„Dann will ich dir lieber was zeigen! Ich weiß, du wohnst tief im Wald.

Möchtest du wohl einmal weit hinaus in die Welt blicken?“

„O ja, so gern!“

„So komm; aber hüte dich, daß du nicht fällst!“

In einer Ecke des Hofes waren in die steile Felswand rohe Stufen

eingeschlagen, eben groß genug, den Fuß hineinzusetzen. Wie ein

Kätzchen kletterte der Kleine voran; vorsichtiger folgte Friedel, und

sie erreichten bald einen breiten Vorsprung, von dem sich dem Auge eine

herrliche Aussicht bot. Ein weites, ungemein fruchtbares Tal breitete

sich vor Friedels entzückten Blicken aus. Grünende Wiesen, blühende

Obstbäume, sprossende Saatfelder wechselten lieblich miteinander ab;

ein silberhelles Flüßchen schlug muntere Wellen, und eine große Anzahl

niederer Hütten mit gelben Strohdächern belebte die Landschaft. Am

Ausgang des Tales aber erhob sich auf luftiger Höhe ein Schlößlein

mit zierlichen Türmen und vielen Nebengebäuden. Hier und da erkannte

Friedel zu seiner großen Freude auch Menschen, nach denen er sich ja so

sehr sehnte. Dort pflügte ein fleißiger Ackersmann; ein anderer streute

Samen aus. An jener Anhöhe weidete ein alter Mann eine Schafherde;

dort trieben zwei barfüßige Kinder junge Gänschen und Enten in den

Fluß, und wateten selbst hochgeschürzt in die klaren Wellen, einander

neckend und bespritzend. Und da, weit hinten, ragte ja ein kleiner,

altersgrauer Kirchturm zwischen hohen Bäumen hervor.

Ganz verwundert horchte der Kleine auf die freudigen Ausrufe seines

Gastes, der sich, von der Wanderung ermüdet, auf der Felsplatte

niedergesetzt hatte. Ihm war ja dieser Anblick friedlichen Lebens etwas

Alltägliches.

„Deines Großvaters Haus ist das größte und schönste im ganzen Tal“,

sagte Friedel endlich.

„Gewiß!“ erwiderte Wilhelm. „Er ist eben der einzige freie Bauer; die

andern sind nur Hüttenleute, die dem Edelmann Pachtgeld zahlen und

viel Frondienste tun müssen. Haben oft kaum Zeit, ihr bißchen Feld zu

bestellen.“

„Wohnt der Edelmann dort oben im Schlößli?“

„Nein; gottlob nicht! Er wohnt weit weg an eines Fürsten Hof. Auf dem

Schlößli sitzt nur sein Haushalter, ein braver Mann, der die armen

Hüttenleut’ nicht allzusehr schindet.“

„Mein Großvater war auch ein freier Bauer“, berichtete Friedel, „aber

der Erzbischof hat ihm doch alles genommen.“

„Ja, die Pfaffen, die saugen die Welt aus“, sprach Wilhelm altklug.

„Der da hinten beim Kirchli sitzt, ist freilich nicht so schlimm. Er

ißt und trinkt, und läßt die Leut’ treiben, was sie wollen. So sagt

Großvater“, fügte er erklärend hinzu. „Aber horch, die Mittagsglocken!

Komm hurtig; ’s gibt ein paar fette Hühner und gewiß Eierkuchen

hinterdrein, weil ihr Gäst’ seid.“

Es war eine stattliche Tischgesellschaft, die sich in dem zwar

niedrigen, aber weiten Gemach um die blanke eichene Tafel sammelte.

Obenan saß der Franzl, ihm zur Seite zwei Söhne, stattliche Männer,

Tobi und Friedel bekamen ihren Platz neben ihnen. Dann folgten drei

junge Burschen; um das untere Ende scharten sich Frauen und Kinder.

Fremdes Gesinde sah man nicht; der Franzl wirtschaftete mit Kindern

und Enkeln allein. Die Speisen, die in großen Schüsseln und mächtigen

Pfannen aufgetragen wurden, waren besser als alles, was Friedel

bisher gekostet. Und als zum Nachtisch ein großer irdener Krug roten

Weines erschien, trank Franzl aus seinem silbernen Becher; auch die

Gäste mußten ihm in solchen Bescheid tun. Die Frauen und Mägdlein

trugen silberne Ohrringe und Halsketten; alles zeugte von behaglichem

Wohlstand. Als das Dankgebet gesprochen war, sagte Franzl:

„Die armen Hüttenleut’ haben noch manchen Sack Korn liegen von der

guten Ernte im letzten Jahr. Wenn du heute Zeit hättest, Tobi, könntest

du dir’s zusammentragen und nach und nach hier abholen. Ich borg’ dir

noch einen Esel, den kann der Bub wohl führen.“

„Hab’s auch schon gedacht“, erwiderte Tobi. „Dem Friedel gelüstet’s,

die Welt zu schauen; da sieht er heute doch ein Stücklein!“

„Freilich ein armseliges!“ setzte Franzl hinzu.

Nach kurzer Mittagsrast zogen die beiden aus, zwei Esel vor

sich hertreibend, die sie nach ein paar Stunden schwer beladen

zurückbrachten, und taten noch einmal so, ehe der Abend hereinbrach.

Todmüde sank Friedel in das dicke, weiche Federbett, das er mit Wilhelm

teilte; aber sein Herz war leicht und froh. Er war nicht gefangen in

der engen Talmühle; es gab noch Leben, es gab noch eine Welt für ihn!

Am andern Morgen zogen sie noch einmal aus, um vom äußersten Ende des

Tales eine Ladung Kornsäcke zu holen. Auf sanfter Anhöhe ruhten sie

unter blühenden Bäumen ein wenig aus. Da begann Tobi:

„Da du nun doch weißt, daß über des Talmüllers Leben ein Geheimnis

waltet, sollst du heute erfahren, wie es ihm ergangen ist. Daß du treu

bist und schweigen kannst, hast du genug bewiesen.“

„Ist dir erlaubt, mir’s zu berichten?“ fragte Friedel. „Nimmer begehr’

ich zu hören, was geheim bleiben soll!“

„Das ist brav! Aber der Talmüller hat mir selbst aufgetragen, dir heute

zu erzählen, wie’s ihm ergangen ist.

Er heißt eigentlich Christoph Hügli. Weit unten im Salzburger Land,

nahe der Tiroler Grenze, lag sein hübsches Bauerngütlein mit einer

stattlichen Mühle. Freilich gehörte das Land dem Erzbischof, aber seit

langen, langen Jahren hatten’s Christophs Vorfahren zum Lehen gehabt.

Obwohl der Christoph ein wilder Bursch war, hatten ihn alle gern, denn

er war dabei treuherzig, ohne Falsch und allezeit mildtätig gegen die

Armen. Seit er die Marie geheiratet hatte, ein verlassenes Waislein,

aber fromm und schön, ward er auch gesetzter, und sie lebten zusammen

in Liebe und Frieden wie die Engel im Himmel. Ein prächtig Büblein

hatte ihnen Gott geschenkt; sie nannten’s Arnold, und es war des Vaters

Augapfel. Nahebei auf einer Höhe hatte der Firmian ein Lustschlößlein,

wo er zuweilen Hof hielt mit allerlei Gästen. Da trieben sie mancherlei

Kurzweil und lagen auch fleißig der Jagd ob, denn in den schönen

Waldungen gibt’s edles Wild in Fülle. Des Talmüllers Felder lagen

aber just am Waldesrand, und da konnt’s nicht fehlen, daß oft die

ganze glänzende Jagdgesellschaft mit Hallo und Hussa durch sein

Korn und Weizen galoppierte, einem fliehenden Wild nach. Wenn er

dann händeringend dabeistand, haben sie ihn noch verhöhnt. Auch kam

das Wild nicht selten des Nachts aus dem Walde, um sich am Getreide

sattzufressen und alles zu verwüsten. Wegschießen aber durfte man keins

bei schwerer Strafe. Das war eine rechte Qual für Christophs heftiges

Gemüt; besonders weil er gar zu gern selbst gejagt hätte und ein so

guter Schütze war, daß er beim Scheibenschießen stets ins Schwarze

traf und manch schönen Gewinn einsackte. Doch hat er sich lange tapfer

bezwungen; auch sein Weib hat ihn immer zur Geduld ermahnt.

[Illustration]

Einmal aber war Lust und Not zugleich ins Haus gekommen. Der herzige

kleine Bub, nun schon vierjährig, lag schwer krank an den Pocken;

Marie aber hatte am Abend ein Mägdlein geboren und war recht matt

und schwach. Die untreue Magd war aus Angst vor der Krankheit

davongelaufen, und der arme Mann wußte nicht, wem er zuerst helfen

sollte, dem jammernden Büblein, der schwachen Frau oder dem schreienden

Neugeborenen. Da stürzt beim Morgengrauen der Hütebub in die Kammer

und schreit: ‚Meister, das Wild ist im Weizen! Ein ganz Rudel!‘ Da

übermannte ihn der Zorn. Ohne auf den Ruf der Frau zu achten, reißt

er den Stutzen (kurze Flinte) von der Wand und ist im Nu draußen. Der

Schuß kracht, und ein prachtvoller Edelhirsch stürzt, gerade zwischen

die Augen getroffen, und verendet alsbald. Zu Tode erschrocken sieht’s

der Bub und der Knecht. ‚Fliehet, fliehet, Meister; ’s gilt Euer

Leben!‘ schreien sie. Aber der Christoph spricht: ‚Nimmer flieh’ ich

und laß mein Weib und Kind der Rache des Tyrannen.‘ Da machten sie in

rasender Eile eine tiefe Grube, zerrten den Hirsch hinein, schlossen

sie und häuften Steingeröll darauf. Aber o weh! Es mochte wohl irgendwo

an einer Waldecke oder hinter einer Mauer ein Lauscher und Verräter

gestanden haben, denn ein ehrlicher Mann ist selten ohne Feind in

dieser bösen Zeit. Es hat nicht lang gedauert, da kamen des Erzbischofs

Häscher und schleppten den wackeren Mann vor die Augen des harten

Herrn. Er leugnet nichts, bittet und fleht um Gnade und verspricht,

all sein beweglich Gut hinzugeben; man solle ihn nur bei Weib und Kind

lassen. Da lacht der Stolze höhnisch und spricht: ‚Dein Hab und Gut,

elender Knecht? Das ist ohnedies verwirkt! Morgen schon übernimmt ein

anderer dein Lehen. Du aber sprich dein Gebet; in einer Stunde hängst

du am Galgen.‘ Der Jammer und die stumme Verzweiflung auf des schönen,

kräftigen Mannes Antlitz gingen aber einer vornehmen Dame in des

Bischofs Gefolge zu Herzen. Er hatte ihr jüngst versprochen, daß er

ihr nie eine Bitte abschlagen wolle. So bat sie jetzt um das Leben des

Armen, und nach einigem Besinnen gewährte er’s ihm. Dann aber redete

er heimlich einige Worte zu einem Diener, der sich alsbald entfernte.

Als nun Christoph sich kniend bedankt und dem tückischen Manne Gottes

Lohn gewünscht hat, verläßt er das Gemach und will heimeilen. Siehe,

da packen ihn draußen ein paar bewaffnete Knechte, schleppen ihn in

den Hof, peitschen und martern ihn so grausam, daß er fast den Geist

aufgibt, legen ihm schwere Fesseln an und werfen ihn, mit Wunden

bedeckt, in einen feuchten, finstern Kerker.“ --

Überwältigt von Mitleid schwieg Tobi eine Weile und barg das Gesicht in

die Hände. Friedel aber ballte die Faust in ohnmächtigem Zorn und rief:

„O der böse, böse Mann! Und nur wegen eines Hirsches!“

[Illustration]

Bald fuhr der Kleine fort: „Gott hatte ihm einen riesenstarken Leib

gegeben, sonst wär’ er gewiß bald gestorben, wohl weniger vor Frost

und Hunger als vor bitterem, herznagendem Leid. So aber lag er vier

lange Jahre in dem garstigen Loch gefangen; dann erschien er plötzlich,

ganz abgezehrt, bleich und in Lumpen gehüllt, im Dorfe. Wer ihn sah,

schrie auf vor Schrecken und meinte, es sei ein Gespenst. Aber er war

es selbst; man hatte ihn frei gelassen. Der Kammerdiener des Bischofs

erzählte, sein Herr habe wohl einen sehr bösen Traum gehabt. Er habe

immer im Schlaf aufgeschrien: ‚Der Hirsch! Der Hirsch kommt aus der

Grube! Er will mich zertreten, er will mich aufspießen!‘ Sein Gewissen

mag ihn wohl gezwackt haben. Aber zugleich hieß es, niemand dürfe den

Christoph herbergen; er solle alsbald fortwandern aus dem Salzburger

Land. ‚Fort, fort!‘ stöhnte der arme, elende Mann selber. ‚Nur fort

von diesem Ort des Jammers!‘ Als er aber sein Weib, das barmherzige

Leute ins Haus genommen hatten, wieder ans Herz drückte, und das

Ännchen ihm die Wangen streichelte, weinte er helle Freudentränen.

Aber ach, sein Büblein, den herzigen Arnold, suchte er vergebens!

Als man damals das arme Weib mit den Kindern ohne alles Erbarmen von

Haus und Hof trieb, trug der Hütejunge das Knäblein, das ja schwer

krank war. Da hörte es, wie die Dorfleute, die in Angst und Schrecken

zusammenstanden, einander erzählten, was man seinem lieben Vater getan.

Da schrie es laut auf, fiel alsbald in Krämpfe, und ehe die Sonne sank,

war das kleine, liebreiche Herz gebrochen.

Als man das dem Christoph erzählte, hob er die Hand gen Himmel und

rief: ‚Alles, alles will ich dem Firmian vergeben; aber meines Arnolds

Tod vergeb’ ich ihm nie!‘ Und er sprach schreckliche Worte des Fluches

über das Haupt des Unbarmherzigen.

Herbergen durfte ihn keiner; aber das konnte niemand wehren, daß man

ihm ordentliche Kleider gab, allerlei Gewand und Decken für Weib und

Kind, auch manch silbernen Zehrpfennig und gute Reisekost. Als er nun

fürder ziehen wollte, kam der Hütebub gelaufen, in des Armen damals das

Arnoldlein gestorben war. Es war kein schöner Bursch aus ihm geworden,

klein, verwachsen und häßlich. Der sprach zum Christoph: ‚Meister, Ihr

habt mich aufgenommen, als ich ein verlassen Bettelbüblein war. Bei

Euch ist meine Heimat; ich ziehe mit Euch! Und hier ist ein Eselein,

das schickt Euch der Müller vom Oberdorf, bei dem ich zuletzt gedient.

Setzt Euch darauf; Ihr seid zu schwach zum Wandern.‘“

„Und der brave Bursche hieß Tobi?“ fragte Friedel.

Das Männlein nickte und fuhr fort: „So zogen wir langsam durchs Land,

und Gott gab milden Sonnenschein und schönes Wetter, so daß sich der

Christoph schnell ein wenig erholte, und leise, leise wieder ein

klein wenig Lebenslust in sein gemartertes Herz zog. Aber eine große

Menschenscheu war ihm geblieben. Auch hatte er sich gelobt, nie wieder

eine katholische Kirche zu betreten, was er doch nicht hätte vermeiden

können, wenn er sich in einem bayrischen oder österreichischen Dorf

niedergelassen hätte.

Dazu kam, daß sein Herz mit tausend Fäden am Heimatlande hing, wie’s ja

uns Bergbewohnern eigen ist. ‚Ach‘, sprach er oft, ‚wenn wir nur ein

versteckt Winkelchen in unsern Bergen finden könnten und nicht außer

Land müßten! Der Firmian kann ja auch sterben; dann darf ich mich wohl

wieder unter die Leut’ wagen. Jetzt möcht’ ich ganz einsam leben mit

Weib und Kind.‘ Da kamen wir endlich zum Franzl am Stein. Der hat auch

einen tiefen Groll auf den Firmian, der ihn einmal schwer geschädigt

hat; ich weiß nicht, wodurch.

Als wir nun bei ihm rasteten und ihm alles erzählten, weil er gar so

treuherzig aussah, sagte er, es stünde hier drüben am Gießbach eine

verfallene Mühle, die wohl wieder herzurichten sei. Für die Hüttenleut’

im ganzen Tal wäre es gut, wenn sie wieder in Gang käme, denn es sei so

weit nach der nächsten großen Mühle; dazu sei der Müller nicht allzu

brav und breche oft ab am Gewicht. Er verhehlte uns aber nicht, daß das

Tal verrufen sei wegen einer Mordtat, die einst da geschehen. Es wage

sich selten jemand hinein. Da sprach der Talmüller: ‚Das ist mir eben

recht; üble Tat geschieht wohl überall! Liegt ein Fluch auf dem Ort,

so soll mein frommes Weib beten, daß ein Segen draus wird. Vor Spuk

fürchte ich mich nicht; hab’ mein Tag solchen Aberglauben nicht leiden

mögen.‘ So führte uns der Franzl durch die Felsspalte hierher und half

uns treulich aus mit allem, was wir zum Anfang brauchten. Zuerst ging

es uns hart; aber Gott segnete unsere Arbeit, so daß endlich die Mühle

wieder in Gang kam und nach schweren, mühsamen Wochen auch das Häuschen

wohnlich wurde.

Wenn nun auch der Talmüller selbst an keinen Spuk glaubte, so wußte er

sich doch den Aberglauben der Leute zunutze zu machen. Alle Zugänge zum

Tal wurden noch unwegsamer gemacht mit Gestrüpp, Steingeröll und großen

Baumstämmen, die wir mühsam hinwälzten. Verirrte sich aber doch ein

Jäger, Holzhacker oder Beerensucher in unser Gebiet, so scheuchten wir

ihn weg in allerlei Verkappung, wie du ja selbst gesehen hast. Durch

die Felsspalte ist wohl kaum je einer gekommen; sie war schon lang

vorher Franzls Geheimnis. Dennoch glaub’ ich, daß mehr als einer von

den Hüttenleuten weiß, wo sein Mehl gemahlen wird. Sie nennen mich den

Wandermüller. Viele, viele von ihnen sind dem Firmian auch feind, wie

er’s ja wohl verdient.

So gefiel’s dem Christoph ganz wohl in der Einsamkeit; die Frau

ist ja allezeit still und zufrieden, und das Kind ward ein rechtes

Waldröslein. Aber vier lange Jahre im Kerker mit so starkem Sinn und

heißem Herzen lassen doch Spuren zurück. So hat auch Christoph allerlei

behalten, was schwer zu tragen ist, besonders für die Frau. Du kennst

ja seine finsteren Tage; du weißt ja, was er immer nach der fünften

Bitte vor sich hin murmelte, und seit wann er’s nicht mehr tut. Aber

eins will er nicht lassen, und es macht uns schwere Sorge. Er schießt

nicht selten ein Stück Wild! Wenn er’s nur in seinem verborgenen

Tal täte, wär’s ja kein Unglück, aber er wagt sich von Jahr zu Jahr

weiter hinaus. Viel Jagd ist ja nicht hier ringsum, aber es ist einmal

verboten, und er sollte es nicht tun. Er sagt aber, da er um eines

einzigen Hirsches willen sein ganzes Hab und Gut verloren hätte,

könnt’s keine Sünde sein, wenn er sich manchmal einen Braten holte auf

seinen mageren Tisch.“

„In die Kirch’ seid ihr wohl allesamt nimmer gekommen?“ fragte Friedel

nach einer Weile.

„Nimmer!“ erwiderte Tobi. „Zuerst lag’s der Frau schwer auf dem

Herzen, daß sie nicht einmal ihre Osterandacht halten konnte, wie’s

streng geboten ist in der Papstkirche. Aber nach und nach fand sie

sich darein. Ihr Vertrauen zu den Priestern hatte einen starken Stoß

bekommen durch des Bischofs Grausamkeit. ‚Gott ist ja überall‘,

sprach sie. ‚Zu ihm kann ich unterm blauen Himmel beten und im engen

Kämmerlein.‘ Es tat ihr nur oft leid, daß sie so wenig von Gott und

dem Heiland wußte. Da kamst du und brachtest uns das herrliche,

himmlische Buch. Nun haben wir tausendmal mehr, als in allen Kirchen

des Bischofs zu finden ist.

So, nun weißt du alles. Laß uns weitergehen, und gib acht auf dein

Grauchen; der Pfad wird hier schmal und unsicher.“

5. Der Tod kehrt ein.

Nun begann für Friedel ein neues Leben, anstrengender, härter, aber

auch männlicher als bisher. In der Mühle arbeitete er unter Anleitung

des Talmüllers, der nicht immer ein bequemer Geselle war. Selbst von

gewaltiger Kraft und zäher Ausdauer, verlangte er oft zuviel von dem

schnell wachsenden Knaben, ward leicht ungeduldig und konnte sogar,

wenn ihn der finstere Geist überfiel, recht hart sein. Aber Friedel

gedachte des Furchtbaren, das der Mann erduldet, darum hielt er ihm

alles zugut und hütete sich, ihn zu reizen. Desto wohler tat’s ihm,

daß der Müller ihm völlig vertraute, ihn sogar nicht selten allein zum

Franzl am Stein schickte und ihn tagelang dort verweilen ließ. „Wenn

der Bub in die Welt ziehen will, muß er mit Menschen umgehen lernen“,

sprach er; „sonst möcht’s ihm übel ergehen.“

Allzuviel von der Welt erfuhr der Knabe freilich nicht im Haus des

freien Bauern, denn weder dieser noch seine Söhne waren jemals weiter

gekommen als zum Markt der nächsten Stadt, die etwa fünf Stunden weit

entfernt lag. In den Hütten der armen Talbewohner aber, denen er ihre

Mehlsäcklein brachte, sah die Welt gar nicht herrlich, sondern recht

kümmerlich aus. O wie mußten sie sich plagen mit hartem Frondienst

auf des Edelmannes Land, ehe sie nur ihr eigen Äckerlein bebauen

durften! Wie schnell zog bittere Armut in die Hütte, wenn etwa der Mann

krank daniederlag! Und ach, wie groß war die Unwissenheit der armen

Leute! Eine Schule gab’s nicht im Tale; der Priester aber, der wohl

Zeit gehabt hätte, die Kinder ein wenig zu lehren, schlief lieber im

Lehnstuhl oder zechte mit des Edelmannes Beamten.

Ganz anders stand es in Franzls freiem Hof. Nicht nur Genüge, sondern

Überfluß herrschte darin, dazu gute, etwas strenge Zucht. Die Buben und

Mägdlein lernten alle zu rechter Zeit lesen und beten beim Großvater,

der freilich die Haselrute stets dabei hatte und wohl zu gebrauchen

wußte. Am meisten Gefallen fand Friedel an Franzls jüngstem Sohn

Joseph, etwa zwei Jahre älter als er, aber nicht etwa viel größer und

stärker; o bewahre! Dieses munteren Burschen Sinn stand auch hinaus ins

Weite. Und da schon zwei verheiratete und zwei ledige Söhne auf dem Hof

wirtschafteten, hatte niemand etwas dawider, daß er nächstes Frühjahr

zu einem Verwandten nach Bayern ziehen wollte, um dessen Handwerk zu

lernen. Er war Silberschmied. So sollten die beiden Freunde miteinander

wandern, nur daß Friedels Weg noch ein wenig weiter führte, bis nach

Preußen. Von den großen Landstrecken, die dazwischen lagen, von den

Beschwerden, Gefahren und Versuchungen, die ihnen drohten, hatten die

guten Jungen keine Ahnung, und die Alten auch nicht viel mehr. Sie

meinten, viel anders könne es ja in der Welt auch nicht aussehen als

hier im Salzburger Ländchen.

Was war das für ein Festtag, als Christoph dem Friedel seinen alten

Stutzen schenkte und ihm erlaubte, auf das kleine Wild um die Mühle

her Jagd zu machen! Ännchen beklagte es freilich, daß die Häschen,

Eichkätzchen und wilden Kaninchen nun so geängstet und verscheucht

wurden; doch hatte sie nichts dagegen, daß Friedel den bösen Mardern

und Wieseln, die ihren Hühnern so gefährlich waren, eifrig nachstellte.

Bald verfehlte er nur selten sein Ziel; und als er einen Geier, der

über der Mühle kreiste, herabschoß, erschien er dem Mägdlein als ein

rechter Held.

Zwei Jahre größerer Freiheit und strammer Arbeit hatten dem Buben

gutgetan; er blickte frisch und mutig ins Leben und wuchs schön und

kräftig heran.

„Nur noch ein Jahr“, sagte er oft zu Ännchen, „dann bin ich siebzehn;

dann geht’s fort in die weite Welt! So wein’ doch nicht; ich komme ja

wieder! Draußen werd’ ich schnell ein Mann, verdiene viel Geld, kauf’

mir eine Mühle und hol’ euch alle zu mir.“

Zu solchen Luftschlössern lächelte Ännchen wehmütig. Sie konnte sich

gar nicht dazu aufschwingen, denn eine schwere Sorge lastete auf ihrem

Herzen, die Sorge um die liebe Mutter.

Frau Marie war bis zu jenem entsetzlichen Unglückstag immer frisch und

blühend gewesen. Aber der furchtbare Schrecken so kurz nach der Geburt

des Kindes, der Tod des lieblichen Knaben und der jahrelange Kummer um

den gefangenen Mann hatten ihre Gesundheit untergraben. Matt und elend

war sie seitdem gewesen, hatte aber in selbstloser Sorge für die andern

nur wenig darauf geachtet. Der böse Husten, der sie im kalten Winter

oft quälte, ward immer wieder gelindert durch einen Tee aus heilsamen

Waldkräutern, und im Sonnenschein meinte sie stets, sie sei nun wieder

ganz gesund. In diesem Jahre aber ward es anders. Schon im Winter hatte

sie wochenlang das Bett nicht verlassen können; jetzt ging sie zwar

umher und griff die Arbeit an, mußte sie aber oft wieder liegen lassen,

von unbesiegbarer Schwäche übermannt.

Ännchen rührte ja emsig die kleinen Hände; auch Tobi, der alles

verstand, kochte wunderbare Gerichte und stand mit hochaufgestreiften

Ärmeln am Waschfaß. Dennoch konnten beide die Mutter nicht ersetzen.

Bald legte sich die Sorge um sie schwer auf aller Herzen; Christophs

Stimmung aber ward durch diese Sorge wieder finsterer und trüber als

je. Es war nicht seine Art, die warme, ja heiße und leidenschaftliche

Liebe, die er im Herzen trug, zu zeigen. So wußte auch Frau Marie

nicht, wie oft er sie beobachtete, wie weh es ihm tat, sie so matt und

bleich und dabei doch geschäftig und treusorgend zu sehen.

Dreizehn Jahre waren vergangen seit jenem Schreckenstag; neun Jahre

lebten sie nun schon vor aller Welt verborgen. War es nicht Zeit, sich

wieder hinaus zu wagen unter freundliche, mitfühlende Menschen? Die

Frau müßte es besser und bequemer haben! Ein Arzt könnte ihr vielleicht

helfen! Und das Kind? Ach, es würde bald kein Kind mehr sein! War wohl

dies einsame Tal der rechte Ort für ein heranblühendes Mägdlein? Selbst

wenn es immer noch gefährlich wäre, sich im Salzburger Land offen sehen

zu lassen, so war doch die Grenze nahe und leicht zu erreichen. Ein

starker Mann wie er fand wohl überall Arbeit und Brot für sich und die

Seinen.

Tag und Nacht bewegte er solche Gedanken in seinem Herzen, und war oft

nahe daran, zu sagen: „Kommt, laßt uns in Gottes Namen aufbrechen in

dieser schönen, warmen Sommerzeit und wieder unter Menschen gehen.“

Aber plötzlich überfiel ihn die finstere Scheu, die in den vier langen

Kerkerjahren in seine Seele gezogen, und er konnte das Wort nicht

aussprechen. Ach, er meinte, draußen müsse ihm jeder ansehen, wie

man ihn damals niedergeworfen, wie einen Hund gepeitscht und grausam

gemartert hatte!

Der Sommer verging, und das entscheidende Wort war nicht ausgesprochen

worden. Es fing zeitig an, rauh und kalt zu werden; der Sturmwind

schüttelte das Laub von den Bäumen und jagte düstere Wolken über den

Himmel. Bleich und fröstelnd saß Frau Marie eines Abends in der Hütte,

mit schwacher Hand den feinen Faden spinnend. Ännchen bereitete am

Herd die Abendkost, obgleich es noch nicht die gewohnte Zeit war.

Ach, Christoph war ja seit dem frühen Morgen fort; wie hungrig würde

er heimkehren! Beim Dunkelwerden hatten Tobi und Friedel die Mühle

geschlossen; sie wuschen sich den Mehlstaub von Gesicht und Händen und

wechselten die Mahlkittel mit den warmen wollenen Jacken.

Des Waldbauern Friedel · 第 3 / 8 段