Tagen, daß ich manchmal glaube, ich habe sie selbst, aus der Erinnerung
aufgezeichnet. Aber bei mir geht es im weiteren Verlaufe so zu, wie ich
es hier niederschreibe. Das Weib hatte den Tod nie gesehen, arglos ließ
sie ihn eintreten. Der Tod aber sagte etwas hastig, und wie einer,
welcher kein gutes Gewissen hat: 'Gib das deinem Mann.' Und er fügte,
als das Weib ihn fragend anblickte, eilig hinzu: 'Es ist Samen, sehr
guter Samen.' Dann entfernte er sich, ohne zurückzusehen. Das Weib
öffnete das Säckchen, welches er ihr in die Hand gelegt hatte; es fand
sich wirklich eine Art Samen darin, harte, häßliche Körner. Da dachte
das Weib: der Same ist etwas Unfertiges, Zukünftiges. Man kann nicht
wissen, was aus ihm wird. Ich will diese unschönen Körner nicht meinem
Manne geben, sie sehen gar nicht aus wie ein Geschenk. Ich will sie
lieber in das Beet unseres Gartens drücken und warten, was sich aus
ihnen erhebt. Dann will ich ihn davor führen und ihm erzählen, wie ich
zu dieser Pflanze kam. Also tat das Weib auch. Dann lebten sie dasselbe
Leben weiter. Der Mann, der immer daran denken mußte, daß der Tod vor
seinem Tore gestanden hatte, war anfangs etwas ängstlich, aber da er das
Weib so gastlich und sorglos sah wie immer, tat auch er bald wieder die
breiten Flügel seines Tores auf, so daß viel Leben und Licht in das Haus
hereinkam. Im nächsten Frühjahr stand mitten im Beete zwischen den
schlanken Feuerlilien ein kleiner Strauch. Er hatte schmale,
schwärzliche Blätter, etwas spitz, ähnlich denen des Lorbeers, und es
lag ein sonderbarer Glanz auf ihrer Dunkelheit. Der Mann nahm sich
täglich vor, zu fragen, woher diese Pflanze stamme. Aber er unterließ es
täglich. In einem verwandten Gefühl verschwieg auch das Weib von einem
Tag zum andern die Aufklärung. Aber die unterdrückte Frage auf der
einen, die nie gewagte Antwort auf der anderen Seite führte die beiden
Menschen oft bei diesem Strauch zusammen, der sich in seiner grünen
Dunkelheit so seltsam von dem Garten unterschied. Als das nächste
Frühjahr kam, da beschäftigten sie sich wie mit den anderen Gewächsen
auch mit dem Strauch, und sie wurden traurig, als er, umringt von lauter
steigenden Blüten, unverändert und stumm, wie im ersten Jahr, gegen alle
Sonne taub, sich erhob. Damals beschlossen sie, ohne es einander zu
verraten, gerade diesem im dritten Frühjahr ihre ganze Kraft zu widmen,
und als dieses Frühjahr erschien, erfüllten sie leise und Hand in Hand,
was sich jeder versprochen hatte. Der Garten umher verwilderte, und die
Feuerlilien schienen blasser als sonst zu sein. Aber einmal, als sie
nach einer schweren, bedeckten Nacht in den Morgengarten, den stillen,
schimmernden traten, da wußten sie: aus den schwarzen, scharfen Blättern
des fremden Strauches war unversehrt eine blasse, blaue Blüte gestiegen,
welcher die Knospenschalen schon an allen Seiten enge wurden. Und sie
standen davor vereint und schweigend, und jetzt wußten sie sich erst
recht nichts zu sagen. Denn sie dachten: nun blüht der Tod, und neigten
sich zugleich, um den Duft der jungen Blüte zu kosten. -- Seit diesem
Morgen aber ist alles anders geworden in der Welt.' So stand es in dem
Einband des alten Buches,« schloß ich.
»Und wer das geschrieben hat?« drängte der Mann.
»Eine Frau nach der Schrift,« antwortete ich. »Aber was hätte es
geholfen, nachzuforschen. Die Buchstaben waren sehr verblaßt und etwas
altmodisch. Wahrscheinlich war sie schon längst tot.«
Der Mann war ganz in Gedanken. Endlich bekannte er: »Nur eine
Geschichte, und doch rührt es einen so an.« »Nun, das ist, wenn man
selten Geschichten hört,« begütigte ich. »Meinen Sie?« Er reichte mir
seine Hand, und ich hielt sie fest. »Aber ich möchte sie gerne
weitersagen. Das darf man doch?« Ich nickte. Plötzlich fiel ihm ein:
»Aber ich habe niemanden. Wem sollte ich sie auch erzählen?« »Nun, das
ist einfach; den Kindern, die Ihnen manchmal zusehen kommen. Wem sonst?«
Die Kinder haben auch richtig die letzten drei Geschichten gehört.
Allerdings, die von den Abendwolken wiederholte, nur teilweise, wenn ich
gut unterrichtet bin. Die Kinder sind ja klein und darum von den
Abendwolken viel weiter als wir. Doch das ist bei dieser Geschichte ganz
gut. Trotz der langen, wohlgesetzten Rede des Hans würden sie erkennen,
daß die Sache unter Kindern spielt, und meine Erzählung kritisch als
Sachverständige betrachten. Aber es ist besser, daß sie nicht erfahren,
mit welcher Anstrengung und wie ungeschickt wir die Dinge erleben, die
ihnen so ganz mühelos und einfach geschehen.
EIN VEREIN AUS EINEM DRINGENDEN BEDÜRFNIS HERAUS
Ich erfahre erst, daß unser Ort auch eine Art Künstlerverein besitzt. Er
ist kürzlich aus einem, wie man sich leicht vorstellen kann, sehr
dringenden Bedürfnis entstanden, und es geht das Gerücht, daß er
»blüht«. Wenn Vereine gar nicht wissen, was sie anfangen sollen, dann
blühen sie; sie haben gehört, daß man dies tun muß, um ein richtiger
Verein zu sein.
Ich muß nicht sagen, daß Herr Baum Ehrenmitglied, Gründer, Fahnenvater
und alles übrige in einer Person ist und Mühe hat, die verschiedenen
Würden auseinanderzuhalten. Er sandte mir einen jungen Mann, der mich
einladen sollte, an den »Abenden« teilzunehmen. Ich dankte ihm, wie es
sich von selbst versteht, sehr höflich und fügte hinzu, daß meine ganze
Tätigkeit seit etwa fünf Jahren im Gegenteil bestehe. »Es vergeht,
stellen Sie sich vor,« erklärte ich ihm mit dem entsprechenden Ernst,
»seit dieser Zeit keine Minute, in welcher ich nicht aus irgendeinem
Verbande austrete, und doch gibt es noch immer Gesellschaften, welche
mich sozusagen enthalten.« Der junge Mann schaute erst erschreckt, dann
mit dem Ausdruck respektvollen Bedauerns auf meine Füße. Er mußte ihnen
das »Austreten« ansehen, denn er nickte verständig mit dem Kopfe. Das
gefiel mir gut, und da ich gerade fortgehen mußte, schlug ich ihm vor,
mich ein Stückchen zu begleiten. So gingen wir durch den Ort und darüber
hinaus, dem Bahnhof zu, denn ich hatte in der Umgebung zu tun. Wir
sprachen über mancherlei Dinge; ich erfuhr, daß der junge Mann Musiker
sei. Er hatte es mir bescheiden mitgeteilt, ansehen konnte man es ihm
nicht. Außer seinen zahlreichen Haaren zeichnete ihn eine große,
gleichsam springende Bereitwilligkeit aus. Auf diesem nicht allzu langen
Weg hob er mir zwei Handschuhe auf, hielt mir den Schirm, als ich etwas
in meinen Taschen suchte, machte mich errötend darauf aufmerksam, daß
mir etwas im Barte hinge, daß mir Ruß auf der Nase säße, und dabei
wurden ihm die mageren Finger lang, als sehnten sie sich danach, sich
meinem Gesichte auf diese Weise hilfreich zu nähern. In seinem Eifer
blieb der junge Mensch sogar bisweilen zurück und holte mit sichtlichem
Vergnügen die welken Blätter, die im Herabflattern hängen geblieben
waren, aus den Ästen der Sträucher. Ich sah ein, daß ich durch diese
beständigen Verzögerungen den Zug versäumen würde (der Bahnhof war noch
ziemlich weit), und entschloß mich, meinem Begleiter eine Geschichte zu
erzählen, um ihn ein wenig an meiner Seite zu halten. Ich begann ohne
weiteres: »Mir ist der Verlauf einer derartigen Gründung bekannt, welche
auf wirklicher Notwendigkeit beruhte. Sie werden sehen. Es ist nicht
sehr lange her, da fanden sich drei Maler durch Zufall in einer alten
Stadt zusammen. Die drei Maler sprachen natürlich nicht von Kunst. Es
schien wenigstens so. Sie verbrachten den Abend in der Hinterstube eines
alten Gasthauses damit, sich Reiseabenteuer und Erlebnisse verschiedener
Art mitzuteilen, ihre Geschichten wurden immer kürzer und wörtlicher,
und endlich blieben noch ein paar Witze übrig, mit denen sie beständig
hin und her warfen. Um jedem Mißverständnis vorzubeugen, muß ich
übrigens gleich sagen, daß es wirkliche Künstler waren, gewissermaßen
von der Natur beabsichtigte, keine zufälligen. Dieser öde Abend in der
Hinterstube kann nichts daran ändern; man wird ja auch gleich erfahren,
wie er weiter verlief. Es traten andere Leute, profane, in dieses
Gasthaus ein, die Maler fühlten sich gestört und brachen auf. Mit dem
Augenblick, da sie aus dem Tor traten, waren sie andere Leute. Sie
gingen in der Mitte der Gasse, einer vom anderen etwas getrennt. Auf
ihren Gesichtern waren noch die Spuren des Lachens, diese merkwürdige
Unordnung der Züge, aber die Augen waren bei allen schon ernst und
betrachtend. Plötzlich stieß der in der Mitte den Rechten an. Der
verstand ihn sofort. Da war vor ihnen eine Gasse, schmal, von feiner,
warmer Dämmerung erfüllt. Sie stieg etwas an, so daß sie perspektivisch
sehr zur Geltung kam, und hatte etwas ungemein Geheimnisvolles und doch
wieder Vertrautes. Die drei Maler ließen das einen Augenblick auf sich
wirken. Sie sprachen nichts, denn sie wußten: sagen kann man das nicht.
Sie waren ja deshalb Maler geworden, weil es manches gibt, was man nicht
sagen kann. Plötzlich erhob sich der Mond irgendwo, zeichnete den einen
Giebel silbern nach, und es stieg ein Lied aus einem Hofe auf. 'Grobe
Effekthascherei --' brummte der Mittlere, und sie gingen weiter. Sie
schritten jetzt etwas näher nebeneinander hin, obwohl sie immer noch die
ganze Breite der Gasse brauchten. So gerieten sie unversehens auf einen
Platz. Jetzt war es der rechts, welcher die anderen aufmerksam machte.
In dieser breiteren, freieren Szene hatte der Mond nichts Störendes, im
Gegenteil, es war geradezu notwendig, daß er vorhanden war. Er ließ den
Platz größer erscheinen, gab den Häusern ein überraschendes, lauschendes
Leben, und die beleuchtete Fläche des Pflasters wurde mitten
rücksichtslos von einem Brunnen und seinem schweren Schlagschatten
unterbrochen, eine Kühnheit, welche den Malern ausnehmend imponierte.
Sie stellten sich nahe zusammen und saugten sozusagen an den Brüsten
dieser Stimmung. Aber sie wurden unangenehm unterbrochen. Eilige,
leichte Schritte näherten sich, aus dem Dunkel des Brunnens löste sich
eine männliche Gestalt, empfing jene Schritte, und was sonst zu ihnen
gehörte, mit der üblichen Zärtlichkeit, und der schöne Platz war auf
einmal eine erbärmliche Illustration geworden, von welcher sich die drei
Maler wie _ein_ Maler abwandten. 'Da ist schon wieder dieses verdammte
novellistische Element,' schrie der rechts, indem er das Liebespaar am
Brunnen mit diesem korrekt technischen Ausdruck begriff. Vereint in
ihrem Groll, wanderten die Maler noch lange planlos in der Stadt herum,
immerfort Motive entdeckend, aber auch jedesmal aufs neue empört durch
die Art, mit welcher irgendein banaler Umstand die Stille und
Einfachheit jedes Bildes zunichte machte. Gegen Mitternacht saßen sie im
Gasthof in der Wohnstube des Linken, des Jüngsten, beisammen und dachten
nicht ans Schlafengehen. Die nächtliche Wanderung hatte eine Menge Pläne
und Entwürfe in ihnen wachgerufen, und da sie zugleich bewiesen hatte,
daß sie eines Geistes seien im Grunde, tauschten sie jetzt, im höchsten
Maße interessiert, ihre gegenseitigen Ansichten aus. Man kann nicht
behaupten, daß sie tadellose Sätze hervorbrachten, sie schlugen mit ein
paar Worten herum, die kein profaner Mensch begriffen hätte, aber
untereinander verständigten sie sich dadurch so gut, daß sämtliche
Zimmernachbarn bis gegen vier Uhr morgens nicht einschlafen konnten. Das
lange Beisammensitzen hatte aber einen wirklichen, sichtbaren Erfolg.
Etwas wie ein Verein wurde gebildet; das heißt, er war eigentlich schon
da im Augenblick, als die Absichten und Ziele der drei Künstler sich so
verwandt erwiesen, daß man sie nur schwer voneinander trennen konnte.
Der erste gemeinsame Beschluß des »Vereins« erfüllte sich sofort. Man
zog drei Stunden weit ins Land und mietete gemeinsam einen Bauernhof. In
der Stadt zu bleiben, hätte zunächst keinen Sinn gehabt. Erst wollte man
sich draußen den »Stil« erwerben, die gewisse persönliche Sicherheit,
den Blick, die Hand und wie alle die Dinge heißen, ohne welche ein Maler
zwar leben, aber nicht malen kann. -- Zu allen diesen Tugenden sollte
das Zusammenhalten helfen, der »Verein« eben, -- besonders aber das
Ehrenmitglied dieses Vereins: die Natur. Unter »Natur« stellen sich die
Maler alles vor, was der liebe Gott selbst gemacht hat oder doch gemacht
haben könnte, unter Umständen. Ein Zaun, ein Haus, ein Brunnen -- alle
diese Dinge sind ja meistens menschlichen Ursprungs. Aber wenn sie eine
Zeitlang in der Landschaft stehen, so daß sie gewisse Eigenschaften von
den Bäumen und Büschen und von ihrer anderen Umgebung angenommen haben,
so gehen sie gleichsam in den Besitz Gottes über und damit auch in das
Eigentum des Malers. Denn Gott und der Künstler haben dasselbe Vermögen
und dieselbe Armut je nachdem. -- Nun, an der Natur, welche um den
gemeinsamen Bauernhof sich erstreckte, glaubte Gott gewiß keinen
besonderen Reichtum zu besitzen. Es dauerte indessen nicht lang, so
belehrten ihn die Maler eines Besseren. Die Gegend war flach, das ließ
sich nicht leugnen. Aber durch die Tiefe ihrer Schatten und die Höhe
ihrer Lichter waren Abgründe und Gipfel vorhanden, zwischen denen eine
Unzahl von Mitteltönen jenen Regionen weiter Wiesen und fruchtbarer
Felder entsprach, die den materiellen Wert einer gebirgigen Gegend
ausmachen. Es waren nur wenig Bäume vorhanden und fast alle von
derselben Art, botanisch betrachtet. Durch die Gefühle indessen, welche
sie ausdrückten, durch die Sehnsucht irgendeines Astes oder die sanfte
Ehrfurcht des Stammes erschienen sie als eine große Anzahl individueller
Wesen, und manche Weide war eine Persönlichkeit, die den Malern durch
die Vielseitigkeit und Tiefe ihres Charakters Überraschung um
Überraschung bereitete. Die Begeisterung war so groß, man fühlte sich so
sehr eins in dieser Arbeit, daß es nichts bedeuten will, daß jeder der
drei Maler nach Verlauf eines halben Jahres ein eigenes Haus bezog; das
hatte gewiß rein räumliche Gründe. Aber etwas anderes wird man hier doch
erwähnen müssen. Die Maler wollten irgendwie das einjährige Bestehen
ihres Vereines, aus dem in so kurzer Zeit so viel Gutes gekommen war,
feiern, und jeder entschloß sich, zu diesem Zweck heimlich die Häuser
der anderen zu malen. An dem bestimmten Tage kamen sie, jeder mit seinen
Bildern, zusammen. Es traf sich, daß sie gerade von ihren jeweiligen
Wohnungen, deren Lage, Zweckmäßigkeit usw. sich unterhielten. Sie
ereiferten sich ziemlich stark, und es geschah, daß während des
Gesprächs jeder seiner mitgebrachten Ölskizzen vergaß und spät nachts
mit dem uneröffneten Paket zu Hause ankam. Wie das geschehen konnte, ist
schwer begreiflich. Aber sie zeigten sich auch in der nächsten Zeit ihre
Bilder nicht, und wenn der eine den andern besuchte (was infolge vieler
Arbeit immer seltener geschah), fand er auf der Staffelei des Freundes
Skizzen aus jener ersten Zeit, da sie noch gemeinsam denselben Bauernhof
bewohnten. Aber einmal entdeckte der Rechte (er wohnte jetzt auch zur
Rechten, kann also weiter so heißen) bei dem, welchen ich den Jüngsten
genannt habe, eines jener genannten, nicht verratenen Jubiläumsbilder.
Er betrachtete es eine Weile nachdenklich, trat damit ans Licht und
lachte plötzlich: 'Schau, das hab ich gar nicht gewußt, nicht ohne Glück
hast du da mein Haus aufgefaßt. Eine wahrhaft geistreiche Karikatur. Mit
diesen Übertreibungen in Form und Farbe, mit dieser kühnen Ausgestaltung
meines allerdings etwas betonten Giebels, wirklich, es liegt etwas
darin.' Der Jüngste machte keines seiner vorteilhaftesten Gesichter, im
Gegenteil; er ging zum Mittleren in seiner Bestürzung, um sich von ihm,
dem Besonnensten, beruhigen zu lassen, denn er war nach Vorfällen
solcher Art gleich kleinmütig und geneigt, an seiner Begabung zu
zweifeln. Er traf den Mittleren nicht zu Haus und stöberte ein wenig im
Atelier umher, wobei ihm gleich ein Bild in die Augen fiel, das ihn
merkwürdig abstieß. Es war ein Haus, aber ein richtiger Narr mußte darin
wohnen. Diese Fassade! Das konnte nur irgendeiner gebaut haben, der von
Architektur keine Idee hatte und der seine armseligen, malerischen Ideen
anwandte auf ein Gebäude. Plötzlich stellte der Jüngste das Bild fort,
als ob es ihm die Finger verbrannt hätte. An dem linken Rande desselben
hatte er das Datum jenes ersten Jubiläums gelesen und daneben: »Das Haus
unseres Jüngsten.« Er wartete natürlich den Hausherrn nicht ab, sondern
kehrte etwas verstimmt nach Hause zurück. Der Jüngste und der rechts
waren seither vorsichtig geworden. Sie suchten sich entfernte Motive und
dachten selbstverständlich nicht daran, für das Fest des zweijährigen
Bestehens ihres so förderlichen Vereins etwas vorzubereiten. Um so
eifriger arbeitete der ahnungslose Mittlere daran, ein Motiv, das der
Wohnung des Rechten zunächst lag, zu malen. Etwas Unbestimmtes hielt ihn
davon ab, dessen Haus selbst zum Vorwand seiner Arbeit zu wählen. -- Als
er dem Rechtswohnenden das fertige Bild überbrachte, verhielt sich
dieser merkwürdig zurückhaltend, schaute es nur flüchtig an und bemerkte
etwas Beiläufiges. Dann, nach einer Weile sagte er: 'Ich habe übrigens
gar nicht gewußt, daß du so weit verreist warst in der letzten Zeit.'
'Wieso, weit? Verreist?' Der Mittlere begriff nicht ein Wort. 'Nun --
diese tüchtige Arbeit da,' erwiderte der andere, 'offenbar doch
irgendein holländisches Motiv --' Der besonnene Mittlere lachte laut
auf. 'Köstlich, dieses holländische Motiv befindet sich vor deiner
Türe.' Und er wollte sich gar nicht beruhigen. Aber der Vereinsgenosse
lachte nicht, gar nicht. Er quälte sich ein Lächeln ab und meinte: 'Ein
guter Witz.' 'Aber ganz und gar nicht, mach mal die Tür auf, ich will
dir gleich zeigen --' und der Mittlere ging selbst auf die Türe zu.
'Halt,' befahl der Hausherr, 'und ich erkläre dir somit, daß ich diese
Gegend nie gesehen habe und auch nie sehen werde, weil sie für mein Auge
überhaupt nicht existenzfähig ist.' 'Aber,' machte der mittlere Maler
erstaunt. 'Du bleibst dabei?' fuhr der Rechte gereizt fort, 'gut, ich
reise heute noch ab. Du zwingst mich fortzugehen, denn ich wünsche
nicht, in dieser Gegend zu leben. Verstanden?' -- Damit war die
Freundschaft zu Ende, aber nicht der Verein; denn er ist bis heute nicht
statutengemäß aufgelöst worden. Niemand hat daran gedacht, und man kann
von ihm mit vollstem Rechte sagen, daß er sich über die ganze Erde
verbreitet hat.«
»Man sieht,« unterbrach mich der bereitwillige junge Mann, der schon
beständig die Lippen spitzte, »wieder einer jener kolossalen Erfolge des
Vereinslebens; gewiß sind viele hervorragende Meister aus dieser innigen
Verbindung hervorgegangen --.« »Erlauben Sie,« bat ich, und er stäubte
mir unversehens den Ärmel ab, »das war eigentlich erst die Einleitung zu
meiner Geschichte, obwohl sie komplizierter ist als die Geschichte
selbst. Also, ich sagte, daß der Verein sich über die ganze Erde
verbreitet hatte, und dieses ist Tatsache. Seine drei Mitglieder flohen
in wahrem Entsetzen voneinander. Nirgends war ihnen Ruhe gewährt. Immer
fürchtete jeder, der andere könnte noch ein Stück seines Landes erkennen
und durch seine ruchlose Darstellung entweihen, und als sie schon an
drei entgegengesetzten Punkten der irdischen Peripherie angelangt waren,
kam jedem der trostlose Einfall, daß sein Himmel, der Himmel, den er
mühsam durch seine wachsende Eigenart erworben hatte, den anderen noch
erreichbar sei. In diesem erschütternden Augenblick begannen sie, alle
drei zugleich, mit ihren Staffeleien nach rückwärts zu gehen, und noch
fünf Schritte, und sie wären vom Rande der Erde in die Unendlichkeit
gefallen und müßten jetzt in rasender Geschwindigkeit die doppelte
Bewegung um diese und um die Sonne vollführen. Aber Gottes Teilnahme und
Aufmerksamkeit verhütete dieses grausame Schicksal. Gott erkannte die
Gefahr und trat im letzten Moment (was hätte er auch sonst tun sollen?)
heraus, in die Mitte des Himmels. Die drei Maler erschraken. Sie
stellten die Staffelei fest und setzten die Palette auf. Diese
Gelegenheit durften sie sich nicht entgehen lassen. Der liebe Gott
erscheint nicht alle Tage und auch nicht jedem. Und jeder der Maler
meinte natürlich, Gott stünde nur vor ihm. Im übrigen vertieften sie
sich immer mehr in die interessante Arbeit. Und jedesmal, wenn Gott
wieder zurück in den Himmel will, bittet der heilige Lukas ihn, noch
eine Weile draußen zu bleiben, bis die drei Maler mit ihren Bildern
fertig sind.«
»Und die Herren haben diese Bilder ohne Zweifel schon ausgestellt,
vielleicht gar verkauft?« fragte der Musiker in den sanftesten Tönen.
»Wo denken Sie hin,« wehrte ich ab. »Sie malen immer noch an Gott und
werden ihn wohl bis an ihr eigenes Ende malen. Sollten sie aber (was ich
für ausgeschlossen halte) noch einmal im Leben zusammenkommen und sich
die Bilder, die sie von Gott inzwischen gemalt haben, zeigen, wer weiß:
vielleicht würden diese Bilder sich kaum voneinander unterscheiden.«
Da war auch schon der Bahnhof. Ich hatte noch fünf Minuten Zeit. Ich
dankte dem jungen Mann für seine Begleitung und wünschte ihm alles Glück
für den jungen Verein, den er so ausgezeichnet vertrat. Er tippte mit
dem rechten Zeigefinger den Staub auf, der die Fensterbretter des
kleinen Wartesaals zu bedrücken schien, und war sehr in Gedanken. Ich
muß gestehen, ich schmeichelte mir schon, meine kleine Geschichte hätte
ihn so nachdenklich gestimmt. Als er mir zum Abschied einen roten Faden
aus dem Handschuh zog, riet ich ihm aus Dankbarkeit: »Sie können zurück
ja über die Felder gehen, dieser Weg ist bedeutend näher als die
Straße.« »Verzeihen Sie,« verneigte sich der bereitwillige junge Mann,
»ich werde doch wieder die Straße nehmen. Ich suche mich eben zu
besinnen, wo das war. Während Sie die Güte hatten, mir einiges wirklich
Bedeutende zu erzählen, glaubte ich eine Vogelscheuche im Acker zu
bemerken, in einem alten Rock, und der eine -- mir scheint der linke
Ärmel war hängen geblieben an einem Pfahl, so daß er durchaus nicht
wehte. Ich fühle nun gewissermaßen die Verpflichtung, meinen kleinen
Tribut an den gemeinsamen Interessen der Menschheit, die mir auch als
eine Art Verein erscheint, in welchem jeder etwas zu leisten hat,
dadurch zu entrichten, daß ich diesen linken Ärmel seinem eigentlichen
Sinne, nämlich: zu wehen, zurückgebe ...« Der junge Mann entfernte sich
mit dem liebenswürdigsten Lächeln. Ich aber hätte beinah meinen Zug
versäumt.
Bruchstücke dieser Geschichte wurden von dem jungen Manne an einem
»Abende« des Vereines gesungen. Weiß Gott, wer ihm die Musik dazu
erfunden hat. Herr Baum, der Fahnenvater, hat sie den Kindern
mitgebracht, und die Kinder haben sich einige Melodien daraus gemerkt.
DER BETTLER UND DAS STOLZE FRÄULEIN
Es traf sich, daß wir -- der Herr Lehrer und ich -- Zeugen wurden
folgender kleinen Begebenheit. Bei uns, am Waldrand, steht bisweilen ein
alter Bettler. Auch heute war er wieder da, ärmer, elender als je, durch
ein mitleidiges Mimikry fast ununterscheidbar von den Latten des
morschen Bretterzauns, an denen er lehnte. Aber da begab es sich, daß
ein ganz kleines Mädchen auf ihn zugelaufen kam, um ihm eine kleine
Münze zu schenken. Das war weiter nicht verwunderlich, überraschend war
nur, wie sie das tat. Sie machte einen schönen braven Knicks, reichte
dem Alten rasch, als ob es niemand merken sollte, ihre Gabe, knickste
wieder und war schon davon. Diese beiden Knickse aber waren mindestens
eines Kaisers wert. Das ärgerte den Herrn Lehrer ganz besonders. Er
wollte rasch auf den Bettler zugehen, wahrscheinlich, um ihn von seiner
Zaunlatte zu verjagen; denn wie man weiß, war er im Vorstand des
Armenvereins und gegen den Straßenbettel eingenommen. Ich hielt ihn
zurück. »Die Leute werden von uns unterstützt, ja man kann wohl sagen,
versorgt,« eiferte er. »Wenn sie auf der Straße auch noch betteln, so
ist das einfach -- Übermut.« »Verehrter Herr Lehrer« -- suchte ich ihn
zu beruhigen, aber er zog mich immer noch nach dem Waldrand hin.
»Verehrter Herr Lehrer --,« bat ich, »ich muß Ihnen eine Geschichte
erzählen.« »So dringend?« fragte er giftig. Ich nahm es ernst: »Ja, eben
jetzt. Ehe Sie vergessen, was wir da gerade zufällig beobachtet haben.«
Der Lehrer mißtraute mir seit meiner letzten Geschichte. Ich las das von
seinem Gesichte und begütigte: »Nicht vom lieben Gott, wirklich nicht.
Der liebe Gott kommt in meiner Geschichte nicht vor. Es ist etwas
Historisches.« Damit hatte ich gewonnen. Man muß nur das Wort »Historie«
sagen, und schon gehen jedem Lehrer die Ohren auf; denn die Historie ist
etwas durchaus Achtbares, Unverfängliches und oft pädagogisch
Verwendbares. Ich sah, daß der Herr Lehrer wieder seine Brille putzte,
ein Zeichen, daß seine Sehkraft sich in die Ohren geschlagen hatte, und
diesen günstigen Moment wußte ich geschickt zu benutzen. Ich begann:
»Es war in Florenz, Lorenzo de' Medici, jung, noch nicht Herrscher,
hatte gerade sein Gedicht 'Trionfo di Bacco ed Arianna' ersonnen, und
schon wurden alle Gärten davon laut. Damals gab es lebende Lieder. Aus
dem Dunkel des Dichters stiegen sie in die Stimmen und trieben auf
ihnen, wie auf silbernen Kähnen, furchtlos, ins Unbekannte. Der Dichter
begann ein Lied, und alle, die es sangen, vollendeten es. Im 'Trionfo'
wird, wie in den meisten Liedern jener Zeit, das Leben gefeiert, diese
Geige mit den lichten, singenden Saiten und ihrem dunklen Hintergrund:
dem Rauschen des Blutes. Die ungleich langen Strophen steigen in eine
taumelnde Lustigkeit hinauf, aber dort, wo diese atemlos wird, setzt
jedesmal ein kurzer, einfacher Kehrreim an, der sich von der
schwindelnden Höhe niederneigt und, vor dem Abgrund bang, die Augen zu
schließen scheint. Er lautet:
Wie schön ist die Jugend, die uns erfreut,
Doch wer will sie halten? Sie flieht und bereut,
Und wenn einer fröhlich sein will, der sei's heut,
Und für morgen ist keine Gewißheit.