Die _Fortbildungsschulen_ dagegen, namentlich jene, deren beruflicher

Unterricht ohnehin schon ein geistig gewecktes Schülermaterial verlangt,

sind bereits zum mindesten in den zwei letzten Jahresklassen imstande,

auch die Aufgaben der Staatsgemeinschaft dem Verständnis der Schüler

näher zu bringen. Nicht zum wenigsten aus diesem Grunde ist die

obligatorische, auf staatsbürgerliche Erziehung gerichtete

Fortbildungsschule mit einer qualitativ und quantitativ ausreichenden

Unterrichtszeit die wichtigste Forderung für den Ausbau der Organisation

der Volksschule in Deutschland. Wie dieser Ausbau vollzogen werden muß,

damit er auch unserer dritten Aufgabe gerecht wird, darüber habe ich

mich zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Reden und Schriften

eingehend geäußert. (Vgl. »Grundfragen der Schulorganisation«, 4.

Auflage 1920; »Begriff der staatsbürgerlichen Erziehung«, 4. Auflage

1919, Verlag B. G. Teubner, Leipzig. -- Ebenso »Staatsbürgerliche

Erziehung der deutschen Jugend«, 6. Auflage 1917, Verlag Carl Villaret,

Erfurt.)

Bei weitem die aussichtsreichsten Möglichkeiten zur Durchführung der

dritten Aufgabe bieten die _höheren Schulen_. Hier sind die praktischen

Maßnahmen, welche die einzelnen Schüler in den Dienst verschiedener

Zweckverbände ihrer Mitschüler stellen, sehr viel leichter durchführbar

als an den Volks- und Fortbildungsschulen. An den Volksschulen bildet

bisweilen die geringe körperliche, geistige und sittliche Reife

namentlich in den großen Städten ein schwer zu nehmendes Hindernis für

die Gestaltung von freiwilligen Arbeitsgemeinschaften im Dienste der

Schulaufgabe. Die Schüler der höheren Klassen unserer Volksschulen sind

eben durchschnittlich ein bis zwei Jahre jünger als die höheren Klassen

der Volksschulen der Vereinigten Staaten. Zum mindesten machen solche

Arbeitsgemeinschaften sehr sorgfältige Überlegungen und

Vorsichtsmaßregeln nötig und setzen in höherem Maße ein im verborgenen

mitarbeitendes Lehrpersonal voraus. An den deutschen Fortbildungsschulen

liegt die Hauptschwierigkeit darin, daß die Schule selbst mit ihrer

relativ geringen Unterrichtszeit die Schüler zu wenig in gegenseitige

Berührung bringt und so gewöhnlich nicht imstande ist, jenes

Gemeinsamkeitsgefühl zu erzeugen, aus dem gewissermaßen spontan die

Neigung zu freiwilligen Arbeitsverbänden erwacht.

Alle diese Hindernisse kennt die höhere Schule nicht. Dazu kommt, daß

namentlich in den oberen Klassen die Lektüre der deutschen und fremden

Klassiker sowohl als auch der intensive Geschichtsunterricht auf die

Kulturprobleme der menschlichen Gesellschaft und auf die Aufgaben des

Staates führt, und daß damit eine wissenschaftliche, d. h. eine

objektive Belehrung über die Aufgaben des Staates und über die

Pflichten der Staatsbürger von selbst nahegerückt wird. -- Daß die

höheren Schulen in Deutschland im scharfen Gegensatz zu den Schulen

anderer germanischer Staaten bis jetzt diese dritte Aufgabe nicht oder

nur ganz ungenügend in Angriff genommen haben, liegt nicht zum wenigsten

daran, daß unsere höheren Schulen von anderen Gesichtspunkten aus ihre

Aufgaben auffaßten als von den hier entwickelten. Sie betrachten sich

nicht als Werkzeuge der ethischen Staatsentwicklung, sondern als

Werkzeuge der Gelehrtenbildung in der durchaus falschen Voraussetzung,

daß der tüchtige Gelehrte von selbst ein »brauchbarer Staatsbürger«

werde. Die Auffassung wird dadurch genährt, daß es tatsächlich zu allen

Zeiten große Gelehrte gegeben hat, die auch große Staatsbürger waren.

Solche Erscheinungen aber zu verallgemeinern, daran sollte uns

wenigstens der gegenwärtige Zustand in unserem durchschnittlichen

Gelehrten- und Beamtentum hindern. Wir Deutschen leiden noch immer sehr

an unserer Vergangenheit, aus der unsere Gelehrtenschulen mit ihren

Zwecken und Zielen herausgewachsen sind. Unsere angelsächsischen Vettern

haben diese Art der Vergangenheit abgeschüttelt. Ich habe vor sechs

Jahren durch einen englischen Freund von den Schülern der Oberklassen

einer vornehmen englischen Gelehrtenschule in einer unvorbereiteten

Klausurarbeit die Frage bearbeiten lassen: »Welches ist der Zweck

unserer Schule, und wie erreicht sie ihn?« Die einstimmige Antwort war:

»Ihr Zweck ist der zukünftige Staatsbürger.« Die Durchführung des

Themas, welche die größte Mannigfaltigkeit der Auffassung aufwies,

zeigte deutlich, daß diese Schüler auch über die Pflichten und

notwendigen Eigenschaften des Staatsbürgers völlig im klaren waren.

(Vgl.: »Begriff der staatsbürgerlichen Erziehung«, 3. Aufl., B. G.

Teubner, Leipzig.) Welches deutsche Gymnasium hätte mir die gleichen

einstimmigen Antworten gegeben?

IV. DIE METHODEN DER ARBEITSSCHULE

Die Darstellung der Lösung der drei Aufgaben, die sich aus dem obersten

Zweck der Volksschule naturgemäß ergeben, haben uns zum Grundriß einer

inneren Organisation der Volksschule geführt, die ich vor neun Jahren in

meiner Rede in der Peterskirche zu Zürich mit dem Worte »Arbeitsschule«

bezeichnet habe. Wie alt auch das Wort »Arbeitsschule« sein mag, so darf

ich doch wohl behaupten, daß der auf diese Weise bestimmte Inhalt des

Wortes sich nicht mit einem der früheren Inhalte deckt.

Mit den vorausgegangenen Erörterungen ist nun aber der Begriffsinhalt

des Wortes noch nicht erschöpft. Jene drei Aufgaben und die aus ihnen

entspringende Organisation geben die ethische _Richtung der

Charakterbildung_ an, welche die Erziehung durch unsere Volksschule

einschlagen soll. Damit haben wir eine _erste_ Reihe von Merkmalen des

Begriffs »Arbeitsschule« gewonnen.

Die _zweite_ Reihe von Merkmalen ergibt sich aus dem _Wesen der

Charakterbildung selbst_. Indem wir aber dem Wesen der Charakterbildung

nachgehen, stehen wir vor dem Grundproblem der Erziehung. Es handelt

sich dabei nicht darum, welche Ziele wir mit dieser pädagogischen Arbeit

anstreben, sondern an _welche psychischen Kräfte_ des Zöglings wir uns zu

wenden haben und _wie_ wir sie behandeln müssen. Welche dieser Kräfte sind

unveränderlich, welche veränderlich und demnach der Beeinflussung durch

Erziehung zugänglich? Wie muß diese Beeinflussung vor sich gehen, daß

die persönliche Charakteranlage des einzelnen sich sittlich entwickle,

ohne wertvolle Eigenschaften dieses Charakters zu unterdrücken, zu

vernachlässigen oder verkümmern zu lassen? Ich habe in meiner

Untersuchung über den Charakterbegriff (vgl. »Charakterbegriff und

Charaktererziehung«, 2. Aufl. 1913, B. G. Teubner, Leipzig) diese Kräfte

zu ermitteln gesucht.

Es sind vier Kräfte, deren Vorhandensein die Möglichkeit, einen

wertvollen Charakter erziehen zu können, in Aussicht stellt:

Willensstärke, Urteilsklarheit, Feinfühligkeit, Aufwühlbarkeit. Die

Kräfte sind natürlich -- wie alle Seelenkräfte -- nicht völlig

voneinander unabhängig. Insbesondere beeinflußt die letzte dieser vier

Eigenschaften, die in der Hauptsache eine unveränderliche Anlage zu sein

scheint, die drei übrigen in hohem Grade. Denn von der _Tiefe_ und _Dauer_

der Gemütsbewegungen, die mit einem Grundsatz unseres Handelns, einer

Maxime unseres Gewissens, einer Idee unserer Welt- oder Lebensanschauung

verknüpft sind, hängt zu einem erheblichen Teile die Beharrlichkeit

unserer Willensentschlüsse und die Kraft ihrer Umsetzung in Handlungen

ab. Natürlich ist es nicht so, als ob die vier Eigenschaften nun auch

tatsächlich die Entwicklung eines Charakters gewährleisten. Sie sind

notwendige, aber nicht hinreichende Bedingungen, die zum Teil schon in

der Charakter_anlage_ gegeben sein müssen. Hinzutreten muß immer eine

_erworbene_ Eigenschaft, die einheitliche Organisation der Grundsätze,

Maximen, Ideen in unserer Seele unter eine oberste Idee, die unserer

ganzen Seelenstruktur entspricht und deshalb unser Wesen in seinem

ganzen Umfange und seiner Tiefe ausfüllt.

Die Entwicklung der drei ersten Charaktermerkmale erfordert vor allem

_Freiheit der Betätigung und Mannigfaltigkeit der Verhältnisse_. Damit

der Wille sich entwickelt, muß er sich beständig in Handlungen entladen

können, und damit er stark zu werden vermag, muß er Freiheit und

Bewegung haben. Damit der Verstand klarer urteilen lerne, muß er seine

Vorstellungen und Begriffe so weit als möglich _durch Erfahrung selbst

erarbeiten_. Damit die Feinfühligkeit an Umfang zunehme, müssen Verstand

und Gemüt frühzeitig in einer Fülle von realen Verhältnissen sich

bewegen und so gewöhnt werden, rasch und mannigfaltig zu reagieren. Die

Passivität und Rezeptivität der landläufigen Schulen beeinflußt die

Entwicklung dieser drei Kräfte oft nur ungenügend, und nicht selten

sucht die Entwicklung dieser Kräfte dann Auswege, die der Lösung der

Aufgabe, sie ethisch zu richten, neue Schwierigkeiten bereitet. Zwar

fließt die alte Pestalozzische Forderung der Selbsttätigkeit des Kindes

noch immer wie Honig von den Lippen der Pädagogen. Aber diese

Selbsttätigkeit ist, wo sie der Wort- und Buchbetrieb der herkömmlichen

Schule nicht überhaupt zum bloßen Schein herabdrückt, im wesentlichen

fast durch die ganze Schule hindurch für alle drei Grundkräfte des

Charakters an fest vorgeschriebene Geleise gebannt. Es ist leider mehr

die Selbsttätigkeit einer Maschine als die der produktiven Arbeit.

Der geringe Einfluß eines solchen Schulbetriebes auf die

Charakterbildung konnte nicht verborgen bleiben. Die zunehmende

Individualisierung des kulturellen, politischen und sozialen Lebens in

Verbindung mit dem immer stärker fühlbar werdenden Mangel an

uneigennützigen, klaren, selbständigen Menschen, die unzulänglichen

Lösungen der dem Volke übertragenen öffentlichen Aufgaben ließen uns

erkennen, daß der modernen deutschen Bildung, wie Lichtwarck am ersten

Kunsterziehungstage mit vollem Rechte bemerkte, »die gestaltende Kraft

fehlt«. Wir lernen immer mehr die Bedeutung der durch nichts zu

ersetzenden, von großen Maximen gerichteten eigenen praktischen

Initiative einsehen, die nirgends sich entwickeln kann, wo die Erziehung

dem Zögling in allem, was er tut, streng vorgeschriebene Bahnen weist.

Immer lauter werden die Stimmen, die nach dem Einzug von _frei gewählter_

oder doch frei sich auswirkender Betätigung in die Mauern der Schulen

rufen. In seinem trefflichen Aufsatz ȟber freiere Gestaltung des

Unterrichts auf der Oberstufe des Gymnasiums« in den Blättern für das

Gymnasial-Schulwesen 1912, Heft 2, fordert Professor Dr. Paul

Joachimsen _systematischen Ausbau des Wahlunterrichts_ in den drei oberen

Klassen des Gymnasiums. (Vergleiche auch Kap. VI.) Das Wort von der

Pädagogik der Tat wurde zunächst geprägt. Bald aber hatte es dem neuen

Schlagwort Platz zu machen, dem Schlagwort vom Arbeitsunterricht als

Prinzip, worunter man die Verbindung von einer Fülle _manueller_

Tätigkeiten mit allen herkömmlichen Unterrichtsgegenständen verstand.

Schon diese grobe Veräußerlichung des Begriffes »Arbeitsunterricht« als

eines Unterrichts in _rein manueller_ Beschäftigung zeigte, wie wenig das

Wesen des Begriffes der Arbeitsschule erfaßt worden war. Indem nun aber

eine große Anzahl von Schulmännern überdies den manuellen

Arbeitsunterricht als Fach vollends ablehnte, beraubte sie auch ihren

Arbeitsunterricht als Prinzip ein für allemal des besten Einflusses auf

Charakterbildung. Jedoch in drei heiligen Konzilien 1857, 1882 und 1900

hatte die deutsche Lehrerschaft das anathema sit dem fachlichen

Arbeitsunterricht in jeder Form gesprochen. Und andernteils hatte die

Bewegung für den Handfertigkeitsunterricht das Augenmerk einer großen

Zahl von Lehrern nahezu ausschließlich auf die manuelle Arbeit gelenkt.

Da ist es nur zu begreiflich, daß die neue Bewegung nicht sofort in die

rechten Bahnen kam. Man war überhaupt nicht von der Erwägung

ausgegangen, die das wahre Wesen des Arbeitsunterrichts hätte erfassen

lassen. Kindergartenbeschäftigung, Handfertigkeitsbewegungen, die alten

Forderungen von Selbsttätigkeit usw. führten von vornherein zu einer

Veräußerlichung des Arbeitsunterrichts als Prinzip. Weil Arbeiten

gewöhnlich eine manuelle Tätigkeit ist, so glaubte man das Problem der

Arbeitsschule damit gelöst zu haben, daß man mit _jedem_ herkömmlichen

Unterrichtsgebiet der Schule irgendwelche manuelle Tätigkeit verband.

Selbst dem Geschichtsunterricht der oberen Klassen der Volksschule

glaubte man durch Modellierbögen von Ritterburgen, Laubsägearbeiten nach

Bauformen alter Stile, Planzeichnen von Schlachtfeldern usw. den

Charakter von Arbeitsunterricht gegeben zu haben. Das Illustrieren von

epischen Gedichten und biblischen Erzählungen mußte zur Verherrlichung

des neuen Prinzips herhalten. Aber so wenig man sich den Begriff des

kategorischen Imperativs erarbeitet, wenn man einen Holzschnitt von Kant

nachzeichnet, ebensowenig treffen die erwähnten manuellen Arbeiten den

Geist des Arbeitsprinzips. Manuelle Arbeit ist im Dienste eines

Unterrichtszweiges nur da »bildend«, wo Begriffe und Erkenntnisse aus

Tatsachen der täglichen Erfahrung herauswachsen und das

Vorstellungsmaterial aus sinnlicher Beobachtung gewonnen werden muß.

Alle im Laufe der Zeiten entwickelten _geistigen_ Arbeitsgebiete haben

ihre eigenen spezifischen Arbeitsweisen. Das Arbeitsprinzip ist nur dann

gewahrt, wenn die Arbeit beim Eindringen in die Vorstellungskreise und

in die Denkungsweise dieses Gebietes den _Arbeitsmethoden angepaßt ist,

die sich innerhalb jener Geistesgebiete mit psychologischer

Notwendigkeit entwickelt haben_. Wer durch zeitgenössische Schilderungen

und anderes Quellenmaterial oder auch nur aus der Lektüre von

historischen Schriften der Gegenwart historische Kenntnisse selbständig

erarbeiten läßt, wer durch den Schülern überlassene dramatische

Gestaltung von Dichtungen in gebundener und ungebundener Form diese

Schüler den Inhalt tiefer erleben und erfassen läßt, wer in

Arbeitsgemeinschaften Gelegenheiten schafft zur Entwicklung der

Feinfühligkeit im geselligen Verkehr der Schüler, wer die Schüler

anleitet, selbst durch eigene Versuche in den Kern der physikalischen,

chemischen, biologischen Gesetze einzudringen, sie alle gestalten den

Unterrichtsbetrieb nach dem Prinzip der produktiven Arbeit.

Das Wesen der Arbeitsschule und des in ihr lebendig werdenden

Arbeitsprinzips ist eben ein völlig anderes, als es sich selbst in den

Köpfen derjenigen Arbeitsschulapostel und Werkunterrichtsprediger

spiegelt, die auf Kongressen das neue Evangelium ausbreiten wollen. Der

21. Kongreß des Deutschen Vereins für Knabenhandarbeit und

Werkunterricht in Charlottenburg 1912 war mir wieder ein wenig

erfreulicher Beleg hierfür. Ich will daher versuchen, dieses Wesen der

Arbeitsschule in aller Kürze klarzulegen. Eine eingehende Untersuchung

der hier aufgestellten Begriffe findet man in meiner Abhandlung: Das

Grundaxiom des Bildungsverfahrens und seine Folgerungen für die

Schulorganisation (Verlag Deutsche Union, Berlin 1917).

Die Bildung des Kindes geht immer in der Weise vor sich, daß es in der

Umgebung, in der es aufwächst, die Kulturgüter ergreift und erlebt,

welche die Gemeinschaft, der das Kind angehört, als solche Kulturgüter

wertet, also die Sprache, die Sitten und Gebräuche, die Verfassungen

und Rechtssysteme, die Religion, die Begriffe und Gesetze der

Wissenschaften, die Wissenschaften selbst, die Kunstgüter, die

technischen Güter. Nicht alle sprechen das Kind, den Knaben, den

Jüngling in gleicher Weise an; für Tausende und aber Tausende hat es in

seinem eigenen Wesen keinen Schlüssel, sie sich zugänglich zu machen,

sie zu assimilieren, _sie zu erarbeiten_. Gewisse Begriffe, Maximen,

Glaubenssätze, Naturgesetze, Kunstformen, Sittlichkeitsvorstellungen,

Sachkonstruktionen, Arbeitsverfahren usw. dem Gedächtnis einzuverleiben,

das gibt keine Bildung; _auf das Erarbeiten kommt es an_. Denn nur durch

das Erarbeiten bilden sich die _Seelenfunktionen in ihrer Totalität_,

werden leistungsfähiger, kräftiger, zielstrebiger. Nur im Erarbeiten

entwickeln sich geistige und sittliche Gewohnheiten, die wir am

_gebildeten_ Menschen so hoch schätzen.

Aber was heißt nun ein Kulturgut erarbeiten? Was ist psychologisch damit

gemeint?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir überlegen, wie Kulturgüter

entstehen, nicht im einzelnen, das würde zu einer Philosophie der

Kulturgüter führen, sondern ganz allgemein. Jedes neue Gut, das Menschen

der Menschheit schenken, trägt das Gepräge des Geistes, dem es

entsprungen. Das mag der Geist eines einzelnen oder der Geist ganzer

Völker und ganzer Generationen sein. Das mag ein individuelles oder ein

allgemeines Gepräge oder eine Mischung aus beidem sein. Am deutlichsten

sehen wir das bei den einzelnen Kunstgütern, die ja überhaupt zu allen

Zeiten die individuellsten Güter waren und sein werden. Denn jedes echte

Kunstwerk ist der unverfälschte Ausdruck einer Individualität, und zwar

so sehr, daß man eine neu ausgegrabene, wertvolle Statue, ein neu

entdecktes, wertvolles Drama, ein nicht gezeichnetes, wertvolles

Streichquartett sofort und eindeutig auf ihren Autor hin bezeichnen

kann. _Es trägt neben gewissen objektiven, dem allgemeinen objektiven

Geist der Zeit entstammenden Zügen vor allem auch die subjektive

Struktur des Geistes, aus dem es geboren wurde._

Ganz das gleiche gilt für alle Kulturgüter ohne Ausnahme. Die deutsche

Sprache trägt ebenso die Struktur des deutschen Geistes wie die deutsche

Philosophie im ganzen, wie in ihren einzelnen, geschlossenen Systemen.

Selbst Maschinen und Werkzeuge tragen ihr individuelles Gepräge, wie

Sitten, Gebräuche, Religionsformen. Die verschiedenen Wissenschaften

tragen die Struktur ganz bestimmter Denkweisen, und diese Struktur ist

eine andere beim Naturwissenschaftler, eine andere beim reinen

Mathematiker, eine völlig andere beim Historiker (vgl. vor allem _W.

Diltheys_ Akademieabhandlung von 1910: Der Aufbau der geschichtlichen

Welt in den Geisteswissenschaften), wie übereinstimmend auch sonst die

formal logischen Prozesse in allen drei Wissenschaftsgebieten sich

verhalten.

Die Tausende von Geräten, die uns täglich umgeben und die wir täglich

gebrauchen, tragen in ihrer Konstruktion wie in ihrer ästhetischen

Erscheinung eine volkstümliche Struktur, in der die Arbeit, die geistige

wie die manuelle, ungezählter Generationen aufgespeichert ist.

Jetzt können wir die Frage beantworten, was heißt ein Kulturgut

_erarbeiten_: Wenn jedes Kulturgut eine geistige Struktur hat, so hat nur

derjenige einen Zugang zu ihm, der die gleiche oder doch annähernd

gleiche geistige Struktur besitzt; und nur für den, der diesen Zugang

hat, wird das Kulturgut zum Bildungsgut werden. Die geistige Struktur

des Historikers ist eine andere als die des Physikers, und diese wieder

eine andere als die des Philologen oder reinen Mathematikers. Ich kann

auf die grundlegenden Verschiedenheiten hier nicht eingehen. Noch

ungleich verschiedener sind die geistigen Strukturen der Künstler, der

Religionsstifter, der Techniker. Keiner von ihnen besitzt, sofern wir es

mit reinen einseitigen Ausprägungen dieser Individualitäten zu tun

haben, den Schlüssel zu den Kulturgütern des andern.

Sobald aber meine geistige Struktur der geistigen Struktur des

Kulturgutes angepaßt ist, werde ich von ihm ganz von selbst ergriffen,

und nun fragt sich, ob ich auch geistig oder seelisch stark genug bin,

es zu assimilieren. Ich kann es nur assimilieren, indem ich durch

ununterbrochene Tätigkeit, die aus der _Totalität_ meiner Individualität

wächst, mich in das Wesen des Kulturgutes zu versetzen suche, d. h. eben

_es erarbeite_. Jetzt entfaltet das Kulturgut seinen Bildungswert, und

zwar mit zwingender Notwendigkeit. Es ist ja selbst dem analogen

geistigen Prozeß entsprungen und speichert gleichsam die Bildungsenergie

dieses geistigen Prozesses potentiell in sich auf, bis der adäquate

Geist kommt und in der Erarbeitung, Assimilierung des Kulturgutes die

potentielle Energie wieder in die kinetische Energie seiner

Persönlichkeit verwandelt.

_Diese potentielle, in der Struktur der Kulturgüter aufgespeicherte

geistige Energie nenne ich den immanenten Bildungswert der Kulturgüter._

_Die Arbeitsschule aber ist diejenige Schule, die durch ihre Methoden und

durch die Art ihres ganzen Betriebes die immanenten Bildungswerte ihrer

Bildungsgüter auslöst._

Es hat also mit dem Geiste der Arbeitsschule nicht das geringste zu tun,

wenn man im _Geschichtsunterricht_ den Gang von Schlachten oder die

Formen bekannter Baustile zeichnet und modelliert, wenn man im

_Sprachunterricht_ Gedichte und biblische Erzählungen illustriert, wenn

man manuelle _Techniken_, wie _Schreiben_ oder _Zeichnen_, durch andere

Techniken, wie Erbsenlegen, Stäbchenzusammensetzungen, Tonformen

vorbereitet, und es ist schon gar nichts, rein gar nichts für die

Arbeitsschule gesagt, wenn man die geistreiche Unterscheidung von

»Werkstättenunterricht« und »Werkunterricht« macht, und nur den

Arbeitsunterricht in der Form des _Werkunterrichts_ gelten läßt.

Der Werkstättenunterricht kann den vollendeten Geist der eben

definierten Arbeitsschule widerspiegeln, der Werkunterricht nicht und

umgekehrt. Was heute unter den Titeln »Arbeitsprinzip« und

»Werkunterricht« in den Volksschulen als Bildungsgeist umgeht, mag als

Veranschaulichungs- oder Betätigungsprinzip oder als »Spielprinzip«

(denn auch das ist bei kleinen Schülern durchaus nicht zu verdammen) in

mäßigem Umfange gebilligt, ja empfohlen werden, aber mit dem Begriffe

»Arbeitsschule« hat es nichts zu tun. Schon Basedow hat erleben müssen,

daß Buchstabenformen aus Brotteig weder die Lese- noch die

Schreibfertigkeit gefördert haben. Druck- und Schreibschrift haben gewiß

auch ihre nationale wie persönliche Struktur. Auch in ihnen steckt ein

bestimmter objektiver Geist. Aber diesen von seinen _ersten_ Anfängen an

zu erarbeiten, ist keine Aufgabe der Schule.

Es gibt andere Methoden, welche die durch solche Dinge erstrebte

Arbeitsteilung, nämlich der Einführung in das Formsehen und der

Einführung in das Form-Darstellen, ebenfalls aufgreifen, aber sich gegen

die Psychologie des Arbeitsunterrichtes nicht versündigen. Wer solche

Methoden kennen lernen will, dem empfehle ich die Lektüre von Maria

Montessori: »Il Metodo della Pedagogia Scientifica«, Città di Castello,

Lapi 1910. Bloße manuelle Betätigung ohne Rücksicht auf die feinen

physischen und psychischen Zusammenhänge im inneren Verlauf der

Betätigungsprozesse und ohne Rücksicht auf die damit verbundene

systematische Willensschulung und Urteilsklarheit ist, wie sehr sie den

Stempel äußerlicher Arbeit tragen mag, kein Kriterium der Schule, die

wir Arbeitsschule nennen wollen.

Als Methoden der Veranschaulichung, als Mittel der Sinnesbildung, als

Befriedigung des so lebhaften Tätigkeitstriebes der Kinder, als

Belebungsmittel des gesamten Unterrichts können derartige manuelle

Beschäftigungen nützlich, bisweilen notwendig werden. Aber damit ist

unserer Schule kein neues Bildungselement zugeführt. Es ist höchstens

eine alte Forderung erfüllt, die grob vernachlässigt worden ist. Erst

wenn manuelle Tätigkeit zur Erarbeitung gewisser Kulturgüter als

systematisches Werkzeug der Willensbildung und Urteilsschärfung

gehandhabt wird, und selbstverständlich wenn sie nur dort gehandhabt

wird, wo dies der Natur der Sache nach notwendig und der Natur der Seele

nach möglich erscheint, erst dann liefert sie ein Bildungselement, das

unserer Schule bisher fremd war. Das ist aber nur dann der Fall, wenn

sie auf jeder Stufe die _jeweils vorhandene Ausdrucksfähigkeit der

ganzen Psyche des Kindes zur präzisen Wiedergabe dessen veranlaßt, was

es spontan, aus eigenartigem Interesse heraus empfindet, sieht, denkt

und fühlt, und wenn sie demgemäß in ihrer Anforderung an die

Geschicklichkeit und Genauigkeit des Ausdrucks Schritt für Schritt

höhere Anforderungen stellt_.

Ein besonderes Gebiet der Arbeitsschule ist nun auch der

Arbeitsunterricht im Sinne der _manuellen_ Arbeit. Er ist vor allem ein

Unterrichtsfeld der Volksschule, weil eben die psychische Form des

praktischen Verhaltens die Grundstruktur der kindlichen Seele ist. Nun

gibt es Schulmänner, welche einen solchen manuellen Arbeitsunterricht

zwar als Betätigungs_prinzip_ in gewissen anderen Unterrichtsfächern

zulassen, nicht aber als eigentliches Unterrichtsfach.

Begriff der Arbeitsschule · 第 3 / 10 段