II.

Kaspar Hauser -- diesen Namen hat er bis jetzt beibehalten -- trug als

er nach Nürnberg kam, auf dem Kopf einen runden, mit gelber ~Seide~

gefütterten, mit rothem Leder besetzten, etwas groben Filzhut, von

~städtischer~ Form, in welchem das halbausgekrazte Bild der Stadt

~München~ zu sehen ist. Die Zehen seiner nackten Füße sahen aus

ganz zerrissenen, ihm nicht anpassenden, mit Hufeisen und Nägeln

beschlagenen Halbstiefeln mit ~hohen Absätzen~ hervor. Um seinen Hals

war eine schwarz seidene Halsbinde geschlungen. Ueber einem groben

Hemde[3] und einer schon ausgewaschenen, rothgetupften, zeuchenen

Weste trug er eine grautuchene ~Jacke~, welche die Bauersleute Janker

oder Schalk zu nennen pflegen, welche aber, wie sich erst später bei

genauerer Betrachtung und nach Untersuchung von Sachverständigen ergab,

der Schneider ursprünglich zu keiner Bauernjacke zugeschnitten hatte;

sie war ehemals, wie schon der liegende Kragen zeigt, ein ~Frack~,

dem man die Hintertheile abgeschnitten und dessen obere Hälfte eine

der Schneiderei unkundige Hand mit groben Stichen wieder zusammen

geheftet hatte. Auch die etwas feineren, gleichfalls grautuchenen

~Pantalons~, wie ~Reithosen~ zwischen den Beinen mit demselben Tuche

besetzt, gehörten wohl ursprünglich eher einem Bedienten, Reitknecht

oder Förster und dergl., als einem Bauern. Kaspar trug ein weißes

rothgegittertes Schnupftüchlein bei sich, mit den Buchstaben =K. H.=

roth gezeichnet. Außer einigen blau und weiß geblumten Lappen, einem

deutschen Schlüssel und einem Papier mit etwas ~Goldsand~ -- den wohl

Niemand in Bauernhütten sucht -- fand sich in seiner Tasche ein kleiner

hörnener Rosenkranz und ein ziemlicher Vorrath geistlichen Segens;

nämlich, außer geschriebenen katholischen Gebeten, mehre geistliche

Druckschriften, wie sie häufig im südlichen Deutschland, zumal an

Wallfahrtsorten, der gläubigen Menge für gutes Geld geboten werden,

-- einige ohne Druckort, andere mit den Druckorten: ~Altöttingen~,

~Burghausen~, ~Salzburg~, ~Prag~. Ihre auferbaulichen Titel heißen

z. B. »~Geistliche Schildwacht~,« -- »~Geistliches Vergißmeinnicht~,«

-- »~Ein sehr kräftiges Gebet, wodurch man sich aller heiligen

Messen &c. theilhaftig machen kann~,« -- »~Gebet zum heiligen

Schutzengel~,« -- »~Gebet zum heiligen Blut~« u. s. w. Eines dieser

köstlichen Geisteswerklein, betitelt: ~Kunst, die verlorne Zeit und

übel zugebrachten Jahre zu ersetzen~ (ohne Jahrzahl) scheint auf das

bisherige Leben dieses Jünglings, wie er es späterhin erzählte, höhnend

anzuspielen. Daß nicht blos weltliche Hände bei dieser Begebenheit mit

im Spiele seien, ließ sich, nach den mitgebrachten geistlichen Gaben,

nicht wohl bezweifeln.

Der an den ungenannten Rittmeister der 4ten Escadron des 6ten

Chevauxlegers-Regiments adressirte Brief, mit welchem in der Hand

Kaspar zu Nürnberg auftrat, war nach Form und Inhalt folgender:

»Von der Bayerschen Gränz daß Orte ist unbenannt 1828.

Hochwohlgebohner Hr. Rittmeister!

Ich schücke ihner ein Knaben der möchte seinen König getreu dienen

verlangte Er, dieser Knabe ist mir gelegt worden, 1812 den 7.

Ocktober, und ich selber ein armer Taglöhner, ich habe auch selber

10 Kinder, ich habe selber genug zu thun daß ich mich fortbringe,

und seine Mutter hat nur um die erziehung daß Kind gelegt, aber ich

habe sein Mutter nicht erfragen können, jezt habe ich auch nichts

gesagt, daß mir der Knabe gelegt ist worden, auf den Landgericht.

Ich habe mir gedenkt ich müßte ihm für mein Sohn haben, ich habe ihm

Christlichen Erzogen, und habe ihn Zeit 1812 Keinen Schrit weit aus

den Haus gelassen daß Kein Mensch nicht weiß davon wo Er auf erzogen

ist worden, und Er selber weiß nichts wie mein Hauß Heißt und daß ort

weiß er auch nicht, sie derfen ihm schon fragen er kann es aber nicht

sagen, daß lessen und schreiben habe ich ihm schon gelehrt er kann

auch mein Schrift schreiben wie ich schreibe, und wan wir ihm fragen

was er werde, so sagte er will auch ein Schwolische werden waß sein

Vater gewesen ist, Will er auch werden, wen er Eltern häte wir er

keine hate wer er ein gelehrter bursche worden. Sie derfen im nur was

zeigen so kan er es schon,

»Ich habe im nur bis Neumark geweißt da hat er selber zu ihnen

hingehen müssen ich habe zu ihm gesagt wenn er einmal ein Soldat ist,

kome ich gleich und suche ihm heim sonst häte ich mich von mein Hals

gebracht,

»Bester Hr. Rittmeister sie derfen ihm gar nicht tragtiren er weiß

mein Orte nicht wo ich bin, ich habe im mitten bei der nacht fort

gefürth er weiß nicht mehr zu Hauß,

»Ich empfehle mich gehorsamt Ich mache mein Namen nicht Kentbar den

ich Konte gestraft werden,

»Und er hat Kein Kreuzer Geld nicht bey ihm weil ich selber nichts

habe wen Sie im nicht Kalten (behalten) so müssen Sie im abschlagen

oder in Raufang auf henggen.«

Es lag diesem Briefe zugleich folgender mit lateinischen Buchstaben,

jedoch wahrscheinlich von derselben Hand, geschriebener Zettel bei:

==»Das Kind ist schon getauft Sie heist Kasper in== (d. h.

einen) ==Schreibname misen Sie im Selber geben das Kind moechten

Sie auf ziehen Sein Vater ist ein Schwolische gewesen wen er 17 Jahr

alt ist so schicken==

=Sie im nach Nirnberg zu 6^{ten} Schwolische Regiment da ist auch

sein Vater gewesen jch bitte um die erziehung bis 17. Jahre gebohren

ist er im 30. Aperil 1812 im Jaher ich bin ein armes Mägdlein ich kan

das Kind nicht ernehren sein Vater ist gestorben.«=

~Kaspar Hauser~[4] war bei seinem Erscheinen zu Nürnberg 4

Schuhe, 9 Zolle groß, und mochte damals vielleicht in seinem 16-17.

Jahre stehen. Ein ganz dünner Flaum überzog Kinn und Lippen, die

sogenannten Weisheitszähne fehlten noch und sind erst im Jahr 1831

hervorgebrochen. Seine hellbraunen, sehr feinen Haare, bäuerlich

zugeschnitten, kräuselten sich in kleine Locken. Sein Körperbau,

untersetzt und breitschulterig, zeigte ein vollkommenes Ebenmaß, ohne

irgend ein sichtbares Gebrechen. Seine Haut war sehr weiß und fein;

seine Gesichtsfarbe nicht eben blühend, doch auch nicht krankhaft;

seine Glieder zart gebaut; die kleinen Hände schön geformt; eben so

die Füße, welche keine Spur zeigten, daß früher ein Schuh sie beengt

oder gedrückt habe. Die Fußsohlen waren ohne Hornhaut, so weich wie

das Innere einer Hand, und über und über mit frischen Blutblasen

bedeckt, deren Spuren noch mehre Monate später zu sehen waren. An

beiden Armen zeigten sich die Narben der Impfung; an seinem rechten Arm

fiel eine noch mit frischem Schorf bedeckte Wunde auf, die, wie Kaspar

späterhin erzählte, von einem Schlag mit einem Stock (oder Stück Holz)

herrührte, welchen der Mann, »bei dem er immer gewesen,« ihm gegeben,

als er einmal zu viel Lärm gemacht habe. Sein Gesicht war damals sehr

gemein und, wenn es in Ruhe war, fast ohne Ausdruck; die untern Theile

desselben traten etwas vor, was ihm ein thierisches Ansehen gab. Auch

der stiere Blick seiner bläulichen, übrigens klaren, hellen Augen

hatte den Ausdruck thierischer Stumpfheit.[5] Seine Gesichtsbildung

änderte sich nach einigen Monaten gänzlich; der Blick gewann Ausdruck

und Leben, die hervorragenden untern Theile des Gesichts traten mehr

zurück, und die frühere Physiognomie war kaum wieder zu erkennen.

Sein Weinen bestand in der ersten Zeit in einem häßlichen Verzerren

des Mundes; bewegte aber irgend etwas Angenehmes sein Gemüth, so

verbreitete sich über seine Miene eine lieblich lächelnde, alle Herzen

gewinnende Freundlichkeit, der unwiderstehliche Reiz der Freude eines

unschuldigen Kindes. Seine Hände und Finger wußte er so gut wie gar

nicht zu gebrauchen. Die Finger spreizte er steif und gerade hin weit

auseinander, mit Ausnahme des Zeigefingers und Daumens, deren Spitzen

er gewöhnlich auf die Weise zusammenhielt, daß sie einen Zirkel

bildeten. Wo andere Menschen nur einige Finger brauchen, bediente er

sich der ganzen Hand, die auf die ungeschickteste, verkehrteste Weise

ihr Geschäft verrichtete. Sein Gang, ähnlich dem eines Kindes, das am

Laufband seine ersten Versuche macht, war nicht sowohl ein Gehen, als

ein watschelndes, schwankendes Tappen, eine peinliche Mittelbewegung

zwischen Fallen und Aufrechtstehen. Statt beim Gehen mit der Ferse

zuerst aufzutreten, setzte er mit gehobenen Beinen Ferse und Vorderfuß

zugleich auf den Boden und stolperte, die Füße einwärts gekehrt, mit

überhängendem Oberleib und weit von sich hinweggestreckten Armen, die

er als Balanzirstange zu gebrauchen schien, langsam schwerfällig vor

sich hin. Oefters fiel er in seinem Zimmerchen, bei geringem Hinderniß

oder Anstoß, der Länge nach zu Boden. Beim Auf- und Absteigen von

Treppen mußte er, noch lange nach seiner Ankunft, immer geführt werden.

Und noch jetzt ist es ihm, ohne zu fallen, nicht möglich auf dem einen

Fuß zu stehen, den andern zu heben, zu biegen oder auszustrecken.

Bei einer erst noch im Jahre 1830 vorgenommenen gerichtsärztlichen

Besichtigung der Leibesbeschaffenheit Kaspar Hausers ergaben sich,

unter andern, folgende höchst merkwürdige Eigenthümlichkeiten, die

auf sein Leben und sein Schicksal ein helles Licht zurückwerfen. »Das

~Knie~,« sagt das Gutachten des =Dr.= Osterhausen, »hat eine

besondere regelwidrige Bildung. Bei Streckung des Unterschenkels

tritt in der Regel die Kniescheibe hervor; bei Hauser aber liegt sie

in einer beträchtlichen Vertiefung. Regelmäßig heften sich die vier

Streckmuskeln des Unterschenkels, als der äußere und innere große, der

gerade und tiefe Unterschenkelstrecker =(musculus vastus externus

et internus, m. femoris et cruralis)= mit einer gemeinschaftlichen

Sehne, nachdem sie sich mit der Kniescheibe verwebt hat, an den

Höcker des Schienbeins an; hier aber ist die Sehne getrennt, und die

Sehne des äußern und innern großen Schenkelstreckers =(m. vastus

externus et internus)= gehen an der äußern und innern Seite des

Schienbeinknorrens herab, heften sich unter diesem an das Schienbein

an, und zwischen ihnen liegt die Kniescheibe. Hiedurch, und da diese

Sehnen ungewöhnlich stark ausgewirkt sind, entsteht jene Vertiefung.«

»Wenn er mit ausgestrecktem Ober- und Unterschenkel, in horizontaler

Lage auf dem Boden sitzt; so bildet der Rücken mit der Beugung des

Oberschenkels einen rechten Winkel, und das Kniegelenk liegt in gerader

Streckung so fest auf dem Boden, daß am Kniebug nicht die geringste

Höhlung zu bemerken und kaum ein Kartenblatt unter die Kniekehle zu

schieben ist.«

Kaspar Hauser · 第 6 / 12 题