Brachte der fast ununterbrochene Umgang mit den Vielen, die sich den
ganzen Tag über zu Kaspar hindrängten, den nicht zu verkennenden
Gewinn, daß er auf kurzem Weg mit vielerlei Dingen und Worten
bekannt wurde, und bald im Verstehen und Sprechen verhältnißmäßig
Fortschritte machte: so war doch offenbar das Allerlei von Menschen,
deren Massen Kaspar Hauser Preis gegeben war, nicht wohl geeignet,
eine naturgemäße Entwickelung dieses verwahrlosten Jünglings zu
fördern. Wohl mochte keine Stunde des Tags vergehen, die ihm nicht
von dieser oder jener Seite her etwas Neues zugeführt hätte. Was ihm
aber auf diese Weise zukam, konnte doch nicht zum kleinsten Ganzen
sich gestalten; alles zusammengenommen häufte sich nur als ein
ungeordnetes, zerstreutes, buntes Allerlei von Hundert und Tausend
Halb- und Viertels-Vorstellungen und Gedanken-Bruchstücken auf- und
nebeneinander. Wurde so die leere Tafel seiner Seele bald genug
beschrieben, so wurde sie doch auch zugleich nur zu bald mit, zum Theil
sogar nichtswürdigen, Dingen überfüllt, entstellt und verwirrt. Der
ungewohnte Eindruck des Lichts und der freien Luft; das befremdende,
meistens auch schmerzerregende Mancherlei, welches unaufhörlich, zu
gleicher Zeit, auf alle seine Sinne einströmte; die Kraftanstrengung,
womit seine wissensdurstige Seele sich aus sich selbst gleichsam
herauszuarbeiten strebte, alles Neue, was sich ihr bot, -- Alles aber
war ihr neu -- zu erfassen, zu umklammern und heishungrig gleichsam
in sich hineinzuschlingen sich abarbeitete: dieses alles war mehr
als ein schwächlicher Körper und ein zartes, beständig gereiztes und
überreiztes Nervensystem ertragen konnte. Ich brachte von meinem
Besuch bei Kaspar am 11. Juli die Ueberzeugung mit mir zurück, welche
ich auch am gehörigen Ort geltend zu machen suchte, daß Kaspar Hauser
entweder an einem Nervenfieber sterben, oder in Wahnsinn oder Blödsinn
untergehen müsse, wenn nicht bald seine Lage geändert werde. Nach
wenigen Tagen gingen meine Besorgnisse zum großen Theil in Erfüllung.
Kaspar wurde krank, wenigstens so kränklich, daß eine gefährliche
Krankheit zu befürchten stand. Sein Arzt, =Dr.= Osterhausen,
äußert sich in seinem deshalb dem Stadtmagistrat erstatteten
berichtlichen Gutachten über Hausers damaligen Gesundheitszustand, wie
folgt:
»Die mannichfaltigen Eindrücke, welche den, bisher in einem Kerker
lebendig begrabenen, von aller Welt abgeschiedenen, sich selbst
überlassenen Kaspar Hauser ringsum bestürmten, als er mit einem
Male in die Welt und unter die Menschen hineingeworfen wurde, und
welche nicht einzeln, sondern in Masse auf ihn einwirkten, die
verschiedenartigsten Eindrücke der freien Luft, des Lichts, der ihn
umgebenden Gegenstände, die ihm alle neu waren, dann das Erwachen
seines geistigen Ichs, seine aufgeregte Lern- und Wißbegierde, seine
veränderte Lebensweise u. s. w., alle diese Eindrücke mußten ihn
nothwendig gewaltsam erschüttern und endlich, zumal bei seinem so sehr
empfindlichen Nervensystem, seiner Gesundheit nachtheilig werden. --
Ich fand ihn, als ich ihn wieder sah, ganz verändert. Er war traurig,
sehr niedergeschlagen und ermattet. Die Reizbarkeit seiner Nerven
war krankhaft erhöht. Seine Gesichtsmuskeln zuckten beständig. Seine
Hände zitterten so sehr, daß er kaum etwas halten konnte. Seine Augen
waren entzündet, konnten das Licht nicht vertragen und schmerzten ihn
bedeutend, wenn er lesen oder einen Gegenstand aufmerksam betrachten
wollte. Sein Gehör war so empfindlich, daß schon jedes laute Sprechen
ihm heftige Schmerzen verursachte und er daher die Musik, die er so
leidenschaftlich liebte, nicht mehr hören konnte. Er hatte Mangel an
Eßlust, mangelhaften, erschwerten Stuhlgang, klagte über Beschwerden
im Unterleibe und fühlte sich durchaus unbehaglich. -- Ich war nicht
wenig wegen seines Zustandes besorgt, da es nicht möglich war, ihm mit
Arzneien beizukommen; theils weil er einen unbezwingbaren Abscheu vor
Allem, Wasser und Brod ausgenommen, hatte, theils weil, wenn er auch
welche hätte nehmen können, zu befürchten war, es möchte selbst das
indifferenteste Mittel zu heftig auf seine so sehr gereizten Nerven
einwirken u. s. w.«
Kaspar Hauser wurde am 18. Juli aus seiner Wohnung auf dem Thurm erlöst
und dem an Geist und Herz gleich vorzüglichen Gymnasial-Professor,
Herrn Daumer, der sich bisher schon der Unterweisung und Bildung dieses
Menschen väterlich angenommen hatte, zur Erziehung und häuslichen
Pflege übergeben. Er fand in der Familie dieses Mannes -- einer
würdigen Mutter und der Schwester seines Erziehers -- gewissermaßen
den Ersatz für diejenigen Wesen, die ihm die Natur gegeben und
Menschenbosheit genommen hatte.
Auf den großen Andrang der Neugierigen, denen Kaspar Hauser bisher im
Thurm Preis gegeben war, mag man aus dem einzigen Umstand den Schluß
ziehen, daß der Magistrat zu Nürnberg, sobald Kaspar dem Professor
Daumer übergeben war, sich veranlaßt sah, am 19. Juli in öffentlichen
Blättern folgendes Publicandum zu erlassen:
»Vom Magistrat der Stadt Nürnberg ist der heimathlose Kaspar Hauser
zur gehörigen Entwickelung seiner körperlichen und geistigen Kräfte
einem besondern, hiezu geeigneten Lehrer übergeben worden. Damit aber
beide hierin keine Störung erleiden, und dem Kaspar Hauser die ihm
in jeder Beziehung höchst nöthige Ruhe zu Theil und erhalten werde,
ist der Erzieher angewiesen worden, keine Besuche bei Hauser mehr
zuzulassen, und das gesammte Publicum wird daher hiermit ebenfalls
angewiesen, sich derselben gänzlich zu enthalten, und sich dadurch
der Wegweisung zu überheben, welche im Falle der Zudringlichkeit mit
polizeilicher Hülfe erfolgen müßte«[30].
Kaspar Hauser bekam zuerst bei Professor Daumer, statt seines
Strohlagers auf dem Thurm, zur Schlafstätte ein ordentliches Bett, was
ihm ganz ausserordentlich behagte. Oefters äußerte er: das Bett sei
das einzige Angenehme, das ihm noch auf dieser Welt vorgekommen; alles
übrige sei gar schlecht. -- Erst seit er in einem Bette schlief, hatte
er Träume, die er aber Anfangs nicht für Träume erkannte, sondern beim
Erwachen seinem Lehrer als wirkliche Begegnisse erzählte, indem er
zwischen Wachen und Träumen erst später einen Unterschied zu machen
lernte[31].
Eine der schwersten Aufgaben war es, ihn an ordentliche Kost zu
gewöhnen, was nur langsam und mit vieler Mühe und Vorsicht gelang[32].
Am frühesten verstand er sich zur Wassersuppe, die ihm täglich mehr
behagte, weshalb er meinte, sie werde täglich besser zubereitet, und
zuweilen fragte: warum man sie ihm denn nicht gleich Anfangs so gut
gemacht habe? Auch Mehlspeisen, Hülsenfrüchte und was sonst mit dem
Brod Aehnlichkeit hat, sagte ihm zu. Indem man ihm erst einzelne
Tropfen Fleischbrühe unter seine Wassersuppe mischte, dann wenige,
stark ausgekochte Fleischfasern ihn zu seinem Brode essen ließ,
und diese Gaben mit Vorsicht nach und nach steigerte, gewöhnte man
ihn allmählig an Fleischspeisen. Prof. Daumer macht in seinen über
Kaspar H. gesammelten Notizen die Bemerkung: »nachdem dieser zuletzt
ordentlich Fleisch essen gelernt, habe sich seine geistige Regsamkeit
vermindert, die Augen hätten ihren Glanz und Ausdruck eingebüßt,
sein lebendiger Trieb nach Thätigkeit habe nachgelassen, und das
Intensive seines Wesens sei in Zerstreuungssucht und Gleichgültigkeit
übergegangen; auch habe seine Fassungskraft bedeutend abgenommen.«
Ob dieses gerade Folge der Fleischspeisen, oder nicht vielmehr Folge
der nun in Abstumpfung übergehenden schmerzhaften Ueberreitzung
gewesen? bleibt wohl mit Recht unentschieden. Mit mehr Zuverlässigkeit
ist hingegen anzunehmen, daß der Genuß warmer Kost und einiger
Fleischspeisen auf sein Wachsthum bedeutenden Einfluß haben mußte; im
Daumerschen Hause wurde er in wenigen Wochen um mehr als zwei Zolle
größer.
Da seine entzündeten Augen und sein mit jeder Anstrengung des Gesichts
verbundenes Kopfweh ihm das Lesen, Schreiben, Zeichnen, unmöglich
machten, beschäftigte ihn Hr. Daumer mit Papparbeiten, worin er sehr
bald nicht geringe Geschicklichkeit erlangte; auch lehrte er ihn das
Schachspiel, das er ebenfalls bald erlernte, und mit Vergnügen übte.
Ausserdem beschäftigte man ihn mit leichten Gartenarbeiten und machte
ihn mit den verschiedenen Erzeugnissen, Erscheinungen und Kräften der
Natur bekannt, wo dann kein Tag verging, der ihn nicht unzählig Neues
gelehrt oder ihm Gegenstände des Befremdens, der Bewunderung, des
Erstaunens zugeführt hätte.
Nicht geringe Mühe und häufige Zurechtweisungen kostete es, ihm
den Unterschied zwischen dem Organischen und Unorganischen, dem
Lebenden und Todten, so wie zwischen freiwilliger und von aussen
mitgetheilter Bewegung begreiflich und geläufig zu machen. Vieles
was eine Menschen- oder Thiergestalt hatte, mochte es aus Stein
gehauen, aus Holz geschnitzt oder gemahlt sein, hielt er noch immer
für beseelt und mit allen den Eigenschaften begabt, die er an sich
selbst oder andern beseelten Wesen wahrnahm. Bei den an den Häusern
der Stadt gemahlten oder ausgehauenen Pferden, Einhörnern, Straußen
&c. kam es ihm sehr verwunderlich vor, daß sie immer an einer Stelle
blieben, und nicht davon liefen. -- Gegen eine Statue in dem Hausgarten
äusserte er seinen Unwillen, daß sie so schmutzig aussehe und sich
doch nicht wasche. -- Als er zum erstenmal das große Cruzifix des
Veit Stoß an der Aussenseite der Sebalduskirche sah, erregte ihm
dieser Anblick Entsetzen und Jammer; er bat flehentlich, man möge
den gequälten Menschen da droben herunternehmen, und wollte sich
lange nicht zufrieden geben, obgleich man ihm zu erklären versucht
hatte, daß dieses kein wirklicher Mensch, sondern nur ein Bild sei
und nichts empfinde. -- Jede Bewegung, die er an was immer für einem
Gegenstande wahrnahm, hielt er für freiwillig und das Ding, woran sie
sich äusserte, für belebt. Ein Blatt Papier, das der Wind herabwehte,
war vom Tisch hinweggelaufen; ein von einer Anhöhe herabrollendes
Kinderwägelchen, machte sich das Vergnügen, sich selbst von der Höhe
herabzufahren. Der Baum bekundete ihm Leben, indem er seine Zweige
und Blätter bewegte, und sprach, wenn der Wind durch seine Blätter
rauschte. -- Einem Knaben, der mit einem Stecken auf den Stamm eines
Baumes schlug, bezeigte er seinen Unwillen darüber, daß er dem Baum
so wehe thue. -- Die Kugeln einer Kegelbahn liefen, nach seinen
Aeußerungen zu schließen, freiwillig, thaten andern Kugeln wehe, und
waren, wenn sie endlich still standen, vom Laufe müde. Prof. Daumer
bemühte sich eine Weile vergebens, ihm die Ueberzeugung beizubringen,
daß eine Kugel sich nicht freiwillig bewege. Es gelang ihm dieses erst
dadurch, daß er Kasparn selbst aus seinem Brod eine Kugel formen, und
ihn dieselbe dann vor sich herrollen ließ. -- Daß ein Brummkreisel, den
er schon eine Weile hatte tanzen lassen, nicht freiwillig sich bewege,
wurde ihm erst klar, als ihm, vom öftern Aufziehen der Schnur, der Arm
wehe that und er sich dadurch seiner eignen Kraft, die er bei jener
Kreiselbewegung verwendet hatte, fühlbar bewußt wurde.
Vollends den Thieren legte er längere Zeit dieselben Eigenschaften,
wie den Menschen bei und schien sie von diesen nur durch ihre Gestalt
zu unterscheiden. Er ärgerte sich darüber, daß die Katze blos mit dem
Mund esse, ohne dabei ihre Hände zu gebrauchen. Er wollte sie dann das
Essen mit den Pfoten lehren, versuchte sie aufrecht gehen zu machen,
sprach mit ihr wie mit seines Gleichen und bezeigte Unwillen, daß sie
gar nicht darauf achte und nichts lernen wolle. Dagegen lobte er gar
sehr die Folgsamkeit eines Hundes. -- Als er eine graue Katze sah,
fragte er, warum sie sich nicht wasche, damit sie weiß werde. -- Da er
Ochsen auf dem Strassenpflaster gelagert sah, verwunderte er sich, daß
sie nicht nach Hause gingen und sich da niederlegten. -- Ganz zuwider
war es ihm, daß die Pferde, Ochsen u. s. w. die Straße verunreinigten,
und nicht, wie er, auf den Abtritt gingen. Sagte man ihm, bei diesem
oder jenem was er von den Thieren verlangte, sie könnten dieses nicht,
so war er gleich mit der Antwort bei der Hand: sie möchten es dann nur
lernen; er habe ja auch schon vieles gelernt, und müsse noch immer
vieles lernen.
Vom Entstehen und Wachsen des Organischen in der Natur hatte er Anfangs
noch weniger eine Vorstellung. Er äusserte sich immer so, als wären
alle Bäume in den Boden hineingesteckt, alle Blätter, Blumen und
Blüthen von Menschen-Händen gemacht und daran gehängt. Den ersten Stoff
zu einer Vorstellung vom Entstehen der Pflanzen gewann er, nachdem er,
auf Geheiß seines Lehrers, mit eigener Hand einige Bohnen in einen
Blumentopf gesteckt hatte, und er diese nun, gleichsam unter seinen
Augen, keimen und Blätter treiben gesehen hatte. -- Ueberhaupt pflegte
er fast bei jedem, ihm neuen und auffallenden Naturgegenstande zu
fragen: wer dieses Ding gemacht habe?
Für die Schönheiten der Natur hatte er fast gar keinen Sinn. Die
Natur schien ihn nur in so weit anzusprechen, als sie seine Neugier
beschäftigte und ihm zu der Frage Anlaß gab: wer dieses oder jenes Ding
gemacht habe? -- Als er zum erstenmal einen Regenbogen sah, bezeigte er
zwar daran in den ersten Augenblicken sein Wohlgefallen, wendete sich
aber doch kurz darauf wieder von diesem Anblick ab, indem die Frage:
wer dieses Ding gemacht habe? ihm weit mehr, als die Herrlichkeit der
Erscheinung selbst am Herzen lag.
Ein Anblick machte jedoch hievon eine merkwürdige Ausnahme und wurde
ein großes ihm unvergeßliches Ereigniß seines mehr und mehr sich
entfaltenden geistigen Lebens. Es war im Monat August (1829), als ihm
an einem schönen heitern Sommerabend sein Lehrer zum erstenmal den
gestirnten Himmel zeigte. Sein Erstaunen und Entzücken überstieg jede
mögliche Schilderung. Er konnte sich nicht satt daran sehen, kehrte
immer wieder zu diesem Anblick zurück, faßte dabei die verschiedenen
Sterngruppen richtig ins Auge, und bemerkte die ausgezeichneten
hellen Sterne mit ihren verschiedenen Farben. »Das«, rief er aus,
»das ist aber doch das Schönste, was ich noch auf der Welt gesehen
habe. Wer aber hat die vielen schönen Lichter da hinaufgestellt? wer
zündet sie an? wer löscht sie wieder aus?« Als man ihm sagte, daß
sie, wie die Sonne, die er schon kenne, immer fortleuchteten, aber
nicht immer gesehen würden, fragte er von neuem: wer sie denn da oben
hinauf gesetzt habe, daß sie immer fortbrennten? Endlich verfiel
er, indem er, gesenkten Kopfes, unbeweglich, mit starren Augen da
stand, in tiefes ernstes Nachdenken. Als er wieder zu sich kam, war
sein Entzücken in Schwermuth übergegangen. Er ließ sich zitternd auf
einen Stuhl nieder und fragte: warum jener böse Mann ihn doch nur
immer eingesperrt gehalten und von allen diesen schönen Sachen ihm
gar nichts gezeigt habe? er (Kaspar) habe doch nichts böses gethan.
Er brach hierauf in ein langes, schwer zu stillendes Weinen aus, und
sagte: man möge nun auch einmal den Mann, bei dem er immer gewesen,
auf ein Paar Tage einsperren, damit er wisse, wie hart dieses sei. Vor
diesem großen Himmelsschauspiele hatte Kaspar noch nie Unwillen gegen
jenen Mann geäussert, noch weniger von einer Bestrafung desselben etwas
wissen wollen. Nur die Müdigkeit und der Schlummer vermochten seine
Empfindungen zur Ruhe zu bringen; er schlief -- was vorher noch nie
geschehen war -- erst gegen 11 Uhr ein.
Ueberhaupt begann er erst in Daumers Familie, wie es schien, über
sein Schicksal nachzudenken und was dieses ihm vorenthalten und
genommen, mehr und mehr zu erkennen und schmerzlich zu empfinden. Erst
hier wurde ihm die Vorstellung von Familie, von Verwandtschaft und
Freundschaft, von dem menschlichen Verhältniß zwischen Aeltern, Kindern
und Geschwistern nahe gebracht; erst hier erhielten die Namen: Mutter,
Schwester, Bruder, für ihn eine Bedeutung, indem Er sah, wie Mutter,
Schwester, Bruder, durch gegenseitige Liebe verbunden, für einander
sorgten und sich wechselseitig zu Gefallen lebten. Er wollte erklärt
haben: was denn eigentlich Mutter sei? was Bruder? was Schwester?
Man suchte ihn so gut als möglich durch eine schickliche Antwort
zu befriedigen. Bald darauf fand man ihn auf seinem Stuhle sitzend
mit Thränen in den Augen, und wie es schien, in tiefe Betrachtungen
versunken. Als er gefragt wurde: was er denn wieder habe? antwortete er
weinend: »er habe darüber nachgedacht, warum denn Er nicht auch eine
Mutter, einen Bruder und eine Schwester habe? denn dies sei doch gar zu
schön.«
Da seine hohe Reizbarkeit zu dieser Zeit das Ausruhen von jeder
geistigen Anstrengung gebot, und vor allem die Kräfte seines
schwächlichen Körpers der Uebung und Stärkung bedurften; so schien,
nebst andern körperlichen Beschäftigungen, besonders auch das Reiten
seiner Gesundheit förderlich werden zu können, zumal er hiezu besondere
Lust bezeigte. Wie früher die hölzernen Rosse, waren schon längst die
lebenden seine Lieblinge geworden. Unter allen Thieren war ihm das
Pferd das schönste Geschöpf, und wenn er einen Reiter sein Roß tummeln
sah, quoll seine Brust von dem Wunsche über: wenn er doch auch einmal
so ein Roß unter sich haben könnte! Der Stallmeister zu Nürnberg,
Herr von Rumpler, hatte bald die Gefälligkeit, diese Sehnsucht zu
stillen; er nahm unsern Kaspar unter seine Schüler auf. Kaspar, mit
der gespanntesten Aufmerksamkeit alles beobachtend, was ihm und andern
Scholaren von dem Lehrer gezeigt und vorgemacht wurde, hatte sich
schon in der ersten Stunde die Hauptregeln und Elemente der Reitkunst
nicht blos gemerkt, sondern auch, nach den ersten Versuchen, sogleich
angeeignet; und in wenigen Tagen war er bereits so weit, daß Scholaren,
junge und alte, die schon mehre Monate lang Unterricht genossen hatten,
in ihm ihren Meister erkennen mußten. Seine Haltung, sein Muth, die
richtige Führung des Pferdes, setzten Jedermann in Erstaunen, und
er traute sich zu, was, ausser ihm und seinem Lehrer, Niemand zu
unternehmen wagte. Als einst der Stallmeister auf der Reitbahn ein
eigenwilliges türkisches Roß umhergetummelt hatte, schreckte ihn dieser
Anblick so wenig, daß er dieses Pferd sich selbst zum Reiten ausbat. --
Nachdem er sich einige Zeit lang geübt hatte, wurde ihm die Reitschule
zu eng; er verlangte mit seinem Roß ins Freie und hier bewies er dann,
nebst Geschicklichkeit, eine so unermüdliche Ausdauer, Härte und
Zähigkeit des Körpers, daß es ihm die Geübtesten hierin kaum gleich
thun konnten. Am liebsten hatte er muthige und harttrabende Pferde. Er
ritt oft viele Stunden lang ununterbrochen, ohne müde zu werden, ohne
sich wund zu reiten, oder nur in den Schenkeln oder im Gesäß Schmerzen
zu empfinden. An einem Nachmittag ritt er, fast beständig in vollem
Trab, von Nürnberg auf die sogenannte alte Veste und von da wieder
zurück; und dieser Schwächling, der um dieselbe Zeit von einigen Gängen
in der Stadt so müde geworden war, daß er sich um ein Paar Stunden
früher als gewöhnlich erschöpft zu Bett legen mußte, kam von jenem
gewaltigen Ritt wieder so frisch und kräftig nach Haus, als wenn er
im Schritt nur von einem Thor der Stadt zum andern geritten wäre. Er
scherzte zuweilen über die Unempfindlichkeit seines Gesäßes, indem er
sagte: wäre alles an mir so gut, wie mein Hintertheil, so stünde es
sehr gut mit mir. Daß das vieljährige Sitzen auf hartem Boden an dieser
Unempfindlichkeit seines Hintertheils den meisten Antheil habe, wie
Professor Daumer vermuthet, ist allerdings nicht unwahrscheinlich. Man
könnte jedoch überdies, aus der Pferdelust Hausers und seiner gleichsam
instinktmäßigen Reitergeschicklichkeit, den nicht ganz unhaltbaren
Schluß ziehen: er möge von Geburt einer Reiternation angehören.
Denn daß ursprünglich nur durch Kunst erworbene Fertigkeiten, mehre
Generationen hindurch fortgesetzt, zuletzt sich als habituelle Neigung
und besonders ausgezeichnete Anlage fortpflanzen können, ist nicht
unbekannt, wofür die Schwimmfertigkeit der Südsee-Insulaner, die
Scharfsichtigkeit der Jägernationen Amerika's u. s. w. als Beispiele
dienen. Wenn ein gewisser feinriechender Polizeimann[33] durch das
auffallende Reitertalent Kaspars zu der Vermuthung verleitet wurde:
Kaspar sei vielleicht ein junger englischer Reiter, der seiner Bande
entlaufen, um auf eigne Rechnung mit den gutmüthigen Nürnbergern
Komödie zu spielen, so wird nicht leicht Jemand dem Erfinder die Ehre
seiner Hypothese streitig machen wollen.
Was, nächst dem seltenen Reitertalent Hausers, während seines
Aufenthalts bei Prof. Daumer, als Eigentümlichkeit sich besonders
bemerklich machte, war die fast übernatürliche Beschaffenheit, Schärfe
und Erhöhung aller seiner Sinne.
Was das ~Sehen~ betrifft, so gab es für ihn keine Dämmerung, keine
Nacht, keine Finsterniß. Man wurde hierauf zuerst aufmerksam, als man
bemerkte, daß er bei Nacht überall hin mit der größten Sicherheit
vorwärts schreite, und daß er, so oft er an einen dunklen Ort ging,
das ihm angebotene Licht ausschlug. Mit Verwunderung oder Lachen
sah er öfters den Leuten zu, die an dunkeln Orten z. B. Nachts beim
Eintritt in das Haus und beim Treppensteigen, durch Tappen und Anhalten
sich zu helfen suchten. Im Dämmerlicht sah er sogar bei weitem besser
als am hellen Tage. So las er, nach Untergang der Sonne, auf der
Straße eine Hausnummer, die er bei Tage wenigstens in solcher Ferne
nicht würde erkannt haben, auf ungefähr 180 Schritte weit. Bei tiefer
Dämmerung machte er einst seinen Lehrer auf eine Mücke aufmerksam,
die in einem sehr entfernten Spinnegewebe hing. In einer Entfernung
von gewiß 60 Schritten unterschied er die Beeren der Trauben von den
Hollunderbeeren, und diese von Schwarzbeeren. Bei völliger Nacht
unterschied er, nach sorgfältig mit ihm angestellten Versuchen, die
Farben, selbst verschiedene dunkle Farben, wie die blaue und grüne.
Wenn, bei einbrechender Dämmerung, ein gewöhnliches weitsichtiges
Auge nur erst drei oder vier Sterne am Himmel sah, erkannte er
bereits die Sterngruppen und wußte die einzelnen Sterne darin, nach
ihrer Größe und eigenthümlichem Farbenspiel zu unterscheiden. Vom
Nürnberger Schloßzwinger aus zählte er eine Reihe Fenster des Schlosses
Marloffstein, und von der Burg aus die Fensterreihe eines unterhalb der
Festung Rothenberg liegenden Hauses. Sein Auge war eben so scharf in
der Nähe, als weittragend in die Ferne. Bei Zergliederung von Blumen
bemerkte er feine Unterschiede und zarte Theile, welche der Beobachtung
Andrer ganz entgangen waren.
Fast nicht minder scharf und weitreichend war sein ~Gehör~. In
einer verhältnißmäßig sehr großen Entfernung, hörte er bei einem
Spaziergang auf dem Feld die Tritte mehrer Wandrer und unterschied
diese Tritte nach ihrer Stärke. Einst hatte er Gelegenheit, die
damalige Schärfe seines Gehörs mit dem noch feinern eines Blinden zu
vergleichen, der jeden, auch noch so leisen Tritt eines Barfüßigen
bemerkte. Bei dieser Gelegenheit äusserte er: früher sei sein Gehör
eben so scharf gewesen, habe aber, seitdem er Fleisch zu essen
angefangen, bedeutend abgenommen, so daß er nicht mehr durchs Gehör so
fein unterscheiden könne, wie dieser Blinde.
Unter allen Sinnen war es der ~Geruch~, der sich ihm am zudringlichsten
und peinlichsten erwies, und ihm vor allem andern das Leben auf dieser
Welt zur Qual machte. Was für uns geruchlos ist, war es nicht für ihn;
die feinsten lieblichsten Gerüche der Blumen, z. B. der Rose, waren
ihm Gestank oder afficirten schmerzlich seine Nerven. Was uns Andern
allenfalls blos in der Nähe durch den Geruch sich ankündigt, roch er in
der weitesten Ferne. Mit Ausnahme des Geruchs von Brod, Fenchel, Anis,
Kümmel, an die er sich, wie er versichert, schon in seinem Gefängniß
gewöhnt hatte, -- denn sein Brod war mit diesen Gewürzen bestreut --
waren alle Arten von Gerüchen ihm mehr oder weniger widerlich. Als er
einst gefragt wurde: welcher Geruch ihm der angenehmste sei? antwortete
er: »gar keiner.« Seine Spaziergänge oder Spazierritte, da sie ihn bald
an Blumengärten, bald an Tabaksfeldern, bald an Nußbäumen oder anderen,
seinem Geruch empfindlichen, Pflanzen vorbeiführten, wurden ihm dadurch
oft gar sehr verleidet, und er mußte dann seine Erholungen in freier
Luft mit Kopfweh, Angstschweiß und Fieberanfällen bezahlen. Tabak, der
auf dem Feld in der Blüthe stand, roch er auf mehr als 50 Schritte; zum
Trocknen aufgehängte Tabaksbündel -- wie sie in den Dörfern um Nürnberg
an den Häusern hängen -- auf mehr als 100 Schritte. Aepfel-, Birn- und
Zwetschenbäume konnte er schon am Geruch ihrer Blätter aus der Ferne
von einander unterscheiden. Die verschiedenen Farbstoffe an den Wänden,
Geräthschaften, Kleidern u. s. w., die Pigmente, mit denen er seine
Bilder illuminirte, Tinte, Bleistift, womit er schrieb, alles was ihn
umgab oder ihm nahte, hauchte ihm widerliche oder schmerzliche Gerüche
entgegen. Wenn auf der Straße ein Schornsteinfeger mehre Schritte
vor ihm hinging, wendete er vor dem Geruch desselben schaudernd sein
Gesicht ab. Auf den Geruch eines alten Käses wurde ihm unwohl und
er mußte sich erbrechen. Als er einst Essig roch, der einen starken
Schritt von ihm entfernt stand, wirkte dessen Schärfe so sehr auf seine
Geruchs- und Augennerven, daß ihm das Wasser aus den Augen trat. Wenn
Wein, in ziemlicher Entfernung von ihm, auf dem Tische eingeschenkt
stand, so klagte er über widrigen Geruch und über Hitze im Kopf. Mit
einer geöffneten Champagner-Flasche konnte man ihn zuverlässig vom
Tische jagen oder krank machen. Was wir übelriechend nennen, schien
ihn weit weniger unangenehm zu afficiren, als unsere Wohlgerüche. So
sagte er z. B. er wolle weit lieber Katzenkoth riechen, weil er ihm
weniger im Kopf weh thue, als Pomade, und weit lieber jede Art Koth,
als kölnisches Wasser oder gewürzte Chocolade. Der Geruch von frischem
Fleisch war ihm der schrecklichste von allen; sogar der Gestank von
Katzenkoth und der Geruch von Stockfischen war ihm erträglicher. Als
Professor Daumer (im Herbst 1828) mit Kaspar dem Johanniskirchhofe bei
Nürnberg nahe kam, wirkte der Todengeruch, von welchem Professor Daumer
selbst nicht das mindeste spürte, so stark auf ihn, daß er sogleich zu
frieren anfing und die Gebehrden des Schauders machte. Der Frost ging
bald nachher in Fieberhitze über, die zuletzt in einen heftigen Schweiß
ausbrach, der sein Hemd durch und durch tränkte. Solche Hitze, sagte
er später, habe er noch nie empfunden. Auf dem Rückweg in der Nähe des
Stadtthors wurde ihm wieder wohl; doch klagte er, daß es ihm vor seinen
Augen dunkler geworden sei. Aehnliche Zufälle erlitt er, als er einmal
(am 18. September 1828) lange neben einem Tabaksfelde herzugehen hatte.
Auf die besondere Beschaffenheit des ~Gefühlvermögens~ Kaspars
und dessen Empfänglichkeit, besonders für Metallreize, ward Prof.
Daumer zuerst aufmerksam, als jener sich noch auf dem Thurm befand.
Hier machte ihm einst ein Fremder ein Geschenk mit einem Spielpferdchen
und einer kleinen Magnetstange, womit jenes, welches vorn mit Eisen
beschlagen war, im Wasser schwimmend herumgezogen werden konnte. Als
Kaspar den Magnet, nach der Anweisung gebrauchen wollte, fühlte er
sich von demselben sogleich auf das unangenehmste afficirt, verschloß
dieses Spielzeug alsbald in das dazu gehörige Kästchen, und holte es
nie wieder aus demselben hervor, um es -- wie er mit seinen andern
Spielsachen zu thun pflegte -- den Besuchenden zu zeigen. Späterhin
über den Beweggrund seines Benehmens befragt, äusserte er: jenes
Pferdchen habe ihm einen Schmerz verursacht, den er durch den ganzen
Leib in allen Gliedern gespürt habe. Nachdem er zu Prof. Daumer
gezogen war, hielt er das Kästchen mit dem Magnet in einem Koffer
verwahrt, aus welchem es einmal beim Aufräumen seiner Sachen zufällig
wieder zum Vorschein kam. Professor Daumer, der sich der frühern
Erscheinung erinnerte, kam jetzt auf den Gedanken, mit dem Magnet des
Pferdchens an Kaspar einen Versuch zu machen. Kaspar spürte sogleich
die auffallendsten Wirkungen. Hielt Professor Daumer den Nordpol gegen
ihn, so griff Kaspar in die Gegend der Herzgrube, und zog seine Weste
auswärts, indem er sagte: ~so ziehe es ihn, es gehe wie ein Luftzug
von ihm aus~. Der Südpol wirkte weniger stark auf ihn und er sagte
von ihm: ~es wehe ihn an.~ Prof. Daumer und Prof. Herrmann machten
hierauf verschiedentlich ähnliche Versuche mit ihm, welche zugleich
darauf berechnet waren, ihn irre zu führen; doch immer sagten ihm jene
Empfindungen ganz richtig, und zwar bei bedeutender Ferne des Magnets,
wann der Südpol oder der Nordpol oder auch keiner von beiden ihm
zugewendet war. Lange durften solche Versuche nicht fortgesetzt werden,
weil ihm bald der Schweiß auf die Stirne trat und er sich unwohl fühlte.
Ueber seine Empfindlichkeit gegen andere Metalle und dessen Gabe, sie
durch das bloße Gefühl zu unterscheiden, hat Prof. Daumer sehr viele
Thatsachen gesammelt, aus welchen ich jedoch nur Einige heraushebe.
Im Herbst 1828 kam er einst zufällig in ein mit Metall- besonders
Messing-Waaren angefülltes Gewölbe. Kaum war er eingetreten, so eilte
er unter Aeusserungen heftigen Schauders, wieder auf die Strasse
hinaus, indem er sagte: da drinnen ziehe es ihn am ganzen Körper, von
allen Seiten. -- Ein ihn besuchender Fremder drückte ihm einmal ein
kleines Goldstück, ungefähr von der Größe und Dicke eines Kreuzers
in die Hand, ohne daß Kaspar es ansehen konnte; dieser aber sagte
sogleich: er fühle Gold in seiner Hand. -- Prof. Daumer legte einst
in Kaspars Abwesenheit einen goldnen Ring, einen Zirkel von Stahl
und Messing, nebst einer silbernen Reißfeder unter Papier, so daß es
unmöglich war, zu bemerken, was darunter verborgen sei. Daumer befahl
ihm, mit seinem Finger, jedoch ohne das Papier zu berühren, darüber
hinzufahren; es geschah und an der Verschiedenheit und Stärke des Zugs,
den die Metalle gegen seine Fingerspitzen ausübten, unterschied er
richtig alle jene Gegenstände, nach ihrem Stoff, wie nach ihrer Form.
-- Einst führte Daumer, als gerade der Arzt =Dr.= Osterhausen
und der Königliche Kronfiskal Brunner aus München zugegen waren, den
Kaspar, um ihn auf die Probe zu stellen, zu einem mit einer Wachsdecke
überzogenen Tisch, auf welchem ein Bogen Papier lag, und forderte ihn
auf, zu sagen, ob kein Metall darunter liege? Er fuhr mit dem Finger in
einiger Entfernung darüber hin und sagte dann: da zieht es! »Diesmal
aber,« erwiderte Daumer, »hast Du Dich denn doch getäuscht; denn
siehe (indem er den Bogen Papier aufhob) es liegt nichts darunter.«
Hauser zeigte sich Anfangs betroffen, fühlte aber doch von neuem nach
der Stelle hin, wo er den Zug gespürt haben wollte, und versicherte
wiederholt: da fühle er einen Zug. Man hob nun die Wachsdecke auf,
suchte genau nach, und es kam eine Nadel zum Vorschein. -- Das Gefühl,
welches ihm Mineralien erregten, bezeichnete er durch ein Ziehen, das
ihn zugleich mit Kälte überlaufe, nach Verschiedenheit der Gegenstände,
in seinem Arm mehr oder weniger hoch aufsteige, und auch sonst noch
sich eigenthümlich unterscheide. Dabei schwollen ihm sichtbar die Adern
der Hand, die dem Metallreitze ausgesetzt gewesen war. Gegen Ende
des Decembers 1828 -- wo die krankhafte Reitzbarkeit seiner Nerven
beinahe schon ganz gehoben war -- verschwand auch allmählig seine
Empfindlichkeit für Metallreitze und verlor sich endlich ganz.
Nicht minder auffallend äußerte sich in ihm der ~thierische~
Magnetismus, für welchen er weit längere Zeit, als für Metallreitze
Empfänglichkeit behielt. Da jedoch diese Erscheinungen an Kaspar
im Wesentlichen mit ähnlichen bekannten übereinstimmen, so ist es
überflüssig, ins Einzelne einzugehen, und es dürfte wohl nur zu
bemerken sein, daß er die Empfindung des auf ihn einströmenden
magnetischen Fluidums immer ein Anblasen nannte. Solche magnetische
Empfindungen hatte er nicht blos bei Menschen, wenn diese mit der
Hand ihn berührten, die Fingerspitzen, selbst in einiger Entfernung,
gegen ihn ausstreckten u. s. w., sondern auch bei Thieren. Wenn er ein
Pferd anfaßte, ging es ihm, wie er sagte, kalt den Arm hinauf; setzte
er sich darauf, so war ihm, als gehe ihm ein Luftzug durch den Leib.
Diese Empfindungen vergingen jedoch sobald er sich mit seinem Pferd
ein Paarmal auf der Reitbahn herum getummelt hatte. Griff er eine
Katze beim Schweif an, so überfiel ihn ein starker Kälteschauder und
es war ihm, als habe er einen Schlag auf die Hand bekommen. -- Im März
1829 wurde er zum erstenmal in eine Hütte geführt, worin ausländische
Thiere zu sehen waren, und, nach seinem Wunsch, auf den dritten Platz
gestellt. Sogleich beim Eintritt empfand er ein Fieberfrösteln, das,
als die gereitzte Klapperschlange zu rasseln begann, viel stärker
wurde, und bald in Hitze mit vielem Schweiß überging. Der Blick der
Schlange war dem Platze, wo er stand, nicht zugewendet. Er war sich
übrigens dabei, wie er versicherte, weder des Schreckens noch der
Furcht bewußt.
Wir verlassen nunmehr die physische und physiologische Seite Kaspars,
um in eine tiefere Region seines Wesens einige Blicke zu werfen, die,
indem sie uns die Schärfe seines natürlichen Verstandes verrathen,
zugleich auf sein Lebens-Schicksal und auf die gänzliche Verwahrlosung,
worin menschliche Verruchtheit ihn versenkt hatte, den bündigsten
Schluß ziehen lassen. In seiner Seele voll kindlicher Güte und Milde,
die ihn unfähig machte, einem Wurm oder einer Fliege, geschweige
einem Menschen wehe zu thun, welche in jeder Beziehung so fleckenlos
und rein sich erwies, wie der Abglanz des Ewigen in der Seele eines
Engels, brachte er, wie schon früher bemerkt worden, keine Idee,
keine Ahnung von Gott, keinen Schatten eines Glaubens an irgend ein
höheres, unsichtbares Dasein, aus seinem Kerker mit sich in die Welt
des Lichts. Wie ein Thier aufgefüttert, selbst im Wachen schlafend,
in der Wüste seines engen Kerkerraums von nichts angeregt, als von
den gröbsten thierischen Bedürfnissen, mit nichts beschäftigt als
mit seinem Futter und mit dem ewigen Einerlei seiner Rosse, war
sein Seelenleben dem Leben der Auster zu vergleichen, die am Felsen
klebend, nichts empfindet als ihren Fraß, nichts vernimmt als den
ewig einförmigen Schlag der Wellen, und, da im engen Raum ihres
Gehäuses auch die beschränkteste Vorstellung von einer Welt ausser
ihr keinen Platz findet, noch weniger von demjenigen etwas zu ahnen
vermag, was ~über~ der Erde und über allen Welten ist. So kam
denn Kaspar freilich ohne Vorurtheile, aber auch ohne allen Sinn für
Unsichtbares, Unkörperliches, Ewiges auf die obere Welt, wo er, vom
betäubenden Strudel der Aussendinge erfaßt und umhergetrieben, mit den
sichtbaren Wirklichkeiten schon allzuviel zu thun hatte, als daß auch
noch das Bedürfniß zum Unsichtbaren in ihm so leicht hätte aufkommen
können. Nichts hatte Anfangs Wirklichkeit für ihn, als was er sehen,
hören, fühlen, riechen und schmecken konnte; und sein erwachter,
bald auch grübelnder Verstand ließ von allem dem nichts gelten, was
nicht auf seinem sinnlichen Bewußtsein fußte, nicht in den Bereich
seiner Sinne gestellt, in die Form eines ihm nahe liegenden groben
Verstandesbegriffs gebracht werden konnte. Lange waren alle Bemühungen,
auf gewöhnlichem Weg religiöse Vorstellungen in ihm zu erwecken, ganz
fruchtlos. Gegen Professor Daumer beklagte er sich ganz naiv, daß er
gar nicht wisse, was doch die Geistlichen mit allen den Dingen wollten,
die er nicht begreifen könne. Um seinen plump materialistischen
Vorstellungen etwas abzugewinnen, versuchte es Professor Daumer
auf folgende Weise, ihn wenigstens vorläufig für die Denkbarkeit
und Möglichkeit einer unsichtbaren Welt, besonders einer Gottheit,
empfänglich zu machen. Daumer fragte ihn: ob er nicht Gedanken,
Vorstellungen und einen Willen in sich habe? und, als er es bejahte:
ob er diese sehen, hören u. s. w. könne? Da er mit Nein antwortete,
machte ihm sein Lehrer bemerklich: wie es folglich, nach seinem eignen
Bewußtsein, Dinge gebe, die man nicht sehen, noch sonst äusserlich
wahrnehmen könne. Kaspar gestand dieses zu und war sehr erstaunt über
die Entdeckung der unkörperlichen Natur seines innern Wesens. Daumer
fuhr fort: »ein Wesen, das Denken und Wollen könne, heiße ein Geist,
Gott sei nun ein solcher Geist und verhalte sich zu der Welt, wie
Kaspars eignes Denken und Wollen zu seinem Körper; wie er (Kaspar)
in seinem Körper durch unsichtbares Denken und Wollen sichtbare
Veränderungen hervorbringen, z. B. seine Hände und Füße bewegen könne,
so könne es auch Gott in der Welt; Er sei das Leben in allen Dingen,
Er sei der in der ganzen Welt wirkende Geist.« -- Professor Daumer
befahl ihm jetzt, seinen Arm zu bewegen, und fragte ihn: »ob er nicht
zu gleicher Zeit auch den andern Arm aufheben und bewegen könne?«
Allerdings! »Nun denn,« fuhr Daumer fort, »so siehst Du also daraus,
daß Dein unsichtbares Denken und Wollen, das ist Dein Geist zu gleicher
Zeit in zweien Deiner Glieder, also an zwei verschiedenen Orten
zugleich sein und wirken kann. Dieses ist denn eben so bei Gott, aber
im Großen, und nun wirst Du ungefähr verstehen, was das heißt: Gott ist
allgegenwärtig.« -- Kaspar bezeigte große Freude als ihm dieses klar
geworden war und äusserte zu seinem Lehrer: was er ihm da gesagt habe,
sei doch etwas »Wirkliches«, während andere Leute nie etwas Rechtes
ihm darüber gesagt hätten. -- Belehrungen, wie die oben bemerkten,
hatten übrigens lange Zeit keine andere Folge, als daß Hauser gegen
die Idee von Gott sich nicht mehr widerspenstig bezeigte und nun der
Weg gefunden war, auf welchem man religiöse Vorstellungen seiner
Seele nahe bringen könne. Der ihm eingebohrne Pyrrho kam indessen bei
vielen Gelegenheiten immer wieder von neuem, in veränderter Gestalt
und nach andern Richtungen hin zum Vorschein. -- Einmal fragte er:
ob er von Gott etwas Bestimmtes bitten dürfe und ob ihm das Gebetene
auch gewährt werde? z. B. wenn er Gott bitte, ihm von seinem (damals
eingetretenen) Augenübel zu helfen? Allerdings, war die Antwort, dürfe
er bitten; nur müsse er es der Weisheit Gottes anheimstellen, ob dieser
es auch für gut finde, ihm seine Bitte zu gewähren. »Aber, erwiderte
er hierauf, ich will ja meine Augen wieder haben, damit ich lernen und
arbeiten kann, und das muß ja doch gut für mich sein; Gott kann also
nichts dagegen haben.« Wurde er hierauf belehrt: Gott habe zuweilen
seine unerforschlichen Gründe, uns auch das, was uns gut scheint, zu
versagen, um uns z. B. durch Leiden zu prüfen, in Geduld zu üben u. s.
w. so gingen diese Lehren immer nur kalt an ihm vorüber, und fanden
keine Anerkennung. -- Seine Zweifel, Fragen und Einwendungen setzten
nicht selten seinen Lehrer in nicht geringe Verlegenheit; z. B. als
er einst, da von Gottes Allmacht die Rede war, die Frage stellte: ob
denn Gott, der Allmächtige, auch die Zeit könne rückgängig machen? eine
Frage, welche auf sein früheres Lebensschicksal eine ironische bittere
Beziehung hatte, und im Hintergrund die Frage versteckte: ob denn Gott
seine Kindheit und Jugend, die er lebendig in einem Grabe verloren, ihm
wieder zurückgeben könne? -- Aus diesem wenigen mag man schließen, wie
es vollends mit der positiven Religion, mit der christlichen Dogmatik,
mit dem Geheimniß der Versöhnungslehre und andern dergleichen Lehren
stand, worüber seine Aeusserungen anzuführen ich mich gern enthalte.
Vor zwei Ständen hatte Kaspar geraume Zeit einen nicht zu bezwingenden
Abscheu, -- vor den Aerzten und den Geistlichen; vor den ersten »wegen
der abscheulichen Arzneien, die sie verschrieben, und womit sie die
Leute krank machten«; vor den letzten, weil sie ihn ängstigten und
durch unverständliches Zeug, wie er sich ausdrückte, verwirrten. Sah
er einen Pfarrer, so gerieth er in Schreck und Entsetzen. Fragte man
ihn um die Ursache, so antwortete er: »weil mich diese Leute schon
sehr gepeinigt haben. Einmal sind ihrer vier auf einmal zu mir auf den
Thurm gekommen und haben mir Dinge gesagt, die ich damals gar nicht
verstanden habe, z. B., daß Gott Alles aus Nichts geschaffen. Wenn
ich um Erläuterung bat, so schrieen alle zusammen und jeder sagte
etwas anderes. Als ich ihnen sagte: das alles verstehe ich jetzt noch
nicht, ich müsse zuerst lesen und schreiben lernen, so antworteten
sie mir: jene Dinge müsse man zuerst lernen. Auch sind sie nicht eher
fortgegangen, bis ich ihnen das Verlangen zu erkennen gab, sie möchten
mich doch endlich einmal in Ruhe lassen.« In Kirchen war es daher
Kasparn ebenfalls gar nicht wohl zu Muthe. Die Cruzifixe darin erregten
ihm ein entsetzliches Schaudern, indem seine Vorstellung noch lange
Zeit den Bildern unwillkührlich Leben verlieh. Das Singen der Gemeinde
dünkte ihm ein widerliches Schreien. Zuerst, sagte er einmal nach einem
Kirchenbesuche, schreien die Leute, und, wenn diese aufhören, fängt der
Pfarrer zu schreien an.