a) In jedem Unterrichtsgebiet hat die Methode des Unterrichts, soweit

das Bildungsgut es erlaubt, den Weg der _Erarbeitung_ des Bildungsgutes zu

gehen, und dieser Weg ist durch die geistige Struktur des Bildungsgutes

vorgezeichnet.

b) Gehören zu den notwendigen Bildungsgütern einer Schule auch

technische Bildungsgüter, so hat die Schule auch einen besonderen

Arbeitsunterricht als Fach einzugliedern. Dies ist vor allem für die

Volksschule unerläßlich.

c) Da moralische Eigenschaften nur innerhalb der sozialen Güter

erarbeitet werden können, so ist für die Organisation aller Schulen das

Prinzip der Arbeitsgemeinschaft überall, wo es sich durchführen läßt,

ein Grundprinzip.

Die Forderung der Charakterbildung selbst ohne Rücksicht auf ihre

ethische Richtung, vor allem die Bildung der Stärke und Festigkeit des

Willens, der Klarheit des Urteils, ließ uns zunächst die _Notwendigkeit

von Freiheit und Mannigfaltigkeit der Betätigung_ auf allen

Unterrichtsgebieten erkennen. Sie zeigte uns, daß auf allen Gebieten des

_durch eigene Erfahrung erwerbbaren Wissens_ die bisher begangenen

Unterrichtswege in Wege der persönlichen Beobachtung und Erfahrung

umzuwandeln sind, daß aber dieses Arbeitsprinzip, soweit es der

manuellen Betätigung bedarf, nicht mechanisch auf die Unterrichtsgebiete

des _nur durch Überlieferung erwerbbaren Wissens_ übertragen werden darf.

Sie lehrte uns weiter, daß der manuelle Arbeitsunterricht als Prinzip,

sofern er nicht bloß der oberflächlichen Veranschaulichung, sondern auch

der Charakterbildung dienen und ihr nicht direkt gefährlich werden soll,

unwiderstehlich einen manuellen Arbeitsunterricht als Fach verlangt und

damit auch an den Knabenabteilungen unserer deutschen Schulen einen

neuen Typus von Lehrern, den technisch gebildeten Lehrer.

Endlich aber lehrt sie uns ein Letztes und Wichtigstes. Zu den Wurzeln

der Charakterbildung gehört vor allem auch die Ausbildung der

Urteilsklarheit, oder, was das gleiche ist, der logischen Denkfähigkeit.

Sie ist nur erreichbar durch _selbständige geistige Arbeit_. Die

selbständige geistige Arbeit ist noch mehr ein Kennzeichen der

Arbeitsschule wie die selbständige manuelle Arbeit. Nur hat sie in der

Volksschule die allerbescheidensten Grenzen und selbst innerhalb dieser

können noch viele nicht genügend gefördert werden. Sie ist trotzdem das

_wesentliche_ Merkmal der Arbeitsschule, da ja auch die manuelle Arbeit zu

selbständiger geistiger Tätigkeit schon im Rahmen der Volksschule

anregen soll. Die selbständige geistige Arbeit verlangt aber möglichstes

Zurückdrängen der alten Formen der Überlieferung von Wissen zugunsten

aktiver Erarbeitung des Wissensstoffes überall da, wo und soweit es

möglich ist. Dazu ist eine wesentliche Verminderung des gesamten

Unterrichtsstoffes, weiterhin die Einführung von geeigneten _geistigen_

Arbeitsstätten und Bibliotheken für Geschichte, Geographie, Naturkunde

und Raumlehre, endlich eine entsprechend geistige Schulung der

seminaristischen wie technischen Lehrer unbedingt notwendig. Die

Gewohnheiten des empirischen Denkens in Gewohnheiten logischen (oder,

was das gleiche ist, wissenschaftlichen) Denkens umzuwandeln, das ist

ein Grundmerkmal der Arbeitsschule, wie es eine Grundforderung der

Charakterbildung ist.

Insoweit unsere höheren Schulen diese schwierigste aller

Erziehungsaufgaben erfüllen, sind sie von selbst echte und rechte

Arbeitsschulen. In der Fähigkeit, immer größere Gedankenketten mit

logischer Strenge aneinanderzureihen zwecks Lösung geistiger Probleme,

besteht das Wesen der sogenannten formalen Bildung. Nur vergessen wir

immer, daß diese Fähigkeit sich nicht bloß dann zeigen soll, wenn wir am

Schreibtisch in kühler Ruhe wissenschaftliche Fragen zu untersuchen

haben, sondern vor allem auch im praktischen Verkehr mit den Menschen,

wenn Vorurteile, Eitelkeit, Ehrgeiz, Leidenschaft die Wege unseres

Denkens zu verlegen versuchen, wenn wir vor ganz unerwarteten

Ereignissen stehen und plötzliche Entschlüsse nötig sind, wenn Liebe,

Zuneigung, Freundschaft die kühle geistige Energie zu lähmen suchen.

Die Erzeugung einer solchen _Freiheit_ unserer logischen Fähigkeiten

erfordert ganz andere Einrichtungen als die bloße Beschäftigung mit

Algebra oder Geometrie, mit Griechisch, Latein, Französisch oder

Englisch. Daß diese Einrichtungen an unseren deutschen höheren Schulen

fehlen, darin liegt eben ihr großer Mangel, und an diesem Mangel leiden

nicht bloß die vielgeschmähten Gymnasien, sondern auch die

vielgepriesenen Oberrealschulen. Ja die letzteren leiden meines

Erachtens so lange noch in einem höheren Grade darunter, als ihre

übermäßige Stoffüberladung die Schüler nicht einmal in der Ruhe der

Studierstube zu festen Gewohnheiten des logischen Denkens in genügender

Weise kommen läßt.

In der intensiven Beschäftigung besonders mit den alten Sprachen steckt

ein ganz hervorragendes Stück Arbeitsschule für alle, deren angeborene

oder anerzogene Interessen vom _Inhalt_ der alten Schriftsteller erfaßt

werden. In keiner Güterreihe ist die tatsächliche _Erarbeitung_ des

Kulturgutes eine so selbstverständliche und kaum zu verfehlende

Unterrichtsmethode als in der Reihe der fremdsprachlichen Kulturgüter,

in der Übersetzung dichterischer, philosophischer, historischer Werke.

Daß diese Arbeitsschule so oft nicht erfolgreich ist, hängt nicht wenig

davon ab, daß der Betrieb des Unterrichtes diese Interessen nicht nur

nicht zu entwickeln weiß, sondern vielfach direkt tötet. Ich spreche

hier aus langer Erfahrung, nicht bloß aus Schülererfahrung, sondern noch

mehr aus der Erfahrung als Lehrer am humanistischen Gymnasium. Es gibt

tatsächlich wenige Schüler, die nicht ein natürliches Interesse für die

Erzählungen Homers, für die Metamorphosen Ovids, für die lebendigen

historischen Schilderungen Sallusts, für die Dramen des Sophokles, für

die Oden, Episteln und Satiren des Horaz, für die Germania oder für die

Annalen des Tacitus haben. Aber wenn, sei es, daß die sprachliche

Entwicklung der Schüler noch nicht weit genug gefördert ist, sei es, daß

zu vielerlei durcheinander getrieben wird, die Lektüre solcher Werke

sich über viele Monate, ja über ein ganzes Jahr oder gar deren zwei

hinzieht, dann erlahmt selbst bei gutem Unterricht naturnotwendig das

Interesse, und nur eine ganz selten große Lehrpersönlichkeit kann die

kaum mehr glühenden Kohlen durch ihr eigenes Feuer immer wieder

anfachen. Mit dem Erlahmen des Interesses am Inhalt aber verliert das

Werkzeug der klassischen Sprache des Altertums den besten Teil seiner

Kraft nicht bloß für die Erarbeitung des geistigen wie ästhetischen

Gesamtbildes eines Werkes, sondern auch in Hinsicht auf die Schulung zum

logischen Denken. Ist vollends der Lehrer auch noch ein langweiliger

oder sonstwie ungeeigneter Mensch, dann regiert die hier zu leistende

Arbeit höchstens noch der eiserne Zwang und die Furcht vor

unvermeidlichen Folgen, und der scharfe logische Sinn der Schüler ist

nicht mehr auf die schwierigen Stellen seiner Klassiker gerichtet,

sondern lediglich noch darauf, wie er auf bequeme aber sichere Weise dem

Zwang und der Langeweile entgehen kann. Das ist freilich auch eine

logische Schulung, aber eine höchst ungewollte und unmoralische.

Es gibt wirksame Mittel, diesen Gefahren zu entgehen. Das eine wäre,

jedes Werk unter Ausschaltung aller anderen gleichzeitigen Lektüre der

nämlichen oder auch einer zweiten oder dritten Sprache, also unter

Zuhilfenahme der ganzen den sämtlichen sprachlichen Zwecken eingeräumten

Unterrichtszeit, die eine Woche bietet, so _rasch_, als es das scharfe

Erfassen des Inhalts gestattet, _vollständig_ durchzuarbeiten. Ist das

Werk zu umfangreich, so müssen einzelne Teile in Übersetzung ganz oder

auszugsweise vom Lehrer gegeben werden. Alles liegt daran, es in

möglichst kurzer Zeit bis zum Schlusse zu lesen. Je jünger der Schüler

ist, je kurzfristigere Ziele also das Interesse hat, desto wichtiger

wird diese Forderung. Eine Lektüre der Odyssee, die sich über zwei oder

gar drei Jahre erstreckt, trägt schon den Todeskeim in sich. Muß jeder

Schüler jeden Vers präparieren? Können nicht Gruppen von Versen immer

verschiedenen Schülern zugewiesen werden? Kann nicht der Lehrer selbst

gewisse Gruppen übernehmen? Sollte nicht hier der Platz sein, den

Gedanken der Arbeitsgemeinschaft in Aktion zu setzen? Machen nicht

freiwillige Schülerkränzchen schon längst das gleiche? Glaubt irgendein

Schulmann, daß ein solcher literarischer Schülerverband auch nur ein

halbes Jahr zusammenhalten würde, wenn er die literarische Kost eines

Klassikers wochenweise in Teelöffelportionen einnehmen müßte wie der

Kranke eine Medizin? Sobald die Homerlektüre beginnt, würde ich die

lateinische Lektüre beiseite legen. Was schadet es, wenn vier bis fünf

Monate hindurch Rom schweigt, solange Griechenland redet? Rom kann doch

nachher um so besser wieder zu Worte kommen. Ich bin überzeugt, daß vor

hundert und mehr Jahren, als die Schulbureaukratie noch nicht so

entwickelt war wie heute, die lateinischen Schulen in der Mehrzahl nur

auf diese Weise die alten Klassiker gelesen haben.

Ein zweites wirksames Mittel ist: der obligatorische stille _literarische

Vormittag_. Am alten Gymnasium in Frankfurt hat er noch, wie mir

Geheimrat Risser, ein ehemaliger Schüler dieses Gymnasiums, mitteilt,

bis zum Jahre 1873 existiert. Jede Woche kamen die Schüler der Prima

einen vollen Vormittag im Lesesaal des Gymnasiums zusammen, um nach

freier Wahl sich der zusammenhängenden Lektüre eines Werkes der alten

Klassiker hinzugeben. Abwechselnd führten Lehrer und Rektor der Anstalt

die Präsenz. Referate vor der Klasse über den Inhalt des Gelesenen

schlossen die Arbeiten des einzelnen ab. Der Besuch des Lesezimmers war

ebenso eine Pflicht, wie der Besuch des übrigen Unterrichts. Es ist mir

durchaus verständlich daß ein solches Unternehmen von Haus aus einen

ganz anderen Betrieb des Sprachunterrichts schon voraussetzt, als wir

ihn heute vielfach finden. Die Interessen der Schüler mußten von

vornherein für eine solche Arbeit gewonnen sein, sonst ergäbe sich aus

einer solchen Einrichtung nur eine Reihe verlorener Vormittage. Daß ein

solcher Vormittag möglich und erfolgreich ist, ist ein sehr viel

besserer Beweis für die Güte der Anstalt als alle Ergebnisse von

Absolutorialprüfungen. An solchen Schulen kann man auch die

Beschäftigungsmöglichkeiten erweitern. Es wäre durchaus zulässig, in den

beiden Primen die Lektüre der Schüler auch auf die deutschen Historiker

und Dichter, auf die moderne Wirtschaftsgeschichte, auf die allgemeine

Staatslehre oder ähnliches auszudehnen, je nach den frei ausgesprochenen

Neigungen der Schüler. Die Hauptsache ist, daß das Gymnasium jedem

seiner Schüler Zeit gibt, einer Lieblingsneigung nachzugehen, welche

nicht bloß das logische Denken fördert, sondern auch die Seele mit

wertvollem Inhalt versieht, und daß es, wie die alte Frankfurter Schule,

diese Beschäftigung in vornehmer Weise überwacht. Zum Wesen der

Arbeitsschule gehört die Erzeugung von überschüssiger Arbeitsfreude. Ob

die höheren Schulen diesen Ehrentitel der Arbeitsschule verdienen, das

erkennen wir daran, daß ihre reiferen Schüler nicht bloß die Lust,

sondern auch die Zeit finden, sich freiwillig mit wissenschaftlichen

Arbeiten gemäß ihren Neigungen zu beschäftigen.

Mit diesen Betrachtungen über die selbständige geistige Arbeit an Volks-

und höheren Schulen sind für mich die notwendigen Merkmale des Begriffes

der Arbeitsschule erschöpft. Man erkennt, daß die neue Schule weder einen

Bruch mit der Vergangenheit bedeutet, noch Undurchführbares verlangt, und

daß all das Gute, was uns die bisherige Schule gegeben hat, reichlich Platz

findet im Rahmen der zukünftigen Entwicklung. Was sonst von der neuen

Schule verlangt werden mag, entspringt Forderungen der Didaktik.

Didaktische Fragen sind aber zum größten Teil Fragen der Logik, zum andern

Teil Fragen der Kinderpsychologie, zum dritten Teile Fragen, die von

räumlichen, zeitlichen und wirtschaftlichen Verhältnissen abhängen und von

den Bildungszwecken, welche die Gemeinschaft mit der einzelnen Schule

verfolgt. Dabei fasse ich »Didaktik« in einem viel weiteren Sinne als im

Sinne der bloßen Lehre eines Unterrichtsvorganges. Ich kann nicht auf alle

diese didaktischen Forderungen eingehen. Nur eine einzige will ich noch

beleuchten, die Frage der Konzentration des ganzen Schulbetriebes. Im

Prinzip ist sie für mich gelöst in der Forderung, daß die Schule eine

Vorbereitungsanstalt sein soll für den zukünftigen Beruf des Zöglings. Das

kann freilich sehr wenig bedeuten, wie in den Volksschulen der großen

Stadt, wo die Schüler einer Klasse allen möglichen manuellen Berufen

zuwandern, die überdies von vornherein gar nicht bekannt sind; es kann aber

auch sehr viel bedeuten, wie in kleinen reinen Landgemeinden, wo Knaben wie

Mädchen dem Beruf des Landwirts bzw. der Hauswirtschaft entgegenwachsen.

Daß Konzentration eine wesentliche Voraussetzung alles Erfolges ist, weiß

jedermann. Aber nicht jene äußerliche Konzentration der Lehrplanschneider,

sondern jene innere, die in einem und demselben Zeitabschnitt ihre

Tätigkeit auf möglichst wenige Dinge richtet. Geradezu eine Verirrung der

Konzentrationsidee aber ist es, die gegenwärtig landläufigen

Unterrichtsfächer als Bildungskanäle überhaupt aufzugeben und den gesamten

Wissensstoff in ein ganz willkürlich geordnetes System zu bringen. Alles

menschliche Wissen hat sich im Laufe der Kultur von selbst in geschlossene,

wohlgegliederte Reiche gespalten, genötigt durch die Organisation unserer

psychischen Funktionen. Nur in der dem jeweiligen Wissensstoff inhärenten

Gliederung entfaltet er die ihm eigentümliche Bildungskraft. Nur in der

geistigen Struktur der Wissenschaftsgüter, wie aller Güter überhaupt,

liegt ihr immanenter Bildungswert.

Nur indem der Geist der Schüler an dieser Struktur sich emporarbeitet,

sofern dies seiner geistigen Veranlagung nach möglich ist, wird dieses

Gut zu einem Bildungswerkzeug für ihn und verhilft ihm, die Gewohnheiten

des logischen Denkens und die für die Charakterbildung notwendige

Klarheit des Urteils zu entwickeln.

Diese übersichtlichen und durchsichtigen Kristallgebäude mit ihrer

gesetzmäßigen Führung der Lichtstrahlen der Erkenntnis für

Unterrichtszwecke zu zertrümmern und an ihre Stelle das diffuse Licht

ihrer Scherbenhaufen zu setzen, das bringt nur der fertig, der keine

Vorstellung hat von der Bildungskraft eines selbsterarbeiteten Systems

geschlossener Erkenntnis. Selbst für den fachlichen Arbeitsunterricht

ist der Unterrichtsgang zunächst durch sein eigenes Wesen bestimmt. Es

kann keinen pädagogischen Sinn haben, den im Interesse einer immer

stärkeren Willenszucht und einer immer sicherer werdenden Ausübung der

elementaren mechanischen Arbeitsprozesse wohlgeordneten Gang seiner

systematischen Entwicklung zu unterbinden, um eine sogenannte

Konzentration mit allen übrigen Unterrichtsgebieten herzustellen. Nie

darf diese Konzentration die ruhige Entwicklung gewisser später

notwendiger Fertigkeiten stören. Das schließt natürlich durchaus nicht

manuelle Betätigung in den sonstigen Unterrichtsbetrieben aus,

ebensowenig wie der systematische Gang des Zeichnens, der gleichfalls

ohne Rücksicht auf andere Fächer seine eigenen psychologisch fundierten

Wege gehen muß, es ausschließt, daß aller Unterricht sich auch der

graphischen Darstellung vom ersten Tage an als Ausdrucksmittel bedient.

Damit steht die Entwicklung unserer zukünftigen Schule in ihren

wesentlichen Zügen klar genug vor unserem Auge. Ich habe nicht das

Gefühl, daß wir, indem wir mit unserer ganzen Kraft dieser Entwicklung

die Wege bahnen helfen, revolutionäre Neuerer sind. Ich habe im

Gegenteil das Gefühl, daß wir alten, uralten pädagogischen Forderungen

zum endlichen Siege verhelfen, indem wir streben, in unseren

öffentlichen Volksschulen auch jenen ungeheuren Massen Bildung zu geben,

für welche die ausschließlich geistige Arbeit kein Bildungsmittel sein

kann. Was wir über eine notdürftige Einführung in den selbständigen

Gebrauch von Schrift- und Zahlzeichen hinaus gegenwärtig diesen Massen

geben, das ist nicht _Bildung_, sondern _Bildungslack_, der sehr bald reißt

und springt und bei der überwiegenden Zahl der Schüler innerhalb weniger

Jahre sich vollständig abbröckelt. Denn ein Wissen, zu dessen

Erarbeitung keine aus praktischer oder geistiger Arbeit erwachsenden

Probleme, mögen sie auch allereinfachster Art sein, den Schüler _drängen_,

nach dem also kein innerliches Bedürfnis im Schüler vorhanden ist, das

geht ebensowenig mit der Seele eine Verbindung ein wie der Asphaltlack,

der auf eine Glasplatte gestrichen wird.

Was heute von uns so heiß und mit aller Klarheit erstrebt wird, war vor

hundert Jahren schon von allen pädagogischen Köpfen schmerzhaft vermißt.

In _Fichtes_ Nachlaß, Band III, Seite 260 (Bonn 1834) finde ich folgende

drastische Darstellung seiner Empfindung: »Kaum entwickelt sich des

Kindes Organ zu dem ersten Lallen und bietet so unserer harrenden

(Erziehung-)Kunst eine Blöße, so erhält es Worte statt der Dinge und

Redensarten statt der Empfindungen. Bald werden ihm die _lauten_ Worte,

ein der Anschauung noch immer zu nahe liegendes Schema, in _tote

Buchstaben_ verwandelt, bis durch Geläufigkeit auch diese ihre festen

Formen verlieren und die Kinder in einem Meere von ungeformtem

Buchstabenelement, als ihrer eigentlichen Welt, schwimmen.... Die

höchste Kunst der Erziehung ist dann die, ja auf keinem Schatten

niederer Potenz den Zögling einen Augenblick verweilen zu lassen ...,

sondern ihn schnell zum Schatten des Schattens und zum Schatten wiederum

des letzteren und so immer weiter fort zu treiben.... Auf diese Weise

ist dann der Generation nur noch eine Nebel- und Schattenwelt ohne

irgendeinen sie tragenden Kern _von Anschauung_, _Wahrheit und Realität_

übrig geblieben.«

Vor allem habe ich das Gefühl, daß wir in unseren Bestrebungen ganz im

Geiste dessen handeln, der so viel gepriesen und so wenig verstanden

wird, der uns in Lienhard und Gertrud, in den Briefen an Heinrich Geßner

und besonders im Schwanengesang so oft gelehrt hat, daß nur »die Arbeit

in der das Kind umgebenden Welt« der elementaren Volksschule ihre

Bildungskraft gibt. Ja, ich wage es zu sagen: Ohne daß diese Worte sich

genau so in seinen Werken finden, war Pestalozzi der felsenfesten

Überzeugung, daß die Berufsbildung die Pforte der Menschenbildung ist.

Drei Generationen sind seit seinem Tode dahingegangen. Noch immer harrt

sein Werk der Vollendung. »Ich glaube es aussprechen zu dürfen,« sagt

er in seiner Rede an sein Haus am 12. Januar 1818, »das Jahrhundert, bei

dessen Anfang unsere pädagogischen Nachforschungen begonnen, wird noch

an seinem Ende die ununterbrochene Fortsetzung unserer Anstrengungen in

Händen von Männern sehen, die ihre Ansichten und Mittel den vereinigten

Kräften unseres Hauses danken.« Der Flugsand der Gedankenlosigkeit hat

Berge über Wahrheiten geschüttet, die einst das Herz des unermüdlichen

Forschers nach Menschenbildung erfüllten. Aber wirkliche Wahrheiten

steigen immer wieder wie Geister aus ihren Grüften auf und wandern umher

und beunruhigen die Herzen der Menschen, bis sie endlich Erlösung und

Ruhe finden in der Verwirklichung des realen Lebens. Wir alle, die wir

mit wissenschaftlichem Ernst und hingebender Energie einer

Schulorganisation die Wege bahnen, die dem Vater der Volksschule vor

Augen schwebte, bringen diesen Geistern die ersehnte Erlösung.

Vielleicht wird dann das Ende des 20. Jahrhunderts das in Vollendung

schauen und genießen, was er am Anfang des 19. Jahrhunderts in heißen

Kämpfen und in bitterer Not seiner Erkenntnis abgerungen hat.

ANHANG

EIN ORGANISATIONSBEISPIEL FÜR STÄDTISCHE VOLKSSCHULKLASSEN

1. VORBEMERKUNGEN

Die Arbeitsschule im Geiste der vorstehenden Entwicklung ist in München

in der gesamten Fortbildungsschule vollendet, in den obersten Klassen

der Volksschule für Knaben und Mädchen angestrebt und teilweise

durchgeführt. Für die systematische Durchführung in den übrigen Klassen

der Volksschule war nur die königliche Schulbehörde zu haben; die

städtischen Kollegien dagegen haben die relativ wenigen hierzu nötigen

Mittel auf Antrag eines Lehrers verweigert. Nur für die Bildung zweier

Versuchsreihen von je vier aufsteigenden Klassen haben sie im Jahre 1910

Mittel bereitgestellt. Die eine Reihe sind vier aufsteigende reine

Knabenklassen, die andere Reihe vier aufsteigende, aus Knaben und

Mädchen gleichmäßig gemischte Klassen. Eine dritte Reihe von reinen

Mädchenklassen wurde nicht genehmigt. Aber auch die genehmigten

Versuchsklassen konnten noch nicht das Ideal der Arbeitsschule

verwirklichen. Sie waren gebunden an den offiziellen Lehrplan der

normalen Schulklassen und hatten nur innerhalb seiner traditionellen

Fächer Bewegungsfreiheit im Dienste der Arbeitsschulidee. Nur vier Jahre

konnten sich die Versuchsklassen entfalten, gerade lange genug, um das

nachfolgende Bild gewinnen zu lassen. Die Kriegsjahre erlaubten dann nur

mehr wenige Klassen durchzuführen; der trostlose Friede wird auch diesen

wenigen Klassen ihr Ende bereiten, wiewohl ich den ganzen Versuch in die

Hände der Münchner Lehrerschaft mit meinem Ausscheiden aus

dem Dienste gelegt habe.

Die Ablehnung einer Durchführung im großen Stil, wie bei der

Fortbildungsschule, war teils auf die -- wie wir nachher sehen werden --

unbegründete Furcht vor zu großen Ausgaben, teils vielleicht auch auf

die berechtigte Sorge um die Erhaltung von Bildungswerten der heutigen

Buchschule zurückzuführen. Diese Sorge war vielleicht veranlaßt durch

die teilweise freilich recht verkehrten Vorschläge, welche die Literatur

über die Arbeitsschule gebracht hat, und durch die tatsächlichen

mißverständlichen Auffassungen vom Wesen der Arbeitsschule, wie sie in

ganz Deutschland beobachtet werden konnten.

Ich betrachte die Ablehnung, sofern nur die Versuchsklassen in Zukunft

ernstlich gefördert werden, nach ruhiger Überlegung als kein Unglück

mehr. Denn der Geist der Arbeitsschule verlangt eine wesentlich andere

Lehrerbildung als die heutige. Solange die Lehrer selbst noch in

Buchschulen erzogen werden, werden es immer nur wenige sein, die aus

eigener Kraft in das Wesen der Arbeitsschule eindringen. Sind aber die

Lehrerseminare erst einmal vom Geiste der Arbeitsschule erfüllt, dann

wird sich dieser Geist unwiderstehlich auch in der Volksschule Bahn

brechen. Denn die zur Durchführung nötigen Mittel sind nicht so groß,

daß sie ein wesentliches Hindernis bilden könnten. Dies zeigt die

Organisation der Versuchsklassen, die gegenwärtig in München im Gange

sind, und die ich in Kürze nun hier schildern will.

Begriff der Arbeitsschule · 第 5 / 10 段