rauben. Gewandt und kräftig, wie er war, riß er sich mit aller Macht
los, schleuderte das entsetzliche Handgeld in den Straßenschmutz und
rannte in großen Sprüngen davon. Aber ach, auf das Geschrei seiner
beiden Verfolger: „Haltet ihn; ’s ist ein Rekrut!“ ward er im nächsten
Augenblick festgehalten, seinen Führern wieder übergeben und von ihnen
in die Kaserne geschleppt. Den Unglückstaler steckten sie ihm wieder
in die Tasche. O wie hatte er ihn nur annehmen können! Wie konnte er
die Warnung des guten Pfarrers vergessen!
„Sieh“, sagte einer der Männer nun freundlicher, „an dieser Haustür
steht ein Wachtposten mit geladenem Gewehr; darum sei vernünftig und
denke nicht an Flucht. Hier ist deine Stube; nun sei gescheit und mach’
dir’s bequem. Heute und morgen hast du noch frei.“
7. Ein guter Kamerad.
In der großen düsteren, nur mit dem nötigsten Hausrat versehenen Stube
befanden sich drei Männer. Einer, der ins Lesen eines Buches vertieft
am Fenster saß, hob nur den Kopf, seufzte tief und las weiter. Die
beiden andern, die Karten spielend am Tische saßen, begrüßten den
Verzweifelten mit rohem Gelächter. Friedel aber sank auf einen Schemel
nieder, schlug die Hände vors Gesicht, und seine kräftige Gestalt
erbebte im Übermaß des Jammers, der sich endlich in lautem Weinen und
Schluchzen Luft machte. Selbst den rohen Spielern ward’s unheimlich
dabei zumute. „Komm“, flüsterte der eine, „wollen gehen und eins
trinken, bis er ausgetobt hat.“
Als sie hinaus waren, legte sich eine Hand sanft auf das Haupt des
Weinenden. Er blickte auf; der eifrige Leser stand vor ihm, ein
schöner, stattlicher junger Mann, bedeutend älter als Friedel und mit
so feinen, geistvollen Zügen, daß ihn dieser für etwas ganz Vornehmes
hielt, obgleich er nur die grauleinene Hausjacke der Soldaten trug.
„Ach, lieber Herr“, rief er händeringend, „laßt mich hinaus, laßt mich
fort! Man hat mich schändlich betrogen; ich kann und mag nicht Soldat
sein!“
„Armer Bursche“, erwiderte der andere, „ich kann dir nicht helfen! Ich
bin ja auch Soldat wider Willen, schon seit einem Jahr.“
„Kommt Ihr denn bald wieder los?“
„Nicht eher, als bis mich Gott von dieser bösen Welt nimmt“, war die
traurige Antwort.
„Bis man stirbt, muß man Soldat bleiben?“ schrie Friedel ganz
verzweifelt. „Dann will ich jetzt sterben, jetzt gleich! Ich halt’s
nicht aus, nein, nimmer, nimmer! Frei will ich sein oder tot!“
Eine Weile ließ ihn der Ältere gewähren, dann sprach er sanft: „Bruder,
das ist nicht recht! Kannst du beten?“
Statt aller Antwort glitt Friedel am Schemel nieder; der Kamerad kniete
neben ihm und flehte in schlichten, innigen Worten um Kraft und Geduld,
dies schreckliche Los männlich und christlich zu tragen, und fest zu
glauben, daß auch dies schwere Schicksal aus Gottes Hand komme.
Friedel war still geworden und streckte sich auf den Rat des Gefährten
aufs harte Lager, gänzlich erschöpft von Schrecken und Jammer.
„Wie heißt Ihr?“ fragte er den andern, der sich freundlich um ihn
bemühte. „Und warum seid Ihr so gut zu mir?“
„Weil ich dir an den Augen ansehe, daß du besserer Art bist als
andere, und weil du beten kannst. Nenne mich Johannes und sage du; laß
uns Freunde sein! Wir werden Zeit genug finden, einander die Herzen
auszuschütten; jetzt mußt du ruhen. Ich will uns eine Suppe holen und
dein Kommißbrot; du bist ganz erschöpft.“
Als der arme Bursche am späten Abend endlich die müden Augen schloß,
bewegten sich seine Lippen noch zu einem innigen Dankgebet, daß ihm
Gott in der Gestalt des neuen Freundes, der still und ernst an seinem
Bette saß, einen Schutzengel zugesellt hatte.
Am nächsten Tage ward der Rekrut in die Rüstungskammer geführt und
in die enge, knappanliegende Uniform gekleidet. Sie kam ihm vor
wie eine Zwangsjacke, und er hätte sie am liebsten gleich wieder
vom Leibe gerissen. Am verhaßtesten war’s ihm, daß sein schönes
lichtbraunes Haar, auf das er ein wenig eitel gewesen, in einen
garstigen Zopf gedreht wurde, der, künstlich verlängert, über den
Rücken herunterbaumelte. So umgewandelt führte man ihn mit mehreren
Schicksalsgenossen in eine weite Halle, wo ihnen ein Offizier
etwas sehr Langes vorlas, wovon Friedel fast gar nichts verstand.
Johannes sagte ihm später, es seien die Kriegsartikel gewesen; das
machte ihn auch nicht viel klüger. Nun wurden ein paar große Fahnen
hereingebracht, die mußten alle umfassen und einige Worte nachsprechen,
die ihnen der Offizier vorsagte. Da aber dem Salzburger die schnarrende
Sprechweise des ungeduldigen Herrn fast unverständlich war, bewegte er
nur den Mund, ohne ein einziges Wort zu sagen. Das war der Fahneneid,
der den armen Jungen auf Lebenszeit an einen Beruf fesseln sollte, der
ihm zuwider war und zu dem man ihn durch schändlichen Betrug gezwungen!
Der Adel, aus dem damals allein die Offizierstellen besetzt wurden, war
mit wenigen Ausnahmen roh, übermütig, leichtfertig und stolz. Da war’s
kein Wunder, daß es den armen Burschen, die auf dem Exerzierplatz ganz
in die Gewalt solch hochnäsiger, grober Junker gegeben waren, herzlich
schlecht erging. Das mußte auch Friedel reichlich erfahren; und es
kostete dem treuen Johannes unendliche Mühe, ihn zu überzeugen, daß er
sich Schimpfworte, Püffe, Fußtritte und Stockschläge gefallen lassen
müsse, ohne ein Wort des Widerspruchs. Immerhin war für den gewandten,
verständigen Burschen die allerschlimmste Zeit bald überstanden; und
als es zu den Schießübungen kam, erntete er sogar zuweilen ein Wort des
Lobes. Obgleich aber die Ausbrüche bitteren Jammers und ohnmächtigen
Zornes allmählich seltener wurden, versöhnte er sich doch nie mit
seinem Schicksal; nein, nicht einen Augenblick! Zahllos waren die
Fluchtpläne, die er für sich und den Freund schmiedete, die aber nie
zur Ausführung gelangten, da sich überall unübersteigliche Hindernisse
entgegenstellten.
Vielleicht war es gut, daß die Rekruten, besonders im ersten Jahre,
nur wenig Zeit hatten, über ihr Schicksal nachzudenken. Das Drillen
und Üben nahm gar kein Ende, und wenn’s überstanden war, gab’s in
der trübseligen Stube zu waschen und zu putzen, damit am nächsten
Tage nicht etwa ein Schmutzflecken an den weißen Gamaschen oder ein
blind gewordener Knopf den Zorn des Korporals reizte. War endlich ein
freies Stündchen, so suchten nicht wenige die Branntweinschenken auf,
um in rohem Scherz ihr Elend zu vergessen; andere beschäftigten sich
mit allerlei Handarbeiten oder Tagelöhnerdiensten, um einige Groschen
zu erwerben, da der Sold so knapp war, daß er kaum zum Nötigsten
reichte. Johannes, der eine schöne Handschrift schrieb, saß an den
langen Winterabenden meist über Rechnungen und Briefen, die ihm ein
Kaufmann zum Abschreiben übergab. Friedel aber suchte die Schnitzkunst
wieder hervor, die er bei Tobi gelernt hatte; seine Löffel, Becher und
Schüsseln wurden von den Kameraden gern gekauft.
Nach und nach ward er ruhiger und lernte sein Schicksal männlich
und gefaßt ertragen wie der Freund. Zu solcher Zeit erzählten sie
einander aus vergangenen Tagen; ach, es klang wie aus einer andern,
lieblich heiteren Welt! Friedel vertraute dem Freunde sehr bald
seine wunderbaren Schicksale an; ja, er verschwieg ihm sogar seine
innige Liebe zu Ännchen nicht, die ihm jetzt im Unglück erst recht
zum Bewußtsein kam. Aber wie erschrak er, als Johannes das Antlitz in
die Hände verbarg, schmerzlich seufzte und endlich in heiße Tränen
ausbrach! Nach der Ursache zu fragen, wagte er nicht. Seine Ehrfurcht
vor dem ernsten Freund war ebenso groß wie seine Liebe zu ihm. Bald
beruhigte sich dieser und begann:
„Von deinen Salzburgern kann ich dir etwas mitteilen. Mein lieber
Vater, der ein Prediger ist, nahm großen Anteil an ihrem Schicksal;
ja, ich erinnere mich selbst noch wohl, daß eine kleine Schar durch
unser Dorf zog, wo wir etliche in unserm Hause beherbergten. Auch über
das Schicksal derer, die nach Amerika auswanderten, erhielt mein Vater
Nachricht. Sie haben im Staate Georgia eine neue Heimat gefunden.“
„Ist das weit?“ unterbrach Friedel mit glänzenden Augen. „Könnten wir
nicht dorthin entfliehen? Aufs Meer würden sie uns nicht so schnell
folgen.“
„Armer Junge! Du würdest eingeholt werden, lange, ehe du das Meer
erreichtest. Auch in den Häfen sind Spione! Ach, es ist sehr, sehr
weit! Wart’, ich will dir’s zeigen.“
Er brachte aus seinem Kasten ein breites dünnes Buch hervor mit
seltsamen Bildern, wie sie Friedel noch nie gesehen; es waren
Landkarten. Nur zu bald merkte Johannes, wie kindlich und mangelhaft
des Freundes Vorstellungen von Gestalt und Größe der Erde, von den
Entfernungen zwischen den Ländern und Meeren waren. Mit Staunen hörte
Friedel auf die Wunderdinge, die er ihm davon erzählte, und es entspann
sich daraus ein Unterricht, der für beide gleich genußbringend war.
Auch im Schreiben übte sich der Jüngere unter Aufsicht des gelehrten
Genossen und verfaßte mit vieler Mühe, oft unterbrochen durch heißes
Weinen, einen langen Brief an den Franzl am Stein, worin er die
traurige Wendung seines Geschickes berichtete. Was er ganz am Rande für
Ännchen hinzufügte, brauchte der Freund nicht zu lesen, begehrte es
auch nicht.
So wurden die beiden je länger je mehr ein Herz und eine Seele. Nur
in einem blieben sie verschieden. Friedel gab nie, nein, keine Stunde
lang, die Hoffnung auf, daß Gott ihn noch hienieden aus dem schweren
Joch erlösen und in die Heimat zurückführen werde. Bat er ihn doch
täglich so heiß, so inbrünstig darum! Johannes dagegen hatte alle
irdischen Hoffnungen aufgegeben, sehnte sich aber desto mehr nach der
Stunde, da seine befreite Seele aufschweben würde zur ewigen Freude.
Friedel ward trotz der schmalen Kost, trotz des bitteren Herzwehes
immer kräftiger und abgehärteter. Johannes aber brach oft, wenn die
anstrengenden Übungen vorüber waren, ganz kraftlos zusammen, war auch
nicht selten krank, so daß er einige Tage das Bett hüten mußte. Dann
pflegte ihn der Freund so gut er konnte und sparte sich den mühsam
verdienten Groschen ab, um ihm eine Erquickung zu bereiten. An solchen
Tagen mußte er ihm auch oft aus der Bibel vorlesen, und meist Stellen,
die von der Seligkeit des Himmels handelten. Tiefbewegt hatte der
Kranke einst zugehört, dann sprach er:
„Du guter Kamerad hast mir so freimütig alle deine Schicksale erzählt
und mich so tief in dein liebreiches Herz blicken lassen. Da wird es
Zeit, daß ich auch offen gegen dich bin. Ich weiß, du kannst nicht
begreifen, daß ich auf Erden nichts mehr hoffe, und mich, o wie sehr!
nach dem Himmel sehne. Aber denke nicht, daß mein armes, schwaches
Herz so ganz allein am Heiland hängt. Wohl glaube ich aufrichtig an
ihn und sehne mich nach ihm von ganzem Herzen. Aber wenn ich mir ihn
vorstelle, zur Rechten Gottes sitzend in seiner Herrlichkeit, dann
sieht mein geistiges Auge unter den Seligen, die seinen Thron umgeben,
eine zarte verklärte, ach so unendlich geliebte Gestalt, in deren
Lobgesang ich so gern noch heute einstimmen möchte.“
[Illustration]
„Ist’s etwa ein liebes frühverstorbenes Schwesterlein?“ fragte Friedel
leise.
„Nein, o nein; es ist Luise, meine teure, holde Braut!“ Er verbarg
das Antlitz ins Kissen und schwieg lange. Dann fuhr er ruhiger fort:
„Meine Trauer um sie ist selbstsüchtig. Ihr ist wohl geschehen; denn
o, wie würde sie sich grämen, wenn sie leben müßte, hoffnungslos
getrennt von mir! Ach, wir liebten uns so sehr! Bald sollte Hochzeit
sein. Ich sollte dem alternden Vater im Amte helfen, begleitete aber
erst einen Freund auf einer Reise und fiel auf dem Heimweg in die Hände
der Werber. Ach, man hatte mich gewarnt! Auch wäre ich wohl alt genug
gewesen, um vorsichtig zu sein; aber träumerisches, unpraktisches Wesen
hing mir von klein auf an.“
„Wie kam es, daß sie so bald sterben mußte?“ fragte Friedel mitleidig.
„Sie war von zarter Gesundheit und hatte eben ein Fieber überstanden,
als sie durch unvorsichtiges Geschwätz einer Magd plötzlich und
unvorbereitet mein Unglück erfuhr. Sie sank in tiefe Ohnmacht; ein
Rückfall trat ein, und nach wenig Tagen brach das treue Herz. Verstehst
du nun, warum ich kein irdisches Glück mehr hoffe?“
Satt aller Antwort schlang Friedel weinend die Arme um den Hals des
Freundes und küßte ihn; von da an waren sie erst recht wie Brüder.
Gute und böse Zeit eilt schnell dahin, als flögen wir davon. So
waren auch zwei Jahre vergangen in einer Lebensweise, die dem freien
Wanderburschen erst ganz unerträglich geschienen. Er war nun fertig und
geschickt in allem, das ein guter Soldat leisten muß. Man mißhandelte
ihn nicht mehr; ja, seine und des Freundes Lage hatte sich sogar etwas
verbessert. Ein wohlmeinender Offizier, von guter Bildung und feinen
Sitten, wie es deren immer eine Anzahl gab, war an die Spitze der
Truppe getreten, der die Freunde angehörten, und hatte bald erkannt,
daß sie besserer Art waren als ihre Genossen. Er brauchte sie zu
allerlei Arbeiten und Dienstleistungen, gewährte ihnen eine kleine
Zulage zum geringen Sold und stellte sie beim Exerzieren nebeneinander.
Das letztere war beiden am wertvollsten. „Wenn’s einmal in den Krieg
geht“, sagte Johannes, „marschieren wir zusammen; und wenn ich falle,
rufst du mir ein Abschiedswort zu!“
Nun, für jetzt war eben erst ein Krieg beendet, den man den ersten
Schlesischen nennt. Siegreich kehrte der junge König in seine
Hauptstadt zurück, und nun sollte ihn Friedel endlich zu sehen bekommen.
Wie eine Mauer stand das ganze Regiment auf dem Paradeplatze; die
beiden Freunde in der vordersten Reihe. Langsam ritt, von einigen
Offizieren umgeben, ein kleiner Mann die Front entlang. Gerade da, wo
Johannes und Friedel standen, hielt er ein wenig inne, so daß sie ihn
genau betrachten konnten. Freilich sah er ganz anders aus, als der
Salzburger sich einen König vorgestellt; er trug weder Purpurmantel
noch Goldkrone, sondern den schlichten blauen Soldatenrock. Johannes
aber sagte später dem Freunde, ein großer Geist spreche aus diesen
klaren, tiefen Augen, diesem charaktervollen Mund und der hohen,
gedankenreichen Stirn.
Bald merkte man die Wahrheit dieser Rede; denn der König begann
tatkräftig und unermüdlich für das Wohl seiner Untertanen, auch für
die Hebung des Offizierstandes zu sorgen. Er erschien nicht selten
selbst auf den Übungsplätzen, redete einzelne Soldaten an, nicht mit
„Kerl“ oder irgendeinem Schimpfwort, sondern mit dem freundlichen
„Mein Sohn“. Soweit sein Auge reichte, wurden die groben Mißhandlungen
viel seltener. Daß die Zucht hart und streng und die Strafen grausam
blieben, lag im Geiste der Zeit.
Aber kaum zwei Jahre lang konnte der große König in Frieden für sein
Volk sorgen, dann mußte er schon wieder zu den Waffen greifen, um
sich das erkämpfte Land Schlesien, das sich unter seiner Herrschaft
sehr wohl befand, zu sichern. Gar zu gern hätten es ihm die
Österreicher wieder weggenommen. Schon rüsteten sie gegen ihn mit ihren
Bundesgenossen. Da beschloß er ihnen zuvorzukommen. Diesmal sollte auch
Friedels Regiment mit in den Kampf ziehen. Gar gewaltig ward nun geübt
und vorbereitet; in den seltenen Ruhestunden aber saß der Jüngling mit
heißen Wangen und glänzenden Augen über dem wunderbaren Landkartenbuch,
um sich die Lage der einzelnen deutschen Länder fest einzuprägen.
Als die Freunde eines Abends allein beisammen waren, fragte Friedel:
„Sag’ mir doch, Johannes: Wenn ich nun hier in Salzburg wäre, da, wo
ich mit dem Finger hinzeige, wie müßte ich’s denn machen, um ans Meer
zu kommen?“
„An welches denn? Ich lehrte dich viele Meere kennen.“
„Ei, ans Atlantische! Du sagtest ja, da gehe der Weg nach Amerika.“
„Was fällt dir ein? Du mußt ja in den Krieg!“
„Sag’ mir’s immerhin; zeig’ mir’s ganz genau!“
Johannes zögerte und sah dem Freunde forschend in die Augen. Feste
Entschlossenheit sprach aus ihnen. Friedel war ein Mann geworden in
diesen letzten Jahren. Wer weiß, ob ihm Gott nicht den kühnen Plan
gelingen lassen würde!
„Nun wohl!“ sprach er. „Am sichersten wäre es, du reistest durch
die Gebirgsländer bis Basel. Sieh, hier ist es! Von dort könntest
du wohl als Schiffsknecht den ganzen Rhein herunterfahren bis nach
Rotterdam. Dann über die Nordsee bis nach England. So sind auch deine
Glaubensgenossen damals gereist.“
„Und du willst nicht mit?“
„Wer weiß, wie bald uns beide die tödliche Kugel trifft!“
Unzähligemal machte Friedels Finger die große, gefährliche Fahrt bis
über den Ozean nach dem Staate Georgia. O, er war erstaunlich klug
geworden in diesen schweren Jahren! Wie würde sich Ännchen darüber
verwundern! Schade, daß er auf den schönen langen Brief, den er
geschrieben, gar keine Antwort erhalten hatte. Ännchen allein brachte
ja keinen Brief fertig. Und der Franzl? Ach, der verachtete ihn
vielleicht, weil er Soldat war! Ein wenig stolz war er ja immer gewesen.
Endlich hieß es: „Hinaus ins Feld!“ Schwerbepackt mit Tornister,
Waffen und allerlei Gerät ging’s in strengen Märschen durch Preußen
und Sachsen nach Böhmen zu. Wer gesund und stark war, hatte gutes
Leben; denn in Dorf und Stadt mußte am Rasttag oder beim Nachtquartier
aufgetragen werden, was Küche und Keller nur vermochten. Dazu kam, daß
die Offiziere jetzt weit weniger grimmig waren. Das Beispiel des Königs
und seiner Generäle hatte schon gut gewirkt, und durch gemeinschaftlich
getragene Beschwerden verbinden sich die Herzen. Endlich überschritt
das Heer die böhmische Grenze und drang weiter und weiter vor. Zu
einer offenen Feldschlacht mit den Österreichern kam es nicht, nur zu
kleineren Gefechten.
O wie graute es den Freunden vor dem Kampfgewühl! Wie entsetzlich war
besonders für den sanften Johannes der Gedanke, daß die Kugel, die er
abschoß, vielleicht ein junges Leben vernichten werde! Bald aber mußten
sie sich daran gewöhnen. Setzten sie doch auch täglich ihr Leben ein.
Schnell ward die Stadt Prag erreicht und belagert. Auf dem ganzen Zuge
waren die Freunde Seite an Seite marschiert; oft hatte Friedel noch
ein Gepäckstück für Johannes getragen, den die Anstrengungen weit
mehr ermüdeten als ihn. Lagerte man im Freien, so ruhten sie dicht
beisammen, beteten oft miteinander und befahlen ihre Seelen in Gottes
Hand. Prag übergab sich den Preußen nach kurzer Beschießung; dann ging
es weiter nach Süden, den Fluß Moldau entlang.
Kleine Gefechte, Krankheit und auch Fahnenflucht lichteten die Reihen
des Heeres. Bei Nachtmärschen, in Wäldern oder Gebirgsgegenden entwich
mancher unbemerkt auf Nimmerwiedersehen. Auch Friedel hatte es schon
oft in den Füßen gezuckt, sich still davon zu machen; nur die Liebe
zu Johannes hielt ihn davon ab. Hatte man im Anfang des Feldzugs
Speise und Trank in Fülle gehabt, so fehlte es jetzt oft sehr daran.
Die Böhmen waren von grimmigem Haß gegen die preußischen „Ketzer“
erfüllt, versteckten das Korn vor ihnen und trieben das Vieh in die
dichten Wälder. Da gab’s oft schmale Bissen, und Johannes würde es kaum
ausgehalten haben, wenn der kerngesunde Freund ihm nicht oft die Hälfte
seines Anteils aufgezwungen hätte. Der König fühlte wohl, daß es hier
keinen andern Ausweg gab als einen ehrenvollen Rückzug.
„O weh“, dachte Friedel, als er davon hörte, „nun geht’s wieder
nordwärts!“ Ehe aber noch der Befehl dazu gegeben wurde, sah sich die
Truppe, in der die Freunde standen, plötzlich einer Schar von Feinden
gegenüber. Es entspann sich ein kurzer, aber heftiger Kampf. Bald
zogen sich die Österreicher zurück; Friedel aber kniete bei seinem
Johannes, dem eine Kugel die Brust durchbohrt hatte. Noch atmete er;
ein seliges Lächeln schwebte auf den erbleichenden Lippen. Schluchzend
küßte Friedel die hohe, kalte Stirn und rief ihm zu: „Leb’ wohl,
Herzensfreund! Gott vergelte dir deine Liebe und Treue!“ Dann war es
vorüber. Seine Sehnsucht war erfüllt; er stand anbetend vor Gottes
Thron mit seiner Luise!
Nun war das einzige Band zerrissen, das den Jüngling an das Heer
geknüpft. Was ging ihn der König und seine Kriege an? War er doch kein
Preuße! Aber für jetzt lähmte die Trauer um Johannes seine Kraft; auch
war die Gegend der Flucht nicht günstig.
Einige Tage später marschierte sein Regiment in der Abenddämmerung am
Waldesrand. Die Ordnung konnte nicht streng aufrechtgehalten werden;
matt und hungrig blieben viele zurück, auch Kranke und Verwundete gab
es genug. Friedel befand sich bei der Nachhut. Da fielen plötzlich
Schüsse aus dem Waldesdunkel; bewaffnete Bauern hatten sich darin
versteckt. Mehr als ein Kriegsmann lag schwer getroffen am Boden;
auch Friedel fühlte einen heftigen Stoß gegen die Brust und stürzte
betäubt ins hohe Waldgras. Als er erwachte, war’s finstere Nacht. War
er wohl verwundet? Schmerzen hatte er nicht, fühlte auch kein Blut;
nur waren ihm die Glieder steif von dem kalten, feuchten Lager. Als
alles totenstill blieb, erhob er sich und merkte, daß er ganz allein
war. Im Brotbeutel fand sich zum Glück noch eine harte Rinde, die
ihm den nagenden Hunger stillte, und bald dämmerte der Morgen. Im
matten Lichtschimmer sah er hie und da einen Kameraden tot liegen.
Ihn selbst hatte Gottes Hand wunderbar bewahrt. Vorn im Waffenrock
war ein rundes Loch; und als er ihn öffnete, sah er, daß das kleine
uralte Gesangbüchlein des Großvaters, das er erst am Abend in den Busen
gesteckt, weil’s im Tornister keinen Raum fand, ihn vom sicheren Tode
gerettet hatte. Eine Kugel hatte den dicken Ledereinband durchbohrt,
war aber in den Blättern stecken geblieben. Auf den Knien dankte er
Gott für sein junges Leben, das ihm doch noch so lieb und kostbar war.
In demselben Augenblick erhob sich die Sonne am östlichen Himmel.
Nun galt’s keine Zeit zu verlieren. Seinen Fluchtplan hatte er schon
längst im Kopfe. Er wußte, daß er, wenn es ihm gelang, das im Westen
sich hinstreckende Gebirge zu übersteigen, die bayrische Grenze und
die Stadt Passau leicht erreichen konnte. Johannes hatte es auch
gesagt. Aber wehe ihm, wenn er sich in preußischer Uniform allein
durch böhmische Dörfer wagen würde! Als er nun tiefer in den Wald
drang, um seinen Durst an den reichlich wachsenden Brombeeren zu
stillen, lag da vor seinen Füßen der tote Körper eines der tückischen
Bauern, die gestern abend aus dem Hinterhalt geschossen hatten. Eine
preußische Kugel hatte ihm die Stirn zerschmettert; die grobe Kleidung
war unversehrt, auch nirgends mit Blut befleckt. Ein grausig Geschäft
war’s für den guten Jungen, den starren Leichnam auszuziehen und sich
selbst den groben Kittel, die Lederhosen und plumpen Schuhe anzulegen.
Er tat’s mit zitternden Händen; aber es mußte ja sein! Im Hosensack
fand sich ein Beutelchen mit etwas Geld; viel war’s nicht, aber doch
ein Schatz für den Einsamen. Fast noch lieber war ihm ein dickes Stück
Schwarzbrot, das im Kittel stak. Den Zopf schnitt er sich mit seinem
Messer ab; wirr und struppig war das Haar schon von selbst. Nun verbarg
er Uniform und Waffen in dichtem Gestrüpp; nur das Gesangbuch, das
Tüchlein und den Ring für Ännchen und seinen hölzernen Becher nahm er
mit. Blindlings, ohne Weg und Steg, drang er in den Wald hinein, immer
bergauf, ohne einem Menschen zu begegnen. Mit dem kostbaren Brot ging
er sparsam um; gab’s doch im Walde so manches, das den Hunger stillte,
besonders jetzt in der Herbstzeit. Beeren, Nüsse und Pilze genug, auch
eßbare Wurzeln, die ihn Tobi vor Jahren kennen gelehrt.
Gegen Abend stand er auf freier Bergeshöhe, nachdem er den ganzen Tag
keinem Menschen begegnet. Es war ein schwach bevölkerter Landstrich;
dichter Wald ringsum, nur in der Ferne hie und da ein Dörfchen oder
vereinzelte Höfe. Trotz der Trauer um den Freund, trotz der ungewissen
Zukunft schwoll dem Jüngling das Herz vor Freude und Hoffnung. Er
breitete die Arme aus, als wolle er die ganze Welt umfassen, tat einen
gewaltigen Luftsprung und rief: „Gottlob! Ich bin frei! frei! frei!“
8. Die alte Heimat.
Es war ein rauher, stürmischer Herbstabend. Wild flogen die schwarzen
Wolken über den Himmel und sandten eiskalten, mit Schneeflocken
vermischten Regen auf die Erde nieder. In den Gassen der Stadt Passau
war’s still und öde; wer nicht hinaus mußte, blieb heute gewiß im
traulichen Stübchen. Auch der gute alte Pfarrer, der dem Friedel vor
sechs Jahren so freundlich geraten und geholfen, saß in der warmen Ecke
hinter dem Kachelofen, behaglich sein Pfeifchen rauchend. Das dicke
Buch, in dem er gelesen, hatte er weggelegt und plauderte mit seiner
spinnenden Frau. Da trat die junge Magd herein und sprach ängstlich: