Der Kommandant hat einfach gefordert, daß ich für das Lazarett

volle Verantwortung nähme, auch für die, welche ich hereinlege.

Das macht er gern so. Wir sitzen abends zusammen, Radei, Bonitz

und ich, und sprechen über alle Ereignisse der vergangenen

Tage. Wir lassen Revue passieren. Wir leben ein Narrenleben und

wissen nie, was der morgige Tag bringen wird. Morgen ist Papas

Todestag. Ich werde nach Hause denken. Was wir hier durchmachen,

wird uns als klares Bild erst vor Augen treten, wenn der Vorhang

sich darüber geschlossen hat, wenn das ewige Bildzittern, wie im

Kinematographen, das schnelle Hin- und Herbewegen, wie dort, sich

vor dem klareren Auge der Erinnerung zu einem vielleicht sogar

folgerichtigen Bilde vereinigt. Manchmal denke ich, vielleicht

ist all das, was wir erleben, gar nicht so unwichtig für uns,

als könne es beitragen, Charaktere zu erziehen. Darin werde ich

bestärkt, wenn ich sehe, wie der Willensschwache so widerstandslos

verkümmert. Ja, wenn wir jünger wären und ein Leben vor uns hätten,

das zu verwerten, was wir gelernt. Den Jüngeren mag die Schule

wertvoll sein, für die Aelteren ist sie reichlich hart. Wir haben

uns in unserem Alter und in unserer Stellung wie Hunde demütigen

müssen, gehungert, gedarbt, uns mit Stroh, mit allerhand Ungeziefer

geplagt, wir haben die zu Grabe getragen, die dem auferlegten Lose

nicht gewachsen waren, andere hat die schwere Zeit für Tod oder

Siechtum gezeichnet. Und ich sage mir doch, es war der Einblick

in so vieles, das ich nie geahnt, politisch nicht und menschlich

nicht, es war eine so romantische, gewaltig traurige Zeit, daß ich

nur hoffe, ich halte sie durch, um den Kindern zu erzählen von dem,

was das Leben bietet und fordert, von Recht und Unrecht, Ordnung

und Unordnung, von falscher und wahrer Ehre. Ich fühle mich in der

Besserung und denke, ich werde Widerstand leisten können. Wer weiß,

was morgen auf mich hereinbricht. Gefaßt bin ich auf alles. Küsse

die Kinder!

Max.

Herr Kommandant!

Ich erlaube mir, folgendes beschwerdeführend mitzuteilen: Am 30.

November wurde mir von Herrn _Dr._ Marcantoni, Aide-Major, dann von

Ihnen die ärztliche Vertretung des ersteren übertragen. Sie gaben

mir schriftlich die Erlaubnis, in der Infirmerie Wohnung zu nehmen.

Ich übernahm den Posten und führte ihn, wie wir gelehrt sind,

gemäß den Gedanken der Genfer Konvention in gleicher Behandlung

der französischen Forestiers und Gendarmen, welche mir täglich

zugeführt wurden und welche ich auch auf ihren Zimmern besuchte,

wie der deutschen gefangenen Soldaten und Zivilisten aus. Von

Ihrer Erlaubnis, Herr Kommandant, machte ich Gebrauch und legte

drei Kranke, Bonitz, Radei und _Dr._ Arranza, provisorisch in die

Infirmerie.

In der Zeit meiner Vertretung des Herrn _Dr._ Marcantoni wurde

ich zugleich beauftragt, vier Forestiers auf Invalidität zu

untersuchen, was ich tat, in der Meinung, hierin wie in der anderen

Vertretung meine Pflicht getan zu haben. Gestern abend gegen 8.40

Minuten wurde gegen das Tor des Hospitals geklopft. Herr _Dr._

Marcantoni trat mit einigen Zivilisten und einigen Forestiers ein,

Bonitz, Radei und ich waren in dem uns zur Verfügung gestellten

Zimmer, welches durch den Ofen gut durchwärmt war. _Dr._ Arranza

auf seinem Bette in der Halle. Herr _Dr._ Marcantoni führte aus,

sein Haus sei zum Hotel und Bordell geworden, und forderte uns

auf, sofort die Infirmerie zu verlassen. Als ich fragte, ob ich

bleiben dürfte, sagte Herr _Dr._ Marcantoni: „Sie dürfen natürlich

bleiben, aber besser, Sie gehen auch.“ So mußte ich schleunigst

das Zimmer räumen; es wurde mir nicht erlaubt, meine Zigarrenkiste

oder Eßwaren zu berühren. Als auch meine Patente als Stabsarzt

von einem Zivilisten mit Beschlag belegt wurden, rief ich Herrn

_Dr._ Marcantoni zu Hilfe, welcher mir erlaubte, meine Papiere

mitzunehmen. Ich selbst wurde in einem Aufzuge, der meines Standes

unwürdig war, in die Halle oben gebracht, wo ich ein Strohlager

fand. Mein Einwurf, daß es sich bei den anderen um Kranke handele,

begegnete einem Lachen des Herrn _Dr._ Marcantoni. Ich bin

bereit, die Krankheiten der drei Kranken, wie ich sie notiert,

wissenschaftlich zu beweisen.

Ich bitte, Herr Kommandant, Protest einlegen zu dürfen gegen

eine derartig entehrende Behandlung, 1. als Arzt im Namen der

Wissenschaft und Humanität, 2. als deutscher Sanitätsoffizier,

in Berücksichtigung des erschwerenden Umstandes, daß ich

kriegsgefangen und nicht in der Lage bin, mich gegen Beleidigung zu

verteidigen, 3. als von Ihnen, Herr Kommandant, und von Herrn _Dr._

Marcantoni persönlich eingesetzter offizieller Stellvertreter des

französischen Aide-Majors, dessen Funktionen mir übertragen sind

und die ich erfüllt habe.

Sollten Sie, Herr Kommandant, für diese Frage nicht die zuständige

Behörde sein, so bitte ich Sie, diese Beschwerde weiterzureichen.

Zugleich bitte ich als Offizier meine Versetzung nach Corté so bald

als möglich anordnen zu wollen, da nach der gestrigen Behandlung

meine Stellung hier entwürdigt ist, und mich vom Dienste bei Herrn

Dr. Marcantoni zu entbinden. -- Mit der Versicherung.....

_Dr._ Br., San.-R., St.-Arzt a. D.

Das Dokument, welches mir die Erlaubnis gab, in der Infirmerie

zu wohnen, zeigte ich dem rasenden Marcantoni, der mir natürlich

wieder sagte: „Ich pfeife auf den Kommandanten.“ Der Mann ist von

einer satanischen Schlechtigkeit, das erkannte wohl jeder, auch die

Franzosen. Er will uns zugrunde richten, uns schädigen und erniedrigen,

wie er kann. Radei und Bonitz mußten am nächsten Tage zum Arzt, der

sie, ohne sie zu untersuchen, gesund schrieb, ihnen sagte, sie sollten

das Lazarett reinigen, und sie dazu anstellte. Dann sollten sie in den

Kerker. Wofür? Es schreit zum Himmel!

Meine Beschwerde legte ich dem Kommandanten persönlich vor, der mich,

nachdem er sie nochmals gelesen, rufen ließ. Es war dies auf dem Hofe.

Er nahm mich beiseite, dann sagte er, er selber sei außer sich, daß so

etwas vorgekommen sei, aber er könne nichts dabei tun. Ob ich nun damit

zufrieden sei, daß er sofort nach Corté geschrieben, der Gouverneur

möchte provisionell Order geben, daß ich als Offizier nach Corté

berufen werde. Er selber könne nur verfügen, daß, ich nicht weiter

unter Herrn _Dr._ M. zu stellen habe. Ich sprach nun sehr erregt zu

ihm, erst französisch, dann riefen wir den Dolmetsch, Comte Peraldi.

Ich bat ihn, dem Kommandanten zu sagen, daß ich nicht für mich spräche,

sondern für die anderen. _Dr._ M. hat heute zwei Herren, Radei und

Bonitz, die sich krank gemeldet, gesund geschrieben, und läßt sie wegen

falscher Krankmeldung einsperren. Aber er hat kein Urteil über ihre

Krankheit und kann es nicht haben, da er sie nicht einmal den Rock hat

öffnen lassen, geschweige denn irgendeine Untersuchung vorgenommen hat.

Ich kann wissenschaftlich beweisen, daß der Herr _Dr._ M. so keine

Diagnose stellen kann, daß es sich bei ihm also nur um persönliches

Uebelwollen handelt. Ich fuhr noch erregter fort: „Herr Kommandant,

so sterben die Menschen hin, und so wird einer nach dem andern diesem

Arzt zum Opfer fallen.“ Graf Peraldi verdolmetschte, ich griff des

öfteren in schlechtem Französisch ein und sprach mit Händen und Füßen.

Er fragte, was ich von ihm verlange. Ich antwortete, wir bäten um einen

anderen Arzt, der Kranke sich zum mindesten ansähe. Weiter bat ich,

man möchte von einer Bestrafung Radeis und Bonitz’ Abstand nehmen.

Sie könnten weder arbeiten noch ins Gefängnis; sie seien krank. Er

versprach alles, der arme Mann, wenn er es auch halten könnte! Um

seinen Worten Applomb zu geben, rief er den Leutnant Simeoni, dem

diktierte er die Namen beider mit dem Befehle, sie dürften nicht

arbeiten, auch nicht in der Infirmerie, es sei ihnen auch jede Strafe

zu erlassen.

Dann wandte er sich an mich und fragte, ob ich nun zufrieden sei. Ich

war es und dachte, es würde geschehen, wie er es gesagt. Ich Optimist!

Es waren wenige Stunden nach dieser Unterredung vergangen. Ich stehe

in der Küche mit Bonitz und Radei und erzähle ihnen von dem Erfolge

bei dem Kommandanten. Da kommt die Ordonnanz des Arztes: Bonitz und

Radei sollen kommen zur Arbeit. -- Ich sage: Ich habe Auftrag vom

Kommandanten, die beiden dürfen nicht arbeiten. Er kommt zum zweiten

Male; ich rufe mir den Comte, der heute verdolmetscht hat. Der sagt

der Ordonnanz: Sagen Sie dem _Dr._ M., Befehl vom Kommandanten,

daß Bonitz und Radei arbeitsfrei sind. Jetzt kommt er zum dritten Male.

Der diensthabende Offizier Simeoni steht da; ich wende mich an den.

Simeoni sagt, daß er den Befehl habe, die beiden nicht zur Arbeit zu

schicken.

Während ich mit dem verhandle, stürzt wie eine Viper aus dem Verstecke

_Dr._ M. auf mich zu, den keiner vorher gesehen hatte. Er ergreift

mich an der Weste: „Sie sollen’s mir büßen; jetzt sollen Sie arbeiten!“

Im Nu war ich umringt von bewaffneten Forestiers und wurde abgeführt.

Nun kommt, was folgt:

Casabianda, 10. Dezember 1914.

Herr Kommandant!

Meiner gestrigen Beschwerde über Herrn _Dr._ M. füge ich heute

eine neue, weit schwerere zu:

Herr _Dr._ M. hat mich gestern handgreiflich festgenommen,

mich unter Zurufung der Forestiers, unter Androhung von Gefängnis

zum Lazarett zur Zwangsarbeit führen lassen, ist selber dorthin

gekommen und hat mir aufgetragen, den Abort des Lazaretts zu

reinigen und mich zur Arbeit angetrieben. Ich habe die Arbeit

getan, bis ich durch Sie, Herr Kommandant, erlöst wurde. Der

französische Militärarzt hat mich als wehrlosen gefangene deutschen

Militärarzt in einer Weise, die mich entehren sollte, beleidigt.

Mit dem Vorgehen des Herrn _Dr._ M. gegen mich ist der

internationale Aerztestand durch einen Arzt, der Offizierstand

durch einen Offizier beschimpft. Ich bitte Sie, Herr Kommandant,

mich zu schützen vor den Angriffen dieses Herrn und meine

Beschwerde höheren Ortes vorzulegen.

Ich bin...

* * * * *

Der Vorfall hatte natürlich im Lager das größte Aufsehen erregt.

Marcantoni stand wie ein Satan neben mir; ich war völlig ruhig, er

um so erregter. Er schaufelte mit den Händen Schmutz vom Boden und

sagte mir, so sollte ich es machen. Ich nahm einen Eimer, Wasser zu

holen, während er im Lazarett blieb. Den Eimer ließ ich am nächsten

Wasserkran stehen und lief herauf zum Kommandanten, der gerade im

oberen Lager war. Der ging mit Simeoni und dem Comte. Ich trat auf ihn

zu und berichtete deutsch, was mir _Dr._ M. zugemutet. Er war

äußerst erregt, schickte sofort den Comte mit mir zu _Dr._ M., mit

nun endlich energischem Befehl, mich zu keiner Arbeit, sei es, welche

es sei, zuzuziehen. Der Comte war selber erregt, als er den Befehl

überbrachte. Der Arzt gab mich frei.

Es war viel und Schweres, was mir in der kurzen Zeit durch den Kopf

ging. Widerstand, Weigerung! Fünf bis zehn Jahre Zwangsarbeit stehen

darauf. Den Mann niederschlagen! Tod ohne Zweifel, füsiliert werden.

Ehrlos verscharrt werden in französischer Erde, nie den Meinen sagen

dürfen, was mir geschehen und in mir unserer Nation, unserem Stande!

Ich bin mit Willen der Waffengewalt gewichen und tat das einzige,

was ich tun konnte und mußte. Die Gründe sind klar. Erstens stehen

Bonitz und Radei mir gesellschaftlich nicht nach, und was die arbeiten

müssen, kann ich auch. Außerdem hat man mir eine Waffe in die Hand

gegeben, die ich für andere gebrauchen kann. Ueber einen Zwischenfall

traurigster Natur, der in diese ganze Aufregung fällt, will ich hier

berichten. Schielke und Pressel sind flüchtig geworden, sie wollten

am Strande ein Boot nehmen und nach Elba oder Sardinien fahren. Das

ist fehlgeschlagen, sie sind festgenommen und zu vier Wochen schweren

Kerkers verurteilt worden. Was das heißt, weiß keiner, der nicht diese

vorweltlichen Löcher gesehen. Lt. Simeoni hat sich geäußert, sie wüßten

wohl, daß da keiner nach vier Wochen lebendig herauskäme. Wir hoffen,

es zu erreichen, daß die Strafe gemildert wird, sonst fürchten wir für

ihr Leben.

Mein Kelch ist nicht voll, er beginnt sich langsam zu füllen. Ich

bin gefaßt auf alles. Das eine hoffe ich jetzt mit immer größerer

Zuversicht, daß man mich nicht geistig unterkriegen wird, wenn der

Körper standhält. Ich spüre im Gegenteil etwas wie Gesundung. Je mehr

auf mich geschlagen wird, desto härter will ich werden.

Am nächsten Morgen, dem 10. Dezember, überreichte ich meine Beschwerde

persönlich dem Kommandanten. Er geriet in heftigste Erregung, ich habe

ihn nie so gesehen. Aber die Angst, die Beschwerde weiterzugeben,

überwog doch alles anständigere Denken. Er beschwor mich, ich solle

ruhig bleiben, die Schuld trage die wahnsinnige Erregung der Franzosen

gegen uns. Ich blieb fest, der Comte unterstützte mich. Der Kommandant

sagte in größter Erregung: „_Le docteur est un homme charmant mais

d’un race sale._“ Der Comte übersetzte mir das: _Dr._ Br. ist

ein scharmanter Mann, aber leider eben Deutscher. -- Ich hatte mir das

Wort, das ich nicht verstand, aber gemerkt, und ließ es mir später

richtig übersehen, _sale_ heißt schmutzig. So beleidigte also auch

der Kommandant seine Gefangenen, der uns als Gentleman galt.

Der Kommandant lief dann noch einige Male im Zimmer umher. Schließlich

blieb er vor mir stehen und sagte: „Besinnen Sie sich 24 Stunden, so

lange gebe ich Ihnen Bedenkzeit. Wenn Sie dann auf der Beschwerde

bestehen, werde sich sie weiterreichen. Aber ich warne Sie.“ Ich ging,

und nach 24 Stunden trat ich wieder vor ihn.

Was wird nun kommen? Vielleicht leugnet M. alles, dann komme ich vors

Kriegsgericht wegen Verleumdung, oder 30 Tage Kerker! -- Gut! --

Repressalien folgen auf Repressalien, unerträglich fast.

Die Arbeiter und die Soldaten haben durchaus minderwertige Ernährung

und weigern sich, hungernd zu arbeiten. Ein Trupp Soldaten wird vom

Arbeitsführer zurückgebracht, jeder einzelne hat erklärt, er habe

Hunger und fühle sich nicht fähig zur Arbeit. Sie werden vor das Haus

des Kommandanten geführt, der droht ihnen, Bericht zu machen und ihren

Transport nach Marokko zu beantragen. Aber er fühlt doch, daß es so

nicht weitergehen kann, und so verhandelt er mit einigen von ihnen und

gibt den Arbeitern Zulage an Brot und sonstiger Nahrung. Wieder wurde

eine drohende Gefahr beseitigt. --

Wenn in unserem Zimmer auch keine Infektion aufgetreten ist, so

hatten wir doch einen schweren Fall von Blinddarmentzündung, der für

uns den immer wiederkehrenden Streit mit dem Lagerarzte auslöste.

Marcantoni wird gebeten, den Kranken zu sehen. Er verweigert

das: „Herunter soll er kommen, oder oben krepieren.“ Wer nur eine

Ahnung von Blinddarmentzündung hat, der kennt auch die Gefahr, welche

ein Aufstehen und Gehen mit sich bringt. Die Temperatur steigt und

Schüttelfrost tritt auf. Zufällig kommt nachmittags der Kommandant zu

uns, nun bitte ich ihn, den Kranken zu sehen, wir ständen machtlos,

da uns jede Hilfe verweigert würde. Der Kommandant sagte, wie ein

Greis mit den Achseln zuckend, wieder dasselbe: „Ich kann nichts tun.

Marcantoni und immer noch Marcantoni! Keiner ist verantwortlich als

der.“ Nun aber nahte auch die Aera Marcantoni ihrem Ende und heute war

der Vielgeplagte auf Urlaub gefahren, ein junger Arzt vertrat ihn,

der ihn bald ersetzen sollte. Das überdachte in diesem Augenblick der

gestrenge Kommandant, und er gab mit Genehmigung dieses Arztes die

Erlaubnis, das zweietagige Bett abzusägen und den Patienten im Bett

herunterzutragen. Der hat sich in wenigen Wochen vom ersten Anfall

erholt, und Marcantoni ließ seiner wissenschaftlichen Ader wieder

freien Lauf und gab der Krankheit einen anderen Namen. -- Aber es ging

abwärts mit Marcantoni. Die Schweizer Kommission kam unter Führung

des Obersten Marvall. Auf den trat ich im Beisein Marcantonis zu,

_Dr._ Heller auch, und nun berichteten wir von diesem Manne, der

sich seines Standes unwert gezeigt, als Arzt und als Offizier. Wir

wurden erregter und erregter, Marcantoni sah hämisch drein, er konnte

nicht Deutsch, aber er fühlte jedes Wort, und unsere Augen wandten sich

immer wieder zeigend gegen ihn, und der Oberst hörte zu und machte

Notizen. Als ich auf das unerhörte Vorgehen Marcantonis gegen mich kam,

wandte sich der Oberst zu mir: „Ah, Sie sind Doktor Brausewetter?“ Als

ich bejahte, sagte er: „Nun, dieser Vorfall ist schon dem Roten Kreuz

genau zur Vorlage gekommen; aber bitte, berichten Sie darüber noch

einmal ausführlich.“ Einige Male unterbrach er: „Wurden Sie mit Gewalt

bedroht?“ Ich bejahte, er notierte. Wir wollen hiermit die Tragödie

Marcantoni beschließen, auch Patroklus-Maurer ist gestorben! Marcantoni

verschwand bald von der Bildfläche, man hat ihn nicht wieder gesehen.

Nach Berichten hat er die Uniform ausziehen müssen und ist zu 30 Tagen

Gefängnis verurteilt. Jedes weitere Wort über diesen psychologischen

Jago wäre zuviel. -- Ob wir dafür Herrn Obersten Marvall zu danken

hatten, weiß ich nicht. Marcantoni war zum Fällen reif gewesen, und ich

weiß auch, wer in der Schweiz so energisch für mich und gegen diesen

Partei ergriffen.

Mit dem neuen Kommandanten, den wir als Ersatz des Herrn Teissier in

Herrn Pleit, erhielten, sahen wir das Aufgehen gerechterer Tage, und

es schien wirklich so, aber der Herr blieb nur kurze Zeit bei uns, wir

haben es bedauert. -- -- --

Fünf unserer Mitgefangenen sind entflohen.

Sie haben am Strande ein Boot genommen, das sie eingerichtet haben.

Zwei Nächte noch mußten sie auf der Insel kampieren, während sie am

Tage segelten, am dritten Tage kamen sie nach Sardinien, wo sie gut

aufgenommen und nach Rom befördert wurden. Dort nahm die deutsche

Botschaft sie in Empfang und versorgte sie zur Weiterfahrt. Die

Glücklichen! Sie haben Mut bewiesen und ihr Glück verdient. -- Daß

wir darunter litten, war klar. Wieder wurde verschärft, was noch zu

verschärfen war. Ein neues Mittel wurde erfunden. Sämtliche Ausgänge

wurden mit Gefangenen als Posten besetzt, das war ein ergötzliches

Bild und führte zu ergötzlichen Szenen. Marder, welcher an dem

Tore, das zu den Ställen führte, Wache hatte, waltete streng seines

Amtes. Ein Franzose hatte einen Gefangenen beauftragt, ihm etwas von

dort zu besorgen, Marder ließ ihn nicht durch. Nun kam der Franzose

selber und forderte den Durchgang für den Beauftragten, worauf M. ihm

kühl erwiderte: „Sie dürfen durch das Tor und sich alles besorgen,

der Gefangene darf nicht durch. So ist mein Auftrag.“ Ein „_sale

boche!_“ fluchend, mußte der sich nun selber bemühen. Gleich darauf

wurde Marder seines Amtes, das er zu genau verwaltet hatte, entsetzt.

Man kann es den Herren nie recht machen. -- --

In diese Zeit fällt der Entscheid über meine von allen Seiten

unterstützte Eingabe um Freilassung. Und nun muß ich noch einmal,

trotz meines Schwures, den Namen des widerlichen Mannes erwähnen. Die

französische Regierung schrieb an die amerikanische und spanische

Botschaft, daß sie gern meine Freilassung verfügt hätte, besonders da

eine so hohe Dame, wie die Infantin Beatriz von Spanien, sich darum

bemüht habe, daß dies jedoch unmöglich geworden sei durch das Attest

des Arztes. _Dr._ Brausewetter sei „_en parfait état de sante_“, wie

eine „_enquête minutieuse_“ ergeben, und „_mobilisable_“. Das war die

Rache Marcantonis gewesen. Ich war ja so vieles gewöhnt worden, aber um

meine Frau war mir’s leid. Die hatte so tapfer gekämpft, und nun diese

Enttäuschung!

Der Zorn war bei ihr aufgewallt und bei mir. Ich setzte mich sofort

hin, schrieb an beide Botschaften und auch an die Infantin Beatriz, daß

mich das sichere Urteil des Arztes und die „_enquête minutieuse_“

aufs äußerste in Erstaunen gesetzt habe. _Dr._ Marcantoni habe

nie eine Frage meiner Gesundheit wegen an mich gestellt, trotzdem die

Bescheinigung des preußischen Kriegsministeriums vorgelegen, daß ich

wegen Lungentuberkulose aus dem Heere geschieden sei; viel weniger habe

er auch nur einmal mich untersucht. Es sei unerklärlich, wie er zu

solchem Urteil käme und wie die Note der französischen Regierung von

einer „_minutieuse enquête_“ sprechen könne. Wieder kam der Stein

ins Rollen, aber der Weg, den er rollen mußte, war vorgezeichnet. Ein

Arzt aus Bastia kam nach einiger Zeit, mich -- nun zum ersten Male --

zu untersuchen. Er bestätigte meine Angaben nach genauer Feststellung

des Befundes und sagte mir dann, ich würde nun freikommen, sein Bericht

sei günstig für mich. Durch das Bureau erfuhr ich, daß er mich als

_immobilisable_ für jeden militärischen Dienst eingegeben habe,

und daß damit meiner Freilassung nichts im Wege stände. Aber das konnte

dem Ministerium natürlich nicht passen, es wäre in eine schlimme Lage

gekommen und hätte der Infantin gegenüber einfach bekennen müssen,

daß die leichtsinnige oder bewußt feindliche Eingabe des Marcantoni

zu einem Irrtum geführt habe. Ein zweiter Arzt wurde beordert, das

war bestellte Arbeit; er untersuchte mich und erklärte, daß zwar die

Leiden vorhanden seien, daß ich aber doch soweit gesund sei, um einen

_service militaire_ zu tun. Was sollte das wohl für ein _service

militaire_ sein? Ich war doch Arzt, sollte ich zum Schreiber

degradiert werden? Die Antwort der Regierung war klar. Es sei, so hieß

es, nach dem Attest des ersten Arztes schon meine Freilassung verfügt

gewesen, man habe aber nach dem Attest des zweiten die Verfügung wieder

streichen müssen. Das war ja sonnenklar und hat uns nicht weiter

überrascht. Ausharren hieß es nun und immer wieder ausharren, ob auch

schwere Wolken über uns hingen.

Daß die fünf Flüchtlinge nicht zurückkehren wollten, erzürnte die

Machthaber, und deren Gereiztheit stieg. Nun hatten wieder fünf

Mann einen Fluchtversuch gemacht: Marder, Seifried, Liebscher,

Soennickens und Kühl, aber das Glück hatte sie nicht begünstigt wie

ihre Vorgänger, sie wurden eingefangen und Gegenstand neuer unerhörter

Vorgänge in Casabianda. Der frühere Polizeipräfekt von Paris, Herr

Lepine, kommt nach Casabianda und betrachtet den Schauplatz so vieler

Fluchtversuche. Die Erregung steigt auf allen Seiten aufs höchste, und

ein seltsamer Abend war es, wie die Vorabende schwerer Ereignisse, als

ich am 29. März, unserem Hochzeitstage, noch spät aufsaß und an meinem

Tagebuch schrieb. Ich war lange über Erlaubnis aufgeblieben und schrieb

alles nieder, was mir durch Herz und Sinne ging. Da öffnete sich gegen

elf Uhr etwa, ohne daß ich ein Geräusch hörte, die Tür, ein Korporal

wies auf mich: „_Voilà_.“ Hinter ihm trat der Chef-Adjutant, der

Schwarze oder Mephisto, wie wir ihn nannten, ein, eine unheimliche

Figur, wie auf der Lauer. Als er mich sah, war er ruhig: „Es ist Zeit,

zu Bett zu gehen!“ sagte er, weiter nichts; dann ging er, lautlos wie

er gekommen. Die Reitpeitsche, die ihn immer begleitete und die noch

eine große Rolle spielen sollte, hatte er in der Hand getragen. Was

hatte er gewollt, auf wen fahndete er? Etwas war im Gange gewesen, und

der nächste Morgen brachte die Enthüllung. Wenige Stunden nach dem

rätselhaften Besuche, der wohl mir nicht gegolten hatte, waren aus dem

Nebenraum wieder sechs Mann entflohen. Sie hatten sich an Seilen von

ihrem Fenster, dessen Kreuz sie ausgebrochen hatten, an der Stallmauer

herabgelassen, waren so ins Freie auf gefährlicher Tour gelangt. Am

nächsten Morgen war eine furchtbare Aufregung im Lager, die Flüchtlinge

waren schon um drei Uhr morgens wieder eingefangen und saßen im Kerker.

J'accuse (Ich klage an): Zwei Jahre in französischer Gefangenschaft · 第 7 / 11 段