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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1789 erschienenen Buchausgabe
so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
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wurde die Original-Schreibweise beibehalten, solange der Text
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Ueber den
Bildungstrieb.
Joh. Fr. Blumenbach
Prof. zu Gött. und Kön. Großbrit. Hofrath
über den
Bildungstrieb.
[Illustration]
Göttingen
+bey Johann Christian Dieterich.+
1789.
Ich habe seit der Zeit, da ich den ersten Aufsatz über den
Bildungstrieb im Göttingischen Magazin bekannt gemacht, keine
Gelegenheit versäumt, diesen Gegenstand durch Beobachtungen und
Nachdenken weiter zu verfolgen und in helleres Licht zu setzen, glaube
auch alles Wichtige gelesen, geprüft und benutzt zu haben, was von
andern seitdem für oder wider denselben in Schriften geäusert worden,
und habe gesucht den Kern aus dem, was ich schon davon bekannt
gemacht, und die Resultate meiner fernern zeitherigen Untersuchungen
darüber, in diesen Blättern zusammen zu fassen: und sie bey diesen
wesentlichen Vorzügen auch gleich im Aeusern von den vorigen unreifern
Ausgaben gänzlich auszuzeichnen. Göttingen, den 28ten Jan. 1789.
_Deutung der Kupfer-Verzierungen._
1. Auf dem Titel, eine Brüt-Henne als Symbol des Bildungstriebes im
Thierreich.
2. Auf der Anfangsleiste S. 1. ein aufkeimend Saamenkorn als Bild
dieses Triebes im Gewächsreich. Nach einer alten silbernen Münze von
Reggio in Calabrien beym ~Goltz~.
3. Am Schluß S. 108. eine anständige und doch wie Naturkenner
wissen, sehr bedeutungsvolle Vorstellung des Genusses, der dann den
Bildungstrieb zur Folge hat.
[Illustration]
Erster Abschnitt.
_Von den verschiednen Wegen die man eingeschlagen hat, zu einigem
Aufschluß über das Zeugungsgeschäfte zu gelangen._
Was geht im Innern eines Geschöpfes vor, wenn es sich der süßesten
aller Regungen überlassen hat, und nun von einem zweyten befruchtet
einem dritten das Leben geben soll?
Nicht leicht wird eine Frage dieser Art genannt werden können, die so
allgemein und so zu allen Zeiten die heiße Neugierde des Menschen,
gereizt haben muß, als eben diese. Denn so abentheuerlich es auch sonst
scheint, die Betrachtungen und Reflexionen des ersten Menschenpaars
bestimmen zu wollen, so natürlich bleibt doch die Voraussetzung,
daß dieses uns allen eben durch die Befolgung jenes süßesten
unwiderstehlichsten Triebes so wichtig gewordne Paar sehr bald erst zum
Staunen und dann zum Nachsinnen gekommen seyn mag, wie es allgemach
bemerkte, was dieselbe für eine große Wirkung -- eine gleichsam
wiederholte Schöpfung -- nach sich ziehe. So geläufig ihm aber gar bald
diese Erfahrung werden mußte, so sehr demüthigt es das menschliche
Wissen, daß die Urenkel jenes Paars nach so langen Jahrtausenden
über die _Erklärung_ dieser Erfahrung noch so weniges befriedigendes
Licht haben verbreiten können, ungeachtet dieselbe in der Folge gar
bald der allgemeinste Gegenstand für Untersuchung der nachdenkenden
Köpfe geworden zu seyn scheint. Wenigstens betrifft das was noch
von Bruchstücken physiologischer Lehren und Meinungen der ältesten
Weltweisen und Aerzte[1] bey spätern Schriftstellern aufbewahrt
worden, großentheils Untersuchungen über das Geheimnis der Zeugung:
und seitdem vollends ist in der Litterargeschichte der Philosophie und
Arzneywissenschaft keine Periode, worin sich nicht immer andre Männer
auf die weitere Verfolgung derselben eingelassen haben sollten.
Selbst in den düstern Jahrhunderten des mittlern Zeitalters, wo sonst
aller übrige Forschungsgeist im tiefen Schlummer der Mönchsbarbarey
versenkt lag, wachte doch immer die rege Neugierde über diesen
Gegenstand, so daß uns von den geistlichen Herren jener Zeit noch
manche sehr fleischlich abgefaßte Bücher übrig sind[2], die zum Beweise
dienen, wie sehr sie sich auch die Theorie desselben haben angelegen
seyn lassen.
Kein Wunder also, daß sich auch die Generations-Systeme, die Versuche
das große Problem zu lösen, nach und nach fast ins Unendliche
mehrten, und kein Zugang unbetreten blieb, wenn man nur irgend wähnen
konnte, daß er zu einem Aufschluß hierüber führen werde, so daß dann
freylich auch der offenbarsten Irrwege in keinem andern Felde der
Naturwissenschaft so viele geworden sind, als eben hier.
Schon ~Boerhaave’s~ Lehrer, ~Drelincourt~, hat allein
262 grundlose Hypothesen über das Zeugungsgeschäfte aus den Schriften
seiner Vorgänger zusammen gestellt, -- und nichts ist gewisser, als daß
sein eignes System die 263^{te} ausmacht.
Inzwischen lassen sich doch diese unzählig-scheinenden Pfade die
man sich zu bahnen versucht hat, um zur Lösung dieses größten aller
physiologischen Räthsel zu gelangen, am Ende alle auf zwey Hauptwege
hinausführen, die neuerlich unter den Namen der Evolution und der
Epigenese allgemein bekannt worden.
Entweder nemlich man nimmt an, daß der reife, übrigens aber rohe
ungeformte Zeugungsstoff der Eltern, wenn er zu seiner Zeit und unter
den erforderlichen Umständen an den Ort seiner Bestimmung gelangt,
dann zum neuen Geschöpfe allmälig ausgebildet werde. Dieß lehrt die
Epigenese.
Oder aber man verwirft alle Zeugung in der Welt, und glaubt dagegen,
daß zu allen Menschen und Thieren und Pflanzen, die je gelebt haben
und noch leben werden, _die Keime_ gleich bey der ersten Schöpfung
erschaffen worden, so daß sich nun eine Generation nach der andern blos
zu _entwickeln_ braucht. Deshalb heißt dieß die Lehre der Evolution.
Allein die Art und Weise dieser Evolution selbst, hat man wieder durch
sehr verschiedne Theorien zu erklären versucht.
~Heraclit~ nemlich (mit dem Zunamen, _der Düstere_) und ~Hippocrates~
oder wer sonst der Verfasser der unter des letztern Werken befindlichen
Bücher von der Lebensordnung seyn mag, meinten, so wie manche
ihrer neuern Nachfolger, diese Keime seyen auf und in der ganzen
Erde verbreitet, wo sie so lange umherschwärmten, bis jeder die
Zeugungstheile eines seiner schon entwickelten Brüder von seiner Art
anträfe, in ihnen gleichsam Wurzel schlagen, seine bisherige Hülle
abwerfen, und nun selbst zur Entwickelung gelangen könne.
Diese Theorie hat aber außer dem (hier freylich am wenigsten
blendenden) Ansehen des ~Hippocrates~ so schlechterdings nichts
vor sich, sondern ist so ganz blos aus den abentheuerlichsten
willkührlichsten Voraussetzungen aufgebaut, daß man nicht absieht,
was für irgend eine Hypothese man sich als unwahrscheinlich versagen
dürfte, wenn man sich eine solche, wie diese sogenannte _Panspermie_,
erlauben wollte. -- Auch entschuldigt unser sel. ~Gesner~ den Aufwand
von Gelehrsamkeit, womit er diesen Roman beym ~Hippocrates~ commentirt
hat, blos mit dem Bonmot der Königin ~Christina~: daß die Grillen der
Alten immer doch eben soviel werth seyen, als die Grillen der Neuern.
Mehr Beyfall haben zwey andere Evolutionstheorien erhalten, nach
welchen beiden die Keime nicht umherschwärmen, sondern fein ruhig in
einander geschachtelt und bey der ersten Schöpfung gleich in die
ersten Stammeltern gelegt seyn sollten, so daß nun eine Generation
derselben nach der andern durch die Paarung oder Befruchtung zur
Entwickelung gelange. Der Unterschied zwischen beiden Theorien war blos
der, daß diese Keime nach der einen beym Vater, nach der andern aber
bey der Mutter liegen sollten.
Wie nemlich im vorigen Jahrhundert die Vergrößerungsgläser
erfunden waren, und sich hiedurch Aussichten in eine neue Welt von
microscopischen Geschöpfen öffneten, so war bey der Neuheit dieser
Erfindung und der Leichtigkeit ihres Gebrauchs nichts natürlicher als
daß man nun aufs gerathewohl tausenderley Objecte unters Microscop
brachte, das so sehr mannichfaltige große Ueberraschungen gewährte.
So besah auch unter andern ein junger Danziger ~Ludw. von Hammen~,
der damals in Leiden Medicin studirte im Aug. 1677 einen Tropfen
männlichen Saamen von einem Hahn, den er eben geöffnet hatte, unter
seinem Glas, und erstaunte diesen Tropfen als einen Ocean zu erblicken,
der von unzähligen flinken, raschen kleinen Thierchen belebt war.
Diese unerwartete Erfahrung bestätigte sich im reifen Saamen anderer
männlichen Thiere, und nun glaubte man in diesen Saamenwürmchen die
Keime zu künftigen vollkommnen Geschöpfen und mit ihnen folglich auch
den Schlüssel zum Geheimnis der Zeugung gefunden zu haben. Nun begreife
ich zwar nicht wie Naturforscher und Physiologen von Profession den
Saamenthierchen die willkührliche Bewegung und überhaupt die Animalität
haben absprechen können: aber noch weit unbegreiflicher ist es, wie
andre Männer diese in einem stagnirenden thierischen Safte, (so wie
ähnliche Infusionsthierchen in andern Säften) zu erwartenden Würmchen
zu beseelten Keimen künftiger Menschen und Thiere haben hinaufwürdigen
und erheben dürfen.
Ohne die längst bekannten, aber nie nur leidlich gehobnen Zweifel
zu wiederholen, die sich gegen eine so seltsame Behauptung empören,
so begnüge ich mich hier nur einige wenige Bedenklichkeiten
hinzuzusetzen, die doch auch ungelehrten Lesern diese vorgegebne Würde
der Saamenthierchen sehr verdächtig machen müssen. So z. B. daß die
Würmchen im Saamen der nächstverwandten Thiere in ihrer Bildung so
gänzlich von einander verschieden, und andre, von den unähnlichsten
Thieren einander so auffallend ähnlich sind! Es kan kaum eine
größere Unähnlichkeit geben, als die zwischen den Saamenthierchen
des Frosches beym Hrn. ~von Gleichen~ und denen vom Wassermolch
bey Hrn. ~Spallanzani~. Hingegen kan die Aehnlichkeit zwischen
zwey Wassertropfen nicht täuschender seyn, als die zwischen den
Saamenthierchen des Menschen und des Esels in den Kupfern des erstern
von jenen beiden Beobachtern.
Eben dieser neuerliche, und hoffentlich letzte Verfechter jener Würde
der Saamenthierchen, hat beym Frosche gar zweyerley Arten dieser
Würmchen zugleich im gleichen Tropfen gesehen -- und doch sind wiederum
beide von derjenigen Gattung die ~Rösel~ im Froschsaamen gesehen,
gleich weit verschieden! und jene haben sich noch dazu in den Nieren
so gut, wie in den Saamenbläsgen gefunden etc.
Lauter Erscheinungen, die die zufällige Unbestimtheit dieser fremden
_Gäste_ des männlichen Saamens so sehr erweisen, und die ihnen
aufgedrungene Würde so ganz vernichten, daß man wenigstens eben
so leicht hoffen darf mit dem sittsamen ~Paracelsus~[3] und dem
Mahler ~Gautier~[4] aus bloßem männlichen Saamen einen vollkommnen
menschlichen Embryo hervorzubringen, als ihn mit dem berühmten
Academisten ~Hartzoeker~[5] in jedem menschlichen Saamenthierchen
völlig schon so wie nachher im Mutterleibe krumm zusammen gebogen
sitzen zu sehen.
Schon vor Entdeckung der Saamenthierchen hatte ein sonst wenig
bekannter Mann ~Joseph de Aromatariis~ einen dritten Weg eingeschlagen,
das Zeugungsgeschäfte durch Evolution zu erklären, denjenigen nemlich,
der auf die vorgeblichen im mütterlichen Eyerstock längst vor der
Empfängnis zur Entwickelung vorräthig liegenden präformirten Keime
hinausläuft. Auch ~Swammerdam~ hat ihn betreten, doch blieb er im
ganzen, vollends seit nun die Saamenwürmchen das große Aufsehn machten,
wenig besucht, bis er mit einem Male in neuern Zeiten durch die
Bemühungen der großen Männer ~Haller~ und ~Bonnet~ am gangbarsten von
allen gemacht ward.
Nach _dieser_ Evolutionstheorie haben wir, so wie das ganze
Menschengeschlecht in den beiden Eyerstöcken unserer ersten
Stamm-Mutter in einander geschachtelt und wie im tiefsten Todesschlaf
versenkt beysammen gelegen. Zwar sehr im Kleinen, als Keime, aber,
versteht sich, als präformirte, völlig ausgebildete Miniaturen. Denn,
sagt Hr. ~v. Haller~, „_alle Eingeweide und die Knochen selbst waren
schon vorhero gebaut gegenwärtig, obgleich in einem fast flüssigen
Zustande_.“ Was man Empfängnis nennt, ist nichts als das Erwachen des
schlaftrunknen Keims durch den Reiz des auf ihn wirkenden männlichen
Saamens, der sein Herzchen zum ersten Schlage antreibt u. s. w. Auch
hat uns daher vor Kurzem einer der neuesten Verfechter dieser Theorie,
ein berühmter Genfer Naturforscher, mit nichts geringerm, als einem
Entwurf der Geschichte der organisirten Körper _vor ihrer Befruchtung_,
beschenkt, und uns darin belehrt, daß wir 1) alle weit älter sind als
wir geglaubt hatten; daß 2) alle Menschen in der Welt von gleichem
Alter sind, der Großvater nicht um einen Tag älter als sein neugeborner
Enkel etc. und daß sich 3) dieses ehrwürdige Alter aller Menschen, die
gegenwärtig auf dem Erdenrund leben, nahe gegen 6000 Jahre erstreckt.
-- Auch tritt er ganz der Meinung bey, die schon ~Bazin~ behauptet,
daß wir seit der lieben langen Zeit da wir mit Cain und Abel und den
200,000 Millionen übrigen Menschen zusammen steckten, die der gemeinen
Rechnung nach, seitdem vor uns dahin gegangen sind _quo pius Aeneas
quo Tullus diues et Ancus_, kurz seit der ersten Schöpfung, zwar
_incognito_ und schlaftrunken, aber doch nicht ganz ohne Bewegung brach
gelegen haben, und daß wir während der 57 Jahrhunderte eh uns die Reihe
traf, daß wir durch den oberwähnten Reiz entwickelt wurden, doch immer
nach und nach sachte gewachsen sind: wir konnten uns nemlich bey Cains
Schwester schon ein bißgen mehr ausdehnen, als bey ihrer Mutter, wo
sie selbst nebst ihren Geschwistern noch bey uns lag und uns den Raum
beengte; und so kriegten wir mit jeder neuen Entwickelung eines unsrer
Vorfahren ein geräumiger Logis, und das that uns wohl, da streckten wir
uns immer mehr und mehr, bis endlich die Reihe der Entwickelung auch an
uns kam!
So abentheuerlich romanhaft diese letztern Behauptungen scheinen
mögen, so fließen sie doch im Grunde ziemlich natürlich aus den
Grundsätzen jener Theorie. Für diese Grundsätze selbst aber führten
die Verfechter derselben, Hr. ~von Haller~, Hr. ~Spallanzani~ etc.
Erfahrungen und Beobachtungen an, die wir im nächsten Abschnitt näher
beleuchten werden, die aber auf den ersten Blick so einleuchtend und
entscheidend scheinen, daß sich der allgemeine Beyfall doch ganz wohl
begreifen läßt, womit, zumal in den letztern 30 Jahren, die Präexistenz
der präformirten Keime im weiblichen Eye lange vor ihrer Befruchtung
und Entwickelung, aufgenommen wurde. Auch ich habe ihr vorhin
beygepflichtet, habe sie gelehrt und in mehreren Schriften vertheidigt,
so daß in so fern hier diese Blätter das Geständnis eigner Irthümer
enthalten, denen ich nichts mehr wünsche, als was Hr. ~de Luc~ irgendwo
sagt: „ein verbesserter Irthum wird oft zu einer ungleich wichtigern
Wahrheit, als manche positive Wahrheiten, die unmittelbar als solche
anerkannt worden.“
Der unerwartete Erfolg eines kleinen Versuchs den ich doch recht in der
Absicht angestellt hatte, um die Richtigkeit jener Evolutionstheorie
und den Ungrund der allmäligen Bildung zu erweisen, brachte mich erst
zum Scheideweg zurück und öffnete mir bald eine neue der vorigen sehr
entgegengesetzte Bahn. Wer so wieder die Natur kämpft, dem geht’s doch
leicht bey einem unversehenen Blick in ihre enthülltern Reize, wie
dort dem Menelaus, da er ausgegangen war sein Schwerd gegen Helena zu
zucken: kaum sah sein Auge den Busen den er durchbohren wollte, so
sank sein gewaffneter Arm, und es war nun nicht um sie, sondern um ihn
geschehen[6].
Der Anlaß zu jenem Versuch war der: Ich fand, da ich einige Ferientage
auf dem Lande zubrachte, in einem Mühlbache eine Art grüner Armpolypen,
die sich durch einen langgestreckten spindelförmigen Körper, und kurze
meist steife Arme von der gemeinen grünen Gattung auszeichneten, und
mit deren Wundern ich meiner Gesellschaft einen Theil ihrer Zeit
vertreiben sollte. Theils das warme trockne Sommerwetter, noch mehr
aber die dauerhafte Constitution dieser Polypen begünstigte die
bekannten Reproductionsversuche die wir damit anstellten so, daß die
Wiederersetzung gleichsam zusehends von statten zu gehen schien. Schon
den zweyten, dritten Tag waren den verstümmelten Thieren wieder Arme,
Schwänze u. s. w. angewachsen; nur bemerkten wir immer sehr deutlich,
daß die neuergänzten Polypen bey allem reichlichen Futter, doch weit
_kleiner_ als vorher waren: und ein verstümmelter Rumpf, so wie er die
verlornen Theile wieder hervortrieb, auch im gleichen Maaße, recht
sichtlich einzukriechen, und kürzer und dünner zu werden schien
u. s. w.[7]
Einige Zeit nachdem ich wieder zur Stadt gekommen war, mußte ich einen
Menschen besuchen, der schon lange am Winddorn krank gelegen hatte.
Der Schade war über dem Knie, und offen, und auch die weichen Theile
zu einer tiefen Grube ausgeeitert. Es besserte sich nachher, aber so
wie die Lücke im Fleisch nach und nach wieder mit plastischer Lymphe
zur Narbe angefüllt wurde, so senkte sich auch[8] das benachbarte
gesunde Fleisch im gleichen Grade allgemach nieder, schien gleichsam
zu schwinden, so daß endlich die Narbe in der Grube und das Fleisch
am Rande derselben wieder fast gleich standen, und jene nur noch eine
breite aber ziemlich flache Delle machten. Also _mutatis mutandis_ der
gleiche Fall, wie bey meinen grünen Armpolypen aus dem Mühlgraben.
Ich habe seit der Zeit einen großen Theil meiner Muße auf die weitere
Prüfung und Untersuchung dieser damaligen Erfahrungen verwandt, und
alles was ich darin durch Beobachten und Nachdenken gelernt habe, führt
mich am Ende zu der Ueberzeugung:
_Daß keine präformirten Keime präexistiren: sondern daß in dem
vorher rohen ungebildeten Zeugungsstoff der organisirten Körper
nachdem er zu seiner Reife und an den Ort seiner Bestimmung gelangt
ist, ein besonderer, dann lebenslang thätiger Trieb rege wird, ihre
bestimmte Gestalt anfangs anzunehmen, dann lebenslang zu erhalten,
und wenn sie ja etwa verstümmelt worden, wo möglich wieder
herzustellen._
_Ein Trieb, der folglich zu den Lebenskräften gehört, der aber
eben so deutlich von den übrigen Arten der Lebenskraft der
organisirten Körper (der Contractilität, Irritabilität, Sensilität
etc.) als von den allgemeinen physischen Kräften der Körper
überhaupt, verschieden ist; der die erste wichtigste Kraft zu aller
Zeugung, Ernährung, und Reproduction zu seyn scheint, und den man
um ihn von andern Lebenskräften zu unterscheiden, mit dem Namen
des_ Bildungstriebes (nisus formatiuus) _bezeichnen kan._
Hoffentlich ist für die mehresten Leser die Erinnerung sehr
überflüssig, daß _das Wort_ Bildungstrieb, so gut, wie _die Worte_
Attraction[9], Schwere etc. zu nichts mehr und nichts weniger dienen
soll, als eine Kraft zu bezeichnen, deren constante Wirkung aus der
Erfahrung anerkannt worden, deren _Ursache_ aber so gut wie die Ursache
der genannten, noch so allgemein anerkannten Naturkräfte, für uns
_qualitas occulta_ ist. Es gilt von allen diesen Kräften was ~Ovid~
sagt: -- _causa latet, vis est notissima_. Das Verdienst beym Studium
dieser Kräfte ist nur das, ihre Wirkungen näher zu bestimmen und auf
allgemeinere Gesetze zurück zu bringen.
~d’Alembert’s~ Nachfolger, der Hr. ~M. de Condorcet~ sagt in seiner
Lobrede auf unsern ~Haller~ bey Gelegenheit der Irritabilität: „Man
fing wie gewöhnlich damit an, daß man die Wahrheit der Sache läugnete;
-- und da das endlich doch nicht länger mit Ehren sich thun lies, so
endigte man damit, daß man nun sagte, das sey ja was altes längst
bekanntes!“
Da man nun neuerlich schon scharfsichtig genug worden ist, eben
die thierische Reizbarkeit schon im ~Homer~, und den Harveyischen
Blutumlauf im Prediger ~Salomo~ beschrieben zu finden, so müßte es
vollends nicht gut seyn, wenn sich nicht auch zur Noth der ganze
_nisus formativus_ aus allen den Werken über die Erzeugung, die seit
2000 Jahren geschrieben und nun zusammen zu keiner kleinen Bibliothek
angeschwollen sind, sollte herausdeuten lassen. Zumal da die _vis
plastica_ der Alten (besonders der peripatetischen Schule) bey der
Aehnlichkeit des Namens mit _nisus formativus_ zu einem solchen _qui
pro quo_ verleiten könnte.
Es soll mich aber freuen, wenn man mir einen einzigen dieser Alten
aufstellt, der von seiner plastischen Kraft auch nur einigermaßen
die bestimmten und den Phänomenen des Zeugungsgeschäftes so genau
entsprechenden Begriffe gäbe[10], wie ich sie in diesen Blättern,
(besonders im dritten Abschnitt) vom Bildungstriebe zu geben versucht
habe.
Ein sehr scharfsichtiger Physiologe Hr. ~C. F. Wolff~ in Petersburg hat
eine andre Kraft fürs Wachsthum der Thiere und Pflanzen angenommen,
die er _vis essentialis_ nennt: und die ebenfalls, wenn man sie blos
vom Hörensagen kennt, auf den ersten Blick mit dem _nisus formativus_
vermengt werden könnte.
Die gänzliche Verschiedenheit zwischen beiden muß aber einem jeden
einleuchten, sobald er sich die Mühe nimmt, den wahren Begriff den Hr.
~Wolff~ selbst von seiner _vis essentialis_ angiebt in seiner _theoria
generationis_ nachzulesen[11].
Ihm ist seine _vis essentialis_ blos diejenige Kraft, wodurch der
Nahrungsstoff in die Pflanze oder in das junge Thier getrieben wird.
Dieß ist folglich zwar ein Requisit _zum_ Bildungstrieb -- aber bey
weitem nicht der Bildungstrieb selbst. Denn jene _vis essentialis_
wodurch die Nahrungssäfte in die Pflanze gebracht werden, zeigt
sich auch bey den unförmlichsten, widernatürlichsten, wuchernden
Auswüchsen der Gewächse, (an Baumstämmen etc.) wo gar kein bestimmter
Bildungstrieb statt hat. Eben so bey Mondkälbern etc.
Umgekehrt kan die _vis essentialis_ bey schlecht ernährten organischen
Körpern sehr schwach seyn, dem eigentlichen Bildungstriebe übrigens
unbeschadet u. s. w.
* * * * *
So leid es mir thut, so bringt es doch die Natur der Sache einmal
nicht anders mit sich, als daß ich den Gründen und Erfahrungen für den
Bildungstrieb eine Wiederlegung der theils so blendenden Argumente
vorausschicken muß[12], deren sich zumal Hr. ~von Haller~ zu
Gunsten der Entwickelung aus dem weiblichen Eye bedient hat. Was mir
indeß diese Abweichung von dem Manne, dessen Schriften und dessen
Briefwechsel ich so unendlich viel verdanke, erleichtern kan, ist
theils die Gewißheit, daß selbst ein großer Theil des etwanigen Guten,
welches irgend in diesen Blättern enthalten seyn mag, doch in so fern
ihm zu verdanken ist, als es durch Prüfung und weitern Verfolg seiner
Untersuchungen veranlaßt wurde, und theils die Ungewißheit, ob er
nicht selbst wohl schon auf andre Spuren gekommen, und in dem noch
nicht bekannt gemachten Theil seines letzten großen Werks[13] von
seiner vorigen Meinung wieder abgegangen seyn mag. Auf keinen Fall
wird aber ~Haller’s~ Ruhm das mindeste von seinem verdienten
Glanze verlieren, wenn Er auch dennoch die eingewickelten Keime ferner
behauptet, und sich der allmäligen Bildung noch weiter wiedersetzt
haben sollte; so wenig als es ~Harvey’s~ und ~Newton’s~
ewigen Nachruhm schwächen darf, daß Jener das Daseyn der Milchgefäße
im thierischen Körper, und Dieser die Möglichkeit der farbenlosen
Fernröhren geläugnet hat!
[1] Wie z. B. des ~Orpheus~, des ~Pythagoras~, ~Anaxagoras~ etc.
[2] Z. B. von Pabst ~Johann XX.~, von Bischof ~Albert~ dem Großen
oder was sonst für ein ehrwürdiger Geistlicher der Verf. des
schmuzigen Büchleins von den Geheimnissen der Weiber ist. So
~Mich. Scotus~ und viele a. m.
[3] _Von Natur der Dinge an Johansen Winkelsteiner von Fryburg im
Uchtland._ im VIten B. der Huserschen Ausg. seiner sämtlichen
Werke. S. 263. u. f.
Ein ähnliches Product beschreibt ~Amat. Lusitanus~ _curation.
medicinal._ Cent. VI. curat. 53. schol. p. 612. „_Certo scimus
chimico artificio puerum conflatum esse, et omnia sua membra
perfecta contraxisse, ac motum habuisse: qui cum a vase, vbi
continebatur, esset extractus, moueri desiit. Nouit haec
accuratius_ ~Julius Camillus~, _vir singularis doctrinae
et rerum occultarum et variarum hac nostra aetate magnus
scrutator, et Hetrusca sua lingua scriptor diligentissimus et
accuratissimus._“
[4] Man sehe seine _Génération de l’homme et des animaux._ Par. 1750.
12. wie auch die _Observ. sur l’hist. nat._ I Th. und seinen
freylich etwas misgestalteten Fötus selbst mit lebendigen Farben
vorgestellt. Taf. A. fig. 3.
[5] _Essay de Dioptrique._ Par. 1694. 4. S. 230. wo der
scharfsichtige Mann eine genaue Abbildung des in die Hülle
eines Saamenthierchens eingewickelten und auf seine Befreyung
harrenden Kindchens gibt.
[6] ~Galenus~ von den Lehrsätzen des Hippocrates und Plato: im Vten
Band der +Chartier+. Ausg. S. 147.
[7] Es ist zwar ganz wohl begreiflich, wie ein solcher kleiner
Umstand von manchen Beobachtern entweder in der Erwartung
größerer Merkwürdigkeiten ganz übersehen, oder aber nicht
anmerkenswerth gefunden wurde. Doch scheint der sorgfältige
~Rösel~ darauf geachtet zu haben. _Hist. der Polypen._ im III B.
der _Insectenbelustig._ S. 490.
[8] Eine gleichfalls schon anderwärts bemerkte Erscheinung. Man sehe
die Abh. der Hrn. ~Fabre~ und ~Louis~, _des playes avec perte de
substance_ in den _Mém. de l’ac. de Chirurgie. vol IV._ S. 64.
u. 106.
[9] So sagt z. B. ~Newton~ in den Quästionen an der 2ten Ausg.
seiner Optik, S. 380. der +Clarkischen+ Uebers. „_Hanc vocem_
attractionis _ita hic accipi velim, vt in vniuersum solummodo_
vim aliquam _significare intelligatur, qua corpora ad se mutuo
tendant; cuicunque demum_ causae _attribuenda sit illa vis._“
[10] Noch am bestimmtesten druckt sich doch ~F. Bonamico~ der
bekannte Aristoteliker darüber aus, _de formatione foetus_
p. 528. „_Spiritus in aërea seminis substantia comprehensus,
aspersus autem a calore caelesti, et vi a patre accepta, et ea
quam a coelo participat, in vterum foeminae coniectus, concoquit
materias a foemina infusas et pro ratione ipsarum variis modis
afficiens efficit instrumenta. Dum vero ea fabricat appellatur
Facultas_ διαπλαστικη seu δημιουργικη. _Sed vbi exstructa
fuerint instrumenta, vt iis vti queat, quae prius erat vis
formatrix, illis vtens degenerat in animam._“
[11] So z. B. S. 12. „_Vis vegetabilium essentialis ea est vis, qua
humores ex circumiacente terra, vel aliis corporibus
colliguntur, subire radicem coguntur, per omnem plantam
distribuuntur, partim ad diversa loca deponuntur, partim foras
expelluntur._“
S. 13. „_Quaecunque vero sit haec vis, sive attractrix, sive
propulsiva, sive aëri expanso debita, sive composita ex omnibus
hisce et pluribus; modo praestet enarratos effectus, et ponatur,
posita planta et humoribus nutritiis applicatis, id quod
experientia confirmatum est: sufficiet ea praesenti scopo et
vocabitur a me vis vegetabilium essentialis_“
und in Anwendung auf die Erzeugung der Thiere S. 73. „_Embryonem
hoc tempore (ovo sc. 36 horas incubato) ex substantia ovi
nutriri demonstrant illius volumen auctum, perfectiones
acquisitae, absentia cuiuscunque alius materiae, consumtio
albuminis et vitelli succedens, experimenta inferius recensenda;
consequenter: transire particulas nutrientes ex ovo ad
embryonem: et existere vim, qua id perficitur, quae non est
systaltica cordis et arteriarum, neque hinc facta pressio
in venas vicinas, neque harum compressio a motu musculorum,
dirigentem absque canalibus, viam determinantibus, adeoque
analogam illi (§. 1.) quam aeque vocabo_ essentialem.“
[12] Doch übergehe ich dabey alle diejenigen, zum Theil ausnehmend
scharfsinnigen Gegengründe, die schon in einer kürzlich unter
folgendem Titel erschienenen, überaus witzigen und angenehmen
Schrift der Evolution entgegen gestellt sind: _Zweifel gegen die
Entwickelungstheorie. Ein Brief an Hrn._ ~Senebier~ _von_ L..
P.. (~Patrin~). _Aus der französischen Handschrift übersetzt
von_ ~G. Forster~, _Göttingen_, 1788. 8.
[13] Er schrieb mir selbst d. 28. Aug. 1776. „Ich danke der
Vorsehung, die mir so viele Lebenszeit gegeben hat, daß ich eine
neue Auflage der Physiologie habe ausarbeiten können, ohne die
ich der Welt viele Fehler würde zu wiederlegen gelassen haben.“
Zweyter Abschnitt.
_Prüfung der Haupt-Gründe für die vorgegebne Präexistenz des
präformirten Keims im weiblichen Eye, und Gegengründe zu ihrer
Wiederlegung._
Am 13^{ten} May 1758. ward in der Versammlung der königlichen Societät
der Wissenschaften zu Göttingen die berühmte Abhandlung des Hrn. ~von
Haller~ ihres damaligen Präsidenten über die Bildung des Herzens im
bebrüteten Küchelgen abgelesen, worin man nachher das _argumentum
crucis_ zu Gunsten der präformirten Keime zu finden geglaubt hat. Ihr
Verfasser sagt nemlich, er habe gefunden, daß die Haut des Dotters im
bebrüteten Ey mit den Häuten des daran hängenden Küchelgens, und die
Blutgefäße des letztern eben so mit den Adern der sogenannten _figura
venosa_ des Dotters continuirten. Nun aber habe der Dotter mit seiner
Haut schon im Eyerstock der unbefruchteten Henne präexistirt, folglich
nach aller Wahrscheinlichkeit auch zugleich mit derselben, obgleich
unsichtbar das damit continuirende Küchelgen. -- Doch druckte sich der
vorsichtige Mann anfangs immer noch behutsam und gleichsam schwankend
über diese Schlußfolge aus[14].
Hr. ~Bonnet~ hingegen, der bald nachher seine Betrachtungen über die
organisirten Körper herausgab, und schon vorher für die Entwickelung
der präformirten Keime eingenommen war, faßte gleich die Hallersche
Bemerkung, erklärte sie für schlechterdings unwiederredlich, und hielt
durch sie die Wahrheit jener Hypothese für ganz ausgemacht erwiesen[15].
Und nun erst ließ sich auch Hr. ~von Haller~ immer mehr und mehr von
der Wichtigkeit dieser seiner Bemerkung einnehmen, so daß er in den
spätern Schriften kein Bedenken trug, sie für eben so entscheidend
auszugeben, als sein Freund ~Bonnet~.
* * * * *
Da ich selbst ehedem in Schriften so gut wie hundert andre
Naturforscher und Physiologen auf diese berühmte Bemerkung als auf
den Grundpfeiler des Evolutionssystems gefußt habe, so darf ich um
so weniger Anstand nehmen, nun jetzt meine Verwunderung zu äußern,
wie in aller Welt wir allesammt einer im gegenwärtigen Falle so
schlechterdings nichts beweisenden Behauptung ein so vermeintlich
unwiederredliches Gewicht haben beylegen können!
Denn -- gesetzt auch, daß jene Continuation der Häute und Blutgefäße
des Dotters mit den Häuten und Blutgefäßen des bebrüteten Küchelgens
seine Richtigkeit hätte (-- gesetzt nemlich; denn die Sache selbst
ist, wie die sorgfältigste genaueste Beobachtung gelehrt hat, noch
ganz und gar zweifelhaft, und, wie jeder zugeben wird, der selbst
bebrütete Eyer untersucht hat, sehr schwer mit Gewißheit zu behaupten
--): so folgt ja daraus noch bey weiten nicht, daß diese Häute und
Gefäße, wenn sie auch wirklich nun mit einander _continuirten_, deshalb
auch von je zusammen _coëxistirt_ haben müßten! Genug Erscheinungen
an organisirten Körpern zeigen das erstere, ohne daß man sich wird
beykommen lassen, daraus das zweyte zu folgern. So aus dem Gewächsreich
gleich ein Beyspiel statt vieler: die sonderbaren Vegetationen die an
allerhand Pflanzen durch den bloßen Stich der Gallwespen verursacht
werden, vorzüglich die sogenannten Schlafäpfel oder Bedeguar[16] an den
wilden Rosenstöcken. Die Rinde des Rosenstocks überzieht auch diese
ganzen moosartigen aber _zufällig_ entstandnen Gewächse, und wenn man
frische oder einige Tage lang eingeweichte Schlafäpfel mit dem Aste,
an welchem sie sitzen, durchschneidet, so zeigt sich der Uebergang der
holzigen Gefäße des Rosenstocks in den holzigen Kern des Bedeguar aufs
sichtlichste, und zuweilen mit einer ausnehmenden Sauberkeit. Sollen
aber darum auch diese so zufälligen Producte einer kleinen Mücke von
je mit dem Rosenstocke _coëxistirt_, und in allen Aesten und Blättern
aller Rosenstöcke der Welt auch überall eingewickelte Keime für
zahllose Schlafäpfel _präexistiert_ haben, die alle aufs Gerathewohl da
gelegen hätten, bis endlich das tausendmal tausendste von ihnen durch
den wohlthätigen Stachel eines hinzufliegenden Cynips zur Entwickelung
angetrieben worden?
Und nun im Thierreich -- Wie oft werden nach den zufälligsten
Entzündungen von Eingeweiden etc. durch Ergießung plastischer Lymphe
neu erzeugte Häute und in diesen, oft binnen wenigen Tagen neue
Blutgefäße gebildet, die beiderseits mit den Häuten und Gefäßen
der benachbarten Eingeweide _continuiren_, ohne daß man daraus
ihre beständige _Coëxistenz_ mit denselben zu folgern, sich wird
einfallen lassen. Und damit man nicht etwa einwende, dieß seyen blos
widernatürliche Erscheinungen im krankhaften Zustande der Thiere,
so erinnere man sich der neuerlich so berühmt wordnen, sogenannten
_Hunterschen_ Haut, die jedesmal nach einer fruchtbaren Empfängnis den
künftigen Aufenthalt der nun zu erzeugenden Leibesfrucht und ihrer
Hüllen vom neuen auskleidet, und deren Blutgefäße, zumal da wo die
Adern der Nabelschnur in ihr Wurzel schlagen sollen, aufs sichtlichste
mit den Blutgefäßen der Mutter selbst continuiren.
In allen diesen angeführten Fällen wuchert gleichsam die neu erzeugte
Haut und ihre Gefäße aus den benachbarten Eingeweiden heraus, und so
würden in der Anwendung aufs bebrütete Hühngen auch seine Gefäße und
Häute erst aus des Dotters seinen ausgetrieben werden können.
Allein es läßt sich auch noch ein zweyter Fall gedenken, den auch schon
ein scharfsichtiger Naturforscher, Hr. ~Paul~[17] der Hallerschen
Demonstration entgegengesetzt hat. Gesetzt, daß jene Dotterhaut mit
ihren unsichtbaren Gefäßen schon im Eyerstock der Henne präexistirt
habe, so kan ja demohngeachtet das Küchelgen erst während des Bebrütens
erzeugt, und nur die Blutgefäße desselben in die Adern jener Haut
_eingepropft_, und so beide mit einander verbunden worden seyn.
Hr. ~von Haller~ hat diesen Einwurf laut und geradezu verworfen, und
es für schlechterdings _unmöglich_ erklärt, daß die unendlich zarten
Adern des dann noch microscopisch kleinen Küchelgens in die großen
Gefäße des riesenmäßigen Dotters eingepfropft werden könnten[18].
Nun und eben dieser unendlich verdienstvolle Mann, der diese
Einpfropfung beym Küchelgen unmöglich nennt, der ergreift hingegen im
nemlichen Werke[19], da wo er von der menschlichen Befruchtung handelt,
eine völlig gleiche Einpfropfung der Blutgefäße ohne alles Bedenken! Er
nimmt nemlich an, der unendlich kleine menschliche Keim der nun aus
dem Eyerstocke in die Mutterhöhle angelangt sey, der solle nun mittelst
seines Mutterkuchen an derselben befestigt werden. Und wie das? Nicht
anders als durch Einpfropfung seiner microscopischen Nabelgefäßgen in
die riesenmäßigen Blutgefäße der Gebärmutter. --
* * * * *
Die neuern Verfechter der Evolution machten, wie wir gesehen haben, den
Eydotter zur Stütze ihrer Hypothese.
Weit früher schon hat man sich des _Froschlaichs_ zu gleichem Zweck
bedienen wollen.
~Swammerdam~ nemlich verkündigte vor mehr als hundert Jahren die
wunderbare Entdeckung, daß der schwarze Punkt im Froschlaich das in
allen seinen Theilen vollkommen ausgebildete Fröschgen sey, das auch
schon im Eyerstock obschon fast unsichtbar präformirt gelegen habe
u. s. w.[20]
Dem guten Mann scheint geahndet zu haben welch ein mißliches,
vergängliches Ding es mit aller zeitlichen eitlen Ehre solcher
Entdeckungen sey, und bekanntlich suchte er dafür bald hernach ein
solideres Glück der Mystik im Schooße bey Mamsell ~Bourignon~. Denn
wirklich hat nun jetzt die undankbare heutige Welt jene wunderbare
Entdeckung dem berühmten Hrn. Abt ~Spallanzani~ zugeschrieben, der
sie freylich in mehrern Schriften, zumal aber im zweyten Band seiner
Abhandlungen[21] mit vieler Umständlichkeit vorgetragen hat.
Auch er nennt nemlich das schwarze Fleckgen im befruchteten Froschlaich
geradezu Kaulquappe oder junges Fröschgen[22]. Und da nun dieses
Fleckgen im unbefruchteten Laich doch schon eben so aussieht, wie im
befruchteten[23], so ist nach seiner Logik nichts natürlicher, als
daß dasselbe auch im erstern und schon in Mutterleibe Kaulquappe oder
junges Fröschgen gewesen ist[24].
Ich weis nicht, was man von einem Chemiker urtheilen würde, dem es
beliebte, ein Klümpgen Silberamalgama deswegen einen Dianenbaum zu
nennen, weil doch wenn nun verdünnte Silberauflösung dazu käme, sich
allerdings so ein Baum daraus bilden würde, und da nun ein solches
Klümpgen außer der Silbersolution übrigens eben so aussähe, als nachdem
es so eben unter dieselbe gebracht worden, so müsse folglich auch in
jenem der _präformirte_ Dianenbaum präexistirt haben u. s. w.
Man muß sich schämen, eine Behauptung noch lange wiederlegen zu wollen,
von deren absoluten Ungrund sich jedes gesunde, präjudizlose und im
Beobachten nur nicht ganz ungeübte Auge alle Frühjahr überzeugen kan.
Wer sich je die kleine Mühe gegeben hat, das Froschlaich genau zu
untersuchen, der wird gestehen müssen, daß der Einfall, das schwarze
Fleckgen in demselben zum Kaulquappen zu demonstriren, die glücklichste
Anwendung von der Logik des Bruder +Peter+ im Mährgen von der Tonne
sey, der auch seinen Brüdern das hausbackne Brod für einen exquisiten
Hammelbraten andemonstriren wollte.
* * * * *
Doch die Verfechter der mütterlichen Keime sind weiter gegangen. Sie
haben sich geradezu auf Fälle berufen, wo sogar _Mädgen_ in aller ihrer
jungfräulichen Unschuld durch die unzeitige Entwickelung eines solchen
kleinen Keims guter Hoffnung worden.
Wie doch die Dinge zuweilen sonderbar zusammentreffen müssen. Gerade
im nemlichen Jahre, da ~Swammerdam~ seine obgedachte Entdeckung im
Froschlaich kund that, ereignete sich, nach dem in den Tagebüchern der
kaiserlichen Akademie der Naturforscher von einem berühmten Leibarzt
seiner Zeit, dem Dr. ~Clauder~ gegebnen Bericht, in Sachsenland ein
_Casus_, der mit jener Entdeckung wie Schachtel und Deckel zusammen
paßte. Eine Müllersfrau kommt mit einem Mädgen in die Wochen, das
einen ungewöhnlich hohen Leib mit zur Welt bringt. Acht Tage hierauf
wird das kleine dickleibige Mädgen „mit großen Wehtagen und Unruhe
befallen, sehr weinend und ängstlich, daß alle die Umstehende nicht
anders vermeint, als es würde im Nu sterben. Immittelst gebieret das
kranke Kind ordentlicher Weise ein artiges, vollständiges, lebendiges
Töchterlein, in der Länge des mittlern Fingers, welches auch getauft
worden. Bey und während der Geburt ist alles an Afterbürde und andrer
Unreinigkeit abgegangen, beide Kinder aber sind kurz folgende Tage
hierauf gestorben.“[25]
Der Hr. ~von Haller~ setzt richtig diese Geschichte nebst einer anderen
aus den Schwedischen Abhandlungen, wo man bey der Section eines Mädgen,
Knochen, Zähne und Haare in einer Geschwulst des Gekröses gefunden,
unter die Hauptstützen der Wahrheit der mütterlichen Keime[26].
Aber auch in ~Schmucker’s~ vermischten chirurgischen Schriften
beschreibt ein ~Anonymus~ die Leichenöffnung eines Mädgen, bey dem man
_statt der Gebärmutter_ einen runden, harten mit Haaren bewachsenen
Körper einer starken Wallnuß groß gefunden, der ein misgestaltnes
Kinderköpfgen vorgestellt. Das Köpfgen habe zwey vollkommne Zähne und
in seiner Cavität etwas Gehirn-ähnliches gehabt etc.
Da die Verfechter der mütterlichen Keime immer so laut und dringend
protestiren, daß man doch ihren _Beobachtungen_ nicht bloßes
Räsonnement entgegen stellen solle, so enthalte ich mich auch hier
alles Räsonnements, sondern will ihnen blos Zug für Zug, Beobachtung
gegen Beobachtung vorlegen, nemlich von nicht minder merkwürdigen
und unterhaltenden und ungefähr eben so glaubwürdigen Fällen, wo
sich auch _Mannspersonen_ oder andre männliche Thiere in gesegneten
Leibesumständen befunden haben sollen, und ich hoffe nicht, daß diese
meine, den _mütterlichen_ Keimen gerade wiedersprechende Autoritäten,
der Gegenpartie ihren nachstehen dürfen.
* * * * *
Dem Fall z. B. aus den schwedischen Abhandlungen setze ich einem aus
der Geschichte der königl. Akad. der Wissenschaften zu Paris entgegen,
da ein _Abbé_ mitten in einem Versuche über das Zeugungsgeschäfte sehr
zur Unzeit unterbrochen ward, und von Stund an in gewissen Theilen die
einmal ein andrer _Abbé_ der heil. ~Abaelard~ durch einen ähnlichen
Anlaß ganz eingebüßt hat, eine harte Geschwulst fühlte. Es kam zur
Operation, und sein Wundarzt versichert der königlichen Akademie,
dem Hrn. Patienten ein verhärtetes Kindgen[27] aus besagten Theilen
geschnitten zu haben.
Die Geschichte von der Müllersfrau in den Tagebüchern der kaiserlichen
Akad. der Naturforscher, denke ich mit einer andern in den
_Philosophical Transactions_ aufzuwiegen, da ein männliches Windspiel
ein lebendiges junges Hündgen _per anum_ von sich gegeben haben soll.
Statt der Hrn. ~Clauder~ und ~Otto~ die jene Geschichte bezeugen, nenne
ich zwey Gewährsleute, auf die England stolz seyn muß: Dr. ~Wallis~ und
~Edm. Halley~.
Endlich dem _anonymus_ bey ~Schmucker~ setze ich einen _anonymus_ beym
ehrwürdigen ~Fr. Ruysch~ entgegen, der diesem ein ähnliches Product,
nemlich eine knochichte Schaale wie eine halbe Wallnuß verehrte, die er
nebst vier vollkommnen Backzähnen und einem Knaul Haare vom Magen einer
männlichen Leiche losgeschnitten zu haben versicherte.
Das wäre denn also Autorität gegen Autorität. Ich glaube man kan nicht
gewissenhafter zu Werke gehn, als ich hier zu Werke gegangen bin; und
in so fern, dächte ich, wären wir wenigstens quitt. Doch riethe ich,
wenns gefällig wäre, überhaupt beym gegenwärtigen Streite, diese Art
von Hülfstruppen vor der Hand aus dem Spiele zu lassen; ich stellte die
meinigen blos darum auf, weil die Gegenpartie mit den ihrigen ins Feld
zu rücken für gut befunden hatte.
* * * * *
Das ist das Hauptsächlichste, was ich den berühmtesten Beweisen, die
von den Vertheidigern der präformirten mütterlichen Keime für die
sinnlichst entscheidenden ausgegeben werden, entgegen zu setzen habe.
Diesen darf ich aber nun noch einige andere aus Erfahrung
bewiesene Gegengründe beyfügen, die ohnehin wohl den Werth jener
Einschachtelungshypothese bey unbefangenen und nachdenkenden Lesern zu
bestimmen, hinreichend seyn dürften.
So z. B. die durchgehends bestätigte Erfahrung, daß sich auch dem
bewaffnetesten Auge doch nie sogleich -- sondern immer erst eine
geraume, zum Theil beträchtlich lange Zeit, nach der Befruchtung die
erste Spur des neuempfangnen Menschen oder Thiers, oder Gewächses
zeigt. Es lohnt sich nicht der Mühe, jetzt noch die fabelhaften Sagen
des ~Hippocrates~ und so vieler nachherigen guten Alten zu rügen,
die in den ersten Tagen nach der Empfängnis schon völlig kenntliche
ausgebildete menschliche Leibesfrüchte gesehen zu haben meinten. Sie
werden bey den wenigen Hülfsmitteln und der seltnen Gelegenheit in
jenen Zeiten um so verzeihlicher, wenn man bedenkt, daß selbst neuere
Aerzte von ungleich mehr ausgebreiteter Erfahrung in diesem Fache, noch
ähnliche solche Behauptungen gewagt haben. So hat uns ~Mauriceau~ mit
Abbildungen von Leibesfrüchten von 3⅓ Tagen, von einem Tag u. s. w.
beschenkt, und so haben ~Malpighi~ und ~Croune~ schon im unbebrüteten
Ey einer getretnen Henne, und letztrer sogar in Windeyern von Hünern,
denen sich noch nie ein Hahn genaht hatte, das Küchelgen und seine
Theile gesehn zu haben, versichern dürfen.
Kein vorsichtiger und zuverlässiger Beobachter wird aber vor der
dritten Woche der Schwangerschaft einen ungezweifelt wahren,
menschlichen Embryo, oder im bebrüteten Hühnerey in den ersten
zwölf Stunden auch nur eine dunkle, und vor Ende des zweyten Tages,
eine deutliche Spur des Küchelgens gesehn haben. Vor diesem, einer
jeden Gattung von Thieren und Gewächsen von der Natur auf längere
oder kürzere Zeit vorgeschriebenen Termin[28], ist schlechterdings
ihre neuempfangene Brut nicht zu erkennen: ein Umstand, der bey der
Vollkommenheit unsrer Vergrößerungsgläser und andrer mechanischen
Hülfsmittel und Handgriffe der Theorie der präformirten Keime gewiß
nichts weniger als günstig seyn kan.
Eben so wenig ist abzusehen, wie in aller Welt die Gönner der
präformirten Keime, die unzähligen Fälle von Entstehung und Ausbildung
ganz zufälliger Weise neuerzeugter, im natürlichen Bau gar nicht
existirender organischer Theile mit ihrer Einschachtelungshypothese
zusammen reimen wollen.
Nur gleich wenige Beyspiele der Art statt vieler.
Eine Frau wird guter Hoffnung, aber ihr Kind ist nicht in dem
eigentlichen Ort seiner Bestimmung, sondern darneben in einer der
beiden Fallopischen Röhren empfangen worden, die berstet endlich bey
zunehmendem Wachsthum des armen verirrten Geschöpfes, und dieses fällt
nun in die Bauchhöhle der Mutter. Was thut die Natur? Sie ergießt
eine Menge plastischer Lymphe, die sich zu deutlich organisirten
Häuten bildet, und den Fötus incrustirt, wie eine Mumie einwickelt und
dadurch die der Mutter sonst tödliche Fäulung desselben verhütet; so
daß sie nun noch lange Jahre mit dieser zwar lästigen, aber doch nicht
gefährlichen Bürde herumgehen kan. Die nachherigen Leichenöffnungen
aber zeigen offenbar, daß diese durch einen Zufall veranlaßten
neuerzeugten Membranen mit zahlreichen Blutgefäßen durchwebt sind[29],
die doch wohl schwerlich im vermeinten Keime schon präexistirt haben
können?
Ein Mensch bricht beide Röhren im Vorderarm, hält sich bey der Heilung
nicht ruhig, so daß die Natur den Bruch nicht wie sonst durch eine
Beinschwiele zusammen leimen kan. Was thut sie dagegen? sie bildet im
Bruche für beide Röhren zwey neue Gelenke, im ganzen gleichsam einen
zweyten Ellnbogen, der für sich allein und ohne Hülfe der andern Hand
volle Beweglichkeit hat.
Ein anderer verrenkt den Schenkelkopf aus dem Hüftknochen und die Natur
bildet ihm in selbigem eine neue Pfanne[30].