Ein Kind kriegt im Mutterleibe durch den zufälligsten Anlaß, z. B.

blos durch unmäßige Liebesbezeugungen des Vaters gegen die schwangere

Mutter, einen Wasserkopf, wodurch die Hirnschaale ungeheur

wassersüchtig aufgetrieben wird, und mächtige leere Zwischenräume

zwischen den ausgedehnten flachen Knochen derselben entstehen. Die

Natur sucht zu helfen, und sprengt einzelne kleine Knochenkernchen

in diese Zwischenräume, die zu Zwickelbeinchen werden und diese

gefährlichen Lücken möglichst ausfüllen, die sonst so weit auseinander

stehenden Knochen miteinander verbinden, und die Hirnschaale schließen

helfen. Diese Zwickelbeinchen gehören aber nicht zum natürlichen Bau,

und finden sich daher auch nur sehr selten bey Thieren oder an den

Schedeln von wilden Völkern; können folglich auch wohl schwerlich im

Keime präformirt gewesen seyn. Und doch sind es wahre, einzelne,

abgesonderte Knochen, mit _ächten_ Näthen eingefaßt. Und zwar werden

sie nicht etwa blos von den benachbarten natürlichen Näthen der flachen

Knochen umschlossen, sondern oft liegen ihrer so viele dicht neben- und

untereinander, daß die mittlern darunter ganz offenbar auch ihre eignen

neuerzeugten Näthe bilden. Wie kunstreich aber ist nicht der Bau einer

ächten Nath mit ihren doppelten und dreyfachen Reihen von Zäpfgen und

Grübgen, die so bewundernswürdig in einander greifen.

Die Schlußfolgen aus allen diesen Beyspielen ergeben sich von selbst.

Können einmal vollkommne besondere Knochen, ganz neue ungewöhnliche

Gelenke, neue organische Häute mit eben so neuen Blutgefäßen, _da_

gebildet werden, wo an keinen dazu präformirten Keim zu denken ist,

wozu brauchts denn überhaupt der ganzen Einschachtelungshypothese?

* * * * *

Allein auch selbst die Erscheinungen bey Zeugung der _Bastarde_

wiedersprechen allen Begriffen von Präexistenz eines präformirten Keims

so schlechterdings, daß man kaum absieht, wie bey einer reifen Erwägung

der erstern, die letztern noch ernstliche Vertheidiger haben finden

können. Mich dünkt eine einzige Erfahrung wie die, da Hr. ~Kölreuter~

durch wiederholte Erzeugung fruchtbarer Bastardpflanzen, endlich

die eine Gattung von Tabak (_+Nicotiana+ rustica_) so vollkommen in

eine andere (_+Nicotiana+ paniculata_) verwandelt und umgeschaffen,

daß sie nicht eine Spur von ihrer angestammten mütterlichen Bildung

übrig behalten hat, müßte doch die eingenommensten Verfechter

der Evolutionstheorie von ihrem Vorurtheil zurückbringen. Dieser

vortreffliche Beobachter hatte nemlich durch die künstliche Befruchtung

der erstern Gattung von Tabak mit dem Blumenstaube von der letztern,

fruchtbaren Bastard-saamen erhalten, und hatte dann die daraus

gezognen Pflanzen, (die in ihrer Bildung schon das Mittel zwischen

ihren beiden Stammeltern hielten), vom neuen und mit gleichen Erfolg

mit Blumenstaube von der _paniculata_ befruchtet. Da dieß wiederum

fruchtbaren Saamen, und dieser wiederum Pflanzen gab die von der

mütterlichen Gestaltung noch mehr abwichen, so hat er mit diesen

letztern den nemlichen Versuch noch einmal wiederholt, und so endlich

sechs Pflanzen erhalten, die sämmtlich, ihrer ganzen Bildung nach, mit

der natürlichen _paniculata_ vollkommen übereinstimmten, ohne sich im

mindesten weiter von derselben zu unterscheiden, so daß er in seinem

classischen Werke, der Nachricht von diesen berühmten Versuchen, mit

ganzem Rechte die Aufschrift giebt: _Gänzlich vollbrachte +Verwandlung+

einer natürlichen Pflanzengattung in die andere._

Ich weis sehr wohl, daß die Gönner der Evolution sich bey Erklärung

der Bastarderzeugung damit auszuhelfen suchen, daß sie dem männlichen

Zeugungsstoffe, außer der reizenden Kraft, womit er den schlafenden

mütterlichen Keim _erwecken_ soll, in diesem Fall auch noch _bildende_

Kräfte zugestehen, wodurch dann jene Keime freylich in etwas zur

väterlichen Gestaltung umgeformt würden etc. Was ist aber in aller

Welt eine solche Ausflucht anders, als ein stilles Geständnis der

gebrechlichen Unzulänglichkeit des Keim-systems und der Nothwendigkeit

zu Rettung desselben immer doch nebenher zu bildenden Kräften

Zuflucht nehmen zu müssen. Und wenn nun aber diese bildenden Kräfte

so stark sind, daß sie binnen wenigen Generationen die ganze Form des

mütterlichen Keims gleichsam vertilgen und in eine andere umschaffen,

so ist nicht abzusehen, wozu denn also überhaupt der Keim präformirt zu

seyn brauchte?

[14] „_l’evolution commence à me paroitre la plus probable etc._“

[15] Man sehe z. B. die Vorrede zu diesem seinen Werke S. ~IX~ u. f.

der Ausg. v. 1768. „_Enfin cette découverte importante“ (que le

Germe appartenoit à la Femelle, qu’il préexistoit ainsi à la

Fecondation, et que l’Evolution étoit la Loi universelle des

Etres organisés) „que j’attendois et que j’avois osé prédire,

me fut annoncée en 1757. par Mr. le Baron_ ~de Haller~, _qui la

tenoit de la Nature elle-même._“ -- „_La découverte de Mr._ ~de

Haller~ _prouvoit d’une manière incontestable, que le Poulet

appartenoit originairement à la Poule, et qu’il préexistoit à la

Conception._“

und in seinem Briefe an Hrn. ~v. Haller~ v. 30. Oct. 1758: „_Vos

Poulets m’enchantent: je n’avois pas espéré que le secret de la

Génération commenceroit sitôt à se dévoiler. C’est bien vous,

Monsieur, qui avez sçu prendre la Nature sur le fait._“

[16] Rosenschwämme, _spongiae cynosbati_.

[17] In der Vorrede zum VIIIten Bande der _collection academique, P.

étrangere_. pag. 22 sqq.

[18] „_Nunquam fieri potest, vt inter tubulum millionesies minorem,

et millionesies maiorem continuitas oriatur._“ _Elem. physiol._

T. VIII. P. I. p. 94. vergl. mit den _prim. lin. physiol._ §.

883. und den _operib. minorib._ T. II. pag. 419.

[19] _Elem. physiol._ a. a. O. S. 257.

[20] _Mirac. nat._ pag. 21. „_admiratione dignum est, nigrum illud

punctum, quod in ovis ranarum videre est, ipsum ranunculum

omnibus suis partibus absolutum; albicantem vero et circumfusum

illum liquorem non nisi alimentum eius esse; quod ipsum sensim

dilatatum ita attenuatur, vt exire cum velit possit_“ _etc._

„_Magis mirum est, hunc ipsum ranunculum in ovario vsque adeo

exiguum ortus et incrementi sui principium habere, vt fere visum

effugiat, vtut ipsum animal sub hac tantula mole delitescat._“

und bald hernach zieht er dann den allgemeinen Schluß: „_Nullus

mihi in rerum natura generationi, sed soli propagationi

vel incremento partium locus esse videtur, vbi casus omnis

excludatur._“

[21] _Dissertazioni di fisica animale, e vegetabile_ T. II. _in

Modena_ 1780. 8.

[22] „_a parlare filosoficamente l’uovo non è che il girino medesimo

in se stesso concentrato, e ristretto, il quale mediante la

fecondazione si sviluppa, ed acquista le fatezze di animale._“

pag. II. §.XVII.

[23] „_questi globetti non fecondati non sono per verun conto

distinguibili dai fecondati_“ §. XVIII.

[24] „_ma i globetti fecondati non sono che i feti ranini_ (§.

XVII.): _adunque i globetti non fecondati lo saronno altresi; e

conseguentemente nella nostra rana il feto esiste in lei pria

che abbiasi la fecondazione del maschio._“ pag. 12. §. XIX.

[25] Ich liefre die eignen Worte eines andern gleichzeitigen Arztes

des Dr. ~Otto~, der von der Großmutter, nemlich von der

Müllersfrau in ihrer Schwangerschaft consultirt worden, und

dessen Enkel den ganzen Casus in einer besondern Abhandlung

unter folgendem Titel gar gelehrt und subtil vindicirt und

illustrirt hat. D. C. I. ~Aug. Ottonis~ _epistola de foetu

puerpera s. de foetu in foetu. Weissenfels, 1748. 4._

[26] In der _Yverduner Encyclopädie_ T. XVIII. art. FETVS. p.

721. „_Il y a plus, on a vu dans une vierge constamment telle

et reconnoissable par l’integrité de son hymen, des dents, des

ossemens et des cheveux renfermés dans une tumeur du mésentere.

Ce phenomene rapporté dans les Mém. de l’ac. de Suede, a été

observé depuis peu en. Un_ fétus _femelle, incapable assurément

d’admettre le mâle est né avec un fêtus formé au dedans de lui_.“

[27] „_on y distinguoit la tête, les pieds et les yeux._“

[28] So zeigt sich z. B. beym trächtigen Caninchen die erste Spur der

neuempfangnen Frucht nicht vor dem 9ten Tage; bey der

Schaafmutter nicht vor dem 19ten; bey der Hirschkuh nicht vor

der 7ten Woche u. s. w.

[29] Ich habe einen solchen Fötus, womit die Mutter 8 Jahr schwanger

gegangen, und den das academische Museum von meinem würdigen

Freunde dem Hrn. Hofr. ~Büchner~ in Gotha zum Geschenk erhalten,

im VIII B. der _Commentation. soc. reg. sc. Gottingens._

beschrieben.

[30] Ich habe von allen solchen Fällen in der _Gesch. und Beschreib.

der Knochen des menschl. Körp._ S. 43. Beyspiele gesammelt.

Dritter Abschnitt.

_Erfahrungen zum Erweis des Bildungstriebes und zu näherer

Bestimmung einiger Gesetze desselben._

Einreißen ist leichter denn aufbauen: und es ist ein alter Vorwurf,

den man manchen Reformatoren gemacht hat, daß ihnen das erstere mit

besserm Glück als das leztre von statten gegangen. Aber in der That

kan doch, wie Hr. ~Bonnet~ vortrefflich anmerkt[31], die Wiederlegung

eines Irthums wichtiger seyn, als die Erfindung einer neuen Wahrheit.

Und in so fern bliebe diesen Blättern immer einiges Verdienst, wenn

auch blos im vorigen Abschnitt der Ungrund einer neuerlich so beliebt

wordnen Hypothese erwiesen wäre. Allein ich hoffe, daß nun auch der

gegenwärtige würklich etwas der Natur angemeßneres an ihrer statt geben

soll.

Man kan nicht inniger von etwas überzeugt seyn, als ich es von der

mächtigen Kluft bin, die die Natur zwischen der belebten und unbelebten

Schöpfung, zwischen den organisirten und unorganischen Geschöpfen

befestigt hat; und ich sehe bey aller meiner Hochachtung für den

Scharfsinn, womit die Verfechter der Stufenfolge oder Continuität der

Natur ihre Leitern angelegt haben, nicht ab, wie sie beym Uebergange

von den organisirten Reichen zum unorganischen ohne einen wirklich

etwas gewagten Sprung durchkommen wollen. Allein dieß hindert nicht,

daß man darum nicht Erscheinungen im einen dieser beiden Haupttheile

der Schöpfung zur Erläuterung von Erscheinungen im andern benutzen

dürfte: und so sehe ich es für keins der geringsten Argumente zum

Erweis des Bildungstriebes in den organisirten Reichen an, daß auch

im unorganischen die Spuren von bildenden Kräften so unverkennbar

und so allgemein sind. Von bildenden Kräften -- bey weiten nicht vom

Bildungstriebe (_nisus formativus_) in dem Sinne den dieses Wort in der

gegenwärtigen Untersuchung bezeichnet, denn der ist eine Lebenskraft

und folglich als solche in der unbelebten Schöpfung nicht denkbar,

-- sondern von andern bildenden Kräften, von welchen sich in diesem

unbelebten Naturreiche die deutlichsten Beweise an so bestimmten,

überaus regelmäßigen Gestaltungen zeigen, die aus einem vorher

ungebildeten Stoffe geformt werden.

Man kan doch, um nur ein Paar Beyspiele anzuführen, nichts ausnehmend

eleganteres sehen, als gewisse metallische Crystallisationen, die

in ihrer äußern Form eine so auffallende Aehnlichkeit mit gewissen

organischen Körpern haben, daß sie ein sehr fügliches Bild geben, um

die Vorstellung von der Formation aus ungebildeten Stoffen überhaupt

zu erleichtern. So z. B. das gediegene sogenannte Farnkraut-silber

zwischen dem eingebröckelten Quarz aus Peru; und um was Gemeineres zu

nennen, das unbeschreiblich saubere moosförmige Stückmessing, so wie

es sich nach dem ersten Gusse auf dem Bruche ausnimmt u. dergl. m.

* * * * *

Dieß wie gesagt nur als Beyspiele von bildenden Kräften im

unorganisirten Naturreiche.

Nun zum wahren Bildungstriebe in der belebten Schöpfung.

Für ein unbefangnes Auge weis ich kein sinnlicheres Mittel, sich das

Daseyn und die Wirksamkeit dieses Triebes anschaulich zu machen,

als die präjudizlose Beobachtung der Entstehung und Fortpflanzung

solcher organisirter Körper, die mit einer ganz ansehnlichen Größe ein

schnelles, so zu sagen zusehends merkliches Wachsthum und eine so zarte

halbdurchsichtige Textur verbinden, daß sie vollends in sattsamen

Lichte und unter einiger Vergrößerung aufs deutlichste, klarste

durchschaut werden können.

Ein Beyspiel der Art aus dem Gewächsreiche giebt die überaus einfache

Fortpflanzungsweise einer eben so einfachen Wasserpflanze[32], die,

zumal im Frühjahr gar häufig am Ausfluß der Röhrenwasser, an Quellen,

in Gräben, Teichen etc. zu finden ist, und deren sich auch wohl

unbotanische Leser leicht aus der bloßen Beschreibung werden erinnern

können.

Das ganze Gewächs besteht nemlich aus einem einfachen, (nie getheilten)

meist geraden, etwa einen halben Zoll langen, feinen Faden von

hellgrüner Farbe, der gewöhnlich mit seinem untern Ende im Schlamme

eingewurzelt ist. Da aber diese Faden meist zu vielen tausenden

dicht neben einander stehen, so kriegen sie dann das Ansehen eines

feinhaarichten Pelzes vom schönsten Grün, womit oft große Strecken an

den gedachten Orten unter Wasser bewachsen sind.

Ich habe die Fortpflanzung dieses so äußerst einfachen Wassermooßes,

in den ersten Frühlingswochen beobachtet, da sie unter meinen Augen

blos dadurch erfolgte, daß die Spitzen der Fäden zu kleinen Knöpfgen

anschwollen, die sich zuletzt von den Fäden trennten, sich in den

Zuckergläsern, worin ich kleine Klumpen dieses Mooßes in hellen Wasser

liegen hatte, zu hunderten an die Wände des Glases anlegten, und nun

im Kurzen selbst wieder eine kleine Spitze austrieben, die sich fast

zusehends immer mehr verlängerte, bis sie endlich zu einem neuen

vollständigen Wasserfaden ausgewachsen war. Binnen zweymal 24 Stunden,

von der ersten Spur des Knöpfgens auf einem alten Faden an zu rechnen,

hatte der nachher daraus erwachsene neue schon seine völlige Länge

erreicht.

Beides, sowohl das schnelle Wachsthum, als auch die durchsichtige

Textur des Gewächses, verschafften mir den Vortheil, seine völlige

Ausbildung ganz bequem abwarten und die mindeste in seinem Innern

vorgehende Veränderung aufs genaueste und deutlichste bemerken zu

können. Das innere Gewebe dieses Mooßes ist nemlich so einfach als

seine äußere Bildung. Auch bey der stärksten Vergrößerung und im

hellesten Lichte, ist in der ganzen Pflanze schlechterdings nichts

weiter als ein feines bläsriges Gewebe, (beynahe wie ein grüner Gescht

oder Schaum) zu erkennen, das durch eine äußerst feine, kaum merkliche

äußere Haut umschlossen wird.

Nun aber war bey aller dieser untrüglichen Deutlichkeit in allen grünen

eyförmigen am Glase anliegenden Knöpfgen, doch auch nicht eine Spur,

nicht ein Schatten irgend eines solchen als Keim eingewickelten Fadens,

als in Kurzen aus diesen Knöpfgen gebildet werden sollte, aufzufinden:

-- sondern, wenn jetzt der Knopf seine Reife erlangt hatte, so trieb

er aus einem seiner beiden Enden einen kleinen Auswuchs hervor, der

blos dadurch zusehends verlängert ward, daß das im Knopf ihm zunächst

liegende bläsrige Gewebe in ihn hinüber getrieben, und er so nach

und nach immer mehr zu einem cylindrischen Faden ausgedehnt ward. So

wie aber dieser Faden sich verlängerte, so ward im gleichen Maaße der

eyförmige Knopf, kleiner, kuglichter, blaßgrüner: so daß zulezt, wenn

das Gewächs nun seine bestimmte Größe erreicht hatte, nur noch ein kaum

merklicher kleiner Wulst am untern Ende übrig blieb, der nun dem neuen

Faden statt Wurzel diente.

Mit der gleichen anschaulichen Klarheit aber, womit sich bey dieser

Pflanze die würksame Thätigkeit des Bildungstriebes beobachten läßt,

kan sie auch bey Ausbildung mancher Thiere aufs deutlichste anerkannt

werden; besonders wiederum bey solchen, die so wie dieses Moos den

Vortheil eines schnellen Wachsthums bey einer meist durchsichtigen

Textur ihres Körpers gewähren. Dieß ist bekantlich der Fall bey den

Armpolypen, diesen wegen der Wunder die die Natur in ihnen gehäuft hat,

seit den vierziger Jahren so allgemein berühmt wordnen Geschöpfen.

Alle bekannte Gattungen derselben haben einen gallertigen Körper, der,

seine Farbe mag seyn welche sie will, grün, gelb, braun etc. doch

immer durchsichtig genug ist, um in behöriger Beleuchtung und hinter

einer guten Linse so gut wie jene Wasserfäden rein durchschaut werden

zu können. Dabey ist ihre Textur so einfach, homogen, besteht blos

aus gallertigen Körnchen, die durch eine zartere gemeinschaftliche

gallertige Grundlage zusammen gehalten werden, daß auch von dieser

Seite dem beobachtenden Auge nichts dunkel oder versteckt bleibt.

Nun und wenn denn diese Thiere lebendige Junge austreiben wollen,

so schwillt blos eine Stelle dieses ihres aus so einfachen Stoffe

gebauten Körpers ein wenig an, und aus dieser ungeformten, aber

durchsichtigen kleinen Geschwulst wird gleichsam unter unsern Augen

zuerst der cylindrische Leib des jungen Polypen und dann auch seine

Arme ausgebildet, wie von unsichtbaren Händen aus der durchsichtigen

körnichten, aber übrigens ungeformten Gallerte modelirt; und das alles

gleich in einer so ansehnlichen, schon dem bloßen Auge so deutlich

erkennbaren Größe, die, in Verbindung mit allen den angeführten

Umständen, doch auch keinen Schatten von wahrscheinlicher Vermuthung

eines präformirten Keims gestattet der da vorräthig gelegen habe und

sich nun entwickele etc.

Ich berufe mich dreist auf das innere Gefühl eines jeden, der nur

je die Fortpflanzung an so einfach gebauten Thieren und Pflanzen

beobachtet, und sich überdem von dem im vorigen Abschnitt erwiesenen

Ungrund der so decisiv behaupteten Präexistenz des Küchelgens am

Eydotter belehrt hat; daß er nun beym Uebergange zum Zeugungsgeschäfte

der sogenannten vollkommnern oder warmblütigen Thiere, (z. B. eben bey

der strengsten Untersuchung der Phänomene am bebrüteten Küchelgen,

des Anfangs und Fortgangs seiner Ausbildung, und überhaupt so vieler

neuentstehenden, im unbebrüteten Eye gar nicht existirenden Theile[33]

etc.), selbst entscheide, zu welcher von beiden Theorien ihn seine

Ueberzeugung führt, ob zum Glauben an Präexistenz eingeschachtelter

präformirter Keime -- oder aber an einen Bildungstrieb, der das neue

Geschöpf aus dem ungeformten Zeugungsstoff der alten ausbildet.

* * * * *

Alles was bisher von Phänomenen des Zeugungsgeschäftes selbst zum

Erweis des Bildungstriebes gesagt worden, erhält nun aber vollends ein

neues großes Gewicht, wenn man nun zweytens auch die Phänomene der

_Reproduction_, -- dieser, zumal in unsern Tagen so berufen wordnen

merkwürdigen Kraft der organisirten Körper, zufällig verlorne Theile,

Verstümmelungen ihres Leibes, von selbst wiederum hervorzutreiben und

zu ersetzen, -- mit denselben vergleicht.

Generation und Reproduction -- Zeugung und diese Wiederersetzung, sind

beides Modificationen ein und eben derselben Kraft: die letztre ist

nichts anders, als eine partielle Wiederholung der erstern: und ein

Licht über die eine von beiden verbreitet, muß sicher auch die andre

zugleich mit aufhellen.

Ich habe die oben im ersten Abschnitt angeführte Erfahrung über die

Reproduction der grünen Armpolypen, seitdem oft, und immer mit dem

gleichem Erfolg wiederholt: d. h. allemal ward anfangs das kürzlich

verstümmelte Thier fast im gleichen Maaße um etwas kleiner, so wie es

seine neuen Arme oder seinen neuen Hinterleib hervortrieb. Man sah

offenbar, wie die Natur eilte, dem verstümmelten Geschöpfe nur sobald

als möglich seine bestimmte _Bildung_ wieder zu ersetzen: und daß in

der Kürze der Zeit, da unmöglich schon durch die Nahrungsmittel (die

ohnehin ein verletzter Polype nicht so häufig zu sich nimmt als ein

gesunder) sattsamer _Stoff_ zu den neuen Gliedern wieder gesammelt seyn

konnte, der Rumpf einen Theil seines noch übrigen Stoffes hergeben

muß, der sich dann mittelst des ihm beywohnenden _Bildungstriebes_ in

die Gestalt der verlornen Glieder formt, und so die zerstörte Bildung

wieder ergänzt.

Ich weis wohl, daß sich die Verfechter der präformirten Keime, hier mit

einer Hypothese durchhelfen wollen, die doch aber in der That von allen

unwahrscheinlichen Hypothesen wohl die allerunwahrscheinlichste und

gewiß abentheurlich genannt werden darf, nach welcher nemlich „in allen

Theilen jedes Polypen zerstreuete Keime so lange eingewickelt und im

erstarrenden Todesschlaf auf Reserve liegen sollen, bis sie nach der

Phantasie eines ihnen zu Hülfe kommenden Beobachters durch den Schnitt

einer Scheere ermuntert, aufgeweckt, aus ihrem Kerker befreyt, und zur

Entwickelung angereizt würden.“

Nun, mit dieser wunderbaren Erklärung vergleiche man den

nackten Augenschein bey dem obgedachten und vielen andern, an

den (glücklicherweise so leicht zu durchschauenden) Armpolypen

anzustellenden Versuchen, deren ich nur gleich ein Paar noch beysetze:

-- Wenn man zwey verstümmelte halbe Polypen verschiedener Art (z. B.

die vordere Hälfte eines grünen, und das Hintertheil eines braunen) im

Boden eines Spitzglases aneinander bringt, so heilen sie bekanntlich

zusammen, und stellen dann, fast wie die Chimäre der Mythologie, eine

aus verschiednen Thiergattungen zusammengesetzte Gruppe vor. -- Nach

der angeführten Theorie der Evolution, hätten aber in diesem Fall

durch den doppelten Schnitt aus den beiden verstümmelten Polypen, sich

neue Keime entwickeln müssen -- allein, dieß erfolgt nicht; sondern es

war natürlicher, daß sich zwey Hälften mittelst ihres Bildungstriebes

zusammen paßten, und in Kurzem ein gehöriges Ganzes ausmachten, als

daß jede dieser beiden Hälften erst auf die oben beschriebene Weise zu

einem besondern Thiere wieder hätte ausgebildet werden sollen.

Noch auffallender aber wird beides die Unwahrscheinlichkeit der

vermeynten präformirten Keime und hingegen die Würksamkeit des

Bildungstriebes bey dem bekannten Versuch, da man einen Armpolypen

nicht in Stücken oder entzwey zerschneidet, sondern ihm nur mit einer

feinen Scheere den Bauch der Länge nach aufschneidet und ausbreitet,

so daß er alsdann gar keine Bauchhöle mehr hat, und sein Körper keine

cylindrische Röhre, sondern ein flaches Streifgen Gallerte, wie ein

Riemgen, vorstellt. -- Statt daß nun alsdann durch den Schnitt an

beiden Seitenrändern dieses Riemgens zahlreiche vermeynte Keime in

Freyheit gesetzt werden, und sich entwickeln sollten, so erfolgt

hingegen blos einer von den beiden Fällen, die sich von selbst nach

der Würksamkeit des Bildungstriebes erwarten lassen -- entweder

nemlich, der aufgeschlitzte Polype _rollt_ sich wieder in seine vorige

Gestalt zusammen, so daß die wunden Seitenränder einander wieder

berühren und zusammen wachsen: oder aber wenn er als ein flaches

Riemgen ausgebreitet bleibt, so schwillt er nach einiger Zeit auf,

wird gleichsam aufgeblasen, und es bildet sich nach und nach in seinem

Innern eine neue _Bauchhöle_, so daß er auch dann binnen kurzer Zeit

seine angestammte Gestalt ergänzt erhält.

In diesen beiden angeführten und vielen andern Fällen, braucht gar

kein _neuer Stoff_ erzeugt, -- sondern nur die zerstörte _Bildung

wieder hergestellt_ zu werden: eine Art von Reproduction, die um so

sorgfältiger von den übrigen unterschieden und abgesondert werden

muß, je weniger sie sich mit den prätendirten Keimen vergleichen

läßt, und je größer hingegen das Uebergewicht ist, das die Lehre vom

_Bildungstriebe_ durch sie erhält.

Beym Menschen und andern warmblütigen Thieren, ist zwar die

Reproductionskraft bey der größern Mannichfaltigkeit des Stoffes woraus

ihr Körper gebaut ist, und bey der Verschiedenheit der Lebenskräfte

womit die verschiednen Arten von jenem Stoff belebt sind, und bey der

Einwürkung worin sie aufeinander stehen, ungleich eingeschränkter,

als freylich bey den Armpolypen. Und doch zeigen sich auch bey ihnen

zuweilen Reproductionsfälle, die alles das, weshalb die vorigen von

den Polypen hier angeführt waren, aufs unverkennbarste bestätigen.

Man hat z. B. mehr als einmal gesehen, daß bey Menschen die Nägel

der Finger, wenn auch selbst die vordern Gelenke von diesen amputirt

worden, nichts desto weniger sich an den verstümmelten Enden der

hintern Glieder wiederum erzeugt haben[34]. Es wäre eine starke

Zumuthung jemand überreden zu wollen, daß die Natur vorläufig auf

solche Amputationsfälle gerechnet, und daher längst der ganzen Finger

und Fuszehen Keime zu Nägeln auf solchen Nothfall ausgesäet hätte etc.

Und wie natürlich erklärt sich nicht hingegen die ganze Erscheinung

wenn man sie aus der Wirksamkeit des Bildungstriebes herleitet, dessen

Tendenz, die äußersten Extremitäten des Körpers, nemlich die Enden

der Finger und Fuszehen durch hornichte Nägel zu begrenzen, stark

genug ist, um sie im Nothfall auch sogar an ungewöhnlichen Stellen zu

reproduciren.

Über den Bildungstrieb · 第 2 / 3 段