mit funkelnden Augen und wirrem Haar. Ich reichte ihm ein Stück Brot;
da sagte er, er sei krank und möge nicht essen. Aber mit Euch müsse er
sprechen; sonst ginge es schlimm!“
„Der arme Mensch! Bei diesem Wetter draußen und noch krank dazu!“
erwiderte der gute Mann. „Bring’ ihn nur gleich herein.“
Zögernd gehorchte die Magd; blieb aber dicht vor der Tür stehen, um
gleich beispringen zu können, falls der wilde Gesell Böses im Schilde
führte gegen ihre liebe alte Herrschaft. Der aber blieb auf der
Schwelle stehen, um den sauberen Fußboden nicht zu beschmutzen, und
begann mit matter, heiserer Stimme: „Herr Pfarrer, gelt, Ihr kennt
mich nimmer? Ach, vor sechs Jahren sah ich wohl schmucker aus! Ich
bin ja der Salzburger, dem Ihr damals so freundlich beistandet. Ach,
ich möcht’ heim und kann doch nicht! Geschafft hab’ ich wacker, wo
ich konnte; aber ’s geht nicht mehr. Mir ist so angst; ich bin voller
Schmerzen. Ach, laßt mich nicht auf der Straße sterben!“
Er schlug die Hände zusammen, wankte und wäre umgesunken, hätten ihn
die beiden Alten nicht gestützt und mit Mühe auf das buntgeblümte
Ruhebett niedergelegt.
Bald darauf trat heftiges Fieber ein. Er meinte, ein Werber verfolge
ihn, und war kaum auf dem Lager zu halten; dann weinte er wieder
um einen gefallenen Freund und um ein Ännchen und bat endlich mit
wehmütiger Stimme, man sollte ihn im Walde beim Großvater begraben. Es
wurde eine schwere, lange Krankheit, die sich der Jüngling wohl durch
häufiges Übernachten im Freien, durch allzu anstrengende Märsche bei
schmaler Kost und hoher Gemütsaufregung zugezogen hatte.
[Illustration]
Als endlich seine starke Natur mit Gottes Hilfe die Krankheit überwand
und ihm die Kräfte langsam wiederkehrten, war der Winter mit voller
Gewalt eingezogen, und an Weiterwandern nicht zu denken. Sollte er wohl
nun an Ännchen schreiben? Nein, doch nicht! Leicht konnte der Brief in
fremde Hände kommen. Wer weiß, ob Franzl noch lebte! War er doch schon
vor sechs Jahren ein recht alter Mann gewesen. Ob Ännchen und Tobi dann
noch auf dem Hofe sein würden, war sehr zweifelhaft. Vielleicht hatte
ihnen Peter schon längst den Weg gewiesen!
Gern blieb der Genesende einige Monate lang bei seinen barmherzigen
Pflegern, deren stiller, netter Haushalt ihm nach der wüsten
Soldatenwirtschaft wie ein Paradies erschien. Allerlei Handarbeit,
durch die er einige Groschen verdienen konnte, fand sich bald. Daneben
tat er seinen Wirten zulieb und zu Dienst, was nur ein guter Sohn den
Eltern tun konnte. Seine Vergangenheit und seine Zukunftspläne legte
er ihnen offen dar und war herzlich froh, daß der Pfarrer gegen das
Auswandern nichts einzuwenden hatte.
Die Zahl derer, die übers Meer zogen, um der Tyrannei der Edelleute,
der List der Werber und der allgemeinen Volksnot zu entfliehen, war zu
jener Zeit sehr groß. Es waren nicht die schlechtesten Leute, die die
Gefahren einer solchen Reise und die Mühseligkeiten des neuen Anbaues
nicht scheuten, um nur freie Männer zu werden und das Stückchen Land
unter ihren Füßen ihr Eigentum nennen zu dürfen.
Mit gutem Rat und reichlicher Reisekost versehen, schied der Wanderer
endlich von den Pfarrersleuten, ihnen tausendmal Gottes Segen
wünschend. Wüst, elend und zerrissen hatte er die Stadt betreten;
schmuck und sauber verließ er sie im redlich erworbenen neuen
Anzug, ein leichtes Bündel auf dem Rücken mit mancher Gabe aus dem
Leinenschrank der Pfarrerin.
Das Land lachte in Frühlingspracht wie vor sechs Jahren, als er mit
Joseph ausgezogen; er selbst aber war anders geworden, und der
frische, leichte Mut wollte nicht wiederkehren. Einsam zog er seine
Straße, wich jedem aus und suchte in der Nachtherberge schnell sein
Lager auf, ohne sich in die lustige Gesellschaft in der Wirtsstube zu
mischen. Ach, auch in Bayern gab es ja Werber, wenn sie auch nicht ganz
so frech waren wie die preußischen. In jedem stattlichen Manne, der
ihn etwa anredete, vermutete er seinen solchen, und machte oft weite
Umwege, um ihm ja nicht wieder zu begegnen.
In den heimatlichen Bergen fühlte er sich ein wenig sicherer;
sie umstanden ihn wie eine Schutzmauer und grüßten ihn wie alte
Jugendfreunde. Aber nun überfiel ihn die Angst, ob und wie er wohl
Ännchen wiederfinden werde. Sie war ein so liebliches Kind gewesen, als
er sie verließ; wie schön mochte sie nun geworden sein! Andere würden
das auch gesehen haben! Dieser Gedanke fuhr ihm oft wie ein Stich durch
Herz.
In tiefes Sinnen versunken, wanderte er eines Tages über eine
Hochebene und war seines Weges nicht ganz sicher. Die Gegend war ihm
unbekannt, und doch konnte es nicht mehr weit sein zum Steinhof. Er
mußte wohl einen falschen Fußpfad eingeschlagen haben und sah in der
Ferne ein Dörfchen liegen. Er schritt darauf zu und fragte am Wege
spielende Kinder nach seinem Namen. „Windeck heißt’s“, war die Antwort.
„Windeck!“ Das war der Name, den ihm Tobi gesagt beim letzten Abschied
von der Talmühle! Dort drüben lag wohl die wüste, mit Felsbrocken
besäte Fläche, die er vom steilen Seeufer aus gesehen. Ja, jetzt
entdeckte er auch das einsame, von Bäumen umgebene Haus, nach dem seine
scharfen Kinderaugen oft sehnsüchtig hinübergeschaut. Schnell war
sein Entschluß gefaßt. Nicht den Steinhof wollte er zuerst aufsuchen,
sondern die verfallene Mühle, an die sich so reiche Erinnerungen
knüpften.
Viel weiter und beschwerlicher war der Weg, als er geglaubt. Ja, es
war gar kein Weg, sondern eine wilde, ganz verlassene Einöde, an die
sich wahrscheinlich allerlei Aberglaube knüpfte. Aber endlich stand er
doch am Ufer des Bergsees und stieg mit leichter Mühe herab. Das Wasser
stand so hoch, daß nur ein ganz schmaler Streifen sandigen Ufers an der
Felswand hinführte, und die Wellen ihm oft die Füße netzten, ehe er die
rechte Stelle erreichte und mühsam emporklomm.
War’s nicht, als lege sich ihm eine schwere Hand auf die Schulter
wie ehemals? Stand nicht des Talmüllers hohe Gestalt hinter ihm? Ach
nein; nur in Gedanken durchlebte er alles noch einmal! Ringsum war’s
totenstill. Die Sonne war nahe am Untergehen; er mußte sich aufraffen
aus den Jugendträumen, um vor völligem Dunkelwerden die Mühle zu
erreichen. Dort wollte er einsam übernachten im Schutz der verfallenen
Mauern und am andern Morgen durch den Felsengang den Steinhof aufsuchen.
Langsam schritt er durch den duftigen Frühlingswald. Die Pfade,
die seine und Ännchens kleine Füße ehemals getreten, waren längst
überwachsen; alles ringsum zeugte von völliger Verlassenheit. Hier
am Bächlein unter den Birken war Ännchens Lieblingsplatz gewesen;
dort auf jenem bemoosten Felsblock hatte sie Kränze gewunden und ihm
staunend zugehört, wenn er kühne Zukunftspläne entwarf. Was war aus
ihnen geworden? Ach, kam er nicht ärmer zurück, als er gegangen?
Würden sie ihn nicht verachten auf dem Steinhofe, wo Geld und Gut so
viel galt? „Mögen sie“, dachte er. „Ein treues Herz bring’ ich mit und
ungebrochenen Mut. Gott ist reich, stark und barmherzig; er wird uns
wohl ins Land der Freiheit führen!“
Nun mußte das alte, traute und doch etwas märchenhafte Heim ganz nahe
sein. Unwillkürlich trat er leise auf und bog geräuschlos die Zweige
auseinander, die überall den Zugang versperrten. Jetzt trat er auf den
freien Platz, der nun hie und da mit Gestrüpp bewachsen war. Dort stand
die verfallene Mühle; es war eben noch hell genug, sie zu erkennen.
Eine seltsame Scheu hielt den Jüngling ab, näher zu treten; er setzte
sich auf einen Stein, wo er ehemals oft lesend oder träumend gesessen.
Wie still war alles, wie öde! Nur über ihm in den Zweigen sang eine
Nachtigall ihr schwermütig Lied. Wie, wenn Ännchen tot wäre, und man
sie bei der Mutter begraben hätte? Wo kam ihm der Gedanke her, der
ihm brennende Tränen aus den Augen trieb? Was war das für ein Glanz?
Licht in der Mühle? O nein! Der Mond ging auf und goß milden Schein
über das düstere Gemäuer aus. Den Kopf in die Hand gestützt, saß der
Jüngling; aus seinem Herzen stieg ein inniges Gebet zu Gott empor für
das Mägdlein, das er so innig liebte.
Aber jetzt fuhr er auf! Kalter Schauer durchrieselte ihn. In der tiefen
Einsamkeit vernahm er plötzlich süßen Gesang! Erst waren’s ferne, leise
Töne, dann ward’s lauter, und er vernahm aus den öden Mauern die Worte
eines Liedes, das er von klein auf gekannt und geliebt:
„Keine Schönheit hat die Welt,
Die mir nicht vor Augen stellt
Meinen schönsten JEsum Christ,
Der der Schönheit Ursprung ist.
Oft gedenk’ ich an dein Licht,
Wenn der frühe Tag anbricht.
Ach, was ist für Herrlichkeit
In dem Licht der Ewigkeit!
Seh’ ich dann den Mondenschein
Und des Himmels Äugelein,
So gedenk’ ich: Der dies macht,
Hat viel tausend schön’re Pracht.
Lieblich singt die Nachtigall;
Süß erklingt der Flöten Schall.
Aber über allen Ton
Ist das Wort: ‚Mariensohn!‘“
Friedels Angst war bald geschwunden. Ja, es beschlich ihn eine süße,
wunderbare Ahnung, die ihn trieb, in die letzte Strophe mit hellem Ton
einzustimmen.
Aber horch! Welch schreckliches, unheimliches Brummen tönte jetzt
aus dem alten Gemäuer? In tollen, seltsamen Sprüngen kam eine
kleine vermummte Gestalt drohend auf den Jüngling zu. Der aber war
aufgestanden und erwartete ruhig die geheimnisvolle Erscheinung.
„Tobi, alter guter Tobi!“ rief er. „Laß doch die Mummerei! Kennst du
mich denn nicht mehr?“
Da stand die dunkle Gestalt still, ein paar scharfe Augen blickten aus
dem Bärenfell dem Gaste ins lächelnde Antlitz. Plötzlich aber ward die
Verhüllung abgeworfen, und mit dem Rufe: „Er ist’s, der Totgeglaubte!“
hing der treue Knecht an Friedels Halse.
Herzlich erwiderte dieser die Liebkosung, machte sich jedoch bald los
und blickte unverwandt nach dem Hause hinüber. Siehe, da fiel das
Silberlicht des Mondes auf die niedere Türöffnung und bestrahlte die
schlanke jungfräuliche Gestalt, die ganz still auf den verfallenen
Stufen stand! In leichten Wellen umfloß das goldene Haar ihre
Schultern; das schlichte Gewand von grobem Linnen glänzte im Mondschein
wie weiße Seide.
Eine Weile stand Friedel ins Anschauen versunken. Die Überraschung, das
Glück war allzu groß! Dann flog er mit ausgebreiteten Armen auf die
liebliche Erscheinung zu und drückte sie mit Freudentränen ans treue
Herz.
„Du bist mein!“ flüsterte er. „Die Mutter gab dich mir, ehe sie starb!
Ihr Segen ruht auf uns!“
„Ja, dein bin ich!“ erwiderte sie leise. „Ich wußte, daß du kommen
würdest. Alle hielten dich für tot; mir sagte mein Herz, daß du
lebtest. O, schütze mich, Geliebter, rette mich!“
„Droht dir Gefahr?“ fragte Friedel erschrocken.
„Hier nicht; hier bin ich sicher. Tobi wird dir alles erzählen. O Gott,
wie gnädig bist du, daß du mir den Treuen sandtest, nun, da ich ganz
heimatlos bin! Dir wollen wir dienen, dir wollen wir danken unser Leben
lang!“
Nun trat auch Tobi hinzu, und sie führten den Gast in die verödete
Stube, die jedoch sauber und rein war. Schnell ward auf dem Herd ein
helles Feuer entzündet und der Suppenkessel darüber gehängt. Auf zwei
Schemeln und einem alten Kasten saßen die drei um die Flamme und
sprachen gar wenig. Die Freude des Wiedersehens war allzu groß!
Der Wanderer nahm ein sorgfältig eingehülltes Päckchen aus der
Brusttasche, das den Ring und das verblichene Seidentüchlein enthielt,
das er am ersten Tage seiner Wanderschaft gekauft. „Meine Treue wankt
nie!“ sprach er leise, während er den Ring an Ännchens Finger steckte
und das Tüchlein um ihren Hals schlang. „Aber wenn meine Hoffnung
wanken wollte, blickte ich diese Gaben an. Ich wußte, daß ich sie dir
bringen würde!“
Daß eine schwere Gefahr diese beiden in diesen Zufluchtsort getrieben
hatte, merkte Friedel gar wohl. Oft hielt sich Ännchen wie hilfesuchend
an seinen Arm, und ihre schönen Augen blickten angstvoll ins Weite.
Als aber die Abendsuppe fertig war, und die beiden jungen Leute
zusammen aus dem Kessel aßen, während Tobi in Ermangelung eines dritten
Löffels aus einem hölzernen Schüsselchen trank und große Stücke
Schwarzbrot dazu verzehrte, ward die Stimmung etwas freier, und die
Zungen lösten sich allmählich.
Nur in kurzen Zügen berichtete Friedel für heute seine Schicksale und
fragte dringend, warum man seinen langen Brief ohne Antwort gelassen.
Ach, er war nie in die Hände der Freunde gekommen! Die Nachricht aus
der sächsischen Mühle war das Letzte gewesen, das man von ihm erhielt.
Die Post war ja zu jener Zeit keineswegs so sicher wie in unsern Tagen.
Manche Postkutsche ward von Wegelagerern überfallen und ausgeraubt;
manche stürzte auf den bodenlosen Straßen um, so daß der Inhalt durch
Wasser oder Kot schwer beschädigt wurde.
Als nun ein Jahr ums andere verflossen war, ohne Kunde von dem Wanderer
zu bringen, hatten ihn die wohlgesinnten Bewohner des Steinhofs für
tot gehalten. Peter aber hatte gemeint, es werde ihm wohl draußen so
gut gehen, daß er der alten Freunde nimmer gedenke. Es gäbe noch mehr
hübsche Mägdlein in der Welt als die verlassene Waisendirne. Solche
Worte schnitten zwar Ännchen bitter ins Herz, aber Glauben schenkte sie
ihnen keinen Augenblick. Nach und nach erst war sie sich ihrer innigen
Liebe zu dem Verschollenen recht bewußt geworden. Nun aber hoffte sie
zuversichtlich auf seine Rückkehr und saß am Feierabend gar oft auf
der Felsplatte, um nach ihm auszuschauen. Endlich mußte er kommen, das
sagte ihr eine innere Stimme, die nicht trügen konnte.
Unter solchen Gesprächen war es spät geworden. Die drei Einsamen
beteten laut miteinander den Psalm vom guten Hirten, der auch im
finsteren Tale bei ihnen war, und suchten ihr Lager auf. Für Tobi und
Friedel lag eine Schicht Heu in der Ecke der Stube; Ännchen hatte im
Kämmerlein eine etwas bessere Ruhestätte. Trotz der hohen Erregung
seines Gemütes sank der Jüngling fast augenblicklich in festen Schlaf,
und liebliche Träume umspielten sein dürftiges Lager.
Am nächsten Morgen aber war er zeitig munter und schlüpfte geräuschlos
hinaus zu Tobi, der eben eine schöne weiße Ziege molk. Am klaren,
sprudelnden Mühlbach wuschen sie sich und gingen dann in taufrischer
Morgenluft unter den Bäumen auf und nieder. Tobi konnte sich nicht
satt sehen an der hohen, stattlichen Gestalt seines Schützlings, der
schweigsam und nachdenklich neben ihm her schritt.
„Darfst du mir nun sagen, warum du mit dem holden Kinde in dieser
Einsamkeit hausest?“ fragte er endlich.
„Gewiß! Viel, viel hat sich auf dem Steinhof verändert; aber dieses
sollst du zuerst erfahren. Daß du kein Wort davon zu Ännchen reden
darfst, wird dir dein eigen Herz sagen. Du siehst ja, wie lieblich sie
ist. Ach, andere sahen es auch, aber mit bösen, lüsternen Blicken!
Auf dem Schlößlein oben am Ausgang des Tales geht’s jetzt lebhaft zu.
Der alte Edelmann hat es seinem Sohne geschenkt, und der hält Hof in
Saus und Braus, säuft sich voll mit wilden Gefährten, schindet die
Bauern, zertrampelt die Saat mit Rossen und Jagdhunden, und was so edle
Vergnügungen mehr sind. Wirst’s ja draußen in der Welt gesehen haben,
wie’s die Junker treiben! Ännchen ging selten mit aufs Feld; ja, sie
verließ in letzter Zeit kaum das Haus, weil sie den Franzl pflegte, der
schon lange schwach und elend zu Bett liegt. Es ist etwa zehn Tage her,
da klagte er über heftige Schmerzen in den Gliedern, und das Kind lief
eilend auf die Wiesen, um heilsame Kräuter zu lindernden Umschlägen
zu suchen. Wie sie nun gebückt am Waldesrand hingeht und emsig in die
Schürze sammelt, steht plötzlich der Junker vor ihr. Ein schöner Bursch
ist er und aufgeputzt mit Samt und Seide, daß es eine Art hat. Was er
zu ihr gesagt, weiß kein Mensch; sie brach in Tränen aus, als wir sie
danach fragten. Den Arm wollte er um sie schlingen; da flog sie davon
wie ein Reh und fiel ohnmächtig nieder, als sie den Hof erreichte. Aber
sie war auch dort nicht sicher! Zum Glück saß sie im Auszugstübel beim
Alten, als am zweiten Tage der wüste Junker auf den Hof kam und fragte,
wo die nette Dirne sei, die letzthin Kräuter gesucht. Er wolle sie
haben in die Schloßküche.“
„Wo ist der Bösewicht?“ rief Friedel ganz außer sich. „Zerdrücken will
ich ihn wie einen Wurm!“
„Sei kein Tor!“ mahnte Tobi. „‚Die Rache ist mein, ich will vergelten!‘
spricht der HErr. -- Gut war’s, daß Albrecht, der brave älteste Sohn
des Franzl, allein auf dem Hofe war, und nicht etwa der mißgünstige
Peter, der das arme Kind schon lange scheel ansieht. ‚Sie war aus
dem Niederland, wo wir Freundschaft haben‘, erwiderte Albrecht; ‚ist
aber gestern in aller Frühe abgereist. Es gefiel ihr nimmer hier.‘
Der schlechte Mensch sah ihn mit bösem Blicke an, als glaube er ihm
nicht recht, und ging mit drohender Gebärde von dannen. Nun riet der
Franzl, ich solle mit dem Kinde auf eine Zeitlang weiter hinauf ins
Gebirge ziehen; einen guten Zehrpfennig wolle er uns mitgeben, und
Arbeit und Obdach würden wir bald finden. Ännchen sei ja so wunderklug
und geschickt zu jedem Geschäft. Hierbleiben dürfe es für jetzt nicht.
Da hat es aber gebeten und gefleht, man solle es nur noch zehn Tage
lang hier in der alten Mühle auf dich warten lassen; du würdest nun
ganz gewiß kommen. Niemand hat’s geglaubt, auch ich nicht; aber Franzl
sprach: ‚Tu ihr den Willen! Gott kann wohl ihre Zuversicht lohnen.‘
Und so ist’s geschehen! ’s ist heute just der zehnte Tag, seit ich
mit ihr, der Ziege und einem Sack voll Mundvorrat hierher kam durch
den Felsengang. Der ist nicht mehr so sicher und bequem; allerlei
Steingeröll hat sich abgelöst und versperrt oft den Weg fast ganz.
Vor dem Ausgang auf den Hof haben wir, bald nachdem du fort warst,
Fliederbüsche angepflanzt, die ihn jetzt verbergen. In den ganzen sechs
Jahren ist niemand durchgegangen als ich von Zeit zu Zeit. Ich wollte
hier nicht alles verwildern lassen. Und wenn’s Streit und Zank gab auf
dem Hofe, bin ich manches Mal hierher entwichen, um Ruhe zu haben.“
„Streit und Zank?“ fragte Friedel. „Das gab’s sonst nicht.“
„Aber jetzt! Dein Buch hat’s gemacht! Wirst’s merken, wenn du
hinkommst.“
„Gott geb’ nur, daß mir der Junker nicht begegnet! O, wenn ich ihn hier
unter der Faust hätte!“
„Sei ruhig! Sieh, dort steht Ännchen an der Tür und winkt uns zur
Morgensuppe.“
Ja, Friedel hatte draußen in der Welt genug gehört von dem gottlosen
Tun und Treiben der Junker, um zu wissen, daß er sein Ännchen sobald
als möglich fortführen müsse. Wie sollte er’s machen, da er ja blutarm
war? Nun, der Franzl war ein kluger Mann, der würde ihm das Beste
raten. Als die drei zusammen die lieben Gräber besucht hatten, machte
er sich allein auf den beschwerlichen Weg durch den Felsengang.
Groß war das Erstaunen der Leute auf dem Steinhofe, als der
Verschollene frisch und munter vor ihnen stand. Man hatte ihn längst
für tot gehalten. Von Albrechts Familie ward er aufs freundlichste
empfangen, während ihn Peter mit unverhohlenem Widerwillen ansah. Es
konnte nicht lange verborgen bleiben, daß er ebenso arm heimgekehrt
sei, als er gegangen war, und Peter fragte mit spöttischem Lachen:
„Wo steht denn nun die prächtige Mühle, wohin du die Betteldirne führen
willst? Wohl im Schlaraffenland, wo’s Semmeln schneit und Würste
regnet? In des Edelmanns Küche hätte sie’s vielleicht besser bekommen.“
Blutrot im Gesicht sprang Friedel empor und ballte die kräftige Faust;
aber Albrecht hielt ihn fest und warnte: „Kein Kampf in unsers Vaters
Haus! Höre nicht auf ihn. Komm zum Vater; da ist Friede!“
Im Auszugstübchen, in demselben Bett, wo Ännchens Mutter selig
gestorben, lag der ehemals so starke, tatkräftige Mann hilflos wie ein
Kind. Die Beine waren durch die Gicht gelähmt, die Hände schwach und
zitternd; nur der Geist war noch frisch und ungeschwächt. Lang und
silberweiß umgaben Haar und Bart das abgemagerte, friedvolle Antlitz
des Greises. Der selbstbewußte, etwas strenge Ausdruck war ganz daraus
gewichen.
Sein Staunen über Friedels plötzliche Ankunft war nicht so groß, wie
man gedacht hatte; eine innere Stimme mochte ihm gesagt haben, daß der
allmächtige Gott das Vertrauen des Mägdleins in Gnaden lohnen werde.
Der Wanderer hatte viel mit dem Kranken zu sprechen von Vergangenheit
und Zukunft und verweilte mehrere Tage auf dem Hofe. Teils durch
Albrecht, teils durch Franzl selbst erfuhr er, daß es hier im kleinen
so gegangen sei, wie’s allezeit in der Welt im großen geht. Der alte
Hausherr hatte nach manch schwerem inneren Kampfe das Heil seiner Seele
in Friedels Buch gefunden. Seine eigene Tugend war ihm mehr und mehr
als ein unflätig Kleid erschienen, das er gern abwarf, um sich mit
der reinen Seide der Gerechtigkeit Christi zu schmücken. Albrecht war
ihm mit Weib und Kind auf diesem Himmelswege gefolgt, während Peter
mit den Seinen sich verächtlich davon abwandte. Zwiespalt und Streit
war durch ihn entstanden; ja, er hatte sogar gedroht, das Buch dem
Priester zu bringen und die Hausgenossen als Ketzer zu verklagen. Die
Ehrfurcht vor dem Vater hatte ihn wohl bisher abgehalten, diese Drohung
auszuführen; was er aber tun würde, wenn dieser die Augen schloß,
konnte niemand wissen. Darum hatte Albrecht den Entschluß gefaßt, nach
des Vaters Tode dem Bruder den Hof zu überlassen und mit Weib und Kind
in die Augsburger Gegend zu ziehen, wo es evangelische Gemeinden gab.
Am dritten Tage saß Friedel am Bett des Alten und sprach mit ihm von
der weiten Land- und Seefahrt, die er antreten wollte. Mit Staunen
vernahm Franzl, wie unermeßlich groß die Entfernung und wie gefahrvoll
die Reise sei.
„Hast du denn auch Geld in der Tasche, mein Sohn?“ fragte er endlich.
„Sehr wenig. Ich verdiente etwas in Passau; auch gab mir der Pfarrer
ein Zehrgeld. Tobi hat auch seit Jahren alles aufgespart, was Ihr ihm
etwa an Festtagen schenktet. Es ist ein straffes Beutelchen. Wenn wir
uns als Schiffsknechte vermieten, kommen wir wohl den Rhein herab,
vielleicht auch bis England. Dort aber gibt’s gute Leute, die sich
lutherischer Auswanderer annehmen, besonders der Salzburger. Das sagte
mir mein Johannes und auch der Pfarrer.“
„Und Ännchen?“ fragte Franzl lächelnd. „Soll sie auch als Schiffsknecht
arbeiten?“
„O, für Ännchen sorgt Gott gewiß!“ rief Friedel. „Es darf keinen Mangel
leiden.“
„Da hast du recht! Aber Gott sorgt oft durch Menschenhand. Du weißt
wohl kaum, wieviel man bedarf für eine solche Reise. Rufe mir doch den
Albrecht her, wenn er daheim ist.“
„Er schafft im Garten; Peter und seine Leute sind auf dem Felde.“
Albrecht kam. Der Vater gab ihm einen kleinen Schlüssel, den er unterm
Kopfkissen verborgen hatte. „Geh’ in den hinteren Keller“, sprach er,
„und öffne die Tür in der linken Ecke. Noch nie öffnete sie eine andere
Hand als die meine. Was du in dem Loch findest, das bringe her.“
Es währte eine Weile, ehe Albrecht wiederkam, denn das Schloß war sehr
verrostet gewesen. Er trug eine kupferne Schachtel, die schwer und
fest geschlossen war. Mühsam richtete sich der Greis im Bette auf und
öffnete, auf eine verborgene Feder drückend, den Deckel. Mit Staunen
sah Friedel, daß das Gefäß bis zum Rande mit Gold- und Silbermünzen
gefüllt war.
„Das ist der Sparpfennig meines langen arbeitsreichen Lebens; ja, ein
Teil davon stammt noch von meinem Vater her. Gott segnete mich so
reich, daß ich es zurücklegen konnte, ohne jemand davon zu sagen. Du,
mein Albrecht, warst mir ein treuer Sohn, und dir, als dem Ältesten,
gebührt von Rechts wegen der Steinhof. Aber du hast das gute Teil
erwählt und willst in die Fremde ziehen, um Gottes Wort zu haben mit
den Deinen. Nimm jenes Tuch und breite es vor mir aus.“
Albrecht gehorchte, und der Alte schüttete ungezählt ein Häuflein Gold
und Silber hinein. „Dies nimm zur Gründung einer neuen Heimat und zur
Erziehung deiner noch unversorgten Kinder.“
Nun forderte er noch ein Tüchlein, füllte es mit geringerer Menge und
reichte es Friedel. „Dies ist dein, zum Dank für das heilbringende,
unbezahlbare Buch; und dem holden Mägdlein zum Dank dafür, daß es mich
wie ein Engel gepflegt. Es ist zart und fein; du mußt es wohl hüten
und gut halten auf der langen Reise. Dies dritte Teil aber verschließt
wieder im Keller. Peter wird es nach meinem Tode finden, und vielleicht
wird er’s nötig haben; denn ich fürchte, daß Gottes Segen vom Hofe
verschwinden wird, wenn man Gottes Wort daraus vertreibt.“
[Illustration]