III.

Das Befremdende an K. H. bei seinem ersten Erscheinen zu Nürnberg

gestaltete sich in den nächsten Tagen und Wochen zu einem dunkeln,

grauenhaften Räthsel, zu dessen Lösung man in mancherlei Vermuthungen

vergebens den Schlüssel suchte. Nichts weniger als blöd- oder

wahnsinnig, dabei so sanft, folgsam und gutartig, daß Niemand versucht

werden konnte, diesen Fremdling für einen Wilden oder unter den Thieren

des Waldes aufgewachsenen Knaben zu halten, zeigte sich an ihm -- jene

stets wiederkehrende Redensarten ausgenommen -- ein so vollständiger,

nur dem Zustand eines Pescherä vergleichbarer, Mangel an Worten und

Begriffen, eine so gänzliche Unbekanntschaft mit den gemeinsten

Gegenständen und den alltäglichsten Erscheinungen der Natur, solch

eine Gleichgültigkeit, solch ein Abscheu gegen alle Gewohnheiten,

Bequemlichkeiten und Bedürfnisse des Lebens, dabei so ausserordentliche

Eigenthümlichkeiten in seinem ganzen geistigen, sittlichen und

physischen Wesen, daß man sich in die Wahl versetzt glauben konnte, ob

man ihn für einen durch irgend ein Wunder auf die Erde herabversetzten

Bürger eines andern Planeten, oder für jenen Menschen des Plato nehmen

solle, der, unter der Erde gebohren und aufgewachsen, erst im Alter der

Reife auf die Oberwelt zum Licht der Sonne heraufgestiegen.

Kaspar zeigte beständig gegen alle Speisen und Getränke, ausser

trocknem Brod und Wasser, den heftigsten Widerwillen. Nicht nur der

Genuß, sondern auch der bloße Geruch unsrer gewöhnlichen Speisen

erregte ihm Schauder oder noch mehr; ein Tröpfchen Wein, Kaffe

und dergl., heimlich unter sein Wasser gemischt, verursachte ihm

Angstschweiß, Erbrechen und heftiges Kopfweh[6]. -- Es versuchte

Jemand irgendwo, ihm etwas Brandwein, unter dem Vorwand es sei Wasser,

aufzudringen. Als man ihm das Glas an den Mund brachte, sank er

erbleichend um, und wäre rückwärts in eine Glasthüre gefallen, wenn man

ihn nicht aufgefangen hätte. -- Als er einmal von dem Gefangenwärter

war genöthigt worden, etwas Kaffe in den Mund zu nehmen, wovon er kaum

einen Tropfen verschluckt haben mochte, bekam er mehrmaligen Durchfall.

-- Von einigen Tropfen stark mit Wasser vermischten Waizenbiers bekam

er heftige Schmerzen im Magen und Hitze im ganzen Körper, wobei er

über und über von Schweiß triefte, dann Frostschauder, mit Kopfweh und

starkem Aufstoßen. -- Sogar Milch, gesottene wie ungesottene, mundete

ihm nicht und erregte ihm widerliches Aufstoßen. -- Man hatte ihm einst

in sein Brod etwas Fleisch versteckt; er roch dieses sogleich und

bezeigte dagegen seinen lebhaften Abscheu; gleichwohl nöthigte man ihn

es zu essen, worauf er äusserst leidend wurde.

Bei Nacht, die für ihn regelmäßig mit Untergang der Sonne anfing und

mit ihrem Aufgang endigte, lag er auf seinem Strohsacke; bei Tag saß

er, die Füße gerade vor sich ausgestreckt, auf dem Boden.

Als er in den ersten Tagen zum erstenmal eine brennende Kerze vor sich

sah, ergötzte ihn die leuchtende Flamme, er griff arglos hinein und

verbrannte sich Hand und Finger, die er zu spät unter Schreien und

Weinen zurückzog. Um ihn zu erproben, wurde zum Schein mit blanken

Säbeln nach ihm gehauen und gestochen; er blieb dabei ganz unbeweglich,

blinzte nicht einmal mit den Augen und schien gar nicht zu ahnen, daß

ihm mit diesen Dingen irgend ein Leid geschehen könne[7]. Als ihm ein

Spiegel vorgehalten wurde, griff er nach seinem eignen Spiegelbild

und wendete sich dann nach der Rückseite, um den Menschen zu finden,

der dahinter stecke. Was er Glänzendes sah, darnach langte er wie ein

kleines Kind, und weinte, wenn er es nicht erreichen konnte, oder es

ihm versagt wurde.

Einige Tage nach seiner Ankunft in Nürnberg wurde K., in Begleitung

zweier Polizeimänner, um die Stadt geführt, damit er vielleicht das

Thor wieder erkenne, durch das er in die Stadt gebracht worden. Er

wußte, wie man wohl hätte voraussehen können, keines von dem andern

zu unterscheiden, und schien überhaupt an dem, was an seinen Augen

vorüberging, keinen Antheil zu nehmen. Auf Gegenstände, die man ihm

besonders nahe brachte, gaffte er stumpfsinnig, und nur zuweilen

mit neugierigem, befremdetem Blicke hin. Zur Bezeichnung lebender

Geschöpfe, die ihm in die Sinne fielen, hatte er blos zwei Worte,

deren er sich dann und wann bediente. Was menschliche Gestalt hatte,

ohne Unterschied des Geschlechts und Alters, hieß ihm »Bua;« jedes ihm

aufstoßende Thier, vierfüßig oder zweibeinig, Hund, Katze, Gans oder

Huhn, nannte er: »Roß.« Waren solche Rosse ~weiß~, so bezeigte

er Wohlgefallen; ~schwarze~ Thiere erregten ihm Widerwillen oder

Furcht. Eine schwarze Henne, welche auf ihn zukam, versetzte ihn in

große Angst; er schrie und machte die äusserste Anstrengung, um auf

seinen, ihm hiezu den Dienst versagenden Füßen von ihr hinwegzulaufen.

Seine Seele nicht nur, sondern auch manche seiner Sinne schienen

Anfangs in gänzlicher Erstarrung zu liegen, und nur allmählig

erwachend den Aussendingen sich zu öffnen. Erst nach einigen Tagen

fiel ihm der Schlag der Thurmuhren und das Geläute der Glocken auf;

er gerieth dadurch in das höchste Erstaunen, das sich in seiner

aufhorchenden Miene und in Verzuckungen des Gesichts ausdrückte, bald

aber in sinnendes dumpfes Hinstarren überging. Einige Wochen später zog

eine Bauernhochzeit mit Musik unter dem Fenster seines Wohnstübchens

auf dem Thurm vorüber. Horchend stand er plötzlich wie eine Bildsäule

da; sein Gesicht wurde wie verklärt, seine Augen strahlten gleichsam

sein Entzücken aus; fortwährend blieben Ohr und Augen den immer weiter

sich entfernenden Tönen zugewendet, und schon waren die letzten

verhallt, als er noch lauschend unbeweglich stehen blieb, gleichsam

als wolle er die letzten Schwingungen dieser für ihn himmlischen

Laute in sich aufnehmen, oder als habe die Seele ihren Körper in

Erstarrung zurückgelassen, um diesen Klängen nachzuziehen. Gewiß nicht

um Kaspars musikalischen Sinn zu erproben, stellte man bei einer

Wachtparade diesen Menschen, an dem sich bereits eine ungewöhnliche

Nervenreitzbarkeit offenbarte, in die Nähe der großen Regimentstrommel,

deren erste Schläge ihn so erschütterten, daß er in Zuckungen verfiel

und schnell hinweggebracht werden mußte.

Unter den vielen auffallenden Erscheinungen, die sich in den ersten

Tagen und Wochen an Kaspar zeigten, bemerkte man, daß die Vorstellung

von ~Rossen~, besonders von ~hölzernen Rossen~, für ihn von

nicht geringer Bedeutung sein müsse. Das Wort: »Roß« schien in

seinem Wörterbuch, das kaum ein halbes Dutzend Worte umfaßte, den

allergrößten Raum einzunehmen; dieses Wort wurde am allerhäufigsten,

bei den verschiedensten Gelegenheiten und Gegenständen, von ihm

ausgesprochen, und zwar nicht selten unter Thränen, in wehmüthig

bittendem Tone, als drücke er damit die Sehnsucht nach irgend einem

Pferde aus. So oft man ihm eine Kleinigkeit, eine glänzende Münze,

ein Band, ein Bildchen &c. &c. schenkte, sprach er: Roß! Roß! und gab

durch Mienen und Gebärden den Wunsch zu erkennen, diese Schönheiten

einem Roße anzuhängen. Kaspar, welcher -- nicht eben zum Vortheil

seiner geistigen Entwickelung, noch zum Behuf reiner Beobachtungen,

wozu doch wohl die Seltenheit der Erscheinung aufforderte -- täglich

auf die Polizeiwachtstube geführt wurde, wo er im Getös und Getümmel,

gewöhnlich einen nicht kleinen Theil des Tages zubrachte, wurde hier

wie einheimisch, und gewann sich bald unter den Bewohnern dieses

Amtszimmers Zuneigung und Liebe. Das auch hier so oft wiederholte:

Roß! Roß! gab eines Tages einem der Polizeisoldaten, der sich mit dem

seltenen Jünglingskinde am meisten zu thun machte, den Einfall, ihm ein

weißes hölzernes Spielpferd auf die Wachtstube zu bringen. Kaspar, der

sich bisher fast immer nur unempfindlich, gleichgültig, untheilnehmend

oder niedergeschlagen gezeigt hatte, wurde beim Anblick dieses

hölzernen Rosses, plötzlich wie umgewandelt, und benahm sich nicht

anders, als hätte er in diesem Pferdchen einen alten, langersehnten

Freund wiedergefunden. Ohne lärmende Freude, aber mit lächelndem

Gesichte weinend, setzte er sich sogleich auf den Boden zu dem Pferde

hin, streichelte, tätschelte es, hielt unverwandt seine Augen darauf

geheftet, und suchte es mit allen den bunten, glänzenden, klingenden

Kleinigkeiten zu behängen, womit das Wohlwollen ihn beschenkt hatte.

Erst nunmehr, da er das Rößchen damit ausschmücken konnte, schienen

alle diese Dinge den rechten Werth für ihn gewonnen zu haben. Als die

Zeit kam, wo er die Polizeiwachtstube verlassen sollte, suchte er das

Roß aufzuheben, um es mit sich nach Haus zu tragen, und weinte dann

bitterlich, als er wahrnahm, daß er in seinen Armen und auf seinen

Füßen zu schwach sei, um diesen seinen Liebling mit sich über die

Schwelle der Stubenthüre hinauszubringen[8]. So oft er dann nachher die

Wachtstube zu besuchen kam, setzte er sich sogleich zu seinem lieben

Roß auf den Boden nieder, ohne die Menschen um ihn her im mindesten

zu beachten. »Stunden lang«, sagt einer der Polizeisoldaten in seiner

erst polizeilichen, späterhin gerichtlichen Vernehmung, »saß Kaspar mit

seinem Rosse spielend neben dem Ofen, ohne auf das, was um und neben

ihm vorging auch nur im mindesten Acht zu geben.«

Aber auch auf dem Thurm in seinem Schlaf- und Wohnstübchen versah man

ihn bald, nicht blos mit Einem, sondern mit verschiedenen Rossen. Diese

Rosse waren von nun an, so lange er sich zu Haus befand, unausgesetzt

seine Gesellschafter und Gespielen, die er nicht von seiner Seite,

noch aus seinen Augen ließ, und mit denen er -- wie man durch eine

verborgene Oeffnung in der Thüre beobachten konnte -- sich beständig

zu schaffen machte. Ein Tag war darin dem andern, eine Stunde der

andern gleich, daß Kaspar neben seinen Rossen, mit gerade vor sich

ausgestreckten Füssen, auf dem Boden saß, seine Rosse beständig bald

auf diese bald auf jene Weise mit Bändern, Schnüren oder bunten

Papierfetzen schmückte, mit Münzen, Glöckchen, Goldflittern behing,

und darüber zuweilen in tiefes Nachdenken versunken schien, wie er

diesen Putz durch abwechselndes Dahin- oder Dorthin-Legen verändern

möge. Auch führte er sie zum öftern, ohne sich dabei von der Stelle

zu bewegen oder seine Lage zu verändern, neben sich hin und her, doch

sehr vorsichtig und ganz leise, damit, wie er späterhin äußerte,

das Rollen der Räder kein Geräusch verursache, und er nicht dafür

geschlagen werde. Nie aß er sein Brod, ohne zuvor jeden Bissen den

Pferdchen an den Mund gehalten, trank nie sein Wasser, ohne zuvor ihre

Schnauze hineingetaucht zu haben, die er dann jedesmal sorgfältig

wieder abzuwischen pflegte. Eines dieser Pferdchen war von Gyps,

dessen Mund denn bald vom Eintauchen erweichte. Er wußte nicht, woher

dieß komme, indem er wohl bemerkte, daß die Schnauze der andern Rosse

naß werde, doch nicht ihre Form verändere. Der Gefangenwärter, dem

er weinend sein Unglück mit dem Gypspferdchen vorzeigte, gab ihm zu

seiner Beruhigung zu verstehen: »dieses Pferdchen möge kein Wasser;«

worauf er es denn zu tränken unterließ, indem er glaubte, es zeige ihm

durch die am Mund sichtbare Verunstaltung seine Abneigung gegen das

Trinken an. -- Der Gefangenwärter, welcher oft sah, wie Kaspar sich

abmühte, die Pferde mit seinem Brod zu füttern, suchte ihm begreiflich

zu machen, diese Pferde könnten nicht fressen. Allein Kaspar meinte

ihn damit zu widerlegen, daß er auf die Brodkrumen deutete, die an der

Schnauze seiner Pferde hängen geblieben waren. -- Das eine seiner Rosse

hatte einen Zaum in dem weitgeöffneten Maul; er verfertigte nun auch

seinem andern Pferde einen Zaum aus zusammenhängenden Goldflittern,

und bemühte sich dieses auf allerlei Weise zu bewegen, seinen Mund zu

öffnen, damit er ihm den Zaum hineinlege, -- ein Versuch, womit er

sich zwei Tage lang unermüdlich plagte. Einst schlief er auf einem

Schauckel-Pferde ein, fiel herab und quetschte sich am Finger; da

beklagte er sich, daß ihn das Pferd gebissen habe. -- Als er eines

Tags mit einem andern seiner Pferde über den Boden fuhr und dieses mit

den Hinterfüßen in eine Lücke des Bodens gerieth und vorne aufstieg,

bezeigte er darüber die größte Freude, und wiederholte dann beständig

dieses ihm so merkwürdige Schauspiel, das er allen seinen Besuchern

zum Besten gab. Da ihm der Gefangenwärter seinen Unwillen darüber

bezeigte, daß er allen Leuten immer dasselbe vormache, unterließ er

dieses zwar, weinte aber, daß er sein steigendes Pferd nicht mehr

zeigen solle. Einmal fiel dieses beim Aufsteigen um; da kam er ihm

mit eiliger Zärtlichkeit zu Hülfe und äußerte sein Leid darüber, daß

es sich wehe gethan. Er war vollends untröstlich, als er einmal den

Gefangenwärter einem dieser Pferde einen Nagel einschlagen sah.

Hieraus und aus vielen andern Umständen ließ sich vermuthen, was nicht

lange nachher zu voller Gewißheit wurde: daß die Vorstellung von

Lebendigem und Todtem, Beseeltem und Unbeseeltem, von Organischem und

Unorganischem, von Naturgegenständen und Kunsterzeugnissen sich in

seiner Kinderseele noch seltsam durch einander mische.

Thiere unterschied er von Menschen blos an ihrer Gestalt, Männer

und Frauen an der Kleidung, die ihm, wegen der mannichfaltigen, in

die Augen stechenden Farben, am weiblichen Geschlecht besser als am

männlichen gefiel; weshalb er auch späterhin noch öfters den Wunsch

äußerte, ein Mädchen zu werden, d. h. Frauenkleider zu tragen. --

Daß aus den Kindern große Leute würden, wollte ihm durchaus nicht

einleuchten, und am hartnäckigsten widersprach er, wenn man ihm

versicherte, daß er doch auch einmal ein Kind gewesen, und daß er

wahrscheinlich noch bedeutend werde größer werden, als er jetzt schon

sei. Erst einige Monate später überzeugte er sich davon, als er an

einem an die Wand gezeichneten Maß, nach wiederholten Proben, die eigne

Erfahrung von seinem, noch dazu schnellen Wachsthum gemacht hatte.

Von Religion war nicht ein Fünkchen, von einer Dogmatik auch nicht

das kleinste Stäubchen in seiner Seele zu finden, so sehr sich einige

Geistliche, gleich in den ersten Wochen nach seinem Erscheinen zu

Nürnberg, die unzeitige Mühe gaben, es in ihm zu suchen und aufzuregen.

Von allen ihren Fragen, Reden und Predigen hätte jedes Thier nicht

weniger verstanden und begriffen als Kaspar. Was er an Religion

mitbrachte, bestand -- wenn es ohne Lästerung dieses Namens so genannt

werden darf -- lediglich in demjenigen, was ihm dummfromme Bosheit bei

seiner Aussetzung zu Nürnberg in die Tasche mitgegeben hatte.

Es wird vielleicht nicht uninteressant sein, über Kaspar Hausers

Benehmen, während seines Aufenthalts auf dem Thurm, die Aeußerung eines

einfachen, aber verständigen Mannes zu vernehmen, des Gefangenwärters

~Hiltel~, der ihn mehre Wochen unter seiner Aufsicht gehabt

hatte. Dieser äußert sich zum Protokoll unter andern wie folgt:

»Bald nachdem ich den angeblichen Kaspar Hauser einige Zeit im

Stillen beobachtet hatte, erlangte ich die Ueberzeugung, daß derselbe

nichts weniger als simpelhaft und von der Natur verwahrlost, sondern

vielmehr auf unbegreifliche Weise von aller Ausbildung und geistigen

Entwicklung zurückgehalten worden sein müsse. Die unendlich vielen

Belege und Erscheinungen anzuführen, welche sich mir aus den mit Hauser

angestellten Beobachtungen hierüber unzweifelhaft ergaben, würde hier

zu weit führen. Er hat sich in den ersten Tagen seines Aufenthalts bei

mir gerade wie ein kleines Kind benommen und allenthalben die größte

Natürlichkeit und Unschuld zu erkennen gegeben. Am 4ten oder 5ten Tage

wurde er von dem obern, engern Verwahrungsort des Gefängnißthurms

in die tiefere Etage desselben, in welcher ich mit meiner Familie

wohne, in ein kleines Zimmerchen gebracht, welches Vorrichtungen

hatte, mittelst deren ich ihn stets beobachten konnte, ohne daß er

es wahrzunehmen vermochte. Hier habe ich ihn, dem mir vom Herrn

Bürgermeister gegebenen Befehl gemäß, unbemerkt zum öftern beobachtet

und sein Benehmen, wenn er allein war, ganz unverändert gefunden. Er

ergözte sich an seinem Spielzeug für sich allein eben so, als wie er

dies in meiner Gegenwart natürlich, unbefangen that; denn wenn er in

der ersten Zeit mit seinen Spielsachen ernstlich beschäftigt war, so

mochte um ihn her vorgehen was da wollte, er nahm davon keine Notiz.

Doch muß ich bemerken, daß dieses Vergnügen an kindischem Spielzeug nur

von kurzer Dauer war. So wie seine Sinne auf ernstere und nützlichere

Gegenstände gerichtet und dafür empfänglich gemacht worden waren,

hatte er am Spielen keine Freude mehr. -- Sein ganzes Benehmen war,

so zu sagen, ein reiner Spiegel kindlicher Unschuld; er hatte nichts

Falsches an sich; wie es ihm um's Herz war, so sprach er sich aus, so

weit es nämlich seine dürftige Sprache zuließ. Einen sicheren Beleg

seiner Unschuld und Unwissenheit gab er auch bei Gelegenheit, als

ich und meine Frau ihn das erste Mal entkleideten und seinen Körper

reinigten; sein Benehmen hiebei war das eines Kindes, ganz natürlich

und ungenirt[9]. -- Nachdem er das Spielzeug bekommen hatte, und auch

andere Personen zu ihm gelassen wurden, habe ich bisweilen meinen

11jährigen Sohn Julius zu ihm gelassen, der ihn denn gleichsam das

Sprechen lernte, Buchstaben vormachte, und ihm Begriffe, so weit er

selbst sie hatte, mitzutheilen suchte. Zugleich ließ ich manchmal

mein dreijähriges Mädchen, Margaretha, auf seine Stube kommen, mit

der er Anfangs sehr gerne spielte und die ihn Glasperlen an eine

Schnur zu reihen lehrte. An dieser Unterhaltung fand er sobald keine

Befriedigung mehr, als er sein todtes Spielzeug satt hatte. In der

letzten Zeit seines Aufenthalts bei mir, hatte er seine größte Freude

und Unterhaltung an Zeichnungen und Kupferstichen, die er in seinem

Zimmerchen an die Wände klebte.«

Kaspar Hauser · 第 7 / 12 题