Waren wir so unmännlich empfindsam geworden oder lag tiefe

Tragik in diesem Schauspiel? Ich glaube, beides. Wir werden uns

an Leichenbegängnisse gewöhnen müssen, um härter zu werden.

Dafür ist gesorgt und wird weiter gesorgt werden. Morgen sind

zwei Beerdigungen, eine eines elsässischen Bürgermeisters, der

in unserem Krankenzimmer an Kehlkopftuberkulose elend zugrunde

gegangen ist, die andere eines acht Monate alten kriegsgefangenen

Kindes, das dem Hunger erlegen ist. Ich wurde zuletzt noch

hinzugerufen und ließ dem armen Wurm _ut aliquid fiat_ etwas

warmen Tee mit einigen Tropfen Kognak einträufeln; es starb kurze

Zeit darauf. Ich werde nicht mehr folgen, es ist nicht gut, daß

derartige Stimmungen überhandnehmen; ich will versuchen, ihrer

Herr zu werden. -- Wenn wir zur Heimat dürften! Täglich und immer

wieder tauchen Gerüchte der Auslieferung oder des Austausches auf,

und immer wieder sind wir die Genarrten. Das reißt an unseren

Nerven. Und in welcher Gesellschaft leben wir? Frankreich hat

alles aufgelesen, wessen es habhaft werden konnte, und die neuen

Gefangenen bieten oft wunderbaren Anblick. Da ist einer, halb

verrückt. Wir nennen ihn Ravachol. Einige Spaßvögel haben ihn heute

frisiert und rasiert -- ein gefährliches Wagestück, er war völlig

verlaust -- dann mit Lackstiefeln, Stehkragen und schwarzem Rock

bekleidet, so stolzierte der Narr grinsend einher, ein widerlicher

Anblick.

Einer von uns, ein braver Kerl, er gab sich als Schweizer aus, hat

heute nacht ein Boot genommen und ist ausgerissen. Unsere Lage hat

er erschwert, aber wir wünschen ihm von Herzen, daß er durchkomme.

Ich will auf meine Lagerstätte, liebste Armgard, und hoffe, nach

üblicher Wanzenjagd Ruhe zu finden. Grüße mir die Kinder, ich will

ihnen viel erzählen, wenn ich wiederkomme. Bleibe nur fein geduldig!

Max.

Frioul II.

Der Stationsarzt in Frioul war der Médecin-Major Gros, ein Herr,

welcher der schweren Situation gewachsen war, wie vor ihm und nach

ihm kein anderer. Unter ihm stand noch, durchaus minderwertig, Herr

_Dr._ Michel als Assistenzarzt. Von deutschen Aerzten waren auf der

Insel: Sanitätsrat _Dr._ +Spindler+ (Elsaß), _Dr._ +Berger+ (Els.),

_Dr._ +Vösselmann+ (Els.), _Dr._ +Heller+ (Oesterreicher) und ich, von

Gefangenen 1200-1300 Männer, etwa 250 Frauen und ebensoviel Kinder.

Eine Lösung der ärztlichen Frage mußte also gefunden werden.

Die Frauen und Kinder lebten von uns etwa zwanzig Minuten entfernt in

einem Kasernement auf einer Anhöhe der Insel. Es war schon des öfteren

gemunkelt worden, daß _Dr._ Gros die Baracken an einem Vorsprung

der Insel instand setzen ließe und beabsichtige, die Arbeit unter

französische und deutsche Aerzte zu teilen. Das wurde mit großer Freude

von uns begrüßt; aber wenn wir auch die Botschaft hörten, der Glaube

fehlte uns. Eines Tages, es war am 5. Oktober, wir hatten gerade

wieder einen der lächerlichen Aufzüge neuer Kriegsgefangener bewundert

(Männer, die leere Kinderwagen vor sich herschoben), kam an uns die

Aufforderung vom Médecin-Major, wir möchten uns zu einer Besprechung

einfinden, und zwar am nächsten Tage bei den Baracken. Dort empfing

uns zur festgesetzten Stunde _Dr._ Michel, völlig kollegial, er hatte

sogar seine Freude daran, uns mit einigen Ferngläsern zu zeigen, wie

gerade ein deutsches Handelsschiff von einem Torpedo eingebracht wurde,

und knüpfte daran etwa die sinnbildliche Betrachtung vom Untergange

des heiligen deutschen Reiches. Derlei waren wir gewohnt. Wichtiger

war es uns, daß er uns die Baracken zeigte, die zwar noch nicht ganz

fertig, aber doch schon etwa bewohnbar waren, sagte, daß _Dr._ Gros

eine Teilung beabsichtige, etwa so: einer von uns solle die innere

Station, ein anderer die äußere, ein dritter den Revierdienst und

endlich der vierte die Frauenstation übernehmen. In der letzteren sei

die Kenntnis der französischen Sprache notwendig. Herr _Dr._ Gros

behielt sich das Hospital, welches neben unserem Schuppen lag, und in

welchem die beiden Kinder gestorben waren, sowie die Aufsicht über die

anderen Stationen vor, da er die Verantwortung für das Ganze trage. Wir

möchten uns alles überlegen und am nächsten Mittag mit _Dr._ Gros alles

selber besprechen. So schieden wir in recht gehobener Stimmung. Ein

_laisser-passer_ für die Insel wurde uns sogleich ausgestellt, auch die

Erlaubnis, im Kasino zu essen und jederzeit zu verkehren. Ebenso wurde

uns vier Aerzten, außer Sanitätsrat _Dr._ Spindler, der als Kranker im

Hospital lag und somit von der offiziellen Behandlung ausschied, in den

Baracken je ein kleines Zimmer mit Bett -- Gedanke voller Majestät! --

zugewiesen.

Wir vereinigten uns mit unserer neuen Erlaubnis in der Kantine und

schwelgten einmal in recht gutem Essen mit Bier und Wein, froh, daß wir

endlich in unserem Beruf angestellt waren.

Inzwischen übernahmen wir provisorisch die einzelnen Schuppen. Am Abend

schickte _Dr._ Gros reichliche Mengen Lymphe, und ich impfte mit _Dr._

Spindler in zwei Tagen mehr als 1000 Mann gegen die Pocken. Gegen

Typhus wurde im Lager nicht geimpft, wenngleich die ersten verdächtigen

Fälle schon zu verzeichnen waren. Am nächsten Tage bestimmte _Dr._

Gros für die äußere Station _Dr._ Heller, für die innere Station _Dr._

Vösselmann, mich für den Außendienst, und _Dr._ Berger, der perfekt

Französisch sprach, für die Frauenstation.

So froh wir waren, eine Enttäuschung war es doch für mich, von der

Frauenstation versprach ich mir den besten Erfolg, denn was mir von da

berichtet war, erschien mir recht trostlos.

Frioul, 10. 10., abends 9½ Uhr.

Liebste Armgard!

Nun hat sich wieder alles so eigenartig verändert, der Ekel und

Widerwille ist gemildert. Eben verläßt mich Herr Geißler, der

zugleich mit Herrn Schülke uns als Krankenpfleger zugeteilt ist,

und der Kollege Berger. Sie gehen aus „meinem Zimmer“, einer Bude

von 3 mal 2½ Meter, aber es ist doch mein Zimmer, und ich

habe es mir blutsauer verdient. Ich bin also doch ausgezogen aus

dem Stall, in dem wir auf Steinfußboden, immer zwei zu zwei auf

einer Matratze nebeneinander, eingepfercht zwischen anständigen

Menschen und einem widerlichen Gesindel, der Kälte, dem Winde,

dem Ungeziefer, Krankheit und Tod preisgegeben waren. Ich sitze

vor Deinem Kleiderkorb, der mir als Tisch dient, auf meinem

Koffer und schreibe Dir. Eine Stearinkerze, die ich mir für 15

Cts. gekauft, erleuchtet festlich mein Zimmer. Eine Flasche Wein

steht vor mir, und ich rauche eine gute Pfeife. Ja, liebe Alte,

man kann mit wenigem nicht nur zufrieden sein, sondern sich sogar

mehr daran freuen, als man sich an vielem je freute. Mein Bett

hat eine Matratze aus Stroh, aber sie erscheint mir köstlicher

als die beste Sprungfedermatratze, und das eiserne Bettgestell

kommt mir luxuriös vor, denn es ist ein wirkliches Bettgestell,

das vermutlich nicht einmal Wanzen birgt; doch ich will nicht

unbescheiden sein, das werden die nächsten Nächte schon lehren. Die

paar Flöhe in Decke und Stroh sollen meine gute Laune nicht trüben.

Heute war der große Umzug in die Baracken, die so schlecht gebaut

sind, daß ein Sturm sie aufheben kann. Ich habe mein Zimmer mit

einigen Arbeitern wieder zurechtgezimmert, und nun steht es gerade.

Vielleicht hält die Bude, solange ich halte. Wir sind also, um mich

großsprecherisch auszudrücken, menschlich untergebracht.

Aber das gilt leider nur von uns vier Aerzten, den Krankenpflegern

und den Kranken. Die anderen, auch Moritz, Bonitz, Schmidt, _Dr._

Bayer und die übrigen Geistlichen und verwöhnten Herren hausen

da in dem Stalle weiter, wo der Regen nachts auf ihr Strohlager

träufelt, und verzweifeln. Die Krankheiten mehren sich, und es

heißt, man habe in Marseille beschlossen, das Gefangenenlager

Frioul als solches zu räumen. Daran knüpfen sich wieder vage

Hoffnungen, deren Endziel ist: „Nach Hause“. Seit ich wieder eine

geordnete Tätigkeit habe, kann ich viel ruhigeren Blutes alle

solchen Gerüchte aufnehmen. Vielleicht ist, hier im Lager viel zu

leisten und die Aufgabe dankbar.

Aus unserer Insel sind zugleich -- natürlich getrennt von uns --

die gefangenen Frauen und Kinder untergebracht. Ich habe bisher

einige von ihnen bei der Beerdigung des Lützererschen Kindes

gesehen, und Frau Lützerer, deren Mann gleichfalls an schwerer

Dysenterie im Hospital liegt, sehe ich täglich am Krankenlager.

Es steht nicht gut mit ihm. -- Einige von den Frauen haben ihre

Männer hier im Lager, welche sie von Zeit zu Zeit besuchen dürfen.

Sie berichten recht Trauriges, wenn sie auch wenig Einblick in

das Lager haben können. Es war mein Wunsch gewesen, diese Station

zu bekommen. Der Médecin-Major, welcher die Einteilung vornahm,

wählte dafür _Dr._ Berger, weil er fertig Französisch spricht und

ich nicht. Zu meiner großen Freude hat er das heute widerrufen

und mir die Station gegeben. Er bat mich, morgen auf der Station

den ersten Besuch zu machen und gab mir ein Schreiben an den

_maréchal des quartiers_ mit, des Inhalts, der _maréchal_ möchte

mich auf der Station einführen und der französischsprechenden

Krankenpflegerin, Mme. Vogl, vorstellen, ich würde dann noch nach

eigener Wahl eine deutschsprechende Dame beauftragen, zugleich mit

Mme. Vogl unter meiner Leitung die Krankenpflege zu übernehmen. So,

liebste Armgard, nun will ich auch den äußeren Menschen wandeln.

Ich rasiere mich und trage den häßlichen Vollbart ab, der Dir immer

so besonders mißfiel, dann packe ich die Koffer aus und lege mir

neue gestärkte Wäsche zurecht, um alles abzulegen, was an unser

Sträflingtum erinnert. Ich habe ja nun eine relative Freiheit

gewonnen und darf mich auf der ganzen Insel, wann und wo und wie

ich will, bewegen. Morgen schreibe ich weiter. Gute Nacht!

Sonntag, den 11. 10., abends 11 Uhr! Kollege Berger nahm eben einen

Abendschoppen bei mir. Wir werden unsolide. Mein neues Zimmer wird

täglich einladender. Eine Kiste gibt eine Art Waschtisch, eine

andere größere einen pompösen Schreibtisch. Als Stuhl dient mir die

Bettkante, und Besucher setzen sich entweder auf die Bettkante oder

nehmen je nach Gefallen auf dem Waschtische oder dem Schreibtische

Platz. Die Franzosen fangen an, uns ernstlich zu verwöhnen. Es

war ein eigenartiger Tag heute. Wie gesagt, meine Toilette machte

ich wie in alten Tagen, um den traurigen Menschen der letzten

Zeit abzustreifen und hatte etwa zwei Stunden dazu nötig, was

sonst nicht mein Fall ist. Dann war es acht Uhr geworden, und

ich machte mich auf. Ich schreite gleich hinter den Baracken auf

den Bergweg und genieße einen wunderbaren Morgenspaziergang. In

Bergwindungen und Buchten führt der Weg, der die schöne Aussicht

auf das Meer, Marseille und die anderen Inseln freigibt, bis herauf

zur Bergeshöhe, einem eigenartigen, kasernenartigen Gebäudekomplex,

der die gefangenen Frauen und Kinder einschließt. Es war ein

Spaziergang von etwa zwanzig Minuten, der mich wunderbar zu neuer

Tätigkeit stärkte.

Oben auf der Station angelangt, ließ ich mir den _maréchal_ rufen

und gab ihm den Brief des Majors. Er stellte mich der Mme. Vogl

vor, einer hübschen Französin, Gattin eines Deutschen in Paris,

welcher mit uns das Gefangenenlager teilte. Sie hatte bisher die

Krankenpflege allein geleistet. Dann wählte ich mir als deutsche

Pflegerin Frl. Schnell, urdeutsch, eine Dame, welche zu unseliger

Zeit ihren Bruder in Paris besucht hatte und nun diesen Wagemut

mit Gefängnis büßte. Sie wohnte oben mit der Frau Schnell, und der

Bruder teilte unser Lager. Sie nahm sich mit großem Geschick der

Pflege an, und Arbeit gab es in Hülle und Fülle.

Ich machte meinen ersten Besuch durch die verschiedenen Räume.

Es waren ungefähr 250 Frauen und ebensoviel Kinder dort. Und in

welcher Ordnung und in welchem Zustande?!

Da waren zuerst die Damen, welche, soweit das möglich war, sich

etwas abgesondert hatten, dann Frauen aus dem Volke, fast alle

Elsässerinnen, endlich Weiber verschiedenen Ranges, verschiedenen

Alters und verschiedenen Wertes. Dieses Durcheinander! Ich habe

anständige Mädchen und Frauen zusammen in einem Zimmer mit

Freudenmädchen interniert gesehen, und versucht, da zu helfen;

andere, Gesunde, mit Krätzekranken, die später auch infiziert

wurden. Ich sah in einem Zimmer eine Mutter (Elsässerin) mit acht

Kindern. Das Zimmer war, deutsch gesprochen, ein Schweinestall.

Die Kinder verrichteten ihre Notdurft in das Stroh, und nur

die 17jährige Schwester versuchte, die äußerste Reinlichkeit

aufrechtzuerhalten, wusch sogar bisweilen die Geschwister.

Die Fenster waren geschlossen, und es stank pestartig. Die

Mutter ertrug blöde ihr Los, unfähig zu helfen. Ich entsetzte

mich wahrhaftig. Auch andere Zimmer zeigten mir, wie furchtbar

solche Frauen in der Gefangenschaft hausten. Eine Sorge für

die Kinder fand ich wohl hier und da, bei einigen Frauen sogar

ausgesprochen peinlich. Manche Zimmer waren auf das korrekteste

gehalten, zum Teil sogar gemütlich gestaltet, was recht schwer

war, der Durchschnitt war aber entsetzen- und mitleiderregend.

Als ich noch in einem dunklen Loch eine Menge Zigeunerweiber mit

Kindern in eklem Schmutz fand, da bat ich den Maréchal, blasen zu

lassen. Alle Kinder sollten heraustreten. Das habe ich von nun

an täglich beibehalten. Immer, wenn ich auf Station war, mußten

die armen Würmer an die Luft. Und was sah ich da! Unter einigen

frisch gewaschenen, spielenden und fröhlichen Kindern weitaus

die größere Zahl blasse, abgehärmte Gestalten, deren Jugend und

Vernachlässigung in Pflege und Ernährung es mir klarmachte, daß

hier der Tod fürchterliche Musterung halten würde, wenn nicht

schleunigst Abhilfe geschaffen würde. Ich ging nun mit den beiden

Damen ernstlich zu Rate, auch mit dem Maréchal, der wohl nicht

mit Unrecht alle Schuld auf die Mütter schob. Von den Kindern

litten so viele an unstillbaren Durchfällen. Die schweren Bohnen,

in Fett gekocht, konnten die Jammergestalten nicht vertragen,

und wunderbarerweise gab es gerade auf der Frauenstation weit

konsistentere Nahrung. Milch und Milchsuppen gab es nicht,

Hautkrankheiten grassierten, Läuse und Ungeziefer gab es überall,

Krätze hatte sich unerbittlich fest eingenistet. Noch einmal

versuchte ich, mit den beiden Damen auf einzelne Frauen einzureden,

aber die Worte schlugen an taube Ohren. Die Gleichgültigkeit ist

vollkommen: „Hier haben es die Kinder wenigstens warm, da draußen

frieren sie und erkälten sich.“ -- Es ist ihnen alles gleich, ob

sie mit ihren Kindern verkümmern oder nicht. Wo ihre Männer sind,

wissen sie nicht, Nachricht haben sie nicht erhalten, Hab und Gut

ist zerstört, nun mag die Sintflut einbrechen. Was nützt es, gegen

den Stachel zu löcken? Sie kommen mir vor wie die Armen, die im

Schnee verirrt die Energie zum Weiterschreiten verlieren und das

kalte Totenlaken begrüßen. Ein Elend ohne Ende; so hatte ich es in

seiner ganzen Nacktheit nicht erwartet.

Das war der erste erschütternde Eindruck, den ich von dem Lager

der gefangenen Frauen in Frioul hatte. Wie bitter not tat hier

Hilfe! Ich wählte mir nun einen Raum zur Sprechstunde. Der Maréchal

stellte mir liebenswürdigerweise eine große helle Glashalle

zur Verfügung, und wir begannen nach dem Krankenbesuche die

Sprechstunde.

Ich verließ recht gedrückt die Station, aber doch wieder glücklich,

daß ich hier eine große Aufgabe zu erfüllen hatte. Der Major

hatte mir völlige Freiheit in der Behandlung und Pflege gelassen,

auch Medikamente standen zur Verfügung. Aber welche Medikamente

wirken bei Verhungernden? Opium gegen Brechdurchfall, Tannin oder

Wismut? Hier mußte der Unterernährung gesteuert werden, und Milch,

Reis, Grieß, Sago und weiße Semmel erschienen mir die einzigen

Heilmittel. -- Ich ging auf dem herrlichen Wege zurück zu den

Baracken, und da ich zur allgemeinen Suppe zu spät kam, aß ich im

Kasino und besuchte die anderen Lager der Deutschen. Gewiß, das

Elend war dort auch groß; aber man sah doch Männer, die so viel

Energie bewahrten, den Kampf aufzunehmen.

Zum Kriegführen gehört bekanntlich Geld und dreimal Geld, und um

Notleidenden in Kriegsgefangenschaft zu helfen ebenso. Ich wandte

mich zuerst an einige Herren, die im Kasino täglich zweimal ein

großes Essen zu sich nahmen und sich selber wenigstens tadellos

pflegten. Auf meine Bitte, mir oder vielmehr den armen Kindern zu

helfen, erhielt ich zur Antwort, das sei Sache des französischen

Staates. Aber dafür konnte ich den Würmern nichts kaufen. --

Ein Bote kam und rief mich von da ab wieder zur Frauenstation.

Ein Kind, blaß und elend, ließ unter sich und krümmte sich vor

Bauchschmerzen. Kann ich ihm helfen?

Ich suchte abends das Lager der Deutschen auf, und da fand ich

Mitleid. Herr Schnell war der erste, der reichlich gab, dann die

Herren Vogl, Silberberg, Moritz und Leonhardt. Keiner, den ich

darum anging, versagte mir die Hilfe. Dann wandte ich mich an

unsere Sisterleute und berief sie zur Versammlung. Ich brauchte

ihnen nur zu sagen, daß oben deutsche Kinder hungern, und erhielt

nicht zur Antwort, daß die französische Regierung für die Kinder

zu sorgen hätte, sondern ich hatte kaum ausgesprochen, als auch

schon der Antrag gestellt wurde, die halbe Sisterkasse, und dann

die ganze, mir zur Verfügung zu stellen. Als ich erklärte, es

genüge vorläufig die halbe Kasse, wurde einstimmig dies als Antrag

angenommen. Später sollte ich mehr haben, wenn ich forderte. Auch

erbot sich jeder einzelne zu freiwilligen weiteren Beiträgen.

Auch die Matrosen kamen zu mir und stellten mir den Inhalt der

Matrosenkasse zur Verfügung. In der Kantine bestellte ich für

morgen fünf Liter frische Milch, Tapioka, Grieß, Eier und weißes

Brot. Morgen wird Suppe gekocht. -- und damit gute Nacht.

Max.

Frioul, Mittwoch, den 14. 10., abends 8 Uhr.

Liebste Armgard!

Ach, wenn in unsrer dunklen Zelle

Die Lampe freundlich wieder brennt,

Dann wird’s auch in dem Busen helle,

Im Herzen, das sich selber kennt.

Ich erlebe und erlebe, und die Eindrücke sind so traurig und

erschütternd. Allein das sehen, wie die verhärmten Kinder unbewußt

Hilfe suchen gegen ihre stupiden Mütter, und dann die männlichen

Gefangenen, deren Lager durchnäßt ist vom ewigen Regen, die

erkältet sind und verzweifeln! -- Es kommt mir fast wie ein

Unrecht gegen die Kameraden vor, daß ich es nun soviel besser

habe seit wenigen Tagen. Um wieviel besser! Nicht nur, daß ich

meine kleine Holzbude für mich besitze und meine eingedeckte

Strohmatratze auf Holzgestell, ich habe zu tun und kann so den

bösen Gedanken wehren. Die anderen klammern sich an die Hoffnung,

daß wir bald von Frioul fortkommen, nach Hause oder in ein anderes

Lager, gleichviel, nur fort von hier. Und ich habe das Gefühl,

daß ich Deserteur wäre, wenn ich die da oben verlasse, wo sie

mich doch so nötig haben. Unsere Baracken sind schön gelegen,

und ich versuche bisweilen, einige der anderen durch die Posten

mit meinem _laissez-passer_ durchzuschmuggeln. Das geht manchmal

glatt, wenn die Posten gutmütig, manchmal nicht, wenn sie bösartig

sind. Gestern nahm ich fünf Herren mit mir. Der Posten rief uns

an. Ich zeigte mein _laissez-passer_. -- Er: „Ja, Sie kenne ich;

aber die anderen dürfen nicht durch.“ Ich bedeutete ihm, daß sie

dazu da wären, Medikamente und Milch zu tragen. Da lachte er: „Fünf

Mann zum Milchtragen?“ und ließ uns durch. Herrn Schnell, der

seine Frau besuchen wollte, gab ich eine Terpentinflasche und ein

_laissez-passer_„mit Medikamenten“. Unglücklicherweise war gerade

oben Revision; er wurde zwar durchgelassen, mir aber bedeutet, ich

möchte doch kein _laissez-passer_ mehr ausstellen.

Doch nun zum Bericht:

Also am Montag kam ich zur Station und erzählte Frl. Schnell von

dem guten Erfolg, den ich gehabt und der bewiesen wurde durch

einen großen Korb mit Lebensmitteln, in dem sich auch noch gute

Schokolade befand. Dann ließ ich alle Kinder herunterrufen und

warten, damit sie die frische Luft genossen. Der Maréchal stellte

uns die Küche zum Suppenkochen zur Verfügung. Ich bat die Damen

zur Besprechung, und drei von ihnen erklärten sich bereit, die

Suppe zu kochen, Frl. Brunswich, die Besorgungen in der Kantine

zu übernehmen. Heute wurde für 60 Kinder Grießsuppe mit Ei und

Milch gekocht. Ich ließ die Kinder antreten und suchte mir die

schwächlichsten aus. So verteilten wir 60 Bons. Die Damen erzählten

mir nachher, daß sie noch etwas übrig gehabt haben für einige

Blaßgesichter, die ich übersehen hatte. In der Sprechstunde hatte

ich auch viel zu tun, von den Damen auf das eifrigste unterstützt.

Wir arbeiten uns ganz gut miteinander ein. Frl. Schnells gleich

freundliche und bestimmte Art macht sie besonders für solche Pflege

geeignet; ich hoffe, daß sie einmal von Grund aus hier Wandel

schaffen wird. Gestern kamen mir bei meinem Besuch die Kleinen

schon von selber unten entgegen; sie hatten Vertrauen gewonnen,

und als ich heute mehr Bons für Semmelsuppe verteilen konnte, da

streckten sich die kleinen, mageren Aermchen schon nach dem Zettel

aus, und ich habe selten so hohe Befriedigung im Leben empfunden.

Einige haben auch Schokolade bekommen. Der Médecin-Major und

_Dr._ Michel, denen ich Mitteilung vom Suppenkochen gemacht

hatte, schickten mir jeder 3 Fr. für die Sammlung, auch von

anderen Seiten flossen Gelder zu; nur die so reichlich im Kasino

essen, haben noch nichts von sich hören lassen. Aber ich kann

darauf verzichten. Als ich gerade Sprechstunde abhielt, kam der

Médecin-Major, der sich durchaus kollegial benahm. Er schickte zwei

Patienten, die ich ihm dafür empfahl, ins Lazarett zu Marseille.

Wenn ich früher Böses von französischen Aerzten gesehen, später

Schamloses, so sei hier auch der Platz, lobend eines Arztes

Erwähnung zu tun, der seiner schweren Aufgabe so voll und ganz

gerecht wurde.

Nach der Konsultation besuchte ich noch Frau und Fräulein

Schnell, die mit einer kräftigen Tasse Kaffee meine ermatteten

Lebensgeister wieder auffrischten. Ihr kleines Zimmerchen mit zwei

Strohmatratzen als Lager machte einen so behaglichen Eindruck,

daß mancher häßliche Eindruck verwischt wurde. Ich bestellte

für morgen Tapiokasuppe mit Ei und hoffe, bald den Kindern eine

Schokoladensuppe zu bringen.

So ging auch heute alles seinen guten Gang. Schwerere Erkrankungen

haben wir nicht zu verzeichnen, wenn auch manches von den kleinen

Kindern vom Tode gezeichnet ist. Vielleicht reicht einmal das Geld,

auch etwas Wäsche usw. anzuschaffen. Von seiten des Arztes, der

Damen und des Maréchals finde ich das willigste Entgegenkommen. --

Einzelne Fälle sind typhusverdächtig, auch Diphtherie haben wir.

Die Kranken sind gut isoliert, aber ich möchte sie doch aus dem

Häuserkomplex heraushaben. Ich spreche darüber mit dem Arzt; der

sagt mir, daß er auch schon daran gedacht habe und beschlossen

habe, ein Haus zu diesem Zwecke zur Verfügung zu stellen. Er

habe an eins auf dem Wege zu den Baracken gedacht, in welchem

augenblicklich die Geniesergeanten untergebracht sind. Ich sollte

dort Wohnung nehmen, die Infektionsstation leiten und die Frauen-

und Kinderstation weiterbehalten. Ich war natürlich sehr erfreut

darüber. Der Maréchal wurde beauftragt, mir das Haus zu zeigen;

ich solle ihm dann sagen, wie ich es einrichten wolle. In zwei bis

drei Tagen solle der Umzug stattfinden. Auf dem Rückwege zeigte

mir der Maréchal das Haus, ganz geeignet für unsere Zwecke. Es hat

vier Zimmer nach dem Süden als Krankenzimmer, die ich gut mit je

vier bis fünf Patientinnen belegen kann, dann ein Zimmer für mich

mit Bett und Schreibtisch, daran anschließend eine kleine Küche und

Apotheke. Vor dem Hause kleiner Raum und kleiner Garten, schöne

Aussicht auf das Meer. Ich sagte natürlich gerne zu, bat noch,

Bonitz als Pfleger dorthin mitnehmen zu dürfen; das wird wohl keine

Schwierigkeiten haben. Bonitz ist natürlich von dem Gedanken sehr

erbaut.

Am meisten erbaut bin ich selber. Wie anders hat sich seit wenigen

Tagen mein Los gestaltet! Ich bereute fast nicht mehr, daß ich

gefangen war. Ich aß im Kasino und ging dann zum Schuppen meiner

Kameraden.

J'accuse (Ich klage an): Zwei Jahre in französischer Gefangenschaft · 第 3 / 11 段