Das war in der Nacht vom 29. zum 30. März geschehen. Vor wenigen

Tagen hatten wir erfahren, daß der Chef-Adjutant drei der früheren

Flüchtlinge in ihrer Kerkerzelle aufgesucht und mit der Reitpeitsche

geschlagen hatte. Was diese Nacht geschehen, war das Ungeheuerlichste,

was wir in unserer Gefangenschaft erlebten. Es drang erst gerüchtweise

zu uns, wir wollten ihm nicht Glauben schenken, bis eine dahingehende

Frage, die den vorübergeführten Gefangenen rasch gestellt worden war,

bejaht wurde. Immer mehr kam aus guten Quellen eines nach dem anderen

zutage. Simeoni hatte die Flüchtlinge um drei Uhr morgens, als sie von

der Wache herangeführt wurden, vor dem Tore sich nackend entkleiden

lassen, sie mit der Peitsche blutig geschlagen, auf den nackten Körper,

jeden einzelnen, ihre Kleidung ins kalte Wasser geworfen, sie dann

mit der Peitsche in den Kerker getrieben, dort von neuem gepeitscht.

Wir wollten nicht glauben, was wir erfuhren, aber der Graf Peraldi

selber sagte einem von uns alles, und als die erste Beschwerde abging,

in welcher wir fälschlich den Chef-Adjutanten bezichtigten, gab er

das Schreiben zurück: es sei nicht der, sondern Simeoni und ein

anderer Offizier gewesen, den wir Falstaff nannten. Darüber hinaus

gab es nichts, war das möglich gewesen, so konnten wir alles erwarten

und es galt jetzt zu handeln. Faikos hatte die erste Beschwerde als

Gruppenführer geschrieben, es war keine Antwort erfolgt. Jetzt trat

an andere die gleiche Aufgabe heran, an mich als etwa Rangältesten,

an Baron v. Weichs und _Dr._ Steinbrecher, die von ihren Gruppen

dazu ersehen waren. Wir unterzogen uns der Aufgabe, der Gefahr uns

wohl bewußt. Ehe ich die Eingabe machte, habe ich noch einmal mir von

den Gefangenen die Einzelheiten bestätigen lassen, und folgende Briefe

trafen aus dem Kerker ein.

Zivilist X., Korporalschaft Y.:

Lieber X.!

Simic, Lariga und ich waren heute zur Untersuchung. Der Arzt

sagt, daß wir uns, die von dem Hieb herrührenden Wunden selbst

beigebracht hätten. Ich konnte allerdings an seinen Mienen und an

denen des Mephisto und des Grafen sehen, daß sie vom Gegenteil

überzeugt waren. Man hat eben nur der Form genügt. Der Rote

wartete draußen auf das Resultat. Der Graf und Mephisto sind uns

wohlgesinnt. Der Graf bedauerte mein hartes Los. Ihr könnt mir

alles bringen, Mephisto drückt beide Augen zu. Laß Dir also von

Klos zwei Decken, Unterhosen und Mundharmonika geben und bringe

den Kram rauf, auch Eßwaren aus der Kantine und falls Pakete

angekommen sind. Auslagen vergüte ich Dir. Ebenso die weißen Schuhe

vom Wandbrett und Spielkarten von X., und an der Bettstelle hängt

ein kleiner Mantel, in welchem Du alles verstauen kannst. Besten

Dank usw.

Lieber X.!

Zuerst die Angelegenheit mit Simeoni. Wir wurden also hinter

dem Gut an der Düngergrube von einem Posten 3¼ Uhr und unter

vielem Theater an das verschlossene Eingangstor geführt. Nachdem

wir etwa eine Viertelstunde gestanden, kam Simeoni mit der Wache,

die Bajonette aufpflanzen mußte. Simeoni gebärdete sich wie ein

in höchster Ekstase befindlicher Wahnsinniger. Die eine Faust

im Munde, knirschte er wie ein angeschossener Eber und in der

erhobenen Rechten schwang er einen dreizölligen Ochsenziemer,

den er zunächst wahllos über alle herniedersausen ließ. Als er

dann des Heer ansichtig wurde, glaubte ich, er platze vor Wut:

_cochons_, _boches_ usw. regnete es. Er fuhr Heer mit

der Linken an die Kehle und ließ die Rechte fast drei Minuten lang

auf dessen Schädel platzen, während ihn außerdem noch ein Förster

festhielt. Dann hieß es, obgleich wir durchnäßt von Schweiß waren,

splitternackt ausziehen. Heer war zuerst fertig, unter beständigen

Schlägen, bekam einige besonders wuchtige Hiebe und flog nach

links. Dann kam Simic, dem der bärtige Oberleutnant Stefani an

die Kehle fuhr und ihn an die Wand drückte, mit der Rechten fest

den Kopf bearbeitend. Dann flog er zu Heer. Mittlerweile hatte

Simeoni bei Reichel das um den Leib gewickelte Seil entdeckt. Neuer

Ausbruch des Vesuvs. Mit dem umgekehrten Ochsenziemer einen Schlag

über den Kopf, das Loch sieht man heute noch. Noch einige Schläge

über Rücken, Gesicht und Schenkel, und er flog samt Amade rüber zu

den übrigen. Amade erhielt einen Hieb über den Rücken von ungelogen

2 Zentimeter Breite. Jetzt erblickte er mich. Ich wurde die ganze

Zeit von einem Förster visitiert, der mich vielleicht so vor dem

Strafgericht zu retten dachte. Simeoni zu mir: Was, du Schwein bist

noch nicht ausgezogen? begleitet von einigen Hieben. Ich zog mich

so schnell als möglich aus, welchen Augenblick Lariga benutzte,

um zu den anderen zu entweichen. Ich bekam seine Hiebe mit und

flog mit einem Fußtritt zu den anderen. So standen wir etwa sechs

Minuten. Dann mußten wir die Kleider über die Arme nehmen und zum

Kerker marschieren. Ich war der letzte und bekam unterwegs noch

einige Hiebe über den Rücken. Am Kerker neue Wutszene. Wir mußten

einzeln vor die Halle treten, bekamen jeder zwei echte germanische

Jagdhiebe und durften eintreten. Dann wurde Reichel herausgeholt,

natürlich immer noch ohne jedes Bekleidungsstück. Mit der Linken

hielt er ihm den Revolver vors Gesicht, in der erhobenen Rechten

wieder den Ochsenziemer. „Jetzt sagst du Schwein mir die Wahrheit,

wo ihr heruntergekommen seid.“ -- „Bei der Bäckerei.“ Klatsch,

gab’s einen Hieb. „Willst du die Wahrheit sagen.“ Reichel blieb

dabei. Dann kam ich und ich sagte natürlich dasselbe, und daß

wir Eier holen wollten. „Du lügst, du Hund, um vier Uhr war man

bei mir und hat mir alles gesagt.“ Ich sagte: „Ich verstehe das

nicht, da doch alles so ist, wie ich sage.“ In dem Augenblick kam

der Kommandant und wir durften uns anziehen. -- Wer hat nun die

Geschichte brühwarm hinterbracht? Gruß

Ulrich.

Ein anderer Herr im Lager hatte einen Beschwerdebrief aufgesetzt, der

mir und vielen anderen viel zu lau gegen diese unerhörte Barbarei

erschien; ich sagte ihnen, ich wolle selber das Schreiben verfassen und

verlas es dann. Es hatte vollen Beifall und folgenden Inhalt:

1. 4. 15.

An die amerikanische Botschaft, Paris.

Im Namen und Interesse der in Casabianda unter Militärverwaltung

internierten Zivilgefangenen erlaube ich mir folgendes vorzutragen:

Die in Casabianda internierten Zivilgefangenen sehen sich in der

dringenden Lage, die Hilfe der nordamerikanischen Botschaft, deren

Schutze sie unterstellt sind, anzurufen, weil ihre Behandlung dem

hohnspricht, was sie selbst in Kriegszeiten als menschenwürdig

anzusehen gewohnt sind. -- Alle Repressalien, welche gegen sie

ergriffen sind, wiegen nichts gegen das eine, die entehrendste

aller Strafen, die Prügelstrafe in ihren Reihen. Die Prügelstrafe

durch eine Reitpeitsche auf den bekleideten und nackten Körper

ist ausgeführt durch drei französische Offiziere und ausgeübt

an etwa acht Gefangenen durch dieselben Offiziere. -- Der erste

Fall der Prügelstrafe betraf einige Flüchtlinge im Kerker. Der

zweite ist noch gravierender, er ereignete sich vor zwei Tagen,

nachdem eine Beschwerde über den ersten Fall eingereicht worden

war, und trug sich so zu: Sechs Gefangene, welche auf einem

Fluchtversuche eingeholt waren, wurden morgens etwa drei Uhr am

Tore von Casabianda durch zwei französische Offiziere des Lagers

gezwungen, sich nackend auszuziehen, mit dem Revolver bedroht und

gepeitscht. Dann mußten die armen Gefangenen ihre völlig durchnäßte

Wäsche in den Arm nehmen, wurden den etwa 150 Meter weiten Weg

zum Kerker heraufgetrieben, dort wiederum gepeitscht. Sie mußten

im nassen Hemde, von Frost und Schmerzen fast erstarrt, im Kerker

bleiben; erst heute ist ihnen Stroh und Unterzeug gegeben. --

Ein Fluchtversuch, der von den Franzosen aus deutschen Lagern

als Heldentat in französischen Zeitungen gepriesen wird, kann,

von Deutschen ausgeführt, keine Schande sein und eine Strafe

fordern, die bisher jeder Kulturstaat als unmenschlich aus seinen

Rechtsbüchern ausgestrichen hat.

Eure Exzellenz bitten wir um schleunige Entsendung einer Kommission

zur Feststellung unserer verzweifelten Lage und Bericht bei unseren

Regierungen, da wir den augenblicklichen Stand für gefährlich

erachten.

(gez.) _Dr._ M. Br....

* * * * *

Zugleich hatten Baron Weichs und _Dr._ Steinbrecher ihre Schriften

verfaßt und sandten sie auf demselben Wege zum Kommandanten. Dessen

erste Eingebung war, uns jeden auf 30 Tage, das Höchstmaß seiner

Strafbefugnis, einzusperren.

+Kerker in Casabianda.+

Die Tage schleichen so dahin, fast zählen wir die Stunden. Wir haben

uns gegenseitig zu ertragen und müssen gute Miene zum bösen Spiel

machen. Keiner zeigt es, wenn es ihm bisweilen schwer aufs Herz fällt,

wie unwürdig doch unsere ganze Lage ist! Keiner klagt, und das ist

gut, es war kein Feigling unter uns. Aber manchmal denke ich doch an

Lears Worte: „Ich stürb’ vor Mitleid, säh’ ich andre so!“ Gestalten wie

der alte Moor treten mir lebhaft ins Gedächtnis, wie ich als Jüngling

erschauert bin, wenn der Alte von seiner Kerkerzelle seinem Raben, dem

Hermann, dankte. Ich hatte damals das Gefühl, als röche man den Unrat

der furchtbaren Zelle von der Bühne herauf zur Galerie, wo wir Schüler

saßen. -- Das Innere unseres Kerkers spottete jeder Beschreibung.

Immer wieder baten wir um Stroh und wurden vertröstet; das wenige,

welches uns zur Verfügung stand und welches so rücksichtsvoll geteilt

wurde, hatte schon lange in der Zelle gelegen und war faul und voller

Läuse. Man hatte Läusespiritus für uns aufgetrieben und uns in die

Zelle geschickt, und jeden Morgen nach dem Waschen (wir mußten uns

in unseren Gamellen, die auch zum Essen dienten, waschen) kam die

Einreibung mit dem Spiritus und jeder hatte acht auf den anderen, daß

er von dem köstlichen Stoffe nicht mehr nahm, als unumgänglich nötig

war, besonders aber nichts vergeudete. Wir mußten sehr haushälterisch

damit umgehen, auf neuen konnten wir nicht rechnen. So kämpften wir

gegen diese furchtbare Plage, aber doch nicht mit ganzem Erfolge, wenn

auch jedes Stück Wäsche nach draußen zum Auskochen gegeben wurde.

Die Läuse sind das fürchterlichste Ungeziefer, das zur Plage des

Menschen bestimmt ist, kein anderes kommt dem gleich, und wir vier

Aussätzigen litten darunter mehr, als wir uns gestehen mochten. Aber

wir kämpften gegen den Unmut mit ganzer Energie. Krieg ist Krieg,

und wenn wir auch zu der verzweifelten Rolle der zwecklos Leidenden

verdammt waren, auch da trat die Aufgabe an uns heran, unseren Mann

zu stehen, und wir haben sie erfüllt und einen gewissen bösen Humor

gepflegt, der uns über schwere Stunden hinweghalf. Ich schrieb einmal

auf einem Zettel an Remer, der sich noch relativer Freiheit mit den

anderen erfreute: „Uns geht es vorzüglich, wir brauchen nicht um sechs

Uhr aufzustehen, wir hören kein zweistündiges Blasen zum Appell, unser

Essen müssen wir uns nicht selber holen, wir sehen nur zweimal am

Tage und zu genau vorbestimmter Zeit Korporale und Offiziere; und vor

allem, wir leben nicht wie Ihr in der beständigen Furcht, daß wir für

irgendein unbedachtes Wort in den Kerker fliegen.“ Remer hat in der

Zeit rührend für mich gesorgt, was möglich war, bekam ich, und sowohl

Simeoni wie Mephisto ließen alles, auch Briefe, durch. Um neun Uhr

etwa ging die Zellentür auf, drinnen war es halbdunkel, nachts ganz,

das ist etwa dasselbe. Wir hatten uns vorher gewaschen und gesäubert,

dann kam der wachthabende Offizier mit dem Korporal, Posten und den

Kerkerverpflegern. Wir bekamen Brot und Wasser und die Träger ließen

hier und da einige inoffizielle Gegenstände aufs Stroh fallen. Der

Kübel wurde herausgeholt und gereinigt, die Gamellen gereinigt und die

Zelle selber. Dann wurde alles wieder geschlossen und wir lagen wieder

im Dunkeln. Das dauerte freilich nicht lange, denn schon zündeten wir

eine Kerze an und durchsuchten das Stroh nach eventuellen Nachrichten

oder Eß- und Trinkwaren, besonders Käse, Eier und Wurst waren begehrt,

dabei Tabak und Zigarren, Streichhölzer usw. Nun, wir fanden meist

genug, besonders in dem sogenannten nahrhaften Wasser, welches meist

Konserven und gekochte Eier barg. (Zwei freundliche Männer hatten den

Transport unserer Lebensmittel übernommen, aber sie kamen dabei zu

Schaden. Wieder verriet einer, der den Posten, bei welchem immer kleine

Geldgeschenke abfielen, haben wollte, die beiden, und jeder erhielt

fünfzehn Tage Kerker.) Danach wurde gefrühstückt, meist mit gutem

Appetit. Um 10½ Uhr durften wir auf eine Viertelstunde draußen im

Korridor spazierengehen, da ordneten und glätteten wir unseren äußeren

Menschen, um nicht dem alten Moor ähnlich zu werden, und schnappten in

sehr homöopathischer Dosis Luft. Danach lasen wir in der Dunkelzelle,

spielten auch wohl Karten oder vertrieben uns durch Nachdenken oder

Gespräche die Zeit, und sie verging auch wirklich. Manchmal schrieb

ich auch einige Gedichte nieder und freute mich, daß ich dazu noch in

Verfassung war. Ich will einige wiederholen: „Ich bin nicht stolz.“ „Wo

warst du?“ „Sträflingen den Tod versagen.“ (Zum größten Teil verloren

oder von der Zensur in Uzès verstümmelt.) Und ich schrieb auch an

meine Frau, natürlich nicht von dem, was mir geschehen war, das wäre

grausam gewesen; und ich bin später besonders stolz gewesen, als auf

meine Briefe aus dem Kerker ihre Antwort eintraf: „Ich freue mich,

daß ich aus Deinen Briefen ersehe, wieviel besser es Dir geht. Du

hast nie so kräftig und zuversichtlich geschrieben.“ Und darin hat

sie recht behalten, ich hatte durchaus nicht poesiert. Ich habe mich

wirklich kräftig gefühlt, gerade durch diese Zeit, die die schwersten

Anforderungen an unsere Energie gestellt hatte, und in der Kerkerzelle

habe ich die Feigheit abgeschüttelt, als könne eine Demütigung, sei

es, welche es sei, die von Feindes Seite kommt, uns erniedrigen.

Damals zeigten wir stolze Mienen, weil wir vermochten, das Unerhörte

gleichgültig über uns ergehen zu lassen, und ich glaube heute noch,

daß wir ein Recht dazu hatten. Wie ich die Briefe geschrieben hatte,

schickte ich auch ein Gedicht, das für meine Frau bestimmt war: „Streich

getrost ein Jahr des Lebens.“ Wir mußten sparsam sein mit unserem

Lichte, und so wurde es nachmittags wieder dunkel; wir unterhielten

uns. Dann kam um vier Uhr das Essen, die Suppe. O Gott, wie schaudert

mir davor! Das gräßliche Fett! Aber sagen durften wir das nicht, und

ich denke noch mit herzlichem Vergnügen, wie wir, nachdem jeder einen

mehr oder weniger großen Teil in den Abfalleimer gegossen hatte, mit

schmunzelnder Miene einer zu dem anderen das übliche: „Nun, die Suppe

war heute durchaus nicht schlecht, die ließ sich essen“, äußerten. Ja,

wir waren bescheiden und durften uns nun wohl an ein Wurstbrot wagen,

oder Eier nehmen, falls wir solche hatten. Auch Konservenbüchsen wurden

hervorgeholt. Abends wurde meist noch ein Skat gespielt und dann zur

Ruhe gegangen. -- Wir schliefen, abgesehen von schweren Hautreizungen,

nicht schlecht. Und so ward aus Abend und Morgen ein neuer Tag, und

der neue glich dem alten aufs Haar, und gerade weil einer war wie

der andere und verging wie der, weil wir keinen Wechsel hatten, so

schien es uns auch, als ob die Zeit nicht gar so langsam hinginge, und

wir trösteten uns mit Shakespeares Wort, daß die Zeit auch durch den

rauhesten Tag geht. Neues konnten wir ja nicht erwarten, und es geschah

auch nicht viel. Ulrich hatte im Namen der anderen Gefangenen eine

Beschwerde über die Prügelaffäre an den Kommandanten aufgesetzt und

wurde zitiert. Aber an der Strafe änderte das nichts. Das Wort zweier

französischer Offiziere schlug das von tausend gefangenen _boches_

und mit dem „Sie sind gar nicht geschlagen“ war ein so lächerlicher

Zwischenfall erledigt, bis viel, viel später die sechs Gefangenen

vor dem Kriegsgericht in St. Nicola ihre Aussagen nunmehr eidlich

bekräftigen durften. Und daß sie später zum Eide zugelassen worden

sind, gab uns zu denken. Was wir im Lager erfahren, sind ja immer nur

halbe Nachrichten. Der Tag, wo uns verkündet wurde, oder vielmehr nicht

verkündet, denn man nahm das als selbstverständlich, daß unsere Strafe

auf dreißig Tage erhöht sei, gehörte nicht zu den angenehmsten; aber

wir haben auch den in Fassung über uns ergehen lassen. Es waren nämlich

auch in unseren Kerker die Gerüchte gedrungen, daß die französische

Regierung den Anträgen der amerikanischen Botschaft nachgegeben

habe und das Lager Casabianda noch im April räumen wolle. Das war

erfreulich, aber weniger war es die Aussicht, daß wir im neuen Lager

gleich wieder als Sträflinge ins Gefängnis abgeführt werden sollten.

Aber was sein soll, mag sein. Schlimmer konnte es ja doch nicht werden

wie hier. Und es wurde wirklich so. Die Gerüchte, daß wir nach Uzès

kämen, wurden sicherer und schließlich bestimmt; der Termin, der

dreißigste April, war festgesetzt. Am Tage vorher dankten wir es der

Gnade Mephistos, daß wir uns einmal am ganzen Körper unter fließendem

Wasser waschen durften, und das war köstlich. Ich schrieb noch am

Abend in meine Blätter die erwartenden Zeilen für Uzès. Am dreißigsten

April, früh sechs Uhr, kam der Schwarze und holte uns ab. Gepackt war

alles, und gegen acht Uhr setzten wir uns in Bewegung. Vor dem Abmarsch

fiel von Weichs in schwerem Anfall zu Boden; die Tage waren doch nicht

spurlos an ihm vorübergegangen. Nun kamen die Gruppenführer und baten

den Kommandanten, zu gestatten, daß der Kranke auf den Transportwagen

gelegt würde. Der bestimmte in rührender Humanität, daß „das Schwein

da“ zu Fuß ginge, und daß der Offizier dafür zu sorgen habe, daß ihn

keiner unterstütze. Das war der Abschiedsgruß des Ehrenwerten. Wir

gingen an einem recht heißen Tage auf Umwegen zum Bahnhof -- die

freie Luft tat doch wohl -- und wurden nach Bastia verladen. Die

Freundlichkeiten, die wir hörten, waren schon etwas matter geworden,

auch die Steinwürfe, und unser neuerwachter Freiheitsdrang erzeugte

wieder die seltsamsten Gerüchte: Wir kämen zunächst nach St. Nicolas,

da würden die ausgesondert, die nach Hause geschickt würden usw. usw.

Derlei versagte nie seinen Eindruck. In Bastia ging’s aufs Schiff;

diesmal hieß es „Galvani“ (undeutlich im Original). Bei ruhigem Meer

hatten wir eine sonst gleich gräßliche Fahrt. In Marseille wurden wir

wieder umgeladen auf ein anderes, kleineres Schiff, das uns nicht zum

anderen Bahnhof führte, wie wir gemeint hatten, sondern in gerader

Fahrt zum Ponton, also Zwischenstation. Ob das zur Erholung war, oder

ob die ausgemustert werden sollten, welche zur Heimreise bestimmt

waren, das erfuhren wir damals nicht, später auch nicht. Der Ponton

ist ein alter, ausrangierter, schwimmender Güterschuppen. Er soll

anfangs als Quarantänestation benutzt worden sein, diente nun als

Gefangenenlager. Er ist etwa 20 Meter lang, 10 Meter breit, 10 Meter

hoch, in drei Etagen geteilt.

Wir wollen auf ein anderes Kapitel unserer Gefangenschaft kommen,

so groß, so erhaben, daß es uns über alles, was kleinlich war,

hinweghalf, das uns oder die Besseren unter uns für unser großes

Leiden entschädigte, das war die Verfolgung des gigantischen Feldzuges

in Rußland. Damals durften wir noch, oder auch wieder, französische

und englische Zeitungen lesen und kämpften in Gedanken an der Seite

der Unseren, mit ihnen Siege feiernd. Das enthob uns für Stunden dem

Grau des Alltags. Freilich hatten wir auch unter guten Nachrichten zu

leiden, und das gab uns einen gewissen Anteil daran. Unsere Bedrücker

verhehlten uns gegenüber ihre Stimmung durchaus nicht, und wir standen

wehrlos ihnen gegenüber. Wir durften uns nicht glückwünschend die

Hände reichen, wenn wir es auch oft verstohlen taten. Wir bekamen

keine Extrablätter vom Falle Warschaus und sahen nicht Knaben und

Mädchen jubelnd aus der Schule kommen, weil unser braves Heer ihnen

wieder einen schulfreien Tag geschlagen hatte. Wir bekamen gute Kost

so neidisch und hämisch und in so kleinen Portionen zugeteilt, daß

wir hungerten. Damals waren auch noch spanische Zeitungen erlaubt,

freilich nur die franzosenfreundlichen, sie wurden aber bald verboten,

da Spaniens Haltung Frankreichs Mißtrauen weckte. Auf deutsche

Zeitungen wurde wie auf Spione gefahndet, sie wurden aus jedem Paket

herausgerissen; wo sie besonders gewandt versteckt waren, wurde

der Empfänger mit Gefängnis nicht unter vier Tagen im Einzelfalle

bestraft. Auch die englischen Zeitungen waren unseren Aufsichtsräten

noch zu offenherzig, und so wurden sie nur durch großen Scherenschnitt

verstümmelt uns ausgehändigt. Aber auch Scheren sind tückisch und

schneiden oft falsch; so ließen sie oft stehen, was fort sollte, und

nahmen Unwichtiges weg, wirkten auch, wie ein Vergleich ergab, oft

verschieden in verschiedenen Exemplaren der Zeitungen.

Wie gesagt, pillenweise schluckten wir gute Nachrichten. So fiel

Warschau etwa so:

1. Der Traum der Deutschen: Einige übergeschnappte Phantasten in

Deutschland träumen sogar von einer möglichen Einnahme Warschaus.

Napoleon hatte bekanntlich 1812 ...

2. Ein Herr, der absolut zuverlässig ist und in Amsterdam wohnt,

erklärt uns, daß Warschau nie den Russen entrissen werden kann. Er

erklärte unserem Korrespondenten zugleich, daß nach mathematischer

Berechnung die _victoire finale_ auf allen Fronten für die

Alliierten sein müsse.

3. Nach Nachrichten aus der Schweiz, die natürlich rosig gefärbt

sind für die _boches_, sollen hartnäckige Kämpfe bei Warschau

stattfinden.

4. Die Russen haben bei Warschau einen großen Sieg zu verzeichnen,

sie haben die Stadt in tadelloser Ordnung geräumt, der Feind ist

eingezogen, und der Großfürst Nikolaus hofft, ihn nun nach sich zu

ziehen, wie es ihm beliebt, denn Napoleon hatte 1812 ...

5. Die Deutschen feiern in ihrer kindlichen Art den Fall

Warschaus, der doch für Rußland so ganz bedeutungslos gewesen ist.

Daß die _victoire finale_ unseren glorreichen Alliierten

nicht entrissen werden kann, erleuchtet aus einem historischen

Vergleiche: Napoleon zog bekanntlich im Jahre 1812 ...

So war es ein eigenartiges und durchaus nicht leichtes Studium, uns

durch alle Floskeln hindurchzulesen, aber wir lernten es; wir lernten

auch, zurückzudatieren und nach dem, was nicht geschrieben oder gelogen

wurde, allgemeine Stimmung herauszulesen. Wir zeichneten Karten. In

allen Zimmern hingen schließlich solche aus, bis sie verboten wurden,

wie auch die Zeitungen; das war im Februar 1916. Wir verfolgten das

siegreiche Vordringen der Russen in ihr eigenes Land, immer uns den Weg

weisend, den wir folgen sollten, _jusqu’à la victoire finale_.

Die Tage nach Warschau, da unerwartet schnell eine Festung nach der

anderen fiel, waren mit unseren diplomatischen Siegen im Balkan die

schönsten, auch wenn jede Zeitung uns täglich seit mehr als einem Jahre

die Schlacht an der Marne und den Rückzug der deutschen Truppen dort

als Dessert vorsetzte. Eigentümliche Leser müssen die Franzosen sein,

die Presse darf die frechsten Lügenkombinationen in die Zeitungen

bringen, die ein deutscher Leser mitsamt dem Annoncenteil und dem

Feuilleton dem Redakteur um die Ohren schlüge. Der Franzose will es

so. Er mag nicht beunruhigt werden und seine patriotische Anregung

mag er auch nicht vermissen, es gehe wie es gehe, nachher kommt ja

doch, was unvermeidlich ist. Er ist darin, sonst durchaus nicht, dem

Spanier ähnlich. Er belügt sich gern, darum müssen vor allen Dingen die

Ueberschriften aufregend sein. Holland, Spanien, Rumänien, Bulgarien,

Griechenland, Amerika, alles ging in dicken Ueberschriften jede Woche

mindestens zweimal mit den Alliierten in den Krieg. Was nach der

Ueberschrift kam, brauchte ja niemand genauer zu lesen, auch nicht, aus

welcher Quelle die erschütternde Nachricht stammte.

Wir haben genau an der Hand der Karten die Vorgänge auf dem

Kriegsschauplatz verfolgt und uns begeistert an so mächtiger Führung,

aber all das drückte den Stachel der Erkenntnis nur tiefer und

schmerzhafter in unser Inneres: wir waren nur Zaungäste, wir durften

nicht mithelfen, ja nicht einmal zeigen, was uns froh machte. Schwer

drückt die Gefangenschaft! -- Auch empfindlich macht sie und reizbar.

Jede Nachricht eines Rückganges oder einer größeren Zahl von Verlusten

auf unserer Seite wird natürlich gerade umgekehrt zu uns getragen.

Seesieg bei Riga!

1. Die deutsche Flotte teilweise vernichtet! Acht Torpedos, zwei

große Kreuzer und der Dreadnought „Moltke“ zum Sinken gebracht!

Einige Schiffe haben sich bis in den Hafen von Libau geflüchtet,

wo sie bis Danzig verfolgt wurden. Der Zar hat in allen Kirchen

Tedeum angeordnet, er empfängt von seiten aller Verbündeten

Glückwunschtelegramme. Siegesfeier in Petersburg und allen Städten

Rußlands. --

2. Englischen Blättern zufolge ist es nicht sicher, daß der

Dreadnought „Moltke“ torpediert ist, es heißt nach neueren

Berichten „im Stile Moltke“. --

3. Die lügnerische deutsche Presse dementiert unsere Berichte über

die Seeschlacht von Riga, man sieht daraus, wie zuverlässig ...

usw. --

4. Die „Times“ berichtet, daß bei Riga zwei Torpedos versenkt sind,

zwei andere sollen nach Libau entkommen sein. Die „Moltke“ ist in

neutralen Häfen gesehen worden.

Das war der Schluß der Riesenseeschlacht bei Riga.

J'accuse (Ich klage an): Zwei Jahre in französischer Gefangenschaft · 第 8 / 11 段