haben nördlich von Châlons in einer Front von 25 Kilometern einen
großen Sieg erfochten, 20000 Gefangene gemacht und die Reihen der
Feinde durchbrochen. Das letztere wird im weiteren widerrufen, es
wird auch sonst vieles übertrieben sein; aber ich mag bei solchem
Berichte die Zeitung schon gar nicht mehr in die Hand nehmen, viel
schwerer empfinde ich das Fernsein bei Niederlagen als bei Siegen.
Der Russe soll ja ein reichlich dickes Fell in politischen Fragen
haben, sonst müßte das Los eines in Deutschland gefangenen Russen das
kläglichste sein, das ich mir denken kann. Wenn nicht unsere Erfolge,
das ganze und volle Vertrauen auf unsere Regierung, Heer und Marine uns
aufrechterhielte und ein starkes Gegengewicht gegen das Elend im Lager
gebildet hätte, was wäre aus uns geworden? Ich kann mir nicht denken,
daß ich ein so hoffnungslos klägliches Schicksal durchgehalten hätte.
Uzès!
Doch nun zu Uzès! Ich will das tägliche Lagerleben kurz abmachen, um
den Leser nicht zu langweilen, wie wir uns gelangweilt haben. Der
Grundzug des Lebens in Uzès bestand in einer großen Oede, unterbrochen
von Ereignissen der traurigsten Art, zum großen Teil Nachwehen von
Casabianda.
Unser Einzug in Uzès fand am 4. Mai 1915, abends 7 Uhr, unter dem
Jubel der Bevölkerung statt. Ein Gejohle, Pfeifen, Brüllen, Kreischen,
Zischen, Heulen empfing uns, wie beim Einzug in Korsika, nur näher
und daher sinnbetäubender, daß selbst die stärksten Trommelfelle
kaum standhielten. Wir dankten nach beiden Seiten für die lärmenden
Huldigungen, fanden aber kein rechtes Verständnis bei der exaltierten
Menge, außer daß uns einige Damen ihre Zungen grüßend entgegenstreckten
und Grimassen schnitten, die auch bei dem fahlen Laternenlicht ihre
Gesichter nicht verschönten. Gegen 8 Uhr gelangten wir durch einen
Toreingang auf einen Kasernenhof von 70 Meter Länge, 30 Meter Breite,
der schwach erleuchtet war. Wir erhielten zu essen und wurden dann
namentlich ins Bureau gerufen. Der Kommandant sagte zu mir auf
deutsch: „Sie sind bestraft, nicht wahr?“ Ich bejahte das und er fragte
warum? „Weil ich mich um Hilfe an den Herrn Generalgouverneur wandte
gegen die Prügelstrafe, welche einige Offiziere in Casabianda gegen uns
Gefangene eingeführt haben.“ Er kannte die Sache und es war mir schon
gesagt, daß er auf meiner Seite stand. So beschied er mich auf morgen.
Wir gingen dann nach oben, erhielten ein Zimmer zu zehn Mann, darunter
Moritz, Bonitz, Schmidt, Schaaf, Pasch, von Maltzahn, Spangenberg,
Hirschfeld, fanden für jedes Lager Strohmatratze, Strohsack, Schlafsack
und zwei Decken vor. Das Zimmer war geräumig und nicht unfreundlich
und wir schliefen gut, doch wußte ich, daß ich mein Lager wieder mit
einem weniger freundlichen vertauschen müßte, denn noch fehlten neun
Tage Kerker. Am nächsten Morgen erfuhren wir das eine, daß wir in ein
ganz gutes Lager gekommen waren, und daß es wohl kein Lager in ganz
Frankreich gäbe, das Casabianda an die Seite zu stellen wäre. Wir drei
Schwerverbrecher, Baron von Weichs, _Dr._ Steinbrecher und ich,
wurden zum Arzt geschickt, der Kommandant hatte vielleicht gedacht,
uns so von der Fortsetzung der Strafe zu befreien. Der Arzt fand bei
den anderen etwas, bei mir nichts, was ihn nicht hinderte, uns alle
drei als haftfähig zu erklären. Der Kommandant sagte uns denn auch
sehr liebenswürdig, er könne die Strafe nicht aufheben, weil sie vom
Generalgouverneur verhängt sei, er wolle sie uns aber leicht gestalten.
Dann rief er uns alle und sagte in einer Ansprache, er wüßte, wie
schlecht wir es in Casabianda gehabt hätten, und er wolle sorgen,
daß wir es hier besser haben. Im Grunde hat er das gehalten und ist
wohlwollend geblieben. Wir konnten uns über das, was an Maßregeln von
ihm ausging, nicht beschweren. Was an Ungerechtigkeiten, Repressalien
usw. kam, ging nie von ihm aus, und als er seine Stellung verließ,
erfuhren wir, wie sehr ein Lagerleben vom guten oder bösen Willen
des Kommandanten abhängt. Auch Offiziere und Mannschaften benahmen
sich zu damaliger Zeit nicht ungebührlich, wir waren ja auch nicht
verwöhnt in Casabianda. Am Abend wanderten wir in den Kerker, das war
freilich ein Unterschied gegen Casabianda. Ein heller, großer Raum
mit Lagerpritschen. Decken nahmen wir uns mit, wie wir wollten. Der
Kommandant besuchte uns am zweiten Tage, gab uns eine Kiste Papier,
wenn wir arbeiten wollten. So sind die neun Tage hingegangen, wir kamen
zwei bis drei Stunden auf den Kasernenhof, durften auch in die Kantine,
und wenn die Wanzen auf den Pritschen nicht gewesen wären, so hätten
wir keinen Nachteil gegen die anderen Gefangenen empfunden, die mit
ewigen Revisionen und Appellen geplagt wurden. Die Wächter kannten den
Grund unserer Bestrafung und benahmen sich durchaus gebührlich. Später
sind Freiheiten, wie wir sie genossen, nicht mehr gewährt, auch kamen
viele Gefangene in die Einzeldunkelzellen. Die Bestrafungen waren in
Uzès etwa so zahlreich wie in Casabianda, nur handelte es sich in den
ersten Monaten meist um kurze Ordnungsstrafen. Am 14. Mai endete unsere
Kerkerzeit und das Lagerleben begann von neuem.
Wenn ich die Wahrheit bekennen soll, so muß ich gestehen, daß nach den
ewigen Aufregungen vergangener Tage die Oede von Uzès fast unerträglich
war. Wir waren so ganz heraus aus dem gewohnten Getriebe, kein Korporal
setzte uns bei dem ersten Widerstand den Revolver auf die Brust,
Schüsse fielen selten und auch nur dann, wenn ein kriegsunkundiger
Kämpfer sein Gewehr laden und die Sicherung probieren wollte. Das
tägliche Theater fehlte, das unseren Nerven so unbedingte Gewohnheit
geworden war. Uns war zumute wie in einer Abstinenzkur, wir hatten
sogar einen Korporal, der uns ein gewisses Wohlwollen entgegenbrachte.
Das verstößt so gegen alle Regeln und Kriegsgesetze des jüngsten
Krieges, wie wir sie bisher in Frankreich erfaßt hatten. An Strafen
fehlte es, wie gesagt, nicht; aber es fehlte ihnen so der intime Reiz
der Gemeinheit, sie waren nicht einmal immer ungerecht, und es hatte
nicht einmal jeder Korporal das Recht, dem ersten besten _boche_,
wenn es ihm gefiel, an die Gurgel zu springen und mit ihm abzufahren.
Hier pfiff nicht einer auf den anderen, es herrschte etwas wie
militärische Ordnung, und daran muß man sich nach so strapaziöser Zeit
erst langsam gewöhnen. Auch der Kerker war, wie ich schon sagte, so gar
nicht romantisch, wie in Casabianda, mit verfaulten, dumpf riechenden
Mauern und Ungeziefer jeder Art. Die paar Wanzen, was ist das? Auf die
Gefahr hin, daß meine Leser einschlafen, will ich mich zwingen, einen
Tag der Gefangenschaft zu schildern, den ich ebenso den 1. Juni wie den
20. August oder den 23. Oktober nennen kann. Was galt uns überhaupt
ein Datum? Ein Traum war alles und wir ersehnten das Erwachen. „Nur
mit Entsetzen wach’ ich morgens auf, ich möchte bittre Tränen weinen,
den Tag zu sehn, der mir in seinem Lauf nicht einen Wunsch gewähren
wird, nicht einen.“ Also zur Prosa, die besser hierherpaßt. Morgens
um 5 Uhr, auch 5½, selbst 6, je nach dem Gang der Sonne, tönt das
Signal „Wecken“. Jeder regt, reckt sich und legt sich auf die andere
Seite des traurigen Strohlagers, denkt noch zwanzig Minuten nach,
erhebt sich, meist der gewohnten Reihenfolge nach, der Langschläfer
folgt dem Kurzschläfer. Neben dem Lager steht ein Schälchen Kaffee,
seiner braunen Farbe wegen so genannt, den mit dem Wecksignal der
Diensthabende in die hingestellten Gefäße gegossen hat. Man greift
dazu, ich habe mich an den Verzicht gewöhnt. Einige stürzen sich
darauf, essen und trinken dazu, ehe sie sich die Zähne geputzt haben,
aber das schwarze Brot, welches eine Nachahmung des K. B. sein soll und
extra gemacht ist, uns zu ärgern, wirkt der Zahnbürste ähnlich. Also
wir erheben uns, greifen zum gefüllten Eimer, wenigstens die, welche
sich einen gekauft haben, zu Handtuch, Seife, Glas, Pebeco, Zahnbürste
und gehen in den Waschraum, dessen Fülle und Akustik gräßlich ist. (Ich
selber war so undiszipliniert, daß ich die Reinigungsprozedur im Zimmer
vornahm.) Dann kam der Diensttuende und reinigte das Zimmer, erst
trocken, dann naß. Wir Begüterten stellten Vertreter, da uns die Arbeit
nicht so recht von der Hand ging, unsere Burschen machten unsere Lager
zurecht, zuletzt ging alles in eiligem Tempo, denn schon erklang eine
Stunde nach dem Signal „Wecken“ das zweite Signal „erster Appell“.
Wir stellten uns vor die Lager in Reih und Glied und die Regierung
nahte, die mit Herrschermiene die Meldung des Zimmerchefs entgegennahm.
Dann kam ein solennes Frühstück, Tee, Kaffee, Kakao, je nach dem
Sortiment der braven Alten in der Heimat, die mich reichlich versorgt
hatte. Dann verteilte sich der Schwarm. Es gab Unterrichtsstunden.
Moritz unterrichtete im Englischen, leider nur kurze Zeit, Bonitz
im Spanischen, ich nahm Unterricht in Stenographie und später im
Neugriechischen und Türkischen, fast alle Sprachen wurden unterrichtet,
auch gab Rektor Kalb für die weniger Gebildeten Elementarunterricht,
Mathematik usw., was dem Herrn, der sich auch sonst große Verdienste um
das Lagerleben erworben hat, besonders gedankt wurde. Der morgendliche
Frühgang hatte bei sieben Lokalitäten und über fünfhundert, welche
Anwartschaft darauf geltend machten, recht große Schwierigkeiten. Wie
eine Schlachtreihe aufgepflanzt, lauerte man auf das Erlösungswort:
Ablösung vor; wohl dem, der nach Scheffelscher Sangesweise
altphilosophischem Grundsatz der Guanovögel folgen konnte! Aber auch
dort war die Einrichtung, so primitiv sie war, doch golden gegen die
in Casabianda. Dann kam ruhige Zeit des Arbeitens oder Lesens, anfangs
auf eigenem Stuhl am eigenen Tisch, bis das verboten wurde. Ich schrieb
mein Tagebuch, mit dem ich später so traurige Erfahrungen gemacht habe,
und wenn ich so im Freien saß und schrieb, dann vergaß ich bisweilen
das Elend der Gefangenschaft. Ich selber war dienstfrei von jeglichem
Dienste. Für die anderen kam um 8½ Uhr das Signal „Turnen“, das war
für uns insofern unangenehm, als wir um diese Zeit nicht im Freien
sitzen durften. Im Freien -- nun, das Wort mag hingehen, der Himmel war
über uns, und etwa zehn Bäume gab es auch auf dem Hofe, sonst war der
Ausblick freilich durch Haus und Mauer versperrt. Nach einer Stunde
wurde das Turnen abgeblasen, wieder nach einer halben Stunde wurde zum
Brotempfang und dann zum Essen geblasen.
Meist wurden inzwischen noch einmal die Korporalschaftsführer
zusammengeblasen, um Spezialaufträge in Empfang zu nehmen. Beim
Essensruf vereinigte sich alles, was essen wollte. Man mußte auf
Empfang der Portion meist so etwa zwanzig Minuten warten (das ist
später dadurch vereinfacht, daß die einzelnen Zimmer durch Vertreter
das Essen in Eimern für jedes Zimmer holen ließen), aber es lohnte
sich, besonders wegen des Wechsels im Menü. Montags gab es Fleisch mit
Sauce und Kohlsuppe, Dienstags auch, Mittwochs dasselbe, Donnerstags
auch, Freitags Stockfisch oder Sardinen und Sonnabends und Sonntags
Fleisch mit Sauce und Kohlsuppe. Wir _upper ten thousands_ hatten
eigene Art, den Leib zu pflegen. Einige aßen extra in der Kantine,
andere kochten selbst oder ließen sich kochen. Zu den letzteren gehörte
ich und ich bin nicht schlecht dabei gefahren. Der Mittagstisch,
wie ich ihn mit einigen kurze Zeit in der Kantine hatte, wurde bei
der dauernden Steigerung der Lebensmittel zu teuer, so daß wir uns
derlei nicht mehr leisten konnten, besonders seit die Auszahlungen
aus dem eigenen Depot immer mehr beschränkt wurden. _Au titre
de repressalies_ wurde überdies bald in der Küche nur dreimal
wöchentlich Fleisch verabfolgt und das Brot wurde täglich ungenießbarer.
Der Leser verzeihe mir, wenn ich immer wieder abschweife, die Oede des
Alltags in Uzès wirkt noch in der Erinnerung wie Augustgewitterschwüle,
und jede Abschweifung ist mir, auch wenn ich mich zwingen will, beim
Thema zu bleiben, wie kühlender Wind.
Also weiter: Um 10¾ wurde wieder geblasen, diesmal zum wirklichen
Appell. Ich schrieb damals an meine Frau, sie möchte sich doch
beizeiten eine ordentliche Trompete anschaffen, denn es würde mir
unmöglich sein, ohne das nötige Geblase mich zu Bett zu legen, mich
zu erheben, mich zu waschen, zu essen, Nachmittagsschlaf zu halten
oder gar aus ihm wieder zu erwachen. Gleich nach dem Appell ertönt
das Signal: Die Kantine ist eröffnet. Sechsmal am Tage gibt es
Kantinensignal: dreimal Kantine offen, dreimal Kantine zu. Um die
Stunde wird Zeitung verkauft und nun stürzen wir uns auf die neusten
Nachrichten. Das war zu Zeiten des russischen Feldzuges die schönste
Stunde des Tages neben der Abendstunde, wo wir den „Radical“ nach dem
Abendappell lasen, der anfangs starke Artikel brachte, dann zahm wurde
und aus der Hand fraß. Um ½2 dumpfes Signal: Antreten zum Vortrag.
Dahin gehe ich fast nur, wenn ich muß, und ich muß, wenn ich selber
spreche. Es ist das nicht selten, weil ich zu den Berufsvortragenden
gehöre. Später, als die Möglichkeit zu neuen Themata sich immer mehr
erschöpfte, habe ich mich gänzlich emanzipiert. Ich sprach abwechselnd
über Medizin und Literatur, bereitete mich wenig dazu vor. Das Publikum
ist selten gewählt, es gilt mir als eine Uebung zum freien Sprechen.
Ich nehme es keinem übel, der nicht in meine Vorträge kommt, wie ich
_vice versa_ dieselbe Rücksicht gegen mich verlange. Aber doch
hat es einen gewissen Wert, daß solche Vorträge gehalten werden, es
gehört durchaus zum Stil. Ich möchte, ohne jemand zu kränken -- mich
selber nun schon gar nicht --, behaupten, die Vorträge bilden die Höhe
des Stumpfsinns, denn bekanntlich kann man, ohne eine Bibliothek zur
Hand zu haben, etwas Wissenswertes kaum bringen, da hier und da Lücken
sich zeigen, die aus dem Gedächtnis nicht auszufüllen sind. Nach dem
Vortrag der übliche Spaziergang zwischen vier oder sieben Mauern, immer
auf und ab und ab und auf, und nun blüht der Stumpfsinn: die Zeitungen
und neusten Nachrichten werden besprochen. Da ist Herr A., der hat
eigene Interessen und weiß, der Friede steht nahe bevor, weil dadurch
seine finanziellen Verhältnisse gebessert werden; da ist Herr B., der
genau weiß, daß der Krieg noch zwei Jahre dauert; Herr C., der von
Hause im bekannten Hieroglyphenstil der Gefangenen Nachricht erhalten
hat, daß Onkel Ruß am Abschnappen und Tante Fränzchen schwerkrank ist,
oder daß Onkel Polnickel aus der Hauptstadt ausgezogen ist, womit
der Fall Warschaus gemeint ist, den wir schon seit Wochen wissen;
Herr D., welcher wieder einmal einen Beitrag zu seiner zahlreichen
Korrespondenz mit der amerikanischen Botschaft zu Paris bespricht,
von dem er nun endlich Erfolg erwartet; Herr E., Journalist, der
mathematisch sicher nachweist, wie sich die Balkanstaaten, jeder
einzeln, verhalten müssen und werden, und sich doch immer irrt.
Prophezeien ist sehr schwer, nach der Tat schon weniger. Besser man
wartet ab und behauptet dann, man habe das alles vorher gewußt. --
Nach 19 Monaten der Gefangenschaft hat der französische Staat sich
überzeugt, daß meine Patente und Papiere, die ich im Anfange meiner
Gefangenschaft eingereicht hatte, wirklich in Ordnung waren, und
mich, nachdem ich, wie Schmidt, der in der gleichen Lage war, etwa
wöchentlich Eingaben gemacht hatten, als Offizier anerkannt. Ich kam
dann mit Hauptmann Engelhard in ein Zimmer und genoß aus vollem Herzen
die Ruhe.
Um 3 Uhr war Paketverteilung. Die Liste der Begünstigten stand von
Mittag an am schwarzen Brett angeschlagen. Zur selben Stunde --
später wurde das anders -- war auch Postverteilung. Das waren die
Höhepunkte des Tages, und bemitleidenswert die, welche von keiner Seite
bedacht waren. Ich hab’ es oft auf Kirchhöfen gelesen und erinnerte
mich jetzt, wenn ich sie auch nicht mehr geschmackvoll finde, an die
Inschrift: „Wer im Gedächtnis seiner Lieben lebt, der ist nicht tot,
er ist nur fern; tot ist nur, wer vergessen wird.“ So geht es auch
uns lebendig Begrabenen. Solange wir den Unseren wirklich fehlen und
immer wieder Liebeszeichen von ihnen erhalten, rechnen wir uns noch
zu den Scheintoten und arbeiten noch am Erwachen. Traurig daran sind
die, welche kein Band an die Heimat fesselt, trauriger die, bei denen
das lange Fernsein das Band lockert oder gar zerreißt. „Alle nicht, die
wiederkehren, werden sich der Heimat freuen.“ --
Zuerst kleine Pakete, die werden schneller befördert als große oder
gar Briefe, und dann ersehen wir aus der Adresse einen Gruß, der uns
wenigstens sagt, daß der Aufgeber lebt und gesund ist. Sie enthalten
meist Frühstückstaschen, aber das Wichtigste an ihnen ist doch
Handschrift und Poststempel. Wenn wir die vielen Todesnachrichten
hören, die unsere Genossen im Lager erhalten, so freuen wir uns doppelt
über jede frohe Nachricht. Die Bestimmungen und Repressalien verändern
sich im Lager von einem Tag auf den anderen. Der kluge Mann baut
vor und sorgt, daß er im Falle der Not in seinem Depotkoffer Vorrat
finde. Was heute gilt, gilt morgen nicht. Ich war, dank meiner braven
besseren Hälfte, immer reichlich versorgt und kam nur dann in Not, wenn
meine Freilassung etwa sicher war, das war zufällig beide Male um die
Weihnachtszeit, man erwartete mich mit Sicherheit zu Hause.
Weihnachten.
Unter gleichem Franzmannsjoch
Winkt der zweite Weihnachtsbaum;
Träum’ ich? Wach’ ich? Immer noch
Schreckt mich’s wie ein wüster Traum.
Und ich hör’ die Mär erschallen --
Nie wird sie zur Wahrheit werden --
Von dem Frieden auf der Erden
Und der Menschen Wohlgefallen.
Nein, ich mag den Baum nicht seh’n,
Der zum zweitenmal mich narrt;
Weihnacht will ich heut’ versteh’n:
Schwert am Knauf, nach Preußenart!
Mag, wer will, von Liebe sprechen
Mitten in Gewitterstürmen,
Wo sich Leib und Leiber türmen,
Wo im Hassen Herzen brechen!
Keinen Baum, nicht hier und dort,
Der die Friedensbotschaft trägt;
Wilder Haß für heut’ das Wort,
Den ich Tag für Tag gepflegt,
Daß ich ihn den Kindern bringe
Und nur denke, ihn zu mehren --
Kindeskind soll ihn noch ehren --
Jenen Haß, der Frieden zwinge!
Was Repressalien sind, läßt sich schwer beschreiben. Wir haben
eigentlich den Eindruck gehabt, daß wir _in puncto_ Repressalien
immer die Dummen waren. Ein Franzose schreibt, daß er im deutschen
Lager nur schwarzes Brot bekommt, das er nicht mag. Sofort bekommen
wir aus Reziprozität auch nur schwarzes. Da man aber schwarzes Brot
hier nicht backen kann, so kommt eine Masse heraus, die die Därme
zu wildester Tätigkeit aufstachelt. Im deutschen Lager bekommen die
Franzosen Bier; sofort dürfen wir auch Bier haben, keinen Wein, der
naturgemäß hier billiger ist als Bier, weil er Nationalgetränk ist wie
bei uns das Bier. Das Bier ist in Deutschland gut und billig, hier
unerschwinglich teuer und schlecht.
Doch zurück zu den Paketen. Neben den Familiensendungen kamen auch
Liebesgaben in unser Lager, recht reichlich. Meist vom „Roten Kreuz“,
auch von Privaten, die natürlich unter die Bedürftigen verteilt wurden.
Aber einmal fiel auch für mich etwas ab, und das erzähle ich, weil es
mich in so trostloser Zeit wirklich gefreut hat. Hauptmann Engelhard,
mit dem ich später das Zimmer teilte, erhielt von der Vorsteherin der
Gundelfinger Schule in Basel ein Paket mit Waschlappen, welche die
kleinen Mädchen ihrer Schule für die armen Gefangenen gestrickt hatten;
davon gab er mir einen zugleich mit dem Briefe der kleinen Spenderin,
der also lautete:
Ich bin ein kleiner Stumpen
Und habe gestrickt vier Lumpen
Für die gefangenen Soldaten,
Die auf ihre Freiheit warten,
Daß sie sich können waschen rein,
Wenn sie siegreich wieder kehren heim.
Mit Gruß Luise Schnetzler, Basel.
Ich antwortete ihr umgehend.
Nachmittags um 4½ blies es „Kantine offen“, um 4¾ „Essen“, um
5½ „Kantinenschluß“, um 6 oder 7 „Aufs Zimmer“, um 6½ oder 7½
„Abendappell“, um 8½ „Lampen auslöschen“, kurz, es blies den ganzen
Tag. Wenn die Lampen, die wir natürlich, wie das Petroleum dazu,
selbst bezahlten, gelöscht waren, dann setzte die staatlich gespendete
Zimmerbeleuchtung ein. Das war ein kleines Oellämpchen mit Schwimmer
und leuchtete gewaltig durch die Räume. Man konnte es auch auslöschen,
das machte keinen Unterschied. -- Also unerbittlich ins Bett, um den
Stumpfsinn des durchlebten Tages noch einmal in Gedanken durchzukosten.
Ich bin gewohnt, abends zu arbeiten und spät zu Bett zu gehen; aber
auch bei der geistigen Degeneration, der wir hier unrettbar verfallen
müssen, ist es mir doch unmöglich, einigen Schlafkünstlern gleich,
die es auf etwa fünfzehn Schlafstunden tags und bei Nacht bringen,
mehr als sechs oder höchstens sieben Stunden zu schlafen. So denke ich
nach, und das ist gefährlich. Manchmal schreibe ich auch noch einiges
nieder; ich habe sogar gelernt, im Dunkeln zu schreiben. Von Stunde zu
Stunde unterbricht mich ein seltsamer Ruf draußen. Ein Posten fängt an
zu rufen: „_Sentinelle, prenez garde a vous_“. Der andere gibt es
dem nächsten weiter, und so fort. Ob sie sich gegenseitig wecken, weiß
ich nicht; es muß aber doch wohl nötig sein. Der ewig gleichmäßige Ruf
schreckt mich nicht mehr auf und stört mich nicht. Ich genieße immerhin
eine oder einige ruhige Stunden, die dem Heim, den Meinen und den...
(Bricht ab.)
Ich freue mich der Einsamkeit, die ich mir dadurch künstlich herstelle,
daß ich durch Decken und Mäntel mein Lager von dem der anderen
abschließe. Dann bin ich so ganz für mich und denke mit Hamlet: Ich
könnte in einer Nußschale eingesperrt sein und mich für den König der
Könige halten, „wenn nur die bösen Träume nicht wären“. Und die bösen
Träume, die mich quälten, waren den seinigen nicht so fern, die Qualen
des Unfreien, gekränkter Ehrgeiz. -- Wie hätte ich das erbärmliche
Leben und mit welchem Stolze hätte ich es ertragen wollen, wenn die
verdammte Frage „Wozu“ mir nicht immer wieder entgegengegrinst hätte.
Was Selbstbetrachtung und Selbsterziehung sein sollte, artete in bösen
Stunden in fressenden Neid aus auf die, die etwas einsetzen durften. In
Casabianda hatte ich es gelernt, mich zu überwinden und falschen Stolz
niederzuzwingen, in Uzès war ich davon ganz geheilt; aber das eine
verwand ich nie, und die heiße Sehnsucht, der Traum meiner Freilassung
würde doch wahr werden, wiegte mich zuletzt in ruhigen Schlaf. Ja, ich
träumte oft und viel von den Meinen zu Hause, bis das Wecksignal mich
herausriß in die dumpfe Resignation des neuen Tages. Man hat mich oft
getröstet: Wenn Sie gar nicht daran denken, just dann wird es Ihnen
gehen wie den anderen, die freikamen. Schlechter Trost! Ich denke Tag
und Nacht, im Stehen und im Gehen, im Wachen und Schlafen nur das eine:
die Freiheit. Im Schlafe träume ich, wie meine Frau mich in Konstanz
empfängt, oder wie ich im Lazarett arbeite, wie ich heimatlichen Boden
als jämmerlich Freigelassener betrete, da die Arbeit beendet ist. Wenn
also meine Befreiung nur überraschend kommen kann, +so werde ich wohl
darauf verzichten müssen und weiter träumen+. -- -- --
Nachspiele von Casabianda.