Sammlung. Zuerst freilich empfand ich, wie sehr das Tosen der
bisherigen Tage verwirrt und eine künstliche Energie erzeugt hatte,
die, wie ich von anderen gehört, auch nach der Freilassung schwere
Reaktion forderte. Ich mußte mich förmlich an die Ruhe gewöhnen und tat
das gern, wenn ich auch unter einem mehr körperlichen als seelischen
Unbehagen litt, das bisher einer künstlichen täglichen Erregung
unterlegen war. Trotzdem hätte ich mit keinem im Lager tauschen
mögen, so eigenartig erlösend erschien mir solche Sammlung. Ich las,
schrieb, arbeitete und war von Herzen froh, daß erst das Gerassel
der Schlüssel Besuch ankündigte und nicht jeder der fünfhundert
Mitgefangenen mit einer nichtigen Frage oder Mitteilung in das Zimmer
kam. -- Aber als ich fünfundzwanzig Tage hinter mir hatte, da war diese
Freude verschwunden, und ich stellte fast beschämt vor mir selber
fest, daß sich das Bedürfnis doch schon recht bemerkbar machte, mich
einmal mit einem der Wenigen, die mir im Lager nähergetreten waren,
auszusprechen, das, was ich täglich dachte -- und Zeit zum Nachdenken
hatte ich reichlich --, im Diskurs zu verwerten und anderer Meinung
zu hören. Es kam noch hinzu, und das spürte ich deutlich, daß das
Abgeschlossensein von Luft und Sonne -- sie schien nur morgens eine
Stunde lang in mein Zimmer und auch das durchaus nicht immer, da an
den meisten Apriltagen der Himmel bedeckt war -- und der Mangel an
Bewegung den Körper träge zur Arbeit macht. Das Nachdenken über sich
selber, das Rekapitulieren des Gedachten fordert Absatz, und ich
erfuhr, daß der Mensch doch mehr Herdentier ist, als er sich selbst
gestehen mag. Da nun noch die Aussichten auf baldige Freiheit durch
den bevorstehenden Austausch des gesamten Sanitätspersonals wiederum
akut geworden waren, so kam das Denken in Gefahr, zu einem Schwelgen
zu werden, und das stählt die Energie durchaus nicht. Je mehr sich
meine Abgeschlossenheit ihrem Ende näherte, desto ungeduldiger
erwartete ich es, wieder hinauszukommen, mich anderen mitzuteilen,
selbst nichtige Gespräche zu führen und Gerüchte, seien sie wahr oder
nicht, zu vernehmen. Ich versuchte es, mehr Bücher zu lesen, da ich
zu Sprachübungen, die ich sonst trieb, nicht die strikte Lernsammlung
aufbrachte. Beim türkischen Alphabet ertappte ich mich, wie ich lange
schon über die Grammatik hinausgestarrt hatte und meine Gedanken auf
Reisen waren, in die Schweiz, nach Deutschland, ins versprochene
Kriegslazarett. Aber Bücher -- ich nehme einige sehr wenige aus --
nützen nichts; sie erzeugten eine größere Nichtachtung meiner selbst
und konnten mich auch nicht fesseln. -- Man mag mich nicht falsch
verstehen. Wenige Tage fehlten, heute, wo ich dieses niederschreibe,
zum Ende meiner Festungstid. Es ist selbstverständlich, daß ich
diesen übrigen Tagen mit voller Ruhe entgegensehe, und daß sie keinen
Einfluß auf mich ausüben können; ich habe andere Zeiten durchgemacht.
Ich schreibe meine Empfindungen nur nieder, weil sie für mich eine
Erfahrung bedeuten, die mich einigermaßen überrascht hat, und weil sie
mich Gefühle verstehen lernten, die den Einsamen überkommen mögen,
dessen Einzelhaft über Jahre hinaus, oder -- es ist mir dies zur
gräßlichsten Vorstellung geworden -- für die Zeit des Lebens dauern.
Gefühle, wie ich sie heute hege, mögen ein Anfangsstadium bedeuten, was
aber für den, welchem lange oder unbeschränkte Einzelhaft bevorsteht,
folgen muß, ist mir deutlich vor Augen getreten: Verstumpfung, wenn
nicht vorher der Geist stumpf war... Wie lange es dauern mag, ehe ein
so sicheres Ziel erreicht wird, das wird vom Individuum abhängen. Ich
meine, daß ein geistig Denkender und ein Charakter schneller dazu
gelangt, je kräftiger er sich wehren mag, als der Träge. -- In Reuters
„Festungstid“ las ich die köstlichen Worte: „Minschenverkihr und geiht
hei einen ok nichs nich an, frischt dat Hart up; oewer hei is as de
Musik, sei möten beid nich too drist warden. -- Ne schöne, lise Melodi
leggt sich weich an’t Hart, oewer wenn allens um einen rum fidelt und
tut’t und trommelt, werden einem de Uhren weih dauhm un ein sehnt sik
nah de Einsamkeit!“ --
So ging es mit unserer Anerkennung als Offizier; aber weil wir fein
geduldig waren, so kam es eben eines schönen Tages doch so weit.
Köstlich war eine kleine Episode, die wenige Wochen vor Schmidts
Anerkennung spielte. Ein Kolonel besichtigte das Lager, und sowohl
Spangenberg wie ich, die wir damals auf einem Zimmer lagen, traten auf
Frage nach Gesuchen usw. vor und sprachen unser Befremden aus, daß
wir immer noch nicht als Offiziere anerkannt seien. Er versprach, die
Sache in Paris zu untersuchen, und kam auch auf Schmidts Zimmer, der
natürlich, wenn es auch nicht gerade Sonnabend, der übliche Tag des
Gesuches um Offiziersanerkennung an die amerikanische Botschaft war,
sofort vortrat und dem Kolonel erklärte, daß er seit achtzehn Monaten
gefangen sei, daß alle seine Papiere in Ordnung seien, und trotzdem
habe ihm das Kriegsministerium noch immer nicht Offiziersbehandlung
zugesprochen. Der Kolonel sah ihn erstaunt an, dann erwiderte er nach
einigem Ueberlegen: „Ja, was meinen Sie denn? Das Kriegsministerium ist
mit Arbeit überhäuft und kann sich nicht intensiv um jeden einzelnen
Gefangenen kümmern. Wenn Ihnen daran gelegen war, so wäre der Weg doch
leicht zu erreichen gewesen, wenn Sie einmal durch die amerikanische
Botschaft ein Gesuch in diesem Sinne gemacht hätten.“ Noch stand der
Gewaltige, Antwort erwartend; aber dieser ungeheuerliche Vorwurf ließ
Schmidt doch bis zur Zunge erstarren. Er war noch starr, als er uns die
Begebenheit erzählte. Wir haben selten so herzlich gelacht; wir wanden
uns vor Lachen und stellten unter Lachen Schmidt das Zeugnis aus, daß
er diesen schweren Vorwurf keinesfalls auf sich sitzen lassen dürfte.
Das tat er denn auch nicht, sondern machte am nächsten Sonnabend das
übliche Gesuch an die amerikanische Botschaft, diesmal aber im harten
Reiterknechtston, ohne Anrede und ohne „vorzügliche Hochachtung“.
Spangenberg griff zur selben Formel, und siehe da, es gelang! Wenn auch
die Botschaft ihrerseits Anrede und jede Formel vergaß, die Sonne brach
doch durch die Wolken, und heute sind wir „anerkannt“ dank der langen
Dauer des Krieges, ohne die dies fabelhafte Ereignis natürlich nicht
hätte zustande kommen können.
Vielleicht dauert nun die nächste Stufe nicht gar zu lange. Ausharren
und immer wieder ausharren! Vielleicht darf ich noch einmal die Hand
rühren im Dienste der gewaltigen Zeiten! Es klingt mir in den Ohren,
als wenn Frau Armgard mir das Schlaflied sänge: „Bleibe nur fein
geduldig“.
Hier endigen die authentischen Aufzeichnungen; was nachzutragen
bleibt, ist wenig. Seit der letzten Haftstrafe, während welcher der
Gefangene 30 Tage von der frischen Luft abgeschlossen blieb, fingen
die Kräfte _Dr._ Br.s an, nachzulassen. Herr Oberleutnant Spangenberg
notierte in seinem Taschenbuche: „Der Sanitätsrat fällt merklich
zusammen.“ Trotzdem dachte niemand an einen tragischen Ausgang. Ein
Brief aus Uzès, der zum erstenmal beunruhigende Nachrichten über _Dr._
Br.s Gesundheit enthalten haben soll, erreichte seine Angehörigen
nicht. So kam der 8. Juli heran, ein Tag härtester Prüfung; von den
Leidensgefährten _Dr._ Br.s wurden an diesem Tage fast alle, die ihm
freundschaftlich nahestanden, von Uzès abtransportiert; einige kamen
in andere Lager, die meisten nach der Schweiz. Für sich selbst hatte
_Dr._ Br. den Gedanken, sich als erholungsbedürftig zu melden, stets
abgelehnt.
Der Abschied von den Freunden bewegte ihn so tief, daß zum erstenmal
in einem Briefe aus diesen Tagen eine bittere Stimmung und Verstimmung
zu Worte kommt. Bald jedoch flammt die belebende Hoffnung, seine treue
Begleiterin bis zur letzten Stunde, wieder auf: auch ihn trifft das
Los, von Uzès zu scheiden; mit zwei Gefährten zusammen wird er für das
Offizierslager von Le-Puy en Velay bestimmt, das, seiner Ueberzeugung
nach, nur eine Uebergangsstation auf dem Wege nach Deutschland sein
kann. In seinen Briefen fehlt jede Nachricht von der Ankündigung
und Ausführung des Transports nach Le-Puy. Dagegen schreibt sein
Leidensgefährte, Leutnant B.: „Nie habe ich Herrn Stabsarzt so vergnügt
gesehen, als bei unserem Frühstück auf dem Bahnhof von Alais, wo wir in
einem kleinen Extrastübchen speisen durften.“ Eine Zentnerlast fällt
von seiner Seele, als er dem verhaßten Uzès den Rücken kehrt: Nun geht
es vorwärts, zu gleichgesinnten Kameraden, zur Heimat, in die Freiheit!
Noch einmal siegt der unbeugsame Geist dieses größten Optimisten, wie
ihn einer seiner nächsten Jugendfreunde nannte, über alle körperlichen
Leiden, über die ersten Anzeichen der Schwäche und der vernichtenden
Krankheit.
Der erste Brief aus Roche Arnaud lautet:
„19. 7. 16.
Wir sind am Sonnabend, den 15., hier angelangt, und war der erste
Anfang nicht gerade vielversprechend, so haben wir doch schon am
nächsten Tage eingesehen, daß wir in ein gutes, geordnetes Lager
gekommen sind, weit entfernt von allem, was wir bisher gehabt.
Ich will hinzufügen, daß ich mich schon in den wenigen Tagen
körperlich wohlfühle, und Euch weiter dahin beruhigen: 1. Wir sind
hier auf einer Höhe von 700 _m_ mit schönem Rundblick über
Stadt, Wald und Berge; wir haben einen recht geräumigen Garten mit
Sitzplätzen zur Verfügung, der von den bisherigen Gefangenen sehr
hübsch bearbeitet ist und von Blumen strotzt. Die Luft ist -- im
Gegensatz zu Uzès -- ganz rein, wenn auch kalt. 2. Die Verpflegung
ist gut. -- Wir sind etwa 100 Offiziere hier; keiner hat wohl
Aehnliches durchgemacht, als ich. Der älteste ist Oberst B., der
zweite im Range bin ich, wie offiziell bekanntgemacht wurde; -- 3.
(und das ist psychisch so besonders wertvoll): Ich lebe in sehr
anständiger Gesellschaft. Was es heißt, wieder einmal in Kreisen
zu leben, die einem zukommen, das könnt Ihr kaum begreifen. Der
Ton, die gegenseitige Gefälligkeit, ist so tadellos, wie ich es
nie, auch nicht annähernd, gekostet habe. Ich sitze am Tische
neben dem Oberst, meist in netter Unterhaltung, und esse auch
dabei, sogar mit Appetit. In Uzès hätte ich es auf die Dauer nicht
durchgehalten. Als ich hier vom Bahnhofe zum Lager sollte, konnte
ich einfach nicht mehr und Treppensteigen auch nicht. 4. Ich wohne
in einem netten Zimmer mit einem Hauptmann; unser Fenster hat, wie
alle, schöne Aussicht. -- -- Was wird aus allen Träumen, die als
letzten Termin schließlich den 15. Juli festgesetzt haben? Darin
bin ich ganz resigniert geworden und nur froh, daß ich hier für
meine Gesundheit etwas tun kann.“ --
„Brief vom 30. 7. 16.
Wir haben heute einen herrlichen Morgen, und ich sitze hier im
Garten und schreibe. Ich mache Fortschritte, wenn auch noch
nicht, wie ich es möchte. Eben habe ich meinen Morgenspaziergang
im Garten gemacht, der mir noch verdammt sauer wird. Ich komme
mir vor wie ein schwerer Rekonvaleszent, konstatiere aber, daß
die illusionistische Fähigkeit im Denken und Pläneschmieden und
damit die Lust zum Leben wieder erwacht ist. Sitze ich im Freien,
so fühle ich mich ganz wohl, nur zur weiteren Bewegung und
Treppensteigen reicht es noch nicht.“
„1. Aug. In den Zeitungen munkelt man soviel vom Aerzteaustausch;
ich weiß gar nicht, was ich von alledem denken soll, kümmere mich
aber auch zurzeit nicht darum. Es geht langsam und stetig besser;
die Gesichtsfarbe wird auch schon besser; ich glaube, mein Gewicht,
das sehr stark abgenommen hatte, fängt auch an, sich zu mehren. --
Gestern und heute köstliche Tage. Seit etwa acht bis zehn Tagen
habe ich die Zuversicht: Es wird wieder! Also gute Zuversicht;
ich tue alles, gesund zu werden, und werde darin von meinem
Zimmerkollegen energisch unterstützt.“
„5. Aug. Mir geht es immer langsam besser, leider noch langsam;
aber nun wird alles wieder gut werden. Wenn wir uns erst
wiedersehen.“
„11. Aug. Ich muß erst gesund sein, ehe ich mich auf ein
Wiedersehen freuen kann.“
Von da an wird die Schrift unsicher und mühsam; ausgelassene Buchstaben
und Worte zeigen an, daß der Geist anfängt, seine Spannkraft zu
verlieren. „Schreib, wenn die neun Pakete da sind“, sind die
letzten, mit sichtlicher Anstrengung auf einer Postkarte vom 30. 8.
geschriebenen Worte. Die neun Pakete mit der Zivilkleidung, darin
verborgen das Tagebuch, hatten die Heimat erreicht, die der Dulder
selbst nie mehr betreten sollte. -- -- --
Jeder Lagerwechsel brachte eine vielwöchige Unterbrechung der
Korrespondenz mit sich; auch in schweren Krankheitsfällen ging die
französische Verwaltung von der Vorschrift, ankommende und abgehende
Post der Gefangenen erst längere Zeit in Gewahrsam zu behalten, nicht
ab. Die Klagen des Leidenden, daß er seit langer Zeit von seinen
Angehörigen keine Briefe erhalten -- die nach seinem Tode in großer
Zahl nach Deutschland zurückgeschickt wurden -- sind herzzerreißend.
Ebenso erlitt die Gefangenenpost durch die Zensur oft wochenlange
Verzögerung, so daß bis Anfang September nur die ersten hoffnungsvollen
Berichte aus Le-Puy bei _Dr._ Br.s Familie eingetroffen waren.
Ein von der deutschen Regierung seit Monaten vorgeschlagenes Abkommen
über den Austausch des Sanitätspersonals zwischen Deutschland und
Frankreich war endlich zum Abschluß gelangt: die französische Regierung
hatte sich verpflichtet, unmittelbar nach dessen Ausführung auch
_Dr._ Br. freizugeben.
Mutter und Geschwister, Frau und Kinder bereiteten sich, den sehnlichst
Erwarteten für alle Entbehrungen der harten Gefangenschaft tausendfach
zu entschädigen, teilnehmende Freunde beglückwünschten die Familie:
das Ziel jahrelangen, heißen Bemühens war erreicht! -- Die Abreise der
gefangenen aktiven Militärärzte nach Lyon und von da nach Konstanz,
erfolgte wirklich, am Tage nach _Dr._ Br.s Beerdigung.
Kameradschaftliche Treue bereitete dem Heimgegangenen eine würdige
Totenfeier; Beethovens und Mozarts weihevolle Klänge grüßten ihn zum
letzten Abschied, und „Wenn ich einmal soll scheiden“ klang es von
deutschen Soldatenstimmen, als der Trauerzug sich vom Hofe des Lagers
Roche Arnaud nach dem hochgelegenen Friedhofe in Bewegung setzte.
Der rangälteste Offizier, Oberst B., widmete dem Kameraden herzliche
Abschiedsworte: „Es war ihm nicht vergönnt, wie Begeisterung und
Tatendrang ihn trieben, seinen Brüdern gleich seine Kräfte persönlich
einzusetzen; und doch starb auch er als Held, wenn wir seines Denkens
und Fühlens, wenn wir seines Sterbens uns entsinnen.“
Der stolze Sinn eines deutschen Mannes von der Begabung und Empfindung
Br.s ist auch eine wuchtige Waffe gegen den Feind gewesen.
Druck von Möller & Borel G. m. b. H., Berlin _SW._ 63.
* * * * * *
Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1918 erschienenen Buchausgabe
so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Ungewöhnliche
und inkonsistente Schreibweisen wurden beibehalten; insbesondere
wurden fremdsprachliche Begriffe und Zitate unverändert übernommen.
Zeichensetzung und typographische Fehler wurden stillschweigend
korrigiert. Einzelne unleserliche Buchstaben wurden sinngemäß
ergänzt.
Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter eingefügt, ebenso die
darin enthaltene Überschrift des Kapitels „Château d’If“. Im Text
ist dagegen keine Überschrift vorhanden.