aufgehoben als in Casabianda; das merkten wir drei Schwerverbrecher am
meisten, als wir im Gefängnis zu Uzès die letzten neun Tage unserer
Kerkerhaft abbüßten. Wir hatten es kaum schlechter als die anderen und
brauchten uns um kein Signal zu kümmern. So entging uns denn auch
die Entwicklung der ersten Eindrücke in Uzès. In uns hallte noch die
entrüstete Erinnerung an Casabianda nach, und wir sollten die Folgen
noch schwer spüren. Das erste und traurigste Nachspiel von Casabianda
war Krankheit und Tod von Moritz. Ich habe Edgar Moritz aus Hamburg
des öfteren erwähnt; wir waren zusammen von Barcelona auf der „Sister“
gefahren, hatten schon den ersten Abend, Moritz, Schmidt, Heller,
Kratt, Bonitz und wir, die vier letzteren mit Familie, die ersten
zwei ohne, einen recht vergnügten Abend in halbbanger Erwartung auf
dem Schiffe verlebt. Nachher bildeten Moritz, Schmidt, Bonitz und ich
engeren Zusammenhang. Ich schloß mich mehr und mehr an den vornehm
denkenden, gemütvollen Mann an, der gleichaltrig mit mir auch gern von
den Seinen sprach und mit tiefster Anhänglichkeit dem Hause verbunden
war. Es war ein Mensch, dessen Seele zu feinen Klang hatte, und das
Saitenspiel zerbrach in so rauher Wirklichkeit. Der Gefangenschaft
und ihren täglichen Entbehrungen, ihren Aufregungen und Demütigungen
war er nicht gewachsen, das fühlte er selber immer wieder. Aber die
Gefahr suchte er, wo sie nicht drohte. In ihm lebte die Idee, er würde
der Malaria zum Opfer fallen, die in Casabianda grassierte, und deren
Wiederkehr im Sommer zu erwarten stand. Die französische Regierung
schien geneigt, den Gesuchen des korsischen Deputierten nachzugeben und
uns auch im Sommer zur Bearbeitung des Landes auf Korsika zu lassen,
gleichviel, ob wir der Malaria erlagen. Die amerikanische Botschaft
ist damals wohl eingeschritten und hat es erreicht, daß wir nach
Uzès gebracht wurden. Wie oft sagte Moritz: „Ich wäre gerettet, wenn
wir von hier fortkämen!“ Die drohende Reihe der Typhuserkrankungen,
teilweise durch den Tod unterbrochen, hatte sich nicht geschlossen, und
doch sprach der unregelmäßige Verlauf der letzten Fälle schon für ein
Weichen der Epidemie. In der gefährlichsten Gegend unseres Schlafraumes
in Casabianda lag Schmidt; die Erkrankungen an Typhus waren im unteren
Schlafraume und gerade hier bei weitem die häufigsten. Schmidt aß
meist mit Moritz zusammen, dann kamen Bonitz und ich. Ich büßte
schweren Kerker, und vielleicht war das meine Rettung.
Während meiner Kerkerzeit erkrankte Schmidt, als wir schon glaubten,
die Epidemie sei erloschen. Die Symptome traten sehr schwer auf;
der Arzt (Marcantoni war lange entlassen) nahm ihn ins Hospital,
diagnostizierte Typhus und behielt ihn dort bis zum Umzug nach Uzès.
Ich erschrak, als ich ihn wiedersah, so war der korpulente Mensch
heruntergekommen.
Beim Auszug aus Casabianda war Moritz ein anderer geworden. Ein Druck
war von ihm genommen; er war jetzt sicher, daß er seine Familie
wiedersehen würde, eine Hoffnung, die er in Casabianda ganz aufgegeben
hatte. Er war wie ausgewechselt, auch im Ponton, wohin wir zunächst
für vier Tage geschafft wurden, war er vergnügt. In Uzès sah ich ihn
wiederum die ersten neun Tage nicht, da ich hinter Schloß und Riegel
saß. Bald nachdem ich herausgekommen, fiel mir bei ihm ein gereiztes,
empfindliches Wesen auf; er konnte leicht in Streit geraten, was
früher nie vorkam, und vertrug keinen Widerspruch. Ende Mai notierte
ich mir, daß bei Moritz der begründete Verdacht auf Typhus bestände.
Bald setzten Kopfschmerz und Temperatur ein, und eines Mittags trat
eine erschreckende Untertemperatur mit Kollapserscheinungen auf.
Der Arzt nahm ihn ins Lazarett, nachdem ich ihm die Reihenfolge
und den Charakter der Typhusfälle in Casabianda auseinandergesetzt
hatte, besonders Schmidts Fall, glaubte ihn aber nach einigen Tagen
entlassen zu dürfen, nachdem er nur niedrige Temperaturen fand mit
Nachmittagssteigerungen. Mir war gerade das verdächtig, und der
Irrtum war verhängnisvoll, wenn auch wohl das Schicksal nicht mehr
abzuwenden war. Er kam auf das Zimmer 63, wo nur zwei andere Herren
noch schliefen, und durfte sich eigenes Bett kaufen. So war er
verhältnismäßig nicht schlecht untergebracht. Ich war fast jede Nacht
bei ihm; er war durchaus kein leichter Patient... Bald traten dauernde
Delirien ein, und bei seinem Auszug in das Garnisonlazarett -- der
Sterbende in einer gewöhnlichen Droschke -- nahm ich Abschied von ihm;
Lähmungen traten auf und alle Erscheinungen eitriger Meningitis. Etwa
drei Wochen später starb Edgar Moritz.
Er hat ein glückliches Ende gehabt; seine Delirien führten ihn immer zu
den Seinen. Er sprach nur von seiner Freilassung, diktierte an seine
Frau, drängte immer wieder, daß ja das Automobil pünktlich zur Stelle
wäre, daß ich seiner Frau drahte, sie solle ihn an der Grenze erwarten.
Immer wieder mußte ich telegraphieren und bestellen. Der Arzt sagte
ihm auf seine Frage, daß die französische Regierung seine Freilassung
dekretiert habe, und so zog er glücklich von uns. Am 24. Juli 1915 fand
der arme, zerstörte Geist, der einer zu schweren auf ihn gelegten Last
nicht gewachsen war, die Ruhe.
Ein trauriges Nachspiel folgte: wir wollten unserem Freund das letzte
Geleit geben, und das wurde nicht bewilligt. Der Kommandant meinte, er
sei für unsere Sicherheit verantwortlich und fürchte die Bevölkerung
von Uzès, welche uns feindlich gegenüberstände.
Die Bitte, wenigstens eine Abordnung zu gestatten, die aus dem
mitgefangenen Pfarrer Hommel, mir und einigen anderen Freunden
bestünde, wurde nach Anfrage in Marseille gleichfalls abgeschlagen,
auch die letzte Bitte, man möchte den Sarg auf dem Wege zum Kirchhof in
den Kasernenhof zur Einsegnung der Leiche und Feier tragen lassen. So
mußten wir uns mit der letzten, kümmerlichen Erlaubnis abfinden, eine
Feier auf dem Kasernenhofe zu veranstalten zur Zeit, wo der Tote auf
dem Kirchhofe sang- und klanglos verscharrt wurde. Am 25., nachmittags
vier Uhr, fand die Leichenfeier statt; es wurden Lieder gesungen, dann
sprachen Pfarrer Hommel und zum Schluß ich. Ein Eichenkreuz hatten wir
auf dem Grabe errichten lassen, das Mitgefangene geschnitzt haben,
einen Kranz aus der allgemeinen Sammlung auf sein Grab gelegt. Heute,
wo wiederum acht Monate nach seinem Tode vergangen sind, so schwerer
Erlebnisse voll, freue mich fast, daß er die Ruhe gefunden hat.
Zwei Tage darauf begruben wir einen anderen Mitgefangenen, Pagel, der
auch dem Typhus erlag. Der letzte schwere Ausläufer des Typhus betraf
Bonitz, welcher wieder in Uzès neben Moritz gelegen hatte. Der Arzt
nahm ihn gleich in das hiesige Lazarett; ich besuchte ihn täglich,
und er überstand die Krankheit nach monatelangem, schwerem Lager und
Rezidiv. Lange hat es gedauert, ehe er sich einigermaßen erholen
konnte; aber vor dem Aergsten blieb seine Familie bewahrt.
Noch ein anderes Nachspiel von Casabianda hat schweren Eindruck auf
mich gemacht, wenn es sich auch glücklicher löste, als wir fürchten
mußten. Es betraf meinen jüngsten Freund und Kerkergenossen, Leutnant
Balduin von Herff, der bisher so tapfer dem Schicksal, das schwer
auf ihn einstürmte, widerstanden hatte. Wie bekannt, hatte er
dasselbe Verbrechen begangen wie ich, er hatte die ganze Prügelaffäre
seinem Vater, Professor der Gynäkologie in Basel, berichtet und den
Bericht mit Urin unsichtbar geschrieben. Am Tage, als wir nach Uzès
abmarschierten, soll er, wie wir später hörten, freigekommen sein.
Aber schon zog sich neues Verderben über seinem Haupte zusammen. Der
juristische Grundsatz, „_ne bis in idem_“ schien den Franzosen
nicht geläufig. Am Tage, als zwei unserer mitgefangenen Zivilisten,
Schielke und Rau, welche dasselbe Verbrechen wie von Herff begangen
und es ebenso bereits abgebüßt hatten, in Uzès aufs neue eingekerkert
wurden, um vor das Kriegsgericht nach Marseille zu kommen, konnten
wir dasselbe wohl auch von Herff annehmen, der in Casabianda
zurückgeblieben war. Es war wirklich so, wie ich aus späteren
Nachrichten erfuhr. Ob _au titre de repressalies_ oder aus welchem
Grunde plötzlich ein so scharfes Vorgehen gerechtfertigt erscheinen
sollte, weiß ich nicht; jedenfalls wurde den Dreien aus ihren
Schriften ein Strick gedreht und dieser zu einem Prozeß wegen Spionage
verdichtet.
So standen die Sachen, als am 16. Juli im „Eclair“, der Zeitung, die
wir täglich lasen, folgendes stand:
Eclair, 16. 7.
Wegen Spionage zum Tode verurteilt.
Marseille, den 15. Juli.
Früh am 15. Juli hat der vereinigte Kriegsrat im unteren Fort
St. Nicolas unter dem Vorsitz des Oberstleutnants Kervall die
Todesstrafe gegen von Herff, Rau, Otto, Schicht, angeklagt, mit
Angehörigen einer feindlichen Macht einen Briefwechsel unterhalten
zu haben, um ihnen Aufschlüsse über die französischen Armeen
zukommen zu lassen, ausgesprochen. Die Verhandlung fand unter dem
Ausschluß der Oeffentlichkeit statt.
Selten hat eine Nachricht so erschütternd auf mich gewirkt. Ich hatte
zusammen mit ihm gefühlt und gelitten, und sollte nun dies das Ende
dieses tapferen Menschen sein? Daß er auch an der französischen Wand
ganz der alte bleiben würde, wußte ich freilich. Am nächsten Tage
wurde uns beim Appell verkündigt: Laut „Eclair“ sind die Gefangenen
Schielke und Rau des hiesigen Lagers zum Tode verurteilt. -- Also auch
Herff! Glücklicherweise hat sich die Nachricht nicht bestätigt, sie war
einfach erlogen. Ich erfuhr das in einem weiteren Brief durch Herff
selber.
Schielke und Rau kamen bald zurück. Der Prozeß der Drei war
niedergeschlagen. Grimms Berufung wurde verworfen; er wurde aber, was
wir kaum zu hoffen wagten, zu zehn Jahren Zwangsarbeit begnadigt.
Unerhörte Strafen wurden gegen Ritter und Teichert ausgesprochen; beide
wurden zu je zehn Jahren öffentlicher Arbeit verurteilt. Durch Herffs
Vater erhielt ich Neujahr 1916 die Nachricht, daß er gut aufgehoben und
gesund sei. Von Ritter und Teichert haben wir nichts mehr gehört!
Meine Anerkennung als Offizier.
Eines der Lieblingslieder meiner Frau, welches sie auch oft sang,
weil ich es gern hörte, war ein Wiegenlied mit entzückenden
Versprechungen für ein Kind, das schlafen soll, und der Schluß war
immer wieder: „Bleibe nur fein geduldig.“ Wie oft, wenn uns die Ungeduld
plagte, wenn dies oder das uns an den Rand der Verzweiflung brachte,
trösteten wir uns: Es wird ja werden, „bleibe nur fein geduldig“. Nie
hatte ich diesen Trost so nötig gehabt als in der Gefangenschaft.
Weit hinter das Ziel, frei zu werden, trat das andere, als Offizier,
wie es mir zukam, anerkannt zu werden. Ich habe schon geäußert, wie
furchtbar mich die Gleichheit mitnahm. Wir kämpften weidlich und mutig
gegen unseren Unstern und haben unsere Anerkennung als Offizier in
neunzehn Monaten so etwa wöchentlich beantragt. Versprochen wurde sie
uns noch häufiger. Zu uns gesellte sich in Casabianda Oberleutnant
Spangenberg, und da bildeten wir zu dreien ein schönes Gespann derer,
die nicht anerkannt werden sollen oder müssen. Und doch hatten wir
unsere Papiere in tadelloser Ordnung; ein Zweifel an unserer Charge
konnte gar nicht da sein und war nicht da. In Casabianda war das nicht
so schlimm; da gab es keine Offiziere; aber in Uzès waren schon einige
anerkannt und genossen Ausnahmestellungen. Da war also unsere Stellung
weit peinlicher. Nach der Marcantoniaffäre, also im Dezember 1914,
war es, wo der Kommandant mir zugesagt hatte, ich solle nach Corté in
ein Offizierslager, um der schwierigen Stellung dort zu entgehen. Von
da erwartete ich solche Beförderung etwa täglich, geradeso oft, wie
meine Freilassung, bis schließlich der Humor obsiegte und ich mich, wie
auch meine Leidensgenossen Spangenberg und Schmidt, mit dem Schicksal
aussöhnte, nicht ohne die wöchentlich fälligen Anträge zu machen und
mit stiller Erwartung, es könne doch einmal anders werden; „bleibe nur
fein geduldig“. Und es kam wirklich anders, und seitdem haben wir drei
Leidensgenossen uns den Kinderglauben des Wiegenliedes, den wir schon
fast verloren hatten, wiedergewonnen. Zuerst wurde, ich glaube es war
im Dezember 1915, also nach einer Gefangenschaft von 1½ Jahren,
Schmidt ins Bureau gerufen und ihm mitgeteilt, seine Papiere, die
unauffindbar erschienen, seien zwar noch nicht gefunden, aber seine
Angaben seien durchaus glaubwürdig und es werde ihm Offiziersbehandlung
zuteil werden. Er zog nun in das _Chambre des Officiers_. Aber der
Ausgang dieser Sache war peinlich genug. Der Kommandant hatte wohl aus
eigener Machtvollkommenheit gehandelt, und als ein neuer Kommandant
kam, wanderte Schmidt in sein altes Mannschaftszimmer.
Einige Wochen darauf schlug für Spangenberg die hohe Stunde, und
er trat aus unseren Reihen in die der Begnadeten. Schmidt und ich
wiederholten unser Wochenrepertoire. Er hatte wenigstens vorübergehend
das Glück genossen, ich noch nie, und da ich von Casabianda her den
Brandstempel als „Aufwiegler, Aufrührer und durchaus unglaubwürdig“
trug, so schien es uns schon verständlich, und wir waren überzeugt, daß
es sich nie ändern würde. Aber, wie gesagt: „Bleibe nur fein geduldig“.
Da geschah etwas Seltsames: Am 29. Januar wurden mit mir vier Herren,
Pasch, Doetsch, Holst und Stern, plötzlich heruntergerufen. Einige
Korporale kamen hinzu, und wir wurden in ein abgelegenes Zimmer
gebracht. Nun, an so kleine Extravaganzen hatten uns unsere Feinde
gewöhnt; aber es kam doch mehr, als wir erwarteten: Wir mußten uns
in der Kälte ganz nackend ausziehen, wurden durchsucht bis auf die
Stiefelsohlen und jede Falte des Hemdes. Dann mußten wir unsere
Kofferschlüssel ausliefern und blieben in Polizeigewahrsam, bis die
Koffer untersucht waren. In unserem Zimmer hatten inzwischen Posten
jede Annäherung an eines der uns gehörenden Gepäckstücke oder an
unser Lager unmöglich gemacht. Das größte Gepäck stand im Gepäckraum;
der wurde von nun an gleichfalls von Posten bewacht. Aufgepflanztes
Bajonett wie immer. -- Ja, was war denn los? Waren wir der Spionage
verdächtig? Man kannte uns doch lange genug. Daß wir ganz gemeiner
Denunziation zum Opfer gefallen waren, das leuchtete uns ein. Einer,
Herr Holst, hatte am Tage zuvor Geld gewechselt, dem wurde sein Geld
abgenommen; bei Herrn Doetsch und Pasch fand man nichts, desto mehr
bei mir. Alle meine Schriftstücke, die ich als Tagebuch gesammelt
hatte, Kopien der Briefe usw., hatte ich in ein Kopfkissen eingenäht.
Ich wollte nicht, daß es irgendwer lese. In diesem Kopfkissen hatte
ich unglücklicherweise noch die Abschrift der rein statistischen
Angaben des Herrn Spangenberg, die mir des Datums wegen zur Aushilfe
dienten. Als die Vormittagsuntersuchung beendet war und wir erstaunt
fragten, was das alles bedeute, lächelte mich Herr H. an: „Nun, bei
einem der Herren hat man alle verborgenen Schriften im Kopfkissen
gefunden!“ Das konnte nur das meine sein, und man hat mir erzählt,
daß dieser Herr bei Durchsuchung meines Lagers erst das eine, dann
das andere Kopfkissen aufgetrennt habe. Eine halbe Flasche guten
Rotwein, den ich im Koffer aufbewahrte, nahm man gleichfalls mit.
Nun hing von neuem ein Damoklesschwert über mir. Daß sie sich meines
Buches nicht freuen würden, wußte ich auch, und ich wußte geradeso
aus früherer Erfahrung, wie leicht man einem Mißliebigen einen Strick
dreht. Nachmittags kam die Untersuchung der großen Gepäckstücke, das
war der Reisekorb meiner Frau; darin war nichts; ich hatte alles im
Kissen, als dem sichersten Versteck, aufbewahrt. Bei Doetsch war auch
nichts, nur bei Pasch fand man einen Teil des Tagebuchs aus Casabianda.
Der wurde abgenommen. Nun verlebten wir einige erwartende Tage und
Wochen. -- Natürlich waren wir im Innersten empört über das Vorgehen.
Durften wir denn nicht Tagebücher schreiben? Wer wehrt das Gefangenen?
Und daß solche Bücher nicht strotzen werden von Lobeserhebungen über
die Vögte, das wird man begreiflich finden. Aber in meinem Buche war
alles authentisch mit Kopien der abgeschickten Briefe belegt. Mit
den großen Bogen meiner Aufzeichnungen sah ich Herrn H. häufig ins
Bureau und auf sein Zimmer gehen, und da wir im Nebenzimmer lagen,
so hörten wir abends, wie er seinen Kollegen Teile aus demselben
übersetzte. Daß er keine Freude an meiner Gesinnung hatte, glaube
ich wohl; aber strafbar konnte nichts sein, und ich war eigentlich
im Grunde neugierig, welcher Paragraph für mich herangezogen werden
sollte. Daß wir darauf rechnen konnten, heute oder morgen, so oder
so, gefesselt nach Marseille zum Kriegsgericht geführt zu werden, war
uns klar, und wir bereiteten uns auf solchen Transport vor. Da fiel
am Geburtstag meiner Frau, dem 3. Februar, das erste Opfer, das wir
am wenigsten erwartet hatten. Am Abend traten die Korporale nach dem
Appell in unser Zimmer, und Pasch wurde abgeführt. Dessen Tagebuch war
doch offensichtlich im Koffer gewesen, meines verborgen; warum der
zuerst? Freilich, daß ich mein Tagebuch verborgen hatte, war klar;
ich wollte, daß niemand Einsicht nehmen sollte; es war berechnet,
alle Erlebnisse, die ich später Frau und Kindern bringen wollte,
festzuhalten. Der Schein konnte immerhin gegen mich sprechen, aber
gegen Pasch? -- Die Lösung ließ nicht lange auf sich warten. Pasch
wurde, wie beim Appell am nächsten Tage bekanntgegeben wurde, wegen
Beleidigung des Offizierkorps, der Korporale und der Bevölkerung von
Casabianda zu 15 Tagen Einzelhaft verurteilt. Der Kommandant würde
die Sache weitermelden und den Antrag stellen, daß der Täter vor ein
Kriegsgericht nach Marseille zitiert würde. Das war immerhin seltsam;
aber wir hatten zu schweigen. Pasch blieb in strengem Verschluß.
Inzwischen war Spangenberg gerufen und verhört, weil auch in seinen
Aufzeichnungen manches Tadelnswerte sich fand. Daß er durch mich
hereingeritten war, das tat mir herzlich leid; aber schuld war ich
nicht; wir hatten so oft unsere Beobachtungen ausgetauscht, und ich
wollte gern seine Bemerkungen, die so rein statistisch und sachlich
waren, verwerten und sie ihm nachher zurückerstatten. Zwei Tage darauf
kam unversehens der langerwartete Abgesandte der amerikanischen
Botschaft in Paris, Herr Haseltine, den wir seit fast einem Jahre
nicht mehr gesehen hatten, ins Lager. Dem wurden nun unsere Klagen
vorgebracht, und auch ich kam zu Wort und bat, wie Schmidt, wir beide,
wie immer, wenn sich Gelegenheit bot, um Anerkennung als Offizier.
H. bat uns, ihm die Sachen schriftlich zu geben, und so gingen diese
Schriftstücke mit der Genehmigung des Kommandanten nach Paris, von
neuem. Auch im Kerker war Herr H., und Pasch konnte ihm genauen Bericht
über das Vorgefallene geben. Wenige Tage, nachdem er gegangen, kam
ein höherer Offizier ins Lager, welcher Spangenberg und mich rief und
sagte, er habe unsere Bestrafung beantragt, nicht weil in unseren
Tagebüchern Beleidigungen enthalten seien (es stehe uns frei, in
Privatnotizen zu schreiben, was wir wollten), sondern weil daraus
hervorginge, daß wir die Zensur übergangen hätten. Für Sp. habe er die
Entziehung der Vorrechte als Offizier, für mich Gefängnis beantragt.
Wir protestierten beide lebhaft, weil wir uns bewußt waren, daß ein
solcher Vorwurf uns nicht gemacht werden konnte; aber wir wurden, wenn
auch nicht unhöflich, entlassen, und das Damoklesschwert blieb hängen.
Vorläufig geschah nichts. Ein Gerücht, Sp. habe zwei Monate Festung und
ich vielleicht auch, war unbegründet. -- Am 18. Februar wurde ich ins
Bureau gerufen und mir die Mitteilung gemacht, daß ich als Offizier
anerkannt sei, daß aber infolge des gegen mich schwebenden Falles
diese Anerkennung durch den Herrn Kommandanten vorläufig suspendiert
sei. Die Verfügung des Kriegsministeriums wurde mir durch Leutnant
Millet vorgelesen, von einer Suspendierung stand nichts darin. Ich
hatte also endlich, nach etwa 19 Monaten, das Wunderbare erreicht und
war nunmehr zwar anerkannter, aber suspendierter Offizier. Wie die
Anerkennung des Kriegsministers suspendiert werden konnte, leuchtete
mir nicht ein, und nach vierzehn Tagen des Wartens beschwerte ich
mich, weil ich noch die alte Behandlung voll und ganz genoß. Zwei
Tage darauf war ich anerkannt und genoß Herrenrechte; wir glaubten
natürlich, daß damit die Angelegenheit erledigt sei; aber der Mensch
denkt...! Ich zog zunächst in das Offizierzimmer; vor allem wurde ich
feierlich in meinem alten Zimmer „degradiert“, d. h. die roten Biesen
und Tressen, die Gefangenennummer wurden mir abgetrennt und die Mütze
ins Lager zurückgegeben. Schmuck- und zeichenlos zog ich in das neue
Gemach. Der Kommandant bewilligte schon am nächsten Tage, daß wir
beiden Aeltesten, Hauptmann Engelhard und ich, ein eigenes Zimmer
bezögen, und nun folgte eine immerhin bessere Zeit, die gut zu nennen
gewesen wäre, wenn der Hauptmann nicht so gräßlich geschnarcht hätte.
Aber auch das war zu erdulden. Die köstliche relative Ruhe wirkte
versöhnend nach so viel Leiden. Ich konnte mich wenigstens isolieren,
stand nicht mehr unter dem Befehle der Korporale und fühlte wohl den
Unterschied zwischen früher und jetzt. Und, eigentümlich war es, 14
Tage darauf wurde mein intimer Leidensgenosse Schmidt nun endlich auch
durch kriegsministerielle Verfügung als Offizier definitiv anerkannt
und zog in das Zimmer der anderen Herren. Nun endlich schien es,
als sei das Schwert von unsern Häuptern endgültig genommen. Aber...
Spangenberg und ich wurden am 28. März morgens ins Bureau gerufen,
und es ist nicht oft, daß derlei Gutes bedeutet. So wappneten wir uns
mit dreifachem Harnisch und zogen herunter. Da verkündete uns der
Kommandant, daß unsere schwebende Affäre nun zum Austrag gekommen
sei: der Kriegsminister habe verfügt, daß Spangenberg als Offizier 30
Tage strengen Arrest erhalte, ich als Gefangener 25 Tage Gefängnis.
Da inzwischen meine Anerkennung als Offizier erfolgt sei, so habe das
Kriegsministerium meine Strafe ebenfalls in 30 Tage Offiziersarrest
umgewandelt. Der Dolmetscher gab die in französischer Sprache gegebene
Erklärung, die wir so verstanden, wieder, daß wir jeder zu 30 Tagen
Festung verurteilt seien, die in Uzès abzubüßen sei. Als Grund unserer
Bestrafung verlas der Kommandant, daß wir in unserem Tagebuch die
Namen der Elsässer aufgeführt hätten, welche in französische Dienste
getreten seien, um sie unserer Regierung bekanntzumachen. Wieder war
jeder Protest unnötig. Wir baten beide, man möchte uns beweisen,
daß das aus dem Tagebuch hervorginge, und fügten hinzu, daß es sich
um Soldaten handelte, die im Feindeslager in deutscher Uniform
fahnenflüchtig geworden seien. Wie gesagt, solche Antworten sind
unnütz, und der Kommandant tat eben, was ihm befohlen war. So hatte ich
zum zweiten Male 30 Tage, aber wie anders als damals! Der Offizier
teilte uns jedem ein Zimmer zu, wir durften tun, was wir wollten;
unsere Ordonnanzen durften uns bedienen; nur wir waren abgeschlossen
von allen anderen. Unser Essen bekamen wir aus der Kantine. Es wurde
mir ein großes Zimmer, freilich kahl und lieblos, angewiesen, ich
durfte mein Bett, das mir als Offizier zustand, herübernehmen, Speisen
und Getränke selber zubereiten oder aus der Kantine besorgen lassen,
meine Ordonnanz kam täglich zweimal, das Zimmer zu reinigen und
Aufträge entgegenzunehmen; ich durfte zwei Stunden am Tage auf dem
Korridor allein und beaufsichtigt spazierengehen, nur das eine war
verboten: jeglicher Verkehr mit den übrigen Gefangenen. Nun, wer meine
Ausführungen gelesen, mag sich denken, daß mir solche Strafe damals
nicht zu schwer schien.