Aber Arbeitsunterricht als Prinzip und Arbeitsunterricht als Fach gehören

zusammen wie Griff und Klinge des Messers. Überall, wo die Förderung des

technischen Ausdrucksvermögens zum Unterrichtsprinzip erhoben wird, ist die

entsprechende technische Schulung eine unabweisbare Notwendigkeit.

_Manuellen_ Arbeitsunterricht überhaupt abzulehnen, ist konsequent, wenn

auch unpsychologisch; ihn aber als methodisches Prinzip zuzulassen, dagegen

als Fach zu verdammen, das ist gedankenlos. Seit Pestalozzi ist Pflege des

sprachlichen Ausdrucksvermögens sowohl Unterrichtsprinzip als

Unterrichtsfach. Die Forderung »jede Stunde eine Sprachstunde« würde wenig

Zweck haben, hätte die Schule nicht zugleich besondere Fachstunden für die

Schulung des sprachlichen Ausdruckes. Wir fordern nicht bloß Korrektheit

der mündlichen und schriftlichen Ausdrucksweise in allen

Unterrichtsstunden, wir widmen außerdem einem besonderen _fachlichen_

Sprachunterricht eine recht beträchtliche Unterrichtszeit. Der von mir vor

vielen Jahren aufgestellte und jetzt allgemein gebilligte Satz: »kein

Sachunterricht ohne Zeichnen« würde für die Entwicklung der graphischen

Ausdrucksfähigkeit und des ästhetischen Sinnes geradezu verhängnisvoll

werden, hätten wir nicht zugleich auch einen rein fachlichen

Zeichenunterricht, der im Schüler systematisch gewisse technische

Fertigkeiten erzieht, ohne welche sein Ausdrucksvermögen höchst stümperhaft

bleiben müßte. Würden wir Rechnen bloß als Unterrichtsprinzip anerkennen

ohne besondere technische Übungen im Rechnen, wir würden bald die

Erfahrung machen, daß der verschwommene Inhalt der so gewonnenen

Zahlvorstellungen sie mehr und mehr untauglich macht zur Aufhellung

sachlicher Begriffe. Unsere Mädchenreigen in den Oberklassen der

Volksschule werden ohne systematische Übungen, welche erst dem Willen die

Macht geben, das Muskelspiel zu beherrschen, ewig auf dem Niveau des

harmlosen Kinderspieles bleiben. Nun ist aber das räumliche

Ausdrucksvermögen, wie es in der manuellen Technik sich äußert, als bloßes

Vermögen der Seele betrachtet, in nichts, rein gar nichts von den beiden

andern Vermögen des sprachlichen oder graphischen Ausdruckes verschieden.

Wenn einzelne es für minderwertig halten in Hinsicht auf den Zweck der

Erziehung gegenüber den beiden andern, so kann man das zur Not noch

begreifen. Wer es aber schätzt und seine Pflege als Erziehungsmittel für

notwendig erachtet, der muß die gleichen Konsequenzen ziehen, die er bei

der Pflege der andern Ausdrucksvermögen fordert. Mit diesen Erwägungen

kommen wir auf ein neues Grundmerkmal der rechten Arbeitsschule als einer

Schule der Charakterbildung.

V. DER FACHLICHE ARBEITSUNTERRICHT UND DER TECHNISCHE LEHRER

Was immer die Schule in Verfolgung ihrer Zwecke unternimmt und wie immer

die Schule ihre unterrichtlichen und erziehlichen Unternehmungen

einleitet, es gehört zum Wesen der Schule, immer größeren Nachdruck auf

die sorgfältige Ausführung aller Tätigkeit zu legen, durch welche sie

Wille, Verstand und Feinfühligkeit entwickeln will. Die Erziehung der

Willensstärke verlangt unweigerlich, daß keine Arbeit des Kindes Hand

verläßt, die nicht den Stempel der geistigen oder manuellen Anstrengung

trägt. Darin unterscheidet sich wesentlich die manuelle Betätigung der

Volksschule von der des Kindergartens, in dem das reine Kinderspiel die

Lebensluft des Erziehungsbetriebes ist. Es ist von allerschlimmstem

Einfluß auf die Willenserziehung, wenn die Kinder einer Schule 7 bis 8

Jahre hindurch auch nur in einem, geschweige in mehr oder gar allen

Unterrichtsgebieten sich angewöhnen, eine Sache »so annähernd« oder

»beinahe« recht zu machen, und nichts verleitet mehr dazu -- ohne daß

dies absolut notwendig wäre -- als der sogenannte Arbeitsunterricht als

Prinzip. Denn in neunzig von hundert Fällen artet er in sogenanntes

Basteln aus und verharrt durch eine Reihe von Klassen in sorg- und

mühelos spielendem Dilettantismus. Die ganze Willenserziehung des

Menschen ist eine Integration von unendlich vielen, unendlich kleinen,

immer im gleichen Sinne gerichteten Anstrengungen der willkürlichen

Aufmerksamkeit. In sittlichen Kämpfen des späteren reifen Lebens bleibt

der am ehesten Sieger, dem es am besten gelingt, immer wieder seine

willkürliche Aufmerksamkeit auf die sittlichen Motive zu lenken, die den

Entschluß zur Tat auslösen sollen. Die Aufmerksamkeit willkürlich

festzuhalten, fällt, wie wir alle wissen, den Kindern unendlich schwerer

als den Erwachsenen. Sie lernen dieses schwierige Geschäft aber nicht,

wenn man ihnen immer wieder gestattet, ihre manuellen Arbeiten »so

beinahe« richtig zu machen; wenn man ihnen alle Schwierigkeiten und

Kämpfe mit dem Material und Werkzeug, alle physischen Anstrengungen und

alle geistigen Überlegungen schenkt. Noch mehr! Es nisten sich

Gewohnheiten der Selbstzufriedenheit mit der eigenen mühelosen Arbeit

ein, trotz aller Unvollkommenheit, die ihr anhaftet. Wir erziehen

Dilettanten und keine Arbeiter.

Dieser Gefahr nun wird im wesentlichen vorgebeugt, wenn ein

systematischer fachlicher Arbeitsunterricht, der das Kind vom ersten bis

achten Schuljahr begleitet, durch die Strenge seiner Anforderungen an

die Sorgfalt und Genauigkeit einer der jeweiligen kindlichen

Leistungsfähigkeit angepaßten Arbeit das Kind in seine milde, aber doch

unnachsichtliche Zucht nimmt. Die geistigen, sittlichen und manuellen

Gewohnheiten, die in ihm erworben werden, übertragen sich unweigerlich

auf die manuelle Betätigung in den übrigen Unterrichtsgebieten und

verdrängen dort den schädlichen Dilettantismus. Die so erzogenen Kinder

lehnen es dann überhaupt ab, Arbeiten, die sie nur unvollkommen

erledigen können, auszuführen. Dagegen suchen sie die gleiche Sorgfalt

des Ausdruckes, der ihnen im fachlichen Arbeitsunterricht zur Natur

geworden ist, auf die ihnen im übrigen Unterricht gestellten Aufgaben zu

übertragen, sofern ihre Reife und ihr _Interesse_ ihnen entspricht. Ein

klarer Beweis hierfür ist die nahezu automatisch sich einstellende

Unlust am Zeichnen bei den Kindern im zehnten bis zwölften Lebensjahre,

sofern bis dahin nicht die graphische Ausdrucksfähigkeit sorgfältig

geschult wurde oder die Schulung zu keinem befriedigenden Ergebnis

geführt hat. In beiden Fällen hört um diese Zeit das von fast allen

Kindern so gerne getriebene Spiel des Zeichnens ganz von selbst auf.

Sprache und Gebärde, Zeichnen und Modellieren (Modellieren im

allgemeinen Sinn genommen mit irgendwelchem Material) sind

Ausdrucksmittel. Sie alle dienen der Willenszucht und der Urteilklärung

nur dann, wenn eine systematische Schulung den Zögling lehrt, seine

Ausdrucksfähigkeit zu steigern und ihn gewöhnt, im Schweiße seines

Angesichts für jeden Gedanken den allein zutreffenden Ausdruck mit

möglichster Selbständigkeit zu finden und jeder gedachten Form die dem

Materiale zugängliche Vollendung zu geben. Darin allein ist das Wesen

des Arbeitsunterrichts als Prinzip zu suchen.

Die Richtung, die unser Charakter nimmt, hängt nicht zum geringen Teile

auch davon ab, wie wir unsere tägliche Arbeit tun. Jede oberflächliche

Arbeit, die unsere Hand verläßt, jedes »Ungefähr-Machen«, das wir uns

erlauben, drückt sich in unserer Willensentwicklung ab. Solange das Kind

wirklich spielt und spielen darf, ist alles »Andeutungsweise-Machen« nicht

nur erlaubt, sondern notwendig. Denn im reinen Kinderspiel liefert die

manuelle Tätigkeit nur die Unterlage für die frei spielende Phantasie. Die

Arbeitsprodukte haben hier symbolische Bedeutung. Sie sind nicht Zweck der

Tätigkeit. Aber die Schule muß ja das Spiel in Arbeit verwandeln, und hier

haben die Arbeitsprodukte Wirklichkeitswert. Hier sind sie ausgesprochene

Zwecke der Tätigkeit, und da der Charakter lediglich durch Handeln sich

bildet, so muß es der Erzieher größte Sorge sein, daß alles Handeln den

Stempel der gründlichen Überlegung, der größten Sorgfalt und der absoluten

Ehrlichkeit trägt. Dabei kommt es gar nicht darauf an, was wir unsern

Zögling tun lassen, _in welcher Technik_ wir seine manuelle

Geschicklichkeit und Ausdrucksfähigkeit entwickeln. Eine oder zwei

Techniken genügen vollkommen. Alles, was wir fordern können, ist nur das

eine, daß die gewählten Techniken zu immer größerer, von dem Zögling selbst

durch mechanische Mittel kontrollierbarer Genauigkeit sich entwickeln

lassen. Weil diese Eigenschaften dem Modellieren in Ton, soweit es vom

sechs- bis zwölfjährigen Kinde gefordert werden kann, im allgemeinen nicht

anhaften, darum erachte ich diese Technik im Gegensatz zum Modellieren in

Pappe, Holz, Metall als ungeeignet für die Volksschule. Alle Apostel der

Arbeitsschule mögen sich bewußt bleiben, daß es ein Verbrechen an unserer

deutschen Schule ist, das Arbeitsprinzip auf einen anderen Boden zu stellen

als auf den der Gründlichkeit und Zuverlässigkeit, der beiden

Eigenschaften, denen unser deutsches Volk seine wesentlichsten Erfolge

verdankt. Die in unseren Versuchsklassen in München in dieser Richtung

gemachten Erfahrungen, daß selbst den sechsjährigen Kindern die Forderung

größter Genauigkeit die Arbeitsfreude nicht im geringsten zu schädigen

vermag, im Gegenteil sie von Monat zu Monat steigern läßt, geben mir

vollkommene Gewähr dafür, daß vom _Beginn_ der Schularbeit an dieser Weg

mit bestem Erfolge betretbar ist.

Indem aber unser Arbeitsprinzip auf diesem Boden sich verankert, steht

es naturgemäß der Forderung entgegen, die _vom Beginn_ alles Unterrichtes

an die _freie_ Betätigung der manuellen und geistigen Kräfte zum System

erhebt. Wer die Ausdrucksmittel nicht beherrscht, wird auch die

einfachsten Dinge nicht auszudrücken vermögen. Die mechanische Übung im

systematischen Gebrauch der Ausdrucksmittel ist die unerläßliche

Voraussetzung für wertvolle freie Betätigung, für jede produktive

Arbeit. (Vgl. meine Abhandlung »Produktive Arbeit und ihr

Erziehungswert« in »Grundfragen der Schulorganisation«, B. G. Teubner,

Leipzig.) Die Einführung in den Gebrauch der Ausdrucksmittel geschieht

auf allen Gebieten auf dem Wege der Nachahmung. Selbst jene Menschen,

welche die allergrößte Tiefe des Ausdruckes besaßen, unsere

hervorragenden Künstler, waren zu Beginn ihres Schaffens im wesentlichen

Nachahmer (Dürer, Raffael). An dem sorgfältigen, unermüdlichen Studium

der Ausdrucksmittel und Ausdrucksmethoden anderer hat sich ihre Kraft

entfaltet und schließlich jene Freiheit und Gewalt gewonnen, die uns

völlig neue Kunstwerte schenkte. Erst wenn der Zögling eine genügende

Sicherheit im Gebrauch der Ausdrucksmittel erworben hat, soll der

Erzieher der eigenen Initiative des Zöglings immer freieren Spielraum

gewähren. _Das ist der zweite Fundamentalsatz für die Durchführung des

Arbeitsprinzips._ Natürlich widerspricht es diesem Grundsatz nicht, wenn

die Schule vom Anfang ihrer Tätigkeit gelegentlich immer wieder dem

Schüler die Möglichkeit freier Betätigung gibt, teils in Anknüpfung an

die oft noch ungebrochene Spielfreude des Kindes und der aus ihr

quellenden belebenden Anregung für ernstere Tätigkeit, teils um den

Schüler selbst den Mangel an Beherrschung der Ausdrucksmittel von Zeit

zu Zeit fühlen zu lassen. Nichts ist zu erinnern, wenn wir ab und zu in

den Unter- und Mittelklassen außerhalb des systematischen Arbeitsplanes

für die Entwicklung des graphischen Ausdruckes irgendwelche aus der

freien Initiative des Kindes entspringende Zeichnungen zulassen. Dagegen

erdrosselt das _beständige_ Illustrieren und planlose Darstellen nur zu

leicht die schwachen Begabungen der graphischen Ausdrucksfähigkeit, wie

sie gewöhnlich in den Massen vorhanden sind.

Wenn wir aber im Interesse der Charakterbildung eine derartige

Behandlung des Arbeitsprinzips für geistige und manuelle Arbeit

verlangen, und wenn uns andernteils der Zweck der Volksschule

unmittelbar darauf führt, der sorgfältigen Entwicklung der rein

praktischen manuellen Begabungen durch Einführung eines besonderen

Unterrichtsfaches Rechnung zu tragen, wenn andererseits die

Lehrerbildung unmöglich mehr weiter mit gründlicher Einführung in

technische Fertigkeiten belastet werden kann, welche Konsequenz folgt

daraus? Es muß glatt ausgesprochen werden, daß wir in der Arbeitsschule

neben dem _theoretisch wissenschaftlich_ durchgebildeten Lehrer noch einen

zweiten Lehrer nötig haben, den _technisch_ durchgebildeten.

Einen anderen Ausweg gibt es nicht. Dieser technische Lehrer kann für die

obersten Klassen der Volksschule bei sorgfältiger Auswahl und

nachträglicher pädagogischer Schulung direkt aus der gewerblichen Technik

genommen werden. Wir haben in München die besten Erfahrungen damit gemacht,

ebenso wie Paris oder Stockholm. Eine endgültige Lösung ist aber dieser Weg

nicht. Die endgültige Lösung werden uns technische Lehrer bringen müssen,

welche die analoge seminaristische Ausbildung haben wie die

wissenschaftlichen Lehrer. Es ist durchaus möglich, wenigstens für die

Zwecke der eigentlichen Volksschule (für die anschließende

Fortbildungsschule würde es allerdings nicht ausreichen) auf dem bisherigen

Lehrerbildungswege durch gewisse Modifikationen der Lehrpläne technische

Lehrer zu erziehen. Die »Manual Training High Schools« der Vereinigten

Staaten Amerikas, die so viele technische Lehrer für die Volksschule sowohl

als auch für die Manual Training High School selbst vorbereiten, liefern

einen glänzenden Beweis hierzu. Das Seminar für technische Lehrer, das sich

an die Präparandenschule oder an die sechsklassige Realschule (deren

Unterricht ich mir selbstverständlich gleichfalls auf praktische Arbeiten

ausgedehnt denke) anschließt, hat das Schwergewicht seiner Unterweisung

neben der gründlichen Einführung in Pädagogik, Psychologie und Ethik nur

auf die praktisch-technische Erziehung in Verbindung mit Physik und Chemie

zu legen, während das Seminar für die theoretisch durchzubildenden Lehrer

neben den pädagogischen Lehrfächern und ihren Hilfswissenschaften den

Unterricht in Literatur, Geschichte, Geographie wie bisher weiterpflegt.

Man kann wie in den Manual Training High Schools beide Seminare in einer

einzigen Anstalt vereinigen. Denn das eine große Hauptunterrichtsgebiet,

die Pädagogik, mit allen ihren Zweigen, ist ja beiden Gruppen von Lehrern

gemeinsam. Nur in dem zweiten großen Hauptgebiet von obligatorischen

Unterrichtsfächern gehen die beiden Gruppen auseinander. Dabei bleibt es

insbesondere den theoretisch auszubildenden Lehrern unbenommen, ja es

dürfte ihnen sogar dringend zu empfehlen sein, freiwillig in einem

fakultativen Unterricht, der eine geringe Zeit umspannt, ihre manuelle

Geschicklichkeit weiter auszubilden. Denn der technische Lehrer soll ja

später in der Volksschule nur die technischen Unterrichtsfächer

einschließlich Zeichnen und vielleicht auch physikalischen und chemischen

Laboratoriumsunterricht übernehmen, um so für den Schüler in allen

technischen Fragen eine gründliche Schulung sicherzustellen. Soweit für den

gesamten übrigen Volksschulunterricht die manuelle Betätigung grundsätzlich

gefordert werden muß, weil die _Erarbeitung_ des Bildungsgutes es notwendig

oder wünschenswert macht, d. h. soweit mit dem gesamten übrigen Unterricht

Arbeitsunterricht im Prinzip verbunden ist, bleibt diese Betätigung immer

dem theoretisch gebildeten Lehrer vorbehalten. Der theoretisch gebildete

Lehrer darf nie ganz ohne manuelle Geschicklichkeit sein, auch wenn er

technisch nicht so ausgebildet werden kann, daß er den fachlichen

Arbeitsunterricht mit der nötigen Gründlichkeit zu leiten verstünde. Wird

dieser Weg der Ausbildung des technischen Lehrers gewählt, so dringt kein

neues Element in die Volksschule ein, während die Ausbildung der Lehrer

selbst für ihre besonderen Zwecke sehr viel gründlicher angelegt werden

kann. Es ist mir immer ein Rätsel, wie die Volksschullehrer, im Gegensatz

zu den akademischen Lehrern, mit dem nämlichen Atemzug die Einführung in

immer mehr Gebiete des Wissens und der Technik und zugleich eine

wesentliche Vertiefung ihrer Bildung verlangen können. Das sind zwei

Forderungen, die sich grundsätzlich ausschließen.

Die Forderung technischer Lehrer bringt überdies auch der Volksschule

gar nichts Neues. Der hier für die männliche Lehrerwelt zu betretende

Weg ist in den allgemeinen Mädchenschulen längst beschritten, wo

technisch und seminaristisch gebildete Lehrerinnen seit einem

Jahrhundert friedlich nebeneinander hausen. Niemand war es bisher auch

nur im Traum eingefallen, gegen die technischen Lehrerinnen sich zu

wenden. Und gerade der Staat Preußen ist der erste Staat Deutschlands

gewesen, der Seminare für technische Lehrerinnen auf Staatskosten

eingerichtet hat, und die Stadt Dortmund ist in selbständiger Weise nach

dem Vorschlage Dornheckters unter Erweiterung des Bildungsbereiches der

technischen Lehrerinnen diesem Beispiel gefolgt. Frankreich, England,

Schweden und die Vereinigten Staaten haben den gleichen Weg auch längst

in ihren Knabenschulen betreten. Soweit sie eigener Lehranstalten für

technische Lehrer entbehren, wie in Frankreich, scheuen sie sich nicht,

da wo es unbedingt nötig ist, nämlich in den Oberklassen, diesen

Unterricht pädagogisch veranlagten Handwerkern _einstweilen_

anzuvertrauen.

Und doch meinte Gutmann auf der 18. Hauptversammlung der bayrischen

Lehrer zu Regensburg: »Als die schwerste Verirrung muß ein selbständig

neben den übrigen Unterrichtsgegenständen hergehender und von

Handwerkern geleiteter Handfertigkeitsunterricht angesehen werden.«

Dieser aus innerer Überzeugung hartnäckige Gegner der Arbeitsschule ist

aber sich wohl bewußt, daß die Lehrerbildung keine weitere Belastung

mehr verträgt, sondern direkt nach Entlastung schreit. Daraus folgert er

aber nicht, daß die Lasten auf zwei Schulterpaare zu verteilen sind,

sondern daß die Volksschule jede Art fachlichen Arbeitsunterrichts weit

von sich weisen muß. Dann sind aber auch alle unsere technischen

Lehrerinnen für Handarbeits- und Schulküchenunterricht nur eine Folge

der schwersten pädagogischen Verirrungen unserer Schulverwaltungen, dann

sind auch die Fachzeichenlehrer vieler deutscher Volksschulen, die

ausgezeichneten Turnlehrer der schwedischen Schulen, die Singlehrer

vieler amerikanischer Schulen, die verschiedenen Typen der technisch

gebildeten Haushaltungslehrerinnen, wie ich sie in Glasgow und Edinburg

gesehen habe, aus den Mauern der Volksschule unbarmherzig zu verbannen,

auch wenn es völlig unmöglich ist, _jeden_ Lehrer außer zu einem

Naturwissenschaftler, Geographen, Historiker und Germanisten auch noch

zu einem gewandten Techniker, Turner, Sänger, Zeichner usw. auszubilden.

Ich meine, je eher der deutsche, seminaristisch gebildete Lehrerstand

einsehen lernt, daß er einen gleich berechtigten, technisch gebildeten

Lehrerstand zur Ergänzung unbedingt nötig hat, desto eher wird es auch

möglich werden, seinen schmerzlichen Ruf nach tieferer Bildung zu

erfüllen. Ich kann nur das eine sagen: Ob die Umwandlung der Volksschule

in eine Arbeitsschule, die auch den manuellen Arbeitsunterricht als

wohlgepflegtes Unterrichtsfach in ihren Bildungsplan aufnimmt, eine

Umwandlung, welche kommen wird und kommen muß trotz aller Widerstände,

sich zum Segen oder Unsegen unseres Volkes entwickeln wird, das wird

davon abhängen, ob der technische Lehrer und mit ihm die von

langjähriger Erfahrung und eingehendem Verständnis gebildete

gewissenhafte manuelle Betätigung auch in unseren deutschen

Knabenschulen Einzug halten wird oder nicht. Schwierigkeiten, die sich

hierbei in ungeteilten Schulen einstellen, lassen sich in verschiedener

Weise überwinden, ähnlich wie die Schwierigkeiten für den weiblichen

Handarbeitsunterricht in den gleichen Schulen. Der technisch gebildete

Lehrer ist die unmittelbare Konsequenz der Forderung, daß unsere

Volksschule auch die ungeheuren Massen derjenigen in der Richtung eines

sittlichen Charakters erziehen will, _deren intellektuelle Kräfte nicht

ausreichen_, auch rein geistige Kulturgüter zu _erarbeiten_ und damit aus

der bloß geistigen Arbeit eine Schulung ihres Charakters zu gewinnen.

Unsere Hilfsschulen, deren Handfertigkeitsunterricht so vielfach (nicht

überall glücklicherweise) über den Pegel der Spielerei nicht

hinaussteigt, werden sehr viel besser noch organisiert werden können,

wenn auch dort der pädagogisch durchgebildete technische Lehrer den

heutigen Dilettanten ersetzt.

VI. ZUSAMMENFASSUNG UND SCHLUSSBETRACHTUNG

Das aber ist die Sehnsucht und die Sorge aller ernsten Reformer unserer

Tage, daß unsere Volksschule ein Werkzeug für Charakterbildung werde,

auch für die überwiegend große Zahl der geistig schwächer Veranlagten.

Die Erfahrungen des vergangenen Jahrhunderts haben uns gelehrt und

lehren es immer mehr, daß die Pflege des gedächtnismäßigen Wissens, das

nur zu sehr den Geist unserer allgemeinen Volks- und höheren Schulen

beherrscht, nicht zu jener Volks- und Menschenbildung führt, welche die

modernen Staaten von Tag zu Tag nötiger haben. Sie haben uns gelehrt,

daß das Schwergewicht aller Schulen, weit weniger auf Anhäufung des

_Wissens_ als auf die Entwicklung von geistigen, moralischen und manuellen

_Fähigkeiten_ zu legen ist, daß sie mechanische, aber von Einsicht in ihre

Zweckmäßigkeiten getragene Fertigkeiten auszubilden haben, welche der

lebenspendenden produktiven Arbeit allzeit bereite, getreue und

gewissenhafte Diener liefert zur Vollendung der vom schaffenden Geist

diktierten Werke, und daß dieser Weg der Ausbildung für einen großen

Teil unserer Bevölkerung der einzige ist, der in diesem Teil Männer und

Frauen von starkem, ehrlich gerichtetem Willen zu erzeugen vermag.

_Indem die Arbeitsschule die Schule der selbständigen Erarbeitung der

Bildungsgüter ist_, in dem Sinne, wie ich es in Kap. IV ausgeführt habe,

und _zwar einer Erarbeitung durch die Gesamtheit des Seelenlebens, ist die

Arbeitsschule jene Organisation der Schule, der die Charakterbildung über

alles geht_. Gerade dieses Zweckes halber sucht sie in ihrem

Unterrichtsbetrieb Ernst damit zu machen, die Massenhaftigkeit und die

damit notwendig verbundene Oberflächlichkeit des Wissens aus der Schule zu

verbannen. Indem sie dabei einen Organisationsbetrieb des Unterrichtes

sucht, der dem Kinde gestattet, möglichst viel Erfahrungswissen zu sammeln,

baut sie von selbst der unmäßigen Zufuhr von bloß überliefertem Wissen eine

Mauer entgegen. _Der Sinn der Arbeitsschule ist, mit einem Minimum von

Wissensstoff ein Maximum von Fertigkeiten, Fähigkeiten und Arbeitsfreude

im Dienste staatsbürgerlicher Gesinnung auszulösen._

Ausgehend von dem äußeren höchsten sittlichen Gut im sittlichen

Gemeinwesen, dem Kultur- und Rechtsstaat der Ethik, haben wir gefunden,

daß jede öffentliche Schule drei und nur drei Grundfragen zu lösen hat:

1. die Vorbereitung auf den zukünftigen Beruf des einzelnen im Staate;

2. die Versittlichung dieser Berufsbildung; 3. die Befähigung des

Zöglings an der Mitarbeit der Versittlichung des Gemeinwesens selbst,

dessen Glied er ist. Damit war die ethische Seite der Erziehungs- und

Unterrichtsaufgabe der Schule bestimmt, die Richtung, welche die

Charakterbildung einzuschlagen hat. Sie führte auf drei Forderungen:

Begriff der Arbeitsschule · 第 4 / 10 段