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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1912 erschienenen Buchausgabe
so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute
nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten bleiben
gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des Texts dadurch
nicht beeinträchtigt wird.
Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter der Übersichtlichkeit
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Des
Waldbauern Friedel
Von
Marg. Lenk
*
Vierte Auflage -- Mit Bildern
Zwickau (Sachsen)
Verlag und Druck von Johannes Herrmann
Alle Rechte vorbehalten.
~Copyright 1912 by Johannes Herrmann, Zwickau (Sachsen).~
Inhaltsverzeichnis.
1. Vertrieben. 3
2. In der Talmühle. 17
3. Wie die Kinder aufwuchsen. 37
4. Wie’s dem Talmüller ergangen war. 55
5. Der Tod kehrt ein. 73
6. In die weite, weite Welt. 92
7. Ein guter Kamerad. 113
8. Die alte Heimat. 129
9. Ins Land der Freiheit. 148
[Illustration]
1. Vertrieben.
Es war im Sommer des Jahres 1730. In dem wunderschönen Gebirgsländchen
Salzburg, das im Süden Deutschlands, zwischen Bayern, Tirol und
Österreich liegt, grünten die saftigen Wiesen, dufteten die dunklen
Tannenwälder; und die untergehende Sonne vergoldete die Spitzen der
gewaltigen Berge. Nicht allzuweit von einem kleinen gewerbfleißigen
Städtchen stand am Bergeshang, von Waldbäumen beschattet, eine
schlichte Hütte. Nur zwei Menschen wohnten darin: der Waldbauer
Andreas, ein weißhaariger, aber noch sehr rüstiger Mann, und sein
neunjähriger verwaister Enkel Fridolin, meist Friedel genannt.
Einen schmuckeren Buben gab es wohl kaum in der ganzen Gegend! Hoch
gewachsen, weiß und rot wie Milch und Blut, obgleich er sich von früh
bis abends im Sonnenschein tummelte, mit lustigen, strahlenden Augen
und weichem, dunklem Lockenhaar. Schon war er kräftig genug, dem
Großvater bei der Bearbeitung des sehr kleinen Gütchens zu helfen, so
daß die beiden, seit dem Tode eines alten, treuen Knechtes, ganz allein
wirtschafteten.
Jetzt ruhten Großvater und Enkel am Waldesrand und schauten behaglich
der schneeweißen Kuh und den fünf schönen Ziegen zu, die sich die
würzigen Kräuter wohlschmecken ließen. Andreas hatte Brot und Käse und
einen Krug Milch herausgeholt, denn in der Hütte war’s noch heiß und
dumpfig von der Sonnenglut des Tages.
Schweigend saßen sie beisammen. Sonst hatte der Alte am Feierabend gern
geplaudert und erzählt; seit einiger Zeit war er merkwürdig still. Aber
sieh, jenseits der Wiese trat plötzlich sein stattlicher Hirsch mit
majestätischem Geweih aus dem Waldesdunkel hervor und begann zu grasen.
Wie festgebannt stand das zahme Vieh und schaute verwundert nach dem
stolzen Gast hinüber; der Knabe aber betrachtete ihn mit atemlosen
Entzücken. Aber nur zu bald gewahrte das herrliche Tier die Menschen,
die es wohl schon als seine Feinde kennen mochte. Es warf den Kopf
zurück und enteilte in mächtigen Sprüngen.
„Schade, daß du deinen Stutzen (kurze Flinte) nicht hier hattest“,
sagte Friedel, „sonst könnten wir morgen Hirschbraten essen.“
„Nimmermehr! Das Hochwild ist nicht des Volkes; es ist des Erzbischofs.“
„Das ist nicht recht! Es frißt unser Gras und bricht oft genug in
unser Feld. Er hätt’ es ja nicht gesehen, wenn du den Hirsch geschossen
hättest! Er sitzt ja weit weg in seinem Palast in der Stadt Salzburg.“
„Schäm’ dich, so zu reden! Du weißt recht gut, daß es Gott gesehen
hätte. Nein, nein! In allen irdischen Dingen wollen wir dem harten
Herrn gern untertan sein; aber nimmer, nimmer hat er Macht über unsere
Seelen!“
Der Alte hatte nur mit sich selbst gesprochen, doch war dem Kinde seine
tiefe Erregung nicht entgangen, und es fragte ängstlich:
„Will der garstige Erzbischof deiner Seele was tun, Großvater? Wie kann
er denn das? Sie ist ja ganz tief inwendig.“
Andreas schwieg lange, dann zog er den Knaben an sich und begann:
„Du hast in deiner Einfalt wahr gesprochen, mein Kind; er kann meiner
Seele nichts tun! Schon längst möchte ich dir etwas sagen, was du noch
nicht ganz verstehen wirst, aber doch wissen mußt. Höre mir nun recht
aufmerksam zu. Sag’, weißt du denn, warum wir am Sonntag nicht in die
schöne große Stadtkirche gehen, sondern in das ärmliche Kapellchen in
der engen Gasse?“
„Hab’ nimmer daran gedacht“, gestand der Knabe. „Hab’ aber ’mal in die
große Kirch’ neingeguckt, als die Tür weit offen stand. Ei, da ist’s
fein drin! Bilder gibt’s und Figuren, und gleißt alles von Gold! und
Silber.“
„Das glaub’ ich wohl! Aber sieh, der dicke Pater Ignatius führt die
Leute in der schönen Kirche nicht den rechten Weg zum Himmel. Du kennst
ihn doch, nicht wahr?“
„Es ist unser HErr JEsus Christus“, erwiderte der Knabe feierlich; „wer
an ihn glaubt, wird selig.“
„Dabei bleib’ fest dein Leben lang! So lehrt ja unser lieber Pfarrer
mit großem Fleiß die Großen und Kleinen, und schöpft alle seine Lehre
aus der lieben Bibel. Pater Ignatius aber verbietet die Bibel zu lesen.
Er sagt, man solle sich den Himmel verdienen mit guten Werken; man
solle die Jungfrau Maria und andere Heilige anrufen, die doch auch
sündige Menschen waren. Sieh, so gibt’s zweierlei Leut’ hier. Die
meisten folgen dem Pater, der kleine Teil dem Pfarrer. Bisher haben sie
äußerlich Frieden gehalten; jetzt aber hat der Erzbischof befohlen,
die wenigen, die das kleine Kirchlein besuchen, zu ängstigen und zu
verfolgen.“
„Aha!“ lachte der Junge. „Nun weiß ich auch, warum mich des Müllers
Sepp letzthin einen Ketzer schalt. Na, ich hab’s ihm heimgezahlt, daß
er heulend davonlief mit einer Beule am Kopf. Und ist doch älter als
ich!“
„Das mußt du nicht tun! Weißt du nicht, wie geduldig unser Heiland
litt, als man ihn beschimpfte?“
„Ach, Großvater, das geht ja mit dem Sepp nimmer. Der tät ja gleich --“
„Schweig, törichtes Kind! Ich verbiete dir ernstlich, dich zu rächen,
wenn man dich deines Glaubens wegen beschimpft.“
Zwei große Tränen, die über das ehrwürdige Antlitz des Alten in den
weißen Bart rollten, stimmten den Knaben plötzlich weich und ernst.
Liebkosend schmiegte er sich an den Alten und sprach leise:
„Sag’ mir doch alles; ich will ja brav sein. O Großvater, ich will auch
’mal in den Himmel kommen, wo mein Herzensmütterle ist und der Vater,
den ich kaum gekannt!“
„Nun, so höre! Ringsum im Salzburger Land gibt’s in Städten und Dörfern
noch viele Leut’, die den rechten Glauben haben. Bisher hat man sie
geduldet, denn sie sind gar friedlich, fleißig und sehr geschickt in
allerlei Kunst und Handwerk, so daß sie viel Gewinn ins Land bringen.
Aber der Erzbischof Firmian ist herrschsüchtig und hartherzig. Er will
durchaus, daß wir alle unsern Glauben abschwören und wieder zu des
Papstes Kirche kommen sollen.“
„Wer ist nur der Papst, Großvater? Ich hör’ allweil’ von ihm und
möcht’s wissen.“
„Das ist der alleroberste Priester der Kirche, die sie katholisch
nennen. Gar reich und mächtig wohnt er in der herrlichen Stadt Rom. Er
sagt, er sei Petri Nachfolger und Christi Stellvertreter auf Erden.“
„Glaub’ ich nimmer! Ist doch der liebe Heiland selber bei uns! Was
braucht’s einen Papst?“
„Das ist wahr. Wir nennen ihn den Antichrist und das Kind des
Verderbens. Dabei bleib’ nur fest, mein Kind. Denk’ nur, man will uns
unsere Bibeln wegnehmen; und unsere schönen Lieder sollen wir nicht
mehr singen!“
„Nun sing’ ich gerade recht, zum Trutz!“
„Das ist brav; so denken wir alle. Und damit wir recht fest bleiben,
sind unsere Ältesten (d. h. Vorsteher) aus dem ganzen Lande
zusammengekommen heimlich bei Nacht in dem wilden, dunklen Felstal, wo
die Schwarzach schäumend durchbraust --“
„Ist’s das, wo wir neulich hinabgeschaut haben, als wir so hoch zu Berg
gestiegen waren?“
Der Großvater nickte.
„Hu, ’s war schauerlich da unten.“
„Freilich! Aber dort waren sie ganz sicher vor des Erzbischofs
Lauschern, die immer aufpassen, was wir tun. Da haben wir alle gebetet
und einander die Hand gereicht, und feierlich geschworen, dem rechten
Glauben treu zu bleiben bis zum Tode.“
„War mein Pate Rudi auch dabei?“
„Gewiß; er ist ja der Älteste unserer Gemeinde. -- Du bist ein junges
Kind und begreifst noch wenig. Aber sag’, willst du denn nun recht
fleißig lernen und alles zu Herzen nehmen, und fest dabei bleiben, was
auch kommen möge?“
„Ich will, Großvater! Gewiß, ich will! Aber jetzt bin ich so müd’ und
möcht’ schlafen gehen. Wir haben heute wacker geschafft.“
„So komm, ruf’ die Ziegen; laß uns hineingehen, beten und in Gottes
Schutz ruhen.“ --
In den nächsten Tagen und Wochen blickte der Knabe oft ängstlich nach
dem Städtchen herab, ob etwa jemand kommen werde, um ihm und dem
Großvater den rechten Glauben wegzunehmen. Wie das geschehen sollte,
war ihm nicht recht klar; doch ballte er tapfer die derben Fäuste und
meinte, er wolle sich schon tüchtig wehren.
Da aber nichts dergleichen geschah, schlug er sich’s bald aus dem Sinn
und ward wieder leichtherzig wie zuvor. Der Großvater behandelte ihn
liebreicher als je, hielt ihn aber streng zur Arbeit und ließ ihn nie
mehr allein in die Stadt laufen, um allerlei zu besorgen, wie sonst
wohl geschehen war. --
Der Sommer schied; der Herbst schüttelte das Laub von den Bäumen, und
endlich tanzten die ersten Schneeflocken in der Luft. Bald war’s aus
mit der Arbeit im Freien. Nun mußte sich der Wildfang wieder fleißig
im Lesen, Schreiben und Rechnen üben, und der Großvater suchte ihm mit
viel Geduld und Weisheit die Hauptlehren des Christentums ins Herz
zu prägen. Der Knabe lernte willig und sammelte in dieser Zeit einen
Schatz köstlicher Bibelsprüche, deren Verständnis ihm erst später
aufging; und die herrlichen Lieder, die er mit dem Großvater sang,
begleiteten ihn wie Trostengel durchs ganze Leben.
In diesem friedlichen, aber doch einförmigen Winterleben waren die
Sonntage rechte Lichtblicke, die man mit Freuden begrüßte. Da wanderten
die beiden zusammen zum lieben Kirchlein und blieben dann über Mittag
bei dem Paten Rudi, wo es stets etwas Gutes zu essen gab. Unendlich
viel Schönes war beim Paten Rudi zu sehen. Seine große, helle Stube
hatte buntgemalte Wände, an denen allerlei Bilder hingen. Schrank
und Truhe waren glänzend poliert und mit Silber beschlagen. Aus der
großen Wanduhr trat beim Stundenschlag ein possierliches Männlein
hervor und machte einen Diener. An dem Kachelofen konnte man die ganze
Geschichte des Erzvaters Abraham betrachten. Das Beste aber war ein
dickes Buch mit vielen seltsamen Holzschnitten; eine unversiegbare
Freude für den lebhaften Knaben. Da gab es Ritter mit Schwert und
Schild, Könige mit Krone und Zepter, Löwen, Elefanten und Affen, ja,
sogar große Segelschiffe und schwarze Menschen. War die lebhafte
Einbildungskraft des Knaben durch das Betrachten dieser Wunderdinge
angeregt, so schlüpfte er gern hinaus in die kleine ziemlich düstere
Küche, wo die alte Magd Zenzi spinnend oder strickend am Herdfeuer saß.
„Zenzi, ein Märlein!“ bat er dann, sich auf den Schemel ihr zu Füßen
setzend. „Weiß keins mehr“, brummte sie regelmäßig, fing aber doch bald
an zu erzählen, denn ihr Schatz an Märchen, Sagen und Abenteuern war
unerschöpflich.
Was der Knabe da von Riesen und Zwergen, Nixen und Feen und
wunderschönen Prinzessinnen hörte, erschien dem Großvater höchst unnütz
und töricht. Der mildgesinnte Pate aber sprach: „Laß ihn gewähren!
Junges Blut will auch Kurzweil haben und heiteres Spiel. Er weiß wohl,
daß das doch nur Scherz ist; es tut ihm keinen Schaden. Gott läßt ja
auch Blümlein wachsen, nicht nur Korn und Weizen.“
Ach, Friedel sollte bald genug kein Märlein mehr hören! Eines
Sonntagmorgens, als er geschäftig alles zum Kirchgang rüsten wollte,
sprach der Alte mit beklommener Stimme:
„Brauchst dein neues Wämsli nicht anzuziehen; ’s gibt keinen Kirchgang
heute.“
„Aber, Großvater, sieh doch, wie schön die Sonne scheint! ’s ist auch
nicht kalt.“
„Das weiß ich wohl; aber ’s Kirchlein ist zugeschlossen.“
„Ei, der Herr Pate hat ja den Schlüssel!“
„Der wird’s nimmer aufschließen“, rief Andreas, plötzlich in Tränen
ausbrechend „Er liegt im finstern Kerker, und unser lieber Pfarrer
auch!“ Damit barg er das Antlitz in die Hände und schluchzte laut.
Das konnte Friedel nicht ertragen. Er schlang die Arme um seinen
Hals, liebkoste ihn zärtlich und schlug vor, schnell alle guten Leute
zusammenzurufen und die Gefangenen mit Gewalt zu befreien.
Traurig schüttelte der Großvater den Kopf. „Du sprichst wie ein dummes
Kind. Mit Gewalt ist hier nichts getan. Die Zeit der Not und Versuchung
ist gekommen; Gott gebe nur, daß wir alle treu bleiben!“ --
Nicht nur die Kapelle des Städtchens hatte man verschlossen, sondern
alle protestantischen Kirchen im Salzburger Lande. Die Prediger und
Ältesten warf man ins Gefängnis, damit sie ihre Glaubensbrüder nicht
stärken und ermahnen konnten. Die verlassenen Gemeinden sollten mit
allen nur erdenklichen Mitteln zum Papsttum zurückgeführt werden.
So verging das Jahr 1731 bis zum Herbst in großer Sorge und Unruhe.
Viele, viele schmachteten im Gefängnis. Andern hatte man Hab und Gut
genommen; und endlich erließ der grausame Erzbischof den Befehl, daß
alle, die sich nicht zum Papsttum bekehren wollten, binnen wenig Wochen
aus dem Lande weichen müßten. Der Winter, der in jener Gebirgsgegend
viel Schnee und Eis bringt, war dicht vor der Tür, aber das kümmerte
den Erbarmungslosen nicht. Jammer und Herzeleid herrschte in den
Häusern der Frommen; doch trösteten sie einander mit Gottes Wort und
rüsteten mutig und ergeben zum Auszug. Von den Gefangenen waren nicht
wenige in den feuchten Kerkern gestorben; die übrigen ließ man nun
frei, damit sie, matt, krank und bleich, die beschwerliche Wanderung
antreten möchten.
Aber noch war des Bischofs unersättlicher Haß nicht befriedigt. Er
ersann eine Qual für die Armen, die man wohl teuflisch nennen kann. Er
ließ vielen, besonders den Vornehmen und den eifrigsten Bekennern, ihre
Kinder wegnehmen, um sie in Klöstern erziehen zu lassen. Was da für
Jammer und Wehklagen aus den Elternherzen zu Gott emporgestiegen sein
mag, ist nicht auszudenken!
Der alte Andreas wußte noch nichts von diesem letzten Anschlag des
Tyrannen. Eifrig rüstete er mit Friedels Hilfe die wenige Habe, die
er mitführen konnte, denn in drei Tagen wollte man die Wanderung
beginnen. Die Angst und Aufregung der letzten Monate hatte ihn sehr
verändert. Seine kräftige Gestalt war gebeugt, sein leuchtendes Auge
matt geworden; er war kein starker Mann mehr, sondern ein müder Greis.
Friedel dagegen war frischer und mutiger als je. Wohl tat ihm zuweilen
das junge Herz weh beim Gedanken an den Abschied von der geliebten
Heimat; aber bald schlug es wieder freudig in Erwartung alles
Wunderbaren, das er auf der Wanderung zu erleben hoffte.
Aber horch! Es klopft gewaltig an die Tür, die man in dieser
angstvollen Zeit stets verschlossen hält.
[Illustration]
„Im Namen des Erzbischofs! Öffnet!“ ruft eine rauhe Stimme, und zwei
kräftige, wohlgenährte Mönche betreten das niedere Gemach.
„Was wollt ihr?“ fragte Andreas mit tiefem Ernst. „Ihr seht, ich rüste
zum Auszug. Verschwendet eure Worte nicht mehr an mich.“
„Damit ist’s vorbei, starrköpfiger Alter“, erwiderte der eine mit
häßlichem Lachen. „An dir ist wenig gelegen; aber diesen schmucken
Buben will die Gnade des Erzbischofs vom Verderben erretten. Wir sind
gesandt, ihn ins Kloster abzuholen. Aller Widerstand ist vergebens.“
Damit packte er den Knaben mit festem Griff am Arme.
„Mein Kind! Mein Kind!“ jammerte der Alte, wollte aufstehen und es an
sich ziehen, aber die Kraft versagte ihm; der Schreck war allzu groß
gewesen. Er wankte und sank ohnmächtig auf die Bank zurück.
Friedel aber sträubte sich gewaltig gegen die Mönche, schrie, schlug
und stieß mit Händen und Füßen um sich, kratzte und biß. Bald aber sah
er, daß es ihm, zwei starken Männern gegenüber, gar nichts nützte. Da
ward er plötzlich ruhig und ließ sich ganz geduldig fortführen.
Als der Greis aus seiner Ohnmacht erwachte, war die Hütte leer; wenige
Minuten hatten ihn des einzigen irdischen Glückes beraubt, das er noch
besessen. „O barmherziger Gott“, seufzte er, „nimm doch meine müde
Seele zu dir! Was soll ich auf der Wanderschaft? Ich werde nur eine
Last sein.“
Wie er die drei Tage überstand, war ihm selbst unbegreiflich. Sein
einziger Trost war, inbrünstig für das Seelenheil seines Lieblings
zu beten. Zuweilen trat er hinaus vor die Hütte, um nach dem Kloster
hinüberzuschauen, dessen Mauern und Türme etwa eine Stunde weit
entfernt in der Wintersonne glänzten. Wie mochte es dem Kinde gehen?
Ach, es war ja kaum möglich, daß es treu bleiben konnte! Es war noch
allzu jung, leichtherzig und unwissend.
Am letzten Abend übermannte ihn die Müdigkeit; er streckte sich aufs
harte Lager und schlummerte einige Stunden. Da weckte ihn mitten in
der Nacht ein leises Klopfen an der Tür. Erschrocken fuhr er auf. Wer
mochte es sein? Was konnte man ihm noch rauben wollen? Aber, o Wunder!
Draußen tönte eine traute Kinderstimme: „Ich bin’s, Großväterle; dein
Friedel. O, laß mich ein; geschwind, geschwind!“ Und im nächsten
Augenblick hing der Knabe jauchzend an seinem Halse.
„Hast du nicht gleich gedacht, daß ich wiederkommen würde?“ fragte er.
„Ganz zufrieden hab’ ich mich gestellt, gegessen, gelacht und gespielt
wie die andern Kinder. Da ließen sie mich bald außer acht, und ich
konnt’ mir die Gelegenheit zur Flucht besehen. Diese Nacht, als mein
Bettgenoß fest schlief, und der Mönch, der uns hüten sollt’, gewaltig
schnarchte, hab’ ich leise das Fensterlein geöffnet. ’s war eben weit
genug zum Durchschlüpfen. Am Weingeländer hinab in den Garten, vom
hohen Baum hinauf auf die Mauer, und von da in gewaltigem Sprung hinaus
ins Freie, gerade in einen Schneehaufen, den der Sturm zusammengeweht.
Ja, ja, sie wußten nicht, wie ich klettern und springen kann! Vorher
hatt’ ich aber heiß gebetet, Großvater, so heiß wie noch nie. Und sieh,
Gott hat mir geholfen!“
„Mein Herzenskind, o Gott sei ewig Lob und Dank! Vergiß es nie, im
ganzen Leben nicht, mein Friedel! Aber du zitterst vor Kälte; lege
dich nieder, daß ich dich in die Wolldecke hülle.“
„Nein, Großvater, das geht nicht. Wir müssen fort, gleich, noch in der
Nacht. Sie kommen gewiß, mich zu suchen. Da müssen sie die Hütte leer
finden, und wir müssen weit weg sein.“
„Du hast recht, Bübli; ruh’ nur ein Weilchen, bis ich uns Milch wärme
und noch ein Bündlein schnüre mit deinen Sonntagskleidern und was dir
sonst noch wert ist.“
In einer halben Stunde schritten sie über die Schwelle der geliebten
Hütte, so schwer beladen, wie es ihre schwachen Kräfte erlaubten.
Andreas betete:
„In Gottes Namen fahren wir;
Sein heil’ger Engel geh’ uns für,
Wie dem Volk aus Ägyptenland,
Das entging Pharaonis Hand. Kyrieleis!
HErr Christ, du bist der rechte Weg
Zum Himmel und der ein’ge Steg.
Hilf uns Pilgrim’ ins Vaterland,
Weil du dein Blut hast dran gewandt. Kyrieleis!“
Schnell über die mit leichtem Schnee bedeckte Wiese schreitend,
erreichten sie bald das Waldesdunkel, wo sie vor Wind und Kälte
ziemlich geschützt waren.
„Wo gehen wir hin, Großvater?“ fragte der Knabe leise.
„Nach der Höhle, wo wir schon einmal rasteten, wenn uns beim Holzfällen
ein Wetter überraschte. Dort mußt du schlafen bis zum Morgen. Dann
geht’s weiter auf Umwegen zum Sammelplatz der Unsern, weit unten im
Tal. Sieh, es schneit wieder; das ist gut. Sie werden unsere Fußspuren
nicht finden.“
„Ziehen alle frommen Leute aus dem ganzen Lande miteinander fort?“
fragte Friedel weiter.
„O nein! Es sind ganz mächtig viel; wohl dreißigtausend. In viele Züge
geteilt, werden sie nach verschiedenen Richtungen hin wandern.“
„Ist denn Platz für alle draußen in der Welt? Ist sie so groß?“
„O Kind, die Welt hat Raum für Unzählige! Aber ob wir alle liebreiche
Aufnahme finden werden in der Fremde, das steht bei Gott. Etliche
wollen sogar übers Meer ziehen ins ferne Land Amerika. Die meisten
hoffen Zuflucht zu finden bei dem Preußenkönig, der ein frommer Mann
und uns wohlgesinnt ist.“
„Aber wir, Großvater? Gelt, wir fahren mit übers Meer in einem großen
Schiff, wie in des Paten Buch abgemalt ist? Das muß gar herrlich sein!“
„Ach Kind“, seufzte der Alte, „bitte Gott, daß meine Kräfte aushalten
bis zum Sammelplatz; weiter denk’ noch nicht! Sieh, hier ist unsere
versteckte Höhle; das Mooslager drin ist noch weich und trocken. Laß
uns ruhen bis zur Morgendämmerung.“
2. In der Talmühle.
Noch lag am nächsten Morgen mattes Dämmerlicht über dem Städtchen und
seiner Umgebung, da ward es schon auf allen Pfaden, die nach Norden zu
hinab ins Tal führten, lebendig. Und als die Sonne endlich emporstieg,
herrschte auf der großen Wiese, wo man sonst allerlei ländliche Feste
zu feiern pflegte, ein buntes, reges, aber ach, so trauriges Leben.
Kein Lachen, Singen und Jauchzen war zu hören; wohl aber brach hier
und da ein gequältes Herz in lauten Jammer aus. Tröstend, ordnend und
ermahnend gingen ernste, rüstige Männer zwischen den Betrübten umher,
und allmählich bildete sich der Zug. Auf hochbepackten, von Pferden
oder Kühen gezogenen Wagen führte man allerlei Hab und Gut mit sich;
auch die Kranken und Schwachen hatte man darauf gebettet und so gut wie
möglich vor der Kälte geschützt. Da gab es Kindlein, die vielleicht
erst gestern das Licht der Welt erblickt, Greise, die wohl kaum noch
einige Wochen zu leben hatten; alle wurden erbarmungslos hinausgejagt
in die rauhe, kalte Welt.
„Wo ist Vater Andreas?“ fragte der Pate Rudi, der bleich, matt und sehr
gealtert unter dem leinenen Schutzdach eines Wagens lag. „Hier wäre
noch ein Plätzchen für ihn und meinen Liebling, den Friedel.“
„Er wird wohl unter denen sein, die dort schon den breiten Pfad entlang
ziehen. Er ist ja überall mutig voraus! Legt euch nur wieder nieder und
versucht ein wenig zu schlummern. Am nächsten Ruheorte treffen wir wohl
den Andreas.“
[Illustration]
Bald war alles in Bewegung, und der traurige Zug verschwand allmählich
hinter einer vorspringenden Anhöhe. Weinen und Klagen war verstummt,
aber durch die klare Winterluft schallten die Töne eines frommen
Pilgerliedes:
„In Gottes Namen scheiden wir;
Sein göttlich Wort bekennen wir
Und seiner Gnad’ begehren wir,
Des rechten Glaubens leben wir. Kyrieleis!
Freund’ von Freunden geschieden sind;
O HErr, bewahr’ die armen Kind’
Und all’, die hier vorhanden sind,
Vor Unglück und vor böser Stund’! Kyrieleis!
Geleit uns Gott in Ewigkeit
Durch seine groß’ Barmherzigkeit.
Der geb’ uns heut ein gut Geleit,
Mit Leib und Seele Sicherheit. Kyrieleis!“
Während nun unter diesen grausam Vertriebenen kein Wort des Grimmes
oder der Rache laut ward, trug der Morgenwind den Schall der Glocken zu
ihnen herüber, die den Dankgottesdienst einläuteten, den der Erzbischof
halten ließ, weil die Stadt und Umgegend von den „greulichen Ketzern“
befreit war. Der Papst aber rühmte gewaltig die große Heldentat des
Tyrannen. --
Pate Rudi hoffte vergebens, seinen alten Freund am nächsten Rastorte
zu finden. Etliche meinten, er sei wohl schon voraus; andere, er habe
sich der kleinen Schar angeschlossen, die einen etwas weiteren, aber
bequemeren Weg talabwärts eingeschlagen hatte, um sich erst später dem
Zuge anzuschließen. An Warten oder Nachforschen war nicht zu denken;
mußte man doch eilen, für die nächste Nacht ein Städtchen oder größeres
Dorf zu erreichen.
Ach, wo war der müde Greis und der hilflose Knabe? In der
Morgendämmerung hatten sie die schützende Höhle verlassen; Friedel
ganz frisch und munter, Andreas aber krank und elend. Sein Kopf
schwindelte, die Glieder zitterten, sein Auge war matt, und seine
Gedanken unklar. Die Nachtkühle hatte ein Fieber zum Ausbruch gebracht,
das dem durch Angst und Kummer geschwächten Körper schon lange drohte.
Mühsam schleppte er sich vorwärts, und das Bündel auf seinen Schultern
drückte schwerer und schwerer. Da konnte es geschehen, daß er den
schmalen, versteckten Pfad, den man einschlagen mußte, um zur Talwiese
zu kommen, versah, und nach und nach in der sehr einsamen Gegend
gänzlich in die Irre geriet.
„Großvater“, sprach Friedel endlich, „der Weg kommt ja gar nicht; wir
wandern schon lang. Die Welt sieht heut so anders aus als sonst. Ich
möcht’ auch was essen!“
„Armes Kind! Ich vergaß ganz, wie hungrig du sein mußt. Dort unter der
breitästigen Tanne ist ein guter Ruheplatz. Gott wird uns dann schon
den Weg zeigen.“
Sie ruhten lange. Die Sonne schien freundlich und schmolz bald den
leichten Schnee; es war nicht sehr kalt. Friedel sprach dem Brot und
Käse tapfer zu; Andreas konnte nichts essen, schlummerte aber, an den
Baumstamm gelehnt, ziemlich lange. Dann machten sie sich wieder auf.
Es war nun Mittag vorüber und gar keine Hoffnung mehr, den Zug zu
erreichen. Aber ein Obdach für die nächste Nacht mußte sich ja finden,
sei es auch nur in einer einsamen Jäger- oder Köhlerhütte. Sie
wanderten kreuz und quer, aber die Gegend blieb einsam und ward Schritt
zu Schritt rauher und wilder. Auch Friedels Mut fing an zu sinken, und
seine Kraft war erschöpft. Weinend schmiegte er sich an den Großvater,
als sie wieder einmal ruhten. Es war mitten im Walde am Ufer eines
Baches, der über Steingeröll hüpfend in schäumenden Wellen bergab eilte.
[Illustration]
„Fürchte dich nicht, mein Kind!“ sagte der Alte mit matter Stimme.
„Gott ist bei uns; er verläßt uns nicht. Und selbst wenn er mich zu
sich holen würde, und du allein bliebest, verzage nicht! Weißt du noch
den schönen Vers, den du neulich lerntest: ‚Unverzagt --‘?“
„Ja, Großvater“, erwiderte das Kind, tapfer seine Tränen trocknend:
„Unverzagt und ohne Grauen
Soll ein Christ, wo er ist,
Stets sich lassen schauen. --
Horch! Bellt da unten im Walde nicht ein Hund? Jetzt wieder! O komm,
Großväterle! Versuch’ doch aufzustehen! Wo ein Hund ist, ist wohl auch
ein Mensch!“
Mühsam erhob sich der Alte; ganz pfadlos gingen sie am rauhen,
steinigen Ufer des Baches hin, der schnell breiter und reißender ward.
Aber schon nach wenig Minuten verließen den Alten die Kräfte; zwischen
den feuchten Steinen sank er zusammen und vermochte sich nicht wieder
zu erheben. Mit Mühe schob ihm der Knabe sein eigenes kleines Bündel
unter den Kopf und versuchte ihn etwas bequemer zu legen.
„Wart’ nur ein ganz klein Weilchen“, tröstete er; „ich lauf’ schnell
und hol’ gute Leute, die uns helfen.“
„Gott geb’s, mein armes Kind!“ flüsterte der Greis. „Küsse mich noch
einmal. O, Gott erbarme sich deiner, mein Liebling!“
Wieder und wieder küßte der Knabe das kalte, bleiche Antlitz des
Liegenden. Es ward ihm gar so schwer, ihn zu verlassen; das liebe
Gesicht sah so verändert aus. Aber er mußte ja Hilfe haben; Großvater
sollte bald einen Trunk heiße Milch haben und vielleicht auch ein
warmes Lager.
Tapfer drang er vorwärts. Dichtes Dorngestrüpp versperrte ihm oft den
Weg, riß ihm die Hände blutig und manches Loch in sein Röcklein. Oft
war er nahe dran, entmutigt umzukehren, aber das Bellen des Hundes
lockte ihn immer wieder vorwärts. Da plötzlich, als er sich durch
eine Reihe dichter niedriger Nadelholzbäume gedrängt, war er am Ziel.
Ein freier ebener Platz lag vor ihm, ringsum dichter Wald. In raschen
Wellen eilte der Bach hindurch, und an seinem Ufer stand ein Häuschen,
der lieben heimatlichen Hütte ganz ähnlich, von rohen Steinen gebaut,
mit weit vorstehendem Dach, niederer Tür und kleinen blanken Fenstern.
Daneben aber klapperte, vom strömenden Wasser getrieben, lustig ein
Mühlrad.
Mit raschem Blick hatte der Knabe das langersehnte Bild geschaut.
O weh! Da kam mit wütendem Gebell ein großer zottiger Hund auf ihn
zugestürzt. Sollte er fliehen? Ach nein; Großvater mußte Hilfe haben!
Tapfer trat er dem Tier entgegen, den kleinen Wanderstab drohend
erhoben. Da öffnete sich die Tür des Häuschens, und ein Mann trat
heraus, dessen Anblick ihn noch mehr erschreckte als der des Hundes.
Ach, er sah aus wie die Riesen, die die alte Zenzi so schrecklich zu
schildern verstand!
Groß und stark, mit struppigem, langem schwarzen Haar und Bart, war er
nur mit einem Kittel bekleidet, der aus dem Fell eines Bären gemacht
war. In der Hand einen langen dicken Stock, trat er mit wilder Gebärde
und zornigem Blick auf den kleinen Eindringling zu. Der aber hatte sich
bereits gefaßt. Sobald der Hund auf den Ruf des Mannes von ihm abließ,
faltete er die Hände und sprach laut:
„Unverzagt und ohne Grauen
Soll ein Christ, wo er ist,
Stets sich lassen schauen.“
„Ist das dein Gruß?“ fuhr ihn der Fremde an. „Wie wagst du in meinen
Zauberkreis zu dringen?“
„Ich hab’ nicht gewußt, daß es ein Zauberkreis ist“, erwiderte Friedel.
„Aber ich bitt’ Euch, wenn Ihr ein guter Riese seid, so helft doch
meinem Großvater! Er liegt oben im Walde und kann nimmer aufstehen.“
„Was treibt ihr euch im Wald umher, ein Alter und ein Kind?“
„Wir wären ja gern im Hüttli geblieben, aber der Erzbischof Firmian hat
uns in die Welt hinausgejagt.“
„Warum?“
„Weil wir allein zum Himmelsvater beten und zum Heiland, und weil wir
den Papst nicht mögen.“
„Es ist genug! Du bist ein tapferer Bub! Ich hätt’ dir kein Leid getan,
auch wenn du aus Vorwitz hergekommen wärst. Aber da der Firmian dein
Feind ist, bin ich dein Freund und will dir helfen!“
Er legte die Finger an den Mund und tat einen lauten Pfiff. Alsbald
trat hinterm Hause ein Männlein hervor, klein und bucklig, eine spitze
Mütze auf dem runden Kopf, die grobe Kleidung ganz von Mehl bestäubt.
Ja, es war kein Zweifel: Friedel war in Zenzis Märchenland geraten,
denn zu dem Riesen kam nun auch ein Zwerg.
„Tobi“, gebot der Riese, „laß dir drinnen die Flasche mit Lebenswasser
geben und komm! ’s liegt einer droben im Walde elend. Wir wollen ihn
herholen.“
Verwundert blickte das Männlein auf; es hatte freundliche, sanfte blaue
Augen. Ohne ein Wort zu erwidern, horchte es, und sogleich waren die
drei auf dem mühsamen Weg die Schlucht hinauf. Schwanzwedelnd umhüpfte
sie jetzt der Hund. Es begann schon zu dämmern, als sie die Stelle
erreichten, wo der Arme lag. Schon von weitem hatte Friedel fröhlich
gerufen: „Wir sind gerettet, Großväterle! Gute Männer kommen! Bald
sollst du warm und sicher liegen.“ Aber kein Gegenruf war erschollen.
Nun warf sich das Kind bei dem Geliebten nieder und küßte seine Stirn,
um ihn zu wecken. Aber erschrocken fuhr es auf: „Hu, wie kalt ist
mein lieb Großväterle! Wie eisig kalt!“ Der kleine Mann beugte sich
herab, um dem Kranken einige Tropfen des starken Getränkes einzuflößen,
richtete sich aber sogleich wieder empor und sprach leise: „Der ist ja
tot!“
Die Worte waren wohl nur für den großen Mann bestimmt, doch Friedels
feines Ohr hatte sie auch vernommen. „Tot?“ rief er. „Mein einzig
Großväterle ganz tot?“ Laut aufschluchzend warf er sich über den
Leichnam hin. Die lang angespannte Kraft versagte plötzlich; das
Bewußtsein schwand. Er lag in tiefer Ohnmacht.
Wie lange er ohnmächtig gelegen, wußte er später nicht mehr. Wohl
fühlte er, daß man ihn forttrug, war aber nicht imstande, zu sprechen
oder zu widerstreben. Auch als jemand ein warmes Getränk an seinen Mund
hielt, nahm er ein paar Schlucke, ohne die Augen zu öffnen, und sank
gleich wieder in Betäubung zurück.
Endlich aber ward daraus ein langer, fester Schlaf, aus dem er gesund
erwachte. Sein Lager war warm und weich, ringsum alles still. So meinte
er, alles, was er in der letzten Zeit erlebt, sei nur ein böser Traum
gewesen, und er läge im lieben Hüttli an des Großvaters Seite.
„Ist’s schon Tag, Großväterle?“ fragte er schlaftrunken.
„Schon längst!“ sprach eine helle, feine Kinderstimme.
Da fuhr er empor und blickte in ein Gesichtchen, so hold und lieblich,
wie er’s nimmer geschaut. Augen, so blau wie Vergißmeinnicht, Wangen
wie zarte Röslein, Lockenhaar wie fein gesponnenes Gold.
„Bist du ein Englein?“ fragte er, sich plötzlich besinnend und die
Hände faltend. „Bin ich auch schon tot und im Himmel? O, wo ist der
Großvater? Wo ist der HErr JEsus? Ich möchte zu ihnen!“
„Ich bin ja kein Englein“, war die Antwort. „Du bist nicht im Himmel!
Schau doch auf; du bist in der Talmühle, und ich bin des Talmüllers
Ännchen.“
Friedel erhob sich und sah verwundert umher in einem sauberen, aber
ärmlichen Gemach.
„Aber mein Großvater, wo ist er? Was haben sie mit ihm gemacht?“
„Er war ja eingeschlafen“, sagte das Kind, die Händchen faltend. „Da
haben sie ihn zu Bett gebracht draußen im Walde, wo es still und
friedlich ist. Dort schläft er, bis ihn der Himmelskönig weckt, wenn er
wiederkommt am Jüngsten Tage.“
„Wer sagte dir’s!“
„Die Mutter.“
Erstaunt und noch halb träumend schaute Friedel das Englein im
geflickten Zwillichröckchen an, das so zuversichtlich große Worte
sprach. Aber ach, als der Bann des Schlafes sich allmählich löste,
ward es ihm klar, daß er ja nun ganz, ganz allein sei auf der Welt.
Den Großvater hatte man im wilden Walde begraben, die Freunde und
Glaubensgenossen waren weit fortgezogen; er aber in der Gewalt der
märchenhaften Gestalten, die er am Abend zuvor gesehen, hilflos
zurückgeblieben. Da machte sich sein starkes, feuriges Gemüt in wildem
Schmerze Luft.
„Großvater! O Großvater!“ schrie er händeringend. „Nimm mich mit in den
Himmel! O, HErr JEsu, komm doch gleich jetzt zum Jüngsten Tag und weck’
mir den Großvater! Sonst will ich auch sterben, jetzt gleich! O, ich
kann, ich kann nicht leben so ganz allein!“ Heiße Tränen stürzten dabei
über seine Wangen.
Tief erschrocken stand das Mägdlein dabei und wagte nicht so großen
Jammer zu stören. Endlich faßte sich’s ein Herz, legte die kleine Hand
auf die Stirn des Gastes und sprach leise:
„Ich hab’ dich schon lieb; da bist du nicht ganz allein. Und Mütterle
hat gesagt, ich soll dich nicht weinen lassen. Du sollst essen, wenn du
aufgewacht bist.“
Das Händchen war so weich und warm, die Stimme so sanft und das Wort
„essen“ brachte ihn plötzlich auf andere Gedanken. Er fühlte ja einen
nagenden Hunger, hatte seit gestern mittag nichts mehr genossen.
Halb widerwillig trocknete er seine Tränen und schaute zu, wie das
Kind vorsichtig ein dampfendes Schüsselchen vom Herd nahm und auf den
Tisch stellte, einen Löffel und ein großes Stück Brot dazulegte und
ihm freundlich winkte. Er folgte, und die Natur behauptete ihr Recht;
es schmeckte köstlich! Dienstfertig brockte Ännchen das Brot in die
fette Ziegenmilch und sah befriedigt zu. Als die Schüssel leer war,
hielt der Gast Umschau in dem niedrigen, aber geräumigen Gemach. Es
sah ganz ähnlich drin aus wie daheim im Hüttli: der schwarze Rauchfang
überm Herd, die Bank längs der Wand, ein paar Schemel, zwei buntbemalte
Truhen, schlichtes Hausgerät auf Wandbrettern. In der besten Ecke hing
ein kleines Kruzifix; ein abgegriffenes Büchlein lag darunter, dicht
davor stand ein schmuckes Spinnrad.
„Das ist Mutters Winkel“, erklärte Ännchen; „sie lehrt mich auch beten,
lesen und spinnen.“
„Aber das?“ fragte Friedel, auf ein prächtiges Hirschgeweih zeigend,
das über der Tür befestigt war.
Da legte Ännchen den Finger auf den Mund und warnte: „Frag’ nicht
danach! Es gehört dem Vater. Was Vater hat und tut, davon spricht man
nicht.“
„Ist der Riese dein Vater oder der Zwerg?“
„So heißt es nicht! Der große Mann ist mein Vater; der kleine ist
Tobias, der Mühlknecht. Ich habe ihn sehr lieb.“
„Er sieht häßlich aus“, bemerkte Friedel.
„Das schadet nichts, sagt Mutter, denn sein Herz ist schön. -- Wo
mag nur Mutterle bleiben? Komm, laß uns ausschauen; sie ist oben in
der Kammer.“
In einer Ecke der Stube führte ein schmales steiles Treppchen empor ins
winzige Dachkämmerlein. Leise stieg Ännchen hinauf; Friedel folgte und
blickte über ihr blondes Köpfchen in den niederen Raum, gefüllt mit
allerlei Werkzeug und Hausrat. Auf dem kalten Boden saß eine bleiche
blonde, überaus liebliche Frau in dürftigem Zwillichgewand, umgeben von
allen den Sachen, die der Großvater im schweren Bündel getragen. Die
alte vielgebrauchte Bibel lag in ihrem Schoß, und sie war so vertieft
ins Lesen, daß sie die Kinder erst gewahrte, als Ännchen die Arme um
ihren Hals schlang. Da fuhr sie auf und sah auch den Knaben.
„Du bist wahrlich ein Engel von Gott gesandt“, rief sie, ihn an sich
ziehend, „daß du mir ins Haus gebracht hast, wonach mein Herz sich
schon lange sehnte! Es ist ja das Buch, das uns den Weg zum Himmel
zeigt aus diesem Elend! Als ich’s aufschlug, fand ich gleich so
trostreiche Worte, die der Heiland gesprochen. O, wieviel, wieviel
werd’ ich noch finden, wenn du bei uns bleibst!“
„Du darfst heute darin lesen, soviel du willst“, sagte Friedel
bedächtig, „aber morgen muß ich wandern, immer nach Mitternacht zu bis
ins Preußenland, wo mein Pate Rudi und die andern Getreuen hingezogen
sind. Alle diese Sachen will ich euch lassen; nur die Bibel steck’
ich noch in mein kleines Bündel. Ich soll sie nicht hergeben, sagte
Großvater.“
„Du kannst unmöglich allein wandern, armes Kind!“ erwiderte die Frau.
„Du bist viel zu klein und schwach dazu.“
„O nein! Alle nennen mich groß und stark“, entgegnete der Junge, sich
streckend.
Lächelnd strich ihm die Frau übers wirre Haar. „Kommt herab“, sprach
sie; „es ist hohe Zeit, den Männern das Essen zu kochen. Sie fällen
Holz im Walde.“
„Ich mag nicht essen, auch die Männer nicht sehen. Ich bleibe hier bei
Großvaters Sachen.“
Sie ließen ihn allein. Traurig ließ er alles durch die Hände gleiten,
was ihm daheim so lieb gewesen. Das kleine Ledersäckchen mit Geld und
einigen alten Silbermünzen mit seltsamen Gepräge, die ihm der Großvater
manchmal gezeigt, suchte er vergebens. Hatten’s wohl die Männer
behalten oder dem Toten mit ins Grab gegeben? Nun, er brauchte es
nicht; sein Essen würden ihm gute Leute schon umsonst geben! Ach, wenn
er nur schon heute wandern könnte! Aber er war noch so müde, so sehr
müde von allem, was er erlebt, legte endlich den Kopf auf Großvaters
Sonntagsrock und schlief wieder ein.
Gegen Abend weckte ihn Ännchen und führte ihn hinunter in die Stube. Da
saßen sie alle ganz zutraulich um den Herd, auf dem ein helles Feuer
brannte. Die Frau spann, Tobi flickte seine Jacke, der Riese schnitzte
irgendein Gerät aus Holz.
„Nun“, sprach er, „hast du ausgetrauert und ausgeschlafen? Gönn’ dem
armen Alten die Ruhe! Die Welt ist bös! Du bleibst bei uns. Wo vier
essen, ißt auch der fünfte.“
„O nein! Ich kann nicht bleiben!“ begann der Knabe.
„Du mußt!“ rief der Mann, und warf ihm einen so wilden Blick zu, daß er
erschrak und schwieg.
Aber das Wörtlein „muß“ war dem Friedel verhaßt. Nur vom Großvater
hatte er’s geduldet. Er fühlte sich stark und gewandt und mochte keinen
Zwang leiden. „So gut ich aus dem Kloster floh, entflieh’ ich auch aus
der Talmühle“, dachte er, und setzte sich still neben Ännchen auf die
Bank im Winkel. Leise plauderte sie ihm vor von verstecktem Spielzeug
im Schrein, das die Mutter nur Sonntags herausgebe, von Braten und
Kuchen am Christfest, von Blumen und Beeren im Sommer und von einem
zahmen Rehlein hinten im Stall. „Bleib’ doch gern bei mir“, bat sie,
sich an ihn schmiegend; „dann sind wir Brüderchen und Schwesterchen,
wie in den Märlein, die Tobi erzählt.“
Als die Abendsuppe, die im Kessel brodelte, fertig war, setzten sich
alle fünf um die große Schüssel und löffelten sie einträchtig aus, aber
ganz stille, denn der finstere Blick des Talmüllers hielt sie alle im
Bann. Nachher aber, als sie wieder am Feuer saßen, fing er plötzlich
an, den Friedel auszufragen, wie es zugegangen bei der Vertreibung der
Evangelischen. Zuerst antwortete der Knabe einsilbig und schüchtern,
geriet jedoch bald in Erregung und beschrieb die Leiden der Gefangenen
und Kranken gar beweglich.
Aber was ging das alles den Talmüller an, der doch gewiß nicht zu
ihnen gehörte? Warum blitzten seine schwarzen Augen so zornig? Warum
ballte er die nervigen Fäuste wie in ohnmächtiger Wut? Dem Knaben ward
unheimlich dabei zumute.
Die Mutter bemerkte es wohl, legte sanft ihre Hand auf des Mannes
Schulter und sprach: „Laß es gut sein, Christoph. Gott wird alles
richten; wir aber sollen vergeben! Es ist spät; laß uns beten und zu
Bett gehen.“
Da standen sie alle auf, falteten die Hände und beteten laut und
andächtig das Vaterunser. Was murmelte doch der Talmüller nach der
fünften Bitte? Klang es nicht wie: „außer dem Firmian“?
Nun nahm Tobi den Gast an die Hand und führte ihn zur Hintertür hinaus
über einen kleinen Hof in die Hütte, wo das Mahlwerk stand. Dort war
ein Kämmerlein abgeteilt. Eine Truhe und ein Schemel stand darin, und
ein hohes Heulager war aufgeschüttet mit dicker Wolldecke; Friedels
Bündel lag daneben.
„Dies ist mein Revier“, sagte der kleine Mann, „und du bist mein
Schlafgenoß. Nun noch ein Wort zur Gutenacht. Bleib’ in Frieden hier
und folg’ dem Talmüller! ’s wird dein Schaden nicht sein. Goldtreu ist
er als Freund, schrecklich als Feind!“
Der Knabe antwortete nicht, und beide streckten sich aufs Lager. Nach
einer Weile fragte er leise:
„Wo habt ihr meinen Großvater begraben?“
„Morgen will ich dir’s zeigen. Auf einer Waldlichtung links ab von der
Mühle, nach Mitternacht zu. Gute Nacht.“ --
Beim allerersten Morgengrauen des andern Tages öffnete sich leise, ganz
leise das Pförtchen des Mahlwerks, und Friedel, sein Bündel auf der
Schulter, den Wanderstab in der Hand, schlüpfte heraus, lief über den
offenen Grund und verschwand im Walde. Das Glück war ihm günstig; er
fand bald die Waldlichtung und den frischaufgeworfenen Grabhügel, mit
großen Steinen beschwert, um das Waldgetier am Aufwühlen zu hindern. Er
kniete dabei nieder, küßte die kalte, feuchte Erde, bezwang aber tapfer
den aufsteigenden Jammer. „Gute Nacht, Großvater“, flüsterte er. „Ich
gehe ins Preußenland zum Paten Rudi. Ich will fromm sein; im Himmel
komm ich wieder zu dir!“
Unwillig die großen Tränen von den Wangen wischend, erhob er sich
und wanderte rüstig weiter durch dichten Wald, immer in nördlicher
Richtung. Nach und nach ward es hell, aber der Grund ward rauher.
Felsstücke und Gestrüpp hemmten seinen Weg; nur langsam kam er
vorwärts. Plötzlich hörte der Wald ganz auf. Er trat heraus, prallte
aber gleich erschrocken zurück, denn vor ihm fiel eine steile graue
Felswand ab, und tief unten schimmerte im milden Morgenglanz ein See.
Zur Rechten stürzte der Mühlbach brausend hinab. Nirgends eine Spur
von Weg und Steg; keine andere Möglichkeit als Umkehr! Dazu blies der
Novemberwind so stark, daß der Knabe sich an einen Baumstamm halten
mußte. Leider fing es an zu schneien. Ach, er fühlte plötzlich, daß
er doch nur ein Kind war! Sollte er umkehren? Würden sie ihn nun nicht
hart behandeln? Die Frau war engelsgut, das Ännchen hatte er schon
lieb, aber vor dem Talmüller fürchtete er sich.
Da legte sich eine schwere Hand auf seine Schulter. Erschrocken fuhr er
auf und sah ihn hinter sich stehen, in Jägerkleidung, die Flinte über
der Schulter, einen geschossenen Rehbock auf dem Rücken.
„Törichtes Kind!“ sprach er. „Siehst du nun, daß aus meinem Zauberkreis
kein Entrinnen ist? Hier der See, dort steile Felswände; nach Morgen zu
die Schlucht, die Wolf, der Hund, streng bewacht. Warum vertraust du
mir nicht, da ich doch dein Freund bin? Bleib’ ruhig bei mir, bis du
herangewachsen bist; dann magst du wandern, wohin du willst. Ich selbst
zeige dir dann den Weg. Deine Freunde sind zwei Tagereisen voraus; du
würdest sie nicht mehr erreichen, selbst wenn wir wüßten, welchen Weg
sie eingeschlagen haben. Der Winter ist nahe; es gibt noch Wölfe und
Bären in den Bergen. Möchtest du einem begegnen?“
Da wagte der Knabe dem seltsamen Manne ins Antlitz zu blicken. Er sah
jetzt nicht furchtbar aus; sein Auge blickte freundlich. Er war doch
ein schöner Mann, und das Jägerkleid stand ihm gut. Woher kam’s wohl,
daß er den Rehbock schießen durfte, was sonst streng verboten war? Aber
Ännchens Warnung fiel ihm ein; er schwieg und ließ sich willig zur
Mühle zurückführen.
Dort stand die Morgensuppe auf dem Tisch. Niemand erwähnte seine
Flucht. Nach dem Essen sprach Tobias: „Ich will heut noch das letzte
Mehl zu Tal bringen; morgen möchte der Pfad verschneit sein. Es ist für
den Franzl am Stein; das ist nicht weit. Vor Abend bin ich wieder hier.
Ich bring’ gleich alles mit, was der Franzl auf dem letzten Markt für
uns besorgt hat zur Winternotdurft. Wer weiß, ob ich wieder hinabkann!
Ich denke, es gibt bald Schnee.“
Friedel sah aufmerksam zu, wie Tobi einen Esel mit den Säcken belud,
ihn vor sich her über den rohgezimmerten Steg trieb, der unterhalb der
Mühle über den Bach führte und im Walde verschwand. Der Müller erriet
seine Gedanken.
„Gib dich zufrieden; du kannst ihm nicht folgen. Sein Weg führt nicht
nach Preußen zu“, sprach er lächelnd.
„So will ich hier bleiben, bis ich groß bin“, rief der Junge plötzlich
entschlossen; „das dauert ja nicht mehr lang!“
Ännchen umhüpfte ihn fröhlich; die Mutter küßte ihn auf die Stirn. Der
Mann war hinters Haus gegangen, sein Reh abzuziehen.
3. Wie die Kinder aufwuchsen.
Wenn Friedel erwartet hatte, in der Talmühle seltsame, märchenhafte
Dinge zu erleben, so hatte er sich sehr getäuscht. Wenigstens jetzt im
Winter war der Tageslauf nicht viel anders, als er in des Großvaters
Hütte gewesen. O der liebe, liebe Großvater! Wieviel dachte der Knabe
an ihn! Wie oft suchte er einen stillen Winkel, um sich auszuweinen!
Aber Kindertrauer währt nicht allzulang; das Leben ist noch so neu
und frisch, daß es schnell wieder Reiz gewinnt. So fing auch Friedel
bald an um sich zu schauen und teilzunehmen an allem, was in der neuen
Heimat lebte und webte. Ganz früh stand er mit Tobi auf und half das
Vieh versorgen, die schönen Tauben, die unterm Dach ihre Nester und
Fluglöcher hatten, die zahlreiche Hühnerschar, die jetzt auf den engen
Hof beschränkt war, die schneeweiße Kuh, die zwei munteren Ziegen im
Stall und endlich das geduldige Eselein, Tobis Liebling.
[Illustration]
Erst wenn diese alle eifrig fraßen, sammelte sich die Familie um den
warmen Herd, und die gute Milchsuppe mit großen Brotbrocken schmeckte
vortrefflich. Dann gingen die Männer, wenn’s das Wetter erlaubte,
hinaus zum Holzfällen, oder sie hatten etwas am Mahlwerk, das jetzt
ganz stillstand, zu bessern; auch sägten, hämmerten und hobelten sie in
der Scheune, um allerlei nötiges Werkzeug herzustellen. Zuweilen durfte
Friedel helfen, meist aber blieb er bei Mutter und Schwesterlein, wie
er Frau Marie und Ännchen bald nannte. Die zarte, bleiche Frau ließ es
gern geschehen, daß er das Herdfeuer unterhielt, Wasser aus dem Bach
herbeischleppte, den Backofen heizte und ihr noch allerlei Dienste
tat, an die ihn der Großvater gewöhnt. Sie war sehr still und ernst;
wenn sie ihm aber einmal übers lockige Haar strich und ihn einen
braven Buben nannte, war’s reicher Lohn für alle Mühe. Setzte sie
sich dann ans Spinnrad, so holte auch Friedel seine Bücher herbei;
denn er hatte dem Großvater, der vielleicht sein nahes Ende ahnte,
heilig versprechen müssen, nichts zu vergessen, was er gelernt, und
fleißig in der Bibel zu lesen. Dann legte auch Ännchen ihr steifes
Holzpüppchen oder die kleinen Töpfe und Schüsselchen, mit denen sie
gespielt, beiseite und buchstabierte mühsam mit Hilfe der Mutter in
dem uralten, schmutzigen Gebetbüchlein, das auf dem Wandbrett lag.
Es war so abgegriffen, daß man die Buchstaben kaum erkennen konnte,
und Friedel behauptete keck, es sei ein schlechtes und dummes Buch,
da gleich auf der ersten Seite das Ave-Maria stand, und man ja nur zu
Gott und dem Heiland beten dürfe. Er meinte, in seinem Katechismus und
Gesangbuch stünden viel bessere Sachen, die wolle er das Ännchen ganz
so lehren, wie es ihn der Großvater gelehrt habe. Die Mutter ließ es
gern geschehen, und alle die schönen Sprüche und Liederverse, die das
kleine Mädchen mühsam buchstabieren und nach und nach auswendig lernen
mußte, lernte sie mit und bewahrte sie in einem feinen und guten Herzen.