V.

Schon war Kaspar Hauser weit über einen Monat zu Nürnberg, als ich

unter den neuesten Neuigkeiten von diesem Findling erzählen hörte.

Amtliche Anzeigen über dieses Ereigniß waren den obersten Behörden der

Provinz noch nicht zugekommen. Blos als Privatmann, aus menschlichem

und wissenschaftlichem Interesse, begab ich mich daher am 11. Juli

(1828) nach Nürnberg, um diese in ihrer Art einzige Erscheinung zu

beobachten.

Kaspar hatte damals noch immer seine Wohnung auf dem Luginsland am

Vestner-Thore, wo Jedermann zu ihm gelassen wurde, der ihn zu besehen

Lust hatte. -- Wirklich genoß Kaspar vom Morgen bis zum Abend kaum

eines geringeren Zuspruchs, als das Känguru und die zahme Hyäne in der

berühmten Menagerie des Herrn van Aken.

So machte ich mich denn, in Begleitung des Herrn Obristen von D.,

zweier Damen und zweier Kinder, ebenfalls zu ihm auf den Weg, und traf

glücklicherweise eine Stunde, wo der Schauplatz keinen andern Zuspruch

hatte.

Kaspars Wohnung war ein kleines, doch reinliches helles Stübchen,

dessen Fenster ins Freie geht, wo sich dem Aug eine weite freundliche

Landschaft darbietet. Wir trafen ihn barfuß, mit ein Paar alten langen

Beinkleidern bekleidet, übrigens bloß im Hemde.

Die Wände des Zimmers, so weit man reichen konnte, hatte sich Kaspar

mit gemalten Bilderbogen -- Geschenke der vielen Besuchenden --

ausgeschmückt. Er klebte sie jeden Morgen von neuem mit seinem,

~damals wie Leim zähen Speichel~[23] an die Wand, und nahm

sie, sobald es dämmerig wurde, wieder herab, um sie neben sich

zusammenzulegen. Auf der an den Wänden umherlaufenden, festgemachten

Bank befand sich in der Ecke sein Bett -- ein Strohsack, mit einem

Kopfkissen und einer wollenen Decke. -- Der ganze übrige Raum der Bank

war dicht mit einer Menge des mannichfaltigsten Kinderspielzeugs, mit

Hunderten bleierner Soldaten, mit hölzernen Hündchen, Pferdchen und

andern Nürnberger Waaren überdeckt. Bei Tag beschäftigte er sich jetzt

schon wenig damit; doch machte er sich noch die nicht geringe Arbeit,

alle diese Sachen und Sächelchen Abends sorgfältig zusammenzulegen,

dann, sogleich nach seinem Erwachen, wieder auszupacken und in eine

gewisse Ordnung neben einander zu reihen. Der Wohlthätigkeitssinn der

wackern Nürnberger hatte ihn überdies mit mehren Kleidungsstücken

beschenkt, die er unter seinem Kopfkissen verwahrte und uns mit

kindischem Behagen, nicht ohne einige Eitelkeit, vorzeigte. Auf der

Bank, unter den Spielsachen, lagen auch verschiedene Geldstücke umher,

denen er aber keine Aufmerksamkeit schenkte. Ich nahm davon einen

beschmuzten Kronenthaler und einen noch ganz neuen Vierundzwanziger

in die Hand, ihm andeutend: welches von beiden Stücken er am liebsten

habe? Er wählte das kleine, glänzende; das große nannte er garstig,

und machte dabei die Miene des Widerwillens. Als ich ihm begreiflich

zu machen suchte, daß gleichwohl das größere Stück mehr werth sei, und

daß man dafür bei weitem mehr schöne Sachen bekommen könne, als für das

kleine, horchte er zwar aufmerksam zu, verfiel auch sogleich in starres

Nachdenken, gab mir aber zuletzt zu erkennen, daß er nicht wisse, was

ich sagen wolle.

Er zeigte, als wir bei ihm eintraten, nichts weniger als Menschenscheu

oder Schüchternheit, vielmehr zutrauliches Entgegenkommen, und Freude

über unsern Besuch. Am ersten machte er sich mit der glänzenden

Uniform des Obristen zu schaffen; den von Gold strahlenden Helm

konnte er nicht satt werden zu bewundern; dann zogen die Frauenzimmer

mit ihren bunten Kleidern seine Aufmerksamkeit auf sich; ich, in

einem bescheidenen schwarzen Frack, wurde Anfangs kaum eines Blicks

gewürdigt. Jeder von uns stellte sich ihm besonders vor und nannte

ihm seinen Namen und Titel. Kaspar trat bei jeder solchen Vorstellung

nahe zu dem Vorgestellten hin, sah ihn scharf stierend an, überflog

mit schnellem durchdringendem Blick, der Reihe nach, jeden besondern

Theil des Gesichts, als: Stirn, Augen, Nase, Mund, Kinn &c. und

faßte ganz zuletzt, wie ich deutlich beobachtete, die erst stückweis

zusammengelesenen Theile der Physiognomie in ein Ganzes zusammen.

Er wiederholte hierauf den Namen der Person, den man ihm vorgesagt

hatte. Und nun kannte er die Person, und kannte sie, wie die spätern

Erfahrungen zeigten, für immer.

Seine Augen wendete er, so viel er nur konnte, vom hellen Tageslicht

ab. Dem vom Fenster her gerade einfallenden Sonnenstrahl wich er auf

das sorgfältigste aus. Hatte einmal zufällig ein solcher Strahl seine

Augen getroffen, so blinzte er heftig, runzelte die Stirn und verrieth

unverkennbar Schmerzen; seine Augen waren überdies etwas entzündet und

zeigten überhaupt große Empfindlichkeit gegen das Licht.

Die linke Hälfte seines, in späterer Zeit vollkommen regelmäßigen,

Gesichts, war damals auffallend von der rechten Seite desselben

verschieden. Jene war merklich verzogen und verzerrt; öfters fuhren

heftige Zuckungen, wie Blitze, darüber hin. An diesen Zuckungen nahm

stets die linke Seite des ganzen Körpers, besonders der Arm und

die Hand, sichtbaren Antheil. Wurde ihm Etwas gezeigt, was seine

Neugier in Bewegung setzte, sprach man ein ihm auffallendes, nicht

verständliches Wort, sogleich stellten sich diese Zuckungen ein, die

meistentheils zuletzt in eine Art von Erstarrung übergingen. Er stand

dann unbeweglich da, keine Muskel des Gesichts regte sich, die Augen

stierten, ohne zu blinzeln, wie leblos vor sich hin; er stellte eine

Bildsäule dar, die weder sieht noch hört, und durch keine äußern

Eindrücke zu einer Lebensregung geweckt werden kann. Diesen Zustand

konnte man an ihm beobachten, so oft er über etwas nachsann, so oft er

zu einem neuen Wort den entsprechenden Begriff, zu einem neuen Ding

das entsprechende Wort suchte, oder irgend etwas ihm noch Unbekanntes

an schon Bekanntes anzuknüpfen, jenes aus diesem sich begreiflich zu

machen bestrebte.

Die Worte, die er sagen konnte, sprach er bestimmt und deutlich,

ohne Stocken oder Stammeln. Allein an eine zusammenhängende Rede

war bei ihm noch nicht zu denken, und seine Sprache war so dürftig

als der Vorrath seiner Begriffe. Schwer war es daher auch, sich

ihm verständlich zu machen. Kaum hatte man ein Paar Sätze zu ihm

gesagt, die er zu verstehen schien, so hatte man etwas ihm Fremdes

beigemischt, wobei er dann, wenn er es zu begreifen wünschte, sogleich

wieder in seine Zuckungen verfiel. In allem was er sprach fehlten

noch meistens die Bindewörter, Partikeln und Hülfszeitwörter; seine

Conjugation umfaßte wenig mehr als den Infinitiv; und am schlimmsten

stand es mit dem Syntax, dessen Theile gar erbärmlich zerzaußt und

durcheinander geworfen wurden. »Kaspar sehr brav,« statt: ich bin

sehr brav, »Kaspar scho Juli sage,« statt: ich will es dem Julius

(Sohn des Gefangenwärters) sagen, war seine durchgängige Redeweise.

Das: Ich, kam noch selten vor; er sprach fast immer von sich in der

dritten Person: Kaspar, zu Andern, statt in der zweiten Person,

ebenfalls in der dritten, z. B. statt: Sie, nicht anders als: Herr

Obrist, Frau Generalin &c. Auch zu ihm mußte man nicht: »Du,« sondern

»Kaspar« sagen, wenn er sogleich verstehen sollte, wen man meine.[24]

Ein und dasselbe Wort wurde häufig in den verschiedensten Bedeutungen

gebraucht, was dann oft gar manches lächerlich possirliche =qui pro

quo= zum Vorschein brachte. Viele, blos eine Species bezeichnende,

Worte gebrauchte er für die ganze Gattung. So z. B. galt ihm das Wort:

Berg, für jede Wölbung oder Erhöhung, weshalb er einen dickbaugigen

Herrn, dessen Name ihm entfallen war, als den »Mann mit dem großen

Berg« bezeichnete; eine Dame, deren Shawl hinten so tief herabhing,

daß der Zipfel auf dem Boden schleifte, hieß ihm: »die Frau mit dem

schönen Schweif.« Man wird wohl erwarten, daß ich nicht unterließ, ihm

durch mancherlei Fragen zur Erzählung seines Schicksals Veranlassung

zu geben. Allein alles, was ich aus ihm herausbringen konnte, war ein

so kauderwelsches, verworrenes, unbestimmtes Zeug, daß ich, mit seiner

Sprachweise noch nicht vertraut, das Meiste nur errathen, Vieles gar

nicht verstehen konnte.

Es schien mir nicht unwichtig, seinen Geschmack hinsichtlich der

verschiedenen ~Farben~ auf die Probe zu stellen. Er zeigte auch

in dieser Beziehung ganz den Sinn der Kinder und der sogenannten

Wilden. Die rothe Farbe, und zwar die recht schreiend rothe, ging

ihm über alles; die gelbe war ihm zuwider, ausser wenn sie als Gold

glänzend in die Augen stach, in welchem Fall seine Wahl zwischen

diesem Gelb und jenem Roth schwankte; Weiß ließ ihn gleichgültig; aber

Grün war ihm fast so abscheulich als Schwarz. -- Dieser Geschmack,

besonders seine Vorliebe für das Rothe, hing ihm, wie die späteren

Beobachtungen des Prof. Daumer bekunden, noch lange nachher an, als

seine Bildung schon um eine große Strecke weiter vorgeschritten war.

Wäre es ihm freigestellt worden, er würde sich selbst und Andere,

denen er wohlwollte, von Kopf bis zu Füßen in Scharlach oder Purpur

gekleidet haben. An der Natur hatte er, schon wegen der Grundfarbe

ihres Gewandes, des Grün, keinen Gefallen. Sollte er sie schön finden,

so mußte man sie ihn durch ein roth gefärbtes Glas ansehen lassen. In

der Wohnung des Prof. Daumer, die er, bald nach meinem Besuche bei ihm,

gegen seinen Aufenthalt auf dem Luginsland vertauschte, gefiel es ihm

darum nicht ganz recht, weil er da nur die Aussicht in den Garten,

auf die vielen, wie er meinte, garstigen grünen Bäume und Pflanzen

hatte. Die in einer engen unfreundlichen Straße gelegene Wohnung

eines Freundes seines Lehrers gefiel ihm dagegen ungemein, weil da,

gegen über und ringsherum, lauter schön roth angestrichene Häuser zu

sehen waren. Als ihm einst ein Baum voll rother Aepfel gezeigt wurde,

äusserte er darüber großes Wohlgefallen; nur, meinte er, würde der Baum

noch viel schöner sein, wenn auch die Blätter eben so roth wären. --

Als er, der blos Wasser trank, einst rothen Wein trinken sah, sagte

er: wenn ich nur auch Sachen trinken könnte, die so schön aussehen!

-- Seinen Lieblingsthieren, den Pferden, wünschte er nur noch Einen

Vorzug: statt der schwarzen, braunen, weißen, die scharlachrothe Farbe.

Die ~Neugier~ und der ~Wissensdurst~, so wie die eiserne

Beharrlichkeit, womit er bei einer Sache aushielt, die er zu lernen

oder zu begreifen sich vorgesetzt hatte, überstiegen jede Vorstellung,

und waren in ihren Aeußerungen herzergreifend. Mit seinen Spielsachen

beschäftigte er sich, wie schon früher bemerkt worden, des Tages über

nicht mehr; seine Tagesstunden füllte er mit Schreiben, Zeichnen und

andern Lehrgegenständen aus, womit ihn Prof. Daumer beschäftigte.

Bitter beklagte er sich gegen uns, daß die vielen Leute, die ihn

immer besuchten, ihm keine Ruhe ließen, und er nichts lernen könne.

Rührend war es, seinen oft wiederkehrenden Jammer darüber zu hören,

daß die Leute auf der Welt so vieles wissen, und er so vieles noch

gar nicht gelernt habe. Eine seiner Lieblingsbeschäftigungen, nächst

dem Schreiben, war das Zeichnen, zu welchem er eben so viel Fähigkeit

als Beharrlichkeit mitbrachte. Seit mehren Tagen hatte er sich es zur

Aufgabe gemacht, das lithographirte Bildniß des Herrn Bürgermeisters

Binder abzuzeichnen. Ein ganzer großer Pack Quartblätter war mit diesen

Kopieen vollgezeichnet; sie lagen, wie sie allmählig entstanden waren,

in langer Reihenfolge geordnet aufeinander. Ich ging sie einzeln durch;

die ersten Versuche glichen ganz den Bildern unsrer kleinen Kinder, die

ein Gesicht gezeichnet zu haben meinen, wenn sie eine Figur, welche

ein Oval vorstellen soll, mit einem Paar rundlicher Schnirkel, nebst

einigen langen und Quer-Strichen darin, auf ein Papier hingesudelt

haben. Allein fast in jedem der folgenden Versuche waren Fortschritte

sichtbar, so daß allmählig jene Striche einem Menschengesicht immer

ähnlicher wurden, und endlich das Original, obgleich noch ziemlich

unvollkommen und roh, bis zur Kenntlichkeit darstellten. Ich äußerte

ihm über seine spätesten Versuche meinen Beifall; er aber zeigte sich

nicht befriedigt und gab mir zu verstehen, er werde das Bild noch gar

vielmal abzeichnen müssen, bis es ganz recht sei; dann werde er es dem

Herrn Bürgermeister schenken.

Mit seinem Leben auf der Welt zeigte er sich nichts weniger als

zufrieden; er sehnte sich zu dem Mann zurück, bei dem er immer

gewesen. Zu Haus (in seinem Loch), äußerte er, habe er niemals so

viele Schmerzen im Kopf gehabt, und man habe ihn nicht so gequält, wie

jetzt auf der Welt. Er deutete damit auf die Unbehaglichkeiten und

Schmerzen, welche die vielen, ihm ganz ungewohnten, neuen Eindrücke,

die verschiedenen ihm widrigen Gerüche u. s. w. verursachten, wie auf

die vielen Besuche der Neugierigen, ihr ewiges Fragen, und manche ihrer

unbesonnenen, nicht eben humanen Experimente. Dem Manne, bei dem er

immer gewesen, hat er daher auch weiter nichts vorzuwerfen, als daß er

noch nicht gekommen, um ihn wieder nach Haus zu bringen, und daß er

von so viel schönen Sachen auf der Welt ihm gar nichts gezeigt, noch

gesagt habe. Er will so lange in Nürnberg bleiben, bis er gelernt, was

der Herr Bürgermeister und der Herr Professor (Daumer) wissen; dann

soll ihn der Herr Bürgermeister nach Haus bringen, und dann will er

dem Mann zeigen, was er unterdessen gelernt hat. Als ich ihm hierauf

äußerte: wie er doch zu dem bösen abscheulichen Mann wieder zurück

möge? fuhr er mich sanft zürnend mit den Worten an: »Mann nit bös, Mann

mir nit bös than.«

Von seinem erstaunenswürdigen, eben so schnellen als zähen,

~Gedächtniß~ bekamen wir bald die auffallendsten Proben. Bei jedem

der vielen kleinen und großen Dinge, bei jedem Bild und Bildchen in

seinem Haushalt, nannte er uns den Namen und Titel der Person, von

der er es zum Geschenk erhalten hatte, und, kamen hiebei verschiedene

Personen mit demselben Hauptnamen vor, so unterschied er sie entweder

durch ihren Vornamen oder durch andere Prädicate. Ungefähr eine Stunde,

nachdem wir ihn verlassen hatten, trafen wir mit ihm auf der Straße

zusammen, als er eben zum Herrn Bürgermeister geführt wurde. Wir

redeten ihn an und, als wir ihn aufgefordert hatten, uns unsre Namen zu

sagen, nannte er jeden von uns, ohne sich zu besinnen oder zu stocken,

mit unserm vollen Namen, sammt Titulaturen, die gleichwohl für ihn nur

baarer Unsinn sein konnten. Der Arzt, =Dr.= Osterhausen, machte

zu einer andern Zeit an ihm die Erfahrung, daß er, nachdem man ihm

einen Blumenstrauß gezeigt und die Namen der einzelnen Blumen vorgesagt

hatte, er mehre Tage nachher jede dieser Blumen wieder zu erkennen

und mit ihrem Namen zu bezeichnen wußte. Dieses Gedächtniß hat jedoch

späterhin und, wie es scheint, in demselben Verhältniß abgenommen, in

welchem es reicher geworden war, und sein Verstand mehr Arbeit bekommen

hatte.

Seine ~Folgsamkeit~ gegen alle diejenigen Personen, welche

väterliche Autorität über ihn erlangt haben, besonders gegen den Hrn.

Bürgermeister, Hrn. Professor Daumer und den Gefangenwärter Hiltel, war

unbedingt und ohne Schranken. »Der Hr. Bürgermeister, der Hr. Professor

hat es gesagt«, war für ihn der letzte, jedes weitere Fragen und

Ueberlegen ausschließende Grund für sein Handeln oder Unterlassen. Als

ich ihn fragte: warum er denn glaube, so pünktlichen Gehorsam leisten

zu müssen? gab er zur Antwort: »der Mann, bei dem ich immer gewesen,

hat mich gelehrt, daß ich thun müsse, was man mir heißt.«

Allein diese Unterwerfung unter fremde Autorität bezog sich bei ihm

blos auf Thun oder Nichtthun, und hatte mit seinem ~Wissen~,

~Glauben~ und ~Meinen~ nichts zu schaffen. Um etwas als gewiß

und wahr anzunehmen, dazu bedurfte es für ihn der eignen Ueberzeugung,

und zwar entweder durch sinnliche Anschauung oder durch irgend

einen, seinen Fassungskräften und seinem fast noch ganz leeren Kopf

anpassenden, für ihn schlagenden Grund. Wo man seinem Verstand weder

auf diese noch jene Weise beikommen konnte, widersprach er zwar nicht,

ließ aber einstweilen die Sache dahin gestellt, bis er, wie er zu

sagen pflegte, mehr gelernt habe. Ich sprach zu ihm, unter andern, von

dem bevorstehenden Winter und sagte: dann werde er oft die Dächer der

Häuser und alle Strassen der Stadt ganz weiß sehen, so weiß wie die

Wände seines Zimmerchens. Er meinte: dies müsse dann recht schön sein;

gab jedoch deutlich zu verstehen, daß er daran nicht eher glaube, als

bis er es werde gesehen haben. Als im folgenden Winter der erste Schnee

gefallen war, bezeigte er große Freude, daß jetzt die Strassen, die

Dächer, die Bäume so gut »angestrichen« seien, und ging schnell in den

Hof, um sich von der »weißen Farbe« zu holen, kam aber alsbald weinend

und plärrend mit weit auseinander gespreitzten Fingern zu seinem Lehrer

wieder hinauf, indem er schrie: die weiße Farbe habe ihn in die Hände

»gebissen.«

Höchst auffallend und ganz unerklärbar bei diesem Menschen war

die bis zur Pedanterei getriebene Liebe zur ~Ordnung~ und

~Reinlichkeit~. Von den vielen hundert Dingen seines kleinen

Haushalts hatte ein jedes seinen bestimmten Platz, wurde gehörig

zusammengepackt, sorgfältig auseinander gelegt, symmetrisch geordnet u.

s. w. Unreinlichkeit oder was er dafür hielt, war ihm, an ihm selbst

wie an Andern, ein Abscheu. Er bemerkte fast jedes Stäubchen auf unsern

Kleidern und als er auf meiner Halskrause einige Körner Schnupftabak

sah, machte er mich darauf mit Unwillen aufmerksam, mir hastig

andeutend, daß ich diese garstigen Dinge wegwischen möge.

Die merkwürdigste Erfahrung, die aber erst einige Jahre später für

mich ihre vollständige Bedeutung erlangte, verschaffte ich mir durch

folgende Probe, auf welche ich dadurch geleitet wurde, daß mir, nach

einer sehr nahe liegenden Ideenverbindung, bei dem aus dunklem Kerker,

erst im Jünglingsalter, zum Tageslicht hervorgekommenen Kaspar, der

berühmte Blinde des ~Cheselden~ einfiel, welcher wenige Wochen

nach seiner Geburt erblindet, erst im Jünglingsalter, nach glücklich

vollbrachter Staar-Operation, wieder sehend geworden war. Ich befahl

Kasparn, nach dem Fenster zu sehen, deutete auf die große, weite

Aussicht in die schöne, im Schmuck des Sommers prangende Landschaft,

und fragte ihn: ob das nicht schön sei, was er da draußen sehe? Er

gehorchte, fuhr aber sogleich mit sichtbarem Abscheu wieder zurück,

indem er ausrief: garstig! garstig! dann auf die weiße Wand seines

Zimmerchens deutete und sagte: »da nicht garstig!« Auf meine weitere

Frage: warum dort garstig? erfolgte nichts weiter, als: »garstig,

garstig!« und so blieb mir denn vor der Hand nichts übrig als mir

diesen Umstand wohl zu merken, und die weitere Aufklärung von der

Zeit zu erwarten, wo Kaspar sich besser werde verständlich machen

können. Denn daß sein Wegwenden von jener Gegend nicht blos aus dem

empfindlichen Eindruck des Lichts auf seine Sehnerven zu erklären sei,

glaubte ich deutlich wahrzunehmen. Seine Mienen drückten dießmal nicht

gerade Schmerz, sondern vielmehr Abscheu und Grauen aus. Auch stand

er in einiger Entfernung vom Fenster seitwärts, so daß er zwar die

Gegend sehen, aber vom gerade einfallenden Lichtstrahl nicht getroffen

werden konnte. Als nun Kaspar im Jahr 1831 einige Wochen lang bei

mir als Hausgenosse war, wo ich fortwährend Gelegenheit hatte, ihn

aufs genaueste zu beobachten, und meine früheren Beobachtungen zu

vervollständigen oder zu berichtigen, kam unter andern auch das Obige

an die Reihe. Ich fragte ihn: ob er sich noch meines Besuchs bei ihm

auf dem Thurm und dann besonders des Umstandes erinnere, daß ich ihn

gefragt: wie ihm die Gegend da draußen (vor dem Fenster) gefalle? Er

habe sich damals mit Abscheu von diesem Anblick weggewendet und immer

ausgerufen: garstig, garstig! warum habe er das gethan? was sei ihm

denn da vorgekommen? -- »Ja freilich«, antwortete er mir, »war das

sehr garstig, was ich damals sah. Wenn ich nach dem Fenster blickte,

sah es mir immer so aus, ~als wenn ein Laden ganz nahe vor meinen

Augen aufgerichtet sei, und auf diesem Laden habe ein Tüncher seine

verschiedenen Pinsel mit weiß, blau, grün, gelb, roth, alles bunt

durcheinander, ausgespritzt~. Einzelne Dinge darauf, wie ich jetzt

die Dinge sehe, konnte ich nicht erkennen und unterscheiden. Das war

denn gar abscheulich anzusehen; dabei war es mir ängstlich zu Muth,

weil ich glaubte, man habe mir das Fenster mit dem buntschäckigen Laden

verschlossen, damit ich nicht in's Freie sehen könne. Daß das, was ich

so gesehen, Felder, Berge, Häuser gewesen, daß manches Ding, das mir

damals größer vorkam als ein anderes, viel kleiner sei als dieses,

manches große viel kleiner als wie ich es sah, davon habe ich mich erst

später auf meinen Spaziergängen in's Freie überzeugt; endlich habe

ich dann nichts mehr von dem Laden gesehen.« Auf weitere Befragung

bemerkte er: »Anfangs habe er nicht unterscheiden können, was wirklich

rund, dreieckig, oder nur rund, dreieckig gemahlt gewesen. Die Pferde

und Männer auf seinen Bilderbögen seien ihm gerade so vorgekommen,

wie seine in Holz geschnitzten Pferde und Menschen; jene so rund

wie diese, oder diese so flach wie jene. Doch habe er beim Ein- und

Auspacken seiner Sachen bald einen Unterschied ~gefühlt~; dann sei

er erst selten, endlich gar nicht mehr in den Fall gekommen, solche

Verwechslung zu machen.«

Hier haben wir denn nun in Kaspar leibhaft den sehend gewordenen, von

Kindheit an Blinden des Cheselden wieder. Hören wir, was ~Voltaire~[25]

(und ~Diderot~[26], der hier mit ~Voltaire~ für Eine Person gilt)

von diesem Blinden erzählen[27] »Der junge Mann, dem der geschickte

Chirurg Cheselden den Staar genommen, wußte lange Zeit weder Größen,

noch Entfernungen, noch Lagen, noch sogar Figuren zu unterscheiden.

Ein nur einen Zoll großer Gegenstand, den man vor sein Aug hielt und

der ihm ein Haus verdeckte, erschien ihm so groß, wie das Haus. Alle

Gegenstände hatte er auf seinem Auge; sie schienen ihm auf diesem Organ

selbst zu haften, wie die Gegenstände des Gefühls auf der Haut. Er

konnte (mit dem Gesicht) dasjenige, was er mit Hülfe seiner Hände für

rund gehalten hatte, von demjenigen nicht unterscheiden, was er als

eckig gefühlt hatte, noch unterscheiden, ob das was er als oben oder

unten (mit dem Gefühl) wahrgenommen hatte, in der That oben oder unten

sei. Es gelang ihm endlich, aber mit Mühe, die sinnliche Ueberzeugung

zu gewinnen, daß sein Haus größer sei als sein Zimmer; doch niemals

begriff er, wie das Aug ihm diese Vorstellung geben könne. Er bedurfte

einer großen Menge von Erfahrungen, um sich zu überzeugen, daß die

Mahlerei feste Körper vorstelle; und als er, durch öfteres Betrachten

von Gemählden die Meinung gefaßt hatte, daß das nicht blos Flächen

seien, die er sehe, so befühlte er sie mit der Hand, und war dann

sehr erstaunt, als er nur einer ebenen Fläche, ohne alle Erhabenheit

begegnete; dann fragte er: welcher von beiden Sinnen ihn betrüge,

das Gefühl oder das Gesicht? Uebrigens machten Gemählde auf Wilde,

die solche zum erstenmal zu sehen bekamen, denselben Eindruck; sie

nahmen die gemahlten Figuren für lebende Menschen, stellten Fragen

an sie, und waren ganz erstaunt, daß sie ihnen keine Antwort gaben:

ein Irrthum, an welchem allzu geringe Uebung ihrer Sehkraft gewiß am

allerwenigsten Schuld hatte.«[28] Auch Kinder, in den ersten Wochen

und Monaten nach ihrer Geburt, sehen alles gleich nahe, greifen nach

dem glänzenden Knopf des fernen Kirchthurms, wissen das wirklich

Große und Kleine von dem scheinbar Kleinen und Großen, gemahlte von

wirklichen Dingen nicht zu unterscheiden, weil -- bei Gegenständen

des Gesichts und des Gefühls beide Sinne einander gegenseitig zu

Hülfe kommen müssen, wenn das betastete oder mit dem Aug gefaßte Ding

für das, was es wirklich ist, erkannt werden soll. Es beruht diese

Erfahrung auf dem Elementargesetz alles Sehens, worüber sich der große

Engländer ~Berkeley~[29] folgendermaßen ausdrückt: »Es ist, wie ich

glaube, allgemein zugestanden, daß ~Entfernung~, für sich allein und

~unmittelbar~ durch das ~Gesicht~ nicht wahrgenommen werden kann. Denn

da die Entfernung eine Linie ist, welche gerade zum Auge geht, so

wirft sie blos einen Punkt in den Grund des Auges. Dieser Punkt bleibt

unveränderlich derselbe, die Entfernung sei länger oder kürzer. Auch

ist es anerkannt, daß, wenn wir die Größe des Abstandes beträchtlich

entfernter Gegenstände von einander schätzen, dieses mehr ein Akt

eines auf ~Erfahrung~ gegründeten ~Urtheils~, als des bloßen ~Sinnes~

ist. Zum Beispiel: ich sehe eine große Menge von Gegenständen, Häuser,

Feld, Flüsse und dergleichen hinter einander liegen, von welchen ich

die Erfahrung habe, daß sie einen beträchtlichen Raum einnehmen,

so schließe ich daraus, daß der Gegenstand, den ich hinter diesem

andern sehe, in einer großen Entfernung steht. Hingegen wenn mir ein

Gegenstand matt und klein erscheint, den ich einmal in der Nähe lebhaft

und groß gesehen habe, so urtheile ich sogleich, daß er fern ist.

Dieses ist nun offenbar Ergebniß der ~Erfahrung~, ohne welche ich, aus

der Mattheit und Kleinheit, nichts über die Entfernung der Gegenstände

hätte urtheilen können.«

Die Anwendung dieses optischen Gesetzes und jener Erfahrungen auf die

Sinnentäuschung Kaspars, macht sich ganz von selbst. Da Kaspar noch

nicht weiter gegangen war, als vom Thurm zum Hrn. Bürgermeister und

allenfalls noch durch eine oder die andere Strasse; da er, in Folge

seiner reizbaren Augen, wie aus Furcht zu fallen, im Gehen stets auf

seine Füße sah, und aus Lichtscheu immer vermied, in das offene

Lichtmeer hinauszublicken: so hatte er lange Zeit keine Gelegenheit,

über die Perspective und die Entfernung der Gegenstände Erfahrung

zu machen. Alle die mancherlei Dinge der weiten Gegend, sammt einem

ziemlich schmalen Streifen des blauen Himmels, die den Raum des

Fensters, von dem untern Theil des Rahmens bis oben hinauf, ausfüllten,

mußten ihm daher als gleich nahe, neben und übereinander liegende

gestaltlose Erscheinungen, mithin das Ganze als eine das Fenster

bedeckende, aufrecht stehende Tafel erscheinen, auf welcher die,

für ihn nicht unterscheidbaren, kleineren und größeren, verschieden

gefärbten Gegenstände nur wie unförmliche bunte Klekse sich ausnehmen

konnten.

Kaspar Hauser · 第 9 / 12 题