im entferntesten derjenigen glich, die ich in Château d’If und Frioul
gehabt hatte, die mir aber doch Freiheiten sicherte. So hatte ich keine
Arbeit zu verrichten, trug ein _laissez-passer_, ausgestellt vom
Kommandanten, bei mir, das mich berechtigte, die Posten jederzeit
ungehindert zu passieren. Das ist ein Vorteil oder sollte einer sein.
Als ich eines Tages mir aus der Kantine etwas besorgen wollte, ging
ich am Posten vorbei, der mich anhielt. Ich zeigte ihm das Dokument,
woraus er mir achselzuckend bedeutete, das sei ihm ganz gleichgültig.
Ich pochte etwas energischer auf meine Rechte und bekam nun die
Antwort, die wir von nun an zu allen Gelegenheiten und fast täglich
hörten: „Ich sch..... auf den Kommandanten, der Kommandant bin ich!“ --
Ich geriet in Wut und wollte nun gerade durchdringen, weil ich damals
noch reichlich harmlos über Machtbefugnisse des Kommandanten dachte;
aber schon hatte der Kerl im Augenblick seinen Revolver entblößt,
setzte ihn mir auf die Brust und sagte: „Einen Schritt weiter, und ich
schieße Sie tot.“ -- Dieser Logik gehorchend, zog ich mich zurück
und beschloß, über solches Vorgehen, das mir damals noch unerhört
erschien, mich beim Kommandanten zu beschweren. Das geschah am nächsten
Tage. Der Kommandant war außer sich über die Rücksichtslosigkeit des
Forestiers und schrieb eine äußerst strenge, aber immerhin weise
und gerechte Maßregelung einer solchen Insubordination auf mein
_laissez-passer_ als Zusatz. Nun hatte ich das drohendste aller
Schriftstücke in der Hand, aber versucht habe ich nie mehr, die Kraft
solchen Talismans zu erproben. -- Wie gesagt, wo es nur am Platze
war oder sein konnte, gebrauchte man das Wort: „Ich pfeife.“ Jeder
Forestier (ich drücke mich sehr gewählt aus) pfiff auf den anderen, die
anderen auf ihn und mit ihnen zusammen auf den vorgesetzten Offizier,
dieser auf sie und auf die anderen Offiziere, und dann wiederum in
Gemeinschaft mit dem Arzt, auf den sie alle pfiffen, und den anderen
Offizieren auf den Kommandanten. Nur dem armen Kommandanten blieb im
Lager nichts zu pfeifen, so mußte er sich schon höher hinaufbemühen. So
herrschte ein Geist der Unordnung in Casabianda, der allem hohnsprach,
was ich im militärischen Leben für möglich gehalten hätte, der Geist
des souveränen Pöbels.
Casabianda, 10. November 1914.
Liebste Armgard!
Der letzte Brief, der wirklich an Dich abging, war eigentlich nicht
für Dich berechnet, sondern für den Kommandanten. Ich schrieb ihn
in gewisser Verzweiflung, um das Ohr des Kommandanten zu erreichen,
das uns der Erste Offizier künstlich verschließt. Der Herr Maurer
hatte mich dazu getrieben. Wiederum war ich zum Leutnant Simeoni
gerufen, der mir sagte, daß der Geist der Rebellion in unsere
Reihen gedrungen sei, und daß ich der Rebellenführer sei, der die
anderen aufhetze. (Ich hatte meine Lampe erst fünf Minuten nach 9
Uhr statt Punkt 9 Uhr ausgemacht.) Er wolle heute noch Rücksicht
nehmen, auch habe er das nur im allgemeinen gehört, nicht etwa
durch Mr. Moré (das war gelogen, denn Mr. Moré hatte sich wieder
einmal gebrüstet, daß er es dem Sanitätsrat eingebrockt habe). Er
wollte also von Bestrafung absehen, aber wenn ich es noch einmal
wagen sollte, mich beim Kommandanten zu beschweren, so würde er
(der Kommandant bin ich) mich auf zwei Tage einsperren.
Ich hatte es satt und suchte das Ohr des Kommandanten durch den
Brief an Dich, in dem ich Dir alle Schandtaten des Mr. Moré
aufzählte, in der Sicherheit, daß er die Zensur nicht passieren,
daß aber der Kommandant ihn lesen würde. Nun höre ich, daß er
ungelesen durchgegangen ist, der Kommandant hat ihn gar nicht zu
Gesicht bekommen, sein Zweck ist verfehlt, Dich hat er höchstens
geängstigt. Das habe ich nicht gewollt! -- Neulich bekamen wir
den ersten Sold in französischen Diensten, auch die Priester und
Aerzte, die nicht gearbeitet haben. Einen Sou pro Tag, ich erhielt
4 Sous. Es werden noch mehrere kommen, die will ich für Hans
bewahren. Ein Memento!
Unser Los ist unerträglich. Doch da es eben ertragen werden muß,
solange psychische und physische Kraft standhalten, so will ich
nicht jammern. Viele andere haben schwereres Los zu tragen, nur
nicht so elend, so gedemütigt wie wir. Ich klammere mich nur noch
daran, daß, wenn wir unseren alten früheren Stolz ganz eingesargt
haben, ein neuer geläuterter Stolz entstehen wird. So muß es wohl
kommen. Es ist unendlich schwer, die täglichen Demütigungen,
die stündlichen Nadelstiche zu überwinden, den Hohn des Pöbels
und unsere Ohnmacht. Manchmal meine ich, daß wir vom Propheten
von Nazareth lernen dürften, dessen Stirn-, Hand- und Fußmale
leuchteten als Sinnbild seines Stolzes. Wenn wir uns erst dazu
durchgerungen haben werden, Schmähungen und gewollte Demütigungen
unserer Feinde als Ehre zu empfinden! -- Ich glaube, ich komme
solcher Auffassung näher, heute kann ich mich noch nicht zu ihr
aufraffen.
Zurück aus dem Feindesgewoge zur Idylle. Wir hatten eine Eingabe
gemacht, man möchte uns gestatten, in einer Küche, die wir uns
provisionell einrichten wollten, für einige Herren selber zu
kochen. Die Eingabe ist günstig beschieden und uns ein kleiner Raum
neben der Küche zur Verfügung gestellt, in welchem wir zwei kleine
Herde aufstellen konnten. Zum Küchenchef bin ich erhoben, wieder
eine der vielen Wechselstufen in meinem bewegten Leben. Präsident
der Republik Château d’If, Chefarzt der Frauen- und Kinderstation
in Frioul, Oberkoch für die Zuchthäusler mit garantiertem
Mehreinkommen! -- Was winkt mir noch? Der Pfad scheint etwas
abschüssig, aufwärts weist er nicht. Aber ich habe doch etwas zu
tun. Der Arzt hier, ein junger Mann, ebenso abstoßend wie gesucht
freundlich, hat sich mit Heller stark überworfen und ihm jedes
Eingreifen in die Behandlung von Kranken, auch jede Bestellung von
Medikamenten untersagt. Ich selber bin mit dem Knaben noch nicht
recht in Berührung gekommen. In unseren Räumen sieht man ihn nicht,
trotzdem er da oft genug not täte bei der wachsenden Dysenterie.
Einen Toten hat sie schon gefordert.
Wenn ich also für den Magen der anderen sorge, so leiste ich
ärztlich mein gut Teil, denn die Verpflegung ist erbärmlich, und
die Fälle der Dysenterie sind zum großen Teile der Unterernährung
zuzuschreiben.
Moritz und Radei sind mir zugeteilt. Radei versteht die Küche
schon und kocht selbständig, Moritz gibt sich der neuen Schule mit
bewunderungswürdigem Eifer hin. Wir kochten am Tage der Eröffnung
ein recht einfaches Gericht, Rindfleisch mit Gemüsesuppe. Es war
dasselbe wie in der Menage, und doch, wie anders! Uns mundete
es kostbar, wie am heimatlichen Tisch. Alles, was wir bisher
vermißten, Kraft in der Bouillon, Verschiedenheit in den Gemüsen
(Kohl hatte ich ausgelassen), ein weiches und großes Stück Fleisch,
ganz durchgekocht, fanden wir hier. Radei und ich übernehmen jeder
abwechselnd die Garantie für gutes Essen. Am nächsten Tage kochte
der „ungarische Professor“ sein Gulasch, das allgemeinen Beifall
fand. Heute sitze ich nun frühmorgens 6½ Uhr bei scharfer Kälte
oben in meiner offenen Küche und habe glücklicherweise so viel an
die Mäuler der Fresser zu denken, daß ich den trostlosen Gedanken
keinen Raum geben kann. So geht mein Leben in dem neuen Beruf Tag
für Tag zu wie folgt:
Morgens beim Grauen Appell, dann ziehe ich zur Küche und mache
großes Feuer, meist aus Selbsterhaltungstrieb, denn die Kälte macht
sich recht bemerkbar. Dann bringt mein Bursche (wir leisten uns
solchen Luxus für 50 Cts. täglich) Wasser und Waschgeräte nach
oben, wo ich mich einer gründlichen Reinigung unterziehe, dann
meinen Morgenkaffee wärme. Inzwischen kommen Radei und Moritz zur
Menuberatung, dann Linke mit dem großen Einkaufskorb, Küchendienst.
Endlich naht der Financier der Küchengesellschaft, Herr Gerson, mit
seinem Notizbüchelchen und notiert, was wir ihm an Einkäufen als
notwendig vorschlagen, nickt bejahend oder schüttelt mißbilligend
den Kopf. Wir alle fünf gehören zu den Senioren der Gefangenen.
Radei, der jüngste von uns, zählt 35 Jahre, Gerson und Moritz sind
noch älter als ich, Linke geradeso alt. Nun geht es zum Einkauf.
Zuerst herauf zum Fleischer, einem dicken braven Manne, der uns
manch gutes Stück ausgesucht, manchen Vogel besorgt und auch manche
Flasche Wein heimlich zugesteckt hat. Für 22 Personen Fleisch, also
immerhin eine tüchtige Portion, denn wir haben Hunger und müssen
nachholen. Dann zur Kantine, wo wir auch freundlich empfangen
werden, wir sind immerhin gewichtige Gäste. Die alte Frau erzählt
uns ihr altes Märchen von Guillaume, das ihr das Käseblättchen
immer mit neuen Tricks mundgerecht auftischt, und die junge,
deren Mann im Kriege ist, gibt aus, je nach den Nachrichten, die
sie empfangen, reichlich oder weniger reichlich. Die Nachrichten
müssen selten gut sein, denn sie wiegt immer knapper und steigt
in Preisen. Bisweilen wird uns ein Morgenschnäpschen kredenzt,
Branntwein, der Krämpfe erzeugt. Nun geht es ans Reinigen der
Gemüse, des Fleisches, Aufsetzen des Wassers usw., bei dem sich
mein Freund Moritz wie immer durch besondere Sorgfalt auszeichnet,
bis die verschiedenen Sachen aufgesetzt sind und die Frager
sich einstellen: „Was gibt es heute?“ Ihre Zahl vermindert sich
zusehends, denn sie werden meist nicht eben freundlich behandelt.
Sie sollten sich auch solche Fragen abgewöhnen, denn die Antwort
ist doch immer die gleiche: Das weiß der Koch erst ganz bestimmt,
wenn das Essen auf dem Teller liegt. -- Wie oft hat es sich
gerächt, wenn wir so tiefe Weisheit mißachteten und in vorschneller
Prognose die Tagesplatte verraten hatten, und nachher gestehen
mußten, daß eben aus dem Wunderkochtopfe zum Schlusse etwas ganz
anderes hervorgegangen war, als unsere Meinung gewesen. Wenn ich
nun verrate, was es bisweilen gab, und bis zu welchen Höhen sich
unsere Kochkunst verstieg, so schelte man uns nicht Schlemmer,
wir haben es vorher schlecht genug gehabt, und solche Perioden
des Wohllebens waren immer von kurzer Dauer, wer weiß, wie wir es
später haben werden? Also nach dieser entschuldigenden Vorrede
zur Aufzählung der Tagesplatten, die zu den außerordentlichen
gehörten: Aal grün, Aal gebacken mit Breikartoffeln (dabei half,
wie auch sonst oft, der Kapitän der Elsa Köppen, Herr William, der
eine wunderbare Fähigkeit besaß, die Aale durch den Essig laufen
zu lassen und dann ihnen das Fell über die Ohren zu ziehen),
Kalbskeule mit Gemüse (_hors de concours_), Schweineschinken,
Apfelmus, Fischsuppe mit Tomaten, Huhn mit Reis, gebratene Hühner,
Rindfleisch mit Senfsauce, Bouillonkartoffeln und Sellerie,
Karotten und Steinpilze mit Koteletts, frische Champignons,
Kartoffelpuffer, Eierkuchen mit Obst usw. usw. Wenn man bedenkt,
daß der Durchschnittspreis für die Portion 50 Cts. sein sollte, daß
Herr Gerson böse Augen machte, wenn wir das Budget überschritten,
daß wir keine weiteren Gewürze als Zwiebeln, Salz und Pfeffer zur
Verfügung hatten, daß die Butter unerschwinglich teuer und das
Schmalz ungenießbar war, so denke ich doch, daß wir das Unsere
geleistet haben. Zur Kräftigung der Kasse wurde nachmittags Kaffee
gekocht, an dem wir pro Tasse etwa 7 Cts. verdienten, und ein
Cedratine dazu ausgeschenkt, der auch einen kleinen Ueberschuß
ergab. Andernfalls wäre unser gemeinnütziges Unternehmen verkracht.
Wenn nun alles sich gesättigt entfernt hatte, begann die Reinigung
der Küchenräume durch eine angestellte Kraft. Später stand die
Küche noch einmal den 22 Mitinhabern zur Verfügung, und manch
Eierkuchen oder Kartoffelpuffer wurde darauf gebacken. Bisweilen,
aber nur selten, an ganz besonders kalten Tagen, braute ich abends
einen Eierpunsch, zu dem Anmeldungen zugelassen wurden. Das geschah
besonders, wenn die Kasse Ebbe aufwies.
Daß ich nun doch die Küche aufgeben werde, hat verschiedene Gründe.
Zuerst kann ich selber nicht essen, wenn ich koche, und nehme so
viel zu wenig Nahrung zu mir. Ich werde Radei auf einige Zeit die
Leitung übergeben und für einige Zeit auf Urlaub gehen. Der wird
wohl auch nicht lange aushalten und Moritz auch nicht, denn sie
sind beide nicht die Stärksten, und Arbeit, die zu leisten ist,
ist weit größer, als der ahnt, welcher mit seinem möglichst tiefen
Teller ankommt und sich seine Portion zumessen läßt. Dann aber will
ich mich zurückziehen, weil die Küche zu exponiert liegt und wir
das ganze Getriebe der korsischen Forestiers und Gendarmen wie auch
Simeoni mit seiner Kommandostimme täglich vor Auge und Ohr haben.
Ich möchte die Aussicht auf die Berge und alle Schönheiten der
Natur entbehren, wenn ich einmal ein Zimmer für mich hätte, in das
ich mich verschließen und ausdenken könnte, ohne immer wieder mit
ansehen zu müssen, was uns Gefangenen hier täglich und stündlich
von den Korsen zugefügt wird.
Gestern passierte etwas, so widerlich, wie ich lange nichts erlebt.
Nach dem Essen saß ich auf der Mauer gegenüber der Küche mit Herrn
Großpietsch, einem jungen Manne von 21 Jahren, der mir in der Küche
geholfen hatte. Während wir uns unterhielten, sehen wir, wie ein
französischer Soldat in der Küche herumschnüffelt. Ich frage: „Was
will der Kerl?“ G. geht hin und fragt den Soldaten, was er da
suche, worauf der sofort grob wird und G.s Namen fordert. Ein
Gendarm kommt aus der anderen Küche, packt G., der sich verteidigt,
und nun prügeln beide zusammen auf den einen Wehrlosen in der
rohesten Weise. Dann verhaften sie sie ihn. Unterdessen war schon
wieder unten ein wüstes Durcheinander entstanden. Alle, welche
den Vorfall mit angesehen hatten, entrüsteten sich gegen solche
Mißhandlung. Der Hauptmann kam, ein bequemer, weißhäuptiger kurzer
Herr, dem der Name Schildkröte beigelegt war. Die Forestiers zogen,
wie sie das so gewohnt waren, den Revolver und bedrohten jeden
einzelnen, einige weitere Verhaftungen wurden vorgenommen, der
Hauptmann sprach mit dem Gendarmen und bestätigte die Strafe. Da
trat ich an den Hauptmann heran und bat, gehört zu werden, da ich
direkt neben G. gestanden habe. Ich wurde nicht gehört, sondern
mir die Antwort zuteil: „Wenn ein französischer Gendarm sagt, er
habe nicht geschlagen, so gilt das mehr, als wenn 200 Deutsche
beschwören, er habe geschlagen.“ Unsere Hoffnung auf Freilassung
taucht täglich auf und täglich wieder unter. Unseren Nerven wird
reichlich viel zugemutet. Wie lange werden wir aushalten? Welche
Zustände! Wer uns hier sähe, würde sich entsetzen. Wir liegen
auf Stroh am Boden, in unsere Wäsche kriechen die Läuse, die
Ratten beginnen sich zu zeigen und werden uns allmählich an Zahl
näherkommen. Im Zimmer steht neben den Lagern ein Kübel, der,
sobald wir eingeschlossen sind, bis zum Morgen benutzt wird und
fast immer besetzt ist. Wie soll da der Infektion Halt geboten
werden?
Willkür und Unordnung treiben Blüten. Neulich wird Klaebisch als
Sektionschef plötzlich ins Gefängnis gesteckt, weil ein Mann seiner
Sektion fehlt. Wir zählen nach und finden, daß alles stimmt. Nun
werden die Franzosen gerufen und zählen auch nach, dreimal, bis
sie wirklich herausbekommen, daß keiner fehlt und Klaebisch wieder
entlassen wird. Das Gefängnis füllt sich, der brave Arzt läßt alle
ins Gefängnis stecken, welche sich krank melden und von ihm nicht
als krank befunden werden. So beugt man Krankheiten vor. Wir leben
im Lande der Humanität.
_Dr._ Bayer hat eine Karte geschrieben, darin heißt es: „Wir
haben auch Nachbarn, Ratten, Wanzen, Läuse, Krankheiten und den
Tod.“
Max.
Am 1. November waren neue Zivilgefangene unserm Zuchthaus zugeteilt,
es waren das alles Wehrpflichtige, welche, von Spanien kommend,
auf Schiffen, die meisten auf dem Federigo, abgefangen waren. Wir
bedauern die Armen, die mit uns leiden sollen. Von den in Frioul
zurückgelassenen drei Priestern erfahren wir, daß sie freigeworden und
nach Spanien zurückgeschickt sind. Barth schreibt an Bayer folgende
humoristische Karte, die wunderbarerweise durch die heute noch harmlose
Zensur geht, trotzdem ihr Sinn allzu deutlich ist. Sie lautet:
18. 11. 14.
Lieber Freund!
Ich habe Deinen Brief, den Du nach Graz schicktest, gelesen,
ebenso die Briefe Pressel und Klaebisch, und freue mich, daß
es Euch wohlgeht. Da ich weiß, wieviel Dir an unseren Vereinen
liegt, so teile ich Dir mit, daß sie, besonders unser Theater,
brillant funktionieren, trotz der schlechten Zeit. Nur Franz Rebl
und Peter Schwarz sind im Kriege gefallen und können nicht mehr
aufstehen. Sehr schwer verwundet sind Nikolas Schnaps und Georg
Nordwassermann, dagegen ist unsere Demi-Monde sehr viel beschäftigt
und tritt mit uns in verschiedenen Rollen auf. Wir ernten alle sehr
viel Beifall und Lorbeerkränze. Brauchst also um unsere Sache nicht
besorgt zu sein. Hoffe, daß wir uns zu Ostern wiedersehn. Beste
Grüße an alle Freunde, und bitte um einige Zeilen an Deinen alten
Freund
Philipp.
Der brave Barth. Wenn wir ihn noch bei uns hätten! Aber wir gönnen ihm
alle sein besseres Los. Wir freuen uns für jeden, der diesem Kerker
entgeht, und erwarten, daß er in der Ferne für uns wirkt.
So leben wir weiter im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten. Wenn
wir doch schneller abstumpften gegen Kränkungen! Es ist das, was wir
täglich üben müssen, es wäre die erste Phase zur Gesundung, der Sieg
über uns selber, aber es geht noch nicht. Ein vielleicht krankes,
gewiß nicht berechtigtes Ehrgefühl zuckt immer wieder in uns auf. Wir
sagen uns, daß uns der Feind nicht kränken kann, und ärgern uns über
uns selber, wenn es ihm doch immer wieder gelingt. Wir dürfen nicht
aufhören, gerade in dem Sinne an uns zu arbeiten.
Verlaß ist auf nichts, und was heute gilt, wird morgen nicht gelten.
Ist der Kommandant für uns, so haben wir Simeoni als Gegner oder die
Forestiers. Und wer hat die Macht? Ein ganz nettes Stückchen passierte
neulich. _Dr._ Mayne hatte irgend etwas Unbesonnenes begangen und
sollte ins Gefängnis; da ging er zur Frau vom Domänenverwalter, die
für uns Partei nimmt und auch gründlich die Hosen anzieht, wenn sie
unter den Offizieren auftritt. Diese Frau sagt ihm, sie würde das schon
regeln (und sie hat es auch geregelt), rät ihm weiter, er solle vor
allem den korsischen Forestiers gehorchen; was der Kommandant sagte,
wäre unwesentlich, alles hinge von den Forestiers ab. Die gute Frau hat
uns auch später oft geholfen.
Der Kommandant hat uns Aerzte von jeder Arbeit befreit. Am 20. November
kam ein neuer Genieoffizier, um Arbeitsverteilung vorzunehmen. Simeoni
sagt ihm, als er an mich kommt, daß ich als Médecin-Major frei von
Arbeit sei. Er kehrt sich nicht daran: „Gut, Landarbeiter“. _Dr._
Heller passiert das gleiche. Die Pfarrer sind gerade in Aleria, sonst
kämen sie auch dran. So nehmen wir Spaten in Empfang und gehen als
Ackersmann hinaus aufs Feld. Wir nahmen die Sache humoristisch, und es
lohnte sich, sie so zu nehmen. Es war der erste Tag meiner Zwangsarbeit
und einer von den wenigen, die mir gefallen haben. Ich will dabei
verweilen.
Nachdem wir einem Korporal zugeteilt waren, ging es zur Feldarbeit;
vor allem heraus aus dem Bau und dem Kasernenhofe! Vor uns die
schneebedeckten Berge. Wir sind der Abteilung zugeteilt, in der auch
Moritz und Bonitz arbeiten. Was die können, warum nicht wir auch?
Bonitz hat schon Arbeit gewählt: er unterhält das Feuer, und ich helfe
ihm und unterhalte ihn und wir uns gegenseitig und das Feuer. Die
Landschaft ist herrlich. Der Korporal gibt meinen Spaten einem andern
und fordert mich gutmütig auf, nicht zu arbeiten. Ich sehe um mich
und mache die Entdeckung, daß die anderen auch mit recht wenig Arbeit
auskommen. An der Zwangsarbeit wird keiner zugrunde gehen, das ist ein
Trost, wenn mir auch Moritz sagt: „Du hast schön reden, guckst einmal
in die Sache herein, hast Glück in der Wahl des Korporals, und nun
willst du über derlei urteilen?“ Recht hat er, aber ich auch, denn
ich habe auch später die Waldkolonnen und Essenträger begleitet und
die verschiedenen Arbeiten gesehen. Immer fand ich, daß die Arbeit
kräftigend wirkte und ein gutes Gegengift war gegen die seelische
Depression.