eine Hast hereinbrach, ein Bestreben, alle Festlichkeit auf dieses Heute
zu türmen, auf den einzigen Fels, auf dem zu bauen sich verlohnt? Und so
kann man sich das Gedränge der Gestalten auf den Bildern der florentiner
Maler erklären, die sich bemühten, alle ihre Fürsten und Frauen und
Freunde in einem Gemälde zu vereinen, denn man malte langsam, und wer
konnte wissen, ob zur Zeit des nächsten Bildes alle noch so jung und
bunt und einig sein würden. Am deutlichsten sprach dieser Geist der
Ungeduld sich begreiflichermaßen bei den Jünglingen aus. Die
glänzendsten von ihnen saßen nach einem Gastmahle auf der Terrasse des
Palazzo Strozzi beisammen und plauderten von den Spielen, die demnächst
vor der Kirche Santa Croce stattfinden sollten. Etwas abseits in einer
Loggia stand Palla degli Albizzi mit seinem Freunde Tomaso, dem Maler.
Sie schienen etwas in wachsender Erregung zu verhandeln, bis Tomaso
plötzlich rief: 'Das tust du nicht, ich wette, das tust du nicht!' Nun
wurden die anderen aufmerksam. 'Was habt ihr?' erkundigte sich Gaetano
Strozzi und kam mit einigen Freunden näher. Tomaso erklärte: 'Palla will
auf dem Feste vor Beatrice Altichieri, dieser Hochmütigen, niederknien
und sie bitten, sie möchte ihm gestatten, den staubigen Saum ihres
Kleides zu küssen.' Alle lachten, und Lionardo, aus dem Hause Ricardi,
bemerkte: 'Palla wird sich das überlegen; er weiß wohl, daß die
schönsten Frauen ein Lächeln für ihn haben, das man sonst niemals bei
ihnen sieht.' Und ein anderer fügte hinzu: 'Und Beatrice ist noch so
jung. Ihre Lippen sind noch zu kinderhaft hart, um zu lächeln. Darum
scheint sie so stolz.' 'Nein --,' erwiderte Palla degli Albizzi mit
übermäßiger Heftigkeit, 'sie ist stolz, daran ist nicht ihre Jugend
schuld. Sie ist stolz wie ein Stein in den Händen Michelangelos, stolz
wie eine Blume an einem Madonnenbild, stolz wie ein Sonnenstrahl, der
über Diamanten geht --' Gaetano Strozzi unterbrach ihn etwas streng:
'Und du, Palla, bist nicht auch du stolz? Was du da sagst, das kommt mir
vor, als wolltest du dich unter die Bettler stellen, die um die Vesper
im Hofe der Sma Annunziata warten, bis Beatrice Altichieri ihnen mit
abgewendetem Gesicht einen Soldo schenkt.' 'Ich will auch dieses tun!'
rief Palla mit glänzenden Augen, drängte sich durch die Freunde nach der
Treppe durch und verschwand. Tomaso wollte ihm nach. 'Laß,' hielt
Strozzi ihn ab, 'er muß jetzt allein sein, da wird er am ehesten
vernünftig werden.' Dann zerstreuten sich die jungen Leute in die
Gärten.
Im Vorhofe der Santissima Annunziata warteten auch an diesem Abend etwa
zwanzig Bettler und Bettlerinnen auf die Vesper. Beatrice, welche sie
alle dem Namen nach kannte und bisweilen auch in ihre armen Häuser an
der Porta San Niccolò zu den Kindern und zu den Kranken kam, pflegte
jeden von ihnen im Vorübergehen mit einem kleinen Silberstück zu
beschenken. Heute schien sie sich etwas zu verspäten; die Glocken hatten
schon gerufen, und nur Fäden ihres Klanges hingen noch an den Türmen
über der Dämmerung. Es entstand eine Unruhe unter den Armen, auch weil
ein neuer unbekannter Bettler sich in das Dunkel des Kirchentors
geschlichen hatte, und eben wollten sie sich seiner erwehren in ihrem
Neid, als ein junges Mädchen in schwarzem, fast nonnenhaftem Kleide im
Vorhofe erschien und, durch ihre Güte gehemmt, von einem zum anderen
ging, während eine der begleitenden Frauen den Beutel offen hielt, aus
welchem sie ihre kleinen Gaben holte. Die Bettler stürzten in die Knie,
schluchzten und suchten ihre welken Finger eine Sekunde lang an die
Schleppe des schlichten Kleides ihrer Wohltäterin zu legen, oder sie
küßten auch den letzten Saum mit ihren nassen, stammelnden Lippen. Die
Reihe war zu Ende; es hatte auch keiner von den Beatrice wohlbekannten
Armen gefehlt. Aber da gewahrte sie unter dem Schatten des Tores noch
eine fremde Gestalt in Lumpen und erschrak. Sie geriet in Verwirrung.
Alle ihre Armen hatte sie schon als Kind gekannt, und sie zu beschenken,
war ihr etwas Selbstverständliches geworden, eine Handlung wie etwa die,
daß man die Finger in die Marmorschalen voll heiligen Wassers hält, die
an den Türen jeder Kirche stehen. Aber es war ihr nie eingefallen, daß
es auch fremde Bettler geben könnte; wie sollte man das Recht haben,
auch diese zu beschenken, da man sich das Vertrauen ihrer Armut nicht
verdient hatte durch irgendein Wissen darum? Wäre es nicht eine
unerhörte Überhebung gewesen, einem Unbekannten ein Almosen zu reichen?
Und im Widerstreit dieser dunkeln Gefühle ging das Mädchen, als ob es
ihn nicht bemerkt hätte, an dem neuen Bettler vorbei und trat rasch in
die kühle, hohe Kirche ein. Aber als drinnen die Andacht begann, konnte
sie sich keines Gebetes erinnern. Eine Angst überkam sie, daß der arme
Mann nach der Vesper nicht mehr am Tore zu finden sein würde und daß sie
nichts getan hatte, seine Not zu lindern, während die Nacht so nahe war,
darin alle Armut hilfloser und trauriger ist als am Tag. Sie machte
derjenigen von ihren Frauen, die den Beutel trug, ein Zeichen und zog
sich mit ihr nach dem Eingang zurück. Dort war es indessen leer
geworden; aber der Fremde stand immer noch, an eine Säule gelehnt, da
und schien dem Gesang zu lauschen, der seltsam fern, wie aus Himmeln,
aus der Kirche kam. Sein Gesicht war fast ganz verhüllt, wie es manchmal
bei Aussätzigen der Fall ist, die ihre häßlichen Wunden erst entblößen,
wenn man nahe vor ihnen steht und sie sicher sind, daß Mitleid und Ekel
in gleichem Maße zu ihren Gunsten reden. Beatrice zögerte. Sie hatte den
kleinen Beutel selbst in Händen und fühlte nur wenige geringe Münzen
darin. Aber mit einem raschen Entschluß trat sie auf den Bettler zu und
sagte mit unsicherer, etwas singender Stimme und ohne die flüchtenden
Blicke von den eigenen Händen zu heben: 'Nicht um Euch zu kränken, Herr
... mir ist, erkenn ich Euch recht, ich bin in Eurer Schuld. Euer Vater,
ich glaube, hat in unserem Haus das reiche Geländer gemacht, aus
getriebenem Eisen, wißt Ihr, welches die Treppe uns ziert. Später einmal
-- fand sich in der Kammer, -- darin er manchmal bei uns zu arbeiten
pflegte, -- ein Beutel -- ich denke, er hat ihn verloren -- gewiß --.'
Aber die hilflose Lüge ihrer Lippen drückte das Mädchen vor dem Fremden
in die Kniee. Sie zwang den Beutel aus Brokat in seine vom Mantel
verhüllten Hände und stammelte: 'Verzeiht --.'
Sie fühlte noch, daß der Bettler zitterte. Dann flüchtete Beatrice mit
der erschrockenen Begleiterin zurück in die Kirche. Aus dem eine Weile
geöffneten Tor brach ein kurzer Jubel von Stimmen. -- Die Geschichte ist
zu Ende. Messer Palla degli Albizzi blieb in seinen Lumpen. Er
verschenkte seine ganze Habe und ging barfuß und arm ins Land. Später
soll er in der Nähe von Subiaco gewohnt haben.«
»Zeiten, Zeiten,« sagte der Herr Lehrer. »Was hilft das alles; er war
auf dem Wege, ein Wüstling zu werden, und wurde durch diese Begebenheit
ein Landstreicher, ein Sonderling. Heute weiß gewiß kein Mensch mehr von
ihm.« »Doch,« -- erwiderte ich bescheiden, -- »sein Name wird bisweilen
bei den großen Litaneien in den katholischen Kirchen unter den
Fürbittern genannt; denn er ist ein Heiliger geworden.«
Die Kinder haben auch diese Geschichte vernommen, und sie behaupten, zum
Ärger des Herrn Lehrer, auch in ihr käme der liebe Gott vor. Ich bin
auch ein wenig erstaunt darüber; denn ich habe dem Herrn Lehrer doch
versprochen, ihm eine Geschichte ohne den lieben Gott zu erzählen. Aber,
freilich: die Kinder müssen es wissen!
EINE GESCHICHTE, DEM DUNKEL ERZÄHLT
Ich wollte den Mantel umnehmen und zu meinem Freunde Ewald gehen. Aber
ich hatte mich über einem Buche versäumt, einem alten Buche übrigens,
und es war Abend geworden, wie es in Rußland Frühling wird. Noch vor
einem Augenblick war die Stube bis in die fernsten Ecken klar, und nun
taten alle Dinge, als ob sie nie etwas anderes gekannt hätten als
Dämmerung; überall gingen große dunkle Blumen auf, und wie auf
Libellenflügeln glitt Glanz um ihre samtenen Kelche.
Der Lahme war gewiß nicht mehr am Fenster. Ich blieb also zu Haus. Was
hatte ich ihm doch erzählen wollen? Ich wußte es nicht mehr. Aber eine
Weile später fühlte ich, daß jemand diese verlorene Geschichte von mir
verlangte, irgendein einsamer Mensch vielleicht, der fern am Fenster
seiner finstern Stube stand, oder vielleicht dieses Dunkel selbst, das
mich und ihn und die Dinge umgab. So geschah es, daß ich dem Dunkel
erzählte. Und es neigte sich immer näher zu mir, so daß ich immer leiser
sprechen konnte, ganz, wie es zu meiner Geschichte paßt. Sie handelt
übrigens in der Gegenwart und beginnt.
Nach langer Abwesenheit kehrte Doktor Georg Laßmann in seine enge Heimat
zurück. Er hatte nie viel dort besessen, und jetzt lebten ihm nur mehr
zwei Schwestern in der Vaterstadt, beide verheiratet, wie es schien, gut
verheiratet; diese nach zwölf Jahren wiederzusehen, war der Grund seines
Besuchs. So glaubte er selbst. Aber nachts, während er im überfüllten
Zuge nicht schlafen konnte, wurde ihm klar, daß er eigentlich um seiner
Kindheit willen kam, und hoffte, in den alten Gassen irgend etwas wieder
zu finden: ein Tor, einen Turm, einen Brunnen, irgendeinen Anlaß zu
einer Freude oder zu einer Traurigkeit, an welcher er sich wieder
erkennen konnte. Man verliert sich ja so im Leben. Und da fiel ihm
verschiedenes ein: die kleine Wohnung in der Heinrichsgasse mit den
glänzenden Türklinken und den dunkelgestrichenen Dielen, die geschonten
Möbel und seine Eltern, diese beiden abgenützten Menschen, fast
ehrfürchtig neben ihnen; die schnellen gehetzten Wochentage und die
Sonntage, die wie ausgeräumte Säle waren, die seltenen Besuche, die man
lachend und in Verlegenheit empfing, das verstimmte Klavier, der alte
Kanarienvogel, der ererbte Lehnstuhl, auf dem man nicht sitzen durfte,
ein Namenstag, ein Onkel, der aus Hamburg kommt, ein Puppentheater, ein
Leierkasten, eine Kindergesellschaft, und jemand ruft: 'Klara'. Der
Doktor wäre fast eingeschlafen. Man steht in einer Station, Lichter
laufen vorüber, und der Hammer geht horchend durch die klingenden Räder.
Und das ist wie: Klara, Klara. Klara, überlegt der Doktor, jetzt ganz
wach, wer war das doch? Und gleich darauf fühlt er ein Gesicht, ein
Kindergesicht mit blondem, glattem Haar. Nicht daß er es schildern
könnte, aber er hat die Empfindung von etwas Stillem, Hilflosem,
Ergebenem, von ein paar schmalen Kinderschultern, durch ein verwaschenes
Kleidchen noch mehr zusammengepreßt, und er dichtet dazu ein Gesicht --
aber da weiß er auch schon, er muß es nicht dichten. Es ist da -- oder
vielmehr es war da -- damals. So erinnert sich Doktor Laßmann an seine
einzige Gespielin Klara, nicht ohne Mühe. Bis zur Zeit, da er in eine
Erziehungsanstalt kam, etwa zehn Jahre alt, hat er alles mit ihr
geteilt, was ihm begegnete, das Wenige (oder das Viele?). Klara hatte
keine Geschwister, und er hatte so gut wie keine; denn seine älteren
Schwestern kümmerten sich nicht um ihn. Aber seither hat er niemanden je
nach ihr gefragt. Wie war das doch möglich? Er lehnte sich zurück. Sie
war ein frommes Kind, erinnerte er sich noch, und dann fragte er sich:
Was mag aus ihr geworden sein? Eine Zeitlang ängstigte ihn der Gedanke,
sie könnte gestorben sein. Eine unermeßliche Bangigkeit überfiel ihn in
dem engen gedrängten Coupé; alles schien diese Annahme zu bestätigen:
sie war ein kränkliches Kind, sie hatte es zu Hause nicht besonders gut,
sie weinte oft; unzweifelhaft: sie ist tot. Der Doktor ertrug es nicht
länger; er störte einzelne Schlafende und schob sich zwischen ihnen
durch in den Gang des Waggons. Dort öffnete er ein Fenster und schaute
hinaus in das Schwarz mit den tanzenden Funken. Das beruhigte ihn. Und
als er später in das Coupé zurückkehrte, schlief er trotz der unbequemen
Lage bald ein.
Das Wiedersehen mit den beiden verheirateten Schwestern verlief nicht
ohne Verlegenheiten. Die drei Menschen hatten vergessen, wie weit sie
einander, trotz ihrer engen Verwandtschaft, doch immer geblieben waren,
und versuchten eine Weile, sich wie Geschwister zu benehmen. Indessen
kamen sie bald stillschweigend überein, zu dem höflichen Mittelton ihre
Zuflucht zu nehmen, den der gesellschaftliche Verkehr für alle Fälle
geschaffen hat.
Er war bei der jüngeren Schwester, deren Mann in besonders günstigen
Verhältnissen war, Fabrikant mit dem Titel kaiserlicher Rat; und es war
nach dem vierten Gange des Diners, als der Doktor fragte: 'Sag mal,
Sophie, was ist denn aus Klara geworden?' 'Welcher Klara?' 'Ich kann
mich ihres Familiennamens nicht erinnern. Der kleinen, weißt du, der
Nachbarstochter, mit der ich als Kind gespielt habe?' 'Ach, Klara
Söllner meinst du?' 'Söllner, richtig, Söllner. Jetzt fällt mir erst
ein: der alte Söllner, das war ja dieser gräßliche Alte -- -- aber was
ist mit Klara?' Die Schwester zögerte: 'Sie hat geheiratet -- übrigens
lebt sie jetzt ganz zurückgezogen.' 'Ja,' machte der Herr Rat, und sein
Messer glitt kreischend über den Teller, 'ganz zurückgezogen.' 'Du
kennst sie auch?' wandte sich der Doktor an seinen Schwager. 'Ja-a-a --
so flüchtig; sie ist ja hier ziemlich bekannt.' Die beiden Gatten
wechselten einen Blick des Einverständnisses. Der Doktor merkte, daß es
ihnen aus irgendeinem Grunde unangenehm war, über diese Angelegenheit zu
reden, und fragte nicht weiter.
Um so mehr Lust zu diesem Thema bewies der Herr Rat, als die Hausfrau
die Herren beim schwarzen Kaffee zurückgelassen hatte. 'Diese Klara,'
fragte er mit listigem Lächeln und betrachtete die Asche, die von seiner
Zigarre in den silbernen Becher fiel, 'sie soll doch ein stilles und
überdies häßliches Kind gewesen sein?' Der Doktor schwieg. Der Herr Rat
rückte vertraulich näher: 'Das war eine Geschichte! -- Hast du nie davon
gehört?' 'Aber ich habe ja mit niemandem gesprochen.' 'Was, gesprochen,'
lächelte der Rat fein, 'man hat es ja in den Zeitungen lesen können.'
'Was?' fragte der Doktor nervös.
'Also, sie ist ihm durchgegangen' -- hinter einer Wolke Rauches her
schickte der Fabrikant diesen überraschenden Satz und wartete in
unendlichem Behagen die Wirkung desselben ab. Aber diese schien ihm
nicht zu gefallen. Er nahm eine geschäftliche Miene an, setzte sich
gerade und begann in anderem berichtenden Ton, gleichsam gekränkt. 'Hm.
Man hatte sie verheiratet an den Baurat Lehr. Du wirst ihn nicht mehr
gekannt haben. Kein alter Mann, in meinem Alter. Reich, durchaus
anständig, weißt du, durchaus anständig. Sie hatte keinen Groschen und
war obendrein nicht schön, ohne Erziehung usw. Aber der Baurat wünschte
ja auch keine große Dame, eine bescheidene Hausfrau. Aber die Klara --
sie wurde überall in der Gesellschaft aufgenommen, man brachte ihr
allgemein Wohlwollen entgegen, -- wirklich -- man benahm sich -- also
sie hätte sich eine Position schaffen können mit Leichtigkeit, weißt du
-- aber die Klara, eines Tages -- kaum zwei Jahre nach der Hochzeit:
fort ist sie. Kannst du dir denken: fort. Wohin? Nach Italien. Eine
kleine Vergnügungsreise, natürlich nicht allein. Wir haben sie schon im
ganzen letzten Jahr nicht eingeladen gehabt, -- als ob wir geahnt
hätten! Der Baurat, mein guter Freund, ein Ehrenmann, ein Mann --'
'Und Klara?' unterbrach ihn der Doktor und erhob sich. 'Ach so -- ja, na
die Strafe des Himmels hat sie erreicht. Also der Betreffende -- man
sagt ein Künstler, weißt du -- ein leichter Vogel, natürlich nur so --
Also wie sie aus Italien zurück waren, in München: adieu und ward nicht
mehr gesehen. Jetzt sitzt sie mit ihrem Kind!'
Doktor Laßmann ging erregt auf und nieder: 'In München?' 'Ja, in
München,' antwortete der Rat und erhob sich gleichfalls. 'Es soll ihr
übrigens recht elend gehen --' 'Was heißt elend --?' 'Nun,' der Rat
betrachtete seine Zigarre, 'pekuniär und dann überhaupt -- Gott -- so
eine Existenz -- -- --' Plötzlich legte er seine gepflegte Hand dem
Schwager auf die Schulter, seine Stimme gluckste vor Vergnügen: 'Weißt
du, übrigens erzählte man sich, sie lebe von --' Der Doktor drehte sich
kurz um und ging aus der Tür. Der Herr Rat, dem die Hand von der
Schulter des Schwagers gefallen war, brauchte zehn Minuten, um sich von
seinem Staunen zu erholen. Dann ging er zu seiner Frau hinein und sagte
ärgerlich: 'Ich hab es immer gesagt, dein Bruder ist ein Sonderling.'
Und diese, die eben eingenickt war, gähnte träge: 'Ach Gott ja.'
Vierzehn Tage später reiste der Doktor ab. Er wußte mit einemmal, daß er
seine Kindheit anderswo suchen müsse. In München fand er im Adreßbuch:
Klara Söllner, Schwabing, Straße und Nummer. Er meldete sich an und fuhr
hinaus. Eine schlanke Frau begrüßte ihn in einer Stube voll Licht und
Güte.
'Georg, und Sie erinnern sich meiner?'
Der Doktor staunte. Endlich sagte er: 'Also das sind Sie, Klara,' sie
hielt ihr stilles Gesicht mit der reinen Stirn ganz ruhig, als wollte
sie ihm Zeit geben, sie zu erkennen. Das dauerte lange. Schließlich
schien der Doktor etwas gefunden zu haben, was ihm bewies, daß seine
alte Spielgefährtin wirklich vor ihm stünde. Er suchte noch einmal ihre
Hand und drückte sie; dann ließ er sie langsam los und schaute in der
Stube umher. Diese schien nichts Überflüssiges zu enthalten. Am Fenster
ein Schreibtisch mit Schriften und Büchern, an welchem Klara eben mußte
gesessen haben. Der Stuhl war noch zurückgeschoben. 'Sie haben
geschrieben?' ... und der Doktor fühlte, wie dumm diese Frage war. Aber
Klara antwortete unbefangen: 'Ja, ich übersetze.' 'Für den Druck?' 'Ja,'
sagte Klara einfach, 'für einen Verlag.' Georg bemerkte an den Wänden
einige italienische Photographien. Darunter das »Konzert« des Giorgione.
'Sie lieben das?' Er trat nahe an das Bild heran. 'Und Sie?' 'Ich habe
das Original nie gesehen; es ist in Florenz, nicht wahr?' 'Im Pitti. Sie
müssen hinreisen.' 'Zu diesem Zweck?' 'Zu diesem Zweck.' Eine freie und
einfache Heiterkeit war über ihr. Der Doktor sah nachdenklich auf.
'Was haben Sie, Georg. Wollen Sie sich nicht setzen?' 'Ich bin traurig,'
zögerte er. 'Ich habe gedacht -- aber Sie sind ja gar nicht elend --'
fuhr es plötzlich heraus. Klara lächelte: 'Sie haben meine Geschichte
gehört?' 'Ja, das heißt --' 'O,' unterbrach ihn Klara schnell, als sie
merkte, daß seine Stirn sich verdunkelte, 'es ist nicht die Schuld der
Menschen, daß sie anders davon reden. Die Dinge, die wir erleben, lassen
sich oft nicht ausdrücken, und wer sie dennoch erzählt, muß notwendig
Fehler begehen --.' Pause. Und der Doktor: 'Was hat Sie so gütig
gemacht?' 'Alles,' sagte sie leise und warm. 'Aber warum sagen Sie:
gütig?' 'Weil -- weil Sie eigentlich hätten hart werden müssen. Sie
waren ein so schwaches, hilfloses Kind; solche Kinder werden später
entweder hart oder --' 'Oder sie sterben -- wollen Sie sagen. Nun, ich
bin auch gestorben. O, ich bin viele Jahre gestorben. Seit ich Sie zum
letztenmal gesehen habe, zu Haus, bis --' Sie langte etwas vom Tische
her: 'Sehen Sie, das ist sein Bild. Es ist etwas geschmeichelt. Sein
Gesicht ist nicht so klar, aber -- lieber, einfacher. Ich werde Ihnen
dann gleich unser Kind zeigen, es schläft jetzt nebenan. Es ist ein Bub.
Heißt Angelo, wie er. Er ist jetzt fort, auf Reisen, weit.'
'Und Sie sind ganz allein?' fragte der Doktor zerstreut, immer noch über
dem Bilde.
'Ja, ich und das Kind. Ist das nicht genug? Ich will Ihnen erzählen, wie
das kommt. Angelo ist Maler. Sein Name ist wenig bekannt, Sie werden ihn
nie gehört haben. Bis in die letzte Zeit hat er gerungen mit der Welt,
mit seinen Plänen, mit sich und mit mir. Ja, auch mit mir; denn ich bat
ihn seit einem Jahr: du mußt reisen. Ich fühlte, wie sehr ihm das not
tat. Einmal sagte er scherzend: 'Mich oder ein Kind?' 'Ein Kind,' sagte
ich, und dann reiste er.'
'Und wann wird er zurückkehren?'
'Bis das Kind seinen Namen sagen kann, so ist es abgemacht.' Der Doktor
wollte etwas bemerken. Aber Klara lachte: 'Und da es ein schwerer Name
ist, wird es noch eine Weile dauern. Angelino wird im Sommer erst zwei
Jahre.'
'Seltsam,' sagte der Doktor. 'Was, Georg?' 'Wie gut Sie das Leben
verstehen. Wie groß Sie geworden sind, wie jung. Wo haben Sie Ihre
Kindheit hingetan? -- wir waren doch beide so -- so hilflose Kinder. Das
läßt sich doch nicht ändern oder ungeschehen machen.' 'Sie meinen also,
wir hätten an unserer Kindheit leiden müssen, von Rechts wegen?' 'Ja,
gerade das meine ich. An diesem schweren Dunkel hinter uns, zu dem wir
so schwache, so ungewisse Beziehungen behalten. Da ist eine Zeit: wir
haben unsere Erstlinge hineingelegt, allen Anfang, alles Vertrauen, die
Keime zu alledem, was vielleicht einmal werden sollte. Und plötzlich
wissen wir: Alles das ist versunken in einem Meer, und wir wissen nicht
einmal genau wann. Wir haben es gar nicht bemerkt. Als ob jemand sein
ganzes Geld zusammensuchte, sich dafür eine Feder kaufte und sie auf den
Hut steckte, hui: der nächste Wind wird sie mitnehmen. Natürlich kommt
er zu Hause ohne Feder an, und ihm bleibt nichts übrig, als
nachzudenken, wann sie wohl könnte davongeflogen sein.'
'Sie denken daran, Georg?'
'Schon nicht mehr. Ich habe es aufgegeben. Ich beginne irgendwo hinter
meinem zehnten Jahr, dort, wo ich aufgehört habe zu beten. Das andere
gehört nicht mir.'
'Und wie kommt es dann, daß Sie sich an mich erinnert haben?'
'Darum komme ich ja zu Ihnen. Sie sind der einzige Zeuge jener Zeit. Ich
glaubte, ich könnte in Ihnen wiederfinden, -- was ich in mir nicht
finden kann. Irgendeine Bewegung, ein Wort, einen Namen, an dem etwas
hängt -- eine Aufklärung --' Der Doktor senkte den Kopf in seine kalten,
unruhigen Hände.
Frau Klara dachte nach: 'Ich erinnere mich an so weniges aus meiner
Kindheit, als wären tausend Leben dazwischen. Aber jetzt, wie Sie mich
so daran mahnen, fällt mir etwas ein. Ein Abend. Sie kamen zu uns,
unerwartet; Ihre Eltern waren ausgegangen, ins Theater oder so. Bei uns
war alles hell. Mein Vater erwartete einen Gast, einen Verwandten, einen
entfernten reichen Verwandten, wenn ich mich recht entsinne. Er sollte
kommen aus, aus -- ich weiß nicht woher, jedenfalls von weit. Bei uns
wartete man schon seit zwei Stunden auf ihn. Die Türen waren offen, die
Lampen brannten, die Mutter ging von Zeit zu Zeit und glättete eine
Schutzdecke auf dem Sofa, der Vater stand am Fenster. Niemand wagte sich
zu setzen, um keinen Stuhl zu verrücken. Da Sie gerade kamen, warteten
Sie mit uns. Wir Kinder horchten an der Tür. Und je später es wurde,
einen desto wunderbarern Gast erwarteten wir. Ja, wir zitterten sogar,
er könnte kommen, ehe er jenen letzten Grad von Herrlichkeit erreicht
haben würde, dem er mit jeder Minute seines Ausbleibens näher kam. Wir
fürchteten nicht, er könnte überhaupt nicht erscheinen; wir wußten
bestimmt: er kommt, aber wir wollten ihm Zeit lassen, groß und mächtig
zu werden.'
Plötzlich hob der Doktor den Kopf und sagte traurig: 'Das also wissen
wir beide, daß er nicht kam --. Ich habe es auch nicht vergessen
gehabt.' 'Nein,' -- bestätigte Klara, 'er kam nicht --.' Und nach einer
Pause: 'Aber es war doch schön!' 'Was?' 'Nun so -- das Warten, die
vielen Lampen, -- die Stille -- das Feiertägliche.'
Etwas rührte sich im Nebenzimmer. Frau Klara entschuldigte sich für
einen Augenblick; und als sie hell und heiter zurückkam, sagte sie: 'Wir
können dann hineingehen. Er ist jetzt wach und lächelt. -- Aber was
wollten Sie eben sagen?'
'Ich habe mir eben überlegt, was Ihnen könnte geholfen haben zu -- zu
sich selbst, zu diesem ruhigen Sichbesitzen. Das Leben hat es Ihnen doch
nicht leicht gemacht. Offenbar half Ihnen etwas, was mir fehlt?' 'Was
sollte das sein, Georg?' Klara setzte sich neben ihn.
'Es ist seltsam; als ich mich zum erstenmal wieder Ihrer erinnerte, vor
drei Wochen nachts, auf der Reise, da fiel mir ein: sie war ein frommes
Kind. Und jetzt, seit ich Sie gesehen habe, trotzdem Sie so ganz anders
sind, als ich erwartete -- trotzdem, ich möchte fast sagen, nur noch
desto sicherer, empfinde ich, was Sie geführt hat, mitten durch alle
Gefahren, war Ihre -- Ihre Frömmigkeit.'
'Was nennen Sie Frömmigkeit?'
'Nun, Ihr Verhältnis zu Gott, Ihre Liebe zu ihm, Ihr Glauben.'