Das Befremdende an K. H. bei seinem ersten Erscheinen zu Nürnberg
gestaltete sich in den nächsten Tagen und Wochen zu einem dunkeln,
grauenhaften Räthsel, zu dessen Lösung man in mancherlei Vermuthungen
vergebens den Schlüssel suchte. Nichts weniger als blöd- oder
wahnsinnig, dabei so sanft, folgsam und gutartig, daß Niemand versucht
werden konnte, diesen Fremdling für einen Wilden oder unter den Thieren
des Waldes aufgewachsenen Knaben zu halten, zeigte sich an ihm -- jene
stets wiederkehrende Redensarten ausgenommen -- ein so vollständiger,
nur dem Zustand eines Pescherä vergleichbarer, Mangel an Worten und
Begriffen, eine so gänzliche Unbekanntschaft mit den gemeinsten
Gegenständen und den alltäglichsten Erscheinungen der Natur, solch
eine Gleichgültigkeit, solch ein Abscheu gegen alle Gewohnheiten,
Bequemlichkeiten und Bedürfnisse des Lebens, dabei so ausserordentliche
Eigenthümlichkeiten in seinem ganzen geistigen, sittlichen und
physischen Wesen, daß man sich in die Wahl versetzt glauben konnte, ob
man ihn für einen durch irgend ein Wunder auf die Erde herabversetzten
Bürger eines andern Planeten, oder für jenen Menschen des Plato nehmen
solle, der, unter der Erde gebohren und aufgewachsen, erst im Alter der
Reife auf die Oberwelt zum Licht der Sonne heraufgestiegen.
Kaspar zeigte beständig gegen alle Speisen und Getränke, ausser
trocknem Brod und Wasser, den heftigsten Widerwillen. Nicht nur der
Genuß, sondern auch der bloße Geruch unsrer gewöhnlichen Speisen
erregte ihm Schauder oder noch mehr; ein Tröpfchen Wein, Kaffe
und dergl., heimlich unter sein Wasser gemischt, verursachte ihm
Angstschweiß, Erbrechen und heftiges Kopfweh[6]. -- Es versuchte
Jemand irgendwo, ihm etwas Brandwein, unter dem Vorwand es sei Wasser,
aufzudringen. Als man ihm das Glas an den Mund brachte, sank er
erbleichend um, und wäre rückwärts in eine Glasthüre gefallen, wenn man
ihn nicht aufgefangen hätte. -- Als er einmal von dem Gefangenwärter
war genöthigt worden, etwas Kaffe in den Mund zu nehmen, wovon er kaum
einen Tropfen verschluckt haben mochte, bekam er mehrmaligen Durchfall.
-- Von einigen Tropfen stark mit Wasser vermischten Waizenbiers bekam
er heftige Schmerzen im Magen und Hitze im ganzen Körper, wobei er
über und über von Schweiß triefte, dann Frostschauder, mit Kopfweh und
starkem Aufstoßen. -- Sogar Milch, gesottene wie ungesottene, mundete
ihm nicht und erregte ihm widerliches Aufstoßen. -- Man hatte ihm einst
in sein Brod etwas Fleisch versteckt; er roch dieses sogleich und
bezeigte dagegen seinen lebhaften Abscheu; gleichwohl nöthigte man ihn
es zu essen, worauf er äusserst leidend wurde.
Bei Nacht, die für ihn regelmäßig mit Untergang der Sonne anfing und
mit ihrem Aufgang endigte, lag er auf seinem Strohsacke; bei Tag saß
er, die Füße gerade vor sich ausgestreckt, auf dem Boden.
Als er in den ersten Tagen zum erstenmal eine brennende Kerze vor sich
sah, ergötzte ihn die leuchtende Flamme, er griff arglos hinein und
verbrannte sich Hand und Finger, die er zu spät unter Schreien und
Weinen zurückzog. Um ihn zu erproben, wurde zum Schein mit blanken
Säbeln nach ihm gehauen und gestochen; er blieb dabei ganz unbeweglich,
blinzte nicht einmal mit den Augen und schien gar nicht zu ahnen, daß
ihm mit diesen Dingen irgend ein Leid geschehen könne[7]. Als ihm ein
Spiegel vorgehalten wurde, griff er nach seinem eignen Spiegelbild
und wendete sich dann nach der Rückseite, um den Menschen zu finden,
der dahinter stecke. Was er Glänzendes sah, darnach langte er wie ein
kleines Kind, und weinte, wenn er es nicht erreichen konnte, oder es
ihm versagt wurde.
Einige Tage nach seiner Ankunft in Nürnberg wurde K., in Begleitung
zweier Polizeimänner, um die Stadt geführt, damit er vielleicht das
Thor wieder erkenne, durch das er in die Stadt gebracht worden. Er
wußte, wie man wohl hätte voraussehen können, keines von dem andern
zu unterscheiden, und schien überhaupt an dem, was an seinen Augen
vorüberging, keinen Antheil zu nehmen. Auf Gegenstände, die man ihm
besonders nahe brachte, gaffte er stumpfsinnig, und nur zuweilen
mit neugierigem, befremdetem Blicke hin. Zur Bezeichnung lebender
Geschöpfe, die ihm in die Sinne fielen, hatte er blos zwei Worte,
deren er sich dann und wann bediente. Was menschliche Gestalt hatte,
ohne Unterschied des Geschlechts und Alters, hieß ihm »Bua;« jedes ihm
aufstoßende Thier, vierfüßig oder zweibeinig, Hund, Katze, Gans oder
Huhn, nannte er: »Roß.« Waren solche Rosse ~weiß~, so bezeigte
er Wohlgefallen; ~schwarze~ Thiere erregten ihm Widerwillen oder
Furcht. Eine schwarze Henne, welche auf ihn zukam, versetzte ihn in
große Angst; er schrie und machte die äusserste Anstrengung, um auf
seinen, ihm hiezu den Dienst versagenden Füßen von ihr hinwegzulaufen.
Seine Seele nicht nur, sondern auch manche seiner Sinne schienen
Anfangs in gänzlicher Erstarrung zu liegen, und nur allmählig
erwachend den Aussendingen sich zu öffnen. Erst nach einigen Tagen
fiel ihm der Schlag der Thurmuhren und das Geläute der Glocken auf;
er gerieth dadurch in das höchste Erstaunen, das sich in seiner
aufhorchenden Miene und in Verzuckungen des Gesichts ausdrückte, bald
aber in sinnendes dumpfes Hinstarren überging. Einige Wochen später zog
eine Bauernhochzeit mit Musik unter dem Fenster seines Wohnstübchens
auf dem Thurm vorüber. Horchend stand er plötzlich wie eine Bildsäule
da; sein Gesicht wurde wie verklärt, seine Augen strahlten gleichsam
sein Entzücken aus; fortwährend blieben Ohr und Augen den immer weiter
sich entfernenden Tönen zugewendet, und schon waren die letzten
verhallt, als er noch lauschend unbeweglich stehen blieb, gleichsam
als wolle er die letzten Schwingungen dieser für ihn himmlischen
Laute in sich aufnehmen, oder als habe die Seele ihren Körper in
Erstarrung zurückgelassen, um diesen Klängen nachzuziehen. Gewiß nicht
um Kaspars musikalischen Sinn zu erproben, stellte man bei einer
Wachtparade diesen Menschen, an dem sich bereits eine ungewöhnliche
Nervenreitzbarkeit offenbarte, in die Nähe der großen Regimentstrommel,
deren erste Schläge ihn so erschütterten, daß er in Zuckungen verfiel
und schnell hinweggebracht werden mußte.
Unter den vielen auffallenden Erscheinungen, die sich in den ersten
Tagen und Wochen an Kaspar zeigten, bemerkte man, daß die Vorstellung
von ~Rossen~, besonders von ~hölzernen Rossen~, für ihn von
nicht geringer Bedeutung sein müsse. Das Wort: »Roß« schien in
seinem Wörterbuch, das kaum ein halbes Dutzend Worte umfaßte, den
allergrößten Raum einzunehmen; dieses Wort wurde am allerhäufigsten,
bei den verschiedensten Gelegenheiten und Gegenständen, von ihm
ausgesprochen, und zwar nicht selten unter Thränen, in wehmüthig
bittendem Tone, als drücke er damit die Sehnsucht nach irgend einem
Pferde aus. So oft man ihm eine Kleinigkeit, eine glänzende Münze,
ein Band, ein Bildchen &c. &c. schenkte, sprach er: Roß! Roß! und gab
durch Mienen und Gebärden den Wunsch zu erkennen, diese Schönheiten
einem Roße anzuhängen. Kaspar, welcher -- nicht eben zum Vortheil
seiner geistigen Entwickelung, noch zum Behuf reiner Beobachtungen,
wozu doch wohl die Seltenheit der Erscheinung aufforderte -- täglich
auf die Polizeiwachtstube geführt wurde, wo er im Getös und Getümmel,
gewöhnlich einen nicht kleinen Theil des Tages zubrachte, wurde hier
wie einheimisch, und gewann sich bald unter den Bewohnern dieses
Amtszimmers Zuneigung und Liebe. Das auch hier so oft wiederholte:
Roß! Roß! gab eines Tages einem der Polizeisoldaten, der sich mit dem
seltenen Jünglingskinde am meisten zu thun machte, den Einfall, ihm ein
weißes hölzernes Spielpferd auf die Wachtstube zu bringen. Kaspar, der
sich bisher fast immer nur unempfindlich, gleichgültig, untheilnehmend
oder niedergeschlagen gezeigt hatte, wurde beim Anblick dieses
hölzernen Rosses, plötzlich wie umgewandelt, und benahm sich nicht
anders, als hätte er in diesem Pferdchen einen alten, langersehnten
Freund wiedergefunden. Ohne lärmende Freude, aber mit lächelndem
Gesichte weinend, setzte er sich sogleich auf den Boden zu dem Pferde
hin, streichelte, tätschelte es, hielt unverwandt seine Augen darauf
geheftet, und suchte es mit allen den bunten, glänzenden, klingenden
Kleinigkeiten zu behängen, womit das Wohlwollen ihn beschenkt hatte.
Erst nunmehr, da er das Rößchen damit ausschmücken konnte, schienen
alle diese Dinge den rechten Werth für ihn gewonnen zu haben. Als die
Zeit kam, wo er die Polizeiwachtstube verlassen sollte, suchte er das
Roß aufzuheben, um es mit sich nach Haus zu tragen, und weinte dann
bitterlich, als er wahrnahm, daß er in seinen Armen und auf seinen
Füßen zu schwach sei, um diesen seinen Liebling mit sich über die
Schwelle der Stubenthüre hinauszubringen[8]. So oft er dann nachher die
Wachtstube zu besuchen kam, setzte er sich sogleich zu seinem lieben
Roß auf den Boden nieder, ohne die Menschen um ihn her im mindesten
zu beachten. »Stunden lang«, sagt einer der Polizeisoldaten in seiner
erst polizeilichen, späterhin gerichtlichen Vernehmung, »saß Kaspar mit
seinem Rosse spielend neben dem Ofen, ohne auf das, was um und neben
ihm vorging auch nur im mindesten Acht zu geben.«
Aber auch auf dem Thurm in seinem Schlaf- und Wohnstübchen versah man
ihn bald, nicht blos mit Einem, sondern mit verschiedenen Rossen. Diese
Rosse waren von nun an, so lange er sich zu Haus befand, unausgesetzt
seine Gesellschafter und Gespielen, die er nicht von seiner Seite,
noch aus seinen Augen ließ, und mit denen er -- wie man durch eine
verborgene Oeffnung in der Thüre beobachten konnte -- sich beständig
zu schaffen machte. Ein Tag war darin dem andern, eine Stunde der
andern gleich, daß Kaspar neben seinen Rossen, mit gerade vor sich
ausgestreckten Füssen, auf dem Boden saß, seine Rosse beständig bald
auf diese bald auf jene Weise mit Bändern, Schnüren oder bunten
Papierfetzen schmückte, mit Münzen, Glöckchen, Goldflittern behing,
und darüber zuweilen in tiefes Nachdenken versunken schien, wie er
diesen Putz durch abwechselndes Dahin- oder Dorthin-Legen verändern
möge. Auch führte er sie zum öftern, ohne sich dabei von der Stelle
zu bewegen oder seine Lage zu verändern, neben sich hin und her, doch
sehr vorsichtig und ganz leise, damit, wie er späterhin äußerte,
das Rollen der Räder kein Geräusch verursache, und er nicht dafür
geschlagen werde. Nie aß er sein Brod, ohne zuvor jeden Bissen den
Pferdchen an den Mund gehalten, trank nie sein Wasser, ohne zuvor ihre
Schnauze hineingetaucht zu haben, die er dann jedesmal sorgfältig
wieder abzuwischen pflegte. Eines dieser Pferdchen war von Gyps,
dessen Mund denn bald vom Eintauchen erweichte. Er wußte nicht, woher
dieß komme, indem er wohl bemerkte, daß die Schnauze der andern Rosse
naß werde, doch nicht ihre Form verändere. Der Gefangenwärter, dem
er weinend sein Unglück mit dem Gypspferdchen vorzeigte, gab ihm zu
seiner Beruhigung zu verstehen: »dieses Pferdchen möge kein Wasser;«
worauf er es denn zu tränken unterließ, indem er glaubte, es zeige ihm
durch die am Mund sichtbare Verunstaltung seine Abneigung gegen das
Trinken an. -- Der Gefangenwärter, welcher oft sah, wie Kaspar sich
abmühte, die Pferde mit seinem Brod zu füttern, suchte ihm begreiflich
zu machen, diese Pferde könnten nicht fressen. Allein Kaspar meinte
ihn damit zu widerlegen, daß er auf die Brodkrumen deutete, die an der
Schnauze seiner Pferde hängen geblieben waren. -- Das eine seiner Rosse
hatte einen Zaum in dem weitgeöffneten Maul; er verfertigte nun auch
seinem andern Pferde einen Zaum aus zusammenhängenden Goldflittern,
und bemühte sich dieses auf allerlei Weise zu bewegen, seinen Mund zu
öffnen, damit er ihm den Zaum hineinlege, -- ein Versuch, womit er
sich zwei Tage lang unermüdlich plagte. Einst schlief er auf einem
Schauckel-Pferde ein, fiel herab und quetschte sich am Finger; da
beklagte er sich, daß ihn das Pferd gebissen habe. -- Als er eines
Tags mit einem andern seiner Pferde über den Boden fuhr und dieses mit
den Hinterfüßen in eine Lücke des Bodens gerieth und vorne aufstieg,
bezeigte er darüber die größte Freude, und wiederholte dann beständig
dieses ihm so merkwürdige Schauspiel, das er allen seinen Besuchern
zum Besten gab. Da ihm der Gefangenwärter seinen Unwillen darüber
bezeigte, daß er allen Leuten immer dasselbe vormache, unterließ er
dieses zwar, weinte aber, daß er sein steigendes Pferd nicht mehr
zeigen solle. Einmal fiel dieses beim Aufsteigen um; da kam er ihm
mit eiliger Zärtlichkeit zu Hülfe und äußerte sein Leid darüber, daß
es sich wehe gethan. Er war vollends untröstlich, als er einmal den
Gefangenwärter einem dieser Pferde einen Nagel einschlagen sah.
Hieraus und aus vielen andern Umständen ließ sich vermuthen, was nicht
lange nachher zu voller Gewißheit wurde: daß die Vorstellung von
Lebendigem und Todtem, Beseeltem und Unbeseeltem, von Organischem und
Unorganischem, von Naturgegenständen und Kunsterzeugnissen sich in
seiner Kinderseele noch seltsam durch einander mische.
Thiere unterschied er von Menschen blos an ihrer Gestalt, Männer
und Frauen an der Kleidung, die ihm, wegen der mannichfaltigen, in
die Augen stechenden Farben, am weiblichen Geschlecht besser als am
männlichen gefiel; weshalb er auch späterhin noch öfters den Wunsch
äußerte, ein Mädchen zu werden, d. h. Frauenkleider zu tragen. --
Daß aus den Kindern große Leute würden, wollte ihm durchaus nicht
einleuchten, und am hartnäckigsten widersprach er, wenn man ihm
versicherte, daß er doch auch einmal ein Kind gewesen, und daß er
wahrscheinlich noch bedeutend werde größer werden, als er jetzt schon
sei. Erst einige Monate später überzeugte er sich davon, als er an
einem an die Wand gezeichneten Maß, nach wiederholten Proben, die eigne
Erfahrung von seinem, noch dazu schnellen Wachsthum gemacht hatte.
Von Religion war nicht ein Fünkchen, von einer Dogmatik auch nicht
das kleinste Stäubchen in seiner Seele zu finden, so sehr sich einige
Geistliche, gleich in den ersten Wochen nach seinem Erscheinen zu
Nürnberg, die unzeitige Mühe gaben, es in ihm zu suchen und aufzuregen.
Von allen ihren Fragen, Reden und Predigen hätte jedes Thier nicht
weniger verstanden und begriffen als Kaspar. Was er an Religion
mitbrachte, bestand -- wenn es ohne Lästerung dieses Namens so genannt
werden darf -- lediglich in demjenigen, was ihm dummfromme Bosheit bei
seiner Aussetzung zu Nürnberg in die Tasche mitgegeben hatte.
Es wird vielleicht nicht uninteressant sein, über Kaspar Hausers
Benehmen, während seines Aufenthalts auf dem Thurm, die Aeußerung eines
einfachen, aber verständigen Mannes zu vernehmen, des Gefangenwärters
~Hiltel~, der ihn mehre Wochen unter seiner Aufsicht gehabt
hatte. Dieser äußert sich zum Protokoll unter andern wie folgt:
»Bald nachdem ich den angeblichen Kaspar Hauser einige Zeit im
Stillen beobachtet hatte, erlangte ich die Ueberzeugung, daß derselbe
nichts weniger als simpelhaft und von der Natur verwahrlost, sondern
vielmehr auf unbegreifliche Weise von aller Ausbildung und geistigen
Entwicklung zurückgehalten worden sein müsse. Die unendlich vielen
Belege und Erscheinungen anzuführen, welche sich mir aus den mit Hauser
angestellten Beobachtungen hierüber unzweifelhaft ergaben, würde hier
zu weit führen. Er hat sich in den ersten Tagen seines Aufenthalts bei
mir gerade wie ein kleines Kind benommen und allenthalben die größte
Natürlichkeit und Unschuld zu erkennen gegeben. Am 4ten oder 5ten Tage
wurde er von dem obern, engern Verwahrungsort des Gefängnißthurms
in die tiefere Etage desselben, in welcher ich mit meiner Familie
wohne, in ein kleines Zimmerchen gebracht, welches Vorrichtungen
hatte, mittelst deren ich ihn stets beobachten konnte, ohne daß er
es wahrzunehmen vermochte. Hier habe ich ihn, dem mir vom Herrn
Bürgermeister gegebenen Befehl gemäß, unbemerkt zum öftern beobachtet
und sein Benehmen, wenn er allein war, ganz unverändert gefunden. Er
ergözte sich an seinem Spielzeug für sich allein eben so, als wie er
dies in meiner Gegenwart natürlich, unbefangen that; denn wenn er in
der ersten Zeit mit seinen Spielsachen ernstlich beschäftigt war, so
mochte um ihn her vorgehen was da wollte, er nahm davon keine Notiz.
Doch muß ich bemerken, daß dieses Vergnügen an kindischem Spielzeug nur
von kurzer Dauer war. So wie seine Sinne auf ernstere und nützlichere
Gegenstände gerichtet und dafür empfänglich gemacht worden waren,
hatte er am Spielen keine Freude mehr. -- Sein ganzes Benehmen war,
so zu sagen, ein reiner Spiegel kindlicher Unschuld; er hatte nichts
Falsches an sich; wie es ihm um's Herz war, so sprach er sich aus, so
weit es nämlich seine dürftige Sprache zuließ. Einen sicheren Beleg
seiner Unschuld und Unwissenheit gab er auch bei Gelegenheit, als
ich und meine Frau ihn das erste Mal entkleideten und seinen Körper
reinigten; sein Benehmen hiebei war das eines Kindes, ganz natürlich
und ungenirt[9]. -- Nachdem er das Spielzeug bekommen hatte, und auch
andere Personen zu ihm gelassen wurden, habe ich bisweilen meinen
11jährigen Sohn Julius zu ihm gelassen, der ihn denn gleichsam das
Sprechen lernte, Buchstaben vormachte, und ihm Begriffe, so weit er
selbst sie hatte, mitzutheilen suchte. Zugleich ließ ich manchmal
mein dreijähriges Mädchen, Margaretha, auf seine Stube kommen, mit
der er Anfangs sehr gerne spielte und die ihn Glasperlen an eine
Schnur zu reihen lehrte. An dieser Unterhaltung fand er sobald keine
Befriedigung mehr, als er sein todtes Spielzeug satt hatte. In der
letzten Zeit seines Aufenthalts bei mir, hatte er seine größte Freude
und Unterhaltung an Zeichnungen und Kupferstichen, die er in seinem
Zimmerchen an die Wände klebte.«