frevelhafte Wort des Erzbischofs: „Lieber sollen in meinem Lande nur
Dornen und Disteln wachsen, ehe ich einen Ketzer drin dulde“, war hier
schon in Erfüllung gegangen.
Am nächsten Tage überschritten sie die Grenze und kamen nach Bayern.
Allmählich ward das Land weniger gebirgig und wäre wohl ungemein
fruchtbar gewesen, wenn nur das Landvolk Zeit und Mut gehabt hätte,
es recht ordentlich zu bebauen. Aber ach, es war damals in ganz
Deutschland böse Zeit für das Volk, besonders für die Bauern! Nur
wenige saßen im Wohlstand auf eigenem Grund und Boden, die meisten
hatten ihr bißchen Land von einem Edelmann gepachtet. Da nun zu jener
Zeit die Fürsten meist in Saus und Braus, ja sogar in Wollust und
unsinniger Verschwendung lebten, machten’s die Edelleute ihnen nach,
und plagten und drückten die armen Bauern nach Herzenslust, so daß
keiner zu einigem Wohlstand gelangen konnte. Der damalige Kurfürst von
Bayern fütterte seine zahllosen Jagdhunde mit viel besseren Speisen,
als die Landleute auf ihrem Tische hatten.
So trafen auch die beiden Wanderburschen fast überall Mutlosigkeit,
Armut und dazu die größte Unwissenheit an. Allzu freundlich waren die
Leute auch nicht; besonders Friedel ward oft scheel angesehen, weil
er sich nicht vor dem Kruzifix oder Heiligenbild bekreuzte, und die
Stirn nicht netzte aus dem kleinen Weihwasserbecken, das in keiner
Herberge fehlte. Dennoch gab’s manch lustige Wanderung durch grünen
Wald und blumige Wiesen, und viel Schönes zu sehen in den Städten,
die sie durchzogen. In einer derselben ward eben Jahrmarkt gehalten.
Da konnte sich’s Friedel nicht versagen, ein seidenes Tüchlein und
ein Silberkettchen für Ännchen zu kaufen, so sehr auch Joseph darüber
lachte. Wohleingewickelt barg er’s in seinen Ranzen. Würde er ihr es
wohl jemals umhängen?
Zuweilen trafen sie auch einen Fuhrmann, der mit hochbeladenem
Frachtwagen die rauhe, holprige Landstraße entlang zog, und ihnen gern
erlaubte, für ein paar Groschen ein gut Stück mitzufahren.
Endlich ward das Land so eben und flach, wie es Friedel gar nicht für
möglich gehalten hatte, und eines Abends sahen sie von weitem die Türme
der Stadt P. Sie wanderten am Ufer eines großen Flusses, der hieß der
Inn, und meinten, einen größeren könnte es auf der ganzen Welt nicht
geben. Aber die Donau, an deren Strand sie endlich staunend standen,
war noch viel breiter, und die großen und kleinen Schiffe, die so
lustig einherschwammen, entzückten Friedel so sehr, daß er sich fest
vornahm, ein Stück auf dem Wasser zu fahren, sobald er allein sei.
Mit einbrechender Nacht erreichten sie das Haus des Silberschmieds,
in dem behaglicher Wohlstand herrschte. In dem Briefe des Vaters,
den Joseph dem Hausherrn überreichte, mochte wohl auch Friedel der
Huld des stattlichen, selbstbewußten Mannes empfohlen sein, denn er
ward recht freundlich aufgenommen. Als sich’s aber zeigte, daß er ein
blutarmer Bursch, dazu auch ein Ketzer war, behandelte man ihn kühler,
und nach zwei sehr nötigen Rasttagen nahm er seinen Abschied.
Recht frei und leicht war ihm zumute, daß er nun ganz sein eigener
Herr war, aber doch auch ein wenig beklommen. Über seinen Plan, nach
Preußen zu ziehen, hatte der Silberschmied nur gelächelt und die hohe,
stattliche Gestalt des Burschen mit so eigenem Blick betrachtet. „Sei
gescheit!“ hatte er gesagt. „Nimm Arbeit in deinem Handwerk, sobald
du sie findest, und verdiene dir ein gut Stück Geld; das ist die
Hauptsache.“ Ja, alle Leute taten, als ob das Geld das höchste Gut sei;
der Großvater und die Talmüllerin hatten ganz anders gesprochen!
Behaglich schlenderte er noch ein wenig in der Stadt umher, die zwar
schöne Kirchen, aber enge, düstere Straßen hatte. O wie trübselig
mußte es sein, zwischen diesen altersgeschwärzten Mauern zu wohnen!
Es zog ihn mit Gewalt wieder hinaus in Freie. Schade, daß hier alles
katholisch war! Wie gern hätte er einmal wieder in einer Kirche gebetet
und gesungen, wie vor vielen Jahren als kleiner Knabe! Schon war er dem
Flußufer wieder nahe, da sah er ein bescheidenes Kirchlein auf einem
kleinen freien Platze. Die Tür war offen, und drinnen ward gesungen.
Horchend blieb er stehen. O, klang es nicht wie süßer Ton aus der
friedlichen Kindheit? Das Lied war ihm so bekannt, daß er hereintrat,
sich auf die hinterste Bank setzte und gleich aus Herzensgrund mit
einstimmte. Nun erschien ein alter, freundlicher Pfarrer auf der
Kanzel und sprach ganz in der Weise wie der gute Herr, bei dem er
zur Kinderlehre gegangen. Es wurde dem Jungen ganz heimisch in dem
einfachen, fast dürftigen Raum. Als der kurze Wochengottesdienst aus
war, faßte er sich ein Herz, wartete draußen auf den Pfarrer, trat mit
abgezogenem Hute bescheiden auf ihn zu und fragte:
„Ich bitt’ schön, ehrwürdiger Herr, wo führt denn hier der Weg ins
Preußenland? Ist’s nimmer weit dahin?“
Verwundert und fast unwillig blickte der Mann dem Burschen ins Gesicht.
Nein, der sah so kindlich, so treuherzig aus, der konnte keinen
albernen Scherz mit ihm treiben!
„Mein Sohn“, erwiderte er, die lange Perücke schüttelnd, die er nach
damaliger Sitte trug, „da hast du einen weiten, gefährlichen Weg vor
dir! Sage, was treibt dich in solche Ferne?“
„Ach, ich bin ein Salzburger und vor vielen Jahren zurückgeblieben, als
der Erzbischof Firmian meine Leut’ aus dem Lande trieb. Nun bin ich
groß und stark und möcht’ ihnen nachziehen.“
„Hast du denn Zehrgeld?“
„O ja; der Beutel ist noch recht dick!“ entgegnete der Bursche, ihn aus
der Tasche ziehend.
„Laß ihn nur stecken“, sprach der Pfarrer lächelnd. „Und zeig’ ihn
keinem ohne Not; hörst du? In unserm armen geplagten Bayernland
wimmelt’s von Landstreichern und Wegelagerern. Jetzt komm mit und iß
eine Suppe bei mir; dann wollen wir weiter reden.“
[Illustration]
Nachdem sich Friedel in dem sehr bescheidenen Wohnstübchen des guten
alten Herrn gesättigt, und ihm die ebenso freundliche Frau Pfarrerin
einen Riß im Kittel zugenäht hatte, nahm ihn der Pfarrer in die
Studierstube, wo so viele Bücher an den Wänden standen, als der Junge
kaum in der ganzen Welt vermutet. Freimütig und kurz erzählte er dem
alten Herrn, wie’s ihm von klein auf ergangen, und wie ihn nun eine
mächtige Sehnsucht zu seinen Volks- und Glaubensgenossen treibe. Daß er
aber wieder zurückgehen wolle, wenn er eine gute Heimat gefunden habe,
um Tobi und Ännchen nachzuholen, das brachte er nicht über die Lippen.
„Mein Sohn“, sprach der Pfarrer nach einigem Nachdenken, „deine
Schicksale sind wundersamer Art! Erzähle sie nicht so leicht einem
jeden; man würde dir schwerlich glauben. Bei mir ist dein Vertrauen gut
angebracht; ich weiß, daß Gott die Seinen oft verschlungene Wege führt.
Die Vertriebenen sind vom König von Preußen, der ein rauher, strenger,
aber frommer Mann ist, wohl aufgenommen und kräftig unterstützt worden.
Viele sind in Berlin und andern preußischen Städten geblieben; der
größte Teil aber ist weit, weit nach Osten gezogen, wo man ihnen Land
angewiesen hat. Der König hat große Summen Geldes zu ihrer Ansiedlung
gestiftet.“
„Dann will ich zum König nach Berlin gehen,“ sprach Friedel
entschlossen, „und ihn um den Weg fragen; vielleicht weiß er auch, wo
mein Pate Rudi geblieben ist.“
„Du bist ein rechtes Kind“, sagte der Pfarrer lachend, „und ganz und
gar weltfremd! Ein Bursch, wie du, kommt nicht so ohne weiteres zum
König. Dazu ist er alt und kränklich, wie man hört. Und doch möchte
ich dir helfen. Deine Treue und dein fester Sinn gefällt mir.“ Er
dachte eine Weile nach, setzte sich dann an den Tisch und begann zu
schreiben, ließ aber sogleich wieder davon ab und fragte: „Kannst du
lesen?“
„Freilich!“
„Auch Geschriebenes?“
„Sicher! Ich kann auch selber schreiben; hab’s nur seit Jahren wenig
geübt.“
„Sei froh! Hier im Bayernland hätten die meisten deiner Art mit Nein
geantwortet.“
Nun schrieb er ziemlich lange, faltete und siegelte einen Brief und gab
ihn dem Burschen. „Dieser Brief ist an einen Pfarrer in Berlin, der
mir wohlbekannt ist. Wenn dich Gott sicher so weit geführt hat, wirst
du leicht seine Wohnung erfahren, und er wird dir raten, was du tun
sollst. Auf diesen Zettel aber habe ich dir die Städte geschrieben,
durch die deine kühne Reise führt. Sieh, diese ersten liegen in Bayern,
diese nächsten in Sachsen; das ist ein lutherisch Land, da wird dir’s
gefallen! Bist du aber erst in Preußen, so kommen diese Orte dran
und zuletzt Berlin. Aber, aber, mein Junge! Denke nicht, daß dein
Beutelchen so weit reicht! Suche Arbeit und Verdienst, wo du’s findest,
nicht nur in deinem Handwerk. Glaub’ mir’s: Es kann ein Jahr vergehen,
ehe du dein Ziel erreichst; denn im Winter hört alles Wandern auf bei
den schlechten Straßen.“
„Das tut nichts“, erwiderte Friedel herzhaft; „wenn ich nur zuletzt
hinkomm!“
„Ja, wenn!“ sagte der Pfarrer nachdenklich und ging unruhig im Stübchen
auf und ab, als hätt’ er noch was auf dem Herzen. Endlich blieb er vor
seinem Gast stehen und sprach: „Junge, du bist gewachsen wie eine
Tanne, stark und geschmeidig dazu; nimm dich in acht, daß sie dich
nicht zum Soldaten machen!“
„Ei, das sollen sie fein bleiben lassen; ich bin ja ein Müller!“
„Das schützt dich nicht! Ich sage dir’s, hüte dich! Sitze nicht lang in
den Herbergen, trinke keinen Branntwein, und nimm ja von keinem Geld
an, es sei denn, daß du’s mit redlicher Arbeit verdient hast.“
Und nun erzählte er dem erstaunten Burschen, wie listig es die Werber
oft anfingen, einen zum Soldaten zu machen, und wie ihm kein Mensch
mehr helfen könne, wenn er einmal das Handgeld angenommen.
Friedel hörte aufmerksam zu, verstand aber die Sache nicht ganz; sie
war ihm allzu fremd. Hingegen schien ihm hier der rechte Ort, eine
Bibel zu kaufen. Er erhielt sie aber sogar geschenkt und bedankte
sich recht aus Herzensgrund. Sie war kleiner und leichter als die des
Großvaters und beschwerte den Ranzen nicht sehr.
Ein wenig nachdenklich, aber doch frohen Mutes schied Friedel von dem
guten Pfarrer, ging auf seinen Rat ans Flußufer und fand freie Fahrt
bis Regensburg auf einem mit allerlei Kaufmannsgut beladenen Schiffe.
Tüchtig rudern und manch andern Dienst tun mußte er freilich für sein
bißchen Essen und Trinken; doch tat er’s gern, denn er sehnte sich
danach, wieder was zu schaffen. Von Regensburg wanderte er wacker
nach Norden zu, und des Pfarrers Zettel war ein guter Wegweiser. Aber
recht einsam war’s doch, immer so allein seine Straße zu ziehen;
darum freute er sich, als sich einst ein ganz prächtiger Bursche zu
ihm gesellte, der just nach derselben Stadt wollte. Was wußte er für
lustige Lieder, und wie konnte er erzählen! Ein Landstreicher war’s
sicher nicht! Er hatte ja eine Feder auf dem Hut und silberne Schnallen
an den Kniehosen. Ganz vornehm mußte er sein, hatte schon mit Grafen
und Edelleuten zu Tisch gesessen! Aber der Sommertag war heiß, und
das weiche Gras am Waldesrand lud zur Ruhe ein. Sie streckten sich im
kühlen Schatten nieder und schliefen bald sanft und fest. Ja, Friedel
mochte wohl recht fest geschlafen haben, denn als er endlich erwachte,
die Augen rieb und sich nach dem schmucken Kumpan umsah, war er weg
und kam auf kein Rufen wieder. Aber der Schweiß rann dem Friedel von
der Stirn; die Sonne hatte den Weg zu ihm gefunden. Er fuhr in die
Tasche, um sein Tüchlein herauszuheben. Das war sicher drin; aber
der Geldbeutel, der dabei gesteckt, der war weg! O weh, o weh! Wer
hätte gedacht, daß ein Landstreicher so wacker plaudern könne und
samtene Hosen trüge! Ein Viertelstündchen saß der arme Bursch weinend
am Waldesrand, dann aber raffte er sich auf. „’s war ja nur schnödes
Geld“, sprach er; „bald kann ich’s wieder verdienen! Gut, daß ich den
Ranzen unterm Kopf hatte, sonst wär’ der wohl auch weg! Nun muß ich
arbeiten, und freue mich darauf; ’s Wandern kriegt einer auch satt!
Schadet nichts, wenn ein paar gute Jahre hingehen, ehe ich wieder
heimkomme. Ich und’s Ännchen sind ja noch viel zu jung zum -- --“
Weiter kam er nicht, schnallte den Ranzen auf und marschierte wacker
vorwärts.
Ein paar Tage später schaffte er schon in einer großen Mühle, wo es
noch viel für ihn zu lernen gab. Der Meister gewann ihn lieb und ließ
ihn den ganzen Winter nicht fort, da es im reißenden Flüßchen wenig Eis
gab und das Mühlwerk nur selten stillstand. Hier schrieb er einen Brief
an den Franzl und übergab ihn zaghaft der wundersamen Anstalt, die man
Post nannte. Freilich war alles ringsum katholisch; aber er hielt sich
still, las fleißig in seiner Bibel, mied das Wirtshaus, und in der
Arbeit tat es ihm keiner zuvor.
Gern wäre er im zeitigen Frühjahr weiter gezogen, aber er mußte lange
warten, ehe die aufgetauten, bodenlosen Landstraßen wieder gangbar
waren. Dann setzte er seinen Stab weiter und kam glücklich bis ins
Sachsenland. Einen großen Schatz trug er in der Brusttasche, einen
Brief vom Franzl am Stein, unter den das Ännchen mit mühsam gemalten
Buchstaben einen kurzen Gruß gesetzt hatte. Er wickelte ihn mit dem
Tüchlein und der Kette zusammen, die er für Ännchen gekauft, und labte
sich an dem Anblick dieser Schätze, wenn ihm der Mut sinken wollte.
Denn ach, auch in Sachsen fand er das nicht, was er erwartet! Da es
ein lutherisches Land war, meinte er, es müsse so fein friedlich und
christlich zugehen, wie ehemals unter den frommen Salzburgern. O wie
anders fand er es!
In Sachsen regierte damals August III., ein träger charakterloser
Mensch, der, wie sein Vater August der Starke, seinen Glauben
verleugnet hatte und katholisch geworden war. Während er nur seinem
Vergnügen lebte, trieb sein Minister, Graf Brühl, die sinnloseste
Verschwendung, so daß das arme Volk die schwere Last der Steuern
und Abgaben kaum ertragen konnte. Die Reichen aber machten’s meist
ihrem Fürsten nach, drückten und plagten die Armen und lebten dabei
in Wollust. Hart und streng hielten auch die Herren ihre Knechte,
die Meister ihre Gesellen. Trotzdem ging’s dem Friedel nicht allzu
schlecht. An Gehorsam war er von klein auf gewöhnt; Arbeit war seine
Lust, und ein hartes Wort nahm er nicht so leicht übel. Daß er jeden
Sonntag zur Kirche gehen und sich dort Trost und Mut holen konnte,
war ja ein unbezahlbarer Schatz. Ach, oft kam er auch mit beschwertem
Gewissen! Denn nicht immer widerstand er der Versuchung, ein wenig
teilzunehmen an der wilden Lustigkeit in den Herbergen. Sein Blut war
heiß und wallte leicht auf, wenn man ihn neckte um seines stillen
Wesens willen; schon das verwickelte ihn in manchen Streit. Auch kam’s
wohl vor, daß er einmal ein Tröpflein über den Durst trank.
Nur in einem Ding blieb er unerschütterlich fest. An dem Scherz und
leichtfertigem Geschwätz, das die Burschen in der Herberge mit hübschen
Wirtstöchterlein oder stattlichen Mädchen trieben, nahm er nie teil,
nein, nicht mit einem Wort! Sie gingen ihn alle nichts an! Nicht einen
Augenblick vergaß er, was er damals am Bett kniend, zu Frau Marie
gesagt, und was sie ihm geantwortet hatte. Hell und klar wollte er
seine Augen zu Ännchen aufschlagen, wenn Gott ihn wieder zu ihr führte!
[Illustration]
Zwischen all dem Jammer, all der wilden Lust und dem harten Wesen
gab es doch noch eine große Anzahl ernster, frommer Christen, die,
unbekümmert um die tolle Welt, ihres Glaubens lebten. Zu solchen führte
Gott endlich auch den jungen Wandersmann. Ein ganzes Jahr arbeitete
er bei einem braven Müller, der zu diesen „Stillen im Lande“ gehörte,
befand sich dort gar wohl und ward gehalten wie ein Sohn des Hauses.
Gern hätte ihn der Meister noch länger behalten, doch zog es ihn nun
mächtig nach Preußen. Er hatte sparsam gelebt; sein Beutel war so gut
gefüllt, daß er hoffte, damit endlich bis nach Berlin zu kommen.
In der Mühle sammelten sich oft verständige Männer aus der Stadt,
um am Feierabend ein wenig zu plaudern. Bescheiden zuhörend vernahm
Friedel dann allerlei vom Lauf der Welt. Er wußte, daß der strenge,
gefürchtete König von Preußen, der doch unendlich viel für sein Volk
getan, gestorben war, und sein Sohn Friedrich II. den Thron bestiegen
hatte. Von diesem erzählte man seltsame Dinge. Klein und mager von
Person, sei er doch eine gar königliche Erscheinung, und der Blick
seiner Augen sei so klar und durchdringend, als wolle er jedem ins Herz
hineinsehen. Sein ganzes Streben gehe dahin, sein Volk glücklich zu
machen; doch gehe er dabei viel milder und freundlicher zu Werke als
sein harter Vater. Das machte dem Friedel Mut und Hoffnung; wer weiß,
ob’s ihm nicht gelingen würde, diesen leutseligen König selbst nach den
Salzburgern zu fragen!
Von vielen Segenswünschen begleitet, zog er aus und überschritt endlich
gutes Mutes die preußische Grenze. Bald merkte er, daß hier unterm
Volk wirklich ein besserer Geist herrschte. Wie fleißig schafften
sie alle, auch die es nicht fürs tägliche Brot bedurften! Größerer
Wohlstand und bessere Ordnung war in Dorf und Stadt zu finden; freilich
auch das strenge, herbe Wesen, das die Not der Zeit mit sich gebracht
hatte. Bald fiel’s ihm auf, daß viele der jungen Burschen, die auf
den Feldern arbeiteten, grellrote Halsbinden trugen. Auf die Frage,
was das bedeute, sagte man ihm, es seien Kantonisten, d. h. Leute, die
von Jugend auf für den Soldatenstand bestimmt wären. Jede Stadt und
jedes Dorf müsse eine bestimmte Anzahl stellen. „Ei“, dachte Friedel,
„das ist also die Sache, vor der mich der gute Pfarrer warnte. Nun, ich
laß mir sicher nicht so ein rotes Ding um den Hals zwängen! Bin auch
weder in Stadt noch Dorf zu Hause.“ Wenn nur die Welt, und besonders
das Preußenland, nicht gar so groß gewesen wäre! Er ließ sich gewiß das
Gras nicht unter den Füßen wachsen und vertat keinen Groschen unnütz,
dennoch ging das Geld zu Ende, und Berlin war noch weit weg.
Eines Tages saß er mutlos in einem einsamen Wirtshaus an der
Landstraße; von bösem Unwetter überrascht, hatte er das nächste Dorf
nicht mehr erreichen können. Außer ihm war nur noch ein einziger Gast
in der großen Stube, ein stattlicher Herr in feiner Tuchkleidung und
mit einem gewaltigen Zopf, der ihm fast bis an die Hüften herabhing.
Er schrieb emsig in eine große Brieftasche, trat zuweilen ans Fenster,
um nach dem Wetter zu sehen, beachtete aber den Müllerburschen gar
nicht. Endlich brachte der Wirt das Abendessen; für Friedel eine dicke
Suppe und ein Stück Schwarzbrot, für den Herrn aber ein gebratenes
Huhn und einen Krug Wein. Der hungrige Bursche vertiefte sich in seine
Suppenschüssel, ohne zu merken, daß die beiden Männer leise miteinander
sprachen und nach ihm hinüberblickten. Endlich begann der Herr laut zu
reden:
„Es ist ein fatales Ding, daß mir der Bursch eben jetzt davonlaufen
mußte um der einzigen Kopfnuß willen! Wenn’s heimwärts ginge, machte
ich mir wenig draus, den Dummkopf los zu sein; aber nach Berlin ganz
ohne Bedienung zu reisen, paßt mir nicht.“
„Ei, wenn’s nur das ist“, erwiderte der Wirt, „so wird sich wohl
jemand finden, der den gestrengen Herrn dahin begleitet. Heda, junger
Mehlsack, will Er nicht nach Berlin?“
„Meint Ihr mich?“ fuhr Friedel auf. „Ein Mehlsack bin ich nicht!“
„Hast aber schon manch einen auf dem Buckel getragen, he? Hier gäb’s
was für ihn!“
„Was denn?“
„Ei, wenn Er nicht gar so unmanierlich ist, könnt’ Er den gnädigen
Herrn hier nach Berlin begleiten als sein Diener.“
„Das geht nimmer! Ich bin ein freier Mann; gedient hab’ ich noch nie.“
Der Herr war aufgestanden und trat an Friedels Tischchen. „Ei, mein
Bursch, überlege dir die Sache. Freie Fahrt nach Berlin im Postwagen,
gut Essen und ein schön Stück Geld. Weiter nichts zu tun, als mein
Gepäck zu tragen, Kleider und Schuhe zu bürsten und dergleichen kleine
Dienste zu leisten, die du bald begreifen wirst. Ein Dummkopf bist du
nicht; das steht dir auf der Stirn geschrieben. Ein paar Wochen, dann
ist alles vorüber; es ist nur für diese unangenehme Reise.“
„Kann ich dann in Berlin bleiben?“
„Ei gewiß! Ich nehm’ dich nicht wieder mit.“
„Ob ich dort auch den König zu sehen bekomme?“
„Nicht einmal, zehnmal sollst du ihn sehen, wenn du mit mir gehst.“
„Dann will ich in Gottes Namen!“
Am andern Tag mußte er sich sauber waschen und kämmen, seine
Sonntagsjacke anziehen und den Wanderkittel im Ranzen tragen.
Kaum war’s geschehen, so erklang auch schon ein Posthorn, und der
schwerfällige Wagen, auf den der gnädige Herr gewartet, hielt vor dem
Hause. Friedel mußte in einem kleinen Kasten, der hinten angebracht
war, Platz nehmen, und fort ging’s, dem langersehnten Ziele zu. Nicht
allzu geschwind! Die damaligen Postwagen waren gar ungeschickte, meist
federlose Dinger, und das Fahren darin keineswegs ein Vergnügen. Das
spürte auch Friedel in seinem engen Käfig gar bald, war aber dennoch
guter Dinge. Nach ein paar Tagen erreichte man die letzte Station vor
Berlin. Ehe der Herr, dem der Wein heute besonders gut geschmeckt
hatte, wieder in den Wagen stieg, warf er dem Friedel ein blankes
Silberstück hin und rief:
„Hier, Bursch, hast du derweil ein Handgeld.“
„Laßt’s doch sein, Herr“, sprach der Diener, „bis meine Zeit aus ist.“
„Unsinn! Das tät zu lang dauern.“
„Na“, dachte Friedel, „wenn ich den König sehen will, möcht’ ich mir
neue Schuhe kaufen; der Herr hat wohl gesehen, daß meine nicht viel
mehr taugen.“
Bald war’s zu merken, daß man sich der für damalige Begriffe schon
großen Stadt immer mehr näherte. Es war ein herrlicher Herbsttag; kein
Wölkchen am Himmel. Die Felder waren schon fast abgeleert, aber die
Obstgärten prangten im Schmuck der rotwangigen Äpfel und goldgelben
Birnen; die Wiesen im letzten frischen Grün. Viele Menschen spazierten
draußen herum, sich an der milden Luft zu erquicken. Vergnügt blickte
Friedel in das fröhliche Leben; sein Herz klopfte in freudiger
Erwartung. Nun mußte er ja bald sichere Kunde erhalten, wo sich seine
Volksgenossen hingewendet. Jetzt rumpelte der Postwagen langsam an
einem weiten Platz vorüber, auf dem Soldaten exerzierten. So oft der
Wandersmann früher so etwas gesehen, hatte er so schnell als möglich
Reißaus genommen; heute durfte er’s wohl gemütlich betrachten.
Aber, o Schrecken, wie ging’s da her! Wenn einer beim Franzl am Stein
das Vieh so angebrüllt, mit Füßen getreten und mit Fäusten geschlagen
hätte, wie hier die Korporale die armen Soldaten, wär’s ihm schlecht
ergangen. „O wie gut ist’s, daß ich keinem Werber begegnet bin!“ dachte
Friedel und war froh, als sie vorüber waren.
Nun ging’s zum Tor herein in die Stadt, und bald hielt der Wagen vor
einem Posthause. Da standen zwei Männer, die schon auf den Herrn
gewartet hatten. „Bringt Ihr ein paar?“ hörte er sie fragen. „Nur
einen, aber einen Prachtkerl!“ war die halblaute Antwort.
Friedel sah sich vergebens nach dem Prachtkerl um und wollte das Gepäck
auf seine Schultern nehmen, wie er’s gewöhnt war. Aber die Männer
ließen’s nicht zu; nur seinen eigenen Ranzen durfte er aufsacken.
„Geh’ einstweilen mit diesen beiden“, gebot der Herr Amtmann lachend,
„da wirst du bald den König sehen.“ Mit diesen Worten verschwand er in
der Haustür; die beiden nahmen Friedel in die Mitte und führten ihn
durch enge, winklige Straßen vor ein großes unsauberes Haus mit kleinen
vergitterten Fenstern. Hier konnte doch der König unmöglich wohnen!
„Was soll ich da drin? Was habt ihr mit mir vor?“ fragte der Jüngling,
plötzlich von banger Ahnung befallen.
„Dummer Kerl! Hier gehörst du ’rein; ’s ist eine Kaserne. Du bist ja
ein Rekrut!“
„Das ist nicht wahr“, schrie Friedel entsetzt; „ich bin des gnädigen
Herrn Diener!“
„Schöner gnädiger Herr! Ein Werbeoffizier ist’s! Du dummes Schaf bist
ihm ins Garn gegangen. Marsch, ’nein mit dir!“