Frau Klara schloß die Augen: 'Liebe zu Gott? Lassen Sie mich

nachdenken.' Der Doktor betrachtete sie gespannt. Sie schien ihre

Gedanken langsam auszusprechen, so wie sie ihr kamen: 'Als Kind -- hab

ich da Gott geliebt? Ich glaube nicht. Ja, ich habe nicht einmal -- es

hätte mir wie eine wahnsinnige Überhebung -- das ist nicht das richtige

Wort -- wie die größte Sünde geschienen, zu denken: Er ist. Als ob ich

ihn damit gezwungen hätte, in mir, in diesem schwachen Kind, mit den

lächerlich langen Armen, zu sein, in unserer armen Wohnung, in der alles

unecht und lügnerisch war, von den Bronze-Wandtellern aus Papiermaché

bis zum Wein in den Flaschen, die so teure Etiketten trugen. Und

später --' Frau Klara machte eine abwehrende Bewegung mit den Händen,

und ihre Augen schlossen sich fester, als fürchteten sie, durch die

Lider etwas Furchtbares zu sehen -- 'ich hätte ihn ja hinausdrängen

müssen aus mir, wenn er in mir gewohnt hätte damals. Aber ich wußte

nichts von ihm. Ich hatte ihn ganz vergessen. Ich hatte alles vergessen.

-- Erst in Florenz: Als ich zum erstenmal in meinem Leben sah, hörte,

fühlte, erkannte und zugleich danken lernte für alles das, da dachte ich

wieder an ihn. Überall waren Spuren von ihm. In allen Bildern fand ich

Reste von seinem Lächeln, die Glocken lebten noch von seiner Stimme, und

an den Statuen erkannte ich Abdrücke seiner Hände.'

'Und da fanden Sie ihn?'

Klara schaute den Doktor mit großen, glücklichen Augen an: 'Ich fühlte,

daß er war, irgendwann einmal war ... warum hätte ich mehr empfinden

sollen? Das war ja schon Überfluß.'

Der Doktor stand auf und ging ans Fenster. Man sah ein Stück Feld und

die kleine, alte Schwabinger Kirche, darüber Himmel, nicht mehr ganz

ohne Abend. Plötzlich fragte Doktor Laßmann, ohne sich umzuwenden: 'Und

jetzt?' Als keine Antwort kam, kehrte er leise zurück.

'Jetzt --,' zögerte Klara, als er gerade vor ihr stand, und hob die

Augen voll zu ihm auf: 'jetzt denke ich manchmal: Er wird sein.'

Der Doktor nahm ihre Hand und behielt sie einen Augenblick. Er schaute

so ins Unbestimmte.

'Woran denken Sie, Georg?'

'Ich denke, daß das wieder wie an jenem Abend ist: Sie warten wieder auf

den Wunderbaren, auf Gott, und wissen, daß er kommen wird -- Und ich

komme zufällig dazu --.'

Frau Klara erhob sich leicht und heiter. Sie sah sehr jung aus. 'Nun,

diesmal wollen wirs aber auch abwarten.' Sie sagte das so froh und

einfach, daß der Doktor lächeln mußte. So führte sie ihn in das andere

Zimmer, zu ihrem Kind. --

In dieser Geschichte ist nichts, was Kinder nicht wissen dürfen.

Indessen, die Kinder haben sie nicht erfahren. Ich habe sie nur dem

Dunkel erzählt, sonst niemandem. Und die Kinder haben Angst vor dem

Dunkel, laufen ihm davon, und müssen sie einmal drinnen bleiben, so

pressen sie die Augen zusammen und halten sich die Ohren zu. Aber auch

für sie wird einmal die Zeit kommen, da sie das Dunkel liebhaben. Sie

werden von ihm meine Geschichte empfangen, und dann werden sie sie auch

besser verstehen.

INHALT

ALS EINLEITUNG

Das Märchen von den Händen Gottes 1

GESCHICHTEN VOM LIEBEN GOTT

Der fremde Mann 19

Warum der liebe Gott will, daß es arme Leute gibt 29

Wie der Verrat nach Rußland kam 41

Wie der alte Timofei singend starb 55

Das Lied von der Gerechtigkeit 69

Eine Szene aus dem Ghetto von Venedig 89

Von einem, der die Steine belauscht 103

Wie der Fingerhut dazu kam, der liebe Gott zu sein 111

Ein Märchen vom Tod und eine fremde Nachschrift dazu 123

Ein Verein aus einem dringenden Bedürfnis heraus 139

Der Bettler und das stolze Fräulein 159

Eine Geschichte, dem Dunkel erzählt 171

Druck von Bernhard

Tauchnitz in Leipzig

IM INSEL-VERLAG · LEIPZIG

DICHTUNGEN VON RAINER MARIA RILKE

DAS STUNDENBUCH. (Vom mönchischen Leben; Von der Pilgerschaft; Von der

Armut und vom Tode.) 30.-39. Tausend.

ERSTE GEDICHTE. 10.-13. Tausend.

DIE FRÜHEN GEDICHTE. 11.-14. Tausend.

NEUE GEDICHTE (1905 bis 1907). 10.-14. Tausend.

DER NEUEN GEDICHTE ANDERER TEIL. 9. bis 13. Tausend.

DAS BUCH DER BILDER. 16.-19. Tausend.

REQUIEM. (Für eine Freundin. Für Wolf Graf von Kalckreuth.) Fünfte

Auflage.

DAS MARIENLEBEN. 31.-40. Tausend. (Insel-Bücherei Nr. 43.)

DIE WEISE VON LIEBE UND TOD DES CORNETS CHRISTOPH RILKE. 201.-230.

Tausend. (Insel-Bücherei Nr. 1.)

DIE AUFZEICHNUNGEN DES MALTE LAURIDS BRIGGE. Roman. Zwei Bände. 13.-17.

Tausend.

AUGUSTE RODIN. Mit 96 Vollbildern nach Skulpturen und Handzeichnungen

Rodins. 31.-35. Tausend.

* * * * *

Von Rilke wurden übertragen:

ELIZABETH BARRETT-BROWNING: SONETTE AUS DEM PORTUGIESISCHEN.

(Insel-Bücherei Nr. 252.)

DIE LIEBE DER MAGDALENA. Ein französischer Sermon, gezogen durch den

Abbé Joseph Bonnet aus dem Manuskript Q I 14 der Kaiserlichen Bibliothek

zu St. Petersburg. Dritte Auflage.

DIE VIERUNDZWANZIG SONETTE DER LOUÏZE LABÉ. Lyoneserin 1555.

(Insel-Bücherei Nr. 222.) 11.-20. Tausend.

PORTUGIESISCHE BRIEFE. (Die Briefe der Marianne Alcoforado.) 21.-25.

Tausend. (Insel-Bücherei Nr. 74.)

ANDRÉ GIDE. Die Rückkehr des verlorenen Sohnes. 16.-20. Tausend.

(Insel-Bücherei Nr. 143.)

[ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei

jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile

steht.

Rechte auf die Linke los: Du hast ihn losgelassen!' 'Bitte,' sagte die

Rechte auf die Linke los: 'Du hast ihn losgelassen!' 'Bitte,' sagte die

Jegoruschka, mein Täubchen, ich habe dich schon viele Lieder singen

'Jegoruschka, mein Täubchen, ich habe dich schon viele Lieder singen

wofür der Name mir fehlt Und alle diese Dinge lagen in den seichten

wofür der Name mir fehlt. Und alle diese Dinge lagen in den seichten

Plötzlich hob der Doktor den Kopf und sagte traurig: Das also wissen

Plötzlich hob der Doktor den Kopf und sagte traurig: 'Das also wissen

]

End of Project Gutenberg's Geschichten vom lieben Gott, by Rainer Maria Rilke

Geschichten vom lieben Gott · 第 7 / 7 段