einen Schuß gehört. Der Schall kam von der Schlucht her, in der der
Mühlbach strömte. Friedel faßte sich schnell. „Er ist’s wohl selber“,
sagte er. „Hat vielleicht dem Iltis aufgelauert, der neulich zwei
Hühner totgebissen.“ Als sie aus ihrem Kämmerlein traten, kam ihnen
die Frau mit dem Kinde schon entgegen, und nun fing auch der Hund an
zu knurren und zu bellen, und rannte endlich in großen Sprüngen die
Schlucht hinauf. Unschlüssig standen sie. Sollten sie ihm folgen? Der
Talmüller konnte es gar nicht vertragen, wenn man ihn im Jagdvergnügen
störte. Aber jetzt kam der Hund wieder, sprang winselnd an Friedel in
die Höhe und zerrte Tobi an der Jacke.
„Er will uns holen; es ist ein Unheil geschehen“, flüsterte der kleine
Mann dem Knaben zu.
„Geh’ hinein, Mutter“, bat Friedel; „der scharfe Wind tut deiner Brust
weh. Gleich bringen wir dir Kunde!“
Eilig folgten sie dem aufgeregten Tier. Ach, sie hatten nicht weit zu
gehen, da stand der Hund und stieß ein jämmerliches Geheul aus! Beim
Mondenlicht, das eben durch die Wolken brach, sahen sie den Talmüller
im hohen, halbverwelkten Waldgras liegen. Er regte sich nicht. Friedel
war ganz starr vor Schreck; Tobi aber kniete bei seinem geliebten Herrn
nieder und fühlte an sein Herz und seine Hände. „Es ist noch Leben in
ihm“, flüsterte er. „Schöpf’ Wasser in die hohle Hand und netz’ ihm die
Stirn!“
Wieder und wieder sprang der Knabe zum nahen Bach. Sie netzten ihm auch
die dürren, brennenden Lippen; aber ach, als sie versuchten, ihn empor
zu richten, merkten sie, daß das Blut aus der rechten Seite rieselte.
„Faß an, Bub!“ gebot Tobi. „Wir müssen ihn heimtragen. Es +muß+ gehen!“
Und es ging mit Aufbietung aller Kräfte.
Halbwegs kamen ihnen schon die Frau und das Mägdlein entgegen; sie
hatten’s drinnen nimmer ausgehalten. Laut jammerte Ännchen; die Frau
aber sprach nur leise: „Es mußte so kommen! O mein Christoph, Gott gebe
dir nur ein seliges Ende!“
Schon auf dem kurzen Weg hatte er mehrmals schmerzlich gestöhnt; als
sie ihn aufs Bett legten, schlug er die Augen auf, sah wirr um sich,
hielt aber die Hand der Frau fest in der seinen.
„Es war kein Hirsch“, sprach er ganz leise und mühsam, „nur ein kleines
Reh. -- Es sollte das letztemal sein. -- Du hast mich so oft gebeten,
es zu lassen. -- O sag’, hat der Heiland auch diese Sünde getragen?“
„Alle, alle Sünden hat er getragen! O, glaub’ es nur fest! O, halt’
dich nur ganz allein an ihn! Aus Gnaden nimmt er deine müde Seele in
den Himmel!“
Er lächelte, und ein Freudenschein flog über das totenbleiche Antlitz;
dann sank er wieder in Betäubung. Gern hätten sie ihn ausgezogen und
die Wunde verbunden; doch machte ihm jede Bewegung solche Schmerzen,
daß sie davon abstehen mußten. Das Blut hatte aufgehört zu fließen,
aber den erstarrenden Gesichtszügen sah man an, daß das Ende ganz nahe
war. Er hörte nichts mehr, hatte aber die Hände gefaltet und sprach
ganz leise noch einmal den Namen „JEsus“. Dann folgte ein schwerer
Kampf der starken Natur, und endlich ward es ganz stille. Betend
knieten sie um das Lager her, während sich die oft so schwer gequälte
Seele zu Gott emporschwang.
Nun war es vorüber! -- Tobi und die Kinder weinten bitterlich; Marie
aber küßte die erkaltete Stirn und sprach: „So ruhe, mein Christoph,
nach deinem schweren Leben! Ich folge dir bald ins Himmelreich; denn
für dich habe ich gelebt, mit dir habe ich gelitten, mit dir möchte ich
auch sterben!“
Da fiel ihr das Ännchen jammernd um den Hals und bat sie gar beweglich,
noch bei ihr zu bleiben. Sie liebkoste es zärtlich, erwiderte aber
nichts auf die kindliche Bitte. Dann zog sie Friedel an sich und
sprach: „Du bist Gottes Werkzeug gewesen, daß diese Seele zum Frieden
eingehen konnte. Du brachtest uns das göttliche Buch ins Haus. Gott
segne dich dafür!“
Am andern Morgen trug der Knabe die Trauerkunde zum Franzl am Stein.
Der kam selbst, um den Einsamen mit Rat und Tat beizustehen. Auf der
Waldwiese neben Friedels Großvater begruben sie den armen Christoph.
Dann saßen sie traurig beisammen in der Hütte.
Wer mochte wohl die tödliche Kugel abgeschossen haben? War’s ein
Jäger des Edelmannes gewesen oder ein Späher des Erzbischofs? Es war
nutzlos, darüber zu grübeln; wer einen Wilddieb niederschoß, dem konnte
man nichts anhaben.
„Mit der Talmühle ist’s nun vorbei“, sagte der Franzl. „Ihr kommt alle
auf meinen Hof; ihr braucht euch ja nicht zu verstecken. Der Tobi
ist nun ein freier Mann und kann hinziehen, wo er will; einen guten
Zehrpfennig geb’ ich ihm gern.“
„Daraus wird nichts, Bauer!“ sprach der treue Knecht fest. „Wenn in
Euerm Haus kein Raum für mich ist, leg’ ich mich zum Vieh in den Stall.
Bin ja in einem Stall geboren, just wie das Christkindlein. Meine
Mutter war ein elend Bettelweib! Aber wo die Frau bleibt und das Kind,
da bleib’ auch ich!“
„Und sollst’s gut haben, du treuer Mensch!“ sprach Franzl gerührt.
„Euch aber, Talmüllerin, sollen meine Töchter wohl pflegen, daß ihr
wieder gesund werdet und neuen Mut fasset.“
Dankbar reichte ihm die Witwe die Hand, sah ihn aber mit einem Blick
an, den er nicht mehr vergaß, und der ihm einen schmerzlichen Seufzer
auspreßte.
Bald begann der Auszug, der nicht so schnell vonstatten ging. Mutter
und Töchterlein nahm Franzl gleich mit, daß sie von ihrem Jammer
ausruhen möchten. Tobi und Friedel aber machten den Weg durch den
verborgenen Felsengang noch gar oft, ehe alles Vieh, und was sonst
des Fortbringens wert war, auf den Steinhof geschafft war. Etliches
wertlose Hausgerät ließen sie zurück; denn Tobi sagte, es könne ihn
wohl einmal die Lust anwandeln, eine Weile hier zu hausen, um der alten
Zeit zu gedenken.
Auch die Mühle klapperte noch fleißig, bis alles Korn gemahlen war,
das die Hüttenleute liegen hatten. Sie sollten erst im nächsten Jahre
erfahren, daß der Wandermüller nichts mehr holte. Als der letzte Sack
mit weißem Mehl gefüllt war, nahm Tobi eine Axt und schlug das Gangwerk
entzwei. Dann sprach er zu Friedel: „Komm, ich will dir was zeigen.
Heute geht’s noch; morgen gibt’s vielleicht schon viel Schnee.“
Er führte ihn durch den Wald zum steilen Seeufer und zeigte ihm eine
Stelle, wo ein gewandter Kletterer wohl hinabsteigen konnte. „Sieh’“,
sagte er, „wer hier heruntersteigt und auf dem schmalen Streif Ufersand
hingeht, kann dort drüben am niederen Ufer leicht emporklimmen und zu
dem Häuslein gelangen, das du so oft gesehen hast. Es ist das letzte
Haus eines großen Dorfes. Oben herum führt kein Weg ans andere Seeufer;
die Felsen sind so tief zerklüftet, daß kein Mensch darüber kommt. Oft
ist auch der See so hoch, daß er bis an die Felsen spült; da darfst
du’s nicht versuchen. Wer weiß, wozu du’s noch brauchen kannst! Ich
hätt’ dir’s längst gezeigt, aber der Christoph hat’s nicht gewollt,
damit dich die Wanderlust nicht einmal übermanne. Das Dorf heißt
Windeck, weil’s dem Sturm arg ausgesetzt ist.“
Nun gingen sie zurück, beteten noch einmal an den Gräbern, packten
ihren letzten Kram zusammen und sagten, nicht ohne Abschiedsschmerz,
dem einsamen Tal Lebewohl. Zur rechten Zeit war alles vollendet
worden, denn der Winter brach nun mit Ernst herein und brachte
ungewöhnlich viel Schnee.
Die Familie auf dem Steinhof hatte zur Winterszeit sehr wenig, ja fast
gar keinen Verkehr mit den übrigen Talbewohnern, so daß niemand von den
Gästen wußte, die dort eingekehrt waren.
Tobi und Friedel fanden sich schnell in der neuen Heimat zurecht.
Tobi war, wie immer, jedermanns Knecht, tat alles, was sonst niemand
gern mochte, und ward bald der Liebling der Kinder, denen er Märchen
erzählte und allerlei Spielzeug schnitzte. Dagegen blieben Frau Marie
und ihr Töchterlein recht still und scheu. Ihre tiefe Trauer paßte
nicht in das lebhafte Getriebe des großen Haushaltes; Einsamkeit war
ihnen ja zur Gewohnheit geworden.
Dazu kam, daß Maries Krankheit zunahm, als strenge Kälte eintrat und
wilde Stürme das Haus umtobten. Da räumte man ihr das sogenannte
Auszüglerstübel ein, das, entfernt von den großen, belebten Räumen,
in einem Winkel des Hauses lag. Es war ein freundlicher, heizbarer
Raum, in dessen Fenster die milden Strahlen der Wintersonne fielen.
Man stellte ihr den alten Hausrat hinein, den man von der Talmühle
herübergeschafft, damit sie sich recht heimisch fühle; bereitete ihr
aber ein so gutes Bett, wie sie ihr Lebtag nicht gehabt.
Dort saß sie emsig spinnend, oder mit den schwachen Händen die Kleider
der Hausgenossen flickend. Ännchen wäre am liebsten gar nicht von
ihrer Seite gewichen, wenn sie es nicht selbst zuweilen fortgeschickt
hätte, um in der Küche zu helfen, ein Spiel mit den Kindern zu machen
oder ein wenig frische Luft zu schöpfen. Friedel war ein häufiger Gast
im Auszüglerstübel. Dann saßen die drei zusammen wie ehemals in der
Talmühle, lasen Gottes Wort, sangen die lieblichen Lieder, und redeten
von vergangenen Tagen oder von frohen Zukunftsplänen.
Zu den letzteren hatte Marie nur ein stilles Lächeln, denn sie fühlte
wohl, daß ihre Zukunft nicht auf Erden lag. Die Kinder aber meinten,
die kräftigen Suppen, die gute Milch und der stärkende Wein, den man
ihr täglich brachte, würde sie gewiß wieder gesund machen.
Bald aber kam die Zeit, da die fleißigen Hände der Talmüllerin ruhen
mußten und sie nur noch selten ihr Lager verlassen konnte. Woche auf
Woche verging; der Winter neigte sich zu Ende, und mit ihm schienen
auch ihre Kräfte zu schwinden. Franzls erfahrener Blick sah wohl, daß
hier kein Arzt helfen könnte; sonst hätte er die Kosten nicht gescheut,
einen aus der Stadt holen zu lassen, sobald die Wege wieder gangbar
wurden.
Eines Tages trat er ans Bett der Kranken, als sie allein war, und
sprach:
„Gute Frau, der hohe Schnee, der das Tal versperrte, ist stark
zusammengeschmolzen, aber noch einmal hart gefroren, so daß man wohl
bis zum Kirchlein gelangen kann. Wollt Ihr, daß Euch der Priester
besuche und das Sakrament reiche? Er mag denken, Ihr seid ein Gast aus
dem Niederland, wo ich viel Freundschaft habe.“
„Habt Dank für Eure Sorge“, erwiderte die Frau, „aber ich wünsche
es nicht. Er würde es mir doch nicht so reichen, wie es der Heiland
befohlen hat.“
„Was sprecht Ihr da? Seid Ihr denn eine Ketzerin?“
„Gewiß nicht; ich bin nur eine Christin. Ich halte mich fest an das,
was in diesem Buch geschrieben steht!“ Damit zog sie die Bibel, die,
mit einem Tuch bedeckt, auf dem Tisch neben ihrem Bette lag, hervor und
reichte sie ihm hin.
Franzl hatte keine Ehrfurcht vor seinem Priester, dessen müßiges, oft
anstößiges Leben ihm ärgerlich war. Nur selten besuchte er mit den
Seinen die Kirche. Es hatte ihn tief empört, als der Erzbischof eine
so große Schar ehrbarer, fleißiger Leute aus dem Lande trieb um ihres
Glaubens willen. Er meinte, was einer glaube, sei im Grunde einerlei;
wenn er nur brav und ordentlich lebte. Darum war er auch gegen den
Talmüller und gegen Friedel freundlich gewesen, obgleich sie den
Pfaffen bitter feind waren. Dennoch erschrak er nicht wenig, als man
ihm im eigenen Hause das Buch zeigte, das so arg verpönt und streng
verboten war in der Kirche, zu der er doch noch gehörte.
„Wißt Ihr, was ich damit tun sollte?“ fragte er die bleiche Frau. „Ins
Feuer sollt’ ich’s werfen; denn es stehen gefährliche Dinge darin, die
zu lesen bei strenger Buße verboten ist.“
„Ihr werdet es nicht tun!“ erwiderte die Kranke ruhig. „Denn es ist
Friedels Eigentum, dessen Kirche ihm sogar gebietet, es mit höchstem
Fleiß zu lesen. Und wenn Ihr’s tätet, könntet Ihr mir die köstlichen
Sprüche, die ich daraus gelernt, und die mir wie Leitsternlein auf
meinem Todesgang leuchten, nicht aus dem Herzen reißen. Auch könntet
Ihr’s nicht ändern, daß mein Christoph dadurch den Himmel fand, daß
schon die beiden jungen Kinder ihren Heiland daraus kennen lernten!“
Wie fest und sicher sprach die sonst so demütige Frau! Nun hätte
Franzl, der einen wißbegierigen Sinn hatte, schon längst gerne gewußt,
was wohl so Gefährliches in diesem Buche stehen mochte. Und jetzt hielt
er’s in der Hand!
Vielgebraucht, abgegriffen, mit allerlei wollenen Faden und kleinen
Läppchen als Merkzeichen versehen, war es der größte Schatz einer
Sterbenden, die in ihrem leidvollen Leben nichts als Liebe, Treue und
stille Geduld bewiesen hatte!
„Nun, ich mag nicht darüber urteilen, ehe ich es kenne“, erwiderte der
Alte. „Wollt Ihr mir’s manchmal ein wenig leihen? Die Zeit wird mir
lang in den Wintermonaten.“
„Holt es Euch, so oft Ihr wollt; möge Gott Euer Herz öffnen! Aber am
Morgen muß ich es haben; da kommt Friedel zu mir und liest mir so
herrlich vor. Zum Selbstlesen fehlt mir oft die Kraft.“
Der Franzl am Stein war ein sehr braver Mann, und hatte von Jugend auf
ein ehrbares, ja ein tadelloses Leben geführt. Und doch wandte sich
sein Herz lange nicht so schnell dem süßen Gotteswort zu, als das von
Leidenschaft durchtobte Herz des armen Talmüllers.
Zur Verwunderung der Hausgenossen saß er jetzt oft in dem warmen
Winkel hinterm Kachelofen, ins Lesen eines alten Buches vertieft, das
noch keiner bei ihm gesehen. Vor neugierigen Fragen war er sicher;
sie hätten dem Frager nichts Gutes eingebracht bei der strengen Zucht
jener Zeit und dem hohen Ansehen, in dem der Hausherr stand. Das Buch
fesselte ihn unendlich, obgleich ihm keineswegs alles darin gefiel.
Er war auf die Geschichten Abrahams gekommen, in denen ein großes
Merkzeichen lag. Sie behagten ihm ausnehmend. Er kam sich selbst wie
ein Erzvater vor, als hochgeehrtes Haupt eines großen Hausstandes,
reich an Vieh und allerlei Gut. Aber warum mußte diesem frommen Manne
sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet werden? Warum war gerade dieser
Spruch mit einem dicken Strich bezeichnet, als sei er etwas Besonderes?
War Abraham nicht schon von selbst gerecht? Ei, was war er für ein
frommer Mann, Gott gehorsam bis zum Allerschwersten! Bald fand er auch
die Evangelien, und las zum erstenmal in seinem langen, langen Leben
die süße Botschaft vom Sünderheiland. Sehr, sehr wenig hatte er in
seiner Kirche von ihm gehört und nichts so recht im Zusammenhang. Aber
er merkte gleich, daß Christus in diesem Buch ganz anders abgemalt war,
als ihn der Priester darstellte, wenn er ja einmal von ihm redete.
Nicht als schrecklicher Richter, nicht als unnahbarer Himmelskönig trat
jetzt der Gottessohn vor seine Seele, sondern als milder Freund der
Kranken, Schwachen, Armen und Kleinen, besonders als Freund der Sünder!
-- Aber dieses so trostreiche Bild, das den wilden Christoph sogleich
mächtig angezogen, stieß den tugendhaften, im ganzen Tale hochgeehrten
Franzl ab. Ein Sünder war er doch gewißlich nicht! Er hatte von Jugend
auf ehrbar, fleißig und gottesfürchtig gelebt; was er etwa versehen,
das war ja reichlich gesühnt durch manche Widerwärtigkeit, die ihm
begegnet, und gutgemacht durch die vielen Wohltaten, die er nicht nur
seinen Glaubensgenossen, sondern allen Armen und Bedrängten erwiesen,
die ihm in den Weg kamen. Und doch mußte er immer von neuem lesen und
nachdenken; er konnte nicht anders!
Zuweilen setzte er sich ans Bett der kranken Frau, um mit ihr über das
Gelesene zu sprechen. Aber er konnte nicht mit ihr fühlen. Sie war ihr
Lebtag arm, verachtet, von Trübsal heimgesucht gewesen; er dagegen
angesehen und von Wohlstand umgeben. Dennoch bewunderte er die Ruhe,
die Freudigkeit, mit der sie ihr Leiden trug und dem Tode ohne alle
Furcht entgegensah.
In großer Schwachheit und quälender Atemnot lebte sie bis zum März.
Dem strengen Winter war ein zeitiges, schönes Frühjahr gefolgt. Der
Schnee war längst geschmolzen. Sonnenschein und warmer Wind hatten das
Erdreich getrocknet; schon dufteten die ersten Märzveilchen am Bette
der Kranken. Friedel hatte sie ihr gebracht. Sie verlangte, allein mit
ihm zu sprechen, und er beugte sich über sie.
„Mein Sohn“, sprach sie mit leiser Stimme, „öffne dort meinen
Kasten. Ganz unten wirst du einen Beutel mit Geld finden, der ist
dein Eigentum. Wir fanden ihn damals in deines Großvaters Bündel und
verwahrten ihn gleich für dich. Nun soll es dein Wanderpfennig sein.“
Mit leichter Mühe fand der Knabe den Beutel. „O Mutter“, sprach er,
„wie unendlich viel habt Ihr für mich getan, mich armen Fremdling
jahrelang gespeist und getränkt, und gar noch das Geld für mich
bewahrt! Wie soll ich Euch danken?“
„Du hast uns reichlich gedankt durch Liebe und Treue und durch das
teure Bibelbuch. Und nun bitt’ ich dich: Laß es dem Ännchen, wenn du
wanderst! Aber versprich mir, daß du dir ein neues kaufst, sobald du in
ein evangelisch Land kommst.“
„Ich verspreche es, Mutter“, erwiderte Friedel mit tiefem Ernst.
„Keinem würd’ ich das Buch lassen, aber dem Ännchen laß ich es gern;
fürs Ännchen laß ich auch mein Leben!“ Dann kniete er am Bett nieder
und bat: „O Mutter, höre mich an und verstehe mich recht! Ich hab’ was
auf dem Herzen. Aber erst sag’: Mußt du denn wirklich sterben?“
„Ja, mein Kind! Gott ruft mich, und ich folge mit Freuden, wenn auch
mit schwerer Sorge um mein Ännchen.“
„Ach“, seufzte der Knabe, „ich sollte wohl hierbleiben und das Ännchen
schützen, und ich kann doch nicht! Ich muß fort; ich muß zu meines
Glaubens Genossen! Es zieht mich mit aller Macht zu ihnen. Und sieh,
Mutter, zwischen mir und dem Ännchen ist’s nicht mehr wie ehedem. Es
läßt sich nicht mehr zur Gutenacht küssen wie in der Talmühle; es setzt
sich nicht mehr neben mich, wenn wir uns um den Herd sammeln. Und doch
fühl’ ich, o Mutter, ich fühl’ es so heiß, daß ich das Ännchen immer,
immer liebhaben muß mein Leben lang! Darum will ich dich leise, ganz
leise was fragen.“
Er schlang die Arme um ihren Hals und flüsterte, tief errötend, einige
Worte in ihr Ohr. Ein mildes Lächeln flog über die abgezehrten Züge.
Sie legte die Hand auf das Haupt des Jünglings, der jetzt am Bett
kniete, und sprach:
„In Gottes Namen, mein lieber Sohn, wenn es sein Wille ist! Ja, ich
sehe es im Geist. Er wird dich sicher zurückführen und alles wohl
vollenden!“ --
Noch wenige Tage; dann kam das Ende. Ganz schmerzlos, sanft und
stille schlummerte sie ein, mit gefalteten Händen, ohne jeden Kampf.
Nur Friedel und Ännchen waren bei ihr; Franzl war leise eingetreten,
unbemerkt von den Kindern. Das Mädchen weinte bitterlich; Friedel aber
betete mit gedämpfter Stimme:
„In Christi Wunden schlaf’ ich ein,
Die machen mich von Sünden rein.
Ja, Christi Blut und Gerechtigkeit,
Das ist mein Schmuck und Ehrenkleid;
Damit will ich vor Gott bestehn,
Wenn ich zum Himmel werd’ eingehn.“
Indessen stand der Atem still; und die Seele, die so viel gelitten,
schwang sich empor in Christi Arm und Schoß. --
Am Abend rief Franzl den Friedel in seine eigene Kammer, hieß ihn an
den Tisch sitzen, wo das Schreibgerät stand, und sprach:
„Schreib’ mir den Vers auf, den du am Sterbebett gebetet.“ --
Wo soll man die selig Entschlafene zur Ruhe bringen? Diese Frage machte
dem Franzl viel zu schaffen. Auf den Kirchhof konnte man sie nicht
begraben, ohne daß der Priester davon erfuhr, und dann würde allerlei
an den Tag kommen, was am besten verschwiegen blieb. Was hinderte es
aber, sie neben ihren Christoph zu legen! Waren nicht Männer genug im
Hause, die sich beim Tragen der ohnehin nicht schweren Last abwechseln
konnten?
So kam es, daß zwei Tage später ein stiller Trauerzug durch den
Felsengang schritt und nach mühsamem Abstieg ins verlassene Tal kam,
wo die Waldbäume schon anfingen, zarte Blätter zu treiben, das Gras
grünte und hier und da ein Vogelstimmlein laut ward. Freundlich schien
die Sonne auf die einsamen Gräber, denen nun ein drittes beigesellt
ward. Als der Hügel aufgeschüttet war, und Ännchen ein Kränzlein von
Frühlingsblumen darauf gelegt hatte, falteten alle die Hände zum
stillen Gebet.
Ännchen hatte sich heute auf dem beschwerlichen, traurigen Weg von
Friedel führen und stützen lassen wie ehemals, als sie noch Kinder
waren. Jetzt stand sie neben ihm, still und gefaßt, den Blick zum
Himmel gerichtet. Leise begann sie zu singen, und Friedel stimmte mit
klaren Tönen ein:
„O Jerusalem, du Schöne!
Ach wie helle glänzest du!
Ach wie lieblich Lobgetöne
Hört man da in sanfter Ruh’!
O der großen Freud’ und Wonne!
Jetzund gehet auf die Sonne,
Jetzund gehet an der Tag,
Der kein Ende nehmen mag.
Ach, ich habe schon erblicket
Diese große Herrlichkeit!
Jetzund werd’ ich schön geschmücket
Mit dem weißen Himmelskleid,
Mit der goldnen Ehrenkrone
Steh’ ich da vor Gottes Throne,
Schaue solche Freude an,
Die kein Ende nehmen kann.“
6. In die weite, weite Welt.
Obgleich Friedels Trauer um die freundliche Talmüllerin, die wie
eine Mutter an ihm gehandelt, tief und aufrichtig war, ward doch die
Sehnsucht nach einem freien Wanderleben täglich stärker in seiner
Seele. Noch wenige Wochen, dann sollte es fortgehen in die weite
Welt! Nur eine Sorge lastete noch auf seinem treuen Herzen. Ännchen
paßte nicht recht zu dem jungen Volk auf dem Steinhof, das so lustig
und leichtsinnig ins Leben schaute und mit dem schüchternen, ernsten
Mägdlein nichts anzufangen wußte. Es tat ihm weh, es so einsam in einem
Winkel sitzen zu sehen, emsig spinnend oder nähend, während die andern
am Feierabend allerlei Kurzweil trieben, lustige Liedlein sangen und
einander neckten und hänselten. Wenn er sich zu ihr setzte, ward sie ja
hold und freundlich, lächelte aber doch wehmutsvoll über seine goldenen
Zukunftspläne. Ach, wenn er fort war, würde sie nur Tobi zum Freund
und Beschützer haben, der doch als Knecht gehalten ward und nur zum
Essen ins Haus kam! Auch war’s dem Friedel nicht entgangen, daß Peter,
der zweite verheiratete Sohn des Hauses, ein etwas mürrischer Mensch
mit stechenden, dunklen Augen, ihn und das Mägdlein von Anfang an
mißgünstig angesehen hatte.
Da war’s ihm ein großer Trost, daß dem Kinde recht bald nach dem Tode
der Mutter ein starker Beschützer auftauchte, nämlich der alte Hausherr
selbst. Bisher hatte er das Mädchen wenig beachtet; jetzt strich er ihm
oft mit der Hand übers Goldhaar, sprach ihm freundlich zu und fragte,
ob man es auch ordentlich versorge mit Speise, Trank und Kleidung.
Endlich kam es so weit, daß Ännchen ihm allerlei kleine Dienste
leisten durfte, und er sie gerne bei sich behielt, wenn die andern
zur Feldarbeit auszogen, an der er, seines Alters wegen, nicht mehr
teilnahm. Aber in dem schönen Garten hinterm Hause, wo man Obstbäume,
Blumen und allerlei Küchenkräuter zog, arbeitete er noch rüstig, und
wer ihm dabei helfen mußte, ward von niemand beneidet, da man’s ihm
schwer zu Dank machen konnte. Darum waren’s alle zufrieden, daß er sich
dies Jahr das stille fremde Mädchen zur Gehilfin wählte. Ännchen bewies
sich so emsig, gehorsam und geschickt, daß sie nur immer Lob von dem
Alten erntete. Ruhten sie dann auf der Bank unterm Apfelbaum, um das
Vesperbrot zu essen, so führten sie gar ernstes Gespräch miteinander.
Nicht selten brachte der Mann auch das Buch heraus, das er vor den
Söhnen verborgen hielt, und das Kind mußte ihm vorlesen. Es tat es mit
süßer Stimme und tiefem Verständnis.
So standen die Dinge, als im wunderschönen Monat Mai Joseph und Friedel
ihre Ranzen schnürten, die Wanderstäbe ergriffen und dem Steinhof
Lebewohl sagten.
Joseph schied leichtherzig; sein Ziel war eine Stadt an der Donau,
wo sein Oheim wohnte, in dessen Hause er ein lustig Leben zu finden
hoffte. Friedel aber wanderte ins Ungewisse, denn ein gut Stück weiter
mochte das Preußenland wohl sein. Ach, und wie wollte ihm das Herz
zerspringen beim Abschied von Ännchen! Bleich und still reichte sie ihm
die Hand, litt es auch, daß er ihre Stirn küßte, was er lange nicht
mehr gewagt. Dann schlug sie die Hände vors Gesicht und lief eilend
davon. „Sei getrost, braver Bub“, sprach Franzl zu ihm, „ich bewahre
sie dir!“
Als sie nun, von dem jungen Volk geleitet, zum Hof hinauszogen und
zwischen grünenden Feldern hinwanderten, blickte Friedel noch einmal
zurück. Da stand oben auf der schmalen Felsplatte, von wo er einst
zum erstenmal das Tal überblickt, eine feine Mädchengestalt. Ein
Sonnenstrahl fiel auf ihr Goldhaar, denn sie hatte das Kopftüchlein
abgenommen und winkte ihm damit den Abschiedsgruß zu.
Als die Wanderburschen das schöne Tal hinter sich gelassen hatten,
durchzogen sie stundenlang recht öde Gegend, sahen verfallene Hütten,
brachliegende, mit Gestrüpp bewachsene Felder und ganz verwilderte
Gärten.