alles so früh gelernt hast. Und wenn dir dein Großvater ein Königreich
hinterlassen hätt’, wär’s nur Staub gegen diese Schätze.“
Mutter und Töchterlein lauschten gar andächtig, wenn der kleine
Schulmeister aus der Bibel vorlas, in der er, dank des Großvaters
Unterricht, schon recht gut Bescheid wußte. Ihm gefielen ja die
Geschichten der Patriarchen und der streitbaren, herrlichen Könige des
Alten Testaments am besten; Frau Maria aber wollte nur immer von JEsu,
dem Sünderheiland, hören, und Friedel sah verwundert zu ihr auf, wenn
ihr beim Zuhören die hellen Tränen übers Gesicht liefen.
Nun kam das Weihnachtsfest immer näher, das der Knabe sich gar nicht
denken konnte ohne das liebliche Lied: „Vom Himmel hoch, da komm
ich her.“ Wie hell hatte er’s mit dem Großvater im lieben Hüttlein
gesungen! Nun lehrte er das Ännchen ganz heimlich einige Verse, so oft
sie einmal kurze Zeit allein waren; ja, sie schlüpften sogar in den
Stall, um sich im Singen zu üben. Wie würden sich die Eltern und Tobi
darüber freuen! Indes wurde es kälter; mit der Arbeit im Freien war’s
ganz vorbei, und oft war die ganze Familie von früh bis abends auf die
Stube beschränkt. Das war eine schlimme Zeit für den Talmüller. In den
langen Abenden und dunklen Nächten kam oft ein böser, finsterer Geist
über ihn, so daß er stundenlang untätig am Herd sitzen konnte, den
Kopf in die Hände gestützt, in trübe Gedanken versunken. Dann wagten
die andern kaum ein Wort zu sprechen; man hörte nur das Schnurren der
Spinnräder und das Klappern des kleinen Webstuhls, den Tobi in einem
Winkel aufgeschlagen hatte. Wenn dann ein tiefer Seufzer nach dem
andern sich der Brust des starken Mannes entrang, schlich wohl das
Ännchen herbei, streichelte sein gebeugtes Haupt und sprach ihm leise
zu. Manchmal half es; er zog es auf den Schoß, liebkoste es unter
Tränen und war für den Rest des Abends freundlicher als je. Aber nicht
selten blieb alles umsonst, und für den munteren Friedel war die
trübe, ängstliche Stimmung schwer zu ertragen. Gern hätte er gewußt,
was dem armen Mann fehle; da aber Ännchen nur den Kopf schüttelte und
den Finger auf den Mund legte, wenn er danach fragte, blieb’s ihm ein
Geheimnis.
Ganz im stillen traf die Frau ihre kleinen Vorbereitungen auf das
Christfest. Die Kinder halfen ihr im ganzen Hause Ordnung und
Sauberkeit herstellen, und begrüßten mit Jubel die drei großen,
dicken Kuchen, die aus dem Backofen gezogen und im oberen Kämmerlein
verwahrt wurden. Tobi holte ein schlankes Tannenbäumchen aus dem Walde
und überraschte die Kinder durch etliche Sterne und Ringlein von
Lebkuchenteig, die er schon im Herbst vom Franzl am Stein mitgebracht,
dazu auch bunte Lichtchen.
Am Tage vor dem Christfest war’s zwar kalt draußen, aber schön und
klar. Desto trübere Wolken lagen auf der Stirn des Talmüllers. Als er
ohne ein Wort zu sprechen die Morgensuppe gegessen hatte, nahm er die
Flinte von der Wand und sprach:
„Ich geh’ jetzt und hol’ einen Festbraten.“
„Laß es doch bleiben, Christoph“, bat die Frau. „Ich schlacht’ uns das
fette gelbbraune Huhn; das gibt eine prächtige Suppe.“
„Fort will ich!“ rief der Mann heftig. „Weit fort muß ich! Ich muß
fühlen, daß ich frei bin!“ Damit war er schon zur Tür hinaus.
„Laßt ihn gewähren, Frau“, bat Tobi; „er hat wohl wieder böse Träume
gehabt. Vielleicht läuft er sich’s aus.“
Am frühen Nachmittag kam er wieder, ein Reh auf der Schulter, aber
ach! noch mit demselben unsteten, finsteren Blick. Sogleich sah er
das Bäumchen, das die Kinder indessen geschmückt, in der Ecke stehen.
„Schafft das Ding hinaus! Ich mag kein Licht sehen!“ rief er, streckte
sich vor dem Herd auf den Fußboden und schlief fest ein; leise schob
ihm die Frau ein Kissen unter den Kopf. Es ward dunkel, und er schlief
noch immer, dann und wann im Traum unverständliche Worte murmelnd.
Still und traurig saßen die andern in der Ecke; es war ein trübseliger
Christabend! Da das Feuer am Niedergehen war, schlich Friedel leise
hin, um frisches Holz nachzulegen. Da schlug der Mann die Augen auf,
noch ganz vom Traum befangen, und sein Blick fiel auf den Knaben.
„Arnold“, sagte er leise, „bist du es? O, bist du nicht tot, mein
Herzblatt, mein Liebling? Wie schön und groß bist du geworden!“
„Ich bin ja der Friedel“, sprach der Knabe verwundert.
Da löste sich der Bann des Traumes; wild fuhr der Mann empor, stieß das
Kind von sich und rief:
„Der Fremde wärmt sich an meinem Herd; der Eigene liegt fern im kalten
Grund!“ Damit schlug er die Hände vors Gesicht und schluchzte zum
Herzbrechen.
Totenstill war’s in der Hütte; auch die Frau weinte. Tobi hatte Ännchen
auf den Schoß genommen und flüsterte ihr leise Trost zu. Dem Friedel
aber tat das Herz bitter weh. „Ach“, dachte er, „wenn mir der Mann so
feind ist, daß er mir das Herdfeuer nicht gönnt, wär’s wohl besser, ich
feierte heut Christabend mit dem Großvater droben im Himmel!“
Aber der heiße Tränenstrom hatte des Talmüllers Herz erleichtert.
Allmählich ward er ruhig, erhob sich vom Boden, setzte sich auf die
Bank, und sein Blick fiel auf die traurige Gruppe im Winkel.
„Ihr armen Leut’“, sprach er mit weicher Stimme, „wie hab’ ich euch den
Christabend verdorben! Ach, die Träume, die Träume! Komm her, Bub! Du
bist brav; und ich bin dir gut! Setzt euch alle zu mir. Tobi soll ein
Märlein erzählen, daß die trüben Gedanken weichen.“
Sonst war Tobi stets dazu bereit; heute aber schien er selbst weich und
wehmütig gestimmt, und es wollte nichts Rechtes werden. Da sprach die
Mutter, sanft über des Mannes Haupt streichend:
„Ich wüßt’ was Besseres heut zum Christabend. In Friedels Buch ist so
schön erzählt, wie das JEsuskindlein geboren ward. Soll er’s nicht
einmal vorlesen?“
„Ist mir auch recht“, erwiderte Christoph. „Ein gutes Buch mag’s wohl
sein, da ’s der Firmian verboten hat. Vielleicht liest der Bub besser
als die Pfaffen; bei ihrem Gemurmel bin ich allweil eingeschlafen.“
Aber jetzt schlief er nicht! Gar laut und deutlich und recht aus
Herzensgrund las der Knabe die liebliche Geschichte, die er ja fast
auswendig wußte; und als er die Engelsbotschaft sprach, strahlte sein
Antlitz, als sei er selbst ein Himmelsbote.
„Das war schön!“ sprach der Talmüller, tief aufatmend. „Da wird’s
einem friedlich und hoffnungsvoll ums Herz. Nun holt nur euer Bäumchen
und zündet’s an! Es mag das Licht bedeuten, das die armen Hirten
umleuchtete, als der Engel kam.“
Freudig gehorchten die Kinder; und als die zwölf Lichtchen brannten,
traten sie vor den Vater und begannen ihr Lied zu singen, erst
zaghaft, bald lauter und mutiger. Sechs Verse wußte Ännchen; dann sang
Friedel allein mit immer heller werdender Stimme, glühenden Wangen und
strahlenden Augen. Mit andächtig gefalteten Händen horchten die drei.
Als er geendet hatte, blieb alles still; der Talmüller aber zog den
Knaben an sich und küßte ihn. Von diesem Abend an hielt er ihn wie
einen Sohn.
Nun geschah es oft, daß Friedel am Abend sein Schnitzwerk oder andere
Arbeit aus der Hand legen und vorlesen mußte. Der Talmüller hatte
das Lesen, das er nie gelernt, bisher für eine unnütze Pfaffenkunst
gehalten; jetzt bekam er Achtung davor und staunte den kleinen Jungen
an, der so sicher fragte: „Was wollt ihr heute hören? Soll ich ein
Wunder lesen, das der Heiland tat, ein Gleichnis, das er erzählte, oder
eine Predigt, die er dem Volke hielt?“ Und dann fand er’s bald in dem
großen, dicken Buch. Es war erstaunlich!
Allerlei Gespräch knüpfte sich nicht selten an das Lesen. Einmal sagte
der Talmüller:
„Jetzt merk’ ich, wie uns die Priester betrogen haben. In diesem Buch,
das Gott selbst den Menschen gegeben, wie der Bub sagt, laufen alle
kranken, betrübten, elenden Leut’ stracks zum HErrn JEsu, bitten um
Hilfe und werden allezeit freundlich erhört. Hat er sie wohl jemals
erst zum Petrus oder zum Johannes geschickt, damit die Fürsprach’
täten? Ich denk’ nicht! So will ich mir ein Herz fassen und dreist zum
HErrn Christus selber beten. Er kann kein schrecklicher Richter sein,
wie uns gelehrt ward.“
„Ich tu’ es schon längst“, sprach die Frau leise. „Als ich einstmals
am Verzweifeln war, du weißt schon wann, Christoph, da riet mir’s ein
altes Weiblein, dem ich sonst wohl Almosen gegeben. Kein Heiliger hat
dazumal mein zerbrochenes Herz geheilt, aber der HErr JEsus hat’s
getan.“
Dennoch gefiel dem seltsamen Manne nicht alles, was der Knabe las;
manches dünkte ihm zu hart und schwer. Bei den Worten des HErrn:
„Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch
hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen“, fuhr er
aufgeregt empor und rief: „Das kann kein Mensch; das ist zu schwer! Wer
mir Böses tut und mir mein ganzes Glück zerstört, den darf ich hassen,
ja, ich haß ihn bis zum Tode.“ Wie er so dastand, die Augen blitzend,
den Arm erhoben, die Faust geballt, sah er furchtbar aus.
Dennoch faßte sich Friedel ein Herz und sagte schüchtern: „Mein
Großvater konnte es aber doch! Er hat all’ Abend für den Firmian
gebetet, und mich hat er’s auch gelehrt.“
Da sah ihn der Mann mit seltsam scheuem Blick an, hieß ihn das Buch
zumachen, und alle saßen still und gedrückt bis zur Schlafenszeit. Beim
Gebet aber sprach Christoph seine bösen Worte nach der fünften Bitte
wieder einmal ganz laut und deutlich, so daß die Frau sich weinend
abwandte.
Als der Winter sich zu Ende neigte, kamen sie zur Leidensgeschichte
des HErrn JEsu. Da ruhten oft die fleißigen Hände der Zuhörer und
falteten sich in ernster Andacht; Klein-Ännchen aber weinte bittere
Mitleidstränen, daß man den guten Heiland so übel behandelt. Nun hing
er am Kreuz, ward noch verhöhnt und gelästert in seinem bitteren
Leiden. Horch, da spricht er noch einmal: „Vater, vergib ihnen; denn
sie wissen nicht, was sie tun.“
Da unterbrach der Talmüller den Knaben: „Lies heute nicht weiter; ich
hab’ genug zu denken!“ Aber als sie bald darauf das Vaterunser beteten,
hielt er inne und sprach feierlich: „Und auch dem Firmian; ja, lieber
barmherziger Gott, auch dem Firmian!“
Als sie ausgebetet hatten, sah Friedel zum erstenmal, wie die Frau die
Arme um des Mannes Hals schlang und ihn unter Freudentränen küßte. Von
diesem Tage an blieben zwar die finsteren Stimmungen nicht ganz aus,
kamen aber viel seltener und hielten nicht mehr so lange an.
So hatten alle in den dunklen Winterabenden viel gelernt, und der
Talmüller wohl am meisten. Dennoch freute sich ein jeder, als der
Schnee schmolz, der oft zugefrorene Bach wieder klare, schäumende
Wellen schlug, der warme Sonnenschein bald Gras und Blümlein
hervorlockte und im frisch grünenden Walde Vogelstimmen laut wurden.
Nun gestaltete sich das Leben der Einsamen freier und fröhlicher. Tobi
zog wieder aus, um das Korn abzuholen, das seine Kunden vom vorigen
Jahre noch aufbewahrt hatten. Woher er’s holte, blieb für Friedel ein
Geheimnis, und er hatte längst das neugierige Fragen verlernt. Lustig
klapperte die Mühle; Webstuhl und Spinnräder ruhten, und die Mutter
schaffte emsig im Krautgarten, der nicht weit vom Hause angelegt war.
Die Kinder halfen nach Kräften und hatten ihre Lust an den jungen
Hühnern und Tauben, an den Zicklein, die so munter umhersprangen,
und den zwei schneeweißen Kaninchen, die Tobi von einem seiner Gänge
mitbrachte. Ihre besten Tage waren, wenn die Mutter am Morgen sprach:
„Heute könnt ihr das Vieh in den Wald treiben und hüten bis gegen
Abend.“
[Illustration]
Da zogen sie singend aus, reichlich versorgt mit Brot und Käse und
einem Becherlein, das sie so oft voll süße Milch melken durften, als
sie nur wollten. Köstliche Stunden verlebten sie da im Grase liegend,
zum blauen Himmel aufschauend, der so wunderbar durch die Baumkronen
schimmerte, und dem Gesang der Vöglein lauschend, die hier ganz
ungestört ihre Nester bauten. Gern suchten sie den Platz auf, wo der
Großvater schlief. Es war eine liebliche Waldwiese, von dunklen Tannen
und lichtgrünen Birken eingerahmt. Unzählige Blümlein sproßten weiß,
rot, goldgelb und blau zwischen dem frischen Gras hervor, und am Rande
unter den Bäumen reiften bald süße Erdbeeren in Fülle. Am Grabe des
Großvaters saßen die Kinder, wanden Kränze, um es zu schmücken, und
dachten nimmer an die Bitterkeit des Todes, sondern an den lichten
Himmelssaal, wo der liebe Alte nun ausruhte von der Last des Lebens.
Gar gern erzählte Friedel dem kleinen Mädchen von dem friedlichen
Leben in der Heimat, aber auch von der Stadt, von der Kirche, vom
Paten Rudi, seiner schönen Stube und dem wunderbaren Bilderbuch.
Ännchen hörte mit großen Augen zu, denn alles war ihr neu und fremd.
Sie war nun schon acht Jahre alt, kannte aber nichts von der Welt
als die Talmühle. Ganz dunkel besann sie sich darauf, einmal auf der
Wanderschaft gewesen zu sein mit Tobi und den Eltern. Aber es war schon
lange her und die Erinnerung sehr unklar.
Manchmal zogen die kleinen Hirten auch weiter, sogar bis zur steilen
Felswand am See; doch nur selten, denn dort mußten die Tiere angebunden
werden, damit sie nicht etwa, nach einem Gräslein haschend, in die
Tiefe stürzten. Friedel ging gern hin; es war der einzige Ort, wo er
etwas von der Außenwelt sah, wenn’s auch nicht viel war. Der See war
nicht groß, und das andere Ufer viel niedriger, nicht bewaldet, sondern
öde und steinig. Aber ganz in der Ferne sah man grüne Bäume, und
zwischen ihnen erkannte Friedels scharfes Auge ein Häuschen, aus dessen
Schornstein Rauch emporstieg. Wer mochte wohl dort so einsam wohnen? Da
saß er und träumte von der Zeit, wo er hinausziehen würde in die Welt,
herrliche Dinge schauen und endlich ins Preußenland kommen würde zu
seinen Glaubensgenossen. Aber Ännchen durfte nichts davon merken, sonst
fing es an zu weinen und sagte, er dürfe niemals fort; es habe ihn ja
so lieb.
Doch hatten die Kinder nicht allzuviel Zeit zum Träumen; sie mußten
immer etwas mit heimbringen, was der Wald bot: allerlei Beeren je nach
der Jahreszeit, Pilze, würzige Arzneikräuter, die Tobi sie kennen
lehrte, Haselnüsse und endlich ganze Säcke voll Tannenzapfen, die das
Herdfeuer so lustig und helleuchtend machten. Reichbeladen kamen sie
dann singend heimgezogen, denn Ännchen lernte erstaunlich schnell alle
Lieder, die Friedel wußte. Seltsam war’s, daß sie nie jemandem im
Walde begegneten. Auf den Wald- und Bergfahrten, die der Knabe früher
mit dem Großvater gemacht, war’s ja auch sehr einsam gewesen, aber
doch hatten sie zuweilen einen Holzfäller angetroffen, einen Jäger
oder ein Weiblein, das Beeren suchte. Ja, es war etwas Märchenhaftes
um die Talmühle; man spürte es im Sommer mehr als zur Winterszeit!
Wenn die Kinder daheim blieben, um der Mutter im Garten zu helfen
oder das Heu auf der Wiese zu wenden, kam es mehr als einmal vor, daß
Wolf, der große Hund, der sich nie weit vom Hause entfernte, unruhig
ward, die Ohren spitzte und endlich mit wütendem Gebell fortstürzte,
meist nach der Schlucht zu, wo Friedel einst so angstvoll hergekommen
war. Dann war der Talmüller im Nu bei der Hand, mochte er sein, wo er
wollte, warf sich das Bärenfell oder ein weißes Laken um und folgte
dem Hunde, seltsame, schauerliche Töne ausstoßend. War er aber auf
die Jagd gegangen, was im Sommer nur selten geschah, so erschien Tobi
mehlbestäubt und eilte in wunderlichen Sprüngen dem Hunde nach. Bald
kamen sie ganz ruhig zurück, als sei nichts geschehen; das feine Ohr
des Knaben hatte aber mehr als einmal einen Schreckensruf im dichten
Gebüsch vernommen und das Knacken von Ästen und Zweigen, als ob jemand
schnell und blindlings die Flucht ergriffe. Fragte er, was geschehen
sei, bekam er von Tobi nur neckische Antworten. Der Talmüller aber
machte ein finsteres Gesicht und hieß ihn schweigen.
* * * * *
Vier Winter und drei Sommer waren vergangen. Friedel war kräftig
emporgewachsen und ein schöner, stattlicher Knabe geworden. Das
Leben in der Talmühle war dasselbe geblieben; aber die Kinder hatten
sich allmählich verändert. Noch hingen sie aneinander mit herzlicher
Liebe; ja, Friedel hätte jederzeit sein Leben für das zarte, holdselig
aufblühende Mädchen gewagt. Aber das stete Beisammensein wollte nicht
mehr recht passen.
Ännchen hing mehr und mehr an der Mutter, lernte von ihr die einfache
Mahlzeit kochen, einen immer feineren Faden spinnen und aus dem derben
Wollzeug, das Tobi webte, ihr eigen Röcklein nähen. Lesen konnte sie
nun ebensogut wie Friedel; sie wechselten miteinander ab beim Vorlesen
am Abendfeuer. Im letzten Winter hatte der Knabe den Männern wacker
geholfen beim Holzfällen und allerlei Arbeit in Stall und Scheune. Als
aber der Frühling wieder ins Land zog, ward er still und matt, sah
bleich aus und lag gern einsam unter einem Baum, zum Himmel aufschauend.
Einst hatte ihn der Talmüller schon zweimal gerufen, ohne daß er hörte;
da trat er zu ihm und fand ihn bitterlich weinend.
„Was fehlt dir, Bub?“ fragte er erschrocken.
Erst wollte er lange nicht antworten, endlich aber brach er schluchzend
in die Worte aus: „Hinaus muß ich; hinaus aus dem engen Tal! Unter
Menschen, ins Leben will ich; ich muß sonst sterben!“
„Was ist denn so plötzlich über dich gekommen?“ fragte der Mann.
„Nicht plötzlich! In mancher Winternacht hab’ ich geweint, wenn Tobi
fest schlief. Ich hab’ euch alle lieb, und solang ich ein Kind war,
ging alles gut. Aber ich kann nicht mehr mit dem Ännchen hinausziehen,
das wenige Vieh zu hüten! Ich muß was Besseres zu tun haben, als Blumen
und Beeren suchen! Ich möcht’ ein Mann werden und was Rechtes taugen in
der Welt!“
„Weißt du nicht, daß du noch immer zu jung bist, allein in die Welt zu
ziehen?“
„Ich weiß es wohl; aber ich weiß auch, daß Tobi hinausgeht unter
Menschen. O, laßt mich mit ihm! Mir wird so bang in dem engen Tal, als
solle mein Herz zerspringen!“
Der Talmüller schwieg lange; dann begann er: „Es mußte so kommen; ein
frischer Bub wie du sehnt sich hinaus. Später wirst du dich vielleicht
oft zurücksehnen in diese tiefe Einsamkeit. Ganz fort darf ich dich
noch nicht lassen; du weißt nicht, wie hart das Leben ist. Aber du
sollst etwas lernen; ich will dich in die Mühle nehmen, daß du in
etlichen Jahren als Mühlknappe ausziehen kannst. Auch Menschen sollst
du sehen, aber nur, wenn du schweigen gelernt hast. Sag’, willst du zu
niemand sprechen von dem, was du hier erlebt? Willst du besonders den
Pfad, der aus dieser Einsamkeit führt, keinem verraten?“
Nach kurzem Besinnen erwiderte Friedel: „Als ich noch ganz klein war
und kaum übern Tisch gucken konnte, lehrte mich der Großvater schon
viele Sprüchlein. Und eben diese vergaß ich nie! Eins davon heißt: ‚Ein
Verleumder verrät, was er heimlich weiß; wer aber getreuen Herzens ist,
verbirgt dasselbige.‘“
„Ich vertraue dir!“ sprach der Talmüller. „Wenn der Tobi wieder
auszieht, ziehst du mit.“
O wie klopfte Friedels Herz vor Freude, endlich einmal wieder hinaus zu
kommen aus diesem stillen, märchenhaften Tale!
4. Wie’s dem Talmüller ergangen war.
Nicht lange nach diesem Gespräch führte Friedel eines Morgens das
Eselein aus dem Stalle. Ganz sauber hatte er sein graues Fell
gebürstet und das Zaumzeug schön geputzt. Es war noch viel zu zeitig
zum Ausziehen. Frau Marie kochte eben erst die Morgensuppe, und der
Talmüller schlief noch fest. Aber Ännchen stand schon bei dem Knaben
und zupfte ihm den nagelneuen Kittel zurecht, den sie selbst hatte
nähen helfen.
„Ich bring’ dir auch was mit aus der Welt draußen“, versprach Friedel.
„O wie mein Herz klopft! Was werd’ ich sehen? Wohin wird der Weg
führen?“
Die Mutter rief zum Essen; doch nahm Friedel nur ein paar Löffel von
der guten Suppe und steckte das Brot in die Tasche. Nun waren sie
bereit; Tobi freute sich, den Knaben, den er sehr liebte, zum Gefährten
zu haben, aber Christoph war nicht zu sehen. Als die beiden, den Esel
vor sich hertreibend, über den Steg gingen und Ännchen ihnen noch ein
Lebewohl nachrief, guckte der Mann verstohlen zur Dachlucke heraus.
„Da zieht er hin, der treue, liebe Junge, der mir Frieden und Hoffnung
gebracht hat durch das herrliche, göttliche Buch!“ sprach er zu sich
selbst. „Und in wenig Jahren muß ich ihn ganz fortlassen. O Gott, laß
ihn dann nur nicht allzuviel Jammer erleben! Ja, auch mich zieht’s
manches Mal hinaus. Wohl möcht’ ich wieder unter Menschen leben. War
ich doch der frischeste, fröhlichste Bursch im ganzen Dorf! Aber nein,
’s geht nimmer! Das Herz ist allzu tief verwundet; es kann nimmer,
nimmer ganz genesen. Ich hab’ mein Weib und mein Kind, das ist mir
genug!“
Rüstig schritten die beiden Wanderer vorwärts. Der kaum sichtbare Pfad
führte zuerst durch dichten Wald; oft mußten sie sich bücken unter den
tief herabhängenden Ästen, oft dem Esel vorausgehen, damit er sich
nicht im Gestrüpp verwirre. Eine Stunde waren sie so gewandert, da ward
der Wald lichter; der Weg führte ziemlich steil bergauf, und plötzlich
standen sie vor einer hohen zerklüfteten Felswand.
Fragend blickte Friedel seinen Begleiter an. „Meinst, die Welt sei hier
alle?“ lachte dieser. „Komm nur mit; wirst dein Wunder schauen!“
Dicht an dem Felsen gingen sie hin; an der andern Seite niedriges
Nadelholz. Jetzt aber ergriff Tobi das Eselein am Zaum und führte
es vorsichtig an der Felswand empor, die hier weniger steil war und
einen tiefen Einschnitt hatte. Darüber aber wölbte sich das Gestein
wie ein Dom. Gewand kletterte Friedel nach, erschrak aber nicht wenig,
als sein Begleiter mit dem Tier plötzlich verschwunden war. Da hörte
er ihn lachen, und siehe, er stand in einem breiten Spalt zwischen
zwei Felsblöcken, der in einen dunklen Gang führte. Bald aber fiel
von oben ein wenig Licht hinein. Manchmal war eben nur Raum genug für
die Wanderer, dann öffneten sich wieder weite Höhlen und Hallen, vom
Felsen gebildet. Dem Knaben war’s feierlich und ein wenig ängstlich
zumute. Jetzt ward der Gang wieder sehr schmal. Tobi sagte, er sei
eben noch breit genug, um den Esel, wenn er mit Säcken beladen sei,
durchzulassen. Aber horch! Tönten da nicht Menschenstimmen? Bellte
nicht ein Hund? O Wunder! Hörte man nicht deutlich das Jauchzen
spielender Kinder? Jetzt bogen sie um eine scharfe Ecke; es ward
heller und heller, und jetzt traten sie hinaus und erblickten ein
Bild fröhlichen Lebens, wie es der Knabe seit Jahren nicht gesehen.
Sie standen auf einem großen, weiten Bauernhof, der teils durch
den Felsen, teils durch ein niedriges, aber sauberes Wohnhaus mit
eingebauten Stallungen, teils durch eine hohe Steinmauer mit weitem
Eingangstor begrenzt war. Lustig plätscherte der Brunnen in der Mitte.
Der Hofhahn krähte auf dem hohen Düngerhaufen, Hühner und Gänse
tummelten sich ringsumher, und eine Schar rotwangiger, blondhaariger
Kinder tanzte singend im Kreise. Friedel jauchzte laut auf bei diesem
Anblick. Endlich, endlich sah er wieder Menschen, über denen kein
geheimnisvoller Schleier hing.
Jetzt gewahrten die Kinder die Wanderer am Felsentor. „Der Tobi ist
da, der Tobi!“ jubelten sie herbeieilend, wichen aber beim Anblick des
fremden Knaben scheu zurück.
„Ruft den Großvater“, gebot Tobi; und die ganze Herde stürmte ins Haus,
aus dem gleich darauf ein stattlicher alter Mann mit großen, klaren
Augen, langem, weißem Bart und Haar und ehrwürdigem Aussehen hervortrat.
So war der Erzvater Abraham in des Paten Bilderbuch abgemalt gewesen;
es war der Franzl am Stein. Die Kinderchen hingen sich an seine Hände
und an die Falten seines langen, weiten Kittels. Freundlich begrüßte er
Tobi, reichte auch Friedel die Hand und sprach:
„Du bist mir kein Fremder, mein Sohn; Tobi hat Gutes von dir erzählt,
darum sei mir willkommen! Wilhelm, nimm den Gast unter deine Hut bis
zur Mittagsmahlzeit!“
Der Älteste der Kinderschar, ein frischer, etwa zehnjähriger Junge,
nahm Friedel in Beschlag, scheuchte die kleinere Gesellschaft fort und
fragte: „Willst du meinen Fuchs sehen? Oder wollen wir schießen?“
Der Gast entschied sich für das letztere und ward zu einer hölzernen
Scheibe geführt, die am Felsen befestigt war. Aber o, wie schämte sich
Friedel, als der Kleine mit dem scharfen Bolzen seiner Armbrust fast
immer ins Schwarze traf, während es ihm auch nicht ein einziges Mal
gelang!
„Du gehst wohl nimmer auf die Jagd? Ich mein’ auf das kleine Wild, das
man schießen darf?“ fragte Wilhelm.
Traurig schüttelte Friedel den Kopf.