Armer Julius Meyer, wo blieb die Humanität, die dich also beseelte bei

den Neuangekommenen?

Und wer den bittersten Schaden hat, soll noch den Spott dazu in Kauf

nehmen, das ist harte Bedingung. Den Namen „Humanitätsmeyer“ bist du

nie losgeworden, und für uns wirst du ihn bis an dein seliges Ende

tragen. Aber doch hast du es gutgemeint.

Also das war der Anfang!

Unsere tüchtigen Seeleute griffen nun ein. Wir erhielten vom Sergeanten

Erlaubnis zur gründlichsten Reinigung des Todesraumes. Er versicherte

uns mehrfach, wie peinlich ihm die Ausführung des Befehls, der von oben

kam, geworden sei. Es wurde tüchtig gearbeitet, alles nach draußen

getrieben, während drinnen die Ausräumung des Augiasstalles unternommen

wurde. In Haufen wurde der Dreck in den Graben geworfen, der das

Kastell umgab. Die Skorpione wurden an einzelne Liebhaber verschenkt;

dann wurde gescheuert und gewaschen, bis es schien, daß der Raum

bewohnbar sei. Aber unser bemächtigte sich eine tiefe Depression. Wenn

das möglich war, wie werden wir Epidemien auf die Dauer fernhalten?

Der Sergeant hat uns auch hier geholfen. Er nahm erst einige, dann

andere aus dem furchtbaren Raum, erst uns Aerzte, dann die Priester,

und später belegte er mehr und mehr den oberen Turmraum. Er hat mir

noch einmal wiederholt, wie schwer es ihm geworden sei, dem Befehle zu

gehorchen, da er uns höher einschätzte. Es ist das ungefähr das einzige

Mal gewesen, daß wir solche Meinung von einem Franzosen gehört haben.

Unsere Gefangenschaft in Château d’If nahte mehr und mehr ihrem Ende,

und nur weniges ist noch von ihr zu berichten. -- Ich wurde eines Tages

zu den Kommissären gerufen. Man bedeutete mir, daß ein großer Korb

mit Damenkleidern noch im Lager sei, und man vermeinte, es sei der

meinige. Zu meinem Schrecken mußte ich das zugeben. Meine arme Frau

wird schön in Verlegenheit gekommen sein! Da sie im letzten Augenblick

noch einige Sachen aus dem Reisekorb für mich herausgegeben hatte, war

dieser zum Schluß auf dem Ponton geblieben. Mein Entsetzen wurde indes

falsch gedeutet, und da ich auf die Frage, wem die Kleider gehörten,

antwortete, „meiner Frau und Tochter“, stellte man immer verfänglichere

Fragen, ob meine Frau kleiner sei als ich usw. Ich war harmlos genug,

immer noch nicht darauf zu verfallen, in welch fürchterlichem Verdacht

ich stände, bis der Kommissär mich aufklärte, ob ich denn nicht

begriffe, daß ich dadurch in den Verdacht käme, in Frauenkleidern

spioniert zu haben. Nein, daran hatte ich nicht gedacht. -- Ich weiß

von vielen, die um Geringeres an die Wand gestellt wurden. Gut, daß

die Kleider mir durchaus nicht paßten. So entging ich meinem Schicksal

und trug meiner Frau Kleider auch weiterhin mit uns. Aus verschiedenen

Gründen riskierte ich es nicht, sie nach Hause zu schicken.

Das Baden im Meere war uns in letzter Zeit erlaubt, aber das Wetter,

das sonst unser einziger guter Freund gewesen war, ließ uns nur einige

Male zum vollen Genuß kommen. Immer lauter wurde gemurmelt, daß unsere

Tage in Château d’If gezählt seien, und unsere Freude, daß die Freiheit

winke, wurde zu ausgelassenem Jubel, als wir eines Tages herausgerufen

wurden, der Kommissär uns antreten ließ und mitteilte, daß beide

Regierungen einen Austausch der Zivilgefangenen beschlossen hätten, und

daß die Sisterleute zuerst in Frage kämen. Dann stellte er an jeden

einzeln die Frage, ob er zum Austausch bereit sei, die jeder einzeln,

fast schreiend, mit „ja“ beantwortete. Dann waren wir entlassen.

Wie die Kinder oder wie die Trunkenen gebärdeten wir uns in unserem

Jubel. Ich stürmte herauf, Moritz, der sich krank fühlte und sich

hingelegt hatte, die Nachricht zu bringen; aber Bonitz war mir schon

zuvorgekommen, und Moritz war im Augenblick gesund. Wir vereinigten

uns im Saale der Matrosen, da verteilten wir unsere Kasse, sammelten

für die Hinterbliebenen, Rede und Gegenrede wurde gehalten, über all

das, was wir gemeinsam und einzeln uns angeschafft, wurde verfügt,

Abschied wurde genommen; denn schon drang durch den Kantinenwirt

ein neues Gerücht zu uns, daß wir noch heute nacht abgeholt werden

sollten, um an die Schweizer Grenze befördert zu werden. Aber die Nacht

verging, die viele wachend zugebracht haben, und noch manche Nacht, bis

endlich der Tag erschien, da das Gerücht deutlichere Fassung annahm,

es geht wirklich fort. Die Kantinenwirtin besorgte sich schon keinen

Vorrat mehr, und unsere Koffer standen auf höheren Befehl gepackt.

Der Kommissär kam eines Tages, und da wir in unsere Becher die Tage

unseres Aufenthaltes in Château d’If eingeschnitzt hatten, fragte

er, welchen wir denn als Abschiedstag gesetzt hätten. Wir sahen ihn

fragend an, und er erwiderte: „Schreiben Sie getrost den heutigen Tag!“

Nun brach der Jubel von neuem los. So schändlich würde der Mann nicht

an uns handeln und unser in dieser Lage spotten! Wir hätten ihm nicht

trauen sollen. -- Mein Panamahut war am Tage vorher bei kolossalem

Sturm von oben aus ins Meer getrieben, und da ich seinen Verlust am

nächsten Tage beklagte, trat „mit fröhlichem Gesichte ein Fischer“ vor

mich hin und gab ihn mir wieder. Ein Aberglauben hatte manchen von uns

stutzig gemacht, und ich stehe nicht an, heute zu bekennen, daß ich als

aufgeklärter Mann jedem, auch finsterstem und albernstem Aberglauben

mehr traue als dem Wort eines Franzosen. Wir haben darin noch bessere

Erfahrungen gemacht.

Der Mann hat zweimal unser gespottet, hier und später in Frioul, und es

mit herzlichstem Behagen getan.

Das Schiff kam wirklich, uns fortzuführen, aber nicht in den Hafen von

Marseille, sondern am Nachmittag des 20. September in unseren zweiten

Kerker nach +Frioul+.

Frioul I.

Und ob das Meer nach Unrat roch,

Und ob sich unsre Fäuste ballten,

Zwang man uns in das gleiche Joch

Mit zweifelwürdigen Gestalten,

Und regnet’s durch manch Mauerloch

Auf Stroh und Decken, durch die Spalten,

-- -- -- -- -- -- -- --

Da in Frioul hat man uns doch

Für Menschen immerhin gehalten.

Abends fahren wir in Frioul ein. Geduld! Es kann ja nur noch für

wenige Tage sein. Die Kommissäre haben es uns versichert, daß die

Austauschverhandlungen noch in vollem Gange seien, und daß es nur

wenige Tage noch dauern würde, bis wir zu Hause wären. Und wir

wappnen uns mit neuer Geduld und stärken uns mit neuer Hoffnung.

Vielleicht werden wir auch nur nach Frioul geschafft, weil wir von da

leichter transportiert werden können. Frioul ist Quarantänestation

für Marseille. Sei dem wie es wolle, vorläufig landeten wir in einer

Bucht der Insel, marschierten auf die andere Seite der Bucht und

zogen nach dem Anschauen eines riesigen Kochtopfes mit Linsen, die

wir hatten schleppen müssen, von denen wir aber nichts zu essen

erhielten, knurrenden Magens in den großen Quarantäneschuppen, dessen

Anblick uns erschauern machte. Dreckiger Steinfußboden, Holzwände, die

überall schadhaft sind, so daß der Wind durch die Hallen pfeift. Unser

Abendessen ist Brot, ein bißchen Wein geben die Soldaten, Stroh und

Decken werden verteilt, wir suchen müde einen Platz, der nicht zu sehr

von Schmutz strotzt und der auch nur einigermaßen geschützt ist. Aber

wo den finden? Der Sergeant hat die Krätzekranken abgesondert, und die

haben dadurch den einzigen Platz erhalten, wo pritschenartig einige

Holzbetten sich über dem Fußboden erheben. Der Platz ist zu schön und

einladend, und ich schlage Moritz und Bonitz vor, wir wollen uns zu den

Krätzekranken legen. Ich mußte fast lachen, als ich, wie ich es ja bei

dem sonderbaren Vorschlag erwarten konnte, ihre entrüsteten Gesichter

sah; aber Not bricht Eisen, und als ich ihnen auseinandersetzte, daß

wir hier wenigstens die Krätzemilben sehen oder ihren Aufenthaltsort

kennen, die Bakterien am schmutzstarrenden Fußboden und die Ungeziefer

aber nicht, daß diese geradeso todsicher da wären wie die Krätzemilben,

da wirkten so schlagende Gründe, und sie ergaben sich, wie ich, in

das rauhe Kriegsgeschick. Wir nahmen Platz neben den Krätzekranken und

baten sie nur, einen Isolierraum zwischen uns zu lassen. So schliefen

wir auf hartem Lager, eingewiegt von der einen großen Hoffnung: Morgen

ist Sistertag, da wird man uns holen und uns die Freiheit wiedergeben.

Nach Deutschland! Schon ist fast ein Monat vergangen, und ewig wird

die Gefangenschaft ja nicht dauern. Ja, wenn das da nicht wäre, diese

sichere Aussicht, die doch nicht täuschen kann -- -- -- Gute Nacht, und

morgen -- -- --!!

Montag! -- Es war ein jämmerliches Erwachen am nächsten Morgen. Wie ein

Alp drückend legte sich das allmähliche neue Begreifen unserer elenden

Lage auf die Brust. Nicht möglich, so kann es nicht fortgehen. Ein Ende

muß geschaffen werden! Und wieder stand das Gespenst der Verzweiflung

vor uns. Heulender Sturm draußen. Wir wollen heraus, müssen aber wieder

zurück. Die „Sister“ kommt nicht, wir sehen nichts von ihr. Vielleicht,

daß der Sturm sie zurückgehalten, vielleicht, daß sie in die Bucht

von Frioul nicht einlaufen kann. Und wenn sie heute nicht kommen

kann, morgen kommt sie gewiß. Was soll sonst aus uns werden? Wie die

Versinkenden klammern wir uns an den Halm der Hoffnung. Und dann trifft

uns wie ein Schlag die Nachricht: Die „Sister“ hat Marseille schon

passiert und ist auf dem Wege nach Genua! -- Wer das miterlebt, weiß,

was Enttäuschung heißt. Nun klappt im Augenblick alle Energie zusammen,

und eine heiße Wut steigt in uns auf angesichts des Viehstalles, in

den wir getrieben werden wie die Herde. Aber ich tue dem Viehstall

unrecht, wenigstens dem, was wir unter diesem Namen zu Hause verstehen.

Da will ich lieber Wohnung aufschlagen als hier. Der Sturm brüllt,

hinaus dürfen wir nicht, durch alle Löcher des verfallenen Stalles

pfeift der Wind und treibt allen Schmutz auf unser Lager und in unsere

Lungen. Schon zeigen sich neue Begleiter, die Wanzen und Läuse, die

an uns saugen und knabbern. Skorpione gibt es hier wie in Château

d’If. Der Ekel steigt uns in die Kehle. Zu essen gibt es nichts als

Kohlsuppe, die wir nicht mehr sehen können. Wir hungern und frieren.

Der Kommandant kommt nachmittags und fragt uns, wie wir zufrieden

seien. Wir sagen ihm, daß wir hier nicht leben können. Er zuckt die

Achseln: „Glauben Sie, daß es die Unsern in Deutschland besser haben?“

Einer erwidert: „Wir wissen es nicht, aber wir wünschen es ihnen.“

Der Kommandant wendet sich ab und fährt in seinem Benzinmotor davon.

Leicht hat er sich auch fernerhin seine Aufgabe gemacht. Meist kam

er auf Schleichwegen, daß niemand ihn bemerkte, der etwa Beschwerden

vorzubringen hatte, und drückte sich ebenso, ehe wir ihn fassen

konnten. Wir wandten uns an den Sergeanten und baten ihn um Hilfe. Er

ist der einzige, der helfen kann und will, der Mitleid mit uns hat

und wie ein Mensch fühlt. Er zeigt mir einen Raum für die Aerzte und

Priester. Er soll nur noch gereinigt werden. Das tut auch not. Gut

denn, noch einige Tage bei den Krätzekranken. Was hilft’s? „Das ist der

Krieg.“ Wir wälzen uns wieder unruhevoll auf unserem harten Lager. Der

Unmut hat sich gemehrt, und alle wohl ausnahmslos packt die Furcht:

nicht hier krank werden, nicht hier verrecken, ehe wir die Heimat

wiedergesehen haben und ihr in etwas nützlich geworden sind. Bleiern

lastet die furchtbare Erkenntnis auf uns, daß bald die Würfel über uns

geworfen werden; und die Sorge läßt uns nicht mehr, und an ihren Fersen

da hinten, da hinten, von ferne, von ferne, da naht er, der Bruder, da

naht er, der Tod.

Die Krankheiten mehrten sich. Kaum einer, der sich noch frisch

fühlte bei diesem jämmerlichen Lager und dieser ganz unzureichenden

Beköstigung. Und der Tod kam; der erste Fall berührte uns weniger, weil

er nicht in unserem Lager war. Die Mutter eines unserer Gefangenen,

eine ältere Dame, zuckerkrank, die trotz aller Reklamationen nicht

freigelassen war, starb im Krankenhaus zu Marseille. Ihr Sohn fuhr

zur Beerdigung. Weitere Opfer fielen, und es war unabweisbar, daß

unsere Lage die weniger Widerstandsfähigen niederstrecken mußte. Es

war ein Hohn, von Hygiene oder sanitären Maßregeln zu sprechen. Zwar

tat der brave Sergeant wieder alles, was er konnte, aber sein Können

war am Ende. Er gab uns einen Raum als Hospital, und der füllte sich.

Da lagen aneinandergereiht Kranke an Tuberkulose (Kehlkopf-, Lungen-

und Darmtuberkulose), an Disenterie und an Fiebern, die mit unseren

unzulänglichen Mitteln nicht zu diagnostizieren waren, von denen wir

aber in einigen gastrischen schon den typhösen Charakter vermuteten.

Wie sollten wir uns gegen die Verbreitung des Typhus wehren? Wir hatten

recht vermutet, neben der Dysenterie oder etwa nach ihrem Erlöschen

mehrten sich die Fälle des Abdominaltyphus.

Sehr gering waren die Erkältungen. Unser Sergeant gab uns viel

Freiheit. Wir durften eigentlich immer draußen sein. Das Wetter war

in Château d’If meist schön, in Frioul kalt, oft regnerisch und

stürmisch, aber doch so, daß ein klimatisch heilsamer Einfluß auf

die Lungen ein Gegengewicht bot gegen den gefährlichen Aufenthalt im

Schuppen. Der Himmel war für uns. Was aus uns in einem rauhen Klima

geworden wäre, mag ich nicht ausdenken. Der Platz, welcher uns als

Aufenthalt zur Verfügung gestellt war, war reichlich groß, wir konnten

spazierengehen und uns auch von den anderen absondern, wir waren nicht

immer aneinandergekettet. Der Sergeant, der der einzige Gebietende

war (den Kommandanten sah man einmal täglich, meist auf der Flucht),

gab uns auch die Erlaubnis zum Angeln. Das taten wir reichlich, es

war unser einziger Zeitvertreib; denn Bücher waren damals nur wenige

im Lager, und andere Beschäftigung, welche uns hätte ausfüllen und

die schwarzen Gedanken hätte vertreiben können, fehlte. So angelten

wir, und wenn der Fisch biß, lenkte er die Gedanken ab. Es war dadurch

noch ein anderer Vorteil erreicht, oder er hätte erreicht werden

können, der einer besseren Ernährung. Das war freilich illusorisch,

denn unser Angelplatz war dicht neben den Aborten, die den Unrat von

vielen hundert Gefangenen auf direktestem Wege nach guten Zielversuchen

ins Wasser führten, und den Aborten zunächst wurden die fettesten

der kleinen Fische geangelt. Da das Buch, soweit das möglich ist,

es sich zur Aufgabe gemacht hat, ästhetisch zu bleiben, so übergehe

ich das Kapitel „Abortwesen“ ganz. Ich will nur bemerken, daß in der

langen Gefangenschaft in ganz kühnen Träumen uns etwas von einem W. C.

vorschwebte, auf dem man regelrecht Platz nehmen könnte. Wenn wir uns

trotzdem im Anfang Fische brieten, um den Hunger zu stillen (wir haben

ja auch bei Krätzekranken gelegen, um Schlaf zu finden), so erfaßte

uns doch bald ein unbeschreiblicher Ekel davor, und auch die anfangs

viel belobten Polypensuppen fanden keinen Beifall mehr, und der Ekel

erstreckte sich immer weiter. Wir mochten das Meer nicht mehr sehen.

Das schwamm voller Unrat. Nicht mehr baden, das war ganz unmöglich

geworden; wir mochten auch nicht mehr am Wasser vor dem Schuppen uns

aufhalten, denn da stank es, und es stank bis zum Schuppen hinein, und

es stank in der Kantine, die direkt den Aborten gegenüberlag, fünf

Schritt davon entfernt.

Die Ernährung, die bei jedem Oekonomenwechsel mit Pomp als „nun endlich

besser“ verkündet und die ersten zwei Tage wirklich so verabfolgt

wurde, blieb unglaublich schlecht und wurde immer schlechter. Alle

Vorstellungen, auch die Beschwerden des Sergeanten, halfen nichts. Als

mir einmal der Kommandant nicht entgehen konnte (ich hatte ihm auf

der Lauer gelegen) und ich ihm als Beweis schädlicher Ernährung ein

durch und durch verschimmeltes Brot zeigte, versprach er, die Sache

zu untersuchen und steckte sogar das _Corpus delicti_ ein. Aber

er hat wohl zu gründlich untersucht, denn ich sah ihn in den nächsten

Tagen nicht wieder. Aber die Leute hungerten, und die Stimmung der

Gefangenen wurde mehr und mehr gereizt.

Eines Abends kam ein Militärarzt aus Marseille in unser Lager, der sich

recht eingehend nach allem erkundigte. Da er deutsch sprach, so konnte

ich ihm besser als sonst die Beschwerden vortragen, die er freundlich

anhörte. Ich sagte ihm, daß, wenn die Ernährung so weiterginge, man

uns einen doppelten Raum anweisen müsse, unsere Kranken unterzubringen.

Ich stellte ihm vor, daß, abgesehen von der geringen Menge der

Nahrung, die Suppen zum Teil ekelerregend seien, daß wir nur alle

drei Tage ein Stückchen Fleisch, oft ganz ungenießbar, erhielten, daß

die Darmkrankheiten sich erheblich mehrten, und daß auch die Schaden

litten, welche Mittel hätten, sich einiges in der Kantine zu kaufen.

Er antwortete mir höflich und fast herzlich, daß es durchaus nicht die

Absicht der Franzosen sei, deutsche Gefangene Schaden nehmen zu lassen,

er wolle alles tun, um dem zu steuern. Dann reichte er mir die Hand,

und das Fauchen des Benzinmotors kündete mir, daß wieder einmal jemand

froh war, einer immerhin peinlichen Situation glücklich entronnen

zu sein. Geändert hat sich durch den Besuch nichts, und wir lernten

wieder einmal erfahren, daß das durchaus nicht der Zweck derartiger

Besuche war. Wie gesagt, eine gewisse Besserung lag darin, daß wir uns

einiges, auch Wein, in der Kantine kaufen konnten. Abgesehen davon,

daß das nur diejenigen begünstigte, die Geld hatten, war auch der Raum

so schmutzig, häßlich und ungemütlich, daß wir, wenn möglich, ihn

mieden. Zudem war die Kantine in den Stunden, wo sie geöffnet war, so

überfüllt, daß man warten mußte, um Platz zu bekommen, und -- _last

not least_ -- die Düfte...

Wein war damals noch unbeschränkt erlaubt, und das war auch nicht gut.

Die Folgen waren schlimme und sind es lange geblieben.

Frioul, 2. Okt. 1914.

Meine liebe Armgard!

Du glaubst nicht, wie quälend es ist, Dir schreiben zu müssen und

noch dazu in französischer Sprache, wie es anfangs war, „_je me

trouve assez bien_“. Ich habe nie gelogen, wenn ich Dir schrieb

oder sprach, und wir waren gewohnt, mehr auszutauschen als die

gewöhnlichen Erlebnisse des Alltags. Da will ich mich trösten mit

Briefen, die Dich nicht erreichen und Dich nicht erreichen sollen,

die, wenn ich hier falle -- ich darf getrost den stolzen Ausdruck

gebrauchen -- Dir überbracht werden mit meinem Tagebuche, und

die, wenn ich gesund die Heimat erreiche, ich Dir selber vorlesen

werde. Ein anderes ist noch möglich, daß man mir das, was mir das

Liebste in der unwürdigen Gefangenschaft geworden ist, fortnimmt.

Ich hüte meine Blätter wie ein Heiligtum, aber wer steht für

das Ende, das sie, das ich finde? -- Wir sind erst 40 Tage in

Gefangenschaft, und jeder Tag, wenn er auch dasselbe Gesicht zeigt,

bringt etwas Neues, und das Neue überholt das Erlebte des vorigen

Tages und läßt die Zukunft uns dunkler und dunkler erscheinen.

Ich meine unsere Zukunft, denn auf den endgültigen Sieg unseres

Heeres und unserer Marine baue ich so felsenfest, wie ich von je

darauf gebaut habe. Darin machen mich die hämischen Bemerkungen

unserer Wärter nicht irre. Wir dürfen keine Zeitungen lesen, und

das ist wohl gut. Eins fürchte ich, und wohl jeder von uns, hier

zu verrecken, ehe wir etwas für unsere Heimat getan haben. So ganz

ruhmlos möchte ich nicht aus diesem Kriege hervorgehen, und daß

ich noch nichts habe tun können, schmerzt mich am meisten. Darum

hatte ich der französischen Regierung den Vorschlag machen wollen,

mich anzustellen, mit der Bedingung, daß ich in Gefangenenlagern

vorzugsweise meine Landsleute behandeln dürfte, wenn möglich

verwundete Soldaten. Das ist abgeschlagen, aber nun wird es in

gewisser Weise in Erfüllung gehen, denn Krankheiten mehren sich

in unserem Lager und die Zahl der Gefangenen. Aber wie sollen

wir behandeln? Uns steht ja kein Medikament, kein Bett, kein

Verbandstoff zur Verfügung. Kranken +nur+ Trost zusprechen, wo

man selber keinen Trost findet, ist ein nichtig Ding. Sie glauben

uns nicht, weil wir auch nicht glauben. So greift die Verzweiflung

mehr und mehr um sich, und der Verzweiflung entspringt der wilde

Plan der Selbsthilfe. Darum, wenn wir den Krankheiten entgehen

-- und wir werden es durchaus nicht alle, das ist sicher --, so

wird jedes Opfer unwürdiger Verhältnisse, jeder weitere hämische

Uebermut unserer Gefangenenwärter uns mehr und mehr zum Widerstande

reizen, und dem Kriegsgesetze, das scharf ist und scharf sein muß,

unterstehen wir.

Darin liegt die größte Gefahr, in der Auflehnung.

Ich kann nicht dauernd den Korporalston vertragen, ich kann es

nicht hören, wenn einem an Dysenterie Kranken, der zu unerlaubter

Zeit den Abort aufsuchen muß, wie ich es neulich hörte, zugerufen

wird: „_S’il ne peut pas attendre, qu’il peut sortir, qu’il se

merde dans son pantalon!“_ Es sind so viele gebildete Männer unter

uns, die derlei nicht gewöhnt sind. Ich nehme mir täglich wieder

vor, über meine Lage hinwegzusehen und das Empfinden dagegen

abzustumpfen, daß ich der Willkür irgendeines rohen Burschen

ausgesetzt bin, der sein Mütchen an mir kühlen will, dem „_boche_“,

den er nur im Felde fürchtet. Und wenn ich mich auch vielleicht

für mich gewöhnen würde, werde ich es für andere, oder werden sie

es für sich können? Ich weiß, Ihr fürchtet in demselben Sinne für

mich, weil Ihr mich kennt und auch meine Freundschaft für die

Franzosen. Neulich hätte es beinahe eine zweite Tragödie, wie auf

unserer Reise nach Marseille, gegeben und mit ernsteren Folgen.

Oekonomen kommen und gehen. Jeder treibt es, solange man

wucherische Uebervorteilung hinnimmt, und solange sie nicht Rand

und Band überschreitet. Geschieht das, so kommt ein neuer und

treibt es wieder so weit, bis ein neuer ihn ablösen muß.

Wir hatten wieder unsere Kohlsuppe, nachmittags war uns auf unsere

Beschwerde hin Fleisch versprochen, und es gab auch Fleisch, so

hart und zähe wie Leder, ungenießbar. Ich trat vor, reklamierte in

schlechtestem Französisch, aber mit deutlicher Zeichensprache, und

warf dem Oekonomen das Fleisch vor die Füße. Der wollte den Koch

verantwortlich machen, bis der ihm seinen Kochlöffel vor die Füße

warf. Die Stimmung war böse, da trat der Sergeant, vom Korporal

gerufen, herzu. In anderen Lagern war mir Gefängnis sicher, aber

der trat, wie immer, auf unsere Seite und wieder wurde ein Oekonom

entfernt.

Heute, liebste Armgard, ist unserer kleinen Renate Geburtstag und

ich habe ihn würdig unserer Lage gefeiert. Ich geleitete einen

armen kleinen Kriegsgefangenen, das achtjährige Töchterchen des

Notars Lützerer, zu Grabe. Er sowohl wie seine Frau und sein

einziges Kind waren Gefangene und hierhertransportiert. Die Mutter

hat mir eine jämmerliche Beschreibung des Transportes gegeben. Das

arme Kind war tagelang ohne Nahrung geblieben, einige fette Suppen

ausgenommen, die der schwache Magen nicht vertrug. Schmutziges

Wasser diente als Getränk. So erkrankte es schwer, und alle

Medikamente im Hospital zu Frioul nutzten dem armen Wurm nichts. 40

von unserem Lager waren abgeordnet zur Leichenfolge, darunter ich,

40 vom Frauenlager in Frioul. Wir trafen uns vor dem Hospital. Ein

Bierkarren stand vor dem Fenster, aus dem der Sarg des armen Opfers

gehoben und aufgeladen wurde. Du kannst Dir nicht denken, wie uns

zumute war. Es war ein jämmerliches, klägliches Schauspiel, und

die armen Eltern, die so ihr Einziges hergeben mußten, waren fast

die Mutigsten unter uns. So brachten wir den armen kleinen Körper,

der die Kraft nicht mehr gehabt hatte, so rauher Kriegsbehandlung

zu widerstehen, auf den Friedhof. Der Sergeant ließ die Posten

präsentieren. Das ist später nicht wieder geschehen. Die Priester

gingen voran, dann der Wagen, mit vielen Blumen geschmückt, dann

die Eltern und das übrige Gefolge zur Seite, in gleichem Abstand

französische Bajonette. Der französische Pfarrer segnete die Leiche

ein, dann wurde der Sarg auf dem Friedhof versenkt. -- Friedhof!

-- ein ödes, von Gestein und Unkraut umwuchertes Stückchen Land,

das den ersten Toten aufnahm. Pater Kaspar sprach wenige, aber so

herzliche und erschütternde Worte am Sarge, daß jedes Auge voller

Tränen stand.

J'accuse (Ich klage an): Zwei Jahre in französischer Gefangenschaft · 第 2 / 11 段