1. _Aufgabe_ (Turnsaal und auf dem Spielhofe): Herstellung von Holzstäben

mit angefeilten Kuppen, von Leitern, von Griffen für Sprungseile. --

Herstellung eines Sprungseiles durch Stricken über die Spule. 2. _Aufgabe_

(Auf der Straße): Herstellung von Holzwürfeln, einer Holzschranke und

eines einfachen Lastwagens aus Fadenspulen und Brettchen. 3. _Aufgabe_

(Der Garten im Herbst): Herstellung von Blumenstäben aus Holz, Nähen von

Samensäckchen aus Gaze. 4. _Aufgabe_ (Das Weihnachtsfest): Herstellung

eines Täschchens für den Weihnachtstisch, einer Serviettentasche;

Herstellung eines Holzbaukastens aus rechteckigen und dreieckigen

Säulen. 5. _Aufgabe_ (Schnee und Eis): Flechten eines Untersatzes;

Herstellung eines Schlittens aus Holz. 6. _Aufgabe_ (Bei der Näherin):

Herstellung eines Lineals mit Zentimetermaß, einer Reißschiene für

Rechentabellen. Anfertigung von Schnitten für Puppenhemd, -unterrock und

-kleid. Nähen von Puppenwäsche nach gefertigten Schnitten. 7. _Aufgabe_

(In der Kirche zur Osterzeit): Färben von Ostereiern. 8. _Aufgabe_ (Der

Schulgarten im Frühling): Herstellung von Blumenkisten, eines Holzzaunes

für die Blumenkisten, Ansäen und Anpflanzen in den Blumenkisten;

Flechten eines Blumenkorbes, Flechten eines Obstkorbes aus Raffia. 9.

_Aufgabe_ (Bei der Obstlerin): Modellieren von Früchten (versuchsweise).

Neben diesen Handarbeiten gingen außerdem häusliche Beschäftigungen her.

Sie umfaßten die Ordnung und Sauberkeit im Schulzimmer und im

Arbeitsraum, also Kehren, Abstauben, Putzen, Waschen, Beihilfe der

Kinder zur Herstellung von Weihnachtsgebäck und Ostereiern. Die

Gartenarbeit beschränkte sich im Herbst wegen vielfach ungünstiger

Witterung auf Einsammeln von Samen, Einschlagen von Blumen und Zwiebeln

in Töpfe und in freiem Gartenland unter Sicherung gegen Frost durch

Bedecken mit Erde. Die Töpfe wurden im Frühjahr der Erde entnommen und

die Zwiebelpflanzen bildeten wochenlang in blühendem Zustande eine

Zierde des Schulzimmers. Im Sommer pflegten die Kinder außer den neu

angepflanzten Blumen _unter Anleitung der Schülerinnen der achten Klasse

den Schulgarten der achten Klasse der Schule an der Hohenzollernstraße_.

Die Klassenlehrerin machte dabei über den Verkehr der größeren Mädchen

mit den Kindern der Versuchsklasse die besten Erfahrungen. _Auch die

Erziehungsarbeit der Schülerinnen der achten Klasse erfuhr bei dieser

Arbeitsgemeinschaft, an der Große wie Kleine mit gleichem Eifer und

sichtlicher Freude beteiligt waren, eine nicht unwesentliche Vertiefung._

Die zweite Klasse hatte folgende Aufgaben zu behandeln:

1. _Aufgabe_ (Schulhaus): Faustskizzen auf der Tafel. Herstellung eines

Tafellappens im Strickunterricht. Zeichnen von Tafel, Federhalter,

Griffel. 2. _Aufgabe_ (Am Neubau): Herstellung eines Holzhauses durch

_Arbeitsgemeinschaft_ in der Werkstatt. Zeichnen und Ausschneiden von

Häusern. 3. _Aufgabe_ (Schulgarten im Herbst): die im ersten Schuljahre

gefertigten Blumenkisten (vgl. S. 135 Aufg. 8) wurden mit Blumenzwiebeln

bepflanzt. Zeichnen von Blumenformen, Ausschneiden und Zusammenstellen

zu einem Bukett als Klebearbeit. 4. _Aufgabe_ (Die Uhr): Anfertigung von

Zifferblättern aus Karton mit beweglichen Zeigern. Herstellung eines

Zifferblattes aus Holz mit Anbringung von gekauften Metallzeigern.

Herstellung einer Sonnenuhr; Anlegung eines Wetterkalenders. Die Mädchen

stricken Pulswärmer. 5. _Aufgabe_ (Die Küche): In der Holzwerkstätte

Herstellung eines Nudelbrettes mit Nudelwalker. Die Mädchen stricken

einen Topflappen; die Knaben zeichnen und schneiden Küchenherde aus. 6.

_Aufgabe_ (Beim Schreiner): In der Holzwerkstätte Herstellung eines

Stuhles mit Geflecht. Besuch einer unserer großen Schülerwerkstätten für

die obersten Klassen. Zeichnen und Ausschneiden von Werkzeugen. 7.

_Aufgabe_ (Waschhaus): Waschen und Aufhängen, Flechten eines Nähkorbes. 8.

_Aufgabe_ (Die fünf Sinne): Gab zu besonderen praktischen Tätigkeiten

keine Veranlassung, außer eben zur Betätigung der Sinne selbst in

Sinnesübungen aller Art. (Vgl. dazu auch die Übungen in der ersten

Klasse.) 9. _Aufgabe_ (Am Aquarium und Terrarium der Schule): Vor den

Augen der Schüler wird ein Aquarium angelegt. Die Kinder bauen in der

Werkstätte Raupenkästen. Beobachtung der Entwicklung von Raupen.

Zeichnen von Schmetterlingen. 10. _Aufgabe_ (An der Isar): In der

Werkstätte wird in Arbeitsgemeinschaft eine Holzbrücke hergestellt.

Knaben und Mädchen nähen Fahnen zum Ausflug in das Isartal. 11. _Aufgabe_

(In den Anlagen): Praktische Arbeiten im Schulgarten. Pflege der aus

Samen gezogenen Balsaminen, Sonnenblumen, Begonien, Tannen, Fichten,

Zirbelkiefern. Zeichnen von beobachteten Blättern, Blumen, Früchten.

Zeichnen eines Starenkobels; Ausschneiden.

Das ganze Jahr über wurde auch den Aufgaben der häuslichen

Beschäftigungen Aufmerksamkeit zugewendet. Sie bezogen sich wie im

Vorjahre auf Ordnung und Sauberkeit im Schulzimmer, Gang und in der

Garderobe. Die Arbeiten wurden von Knaben wie Mädchen mit gleichem Eifer

betrieben. Die Kinder stellten im Wechsel selbst ihre Wächter und Ordner

auf: einen Knaben für die Garderobe, einen Knaben und ein Mädchen für

die Überwachung des Eintrittes in das Schulzimmer, drei Mädchen für die

Reinhaltung der Tafelwände, je einen Knaben und ein Mädchen für die

Überwachung der Fensterbretter, der auf ihnen aufgestellten Gegenstände

und der Pflege der dort befindlichen Blumen. Dabei wurden Untergruppen

gebildet. Ein Knabe sorgte für die Verwahrung und Ausgabe verschiedener

Schlüssel, ein Mädchen für die Kalenderaufzeichnungen. -- Zur Pflege des

Aquariums wurde ein Mädchen aus der siebenten Volksschulklasse

herangezogen, welches die kleineren Mädchen der zweiten Klasse auch zu

belehren und anzuweisen hatte. Zur Beobachtung stand auch ein

Geflügelhof (mit Hühnern, Hahn, Ente, Gans, Puter) zur Verfügung, dessen

Pflege der Schulhausmeister hatte. Der sonstige Beobachtungsunterricht

vollzog sich teils im Werkraum (experimenteller Teil), teils im

Schulzimmer, teils im Freien. In das Schulzimmer wurden jene

Beobachtungsübungen verlegt, die keine wagerechten Tische und wenig

Werkzeuge erforderten. -- Das _Zeichnen_ beschränkte sich auf

gedächtnismäßige Darstellung _einzelner_ Gegenstände, die Gegenstand des

Anschauungsunterrichtes waren und die jeder Schüler beim

Anschauungsunterricht in der Hand hatte oder mit denen er im

Beobachtungsunterricht arbeitete (Spielsachen, Werkzeuge, kleine

Hausgeräte).

b) =Rechnen.= Für die erste Klasse kam lehrplanmäßig der Zahlenraum

1-20 in Betracht. Es war Bedacht darauf genommen, daß jedem Kinde

Veranschaulichungsobjekte zur Verfügung standen, an deren Hand es die

Veranschaulichung in selbständiger Weise vornehmen konnte.

Selbstverständlich wurde von Anfang an ein großes Gewicht darauf gelegt,

die Kinder nicht bloß zum Abschätzen, sondern auch zum genaueren Messen

anzuhalten und damit schon die einfachsten Zahlenbegriffe zu

entwickeln. Pappscheiben, Knöpfe, Stäbchen, Fadenspulen, Perlenketten,

gestanzte Kupfer- und Nickelmünzen in selbstgefertigten Geldbörsen und

vor allem die _gesamte manuelle_ Tätigkeit in der Holzbearbeitung, _die mit

einem beständigen Schätzen, Messen und Vergleichen verbunden ist_,

dienten der Durchführung des Arbeitsprinzips im Rechenunterricht.

Einen besonderen Weg schlug im Schuljahre 1915/16 Fräulein Merxmüller

ein. Sie berichtet:

»Wenn auch infolge der starken Beschränkung der Unterrichtszeit von

einer weitgehenden sachlichen Beschäftigung heuer keine Rede sein

konnte, wurde doch versucht, auch den Rechenunterricht so gut als

möglich im Sinne der Arbeitsschule zu gestalten. Da durfte im

Vordergrunde nicht die von außen diktierte, einem unfaßbaren Lehrzwecke

dienende Rechenaufgabe stehen, nicht der streng geregelte methodische

Aufbau, der von außen festgelegte Fortschritt von einem Rechenvorgang

zum andern und von einer Stufe zur andern -- sondern _Gelegenheiten zum

Beobachten und Entdecken_ mußte das Kind haben, damit es seine Kraft

erprobe und einem inneren Zwange gemäß darangehe, an den grobsinnlichen

Erscheinungen rechnerischen Problemen nachzuspüren.«

»Bei den Beschränkungen des Schulbetriebes war es eine dringende

Angelegenheit, das ganze Schulleben und alle Unterrichtsstunden auch für

diese Zwecke auszubeuten. Besonders wertvoll erwiesen sich folgende

_besondere Einrichtungen_:

1. _Das Illusionsspiel_ der ersten Schultage mit Stäbchen und Würfeln

vorne vor aller Augen auf einem großen, schräggestellten Rechenbrett.

2. _Die rhythmischen Verzierungen_ zeitweilig angebracht _an den

Überschriften der Tafellesestücke_. Die Bewunderung von Form, Farbe,

Regelmäßigkeit führte zur genauen Beobachtung für die Zwecke der

Nachahmung, zur Klarstellung rechnerischer Verhältnisse und zur ganz

selbständigen Bildung von Rechenaufgaben.

3. _Rechenkarten_, welche nach ähnlichen Gesichtspunkten ausgestaltet

waren und uns wochenlang interessierten und auf das fruchtbarste

beschäftigten.

4. Das _Einkaufen_ vorne auf dem großen Rechenbrett mit Münzen aus Papier

geschnitten, eine Arbeit, die völlig nach den Einfällen und Angaben der

Kinder geleitet war und eine unglaubliche Gewandtheit und Sicherheit im

Rechnen erzeugte.«

»Unter Verzicht auf alle methodischen Kunststücke, die ja den Kindern

nur das Denken ersparen, gab es keine vorausschauenden Erklärungen und

Entwicklungen von Rechenvorgängen, wie sie etwa im Rechenbuch beim

Überschreiten des Zehners angedeutet sind, keine typischen Zahlbilder,

kein geregeltes Finger- und Zählmaschinenrechnen.« (Ich gestatte mir

einzufügen: Quod licet Jovi; non licet bovi.)

»Mit der größten Selbständigkeit ohne Aufgabenstellung und aufdringliche

Hinweise erarbeiteten sich die Kinder am Wechsel der auftretenden

Erscheinungen des Schullebens einen Rechenvorgang um den andern. Jede

Stunde brachte Neues an Inhalt und Form. Das einzelne Kind eignete sich

immer zuerst das an, was es seinen inneren, in Entwicklung begriffenen

Spannkräften gemäß aufzunehmen imstande war. Die andern folgten, jedes

zu seiner Zeit, es war kaum ein halbes Jahr vergangen, als die ganze

Schar über das Ziel der 1. Klasse hinausdrängte, um in der Folge auch

weit darüber hinauszuwachsen.«

Für die zweite Klasse war der Zahlenraum 1 bis 100 vorgeschrieben. Eine

so mannigfaltige Veranschaulichung der Rechenvorgänge, wie in der ersten

Klasse, war nicht mehr nötig. Große und kleine Zählmaschinen, Schätzen

bei allen Beobachtungen, Messen und Zählen in der Werkstätte und im

Klassenraum, vor allem aber auch Kaufen und Abwägen von Waren an dem in

der Schule aufgestellten Kaufladen boten eine Fülle von konkreten

Übungen. Zum Messen konnten bereits Maßbänder und Meßapparate für

Flüssigkeitsmaße verwendet werden. Die Einrichtung des Kaufladens

bestand aus Tüten, die von den Kindern selbst hergestellt und mit

verschiedenen Waren gefüllt waren, aus einer zweischaligen Krämerwage

mit entsprechendem Gewichtsatz. Unter allergrößter Anteilnahme der

Kinder vollzogen sich die Rechenoperationen am Kaufladen. Sie wurden von

allen gemeinsam in der Bank mitgemacht mit Hilfe der im Vorjahre

gefertigten und mit gestanzten Kupfer- und Nickelmünzen gefüllten

Geldbörsen. Während nämlich draußen _vor_ den Bankreihen das Abwägen und

die Auszahlung von zwei Kindern ausgeführt wurde, hatten alle Kinder _in_

den Bankreihen mit Gewichtschablonen den Vorgang des Wägens nachzumachen

und ebenso mit Hilfe der zur Verfügung stehenden Münzen, die um einige

Fünfzigpfennig- und Markstücke in diesem Jahre vermehrt worden waren,

alle Rechenoperationen anschaulich nachzubilden. So entwickelten sich

leicht die grundlegenden Operationen des praktischen kaufmännischen

Lebens, wie es sich im Kleinhandel abspielt. Vorstellungen, wie das

Kilogramm als eine Einheit von 10×100 g, als eine Einheit von 2 Pfund

oder 4 halben Pfunden bildete allmählich jedes Kind ohne die geringste

Schwierigkeit. Auch die Zusammensetzung solcher Untereinheiten wie Pfund

oder Halbpfund aus Grammen wurde gut aufgefaßt und angewendet. (Im

dritten und vierten Schuljahre wurden alle Kinder mit Handwagen

ausgerüstet, um selbständige Wägungen, insbesondere von _würfelförmig_

geformten Stoffen aller Art und damit auch Materialvergleichungen

vornehmen zu lassen.)

c) =Schreiblesen, Lesen, Rechtschreiben, Erzählen.= In der ersten

Klasse kamen als Vorübung für das Schreiben in Anlehnung an M.

_Montessori_ geometrische Formen zur Verwendung, deren Umrisse von den

Kindern mit Bleistift zunächst umzogen wurden. Die so umgrenzte

Papierfläche war dann mit Farbstiften immer sorgfältiger auszufüllen.

Die Kinder wurden dadurch gewöhnt, den Umriß zu beobachten, bestimmte

Grenzen einzuhalten, verschiedene Formen des Umrisses aufzufassen und so

langsam die Schreibbewegungen der Hand beherrschen zu lernen, ohne daß

zunächst die Arbeit durch die Auffassung von schwierigeren

Buchstabenformen kompliziert wurde. Die Einführung in die einzelnen

Buchstaben erfolgte in früheren Jahren in der Weise, daß der Buchstabe

zunächst langsam und unter Beobachtung aller Bewegungen vorgeschrieben

wurde. Darauf hatten ihn die Kinder in dem von Stadtschuleninspektor

Schmied entworfenen Setzkasten auszusuchen, auf unliniertem Papier oder

unlinierten Schiefertafeln möglichst groß nachzuzeichnen, zu betasten

und mit den Fingern nachzufahren bis zur Geläufigkeit. Diesen Vorübungen

folgte die Darstellung der Buchstaben auf den großen Wandtafeln, welche

die drei Wandflächen des Schulzimmers bedecken, dann gemeinsame

Korrektur der auf den _zehn_ Wandtafeln von den Kindern gleichzeitig

geschriebenen Buchstaben und endlich erst die Darstellung und Einübung

der Buchstaben auf der Schiefertafel; Hand in Hand mit diesen Übungen

gingen die Lese- und Rechtschreibübungen. Die letzteren hielten

gewöhnlich folgenden Gang ein: Auf einer der großen Schultafeln wurden

von der Lehrerin in Druckbuchstaben neue Sätze zusammengestellt, die

Kinder übersetzten die Druckbuchstaben zunächst in Schreibschrift

mittels Setzkasten und schrieben dann erst auswendig die Sätze auf die

Schiefertafel oder ins Heft. Die Fibel war Mitte Mai vollständig

ausgelesen, so daß die Kinder die letzten zwei Monate bereits das

Lesebuch: »Blaue Blumen«, ein Buch für Mütter und Kinder, mit großem

Vergnügen benützten. Schwierigkeiten bereiteten hier im Anfang nur die

in kleinen Lettern gedruckten Erzählungen.

Ein gänzlich anderer Weg wurde im Schuljahre 1913/14 eingeschlagen. Die

in Deutschland übliche Schreiblesemethode geht, selbst wenn sie die

Normalwörtermethode zugrunde legt, von den einzelnen Buchstaben aus,

gibt diese in ihrer schwierigsten Form, der deutschen Fraktur, und in

vier verschiedenen Alphabeten (große und kleine Druckschrift, große und

kleine Schreibschrift) und übt dann allmählich das für viele Schüler

schwierige _Zusammenlesen_ der Buchstaben zu Wörtern.

Mein fast dreimonatiger Aufenthalt in den Vereinigten Staaten von

Nordamerika, währenddessen ich gegen 100 Volksschulklassen in den

verschiedenen Staaten des Nordens und Südens besichtigte, hat mich zu

meiner großen Überraschung belehrt, daß ein völlig anderer Weg zum

mindesten für die Einführung in die englische Sprache mit ihren ungemein

zahlreichen _ein- und zweisilbigen_ Wörtern gleich fruchtbar sein kann.

Obwohl das amerikanische Schulwesen alle seine früheren Anregungen aus

Europa bekam, so hat es unsere europäische Schreiblesemethode

vollständig abgelehnt, und obwohl jeder der 48 Staaten Nordamerikas

völlig autonom ist in der Gestaltung seines Schulwesens, so hat sich

doch die von mir beobachtete Methode in allen Staaten allgemein und ohne

jeden äußeren Zwang eingebürgert.

Die Methode gründet sich auf das _Wortbild_. Einzelne aus der praktischen

Tätigkeit der Schule entsprungene Sätze von 5 bis 6 Wörtern bilden den

Ausgangspunkt. Die Wortbilder werden als _Ganzes_, durch sinnreiche

Übungen und Spiele aller Art, eingeprägt. Dieser Einprägung kommt die

lateinische Blockschrift mit dem Mangel an Majuskeln innerhalb des

Satzes ungemein zustatten. Man betrachte nur einmal etwa daraufhin den

Satz:

+I lost my pen to-day+

mit der Darstellung in deutscher Fraktur und Sprache:

+Ich habe heute meine Feder verloren.+

Das Wortbild der lateinischen Blockschrift ist sehr viel formenärmer und

kann schon am ersten Tage des Unterrichts von den Kindern nachgemalt

werden, was der Einprägung sehr zustatten kommt. Sobald auf diese Weise

50 bis 60 Wortbilder im Gedächtnis des Kindes liegen, werden dem Kinde

bereits _ganze Erzählungen_ aus diesen Wörtern in Blockschrift vorgelegt,

in die nur da und dort ein neues unbekanntes Wort eingestreut ist,

_dessen Bedeutung das Kind aber aus dem ganzen Zusammenhang erschließen

kann_. Zu den so _selbst erarbeiteten_ Wortbildern werden dann wieder durch

neue Mustersätze aus dem Schulleben andere Wörter hinzugefügt, sehr oft

gleichlautende Reimwörter, und so vermehrt sich der Wortbildschatz immer

mehr. Allmählich, namentlich unter dem Einfluß der Reimwörter, vollzieht

sich _automatisch_ die Analyse des Wortbildes in Lautbilder von selbst,

und nach einem halben Jahre sind alle Kinder auch im Besitze sämtlicher

Lautbilder.

Inzwischen sind aber die Kinder an drei wesentliche Dinge gewöhnt

worden: a) beim Lesen vor allem auf den _Sinn des Satzes_ zu achten, ohne

welche Achtsamkeit _ja neue_ Wortbilder nicht erfaßt werden konnten; b)

sich stets nur _Wortbilder_ einzuprägen, anstatt sich _gedächtnismäßig_ die

Orthographie des Wortes durch die Reihenfolge des Buchstabens zu merken;

c) das Wortbild mit einem Schlage aufzufassen und nicht mühsam aus der

Buchstabenfolge zusammenzulesen. Vor allem aber sind sie schon sehr viel

früher als unsere Kinder in den Stand gesetzt, ganze Geschichten zu

lesen und so aus der _Lesefreudigkeit_ heraus die Schwierigkeiten des

Lesens überwinden zu lernen. Die Einführung in die Schreibschrift

erfolgt ganz unabhängig von der Einführung ins Lesen, das möglichst

beschleunigt wird; nur das Nachmalen der höchst einfachen

Druckbuchstaben der lateinischen Blockschrift geht parallel.

Die Methode ist bereits äußerst sorgfältig ausgebaut, und eine sehr

interessante ausgedehnte Literatur von »first reading-books«, von ersten

Lesebüchern, unterstützt sie. Weiter darauf einzugehen, ist hier nicht

möglich. Ob die Methode auch für die deutsche Sprache gleich fruchtbar

ausgenutzt werden kann, muß ausprobiert werden. Zwei der Lehrkräfte der

Versuchsschule, Herr _Brückl_ und Frl. _Merxmüller_, haben sie mit großer

Wärme und Begeisterung und mit tiefem Verständnis versucht. Ich möchte

den Bericht von Fräulein Bertha Merxmüller hier zur weiteren Anregung

zum Abdruck bringen. Die reichen Erfahrungen, die Herr Brückl gemacht

hat, wird er wohl in einer eigenen Arbeit veröffentlichen. Zum Bericht

des Fräulein Bertha Merxmüller, die im Schuljahre 1915/16 freiwillig die

erste Klasse übernahm, bemerke ich, daß der Mangel an Räumen, der durch

die Ablassung von mehr als der Hälfte aller Schulgebäude an die

Militärverwaltung herbeigeführt war, uns genötigt hat, in den meisten

ersten Klassen und auch in der Versuchsklasse die Unterrichtszeit auf

_wöchentlich 12 Stunden_ festzusetzen. Der Bericht gibt auch deutlich ein

Bild davon, was Arbeitsunterricht im Schreiblesen heißt. Ich gebe zuerst

die Erfahrungen im _Leseunterricht_.

a) =Meine Bilderbogen=. »Es waren einfache kindertümliche

Darstellungen mit klaren Texten in Antiqua für die Stufe des scheinbaren

Lesens als _Ausgang und Grundlage für die erste Lesetätigkeit_. Auf dem

Wege des Vergleichens werden die Übungswörter des Textes wiedererkannt,

wenn sie auf der Tafel in anderer Reihe auftreten, bis sie, zur

lebendigen Rede gefügt, als Ausdruck für kleine gemeinsame Erlebnisse

gelten und als solche erfaßt werden können.«

»In der unterhaltsamen Beschäftigung mit diesen Bilderbogen sah ich die

Erfahrung der Kinderstube bestätigt, daß sich Kinder gerne und leicht

einprägen, was in ihren Bilderbüchern bei den geliebten Bildern steht.

Das von der Spielwelt herübergenommene Interesse verstärkte sich durch

die Wichtigkeit der ersten Schularbeit, und es entstand jene

_Vertrautheit mit den Lautzeichen_, die den Sinn immer eindringlicher auf

die Elemente und ihre Beziehungen lenkt, das Lautbewußtsein schafft und

später ein Kind nach dem andern, jedes zu seiner Zeit, ohne

aufdringliche Hinweise, nur einem inneren Zwange gemäß, zur Lautanalyse

führt und zum synthetischen Lesen.«

b) =Meine selbstgeschaffenen Lesestoffe=. »Sie wollten sowohl

sprachlich wie inhaltlich der kindlichen Entwicklung so viel als möglich

Rechnung tragen und die Tatsache berücksichtigen, daß fremde

Sprachinhalte und fremde Sprachformen den Leselernprozeß benachteiligen

müssen, weil er doch die ganze Aufmerksamkeitsenergie für sich

beansprucht.«

»Abgelauscht den sprachlichen Äußerungen der Kleinen, wirkten die

meisten meiner selbstgeschaffenen Lesestoffe durch die persönlichen

Beziehungen ihres _tatsächlich und meist gemeinsam erlebten Inhaltes_,

eines Inhaltes, der unbedingte Teilnahme oft bis zum jubelnden Beifall

erzeugte und die ganze Lese-Lernarbeit natürlich und anregend

gestaltete.«

»Die kleinen Lebensausschnitte wurden den Kindern in der _Form von

Leseblättern und Tafelstücken_ geboten, wodurch sie der psychologischen

Beschaffenheit des Kindes noch weiter durch den _Reiz des Neuen_ und der

_Abwechslung_ entgegenkamen und als _kleine abgerundete Ganze_ der leichten

Ermüdbarkeit des Kindes gerecht wurden.«

»Ungezwungen bereits geübte Wortbilder immer wieder zur Wiederholung

bringend und darin etliche neue versteckt zur vergnüglichen Lösung --

bedeutete Stück für Stück eine _mühelose, lustvolle Anwendung und

Sicherung des Gelernten, wie auch ein wohlerwogenes Maß von

Schwierigkeiten_, der kindlichen Kraft zur frohen Betätigung zugeteilt.«

»Das bewegte Innehalten, wenn in der Lesearbeit der Sinn aufging, die

Situation erfaßt wurde und Selbsterlebtes zum greifbaren Bilde sich

gestaltete, war der Beweis, daß _die Kleinen im besten Sinne Lesen

lernten_, trotz technischer Schwierigkeiten und äußerer Ablenkung, Lesen,

d. h. Schätze heben. Sie hatten ihre helle Freude, daß sich das alles so

schön lesen und schreiben ließ, ergötzten sich staunend an den eigenen

Ausdrücken und den Wendungen, die ihnen vom täglichen Leben her so

geläufig waren, wollten gleich noch was dazu erzählen, mußten gleich

noch was fragen und wollten es dann gleich nochmal lesen, weil es 'gar

so schön', 'so echt', 'so nett' war, 'zum Totlachen', 'eine Gaudi', weil

es 'ganz wahr' war.«

»Diesen oder jenen Ausdruck möchten sie bei dieser Gelegenheit gleich

auch noch geschrieben sehen; einer kann aus dem Wort an der Tafel gleich

selbst ein anderes machen, braucht nur was wegtun oder was hinsetzen,

gleich heißt es dann anders. Und sie freuen sich alle über die gelungene

Veränderung und lassen nicht mehr los und gehen ihre Entdeckerwege

weiter und wollen unaufhörlich schaffen und gestalten. _Viel

Schaffenskraft von lebendigem Interesse geweckt_ mußte da wegen des

beschränkten Kriegsbetriebs oft gewaltsam zurückgedrängt werden. Auf

keinen Fall kam in diese Leselernstunden gähnende Langeweile oder

qualvolle Mühe. Es waren sehr interessante, höchst vergnügliche

Stunden.«

In gleich erfreulicher und belehrender Weise lautet der Bericht über die

Erfahrungen im _Schreibunterricht_.

»Auch hier war ich in allererster Linie bestrebt, nach dem Gesetz von

der _Isolierung der Schwierigkeiten_ nicht plötzlich mit allen

Schwierigkeiten auf einmal zu beginnen, sondern im allmählichen

Fortschreiten ein Hindernis nach dem andern zu überwinden.«

»Dabei ging ich von der Annahme aus, daß die Schriftformen um so mehr

Ausdruckskraft werden vermissen lassen, _um so gezwungener und gequälter_

ausfallen müssen, sich um so weniger frei werden entwickeln können, _je

mehr Vorschriften das Kind beengen_ und je mehr Gesetze es binden.«

»Als solche _Hemmnisse_ erkannte ich alle Einengungen, die das _Gerät_,

insbesondere die spitze Feder, verursacht, -- dann eine für alle

gleichmäßig von vornherein vorgeschriebene _Handhaltung_, -- die starre

_Unabänderlichkeit der Formen_ und das Verlangen, jede Schriftform auf

eine gewisse Art und in einer bestimmten Reihenfolge zur Darstellung zu

bringen, -- endlich die _Liniatur_.«

Begriff der Arbeitsschule · 第 7 / 10 段