Nachdem wir also das heilige Feuer zu schöner Glut geschürt hatten,

zogen wir aus, neues Holz zum Brande zu suchen. Bonitz führte mich an

einen Bach, an dessen Ufern viel trockenes Holz lag und vertrocknete

Bäume standen. Wir sammelten einiges, machten aus den größeren Stämmen

eine Bahre und luden das gesammelte Holz darauf. Das war das Werk

von zehn Minuten, aber eine halbe Stunde arbeiteten wir dann viel

schwerer an der Vertilgung unseres mitgebrachten Frühstücks und einer

halben Flasche Rotwein. Die Sonne neigte sich schon. Wir genossen

die herrliche Ruhe. Kein Geschrei, kein ewiges Gekeife: „Was soll’s,

flott! Vorwärts, flott!“ -- Wir atmeten tiefer. Dann nahmen wir unser

Holz auf, brachten es zum Feuer, dessen Bewachung andere übernommen

hatten, und verbrachten noch ein Viertelstündchen am Feuer mit den

anderen. Der Korporal saß bei uns. Als wir nach Hause kamen, sah der

Médecin-Aide-Major gerade aus dem Fenster. Es muss ein wohltuender

Anblick für ihn gewesen sein. Er kam aber doch heraus, reichte

uns seine kleine weiche Hand und fragte uns naiv aus, ob wir denn

arbeiteten. Wir bejahten das, und _Dr._ Heller sagte lachend: „Wir

sind leider noch nicht recht an dieses Instrument gewöhnt“, und wies

auf die Hacke über seiner Schulter. Hierauf sagte er, wir möchten

am nächsten Tage zu ihm kommen. Er hat uns dann freigeschrieben von

aller Arbeit, aber wird uns das nützen? Vielleicht sagt schon der

nächste korsische Forestier: „Ich pfeife auf den Arzt, ich bin der

Arzt. Vorwärts also!“ Aus allem Elend taucht immer wieder die Hoffnung

auf Befreiung. Heut heißt sie Infantin Beatriz von Spanien (die in

hochherziger Weise sich um meine Befreiung bemüht hat), morgen Sister,

dann Auswärtiges Amt, Genf, Bern, Repressalien, Austausch, Arzt,

Militärarzt. Heut hat sie eigenartige Gestalt gewählt, sie heißt

Italien. Gerüchte über Gerüchte dringen an unser Ohr, Telegramme nach

Italien untersagt, Geld über Italien wird nicht ausgezahlt, Spannung

zwischen Italien und Frankreich, geheimer Vertrag zwischen Italien

(Bülow in Rom) und Deutschland, der Italien verpflichtete, im Anfange

des Krieges neutral zu bleiben, damit die Einfuhr von Lebensmitteln

leichter sei. Und durch das Labyrinth des Ohres dringen die Gerüchte

tief ein ins Gehirn, klopfen an die Ganglien und legen sich fest in

den Nervenzentren. Und nun beginnt die Phantasie seltsame Blüten zu

treiben. Bis zum Appell steht alles auf der Terrasse und hält Ausschau

nach italienischen Kriegsschiffen, die nicht erscheinen wollen. Neue

Meldungen kommen. Einer hat gehört, wie einer zu einem gesagt hat, in

Spanisch: „Italien hat den Krieg an Frankreich erklärt“, ein anderer,

wie ein anderer einem anderen zugeflüstert hat: „Der Krieg ist erklärt.“

Und wir berauschten uns förmlich an romantischen Phantasiegebilden.

Es genügt nicht, daß der Krieg entbrannt ist, wir bauen weiter. Was

tut Italien, was wird der erste kriegerische Schritt sein, den es

unternimmt? Natürlich die Besetzung Korsikas. Und Korsika wird sich

nicht wehren können, Bastia wird fallen und Ajaccio. Die Italiener

rücken ein und bringen uns Waffen. Unsere Vögte werden Kriegsgefangene,

und hei! wie wir ihnen lohnen werden für all die Schmähungen und

Kränkungen, mit denen sie uns überhäuft. Simeoni unser Gefangener

und der hämische Arzt! Gewiß, so wird es werden, und wenn heute die

Schiffe noch nicht da sind, so kommen sie morgen, und wenn morgen

nicht, übermorgen. In Bereitschaft sein ist alles! Es bläst zum

Appell, und wir reißen uns unwillig los vom Anblick des verheißenden

Meeres, da unten weit und tief unter uns. Zum Schuppen geht es, und

die Gläser füllen sich, und ein gedämpftes „Evviva Italia“ geht von

Mund zu Munde. Die Erregung ist ins Ungeheure gestiegen, und manche

Flasche wird geleert. Herrgott im Himmel, wenn das wahr würde! Wenn

unsere Knechtschaft so schön, so romantisch schön endigen sollte! Aber

endlich übermannt uns die Müdigkeit, und Wein vertragen wir auch nicht

mehr. Glückselig sinken wir auf unser Strohlager und freuen uns auf

den morgigen Tag. Das Wetter ist unwirsch geworden, und leiser Donner

grollt in der Ferne. Plötzlich etwa nach Mitternacht werde ich aus

schwerem Schlaf geweckt, auf unserer gemeinschaftlichen Matratze hat

sich Bonitz erhoben, er stößt mich wieder und wieder an, es wird ihm

schwer, mich wach zu bekommen. „Max, Max! Siehst du es nicht? Sieh doch

da! die Scheinwerfer!“ -- Ich weiß nicht mehr, ob es ihm gelungen war,

mich zu überzeugen; ich weiß nur, daß in derselben Nacht auch Blitz

und Wetter leuchtete und bat meinen Freund Bonitz am anderen Morgen,

wenn er in der nächsten Nacht wieder Scheinwerfer sähe, so möchte

er mir solches Faktum doch erst später, wenn ich ausgeschlafen sei,

mitteilen. Und so vergeht die Nacht und der nächste Tag in äußerster

Spannung. Einige versteckte Ferngläser werden hervorgeholt und das

Meer abgesucht nach italienischer Kriegsflagge. Auch die nächste Nacht

brachte keine Ruhe, die Geister spukten in unseren Köpfen. Ich wollte

gerade einschlafen, als ich plötzlich eine lange Gestalt vor meinem

Lager sehe. Es war ein Brasilianer, der mir mit flüsternder Stimme

zuruft: „Erheben Sie sich!“ -- Ich folgte dem seltsamen Befehle und

setzte mich aufrecht auf mein Lager, mir den Herrn anzusehen. „Reichen

Sie mir die Hand, Sie werden mich kennenlernen!“ fährt er in

Geisterstimme fort. Da ich merkte, daß das Oberstübchen, ob chronisch,

ob akut, nicht ganz richtig funktionierte, so lud ich ihn ein, bei

mir Platz zu nehmen; aber mit Gespensterlächeln erwiderte er: „Heute

nicht, heute wird Ihnen noch vieles seltsam erscheinen, aber morgen.

Sie werden von mir hören.“ Dann schlich er davon, und ich sank in

Schlaf oder versuchte es, denn der Mann mir gegenüber ließ mir keine

rechte Ruhe. Ich war eben gerade eingenickt, als ein seltsames Fauchen

mich weckte. Der Mann hatte sich, auf allen vieren schleichend, wie

ein Panther vorgestreckt, ergriff mit einer Vorderpfote einen Schemel,

und mit dem Rufe „Feuer, Feuer!“ schleuderte er ihn nach vorn und

traf einen der Unseren recht kräftig. Es wurde zum französischen Arzt

geschickt, der natürlich nicht kam. _Dr._ Heller holte Morphium,

und er verfiel in tiefen Schlaf, den er uns nicht gönnte. Den Schemel

hatte er, wie er sich am nächsten Morgen entsann, als Bombe gegen ein

französisches Kriegsschiff (es war der Kübel der allgemeinen Notdurft)

geschleudert. Ein Jüngling neben mir hatte sich in Todesfurcht in

die äußerste Ecke des Schuppens geflüchtet, ohne auch nur eine Decke

in seiner Herzensangst mitzunehmen, und da die Nacht durch gefroren.

Er gehörte gottlob zu den „Nichtkombattanten“. -- Und Italien griff

doch nicht ein. Die Enttäuschung war bitter, schwer gewöhnten wir uns

wieder an die ganz gemeine, hämische Wirklichkeit mit Gefängnis und

Fußtritten und -- Maurer...

Aber auch Patroklus ist gestorben und war mehr als du!

Die Erregung steigt ins Ungeheure, und eine Rebellion scheint

unausbleiblich. Wer die Wochen der Tragik miterlebt, dem werden sie

als etwas Furchtbares ins Gedächtnis geprägt bleiben. Sie begann am 9.

November, erreichte ihre schroffe Höhe am 22. Januar 1915 durch Grimms

Auflehnung, wurde am 24. Januar durch den Gewaltcoup gegen Maurer

vorübergehend zum Schweigen gebracht, wiederholte sich immer wieder in

kleinen Szenen und lenkte, dann in ein Fahrwasser stumpfer Resignation

ein und führte zum Schlusse zu einer ruhigen Regeneration, wenn ich

so sagen soll, zu unserer Rettung, die wir erst dann als vollendet

betrachten durften, als wir das Schreckenslager von Casabianda

verlassen hatten. Und auch dann noch nicht. Aus Casabianda brachten

wir schwere Krankheit und Tod mit. Einer der Unseren wurde zur Kugel

verurteilt und drei vor ein Kriegsgericht gestellt. -- Mir schlägt noch

heute das Herz, wenn ich solche fürchterliche Erinnerungen zurückrufe,

wenn ich derer gedenke, denen Casabianda Elend, Siechtum und Tod

gebracht hat!

Es wird klingen, als schreibe ich einen Roman, aber ich rufe alle

meine Mitgefangenen mit nur einer Ausnahme zu Zeugen auf, daß ich der

Wahrheit gemäß schreibe, nicht übertreibe, eher mich mäßige. Selbst

wenn ich dem gewaltigen Zorn, der mich noch heute in Erinnerung

der furchtbaren Szenen in der Tragödie Casabianda packt, Zügel und

Kandare anlege, was wahr ist, will ich auch niederschreiben, ohne zu

verschärfen, aber auch ohne zu schonen.

Ich muß nun etwas chronologisch vorgehen und komme zurück auf das

Kapitel Maurer.

Der Unwille gegen Maurer war auf das äußerste gestiegen, hier und da

hörte man laute und versteckte Drohungen. Besonders die Matrosen hatten

Rache geschworen, und dem Braven war wohl selber für sein Leben bange.

Am 9. November kam der Matrose Grimm, ein Hüne von Gestalt, zu Maurer,

um von ihm Stroh zu fordern, das der verweigerte. Ob es böse Worte

gab, weiß ich nicht, im Augenblick hatte Grimm die Faust erhoben, die

wuchtig auf Maurer niedersauste, dann stürzte er sich auf ihn, und

wer Grimm kannte, wußte, was bevorstand. Zwei Nachbarn warfen sich

dazwischen und erreichten es gerade noch, daß Maurer sich seinem Gegner

entwinden konnte. Er flüchtete sich zu seinen Schützern, den Franzosen.

Grimm wurde ins Gefängnis geworfen und zu dreißig Tagen verurteilt. Nun

war Maurers Urteil zugleich gesprochen, denn daß die Matrosen ihren

Kameraden rächen würden, war gewiß. So wählte Maurer sauren Gesichts

das einzige Mittel, das ihm blieb, er machte sich zum Fürsprecher für

seinen Angreifer und erreichte, daß dieser freigelassen wurde. Das

Schicksal hatte ihn zu schwererer Tat und schwererer Buße aufbewahrt.

So zog diese Wolke noch vorüber. Von dem Tage an war Maurer

vorsichtiger geworden und wir vorsichtiger gegen ihn, denn wir

fürchteten heimtückische Rache. Aber neue Angriffe konnten nicht

ausbleiben, so sehr wir sie zu verhindern suchten. Die Wut der Matrosen

legte sich nicht. Am 24. desselben Monats wiederholte sich der Vorfall.

Ein Matrose wandte sich drohend gegen Maurer, die anderen standen ihm

zur Seite, und es drohte ein allgemeiner Ausbruch gegen den Vogt zu

werden. Der Appell war vorüber, die Türen schon geschlossen. In seiner

Herzensangst schlug Maurer mehrere Male gegen die geschlossene Tür, um

Hilfe heischend und rief nach den Wachen. Die kamen, und der Matrose

wurde von Maurer bezeichnet und abgeführt. Die Türen wurden wieder

geschlossen, und als nun definitive Abrechnung erfolgen sollte, war

Maurer verschwunden. Er hatte sich ins Wachtzimmer gerettet und hat es

nicht gewagt, auch bei Tage nicht, zu uns zurückzukehren. Er begegnete

uns nur noch, wenn Gendarmen auf dem Hofe waren, und das war gut so, es

hätte leicht böse enden können.

Ereignisse folgten auf Ereignisse, fast ein jeder Tag brachte neue

Aufregungen, und der Mann stand noch an seiner Stelle, die Franzosen

schätzten die Dienste, welche er ihnen leistete. Das haben sie uns

häufiger gesagt, und das schnitt jede Beschwerde ab. Sie hatten wohl

auch Grund dazu, und sie schützten ihn recht wirksam. Wer sich dem Mann

widersetzte oder ihn beleidigte, flog unerbittlich ins Gefängnis. Er

nutzte diese Macht aus, nur so konnte er sich halten, und so war er

den Franzosen genehm. Damals füllten das Gefängnis zwei Kategorien von

Verbrechern:

1. die, welche Maurer beleidigt hatten,

2. die, welche sich beim Arzt krank gemeldet hatten und nicht krank

befunden wurden.

So erwachte dem Würdigen damals ein Nebenbuhler, welcher den Haß der

Gefangenen auf sich und von ihm ableitete, es war das der Arzt des

Gefangenenlagers, der Médecin-Aide-Major _Dr._ Marcantoni, und eines

seiner ersten Opfer war wieder ich. Darin bewies ich bewundernswürdiges

Talent, das sich später noch steigerte.

Casabianda, 30. November 1914.

Meine liebe Armgard!

Und wenn man überhaupt nichts mehr glaubt und wenn alles Narretei

erscheint, es geschehen doch noch Zeichen und Wunder. Das heißt

nicht etwa: „Ich bin frei“, aber ich, der noch vor wenigen Wochen

fürchtete, daß die Nerven reißen und das Herz klappen werde, der

gestern auf Stroh lag im Schuppen unter dauernder Aufsicht der

Gendarmen und Forestiers, auf verlaustem Stroh und nachts unter

dickem Mantel frierend, bewohne heute ein Zimmer mit Bett! Mit

Schreibtisch! Ein Klosett zur Verfügung, auf das ich mich setzen

darf! Ein Ofen im Zimmer zum Heizen und Kochen. Er prasselt lustig,

während ich schreibe. Das alles kam so:

Heute morgen wollte ich, wie meist, mit der Waldkolonne ausrücken.

Ich tue das gern, um dem ewigen Getöse und Nervengepauke hier zu

entgehen. Da treffe ich den Burschen von _Dr._ Marcantoni,

der mir sagt, des Doktors Bruder sei im Kriege gefallen, er selbst

ginge auf Urlaub, wie lange wisse man nicht, er suchte mich, um

mir seine Vertretung zu übergeben. Ich kehrte um und folgte dem

Burschen zu Marcantoni. Der saß im Offizierskasino, stand natürlich

nicht auf, als ich eintrat, reichte mir seine linke Hand und bat

mich, seine Vertretung zu übernehmen, da er sofort reisen müsse.

Ich erteilte ihm meinen Segen zur Reise und wünschte im Herzen, er

käme nie wieder. So zog er ab.

Der Bursche führte mich nach oben, dort Revier zu halten.

Ich weigerte mich und ging zum Kommandanten. So bekam ich im

neuerbauten Hospital ein freundliches Zimmer und fühlte mich wieder

einmal Mensch und Arzt. Nachmittags hielt ich Sprechstunde und

machte Krankenbesuche. Mehrere der Kranken sind besorgniserregend,

besonders ein junger Mensch, Ziesing. Er leidet an schwerster

Dysenterie, und der Arzt hatte es bisher noch nicht für nötig

gehalten, ihn zu besuchen, so oft er darum gebeten ist.

Dann gehe ich nach Aleria, einem kleinen Flecken, 20 Minuten

von Casabianda entfernt, um Geräte für meinen neuen Haushalt zu

besorgen, denn ich nehme an, daß ich hier bleiben werde, auch wenn

_Dr._ Marcantoni zurückkommt. Dann bitte ich den Kommandanten,

für unsere eigene Rechnung Medikamente aus Bastia verschreiben zu

dürfen, was mir erlaubt wird. Ich habe mir die Lampe angesteckt,

mein Tisch steht gerade vor dem großen Fenster, das auf freies

Feld führt. Die Lampe leuchtet wie ein heller Scheinwerfer hinaus.

Ich bewohne das Hospital, welches noch im Bau ist, ganz allein und

habe mich von innen eingeschlossen. Der ganze Bau liegt am Ende der

Domäne, außerhalb des Tores, das die Gefangenen abschließt. Nun

bin ich also den Korsen ans Messer geliefert und kann erproben, ob

sie wirklich so grimmig sind, wie Simeoni sie schildert. Ich bin

weit hinaus sichtbar, das Fenster hat keinen Vorhang. In zehn Meter

Entfernung stehen drei große Platanen, die gute Deckung bieten. Ein

Schuß von da, und ein Boche ist weniger, der Schütze liefe nicht

die geringste Gefahr, entdeckt zu werden.

Ein eigenartiges Gefühl beschleicht mich. Und wenn es so geschähe!

Die Kugel schreckt mich nicht mehr, Furcht habe ich überhaupt

abgelegt, aber Euch möchte ich wiedersehen nach allem Leid, Dir

danken und den Kindern erzählen, was ich gelernt habe, und sie

lehren.

Die Ruhe des heutigen Abends! Ich bin todmüde von allen

Aufregungen, aber Krankheit und Unmut sind gewichen. Ich wollte

ja nichts anderes, als meinen kleinen Anteil am Kriege gewinnen.

Nun ist mir wieder zumute wie damals in Frioul, in der Glanzzeit

meiner Gefangenschaft. Vielleicht kann ich hier wirken wie damals,

ein Arzt tut so not. Wenn Marcantoni nur lange genug fortbleiben

oder besser gar nicht wiederkommen wollte. Die tiefe Ruhe des

heutigen Abends nach dem ewigen Krakeel und Geschrei da oben!

Nach den sinnverwirrenden Gerüchten und Debatten! Die tiefe Ruhe

des heutigen Abends wirkt so erschütternd. Ich glaubte, ich hätte

das Denken verlernt und ich denke! Der heutige Abend wird mir

unvergeßlich bleiben, wie eine Aussprache mit Gott. Ich hab’s

besser gehabt als die anderen und war doch Tag für Tag verzweifelt.

Nun will ich für andere schaffen.

2. 12. Heute, der hundertste Tag unserer Gefangenschaft, verlief

ruhiger, vielleicht mehr für mich. Ich hatte die Nacht gräßlich

geschlafen in meinem neuen Bette, der Ofen war ausgegangen, und ich

bekam ihn nicht wieder an. So fror ich erbärmlich und sehnte mich

nach meinem Ehebette mit Bonitz zurück. Auch gesundheitlich fühlte

ich mich nicht wohl. Man kann alle diese Magen- und Darmkrankheiten

gar nicht recht präzisieren. Sie sind bedeutungslos, wo man in

seiner eigenen Behausung sich pflegen kann, und wachsen zu

unendlichen Belästigungen, wo alles fehlt.

Um ½7 Uhr weckten mich die Arbeiter, welche ihr Werk begannen.

Ich schloß auf und ließ sie herein. Es war gräßlich kalt. Mein

Bursche, ein Soldat, machte Feuer. Ich wusch mich, kochte mir

Schokolade, röstete mir Brot und aß es mit Butter dazu. Kein Lärm,

kein Streit, auch morgens die köstliche Ruhe. Ich hörte kein

Signal zum Appell, kein Sergeant trat herein: „Vorwärts, eilen Sie

sich, flott, flott!“ Ich sah keine rote Hose und keine blaue. Ich

kleidete mich wieder wie in Frioul, dem Range entsprechend. Dann

ging ich um 8 Uhr durch das Tor auf den Kasernenhof. Der Lärm dort

ging an meinen Ohren vorbei. Ich besuchte einige der Bekannten

(Moritz und Bonitz waren ausgerückt), Schmidt und _Dr._ Bayer,

ging dann zu den Schwerkranken, sie zu vertrösten, daß zwar noch

keine Medikamente da seien, daß ich sie aber bestellt habe. Es

wirkte das; die bisherige Behandlung besser zu gestalten, war keine

Kunst. Sie verlangten so wenig, die armen Menschen, und dem wenigen

war nicht zum zehnten Teil Genüge geschehen. Dann ließ ich den

französischen Trompeter das Signal blasen „Zum Arzt“, das etwa wie

ein Triumphsignal klingt, und hielt Sprechstunde. Die Leute sollten

nicht, wie bei meinem humanen Kollegen, stundenlang auf dem eisigen

Flur warten, darum war ich sofort zur Stelle und begann. Reichlich

war doch die Krankenzahl, etwa 30 heute. Ich hatte gebeten, es

möchten nicht zu viele am ersten Tage kommen, um den Unterschied

nicht zu augenfällig zu machen. In den letzten Tagen hatte sich bei

dem Unmenschen von Arzt kaum jemand noch gemeldet, um nicht noch

die übrigbleibenden Räume des Gefängnisses auszufüllen und sich dem

Zuge anzuschließen, der nachmittags bei uns vorbeigeführt wurde.

Unrecht war es auch, daß viele Gesunde die günstige Konjunktur

ausnutzten und so den Kranken es erschwerten, sich krank schreiben

zu lassen. Die Sprechstunde beginnt mit den Herren Franzosen. Es

ist doch ein anderes Bild, wenn jetzt der Mann von „Vorwärts,

vorwärts! Flott, flott!“ vor mir steht, von meinem Urteil abhängig.

Ich denke immer, was würde ich tun, wenn alle unsere Vögte einmal

in einem Gefangenenlager von mir abhängig geworden wären, wie es

unser Traum war beim geträumten Einzug der Italiener. Ich fürchte

fast, wir ließen sie es doch nicht genug entgelten. Jetzt behandle

ich die Kerle natürlich gut, nicht meinetwegen, sondern der anderen

wegen und weil ich auch denke, es könnte mir gehen wie weiland

Prinz Sigismund in Calderons „Leben ein Traum“. Da kommt so einer

unserer größten Schinder und winselt mir täglich in die Ohren, ich

möchte doch für ihn sprechen, daß er vierzehn Tage Urlaub erhält.

Ich tu’s natürlich schon meiner Kameraden wegen, daß sie ihn für

einige Zeit los sind, und hab’s auch durchgesetzt. Wenn er gehängt

worden wäre, wär mir’s natürlich lieber gewesen; so war aber das

doch immerhin ein Ausweg.

Danach kommen noch andere vier Franzosen ordnungsgemäß mir

vorgeführt. Ich bin konziliant und schreibe sie alle dienstfrei.

Dann folgen die 34 Deutschen, und ich muß meine ganze Diagnostik

zu Hilfe nehmen, alle zu rubrizieren. Ein schweres Stück Arbeit.

Es gelingt bei gutem Willen, und ich hätte mir eher den Finger

abgehackt, ehe einer von ihnen durch mich in den Kerker käme. Wenn

sie das ausnutzen, fällt das auf sie zurück, grob behandle ich

manchen, aber bestrafen durch die Franzosen lasse ich ihn nicht.

Nach der Sprechstunde gehe ich nach oben, besuche meinen Freund

und Nachfolger als Küchenchef Radei, dem die Arbeit auch schon

über ist, dann zum Bericht beim Kommandanten, der interessiert

scheint. Ich versuche sogar, Französisch mit ihm zu sprechen. Ich

bitte ihn um Autorisierung meiner Unterschrift für Rezepte, die ich

ausstelle und aus Bastia schicken lasse und erhalte sie. Weiter

bitte ich zur Bereitung von Krankensuppen um Extrabewilligung

von Reis usw. Er geht sogar selber mit mir zum Furageoffizier,

der mir alles Verlangte in einen Sack füllt; da ich keine Träger

beanspruchen kann, trage ich den Sack eben selber in die Küche.

Nun kommt etwas weit Wichtigeres. Das Hospital hat so viele Betten

unbenutzt. Da einige Kranke auf dem Strohlager nicht weiter bleiben

können und das Lazarett zur Aufnahme nicht fertig ist, bitte ich,

provisorisch die Betten den Schwerkranken, deren ich fünf zitiere,

heraufschaffen zu können, um sie, sobald die Arbeiter fertig sind,

im selben Bett wieder nach unten zu transportieren. Das wird mir

nicht bewilligt. Gut denn: Der Wille genügt. Also das nächst

zu Erreichende: ich hoffe, daß _Dr._ M. noch lange fernbleibt

und möchte das Lazarett nutzbar machen. Morgen werde ich wieder

vorstellig werden. Ich gehe zurück und finde von Schwägerin Else

ein Paket mit Pfefferkuchen, Katharinchen, wie sie Großmutter immer

nannte, und wie wir sie zu Weihnachten uns wünschten, und ein

zweites mit warmen Strümpfen. Du weißt gar nicht, wie solche Gaben

freuen. Es ist das Erfreulichste am Tage, wenn ich von Dir und den

Geschwistern solche Geschenke erhalte. -- Also ich brenne den Ofen

an und röste mir die Katharinchen, verbrenne sie zum Teil, aber sie

schmecken doch. Dann setze ich mich hin und schreibe an Dich, dabei

bin ich noch.

Radei und Bonitz, die nachmittags hier waren, gaben mir doch

den Rat, ich sollte etwas vor das Fenster hängen, denn die

Verlockung für die Korsen sei zu groß. Ich tue das und hänge meinen

Operationsmantel davor.

Ich habe heute seltsames Glück gehabt. Wäre ich abergläubisch, so

dächte ich an den armen Polykrates, aber ich will optimistisch

denken und hoffe, ich werde weiter Glück haben. Beim Waschen

war mir Frau Boehmes Ring, den ich, wie Du weißt, nach ihrem

schweren Schicksal und Tode sehr hochhalte, von meinen immerhin

abgemagerten Fingern geglitten, und ich hatte es nicht gemerkt.

Zwei Stunden später, als ich zurückkam, sah ich etwas im Sande

funkeln, und es war der Ring. Dann vermißte ich ein Pfundstück

englisch. Es war mir mit dem Taschentuch aus der Tasche geglitten.

Auf dem Wege zur Küche traf ich _Dr._ Heller und erzählte ihm von

dem Verluste. Natürlich war es mir fraglos, daß ich das Goldstück

nicht wiedererhielte. Er griff in die Tasche und sagte: „Da nehmen

Sie es wieder.“ Ich war sprachlos, die Lösung war einfach. Ein Herr

hatte das Goldstück gefunden, zu Heller gesagt, wenn wir ausrufen,

ein Pfundstück ist gefunden, so melden sich wohl fünfzig Verlierer.

Also warten wir ab, ob jemand den Verlust beklagt, sonst verwenden

wir es fürs Rote Kreuz.

Also es sei eine gute Vorbedeutung.

Es ist 10 Uhr, ich habe meine Mahlzeit verzehrt und stecke mir

trotz Maurer eine Pfeife an und trinke behaglich guten Wein. Der

Wein ist fast glühend, er stand zu nahe am Ofen, und ich habe

tüchtig eingekachelt, weil es eisig kalt war. Ich will mich einmal

ordentlich aufwärmen auf Franzosen- und Korsenkosten. Darum lasse

ich das Feuer nicht ausgehen, stecke immer neue Scheite hinein.

Mögen sie mir das abziehen vom Gehalt als Médecin-Aide-Major,

oder später von den Ersatzansprüchen; für die Franzosen besser,

sie zahlen’s jetzt und ziehen’s später ab. Ich habe noch genug

Holzscheite im Zimmer, und der Korridor liegt voll davon. Heute

sind wir hundert Tage gefangen. Im Holzschuppen da oben feiert man

gewiß. Ich wollte wohl mitfeiern, aber heute taugte ich wenig dazu.

So sehe ich ins Feuer und schreibe folgendes herunter:

Zum hundertsten Tage unserer Gefangenschaft.

Am Franzosenfeuerofen feire ich allein den Tag,

Und ich werfe große Stoven in den überheizten Ofen,

Kost es, was es kosten mag,

+Mich+ kostet es nichts!

Wär ich als Spion gefangen, setzte ich mich nicht zur Wehr,

Mitgefangen, mitgehangen, an die Wand und ohne Bangen,

Das ist Krieg, und das ist Ehr,

Das kostet das Leben.

Aber so vom Schiff gezogen aufs Ponton und Château d’If,

Immer weiter weggelogen, nach Frioul und auf die Wogen,

Bis die Korsin heiser rief:

Das kostet das Leben!

Hundert Tage so bezwungen, so begeifert, maledeit,

Von den blödesten der Jungen, Korsenförstern, Weiberzungen,

In den Ofen, Scheit auf Scheit,

Mag’s teuer euch kosten!

Rektor Kalb sagte mir vor einigen Tagen, daß die Gefangenschaft so

sehr auf ihn gewirkt habe, daß er sich seiner Schüler nicht mehr

entsinnen könne, kaum seiner Verwandten, er könne sie sich bildlich

nicht mehr vorstellen. Andere versichern dasselbe. Ich zwinge mich,

nicht an die Vergangenheit zu denken, weil das zu nichts führt,

vor allem lasse ich die fruchtlosen Vorwürfe: Warum hast du das

so gemacht und nicht so. -- Fatum. -- Was ich tat, mußte ich tun;

daß es unglücklich ausschlug, wer will mich dafür verantwortlich

machen, wo ich es selber nicht tue? Darum konzentriere ich mich auf

das eine: Durch! -- Dich selber erhalten! -- Die Gefahr ist groß,

aber vielleicht beurteilen wir die Möglichkeiten schwerer als sie

sind, das habe ich in den letzten Tagen erfahren. Ich höre nicht

mehr das sinnenverwirrende Stimmendurcheinander, ich spreche mit

einzelnen, wie Mensch zum Menschen. Man muß sich langsam daran

gewöhnen. Das Fürchterlichste war es doch: hundert Tage im Kreise

schreiender, sich zankender, politisierender Massen zu leben. Es

gab so viele gute Elemente, aber die schweigen mehr; und die

schrien, waren meist die Gewohnheitsschreier, und sie zwangen

die Ruhigen, auch zu schreien, wenn sie zu Worte kommen wollten.

Das empfinde ich jetzt so tief, wo ich allein sitze. Das große

Leiden bestand darin, daß wir hundert Tiere in einem Käfig waren,

alle gierig nach derselben Kost, nach Freiheit, und edel genug,

zusammenzustehen und keinen drinnen zu lassen, wenn der Wärter, die

Käfigtür öffnen sollte. Das Massenwesen war es, was uns erdrückte,

und es war uns aufoktroyiert, wir durften uns ihm nicht entziehen,

wenn wir nicht Verräter werden wollten an denen, die mit gleicher

Schmach von unseren gemeinsamen Feinden behandelt wurden. Aber daß

das Massenwesen unsere Nerven zerreißt, das empfand ich gestern,

als ich die erste ruhige Stunde nachmittags mit Radei sprach und

später in Ruhe mit Bonitz über alles verhandelte. Köstliche Ruhe.

Das vielköpfige Ungeheuer, die Masse, wirkt in kleinem Umfange so

unerträglich. Man sagt zwar, daß die Einzelhaft weit schwerer zu

ertragen sei als die Massenhaft; auf die Dauer mag beides gleich

erdrückend wirken, wie alles, was dem Wechsel nicht unterlegen ist.

Der Kommandant erlaubt mir, Erholungsbedürftige, nicht

Schwerkranke, ins Hospital zu nehmen, immer „auf ihre eigene

Gefahr“. Schwerkranke, schon dysentrische, kommen nicht in

Betracht, weil die Heizungsvorrichtung noch nicht funktioniert;

eine provisorische auf unsere Kosten legen zu lassen, wird mir erst

erlaubt, dann wird die Erlaubnis wieder zurückgezogen. So nehme ich

Bonitz und Radei ins Hospital. Bonitz ist stark erkältet, leidet

überhaupt unter niedriger Temperatur, ich lege ihn zu mir ins

Zimmer, wo ordentlich geheizt wird.

5. 12. Heute ist noch _Dr._ Arranza hinzugekommen. Ich werde zum

Hauptmann gerufen, und nun passiert etwas, was wieder, meiner

Meinung nach, nur im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten

geschehen kann. Vier Forestiers haben das Gesuch um Invalidisierung

eingereicht, ich werde beauftragt, das ärztliche Gutachten

abzugeben. Man legt mir genau das vorgedruckte Gutachten vor, wie

es _Dr._ M. früher gezeichnet hatte. Der Hauptmann bringt mir

selber die vier Leute zu, setzt sich in mein Zimmer, während ich

untersuche. Unter den vieren ist der, welcher mich nicht durch den

Posten ließ und mir den Revolver auf die Brust setzte. Heut sieht

er bittend zu mir. Ich untersuchte, gab genaues Urteil ab, es

handelte sich um echte Staatskrüppel, unterzeichnete als offiziell

beauftragter Médezin, und sie sind alle vier frei geworden, ohne

neue Untersuchung. Ist das bei uns möglich? Es wird hier alles auf

den Kopf gestellt, vor einigen Tagen sagte mir derselbe Hauptmann,

der heute bei der Untersuchung zugegen ist, daß zweihundert von

solchen, wie wir, Eide leisten können, das Wort eines französischen

Soldaten sei glaubwürdiger. _Santa Republica!_ -- Nun sind sie

alle äußerst höflich, und die Hunde, die eben so laut bellten,

wedeln. Auch den Revierdienst der französischen Soldaten halte ich

regelrecht mit Eintragung in die Revierbücher und Zeichnung meines

Namens ab.

J'accuse (Ich klage an): Zwei Jahre in französischer Gefangenschaft · 第 6 / 11 段