I.

Der zweite Pfingsttag gehört zu Nürnberg zu den vorzüglichsten

Belustigungstagen, an welchen der größte Theil der Einwohner sich

auf das Land und in die benachbarten Ortschaften zerstreut. Die, im

Verhältniß zu ihrer dermaligen spärlichen Bevölkerung, ohnehin sehr

weitläufige Stadt, wird dann, zumal bei schönem Frühlingswetter, so

still und menschenleer, daß sie beinahe weit eher jener verzauberten

Stadt in der Sahara, als einer rührigen Gewerbs- und Handelsstadt

zu vergleichen wäre. Besonders in einigen von ihrem Mittelpunkte

entfernteren Theilen kann dann leicht manches Geheime öffentlich

geschehen, ohne darum aufzuhören geheim zu sein.

So ereignete sich denn am zweiten Pfingsttage (26. Mai) 1828 Abends

zwischen 4 und 5 Uhr Folgendes:

Ein Bürger, wohnhaft auf dem sogenannten Unschlittplatze (in der Nähe

des wenig besuchten Hallerthörchens) weilte noch vor seinem Hause, um

von da vor das sogenannte neue Thor zu gehen, als er, sich umsehend,

nicht weit von sich einen als Bauernbursche gekleideten jungen Menschen

gewahr wurde, welcher in höchst auffallender Haltung des Körpers da

stand, und, einem Betrunkenen ähnlich, sich vorwärts zu bewegen mühte,

ohne gehörig aufrecht stehen und seine Füße regieren zu können. Der

erwähnte Bürger nahte sich dem Fremdling, der einen Brief ihm entgegen

hielt, mit der Aufschrift:

»~An Titl. Hrn. Wohlgebohrner Rittmeister bei~ 4ten ~Esgataron

bei~ 6ten ~Schwolische Regiment~

~Nürnberg~.«

Da der bezeichnete Rittmeister in der Nähe des neuen Thors wohnte, so

nahm jener Bürger den fremden Burschen dahin mit sich an die Wache,

von wo er zu der ganz nahe liegenden Wohnung des damals die 4te

Escadron des bezeichneten Regiments befehligenden Rittmeisters von W.

gelangte[1].

Dem die Hausthür öffnenden Bedienten des von W. trat er, den Hut auf

dem Kopf, seinen Brief in der Hand haltend, mit den Worten entgegen:

»ä sechtene möcht ih wähn, wie mei Vottä wähn is.« Der Bediente

fragte ihn: was er wolle? wer er sei? woher er komme? Aber der Fremde

schien von allen Fragen keine zu verstehen, und es erfolgten immer

nur die Worte: »ä sechtene möcht ih wähn, wie mei Vottä wähn is,«

oder »woas nit!« Er war, wie der Bediente des Rittmeisters in seinem

Verhör als Zeuge aussagt, so ermattet, daß er nicht sowohl ging als

»herumschweifte.« Weinend, mit dem Ausdruck heftigen Schmerzes, deutete

er auf seine unter ihm brechende Füße, und schien an Hunger und Durst

zu leiden. Man reichte ihm ein Stückchen Fleisch; doch kaum hatte der

erste Bissen seinen Mund berührt, als er ihn, sich schüttelnd, unter

heftigen Zuckungen seiner Gesichtsmuskeln, mit sichtbarem Entsetzen

wieder von sich spie. Dieselben Zeichen des Abscheus, als man ihm

ein Glas Bier gebracht und er davon einige Tropfen gekostet hatte.

Ein Stück schwarzen Brodes und ein Glas frischen Wassers verschlang

er mit heißer Begier und äußerstem Wohlbehagen. Was man unterdessen

mit ihm noch versuchte, um über seine Person und sein Hieherkommen

etwas zu erfahren, war vergebliche Mühe. Er schien zu hören, ohne zu

verstehen, zu sehen, ohne etwas zu bemerken, sich mit den Füßen zu

bewegen, ohne sie zum Gehen gebrauchen zu können. Seine Sprache waren

meistens Thränen, Schmerzenslaute, unverständliche Töne oder die häufig

wiederkehrenden Worte: »Reutä wähn, wie mei Vottä wähn is.« Im Hause

des Rittmeisters hielt man ihn bald nur für einen wilden Menschen, und

führte ihn, bis zur Heimkunft des Hausherrn, in den Pferdestall, wo er

sogleich auf dem Stroh sich ausstreckte und in tiefen Schlaf versank. --

Er hatte schon mehre Stunden fortgeschlafen, als der Rittmeister nach

Hause kam und sogleich in seinen Pferdestall ging, um den wilden

Menschen zu sehen, von dem seine Kinder ihm, beim Willkommen, so viel

Seltsames erzählt hatten. Noch lag dieser im tiefsten Schlaf. Man

suchte ihn zu erwecken, man rüttelte, schüttelte, stieß ihn; aber

vergebens. Man riß ihn vom Boden auf und suchte ihn auf die Füße zu

stellen; aber er schlief fort, ähnlich einem Scheintodten, der nur noch

durch seine Lebenswärme von dem wirklich Todten sich unterscheidet.

Endlich, nach vielen, dem Schlafenden fühlbaren Mühen, schlug er die

Augen auf, ermunterte sich, sah den Rittmeister in seiner bunten

glänzenden Uniform, die er, wie es schien, mit kindischem Wohlgefallen

betrachtete, und stöhnte dann sein: Reutä &c. &c.

Herr von W. kannte den fremden Burschen eben so wenig, als er dem ihm

mitgebrachten Brief irgend eine auf ihn bezügliche Deutung zu geben

wußte. Da nun auch mit Fragen nichts aus ihm herauszubringen war,

als: »Reutä wähn« &c. &c. oder »woas nit:« so blieb nichts anders

übrig, als die Lösung des Räthsels, so wie die Sorge für die Person

des fremden Unbekannten der städtischen Polizei zu überlassen. Somit

wurde derselbe dahin abgeführt. »Was ich,« sagte Herr von W. in seiner

spätern gerichtlichen Vernehmung, »bezüglich der geistigen Bildung

dieses Menschen wahrzunehmen im Stande war, so verrieth er den Zustand

gänzlicher Verwahrlosung oder einer Kindheit, die mit seiner Größe

contrastirte.«

Gegen 8 Uhr Abends war der Weg zur Polizei -- für seinen Zustand, ein

Marterweg -- zurückgelegt. In der Wachtstube befanden sich, ausser

einigen Unterbeamten, mehre Polizeisoldaten. Allen hier Anwesenden

fiel der fremde Bursche ebenfalls als eine seltsame Erscheinung auf,

bei der man nicht sogleich mit sich einig werden konnte, unter welche

der gangbaren Polizei-Rubriken sie zu stellen sein möchte. Die an ihn

gerichteten polizeilichen Amtsfragen: wie heißt er? weß Standes und

Gewerbs? woher kommt er? warum ist er hier? wo ist sein Reisepaß? und

dergl. wollten durchaus nicht an ihm verfangen. »Ä Reutä wähn, wie mei

Votä wähn is,« oder: »woas nit« oder, was er ebenfalls in weinerlichem

Ton öfters wiederholte: »hoam weissa!« waren die einzigen Worte, die

er bei den verschiedensten Veranlassungen vorbrachte[2]. Wo er sei,

schien er nicht zu wissen oder zu ahnen. Er verrieth weder Furcht, noch

Befremden, noch Verlegenheit, vielmehr eine fast thierische Stumpfheit,

welche die Aussendinge entweder gar nicht bemerkt, oder gedankenlos

anstarrt und an sich vorübergehen läßt, ohne von ihnen berührt zu

werden. Seine Thränen, sein Wimmern, wobei er immer auf seine wankenden

Füße deutete, sein unbeholfenes und dabei kindlich kindisches Wesen

gewannen ihm bald das Mitgefühl der Anwesenden. Ein Soldat brachte ihm

ein Stück Fleisch und ein Glas Bier; aber, wie im W**schen Hause, wieß

er beides mit Grauen von sich, und aß nur Brod zu frischem Wasser.

Ein anderer gab ihm eine Münze; er zeigte darüber die Freude eines

kleinen Kindes, spielte damit und schien, indem er mehrmals: Roß!

Roß! sagte und mit der Hand gewisse Bewegungen machte, das Verlangen

auszudrücken, diese Münze einem »Roße« anzuhängen. Sein ganzes Wesen

und Benehmen zeigte an ihm ein kaum zwei- bis dreijähriges Kind in

einem Jünglingskörper. Die meisten dieser Polizei-Männer waren nur

darüber getheilt, ob man ihn für einen Blöd- oder Wahnsinnigen oder für

einen Halbwilden halten solle. Der eine und andere meinte jedoch: es

wäre wohl möglich, daß in diesem Buben ein feiner Betrüger stecke, eine

Meinung, welche durch folgenden Umstand einen nicht geringen Schein für

sich gewann. Man kam auf den Einfall, zu versuchen, ob er vielleicht

schreiben könne, gab ihm eine Feder mit Tinte, legte einen Bogen Papier

vor ihm hin und forderte ihn auf, zu schreiben. Er schien darüber

Freude zu bezeigen, nahm die Feder nichts weniger als ungeschickt

zwischen seine Finger und schrieb, zu aller Anwesenden Erstaunen, in

festen, leserlichen Zügen, den Namen:

Kaspar Hauser.

Er wurde jetzt weiter aufgefordert, auch den Namen des Ortes

beizusetzen, von welchem er herkomme. Aber er that hierauf nichts

weiter, als daß er wieder sein: »Reutä wähn« &c. &c., sein: »hoam

weissä,« sein: »woas nit« hervorstöhnte.

Da vor der Hand nichts weiter mit ihm anzufangen war, überließ man das

Uebrige der Zeit und übergab ihn einem Polizeidiener, der ihn auf den,

für Polizeisträflinge, Vagabunden &c. &c. bestimmten Thurm des Vestner

Thors brachte. Auf diesem verhältnißmäßig kurzen Weg, sank er fast bei

jedem Schritt -- wenn sein Tappen ein Schreiten genannt werden konnte

-- ächzend zusammen. In dem Arreststübchen angekommen -- wo er einen

andern Polizeigefangenen zum Gesellschafter hatte -- verfiel er auf

seinem Strohsack sogleich in den tiefsten Schlaf.

Kaspar Hauser · 第 5 / 12 题