Eine andere eben so bekannte und hier eben so sprechende Erfahrung ist

die, wo die Natur den Verlust eines Glieds dessen mannichfaltigen

Stoff sie nicht vollkommen hätte ersetzen können, dennoch mittelst

einer einfachern etwa knorplichten oder knochichten Substanz zu

vergüten sucht, die durch die Kraft des Bildungstriebes in die Gestalt

des verlornen Glieds geformt, und so wenigstens zu einigen Gebrauch

geschickt gemacht wird. So hat der berühmte Wundarzt ~Morand~ einen

Hasen beschrieben, dem lange vor seinem Tode einmal der eine Vorderfus

war abgeschossen worden, den ihm die Natur wenn gleich nicht _quoad

materiem_ doch wenigstens _taliter qualiter quoad formam_ durch ein

Surrogat, nemlich durch eine pfotenförmige Knochenmasse, die sie

hervortrieb, zu ersetzen gesucht hatte[35].

Wenn, wie ich mir schmeichle, schon die wenigen ausgehobnen

Phänomene der Zeugung und Reproduction die unleugbare Existenz

des Bildungstriebes überhaupt darthun, so giebt es nun unter den

zahllosen übrigen verschiedene, die dann ferner dazu dienen können,

die Würkungs-_Art_ dieser wichtigen Lebenskraft und gleichsam einige

ihrer _Gesetze_ näher zu bestimmen; und so glaube ich lassen sich vor

der Hand wenigstens nachstehende, als simple Resultate ungezweifelter

Erfahrungen angeben:

I. _Die Stärke des_ Bildungstriebes _steht mit dem zunehmenden Alter

der organisirten Körper in umgekehrten Verhältnis._ -- Denn, so

ausgemacht es z. B. ist, daß es wie oben gedacht, immer eine bestimmte

Zeit braucht, bevor sich die erste Spur der neuempfangnen Frucht

zeigen kan, eben so ausgemacht ist es hingegen, daß auch sogleich nach

Verlauf dieser Zeit die Ausbildung derselben zum Erstaunen schnell

und eiligst vor sich geht. Insgemein werden zwar die frühzeitigen

menschlichen Embryonen sehr unförmlich abgebildet: allein die

Schuld mag wohl mehr an den Zeichnern, oder auch daran liegen, daß

dergleichen Abortus etwa äußere Gewalt erlitten, verdruckt, entstellt

und unkenntlich worden, oder schon angefangen in Fäulnis zu gehen, und

dadurch viel von der ausnehmenden Eleganz verloren haben, die man sonst

an ihnen bewundern muß. Ich besitze dergleichen so ungemein saubere

menschliche Leibesfrüchte aus den ersten Monaten der Schwangerschaft,

zumal einige, die ich der Güte meines theuren Freundes des Hrn.

Hofr. ~Büchner~ in Gotha verdanke, wo man z. B. bey einer aus der

fünften Woche und von der Größe einer gemeinen Werkbiene, die völligen

Gesichtszüge, jede Fingerspitze, jede Fuszehe, die Geschlechtstheile

etc. aufs deutlichste erkennen kan.

Und eben diese frühe Würksamkeit des Bildungstriebes erstreckt sich bey

weiten nicht blos auf die äußere Gestalt der Embryonen, sondern ist in

ihrem ganzen innern Bau fast noch auffallender merklich. Ich bin über

die frühzeitige Vollkommenheit der Eingeweide u. a. Theile erstaunt,

die ich bey der Zergliederung frischer menschlicher Leibesfrüchte

aus den ersten Monaten nach der Empfängnis, gefunden habe. Nur einen

Umstand anzuführen, so war im Kopf derselben, der ohngefähr die Größe

einer Zuckererbse hatte, und dessen Gehirn noch wie ein weicher Brey

war, schon der ganze knorplichte Boden der Hirnhöle (_basis cranii_)

mit allen seinen Gruben, Oeffnungen und Hügeln aufs schärfste und

deutlichste ausgewirkt, obgleich weder am Keilbein, noch am Felsenbein

etc. auch nur die mindeste Spur eines Knochenkerns zu finden war.

So wenig nun bey Voraussetzung der präformirten Keime abzusehen

ist, was sie so lange Zeit, nachdem sie an den Ort ihrer Bestimmung

angelangt, befruchtet, und zur Entwickelung angereizt sind,

demohngeachtet davon zurückhalten kan; eben so wenig steht zu

begreifen, warum sie nun nach dieser räthselhaften Pause mit einem

mal so plötzlich und gleich zu einer so ansehnlichen Größe sich

auswickeln sollen u. s. w. Hingegen hat es nach dem was oben von der

nöthigen Vorbereitung der Zeugungssäfte, bevor der Bildungstrieb in

ihnen rege werden kan, gesagt worden, nichts schwieriges, daß alsdann

dieser neu erregte Trieb in seiner vollen Stärke, in aller seiner noch

ungetheilten Thätigkeit die Grundlage der Bildung des neuen Geschöpfs

so schnell bewirken kan.

Wie aber auch selbst noch nach der Geburt das gleiche umgekehrte

Verhältnis zwischen der Stärke des Bildungstriebes und dem zunehmenden

Alter statt habe, ist aus der vorzüglichern Leichtigkeit der

Reproductionsversuche bey jugendlichen Thieren, jungen Wassermolchen

etc. bekannt.

II. _Wiederum ist dieser frühe_ Bildungstrieb _doch bey den

neuempfangenen Säugethieren noch ungleich stärker, als bey dem

bebrüteten Küchelgen im Eye._ Beym Hühnchen z. B. zeigt sich die

allererste Spur der neugebildeten Rippen erst in der 192ten Stunde

des Bebrütens. Dieser Termin aber, wenn die ganze Brützeit der Henne

mit der Schwangerschaft im Menschengeschlecht verglichen wird, fällt

ohngefähr mit der 16ten Woche derselben zusammen. Allein ich besitze

selbst menschliche Embryonen in meiner Sammlung, die nicht viel größer

als eine gemeine Ameise, die folglich höchstens in die 5te Woche

nach der Empfängnis zu setzen sind, und bey welchen sich dennoch die

knorplichte Grundlage der bogenförmigen scharfausgewirkten Rippen aufs

allerdeutlichste erkennen läßt. Es scheint die Natur eilt bey den

lebendig gebärenden Thieren der Frucht so früh als möglich gleich

bestimmte Ausbildung zu geben, und sie dadurch für vielen zufälligen

Verunstaltungen von gewaltsamen Druck u. a. dergl. Gefahren zu sichern,

denen hingegen das in seiner Eyerschaale festverwahrte Küchelgen bey

weiten nicht so leicht ausgesetzt ist.

III. _Aber auch bey Formation der einzelnen Theile des organisirten

Körpers ist der_ Bildungstrieb _bey manchen derselben von einer

festern, bestimmtern Wirksamkeit, als bey andern._ -- So hat z. B.

der alte, aber um die Physiologie unendlich verdiente ~Conr. Vict.

Schneider~ angemerkt, daß das Gehirn fast immer seine Bildung so

constant erhalte[36]. Wie unendlich häufiger sind hingegen die

Varietäten in der Gestaltung der Nieren, der Milchsaftröhre u. dergl.

IV. _Unter die mancherley Abweichungen des_ Bildungstriebes _von

seiner bestimmten Richtung gehört vorzüglich diejenige, wenn er bey

Bildung der_ einen _Art organischer Körper, die für eine_ andere _Art

derselben bestimmte Richtung annimmt._ -- So glaube ich mir einige

räthselhafte Phänomene erklären zu können, davon ich nicht absehe,

wie sie je nur irgend leidlich mit der Einschachtelungshypothese der

präformirten Keime sollten verglichen werden können. -- Bekanntlich

haben die Weiber nach dem ordentlichen Lauf der Natur zur Aufnahme

ihrer neuempfangnen Frucht ein einfaches Organ. Die mehresten übrigen

weiblichen Säugethiere hingegen ein doppeltes. Nun aber sind die Fälle

nicht selten, wo man auch bey Frauenzimmern einen förmlichen solchen

thierischen _vterus bicornis_ gefunden, so daß es dann von dieser

Seite geschienen, als wenn würklich die Iphigenia verschwunden, und

ein Reh an ihre Stelle gezaubert wäre. Irre ich nicht, so giebt hier

dieses vierte Gesetz des Bildungstriebes den Schlüssel dazu. -- Auch

die so oft bemerkten Beyspiele von gehörnten Haasen mit vollkommen

ausgebildeten kleinen Rehgeweihen auf dem Kopfe würde ich hieher

rechnen. Und vielleicht läßt sich eben dahin manche sonst räthselhafte

Abweichung im Bau gewisser Gewächse zählen, wie z. B. die von

~Gleditsch~ beschriebene Erle mit Eichenblättern etc.[37]

V. _Eine andre eben so merkwürdige Abweichung des_ Bildungstriebes

_ist, wenn bey Ausbildung der Sexualorgane, die beym_ einen _Geschlecht

mehr oder weniger von der Gestaltung des_ andern _annehmen._ Man hat in

unsern sceptischen Zeiten auch die Möglichkeit der Zwittergestaltung

beym Menschen u. a. warmblütigen Thieren zu bezweifeln beliebt. Und

doch hat Hr. ~von Haller~ hier in Göttingen und neuerlich Hr. ~Joh.

Hunter~ in London u. a. m. die genauesten Zergliederungen von Thieren,

zumal aus dem Ochsen- und Ziegengeschlechte gegeben, die über die

ausgemachte Würklichkeit solcher Zwittergestaltungen keinen Zweifel

mehr übrig lassen. In keinem dieser Fälle sind zwar würklich die

wesentlichsten Zeugungstheile der beiden Geschlechter, z. B. männliche

Geilen und weibliche Eyerstöcke, deutlich und vollkommen im gleichen

Individuo verbunden; sondern die Hauptbildung stellt immer die

Genitalien des einen von beiden Geschlechtern dar, offenbar aber zeigen

sich dabey im einen oder dem andern Theil die unverkennbarsten Spuren

von unvollkommnern Entwürfen zum Bau einiger Sexualorgane des andern.

Meist nemlich liegen inwendig wahre männliche Organe, und die äußern

hingegen haben dabey mehr oder weniger Aehnlichkeit mit den weiblichen.

VI. _Wenn aber endlich der_ Bildungstrieb _nicht blos wie in

den vorigen Fällen eine_ fremdartige, _sondern eine_ völlig

wiedernatürliche _Richtung befolgt, so entstehen_ eigentlich sogenannte

+Misgeburten+. -- Und dennoch ergiebt sich bey einer nähern Beleuchtung

aus der bewundernswürdigen Gleichförmigkeit die unter vielen Arten

von Monstrositäten herrscht, daß doch auch selbst die Ursachen, die

in diesen Fällen dem Bildungstriebe die falsche Richtung geben,

dennoch an sehr bestimmte Gesetze gebunden seyn müssen. Wer nur irgend

Gelegenheit gehabt hat, eine beträchtlichere Anzahl von Misgeburten

unter einander zu vergleichen, oder wer auch nur die sonst freylich so

schaalen compilirten Bilder-Bücher davon mit einiger Aufmerksamkeit

durchblättert hat, dem kan die auffallende Gleichheit nicht entgangen

seyn, mit welcher diese oder jene Art von Monstrosität sich immer

selbst bis auf Kleinigkeiten ähnlich bleibt, so daß die Stücke von so

einer Art alle wie aus einer Form gegossen scheinen.

Und hier nun noch zuletzt abermals ein Phänomen, bey dessen

Erklärung es wieder den Lesern selbst überlassen bleiben mag,

zwischen präformirten Keimen oder Bildungstrieb zu wählen. --

Manche thierische Misgeburten (z. B. die mit doppelten Leibern

und einem gemeinschaftlichen Kopf) sind von der Art, daß sie nach

der ausdrücklichen Behauptung des Hrn. ~von Haller~ und andrer

Verfechter der Keime nicht etwa durch das Zusammenwachsen zweyer

Keime und andere dergleichen Zufälle entstanden seyn, sondern in der

ursprünglich-monstrosen ersten Anlage eines einzelnen Keims ihren Grund

haben sollen: d. h. sie waren schon von je als Misgeburt präformirt.

Nun aber -- sind diese Misgeburten unter gewissen _Hausthieren_

so gemein, und doch unter den wilden Thieren _derselben Art_ fast

unerhört. Soll das also der Schöpfer so prädestinirt haben, daß von

den in einander geschachtelten Keimen einer Gattung von Thieren, z. B.

von Schweinen, die monstrosen gerade dann erst an die Reihe der

Entwickelung kämen, wenn der Mensch sich diese Thiere unterjocht haben

würde; und daß diese Keime zu Misgeburten dann auch gerade blos den

unterjochten und nicht den zu gleicher Zeit wild lebenden Individuis

zur Entwickelung anheim fallen müßten.

Hingegen hat es hoffentlich nichts wiedersinniges anzunehmen, daß nach

der Unterjochung der Hausthiere, wodurch ihr ganzes Naturel gleichsam

umgeschaffen worden, ihre ganze körperliche Oekonomie so viele

Veränderung erlitten; daß dann auch ihr Bildungstrieb etwas von seiner

sonstigen Bestimmtheit verloren hat, und daß folglich diese Thiere,

so wie sie dadurch in zahllose _Spielarten_ degeneriren, so auch den

Monstrositäten häufiger unterworfen seyn können.

* * * * *

Dieß wären dann meines Bedünkens die vorzüglichern Beobachtungen

und Erfahrungen, die zum Erweis des Bildungstriebes und der nähern

Bestimmung einiger seiner Gesetze dienen können, und die mich immer

mehr und mehr von der sonst von mir beyfälligst bewunderten Theorie

der eingeschachtelten Keime zurückgebracht und eben auf diese ihr

sehr entgegengesetzte Bahn geführt haben. Mit aller Hochachtung für

den behutsamsten philosophischen Scepticismus, konnte ich bey einem

solchen Ueberwicht von augenscheinlichen Gründen doch unmöglich meiner

sinnlichen Ueberzeugung entgegen kämpfen; unmöglich bey solchen

Beobachtungen so wie dort die gute Matrone in den Erzählungen der

~Margarethe~ von Navarra, -- da sie auch eine unerwartete, und ihrem

sonstigen System wiedersprechende Beobachtung machte die auf den

Bildungstrieb einen sehr directen Bezug hatte, -- ausrufen: „Behüte

mich der Himmel, daß mein Herz nicht etwa glaubt, was meine Augen

sehen!“

[31] „_Démontrer une erreur, c’est plus que découvrir une verité: car

l’on peut ignorer beaucoup; mais le peu que l’on sait, il faut

au moins le savoir bien._“ in der Vorrede zum _Ess. anal. des

fac. de l’ame_.

[32] Eine Gattung _Wasserfaden_, die ~Linné~ die _Brunnenconferve_

(_+conferva+ fontinalis_) nennt.

[33] Wie z. B. _nidus pulli_, _bulla_, _amnion_, _figura venosa_ etc.

[34] ~Pechlin~ und ~Tulp~ haben dergleichen Fälle beschrieben.

[35] „_c’etoit_“, wie er sich ausdruckt „_une espèce de jambe de

bois, dont la nature seule avoit fait les frais_.“

[36] „_In corpore humano_“ sagt er „_nulla pars faciem suam rarius

mutat quam cerebrum._“

[37] _+Betula+ alnus quercifolia._ s. ~Gleditsch~ _hinterlaßne

Abhandl. das practische Forstwesen betreffend_.

[Illustration]

Über den Bildungstrieb · 第 3 / 3 段