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J’ACCUSE
(Ich klage an)
Zwei Jahre in französischer Gefangenschaft
von
MAX BRAUSEWETTER
Stabsarzt a. D.
[Illustration]
1918
Verlag Bruno Cassirer, Berlin
[Illustration]
Abschrift
des
Tagebuches
Inhalt
Wo warst Du? 2
Château d’If 3
Frioul I 28
Frioul II 39
III Casabianda 57
Kerker in Casabianda 104
Uzès 113
Weihnachten 121
Nachspiele von Casabianda 124
Meine Anerkennung als Offizier 129
Wo warst Du?
Einstellen aller Fehden,
Befehl, Gewehr in Ruh!
Nun, Deutschland, frage jeden
Das eine: Wo warst du?
Hast du den Ruf vernommen
Vom heil’gen Deutschen Reich?
Bist du zurückgekommen,
Und kamst du alsogleich?
Uns hat ein Heimatkünden
Wie Schreckensruf gejagt,
Der Weg war schwer zu finden,
Wir haben ihn gewagt -- -- --
Und dann in Kerkermauern
Den falschen Weg gebüßt,
Doch ohne Reu und Trauern,
Weil wir es so gemüßt. --
Wag’ einer, uns zu schmälen,
Weh dem, der unser spott’!
Den Weg galt’s uns zu wählen,
Wohin er führte, Gott. --
Wir haben schwer gelitten,
Daß noch das Inn’re brennt,
So wie wir keinem Dritten
Zu leiden je gegönnt.
Eh’ wer uns höhnend stelle,
Ballt uns’re Faust sich zu:
Auf Widerfrag’, Geselle,
Sag’ an: Wo, wie warst du?
Es war eine klägliche Rolle, die mir im Weltkriege 1914 zufiel, ich
hatte mir alles so anders gedacht, als ich auf den ersten Kriegsruf
hin von Malaga nach Barcelona fuhr, mich zu stellen. Zweimal machte
ich die Fahrt, war inzwischen auch in Valencia, um dort einen Weg nach
der schwerbedrohten Heimat zu suchen. Die Würfel fielen ungleich.
Während einige von uns mit gutem Glück nach Genua gelangten, wurden
wir trotz der Zusicherung, die wir von der deutschen, französischen
und spanischen Regierung erhielten, in Marseille gefangengenommen und
zur Untätigkeit rettungslos verdammt. Wenn mir je ein Wort Goethes
Trost gewesen, so war es in dieser trostlosen Zeit Fausts Mahnung an
den Menschen: Er stehe fest und sehe hier sich um, dem Tüchtigen ist
diese Welt nicht stumm. Dieses weltumfassende Wort verkleinerte ich
mir für meine augenblickliche Lage so: Nicht jedem ist es vergönnt,
in so gewaltiger Zeit da zu stehen, wo der Tod oder das E. K. winkt.
Auch andere Posten verteilt das eherne Kriegsgesetz, und wen es auf
minderwertigen gestellt, von dem fordert es gleiche Hingabe wie vom
Vorposten. Fest soll er stehen und sich umsehen, dem Tüchtigen weist
auch geringe Stellung seine Aufgabe, und ein Zusammenarbeiten aller
erfordert so ernste Zeit. So lernte ich mich bescheiden und gewöhnte
mich daran, dem Kasernenton französischer Korporale zu gehorchen und
die hämische Behandlung unserer Vorgesetzten zu ertragen, unter der wir
mehr litten, als unter schlechter Behausung und Ernährung. Ich suchte
meinen Anteil am Kriege zu gewinnen, so klein er sei, und es ist mir
oft gelungen, nicht immer.
Was ich bringe, ist wahr, mag es auch romanhaft klingen. Alle Briefe
sind authentische Kopien, mit Ausnahme der Briefe an meine Frau,
welche nur meinem Bedürfnis Rechnung trugen, mich ihr mitzuteilen, die
ebenso litt wie ich. Sie hätten natürlich in dieser Form die Zensur
nie passiert. So mag das Buch von seelischen und körperlichen Leiden
erzählen. Es bringt davon vielleicht mehr, als sonst Gefangene erduldet
haben; es mag auch berichten von einer Auferstehung unserer selbst, die
viele, nicht alle, feiern durften.
Da unsere Beglaubigungen, die der Sisterleute, in Bausch und Bogen
gemacht sind, bringe ich diejenigen zur Veröffentlichung, mit welchen
versehen zwei Herren, auf demselben Wege wie wir, drei Wochen später
unser Schicksal zu teilen gezwungen wurden. Die beiden Herren,
Herr Müller und Herr Weißschedel, trugen folgendes Schriftstück in
spanischer und französischer Sprache und amtlich beglaubigt bei sich:
Staatsministerium: Als Resultat der vom Staatsministerium bei
Empfang der Verbalnote der deutschen Gesandtschaft vom 24. August
d. J. unternommenen Schritte, gibt die Regierung der französischen
Republik die +Zusicherung+, daß die deutschen Untertanen --
Nichtkombattanten --, welche, von Barcelona kommend, auf der
Heimreise einen französischen Hafen berühren und mit einem
Ausweis des deutschen Generalkonsulats, der vom Zivilgouverneur
von Barcelona visiert ist, versehen sind, +weder angehalten noch
belästigt werden sollen+. San Sebastian, 28. August 1914.
In den ersten Morgenstunden des 24. August fuhren wir auf dem
spanischen Schiff „Sister“ an den Inseln „Château d’If“ und „Frioul“
vorüber in den Hafen von Marseille, von wo wir, nach kurzem Aufenthalt,
nach Genua sollten. Die Gestalt der durch Dumas Grafen von Monte
Christo, genugsam bekannten Insel in der fahlen Dämmerbeleuchtung
reizte uns zur üblichen Unterhaltung. Wir ahnten nicht, wie tief wir
in die Geheimnisse der sagenumsponnenen Ruine eindringen sollten. Aber
der Anblick allein warf seine Schatten voraus. Es ging wie ein banges
Ahnen durch unsere Reihen, und die frohe Stimmung des gestrigen Abends
wollte nicht mehr aufkommen. Wir verloren an dem bedrückenden Morgen
mehr und mehr die Zuversicht, und wie ein Alpdruck legte sich langsam
die Erkenntnis unserer Lage auf uns. Nachmittags war es bestimmt:
72 Männer, also fast alle, gleichviel ob sie über 45 Jahre, ob sie
Invaliden, Aerzte oder Priester waren, wurden zu Kriegsgefangenen der
französischen Republik gemacht. Wehrlos mußten wir den Bajonetten
der französischen Soldaten gehorchen, und nach einem kurzen und
würdigen Abschied von den Unseren -- ich reiste mit meiner Frau und
meiner 16jährigen Tochter -- wurden wir aufs Ponton kommandiert, von
Bajonetten umschlossen, und fuhren, zuerst von dem erschütternden
Jammern der Unseren, dann von dem Johlen und Kreischen der Marseiller
Weiber: _à bas! à bas! à la mer! à la mer!_ begleitet nach Château
d’If. --
Wir langten etwa um 4½ Uhr nachmittags an der Landungsbrücke an,
mußten unsere Koffer usw. bis nach oben zum Platze, der das eigentliche
Château umgibt, tragen, dann kam die Revision des Gepäcks auf Waffen,
Ferngläser und photographische Apparate, eine Untersuchung, die sich
in der Zeit unserer Gefangenschaft noch bis zum Ueberdruß wiederholen
sollte. Dann waren wir für einige Zeit uns selber überlassen. Wenn man
mir mit einer Keule über den Kopf geschlagen hätte, mir wäre, glaube
ich, nicht übler zumute gewesen, als diesen Nachmittag. Der Major,
welcher uns auf dem Schiffe gefangennahm, hatte so freundlich meiner
Frau versichert: „Seien Sie ganz unbesorgt, Ihr Herr Gemahl wird es gut
haben, gutes Bett, gutes Essen, gerade wie zu Hause.“ Er hatte das so
treuherzig versichert, und wir kannten damals die hämische Art unserer
Quäler noch nicht. Nun standen mein Freund Moritz und ich vor den
öden Mauern der Burgruine, durch deren vergitterte Fensterhöhlen die
untergehende Sonne kümmerlichen Weg suchte. Wir sahen erstaunt einander
an und unsere blöden Gesichter fragten: „Soll das die standesgemäße
Unterkunft für uns bedeuten?“ Gegenüber vom Kastell lag ein Café für
Sonntagsbesucher; der Preis für Erfrischungen war noch aufgeschrieben,
aber die Wirtschaft war außer Betrieb gesetzt. Senkrecht dazu die
Kantine, welche uns ihre Räume heimlich öffnete und uns, die wir den
ganzen Tag nichts genossen, etwas Speise und Trank verabreichte.
Vergebens spähte unser Auge nach einem kasernenartigen Gebäude, das
uns wenigstens gefensterte Räume, die durch Türen zu schließen waren,
geboten hätte. Man ließ uns keine Zeit zu solchen nichtswürdigen
Betrachtungen. Château d’If öffnete sein Kerkertor, nachdem wir je
2 und 2 Mann mit einer Strohmatratze beladen waren, und schloß sich
hinter uns. Wir suchten ermüdet Raum, wo wir ihn fanden, uns zu
betten, und die kleinen Schlafgesellen, die wir von nun an nie mehr
ganz entbehrten, hätten uns kaum erweckt, wenn nicht ein französischer
Offizier diese Aufgabe übernommen hätte, wohl in der löblichen Absicht,
uns daran zu gewöhnen, daß wir in Frankreich nicht auf Rosen gebettet
seien. Wie einer nächtlichen Vision erinnere ich mich dieses Besuches.
Das Geisterzimmer plötzlich blendend hell, durch Fackeln erleuchtet,
blitzende Uniformen, grell leuchtende Bajonette, ein kurzer Befehl,
vier Hände rissen eine Matratze mit rasender Geschwindigkeit an
sich, deren schlaftrunkene Inhaber zu einem kunstvollen Saltomortale
gezwungen wurden. Aufschlagen, wie von gebrochenen Leibern, Abmarsch
der Sieger, leises Wimmern der Besiegten, tiefe Dunkelheit und Ruhe.
-- Wir hatten es eben ganz wie zu Hause. -- -- -- Am nächsten Morgen
erwachten wir beim ersten Grauen des Tages. Es lag eine bleierne
Schwere auf uns, die in tiefem Schweigen Ausdruck fand. Was einer
dem anderen mitzuteilen, was er ihn zu fragen hatte, das tat er in
geheimnisvoll erwartendem Tone. Ich denke mir, so müssen die Gefangenen
in der Bastille miteinander gesprochen haben, und es erinnert mich
an die Darstellung von Hanneles Himmelfahrt im Schauspielhause, als
beim toten Hannele die Leidtragenden vorüberdefilieren und sich
ihre Beobachtungen mit Grabesstimme zuraunen. Die Sonne stieg höher
und noch öffneten sich die Kerkertore nicht. So machten wir uns
schnellere Bewegung, wie die Engländer auf dem Schiffsdeck, und die
Szene wurde lebhafter. Wir konnten durchaus Anspruch darauf machen,
mit den Gefangenen damaliger Zeit verglichen zu werden, denn unsere
Gesellschaft war recht bunt zusammengesetzt und bestand zum großen Teil
aus Geistlichen und Gelehrten. Wir zählten 10 geistliche Herren und 12
des Gelehrtenstandes unter 72. Außerdem Kaufleute, Farmer, gewesene
Offiziere usw. Gleiches Leid führt leicht zusammen, und so begannen
wir, uns einander zu nähern und die ersten Meinungen über das Schicksal
auszutauschen, das uns bevorstand. Da stießen wunderbare Optimisten
gegen ebenso gewaltige Pessimisten. Von der Freilassung heute, morgen,
ging es sprungweise zum Kriegsgericht, zur Füsillade. Im Grunde konnte
jeder recht haben, und das sollten wir später mehr und mehr einsehen,
vielleicht gerade der, welcher am wenigsten logisch deduzierte, denn
wir waren von heute an Gefangene im großen Frankreich, dem Lande der
unbegrenzten Möglichkeiten. Ueber Denken und Erwägen richtet die Metze
Fortuna. -- Von 5 Uhr morgens bis 10 Uhr ist eine lange Zeit für den,
welcher es nicht gewohnt ist, mit der Sonne sich zu erheben, und so
schienen die Stunden unendlich langsam zu vergehen.
Um 10 Uhr begann unser Sträflingsleben. Wir wurden etwa eingekleidet,
der Arzt erschien, ein freundlicher, grauer Herr, der nach geruhigem
Familienleben und behaglichen Mahlzeiten aussah. Der Uniformrock
stand ihm schlecht. Er trat uns mit Worten wohlwollend entgegen,
sonst ging er weder im positiven noch im negativen Sinne über den
Nullpunkt hinaus. Die ausgestreckte Zunge wurde meist recht gut
befunden und blieb maßgebend für Lungen-, Leber-, Nieren- oder
sonstige Leiden. Darüber hinaus erstreckte sich die Untersuchungskunst
nicht, und nachdem er unsere Zuchthausfähigkeit im allgemeinen
festgestellt hatte, enteilte der Brave froh getröstet zum heimischen
Frühstück. Eine Ahnung sagte uns, daß wir doch wohl länger als die
Optimisten hofften, beieinander bleiben dürften, und wir beschlossen,
uns zu organisieren, um allen an uns herantretenden Fragen einig
entgegentreten zu können. Und das war gut, es hat uns in Château d’If
eine relativ selbständige Stellung gegeben, die wir später nie mehr
gekannt haben. Auf den Vorschlag der Patres wurde ich zum Präsidenten
gewählt und auf meinen Vorschlag die Herren _Dr. theol._ Franz
Beyer, der Grazer Kanzelredner, und Leutnant a. D. Kurt Schmidt aus Las
Palmas als Beisitzer. Als unser Dolmetscher wurde Herr Peter Klein aus
Saarburg-Lothringen gewählt, ein Herr, der aus französischer Abstammung
im Herzen französisch war, dem aber meine Gefährten und ich das Zeugnis
ausstellen können, daß er, solange er an unserer Seite wirkte, uns
ein treuer und ehrlicher Kamerad gewesen ist. Ich betone das schon
hier, weil er leider zu den ganz wenigen Ausnahmen in unseren schweren
Erfahrungen gehört, die wir auf diesem Gebiet gesammelt haben. Und da
ich von lobenswerten Ausnahmen spreche und unsere Leidenszeit daran so
jämmerlich arm war, so will ich gleich hier unseres aufsichtführenden
Sergeanten gedenken. Er war ein Mann aus einfachem Stande, von
ehrlicher und vornehmer Denkungsart, von ernstem Wohlwollen gegen uns,
die wir ihm unterstellt waren. Wir haben ihn als einzigen Vorgesetzten
kennengelernt, den wir voll und ganz achten konnten. Ganz besonders
hoch sei es ihm angerechnet, daß er deutsche Patrioten höher schätzte
als deutsche Verräter und demgemäß handelte. Er ist der einzige dieser
Kategorie geblieben. -- Wir hatten Muße genug, unser Gefängnis von
außen und innen zu betrachten, da wir zwei Stunden auf dem Platze
spazierengehen durften, wo wir zugleich unsere erste Atzung: Kohlsuppe,
Brot und ein Stück Wurst, erhielten. Der Hunger suggerierte uns ein
köstliches Mahl, und wir äußerten uns gegenseitig sehr befriedigt über
die schmackhafte Kohlsuppe. Dann ging’s in geordnetem Zuge zurück über
die Brücke, zu zwei und zwei geordnet, um besser gezählt zu werden, was
selten beim ersten Male ganz gelang. Die Pforte schloß sich knarrend
hinter uns, und als ich sie sinnend von innen betrachtete, fiel mir
zum ersten Male die große Inschrift auf dem Torbogen auf: _Hotel du
peuple souverain_. Nun wußte ich, wo ich geborgen war. Nichts ist
mir im Leben so zuwider gewesen, wie der souveräne Pöbel, von dessen
Herrschaft Château d’If so prächtig Zeugnis ablegt. Dessen Zwangsgast
also war ich geworden. -- Wenden wir uns vom Eingang nach rechts, so
stoßen wir auf ein großes Tor, welches in einen weiten und wüsten
Raum führt, der uns einen geradezu unheimlichen Eindruck machte. Die
Wände waren feucht und modrig, Gestank erfüllte die Luft, der Fußboden
bestand aus trockenem und feuchtem Lehm, Staub, Abfällen von Lumpen und
Kot. Dieser Raum erschien uns, so sehr wir unsere Ansprüche auf das
Mindestmaß herabgesetzt hatten, kaum für Hunde bewohnbar.
Dieses Gefängnis sollte in kurzem Grund zu einer tragikomischen Szene
geben, und Grauen sollte ihm folgen. Der innere Längsraum verlängerte
sich noch zu einem Querraum, dieser stieß -- verbunden durch eine Tür
-- an den durch Dumas berühmt gewordenen Danteschen Kerker.
Ob Dumas aus reiner Phantasie geschöpft hat, weiß ich nicht, einiges
scheint wahr zu sein, oder wird heute noch geglaubt. Die Verbindung
zwischen dem Kerker Edmond Dantes, des künftigen Grafen von Monte
Christo, und dem des Abbé Faria durch ein ziemlich bedeutendes
Mauerloch besteht noch. Wir haben sie des öfteren und genau beleuchtet.
Fürwahr, genug Elend ist geschichtlich wie sagenhaft in den wenigen
Räumen aufgespeichert, und man darf sich nicht wundern, wenn unseren
erregten Sinnen sich manche der bleichen Gestalten belebten. Wußten
wir, was Frankreich mit uns vorhatte?
Aber der obere Raum bietet der Phantasie noch größeren Spielraum, und
der war uns vorläufig als Wohnraum bestimmt. Eine Treppe führt vom
unteren Brunnenhof auf die obere Galerie, welche die dort befindlichen
Kerkerräume verbindet. Wenden wir uns von der Treppe gleich nach
links, so kommen wir zum Kerker des Abbé Peretti, welches nun unseren
Priestern Wohnung bieten sollte.
Dann folgte das Zimmer der eisernen Maske, die wieder Dumas zu einem
Roman gereizt hat. Die Inschrift des Nebenraumes lautet: Kerker Louis
Philipps von Orleans, genannt Philipp Egalité! Dann kam die Zelle, die
mir für die nächste Zeit Herberge gewähren sollte, und die wenigstens
insofern bevorzugt war, als in sie, wie die Inschrift besagte, ein
Glücklicher seinen Einzug gehalten hatte: In diesem Raum wurde der
einbalsamierte Leichnam des Generals Kleber nach seiner Ueberführung
aus Aegypten im Jahre 1806 aufgebahrt. Die Beisetzungsfeierlichkeiten
haben in seiner Vaterstadt Straßburg stattgefunden. Es war das einer
der angenehmsten Räume. Ein weiteres Zimmer war der Kerker des
Verräters Prinzen Casimir, Bruder des Königs von Polen, Ladislaus
XVII., der sich gegen Frankreich mit den Spaniern verbündete. Mir ist
das Zimmer des Verräters später das behaglichste geworden, das ich
in Château d’If fand, soweit von Behaglichkeit auch nur annähernd
die Rede sein kann. Dem folgten die finsteren und geheimnisvolleren
Räume. Es blieb noch ein letzter trostloser Raum, oder vielmehr
waren es ihrer zwei, klein, abgeschlossen von allem, was Leben in
dieser Ruine heißen durfte. Einer stockfinster, der andere, daran
grenzend, halbfinster. Es knüpft sich auch an diesen Raum eine
humoristische Erinnerung. Als wir aus unseren Zellen einige Wochen
nach unserer ersten Besitznahme vertrieben waren, suchten Schmidt,
Moritz, Bonitz und ich einen Raum, wo wir uns vor der Unmenge von
Ungeziefer und Unrat wehren konnten, und fanden endlich diesen. Wir
waren schon glücklich, ihn gemeinsam und eng geschlossen bewohnen
zu dürfen, nachdem wir die nötigsten Ausbesserungen selber besorgt
hatten, und baten unseren braven Sergeanten Bonel um die Erlaubnis,
ihn uns anzuweisen, die er aber streng verweigerte, wohl weil höherer
Befehl ihm verboten hatte, so kostbare Wohnräume an uns abzugeben.
Um unsere Bescheidenheit zu beweisen, bringe ich hier die Inschrift,
die über diesen beiden Dunkelräumen prangte, die uns so begehrenswert
erschienen: Gefängnis der zum Tode Verurteilten. Der brave Sergeant
hatte auch Humor bewahrt, denn gleich darauf überließ er uns das
immerhin bessere Casimirgefängnis. Die Wendeltreppe führte weiter
hinauf zum Mauggouvertturm mit flachem Dache, der einen wunderbaren
Ausblick auf Marseille, Frioul und das offene Meer bot, leider aber
die unangenehme Eigenschaft hatte, daß die köstlich reine Meerluft
durch Abortdünste stark gefälscht wurde. Oben befand sich noch ein
großer runder geschlossener Kuppelraum, in dem später neue Gefangene
einquartiert wurden. Unten im Erdgeschoß war der große Ziehbrunnen,
welcher uns hygienisch noch viel zu schaffen machen sollte. Weiter bot
das Château noch drei große Räume, welche nicht von der Hauptpforte
zugängig waren und eigene Türen nach draußen hatten: Es waren das zwei
beiderseits gleichliegende und gleich große Kuppelräume im Erdgeschoß,
deren einer uns bald als Hospital diente und ein dritter, der Donjon,
in welchem die Hinrichtungen vollzogen wurden. Wenn nun auch durch
die Freundlichkeit unseres Sergeanten schon am nächsten Tage Wandel
geschaffen wurde in unserer Freiheitsbeschränkung, und unsere Lage
sich in dieser Beziehung von Tag zu Tag besserte, so war doch unsere
Ernährung ganz minderwertig und entsprach nicht im entferntesten dem,
was wir gewohnt waren. Wir litten bald durch eine Unterernährung
beträchtlich, die wir im Anfang für gering achteten, als unser Körper
noch genug Widerstand bot. Wir Sisterleute waren zum größten Teil
aus gesellschaftlichen Klassen, die an ein gewisses Wohlleben, und
sei es in einfachsten Grenzen, gewöhnt waren. Was uns jetzt geboten
war, stand in Quantität und Qualität weit unter dem, was der Körper
forderte. Der täglichen Kohlsuppe wurden wir zum Speien überdrüssig,
und als Zugabe immer ein Stück fetter und harter Knoblauchwurst
verbesserte die Verdauung nicht. Ich fing bald an, meine Kameraden
auf das eindringlichste zu warnen, ja nicht einer gewissen heroischen
Energie das Wort zu sprechen, sondern sich klarzumachen, wie wichtig
die Pflege des Leibes sei, und wie schwere Folgen eine Vernachlässigung
haben könnte. Daß ich recht hatte, erwies sich später. So mußten
wir uns Extrasachen kaufen. Zuerst den Morgenkaffee, den wir nicht
geliefert bekamen, dann anderes. Aber auch mit dem Kaufen war es eine
eigene Sache: wir waren von der Seite unserer Familie gerissen und
hatten denen von dem knappen Gelde, das wir meist auf der Heimreise
bei uns führten, geben müssen. So war unsere Barschaft gering, außer
bei einigen wenigen, und wir wußten nicht, woher Geld nehmen. Es war
vor allem das „Wie“ des Geldsendens, welches uns Sorge machte; dazu
kam, daß kaum einer Franken bei sich führte, sondern Lire, Pesetas
und Mark. Wie wechseln auf dieser Insel und bei wem? Freilich boten
sich bald genug Gemütsmenschen an, die dieses Geschäft aus lauter
Menschenfreundlichkeit auf sich nahmen; aber die Augen gingen uns über
bei solchem Tausch, zu dem wir bald gezwungen waren.
Also unser offizielles Essen, bestand morgens um 10 Uhr aus Suppe und
Brot, dazu ein Stück Wurst oder Käse, abends 4½ Uhr Suppe; das war
alles. Jeden zweiten Tag ein Stückchen Fleisch dazu. Die Suppe war, wie
gesagt, fast immer eine reichlich wässerige Kohlsuppe, ohne anderen
Inhalt; Bohnen oder Linsen gab es nicht oft. Einer solchen Leibespflege
waren wir nicht gewachsen. Nun hält der Mensch viel aus, aber nicht auf
die Dauer, und wenn wir noch anfangs uns aufrechterhielten, das blieb
nicht lange so. Wir mußten Wandel schaffen, und damit begann unsere
Organisation. Dieses unselige System, die Verpflegung der Gefangenen an
den Meistbietenden zu vermieten, wie das in Château d’If und in Frioul
geschehen war, muß natürlich zum Nachteil der Gefangenen ausschlagen.
Wir wurden vom Unternehmer schamlos ausgehungert und konnten ihm
nachrechnen, daß er für die Beköstigung des einzelnen -- der für 80
Cts. Nahrung zu fordern hatte -- höchstens die Hälfte bezahlte. Was
half es uns, wenn auf dauernde Beschwerden, deren Berechtigung eine
Nachprüfung ergab, der erste seines Amtes entsetzt und ein zweiter
eingesetzt wurde? Zwei Tage ging es, und dann war es gerade wie
vorher. Wir wandten uns also an unseren ersten Retter in der Not, eine
Frau, welche die Kantine unter sich hatte, eine dicke, rundliche,
freundliche und tüchtige Frau, welche mit gewisser Gutmütigkeit von
nun an für uns sorgte, nie ohne reichlichen Gewinn (Wein mit 100 Proz.
Aufschlag mindestens), aber doch zu unserer Zufriedenheit. Wir sind
später weit mehr und in weniger freundlicher Art geschröpft worden.
Die gute Frau hatte auch einige, die sie besonders bevorzugte, zu
denen ich mich rechnete. Sie gab mir stets den Ehrentitel „_monsieur
le président_“, und es gelang mir bald, in meinem kümmerlichsten
Französisch mich mit ihr zu verständigen. So richteten wir denn ein
tägliches Extragericht ein, das etwa 30-40 Cts. pro Teller kostete
und auf Vorbestellung hin ausgehändigt wurde. Es handelte sich um
einfache und nahrhafte Gerichte, und da die Frau außerdem für gute
Schinkenstullen, Käse und Eier sorgte, so war der augenblicklichen Not
einigermaßen gesteuert. Leider waren unter uns einige, die die Not
zwang, sich alle Extrakost zu versagen. Denen zu helfen, fanden wir
allmählich Wege. Schlimmer bestellt war es um andere, welche ihrer
Widerstandsfähigkeit zu viel zutrauten, denen war nicht zu helfen. Aber
die meisten kehrten bald von selber geängstigt um, bei zweien war es zu
spät gewesen.
Da die Geldfrage prekär war, so wurde es auch den meisten unmöglich
gemacht, sich ein einigermaßen annehmbares Lager zu verschaffen.
Geliefert wurden uns nur Strohmatratzen, und zwar in unserem Zimmer
4 für 11 Mann. Sie wurden zusammengelegt, und nun hatte jeder
selber dafür zu sorgen, daß er sich zwischen eng zusammengekeilte
menschliche Körper einzwängte. In unserem Zimmer -- man verzeihe es
einer kindlichen Gewohnheit aus früheren Zeiten, wenn ich Räume,
die uns zwangsweise als Wohn- und Schlafräume zugewiesen wurden,
euphemistisch mit dem Worte Zimmer bezeichne, derlei sprachliche
Ungezogenheiten laufen dem Neuling so leicht durch, der sich noch nicht
zum Verbrecherjargon durchgearbeitet hat -- also in unserem Zimmer gab
es einige Begüterte, welche sich den Luxus eigener Matratzen schon in
den ersten Tagen gönnten. Dadurch wurde uns anderen der relative Luxus
zuteil, daß wir das übriggebliebene Material in Anspruch nehmen und
uns zu zweit auf einer Matratze breitmachen durften. Decken, Kissen
usw. erhielten wir als durchaus entbehrlich nicht und suchten aus den
Koffern vorerst das notwendige Ersatzmaterial. Mein Freund Bonitz
aus Málaga und ich einigten uns nun zu ständigem gemeinsamen Besitze
einer Matratze, die wir später, als unsere Finanzen stiegen, durch
eine ganz neue eigene ersetzten. Auf dieser einen Matratze haben wir
beide fünf Monate lang geschlafen und uns so aneinandergewöhnt, daß
wir eine körperliche Beschränkung kaum mehr empfanden. Ich entsinne
mich nicht eines Streites, den wir wegen Raummangels gehabt hätten.
Wir waren bescheiden geworden, und andere Sorgen quälten uns weit
einschneidender bald so schwer, daß Bequemlichkeit nicht mehr gegen
seelische Leiden in Frage trat. Unsere Unterkunft entsprach auch sonst
nicht dem „Ganz-wie-zu-Hause“, das merkten wir an den von nun an
ständigen Begleitern, die in veränderter Gestalt grimmige Gewalt übten,
und die wir schon nicht mehr entbehrten, wenn sie gleich kalt und frech
uns selbst verhöhnten. Hier in Château d’If traten sie vorwiegend in
Gestalt der Skorpione und Flöhe auf. Die letzteren behandelten wir
von Anfang an mit souveräner Verachtung, den ersteren hatten wir mehr
Aufmerksamkeit zuzuwenden, etwa täglich wurde Jagd auf sie gemacht und
täglich einige Exemplare gefunden. Sie dienten auch zur Beschäftigung
der schwindligen Gemüter. Wie oft haben wir sie zu dem sagenhaften
Skorpionenselbstmord in Feuerumzingelung treiben wollen. Gelungen ist
es uns nie. -- Von uns hat auch keiner Selbstmord begangen! --
So verteilten wir mit dem Sergeanten Bonel die verschiedenen Räume.
Er überließ uns derartige Bestimmungen bald allein, da er sah, daß
unsere Selbstverwaltung sehr gut funktionierte. Der zweite Punkt,
auf den wir unser Augenmerk richteten, war die Hygiene des Körpers.
Zuerst die Wasserfrage. Ein tiefer Ziehbrunnen stand in der Mitte
des Kastellhofes. Es wurde uns zwar von dem Arzt versichert, das
Wasser sei gut, aber wir sind doch recht vorsichtig damit gewesen,
besonders, da uns einmal der furchtbare Verdacht aufstieg, der sich
glücklicherweise als grundlos herausstellte, die Bedürfnisanstalten
des oberen Stockes hätten in ihrem Abfluß auch einen Weg zum Brunnen
gefunden. Um aber einer Verunreinigung des Brunnens durch falschen
Gebrauch vorzubeugen, wurden strenge Weisungen gegeben, und eine Wache
hatte den Wasserausschank nach ärztlicher Verordnung zu überwachen. So
entstanden die ersten Gesetze in unserer Republik Château d’If, auf die
ich sämtliche Mitgefangene durch Handschlag feierlich verpflichtete.
Da alles im Leben Geld kostet, auch Reinlichkeit und Ordnung, und da
kein Staat ohne Finanzen regiert werden kann, so wurde eine Sammlung
veranstaltet, die über 100 Fr. ergab, und Schmidt stieg auf zum
Finanzminister. Das Geld hat sich stetig durch neue Spenden vermehrt
und ist später sehr segensreich geworden. Die Körperreinlichkeit
wurde dadurch ermöglicht, daß das Waschen im Freien und in Gruppen
zu sechs Mann eingerichtet wurde. Die Erlaubnis zum Baden im Meere
bekamen wir leider damals nicht. Ein anderes Erfordernis trat an uns,
die Gedanken aus dem täglich sich mehrenden Elend auf etwas Besseres
abzulenken. So begannen wir, uns abends auf der Galerie zu vereinen,
sangen zuerst einige Volkslieder und hielten bald auch Vorträge.
Einer der eifrigsten Förderer solcher Bestrebungen war _Dr._ Beyer,
der mit seiner klangvollen Stimme uns Loewesche Balladen und Arien
oft weihevoll vortrug. Er hat auch später durch seine Predigten und
Ansprachen sich große Verdienste um uns erworben, und manch einen,
auch mich, verband bald eine herzliche Freundschaft mit ihm, die, so
schwerer Leidenszeit entsprungen, hoffentlich desto fester hält. Ich
werde den tief sentimentalen Eindruck nicht vergessen, den solche
Abende auf uns machten. Es war die Zeit des Vollmondes, und wenn der
in das kahle Gemäuer unheimlich strahlte, und wir Gefangenen unter
französischen Bajonetten mit halb unterdrückter Stimme heimatliche
Lieder sangen, so trieb die Wehmut manch einem von uns die Tränen
in die Augen. Ich habe nie in so stimmungsvoller Umgebung Bürgers
„Leonore“ und Goethes „Totentanz“ vorgetragen, und eigenartig paßte es
auch in die Umgebung, als Schmidt und ich dort die ersten Akte „Faust“
rezitierten. Bei schlechtem Wetter hatten wir den Hintersaal „Eiserne
Mark“ für Vorträge und für den Gottesdienst eingerichtet und denken
gern der herzlichen Worte, die zu uns, gleichviel welchen Glaubens, von
katholischen Geistlichen Sonntags gesprochen wurden.
Doch auch die Lust an Vorträgen und Unterhaltungen ließ bald nach,
als ein Gespenst, zuerst in unseren Reihen kaum merkbar, dann aber
mehr und mehr sichtbar, sich eingeschlichen hatte, das wir nie
mehr ganz von uns abschütteln sollten, das Gespenst des Kleinmuts,
der Verzweiflung. Wie manchen von uns hat es die ganze Zeit der
Gefangenschaft so fest umkrallt gehalten, daß er die Folgen bis an
sein Ende spüren wird! Gepackt hat es jeden von uns, und jeder von uns
hat eine Zeit durchgemacht, da er wie ein Schwerkranker sich von der
Gesellschaft ausschloß und den bittersten Gedanken nachgrübelte. Ich
weiß von manch einem, und es war durchaus nicht immer ein Weichling,
der sich nachts die Decke über den Kopf zog und bitterlich weinte.
Das war nicht Schwäche, das war Scham vor sich selber. In Château
d’If waren es noch wenige, in Frioul mehrte sich die Zahl, und in
Casabianda griff die geistige Ansteckung erschreckend um sich, und in
jener Zeit, da wir unsere Kameraden an Dysenterie und Typhus verloren,
da die Fluchtversuche mißglückten und auf das härteste bestraft
wurden, hatte das Gespenst gewonnenes Spiel. Nur langsam richtete
den einen oder den anderen wieder der kategorische Imperativ auf: Du
darfst nicht in Feindesland kläglich erliegen! -- Daß keiner von uns
durch Selbstmord fiel, betrachte ich noch heute als große Genugtuung.
Wie nahe hat manch einer von uns vor solcher Lösung gestanden. Was
diesen Kleinmut erhöhte, war die ewige Sehnsucht nach Freiheit, die
täglich wiederkehrende Hoffnung, sie stünde uns nahe bevor, und die
täglich wiederkehrende Enttäuschung. Wer von uns gedenkt nicht der
Sistermontage, der festen Hoffnungen, die sich an das montägliche
Wiedererscheinen dieses verdammten Fahrzeuges geknüpft hatten. Es war
wie eine fixe Idee in uns, die Sister, die uns so heimtückisch ins
Gefängnis geführt, müsse uns die Freiheit wiederbringen. Und unsere
braven Kommissäre, denen wir trotz ihrer Verlogenheit immer wieder
trauten, bestärkten uns hämisch in diesem Glauben. Wie oft mögen sich
die Braven ins Fäustchen gelacht haben, wenn sie uns wieder einmal
zum Narren gehalten hatten! -- Ich darf mich wohl zu denen rechnen,
die eigene Energie aufrechterhalten hat, wenngleich ich die Tage und
Stunden der Verzweiflung durchmachte, wie jeder von uns, der etwas zu
verlieren und etwas zu wünschen hatte. Als die Aussicht, freizukommen,
immer weiter entschwand, entschloß ich mich, den Franzosen meine
ärztlichen Dienste anzubieten, wenn sie mich in ein Lager schicken
wollten, in welchem ich verwundete Deutsche behandeln könnte. Ich
war naiv genug, zu glauben, daß mir die Bitte erfüllt werden könnte.
Mein Gesuch wurde aber zweimal abgeschlagen und mir bedeutet, daß
es ganz aussichtslos sei, wenn ich ein offizielles Gesuch an das
Kriegsministerium richten würde. Es wären auch zu viele Bedingungen,
die ich absolut stellen mußte, ein Hindernis gewesen. Doch hat meine an
Ereignissen so reiche Gefangenschaft auch eine Periode gekannt, die
mich offiziell zum Medizinmajor in Vertretung beförderte, die freilich,
wie ich später berichten werde, mit traurigem Eklat endete.
Auch an den Ratsversammlungen, die fast täglich auf der Galerie
abgehalten wurden, war es mehr und mehr erkennbar, wie eine gewisse
Hast und Nervosität sich vieler bemächtigte. Es wurden Anträge auf
Anträge gestellt, bei der französischen Regierung, bei der spanischen
und deutschen, bei der amerikanischen Botschaft vorstellig zu werden
wegen unserer ungerechten Gefangensetzung, das und das zu fordern für
bessere Behandlung usw.; besonders war es wieder das Tribunalzimmer,
das die äußerste Linke bildete. Ich war durchaus gegen solche Schritte
und mit mir meine Kollegen vom Vorsitz. Noch in späteren Tagen ist mir
der Vorwurf gemacht worden, daß ich durch starke Ablehnung solcher
Vorschläge vielleicht eine frühere Freilassung verhindert hätte. Die
Zeitenfolge hat bewiesen, daß dieser Vorwurf ungerechtfertigt war.
Eingaben an alle Regierungen, die etwa tagtäglich gemacht wurden,
führten zu nichts, als zu ewigen Enttäuschungen, welche die Nervosität
zum Unerträglichen steigerten.
Mit dem Tribunal schloß ich an einem feierlichen Tage Frieden, es war
der 2. September, den wir in diesem Zimmer im kleinen Kreise und so
heimlich als möglich feierten. Und doch war diese Feier, so primitiv
sie war, von unvergeßlicher Weihe. Ich sprach in kurzen Worten von
der Bedeutung dieses Tages und dem wehmütig-zaghaften Gefühl, mit dem
wir hinter Schloß und Riegel unserer Helden von damals und unserer
Helden von heute gedächten. Dann sprach noch _Dr._ Beyer herzliche
Worte für mich, und es wurden mit leiser Stimme patriotische Lieder
gesungen. Erst um 9½ Uhr trennten sich die nächtlichen Schwärmer. Eine
Pfirsichbowle, die wohlpräpariert war, hatte wesentlich zur Hebung der
Stimmung beigetragen. So seltsam habe ich den 2. September nie begangen.
Bald darauf begann ein neuer Einzug der Gäste in unsere Burg. Es waren
das Offiziere und Mannschaften der „Elsa Köppen“ und einiger anderer
Schiffe. Die „Elsa Köppen“ war in Nizza angehalten und ihre Mannschaft
gefangengenommen, ehe noch der Krieg ausgebrochen war. Das nahm uns
nicht wunder; derlei waren und wurden wir immer wieder von neuem
gewöhnt. Es waren 34 Mann, darunter der Kapitän und mehrere Offiziere.
Sie waren teilweise scharf zugerichtet und erzählten von ähnlichem
Empfang durch die französische Damenwelt, wie er etwa den meisten
zuteil geworden ist, und den wir erst später genauer kennenlernen
sollten. Wir begrüßten die Herren und räumten ihnen mit Einverständnis
des Sergeanten Bonel als vorläufige Unterkunft den Festsaal ein. Die
Offiziere wurden in einzelne Zimmer verteilt, der Kapitän William ins
Tribunal, der Erste Offizier Heinrich zu uns. Am nächsten Tage gab es
Revolution im revolutionären Zimmer: der neue Ankömmling schnarchte
so, daß die festesten Mauern der Ruine ins Wanken gerieten. Es gibt
Charaktersünden des Menschen, die beim Kriegsgefangenen zur Todsünde
werden; dazu gehört das Schnarchen. Der Kapitän selbst verstand die
Aufregung der Masse durchaus nicht und erklärte am nächsten Morgen mit
Seelenruhe, daß er selten so gut geschlafen habe. Er ließ sich auch
später nie durch die Nervosität der anderen aus so gleichmäßiger Ruhe
bringen. Uebrigens liegt es mir fern, dem Herrn etwas Böses nachsagen
zu wollen; er hat mir im Winter durch einen prachtvollen dicken
Wintermantel und Kopfkissen die kalten Nächte erträglich gemacht. Auch
wurde gegen etwaiges Weitertragen der Krankheit dem Herrn Kapitän mit
drei anderen Herren, die rücksichtslos demselben Laster frönten, ein
Extracachot in Château d’If angewiesen, dessen Akustik minderwertig
war. Diese 34 reihten sich uns an, und wenn wir 72 Gefangene der Sister
als Sisterleute von nun an eine eigene Gruppe bildeten, so erweiterte
sich diese mit den 34 Matrosen zu den Château d’Ifern. Zu uns gesellten
sich dann noch der alte Herr Müller und Herr Weißschedel, deren
Schriftstücke mit der Versicherung ungehinderter Fahrt ich anfangs in
Kopie wiedergab. Der eine von ihnen war ein Greis, der andere schwer
krank; aber doch hielt sie Frankreichs Starrsinn und Unberechenbarkeit
als mobilisable Gefangene.
Und noch eines muß ich gedenken, der in unsere Gruppe aufgenommen
wurde. Den darf ich nicht mit drei Worten abspeisen; er bot uns
lange Unterhaltungsstoff und war ein Gradmesser für unsere erregten
Nerven. Es war an einem Dienstag. Wir schrieben den 9. September.
Hinter uns lagen die üblichen Sonntagsbesuche, die meist aus Damen
bestanden, welchen wir als „_boches_“, also als besondere Spezies von
Menagerietieren, gezeigt wurden. Der Montag hatte uns mit dem Einfahren
der Sister die üblichen Hoffnungen, mit ihrer Ausfahrt die übliche
Enttäuschung, der Dienstag den Katzenjammer gebracht. Unsere Stimmung
war die denkbar schlechteste und gefährlich für Kombinationen. Noch
dazu hatte am Nachmittag einer der Herren tschechischen Geistes, der
uns als besonders gewaltiger Redner gepriesen war, eine herzlich öde
Rede über den Marienkultus gehalten, kurz, wir waren reif zur Aufnahme
einer Sensation. Die ließ denn auch nicht lange auf sich warten.
Sie erschien -- das war an und für sich durchaus nichts Besonderes
-- in Gestalt eines neuen Gefangenen. Aber die Begleitumstände! Die
bekannte Treppe hinauf durch das Tor schritt ein Jüngling von etwa 24
Jahren, französische Soldaten -- ja, das war es! -- trugen ihm Koffer,
Matratzen, Kissen und Decken nach; er lohnte sie ab und entließ sie.
Was das sagen will, versteht nur der, welcher je Sträfling gewesen
ist. Ich will darauf nicht weiter eingehen, weil ich vielleicht nicht
genug Sachverständige fände, die unser Entsetzen voll würdigten. Wer
war der Jüngling, der wie ein verkappter Fürst, von französischen
Soldaten bedient, hier einzog, wohin wir noch vor kurzem, begleitet und
bedroht von französischen Bajonetten, unser Gepäck im Schweiße unseres
Angesichts heraufgeschleppt hatten? Wer war der Knabe, der mit einer,
nach unserer heutigen Anschauung, kompletten Schlafzimmereinrichtung
hier eintraf? Sein Aussehen war kaum deutsch, eher französisch.
Während die Besonnenen unter uns sich scheu und vorsichtig
zurückhielten, duldeten einige der Jüngeren seine Annäherung. Er sprach
fließend Französisch, Deutsch und Spanisch, nannte einen deutschen
Namen, „Silberger“; aber das kann schließlich jeder. Die Neugier
überwog, und auch wir lauschten schließlich dem krausen Zeug, das der
Ankömmling, sich überstürzend, im Anblick der erstaunten gläubigen
Gemeinde vortrug. Mir ist nicht alles im Gedächtnis geblieben; aber
wenn ich es heute rekapitulieren soll, war es etwa so: Die Russen
waren in Eilmärschen bis dicht vor Danzig gelangt (da wohnt mein
Bruder), nachdem sie Königsberg (da habe ich viele Onkel und Tanten)
in zwei Tagen erledigt hatten, wurden von der russischen Flotte in der
Zerstörung Danzigs unterstützt (armer Artur!), die inzwischen wohl
schon Faktum geworden sei. Die Deutschen waren vor Paris (also doch!).
Stettin wurde beschossen (da wohnt meine Mutter). Der Kurs der Mark
war zu 60 für Franken usw. Er, der Träger dieser Nachrichten, war auf
irgendeinem Ueberseeschiffe mit Franzosen zusammen gereist, hatte
sich für deutschen Deserteur ausgegeben und sei gezwungen worden, die
Marseillaise zu singen. Er unterrichtete uns schnell und legendär. Bald
ging ein Raunen durch unsere Reihen, hier lauert Verrat! Wer ist der
gesprächige Jüngling, und welchen Zweck verfolgt er? Und immer lauter
wird die Frage: Gebet acht! -- Und man gab acht, und es offenbarte
sich immer mehr, was wir längst erwartet: Der Ankömmling, der so
fürstlich ausgestattet zu uns kam, der in Marseille allein in einem
Hotel gewohnt hatte, war ein von der französischen Regierung für uns
bestellter Spitzel! Nun war es heraus und nicht mehr zu bannen. -- Die
Nervosität trieb wunderliche Blüten, und das mehrte sich, als er sich
mir vorstellte, mich fragte, ob ich Arzt sei, und ob ich so freundlich
sein wollte, ihn zu untersuchen, da er an einem schlimmen Fuße litte.
Ich tat das auch ganz ruhig und stellte eine allgemeine Schlaffheit der
Gelenkbänder fest. Damals stieg in mir noch nicht der fürchterliche
Verdacht auf wie in den anderen. Bald wurde ich meines Leichtsinns
wegen gescholten und schwer gewarnt: Durch die Kantinenwirtin, die es
einem andern unter dem Siegel tiefster Verschwiegenheit mitgeteilt
hatte, war es herausgekommen, daß die französische Regierung auf einen
aktiven deutschen General mit falschem Paß fahnde, und der befände sich
in unseren Reihen. Auf zwei fiel der stärkste Verdacht, auf Moritz
und mich. Bei Moritz war die Feststellung nicht so einfach. Wenn auch
sein Aussehen durchaus dem eines Generals entsprach, so war es doch
schwer, ihm Gespräche zu entlocken, die ihn bloßstellten. Bei mir war
es schon leichter; ich war nicht so vorsichtig und hatte mich außerdem
als Arzt ausgegeben, und es brauchte nur festgestellt zu werden, ob
ich wirklich Arzt sei. Daher die Konsultation. So kam etwas Spannendes
in die Oede des Alltags, und die scharfen Beobachtungen, die wir dem
Jüngling von nun an gönnten, wirkten als Nervenreiz. Ich hielt mich
ganz frei von der allgemeinen Spitzelkrankheit, und alle Warnungen,
auch die ängstlichsten, prallten ab. Schmidt und ich sahen uns den
Herrn im Gegenteil zuerst von der nüchternen, praktischen Seite an
und entlockten ihm für die allgemeine Kasse nicht nur reichlichen
Beitrag, sondern auch Zigaretten usw., die wir zum allgemeinen Besten
verauktionierten. Aber die Gespensterfurcht war nicht mehr zu bannen.
Einen Moment ergriff mich selber der Wahn, als ich sah, wie sich der
eine Kommissär dem Herrn näherte und ihm zuflüsterte: „Nun, sind Sie gut
untergekommen?“ Auf meine Frage an Herrn S. erklärte dieser, daß er den
Kommissär von früher her kenne. Das war wohl möglich und einfach. Das
Einfachste aber glaubten wir natürlich am wenigsten. So wurde der Arme
längere Zeit ängstlich gemieden, bis sich der Bann löste.
Er hat unsere Gefangenschaft redlich geteilt, und da er durch die
Kenntnis der französischen Sprache oft zum Vermittler gewählt wurde,
so bot sich ihm auch Gelegenheit, sich den Gefangenen nützlich zu
erweisen; und die hat er ergriffen und sich immer unzweideutig auf
unsere Seite gestellt, was man leider nicht von allen sagen konnte, die
des Französischen mächtig waren.
Das gute Klima und der Ueberschuß an Gesundheit, den wir alle
mitbrachten, verhinderte noch damals das Auftreten von Epidemien, wie
sie bald in Frioul und später in besonderer Schärfe in Casabianda
uns bedrohten. Immerhin gab es Kranke genug. _Dr._ Heller und
ich teilten uns in die Behandlung. Die französischen Aerzte taten
nichts für uns. Von dem einen habe ich schon gesprochen; der andere
war ein ganz schneidiger Bursche. Um seine tiefwissenschaftliche
Art zu kennzeichnen, will ich kurz von seiner ärztlichen Tätigkeit
berichten. Die erste Meinung, welche der Menschenfreund äußerte, war,
die Brunnen sollten geschlossen werden. Er hielt den Ausschank von
Wasser an die „_boches_“ durchaus für Luxus. Dann schlug er einem
im Vorübergehen die Mütze vom Kopf, sagte einem anderen, welcher um die
Bewilligung von Decken für die Gefangenen bat, daß Decken für solche
Banditen überflüssig seien. Er fand das Essen als Völlerei und schritt
nach solchen Vorbereitungen zur ärztlichen Untersuchung. Wie immer gab
es einige Harmlose, die ihn wirklich konsultierten. Den ersten, einen
alten Herrn mit Blasenkatarrh, fuhr er an: „Sie sind ein Schwein“;
dann ertönte sein Kommando: Die Zunge herausstrecken! Aus dem Befund
diagnostizierte er mit tödlicher Sicherheit, daß ein Blasenleiden
nicht vorliege. Von nun an nahm er sich nicht so ausgedehnte Zeit zu
weiterer Untersuchung. Die Patienten mußten schon mit ausgestreckter
Zunge herantreten, und da diese meist reinlich war und keine Zeichen
von Ueberfütterung des Magens aufwies, so trieb er schnell seine Opfer
davon und strich sie aus den Listen der Kranken. Damals stand noch
nicht Gefängnis auf solcher Krankmeldung, wie später; aber verdient
hätten sie es. So schlug der Herr im Gebiete der Schnelluntersuchung
wohl den äußersten Rekord. Ich sah dem tüchtigen Kollegen von der
Galerie aus bewundernd zu, und als ich mich auf einen Augenblick in
das Zimmer verfügte und wieder heraustrat, war die Diagnose bei zwölf
Kranken gestellt. Zu einigen Krätzekranken sagte er: „Ihr seid Wilhelms
Söhne!“ Ich habe unter den französischen Aerzten in unserem Lager die
besten und die schlechtesten kennengelernt; auch ein Ungeheuer war
unter ihnen, dem ich später noch ganze Kapitel widmen muß und das die
französische Regierung gern zu den Geisteskranken geworfen hätte. Als
später noch _Dr._ Vosselmann in unser Lager kam, traten wir zu
dritt in die Organisation der Krankenbehandlung ein. Sergeant Bonel
hatte uns drei Aerzten das Casimirzimmer eingeräumt und den größeren,
etwas dunklen Kuppelraum außerhalb des Gefängnisses als Hospital sowie
einen kleinen Schuppen am Meere als Infektionsstation übergeben. Das
war sehr dankenswert von unserem braven Sergeanten, und da er uns
Aerzten noch _laissez-passer_ ausstellte, die Erlaubnis, uns
zu jeder Zeit frei auf der Insel zu bewegen, so wurde unsere Lage
recht erträglich. Ich bin in den letzten Besprechungen schon der Zeit
vorausgeeilt und wende mich zurück zum Tage neuer Einquartierung.
Am 10. September erfuhren wir, daß wir am Abend den Einzug von 130
neuen Gästen zu erwarten hätten. Wir sahen Kommissäre und Offiziere
geschäftig hin und her wandern, alle Räume durchstöbern, um zu
erkunden, wo ihre Unterbringung möglich wäre. Selbst das Prison
des _condamnés politiques_ wurde einer eingehenden, langdauernden
Untersuchung unterzogen. Ich habe dieses im Anfang des genaueren
geschildert. Kot und Abfälle lagen dort herum; der Raum war dunkel
und stank nach Urin und verschimmelten und verdorrten Kadaverteilen.
Der Boden war aufgewühlt, staubig, lehmig; jede Berührung des Bodens
trieb den bazillengeschwängerten Staub in die Höhe. Daß dort Menschen
untergebracht werden sollten, war ja ganz undenkbar. Ein Schweinestall,
der monatelang nicht ausgemistet war, erschien palastartig gegen diesen
Raum.
Nachmittags hielten wir auf der Galerie Versammlung ab über eventuelle
Maßnahmen für den Empfang der neuen Ankömmlinge. Und nun ereignete
sich etwas, was in seiner Tragikomik allen unvergeßlich bleiben wird.
Es trat als Redner auf Herr Julius Meyer, welcher auch sonst zündend
und reichlich lange zu sprechen pflegte. Dieser setzte uns in bewegten
Worten auseinander, daß aus den Besichtigungen der unteren Räume, die
nun einige Tage hintereinander sich wiederholt hätten, erleuchte, daß
diese Räume den Erwarteten als Unterkunft angewiesen werden sollten.
Im Namen der Humanität wende er sich gegen die Möglichkeit solcher
Maßnahmen. Die Aerzte müßten zugeben, daß ein Wohnen in solchen Räumen
Todesgefahr berge (wir gaben das unbedingt zu); im Namen der Humanität
fordere er von den beiden Aerzten, daß sie sofort vorstellig würden,
dergleichen Ungeheuerlichkeiten zu vermeiden. Im Namen der Humanität
fordere er von uns allen, daß wir zusammenstehen, und im Falle, daß die
französische Regierung wirklich derart Gefangene unterbringen wollte,
auch zusammenrückten und die armen Opfer in unseren Zimmern aufnähmen,
und ob wir gleich wie die Heringe zusammengepreßt würden. Im Namen der
Humanität. _Dixi!_
Die Rede war schwung- und wirkungsvoll und verfehlte nicht tiefsten
Eindruck. Armer Julius Meyer! Es kommt manchmal so ganz anders, und
das Tragische liegt so nahe beim Komischen. Die Wirkung, die die Rede
gehabt und die sicher die Bewilligung der geforderten Opfer zur Folge
gehabt hätte, wurde zunichte durch den lakonischen Befehl, welcher von
draußen zu uns drang: Sämtliche Deutsche haben sofort die oberen Zimmer
zu räumen und ziehen in das Prison des _condamnés politiques_! Die
Ankömmlinge übernehmen die oberen Zimmer. -- Schluß!