Theile vom

Bewurf der Wand an dem Papier hängen blieben.

[24] Auch Prof. Daumers Notaten stimmen mit dieser Beobachtung überein.

[25] In dessen =~Philosophie de Newton~ (~Oeuvres complètes.~ Gotha.

1786. T. XXXI, p. 118 sq.)=

[26] =~Lettre sur les aveugles à l' usage de ceux qui voyent~ (Londres

1749) p. 159-164.= =Diderot= hat übrigens die Erzählung Voltaire's von

Wort zu Wort abgeschrieben.

[27] Das Werk des ~Cheselden~ selbst konnte ich mir nicht verschaffen.

Ich benutze übrigens diese Gelegenheit, um Hrn. Bibliothekar ~von

Falkenstein~ für die, während meines Aufenthalts zu Dresden, auch

bezüglich dieses Gegenstandes, erwiesenen Gefälligkeiten öffentlich

meinen Dank zu sagen.

[28] =On ajute à ces raisonnemens les fameuses expériences de

+Chéselden+. Le jeune homme à qui cet habile Chirurgien abbaissa les

cataractes, ne distingua de longtems ni grandeurs, ni distances, ni

situations, ni même figures. Un objet d'un pouce mis devant son oeil,

et qui lui cachoit une maison, lui paroissoit aussi grand que la

maison. Il avoit tous les objets sur les yeux, et ils lui sembloient

appliqués à cet organe, comme les objets du tact le sont à la peau. Il

ne pouvoit distinguer ce qu'il avoit jugé ronde à l'aide de ses mains,

d'avec ce qu'il avoit jugé angulaire; ni discerner avec les yeux, si

ce qu'il avoit senti être en haut ou en bas, étoit en effet en haut ou

en bas. Il parvint, mais ce ne fut pas sans peine, à apercevoir que sa

maison étoit plus grande que sa chambre, mais nullement à concevoir

comment l'oeil pouvoit lui donner cette idée. Il lui fallut un grand

nombre d' expériences réiterées, pour s'assurer que la peinture

représentoit des corps solides; et quand il se fut bien convaincu, à

force de regarder des tableaux, que ce n'étoient point des surfaces

seulement qu' il voyoit, il y porta la main, et fut bien étonné de ne

rencontrer qu' un plan uni et sans aucune saillie: il demanda alors

quel étoit le trompeur du sens du toucher ou du sens de la vue. Au

reste la peinture fit le même effet sur les sauvages, la première fois

qu' ils en virent: ils prirent des figures peintes pour des hommes

vivans, les interrogèrent, et furent tout surpris de n'en recevoir

aucune réponse: cet erreur ne venoit certainement pas en eux du peu d'

habitude de voir.=

[29] =It is, i think, agreed by all that ~distance~ of itself,= and

immediately cannot be seen. For ~distance~ being a line directed

end-wise to the eye, it projects only one point in the fund of the

eye. Which point remains invariably the same, whether the distance be

longer or shorter. -- I find it also acknowledged, that the estimate

we make of the distance of ~objects~ considerably remote, is rather an

act of judgment grounded on ~experience~, than of sense. For example:

When I perceive a great number of intermediate ~objects~, such as

houses, field, rivers, and the like, which I have experienced to take

up a considerable space; I thence form a judgment or conclusion, that

the ~object~ I see beyond them is at a great distance. Again, when

an ~object~ appears faint and small, which at a near distance I have

experienced to make a vigorous and large appearance; I instantly

conclude it to be far off. And this, it is evident, is the result

of ~experience~; without which, from the faintness and littleness,

I should not have inferred any thing concerning the distance of

~objects~.=

[30] Diese Bekanntmachung hatte gleichwohl nicht die gewünschte,

vollständige Wirkung. Wie nicht leicht ein Fremder nach Nürnberg kommt,

ohne sich das Sebaldus-Grab, die Glasmalereien der Lorenz-Kirche, das

Gänsemännchen u. s. w. zeigen zu lassen, so glaubte jetzt Niemand

Nürnberg recht gesehen zu haben, wenn er nicht auch das geheimnißvolle

Adoptiv-Kind dieser Stadt, in Augenschein genommen habe. -- Seit

Kaspars Aufenthalt zu Nürnberg bis jetzt, wo ich dieses schreibe, haben

viele hundert Personen fast aller europäischen Nationen von allen

Ständen, Gelehrte, Künstler, Staatsmänner, Beamte aller Gattungen, hohe

und höchste Personen, ihn gesehen und gesprochen.

[31] Der Psycholog, besonders unser geistreicher ~Schubert~, wird diese

Umstände nicht unbeachtet lassen und in ihnen ein frappantes Zeugniß

für Kaspars damaligen Seelenzustand erkennen.

[32] Ehe er warme Speisen vertragen konnte, hatte er beständig Durst

und trank täglich 10 bis 12 Maas kalten Wassers. Aber auch noch

jetzt ist er ein gewaltiger Wassertrinker, so daß unser berühmter

Wasserdoctor, Prof. Oertel, ihn einem Jeden zum Muster vorstellen

könnte.

[33] Herr ~Merker~ zu Berlin.

[34] Bezieht sich auf einen Fall, wo Kaspar von dem Kaminkehrer, der in

der Küche fegte, sehr erschreckt worden war.

[35] So nennt er immer seine Pflegmutter, die Mutter des Prof. Daumer.

[36] Jeder Schritt und Tritt Kaspars in der folgenden Erzählung wurde

durch Blutspuren nachgewiesen.

[37] Die Blutspuren am Schranke waren noch einige Tage zu sehen.

[38] Die Wirkungen des Schreckens und der Angst, wie treffend, wahr

und naturgemäß erzählt! -- Daß Kaspar nicht durch die schon ~offene~

Kellerthür in den Keller sich verkrochen, daß er selbst zuvor diese

Kellerthür ~aufheben~ mußte und wirklich aufgehoben hat, ist eine nicht

zu bezweifelnde Thatsache; eben so gewiß ist es aber auch, daß dem

Schwächling Kaspar die herkulische Arbeit des Aufhebens der Kellerthür

zu jeder andern Zeit, unter andern Voraussetzungen, ganz unmöglich

gewesen sein würde.

[39] Das diesem Werke beigegebene, nach dem Originalgemälde des Hrn.

~Greil~ verfertigte Bildniß, ist zwar sprechend ähnlich, zeigt aber nur

den heiteren, freundlich lächelnden Kaspar. Seit Verfertigung dieses

Bildnisses hat er sich merklich verändert. Sorgen, Gram und Verdruß

haben die spärlichen Ueberreste verkümmerter Jugendblüthe fast gänzlich

abgestreift. Auf seiner Stirn und um die Augen bilden sich Furchen,

seine Backen werden hängend, die Gesichtsfarbe spielt in's Fahle. Er

ist ein im Finstern gezogenes Gewächs, das, zu spät in's Sonnenlicht

gebracht, nur auf kurze Zeit die Knospen einer Blüthe zeigt und bald

verwelkt.

[40] Ausser zum Reiten, das er noch immer leidenschaftlich liebt.

An Gewandtheit und Eleganz im Reiten, wie im Aufsitzen und Absitzen

kann er es wohl mit dem geschicktesten Stallmeister aufnehmen. Mehren

unserer ausgezeichnetesten Offiziere ist Kaspar in dieser Beziehung ein

Gegenstand der Verwunderung.

[41] Besonders seit dem an ihm verübten Mordversuch.

[42] Aus welcher Lage er jedoch, während ich dieses Werkchen schrieb,

durch die Großmuth des edlen Grafen ~Stanhope~, der ihn als seinen

Pflegsohn förmlich angenommen, endlich erlöst worden ist. Er lebt

jetzt zu Ansbach, wo er einem tüchtigen Schullehrer übergeben wurde,

in dessen häuslicher Pflege er sich zugleich befindet. Später wird er

seinem geliebten Pflegvater, unter sicherer Begleitung, nach England

folgen.

[43] Er wurde in der Religion erzogen, zu welcher die Mehrheit der

Bewohner Nürnbergs sich bekennt, nämlich in der

lutherisch-evangelischen.

Kaspar Hauser · 第 12 / 12 题