Dort schwirrten die seltsamsten Gerüchte. Morgen sollten 500

Elsässer fortkommen; wohin wußte keiner, wahrscheinlich nach

Korsika. Das Schiff, welches bei uns im Quarantänehafen seit heute

morgen lag, soll Pest an Bord haben. Die Sache der Sisterleute

soll entschieden sein. In den nächsten Tagen werden alle nach der

Schweizer Grenze geschafft und zur Heimat zurückbefördert. Es war

wie ein Rausch, der die Aufgeregten erfaßt hatte. Endlich winkte

die Freiheit. Aber es gab auch die Bedächtigen, welche böse

aussagten, wir würden fortkommen, aber nur, um die schon infizierte

Insel zu räumen, in neue Gefangenschaft. Wohin wußte heute noch

keiner.

Mich hatte der Rausch mit den anderen ergriffen. Der Gedanke,

freizukommen, war so beseligend, daß keiner das nachfühlen kann,

der nicht in unserer Lage war. Und doch machte ich mir einen

gewissen Vorwurf, daß ich so leicht meinen Platz, der mir so

wichtig geworden war, verlassen wollte. Und wie ein Schrecken

lähmte die Furcht, ich solle nur von hier fort, in ein neues

Gefangenenlager, von neuem all das durchmachen, was ich vordem

gelitten, und das aufgeben, was mich so froh gemacht hatte!

Das Gerücht läuft beharrlich weiter und weiter.

Bei schwerstem Regen kam ich nach Hause; er klatscht gegen das

Wellblech. Man fühlt sich so köstlich geborgen nach sieben Wochen

der Entbehrung. Soll ich das alles hergeben um einen Tausch, bei

dem ich nicht gewinnen kann? -- Aber, wenn mich das Schicksal zu

Euch zurückführte, wenn das Ende der Gefangenschaft da wäre...? Ich

wage es nicht auszudenken. Der Gedanke ist zu schön! Was wird der

morgige Tag bringen? Ich bin sehr müde. Gute Nacht. -- Vielleicht

auf Wiedersehen!

Max.

Und nun folgte ein kritischer Tag erster Ordnung, den ich nie in

meinem Leben vergessen werde, so voll der Freude, des Erwartens, der

Aufregungen, wie ich ihn früher nie, später des öfteren erlebt habe.

Am nächsten Morgen schon war die Luft elektrisch gespannt; einer sah

den anderen an, ein fragender Blick, und der andere antwortete durch

Gegenfrage. Etwas sollte geschehen, das war gewiß; etwas mußte der

heutige Tag bringen. Ein großes Schiff fuhr in den Hafen. Die Insel

Frioul sollte von Gefangenen geräumt werden, und der erste Schub,

eine beträchtliche Zahl, sollte heute mittag fort. Uns Sisterleuten

winke die Freiheit, so hieß es, und eine gewaltige Freudenstimmung

bemächtigte sich allen. Aber bisher waren nur die 500 Elsässer

aufgerufen worden, nichts weiter.

Alles ist heute in Unordnung. Fräulein Brunswich, die mich zum

Einkauf in der Kantine für die Kindersuppe abholen soll, erscheint

nicht. Ich mache mich auf den Weg, da es Zeit ist zum Besuche der

Frauenstation. Auf der Hälfte des Weges begegnet mir Fräulein Brunswich

mit dem großen Korbe. Und nun beginnt das Wetterleuchten. Aus dem

großen Korbe springen die Neuigkeiten nur so heraus. „Die Elsässer

kommen fort, nach Korsika oder sonst wohin. Von den Sisterleuten wird

allerhand gemunkelt; Gewisses ist noch nicht heraus; das Schiff,

welches gestern mit der Quarantäneflagge einlief, hat Pest an Bord;

einer oder zwei sind tot, die übrigen sind als pestverdächtig heute

in das Hotel de Dieu (Hospital), welches im Bereich der Frauenstation

liegt, eingeliefert, um da behandelt zu werden. Man sucht manches zu

verheimlichen; aber allmählich sickert es doch durch.“ Darauf fährt sie

fort, man habe ihr geraten, sie solle nicht mehr heruntergehen, damit

sie die Pest nicht mit nach unten trüge.

So hatte sie in erregten Worten alles heruntergebeichtet, was sie

vermochte. Ich neckte sie und meinte, sie habe sich einen Bären

aufbinden lassen, und die Pest, die sie herunterbringen könne, sei nur

verheerend für die jungen Kriegsgefangenen dort. Aber sie blieb fest

bei ihren Behauptungen, und sie hatte in allem recht.

Ich kam auf die Station. Auch hier bemerkte ich sichtliche Unruhe.

Ich fragte den Maréchal, ob es auf Wahrheit beruhe, was man über die

Pestverdächtigen sagte. Er bestätigte es. Ein Singhalese war kurz

vor der Einfahrt in Marseille an der Lungenpest gestorben. Man hatte

ihn sofort ins Meer versenkt, und einen anderen mit ihm, der auch

tot oder nur krank war, oder vielleicht auch nur die ersten Symptome

der Krankheit bot, so genau war das nicht festzustellen. Es waren ja

Singhalesen. -- Dann gingen wir nach dem Hotel de Dieu, dessen Front

zum Meere, die Rückseite nach dem Hofe der Frauenstation zu lag, und

trafen die nötigen Abschließungsmaßregeln. Dann begann die Sprechstunde.

Ich war mitten im Untersuchen und Verordnen, als plötzlich atemlos

Fräulein Brunswich in die Halle gestürzt kam: „Herr Sanitätsrat, Sie

sind frei! Alle Sisterleute sind aufgerufen, Sie kommen direkt nach

Genua. Eilen Sie, das Schiff liegt schon da!“ Nun war Aufregung im

Lager, aber weit mehr in meinem Innern. Ich mußte die Sprechstunde

unterbrechen und mich schnell von den Damen verabschieden. Der Abschied

war kurz und herzlich. Fräulein Schnell sagte wehmütig: „So sieht nun

ein glücklicher Mensch aus!“ Ich tröstete sie alle, daß sie nun bald

auch so aussehen würden, -- ein Händedrücken, und ich verließ die

Stätte, die einzige, die mir in der Gefangenschaft lieb geworden ist,

und eilte fliegenden Fußes nach unten zum Lager, von einer Aufregung

gepackt, die unbeschreiblich war. -- Dort begegnete ich gleicher

Bewegung. Einzelne Pessimisten, die wissen wollten, man führe uns in

ein neues Gefangenenlager nach Korsika, kamen nicht zu Worte. Der

größte Optimismus herrschte vor. Man rief mich an, ich solle eilen, den

Koffer packen; in einer Stunde führe das Schiff. Nun, das Kofferpacken

hat bei mir nie lange gedauert; in zehn Minuten war ich reisefertig und

frühstückte noch schnell etwas in der Kantine.

Auffallenderweise waren drei Sisterleute, tschechische Priester, Barth,

Kurdin und Kerlitzky, nicht aufgerufen. Sie waren außer sich, als

sie so von uns getrennt wurden und nahmen in gedrücktester Stimmung

Abschied. Wir waren frei, und sie blieben in alten Ketten. Gerade

Barth, an den wir uns besonders angeschlossen hatten, war aufs tiefste

erregt, von unserer Seite gerissen zu werden. --

Nun hieß es eiligst Abschied nehmen. Ein Motorboot schickte uns an

Bord des Dampfers „Pelion“. Ein Grüßen, ein Hüteschwenken, und wir

fuhren aus dem Hafen, wieder einmal ins Ungewisse; denn schon erhoben

die Ungläubigen lauter ihre Stimme und warnten vor Selbstbetrug. Wir

wurden im untersten Lagerraum verstaut; es fehlte uns Licht und Luft.

Der „Pelion“ war einer der ältesten französischen Kästen, gerade gut

genug für die „_boches_“. Als wir uns trotzdem einrichten wollten,

wurden die oberen Lagerräume von den Elsässern besetzt, die uns das

letzte Restchen Licht und Luft nahmen, und deren Anwesenheit drückend

die Frage auf uns legte: Wenn die auch mit uns fahren, wie ist dann

an ein Freikommen zu denken? Aber noch hielten die Optimisten den

Kopf hoch: „Ganz einfach, das Schiff setzt die Elsässer in Korsika

ab und fährt uns dann nach Genua.“ Ein furchtbarer Sturm. Der Kasten

wackelt hin und her, schlingert und rollt, daß es eine Art hat. Aber

das Schicksal meint es gut mit uns, da es uns Sturm schickte; denn

die Posten, des Seefahrens nicht gewohnt, fielen ab. Einer nach dem

anderen. Sie lagen zum Teil langgestreckt, das aufgepflanzte Bajonett

neben sich, und erbrachen die Seele aus dem Leibe. So war ihre

Wachsamkeit gleich Null; einer nach dem anderen von uns kam an Deck

und schloß Eß- und Trinkhandelsgeschäfte heimlich mit den Stewards.

Aber _mens sana in corpore sano_. Als das Meer höher ging und wir zum

großen Teil kaum noch dem allgemeinen Elend entgingen, faßten seltsame

Gedanken in unserem Hirn Wurzel. Wir waren an Zahl weit überlegen; ein

Handstreich, und das Schiff war unser. Schiffsmannschaft, Kapitäne

und Offiziere hatten wir unter uns. Und so erhitzten wir die kranke

Phantasie mit seltsamen Gespinsten. Die Großredner führten das Wort und

begeisterten sich an ihnen.

Wir waren noch nicht reif; wir hatten noch nicht genug gelitten; es

mußte noch viel heftiger auf Nerv und Niere gehämmert werden, ehe

derlei zur Tat sich gestalten konnte. Aber auch sonst, was sollte uns

derlei? Wir fuhren ja in die Freiheit; in zwei Tagen sollten wir die

Heimat wiedersehen. Warum vorgreifen?

Die Kommissäre waren mit uns an Bord, und auf unser wiederholtes Fragen

hatten sie ihr feines Lächeln: „Staatsgeheimnis“. Und ihr Lächeln

sagte dem einen „Freiheit“, dem anderen „neue Ketten“.

Wenn aber die Herren Kommissäre auch keinen Mißbrauch mit

Gefühlsduseleien trieben, etwas anderes war ihnen geläufiger, das

Handelsgeschäft. Und so wurden zehn Mann von uns, auch ich war unter

den Auserwählten, aus lauter Freundlichkeit Kabinen eingeräumt, zu 10

Fr. pro Mann, so wurden kleine Essen veranstaltet, teuer und schlecht;

der Wein stieg auf seltene Preishöhe, und das Bier, als es begehrter

wurde, auf 2,50 Fr. die Flasche. Die übermütige und grobe Behandlung

der Stewards erhöhte den Genuß. All das war natürlich nicht erlaubt

und entsprang nur der Gutmütigkeit der Biedermänner, wie sie es selber

versicherten. Sie nahmen den Abfall und füllten die Taschen.

Der Sturm heulte und der Kasten wackelte immer bedenklicher. Ich hatte

mit Moritz und Bonitz zusammen eine Kabine, und was mir seit Jahren

nicht passiert ist, nicht einmal im Sturm auf den kleinen Fischdampfern

bei Màlaga, ich wurde so jämmerlich seekrank, daß ich alles andere Leid

vergaß.

So kam der Morgen, da wir in Bastia landen sollten; denn daß dies das

Ziel der Reise war, hatte die Schiffsmannschaft verraten, der auch

von einer Weiterreise nach Genua nichts bekannt war. Wir waren nicht

vorwärts gekommen, und so ging die widerliche Fahrt noch einen Tag

länger.

Wir mußten morgens die Kabine verlassen, durften aber an Deck bleiben,

da die Posten unfähig waren, Ordnung zu halten. Der Tag verging; abends

durften wir für eine Zulage an die Herren Kommissäre in die Kabine

zurück. Wir sollten uns nicht entkleiden, da man annahm, wir könnten

schon in der Nacht ausgebootet werden.

Um zehn Uhr zeigte uns ein wüstes Johlen, Kreischen, Pfeifen und

Heulen unsere Landung an. Wenn der Inhalt von zehn Affenkäfigen in

voller Tätigkeit ist, so kann das Ohr nicht so gräßlich durch die

höchsten Mißtöne beleidigt werden als hier durch das Kreischen der

alten Weiber. Wir wurden in unsere Kabinen eingeschlossen und uns die

Weisung gegeben, uns nötigenfalls darin zu verrammeln. Dann ein Hin-

und Herlaufen, wir hören das Aufpflanzen der Bajonette, das Kreischen

dauert fort und dringt näher. Man ruft uns durch die verschlossene

Tür zu, wir sollten das Licht löschen und uns ganz still verhalten;

die Menge wolle das Schiff stürmen und uns lynchen. Wir gehorchen

schweigend dem Befehle. Eine unheimliche Nacht! Die Weiberstimmen

überschlagen sich in Fisteltönen. Ein Ausbooten sei unmöglich, ruft man

uns wieder zu, die Menge würde uns zerfleischen.

Nun habe ich zwar des öfteren gesehen, wie tapfere, alte Weiber, auch

junge, durch Flaschenscherben oder Steine Unheil anrichteten; manch

ein Loch im Kopfe gab davon Bericht. Aber hier erschien es mir doch

noch etwas anders. So grausig auch das Menageriegeheul durch die dunkle

Nacht drang, das Ganze wirkte mehr als Theater, wie das der Franzose

liebt, Musica, wie der Spanier derlei bezeichnet. Es kam mir so

verabredet vor, uns bange zu machen.

Dann verstummte allmählich das Geheul; Offiziere kamen säbelklirrend

in die Kabinen, es wurde allerhand verlesen und besprochen, bis ein

Uhr nachts etwa. Was in der Nacht durch unser Hirn gezogen, was wir

alles, die wir aufgeregt horchten, aus den seltsamen Verhandlungen

herausgehört haben, das übersteigt die Phantasie des kühnsten Dichters.

Bonitz verstand nicht Französisch, Moritz verstand nicht Französisch,

ich verstand nicht Französisch, aber jeder von uns hatte auf der Schule

und im Leben so viel von dieser unangenehmen Sprache aufgefaßt, daß wir

gerade in der Lage waren, uns ein Hexengesudel aus dem zurechtzumachen,

was an unser Ohr klingelte: -- Wut der Korsen -- starke Bemannung --

Schutz -- Genua -- Militär vermehren -- wieder Genua oder etwa Genf --

einige bleiben hier, andere nach -- Genua! -- und was immer wieder an

unser Ohr schwirrte, war -- Genua!

Am folgenden Morgen setzten wir unseren Fuß auf die Insel Korsika, und

alle Träume der Freiheit waren begraben; wir waren von den Korsen zu

Gaste geladen.

So begann das widerlichste Kapitel unserer Gefangenschaft,

+Casabianda+. -- -- --

III. Casabianda.

Und wieder erfaßt mich ein ekles Entrüsten,

Durchblättr’ ich noch einmal, was hier ich gebucht.

Kaum eine Stunde hatten wir in jener denkwürdigen Nacht Ruhe gefunden.

Um drei Uhr morgens schon ging das Blasen und Lärmen los; wir kamen

übermüdet aus einzelnen Kabinen und tauschten nun aus, was wir erhorcht

hatten. Da stießen denn die Meinungen gewaltig aufeinander. Wie wenn

wir im Bremer Ratskeller geträumt hätten, so zog in verschiedenen

Variationen diese gruselige Nacht an unseren Sinnen vorüber. Und dem

entsprachen die Berichte. Die Kühnsten verstiegen sich dazu, gehört

zu haben, daß das Schiff weiter sollte nach Genua; die Pessimisten

hatten herausgehört -- und daran war viel Wahrheit --, daß alle

Elsässer, Dalmatiner, Tschechen usw. besser behandelt werden sollten,

daß die schlimmste Behandlung die Deutschen treffen sollte. Und wieder

schwirrte es durcheinander, und wie Hexenmusik klangen immer wieder die

Worte „Gênes“ und „Gêneve“ durch. Die Elsässer gingen zuerst von Bord.

Aber das Schiff machte keinen Dampf auf; unser großes Gepäck wurde

verladen, und das kleine mußten wir in die Hand nehmen, und dann ging

es herunter von dem gräßlichen Kasten zur Eisenbahn, in der wir, dicht

gedrängt, in einigen Viehwagen verladen wurden. Die Bevölkerung war

ruhig dank den großen Absperrungsmaßregeln, die getroffen waren. Oder

war doch der ganze Empfang gestern nichts als Musica gewesen, unsere

Männerherzen im Tiefsten zu erschüttern? Nun war ja manch einer von uns

tapfer und manch einer weniger; aber dem Weibergekeife hätten wir wohl

alle noch standgehalten.

Uebrigens wurde der Trick, uns das Gruseln zu lehren, von nun an

eigentlich dauernd angewandt; ich werde noch des öfteren darauf

zurückkommen. Auch jetzt kam der erste Befehl, wir sollten die Köpfe

tief halten, da man für den Zornesausbruch der tapferen Korsen nicht

einstehe, und da Steinwürfe oder verirrte Kugeln leicht Unschuldige

treffen könnten. Es gab auch wirklich deren, die nur im Tunnel den Kopf

mutig erhoben und bei jeder Lichtung ängstlich bargen. Nun ging die

Fahrt vier Stunden durch die herrliche Landschaft. Auf jeder Station

sah das Volk erregt in unsere Menageriekäfige, und besonders Pater

Kaspar in seiner Körperfülle und braunen Kutte erregte die Menge zu

den seltsamsten Ausrufen. Daß man einen ganz besonderen Fang gemacht

hatte, das war schon reichlich verbreitet, und im ganzen Volke schien

man es nicht anders zu wissen, als daß es der französischen Regierung

gelungen sei, einen ganzen Wald voll Affen, pardon, ein ganzes Nest

von Spionen, auszuheben, deren Bestimmung nur die weiße Wand sein

konnte und sein würde. Auf einer Station gefiel sich ein hämischer

Pfaffe besonders darin, uns Eingepferchte für die Zertrümmerung der

Kathedrale in Reims verantwortlich zu machen, und mit Entsetzen sah

man auf die Heiligtumschänder, bis sich die Menagerie wieder in Gang

setzte. Innerhalb der Tierkäfige ging es friedlicher zu. Manch einer

hatte sich auf dem Schiffe mit Vorräten, Wein und Atzung, versorgt. Die

Flasche kreiste, und der gutmütige Soldat, der uns mit aufgepflanztem

Bajonett bewachte, wurde so reichlich bewirtet, daß er, ermüdet, den

Schlaf des Gerechten schlief, nachdem er noch mit Aufbietung der

letzten Willenskraft Herrn Kuchenbecker, einem alten, weißbärtigen

Herrn, seine Mordwaffe vertrauensvoll in die Hand gedrückt hatte. Wer

das Bild gesehen, Herrn Kuchenbecker an der Seite des schlafenden

Soldaten, als Wächter französischer Ordnung, der wird es so bald nicht

vergessen. Endlich langten wir in Aleria an, wo wir ausstiegen. Ein

Hauptmann der Forestiers auf einer merkwürdigen Rosinante mit einer

Schar von Förstern empfing uns, und nun ging es langsamen Schrittes --

wir mußten uns dem Gang der Rosinante anpassen -- nach Casabianda. Dort

waren schon einige Militärgefangene interniert. Man führte uns in eine

Halle, wo einige Offiziere die Begrüßungsformeln, Abnahme von Messern,

Streichhölzern und ähnlichen Artikeln vornahmen. Dann gab es ein

freudiges Wiedersehen mit der uns so wohlbekannten Kohlsuppe. Die Sonne

neigte sich, und wir sanken ermüdet ins Stroh. Ein großer Kübel wurde

uns als nunmehr unentbehrliches gemeinsames Gerät ins Zimmer gestellt.

Immerhin hatte er wenigstens einen großen Holzdeckel. Die Wachen traten

heraus, und die Riegel klirrten. Noch ein kurzer Besuch, Feststellung,

daß wir alle da wären, und wir blieben uns selber überlassen.

Am nächsten Morgen ging das alte Rezept los. Wir sollten das Gruseln

lernen. Zu dem Zwecke rief der Offizier, Herr Simeoni traurigen

Angedenkens, einige, die Französisch sprachen, zusammen und sagte

ihnen, sie sollten es weiter unter uns verbreiten, daß die große

Wachsamkeit, die sie an uns verschwendeten, zu unserem Besten sei. Die

Korsen seien gefährlich und haben uns Tod geschworen. Sie sähen in uns

allen Spione, und wir seien vor ihren Dolchen nicht sicher. Auch wenn

wir herausgelassen würden, dürften wir nicht einen Schritt außerhalb

der Umfassungsmauern uns wagen, da der Kommandant ausdrücklich gesagt,

er stünde für keinen derartigen Unfall ein. -- Also sprach Simeoni. --

Er war ein Mann, der von der Pike auf gedient, bei der Fremdenlegion

avanciert und schließlich Offizier geworden war. Dem entsprach er

ganz. Er war groß, kräftig, trug einen martialischen Schnauzbart und

gefiel sich in starker Pose. Er bekam bald den trefflichen Namen „der

Operettenleutnant“. Ich beschäftige mich mit dem Mann genauer, weil

er berufen war, eine schwere Rolle in unserem künftigen Schicksal als

Gefangene und auch in dem meinen zu spielen.

Bei der Revision der Koffer, die programmäßig am zweiten Tage nach

dem Quartierwechsel stattfand, passierten wieder einige kleine

Humoristika. Eines will ich berichten: _Dr._ Bayer hatte ausländisches

Geld bei sich, das der untersuchende Korporal mit besonderer Neugier

betrachtete. Wessen Kopf ist das? -- Kaiser Franz Joseph. Und der?

-- König Georg von England! Ein bewunderndes Ah! Und der? -- Kaiser

Wilhelm. -- Da verzerrten sich die Züge des Korsen, und er warf das

Geldstück klirrend auf den Boden. Wilhelms Name ist Kinderschrecken,

aller Haß entlädt sich auf unseres Kaisers Haupt. Einen Schuldigen will

das Volk haben, und im Fälschen der Geschichte sind sie Meister.

Unsere Lager werden nun genau bestimmt. Ich teile wieder mit Bonitz

eine Matratze, wir sind aneinander gewöhnt. Abends erfaßt mich ein

dumpfer moralischer Schmerz. Warum nahm man mich von Frioul fort, von

meiner Tätigkeit, ehe ich sie eine Woche nur ausgeübt hatte, und was

tue ich hier? Nun ging das Verzweifeln von neuem los, und es wuchs uns

über den Kopf und wuchs zu einer solchen Stärke, daß wir ihm nicht

wehren konnten, wir gerieten in wirkliche Gefahr, nach innen und nach

außen.

Schön liegt Casabianda, der Neid muß ihm das lassen. Als uns die

Terrasse freigegeben war, atmeten wir auf und genossen in vollen Zügen

die reine Luft und die prächtige Aussicht. Vor uns, fast greifbar, nur

durch Wiesen von üppigem Grün und kleine Waldungen getrennt, ragten in

riesiger Kette die schneebedeckten Berge Korsikas empor. Der Anblick

ist imposant, und er imponierte uns heute und er erfreute uns heute

noch, auch noch am anderen Tage und einigen folgenden; dann aber

erwachte wieder das quälende Bewußtsein, daß das nichts anderes sei als

vergoldete Stäbe unseres Käfigs, und daß wir anderes zu tun hätten, als

arbeitslos uns der Natur zu erfreuen. Und als uns so auch die Freude

an der Natur genommen war, begann unser Leiden immer drückender die

Brust zu beengen, daß wir fast zu ersticken meinten. Ein Etwas trat

damals in die Erscheinung, das uns fast das Unerträglichste dünkte. Aus

unseren eigenen Reihen traten einige hervor, die, der französischen

Sprache kundig, sich dazu hergaben, ein gewisses Kommando über uns

sich anzumaßen, unterstützt von der französischen Behörde. Es war

natürlich, daß bei einer immer wachsenden Zahl von Gefangenen Disziplin

herrschen mußte. So wurden wir in Gruppen und Sektionen eingeteilt,

welche ihre Gruppen- und Sektionschefs hatten, für jedes Zimmer war

weiter ein Zimmerältester verantwortlich. Zu diesem Posten waren nur

solche möglich, welche Französisch gut sprachen. So war die Auswahl

beschränkt, und es sind nicht immer die Taktvollsten, leider auch nicht

immer die Besten gewesen, welchen solch Posten zugewiesen wurde.

Die Korsen hatten in Maurer ein gutes Medium gefunden, uns aufzuregen,

nur hatten sie nicht bedacht, wie lange sich unser Haß zurückdrängen

ließ, ohne zum Ausbruch zu kommen. Es war in ihnen von Anfang an die

Lust wach, uns bis aufs Blut zu reizen, und dieser Lust frönten sie,

wie ich es später noch zeigen werde, bis zum Satten. Der Spanier quält

Tiere, ist aber gutmütig zu Menschen, der Franzose aber quält Menschen

mit Lust, mit satter Lust. Was nun alles zu einem wilden Gebrodel

in dem Höllenkessel von Casabianda vereinigte, war die verdammte

Gleichheit unter den Franzosen und übertragen auch auf uns. Das habe

ich nie so ausgeprägt empfunden als in jenen Tagen in Casabianda, „dort,

wo es keinen Herrn und keinen Diener gibt“. Das mag schön klingen,

aber für den souveränen Pöbel paßt es nicht. Einer dient nicht etwa

dem anderen, sondern die Sucht, Herr zu sein über den anderen, ist nie

so ausgeprägt wie hier. Wer nicht Herr sein kann und aufsteigen, der

tut alles, hernieder zu ziehen; nur keinen Besseren anerkennen! Keine

Autorität! Der gemeinste Schwätzer soll dem Denkenden gleichstehen.

Der Kommandant, Herr Teissier, war ein Mann von Formen und Anstand,

nicht gutmütig, aber entgegenkommend. Was wir anfangs für Gutmütigkeit

hielten, war Schwäche, er konnte nicht „nein“ sagen, zu uns nicht,

aber weniger noch zu seinen Untergebenen, und das führte naturgemäß

zu Wirkungen. Der Operettenleutnant und allen voran der Arzt führten

Regiment über ihn, diese an bevorzugter Stelle. Aber auch jeder

Forestier, jeder Gendarm fühlte sich als Kommandant. So passierte

folgendes, was etwa typisch für die Verhältnisse in Casabianda war:

J'accuse (Ich klage an): Zwei Jahre in französischer Gefangenschaft · 第 4 / 11 段